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üotationsdruckund Verlag der Luidaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Ar. 9.
M 142.
Fulda, Freitaq den 25. Juni 1909.
36. Jahrgang.
Erstes MLcrtt.
Die Erbschaftssteuer
endgültig abgelehnt!
Die Entscheidung i ft gefallen. Der teichstag hat gestern die Erbanfallsteuer abge- )hnt. Der entscheidende § 9a der Regierungs- orlage wurde in namentlicher Abstimmung mir i Stimmen Mehrheit bei 1 Stimmenthaltung verworfen. Mit größerer Mehrheit erfolgte die Ab- shnung der übrigen Bestimmungen. Die Freunde 'et Sreuer hofften, die Mehrheit würde wenig- Isns die Einleitung des Gesetzentwurfes be- tehen lassem, um so eine dritte Lesung zu ermögli- Ken. Ader das geschah nicht. Die Vorlage wurde a den späteren Abstimmungen mit Stumpf und Äiel verworfem. Eine weitere (dritte) Le- ftr ng findetalfoüberhauptnicht statt, ßode Möglichkeit einer Verständigung zwischen X und 3. Lesung ist unmöglich geworden, das Schicksal der Erbschaftssteuer ist endgültig besie- M.
Für die Vorlage stimmten 187 Abgeordnete, ja gegen 195 Abgeordnete. Es gaben im ganzen '82 Volksvertreter ihre Stimmen ab. Von särnt- ichen Abgeordneten fehlten Nur 11, da drei Man- tae erledigt sind. Ein Abgeordneter enthielt sich ier Abstimmung. 383 Abgeordnete im Saal! Has ist eine Besetzung, wie sie selten vorkommt, selbst der Zolltarif konnte nur einmal 376 Stim- iW zusammenbringen. Diese starke Besetzung jeffeist aber, eine welch hohe Bedeutung sie Mitglieder aller Fraktionen dieser maßgebenden Abstsnmmng beilegten. Ter schwer erkrankte wiionalliberale Abg. Quarck-Coburg ließ sich, um hr der Abstimmung teilnehmen zu können, von freunden auf feinen Platz tragen. Das Zentrum war bis auf den wegen Krankheit fehlenden Abg. Opfergelr vollzählig anwesend, es stimmte geschlossen gegen die Erbanfallsteuer.
... äußeren Umgebung des Reichstags deutle nichts daraus hin, welch wichtiger .Vorgang sich im Plenum des Reichstags ab- kpielie. Umso stärker waren dagegen die Tribünen des Hauses besetzt. Da an das Schicksal der Trbschastssteuer die verschiedenartigsten Gerüchte geknüpft waren, so war das Interesse der Oeffent- iichkeit verständlich. Ebenso verständlich war es natürlich, daß auch das Plenum säst bis auf den letzten Platz besetzt war. DaS schließliche Resultat kam augenscheinlich sehr vielen Besuchern der Tribünen überraschend. Sie erwarteten wohl, daß nun ein Blitz auf das Haus niederfahren werde, aber es geschah nichts. Im Hause selbst nahm man das Ergebnis mit eisigem Schweigen auf. Aus den Verhandlungen verdient vor allem hervorgehoben zu werden die großzügig angelegte Rede des Zentrumsführers Freih. von Hert- ling, der in seiner vornehmen und sachlichen Art noch einmal die Gründe darlegte, die das Zentrum zur Ablehnung der Erbanfallsteuer zwingen. Unvorteilhaft schnitten die Anhänger der Erbanfallsteuer ab. ES hatte fast den An- > . .................
Bernhard von der Siche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach 14] (Nachdruck verboten.)
Sie besuchten die Schweiz uni) waren im Frühjahr in Paris, bas zweite Mal in einem eleganten böhmischen Mo de bade, da Herta behauprete, angegriffene Nerven zu haben. Wer es war von keiner Erholung die Rede. Bunte Gesellig, feit füllte die Tage aus und Randen konnte es nrhtl mehr erwarren, heimzukehren. Die Zeit Ser Arbeit fing für den tätigen Landwirt an und er sehnte sich danach, auf seinem feurigen Reitpf erde über die heimatliche Flur zu traben. Herta begriff das nicht. Sie verstand es nicht, daß es ein Vergnügen war, von früh bis spät im Sattel zu sein und nach dem Rechten zu sehen, daß die Freuds am rüstigen Schaffen auf eigener, ererbter Scholle volle Befriedigung gewähren kann.
Sie hatte sich im linken Seitenflügel des Schlosses ein Atelier eingerichtet. Bereitwillig harte ihr Mann das Zimmer nach ihrem Wunsche umgebaut, zwei große Fenster in die dicken Mauern brechen und den Bodan mit schönem Mosaik täfeln lassen. Die von der HochMitsreise mitgebrachte Draperie, die Marmorstatueiten und antiken Kunftgegenftände zierten den Raum, in dem Herta malle. Sie klagte forrwähreuo über Mangel an Amrqgung und konnte der Landschaft keinen Reiz abgewinnen.
„Ich denke, das Meer mit seiner großartigen Majestär ist ein dankbares Motiv für den Pinsel des Malers, bemerkte Randen einmal.
„Wasser ist nicht mein Genre," versetzte Herta unfrsrndlich, „ich werde es immer bedauern, daß ich nicht dem Rat meiner Freundin folgte, und nach München ging. Dorr wäre ich glücklich geworden."
Er zuckte bet ihren Worten zusammen. „Daß Du es an meiner Seite nicht bist, wußte ich, es «her tzon Dir so kalt aussprechen zu hören, bringt
schein, als ob die Linke glaubte, durch allerlei Mätzchen und Poffenreißereien die Erbanfallsteuer retten zu können. So rief zunächst der national- liberale Abg. Sieg wiederholt stürmische Heiterkeit im Hause wach. Dieser „Erfolg" ist anscheinend für den unvermeidlichen Abg. Müller- Meiningen ein Anreiz gewesen, ein gleiches zu tun. Er ritt sein Kampsrößlein gegen das Zentrum und riß dabei seine gewohnten faden, witzig sein sollenden Redensarten. Nach ihm sprach der Abg. Dr. Heim vom Zentrum, und dieser wußte den Kollegen Müller-Meiningen in einer Weise „heim"zuleuchten, daß er die Lacher auf seiner Seite hatte und der Abg. Müller- Meiningen kleiner und kleiner wurde. Nachdem die Erbanfallsteuer abgelehnt war und Fürst Bülow nicht mit der bekannten roten Mappe erschien, da machte sich die Linke durch Rufe: Bülow, Bülow! Lust. Aber Fürst Bülow, der sofort, als Abg. Hertling die Tribüne betrat, den Saal verlassen hatte, erschien nicht wieder. Und so wird denn am Freitag die Finanzresorm sort- gesetzt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 24. Juni 1909.
Am Bundesratstisch Fürst Bülow, die Staatssekretäre Sybow, Dernburg. Zur Beratung steht das Gesetz wegen
Abänderung des Erbschaftsgesetzes.
Die Verhandlung beginnt mit dem grundlegenden § 9 a, der die Prozentsätze der Steuer enthält.
Die Kommission beantragt Ablehnung der Vorlage.
Es liegen Anträge Albrecht (Soz.) und Raab (wirtsch. Bgg.) vor, die auf Abänderung des Steuertarifs (und zwar auf Erhöhung der Steuersätze) cie-- richtet sind. Der sozialdemokratische Antrag enthält daneben noch eine Anzahl weitergehender Forderungen (betr. landwirtschaftliche Grundstücke, ferner Aushebung der Steuerfreiheit der Landesfürsten u. a.) Außerdem liegt ein Antrag Gamp (Rp.) vor auf Bindung der Steuersätze, dergestalt, daß eine künftige Abänderung der Sätze nur in den Formen einer Verfassungsänderung vor sich gehen kann.
Abg. Frtzr. v. Richthofen (kons.): Das Verhalten der meisten Parteien erweckt heute den Eindruck, als ob das Schicksal der Finanzreform von der Abstimmung^ über diese Steuer abhängig fei. '(Sehr richtig! links.) Es liegt hier eine übertriebene Einschätzung der Wichtigkeit dieser Steuer vor, und ich muß zu meinem lebhaften Bedauern sagen, daß auch die Regierung einen Teil der Schuld hieran trägt. Sie hat uns einen neuen Entwurf vorgelegt, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß ein großer Teil des Hauses der Steuer grundsätzlich "ablehnend gcgenüberstand. Für uns handelt es sich bei der Erbschaftssteuer um eine Prinzipien-, eine Gewissenssrage. Nach Einbringung der neuen Steuern haben wir erneut geprüft, ob unsere Gegengründe und Bedenken jetzt auch noch maßgebend sind, und sind zu der Ansicht gekommen, daß sie nach wie vor maßgebend sein müssen. (Beifall rechts.) Man hat uns für unsere Haltung Motive untergeschoben, gegen die ich entschieden protestieren muß. Einen Reichskanzler im Reiche oder einen Minister zu stürzen, ist noch nie Absicht oder Wille der Konservativen gewesen. (Stürm. Gelächter und Zurufe links.) Da mögen Sie sagen was Sie wollen. (Beifall rechts.) Auch wir wollen den Besitz treffen. (Zuruf links: Aber nicht den Grundbesitz y Auch das trifft nicht zu. Unter unseren Vorschlägen befinden sich viele, die auch den Grundbesitz treffen. Wir haben das feste Vertrauen, daß auch bei Ablehnung dieses Gesetzes die Finanzreform zu einem gedeihlichen Ende geführt werden kann, wenn nur alle bürgerlichen Parteien den festen Willen haben. Wir kennen keinen Fraktionszwang; es kann jeder von uns stimmen wie er will. Die ablehnende Entscheidung über die Erbschaftssteuer ist uns nicht leicht geworden; aber wir glauben, damit unsere Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen. Wir werden die ganze Vorlage mit großer Mehrheit adlehnen. (Beif. rechts.)
Reichsschatzsekretär Sydow: Die Erbschaftssteuer ist ganz zweifellos die vollkommenste Form der Besitzsteuer. Die Sätze der Steuer sind so niedrig, daß durch sie wahrhaftig nicht eine Erschütterung be§_ Besitzes herbeigrführt werden kann, zumal für den ländlichen Grundbesitz wesentliche Ausnahmebestimmungen getroffen worden sind. Wenn die Erbschaftssteuer angenommen werden sollte, so wird man sich in wenigen Jahren auch bei uns daran gewöhnt haben und sagen, daß sie den gefürchteten-Schaden nicht angerichtet hat; sie ist eine gute uno vernünftige Steuer. (Lebhafter Beifall links.)
Abg. Sieg (natlib.) spricht sich namens seiner Fraktion für die Erbschaftssteuer aus. Obwohl selber Landwirt, habe er schon seit vielen Jahren für diese Steuer gekämpft. Die Kotierungssteuer wird bei den mittleren und kleinen Landwirten viel böses Blut machen, und ich richte den dringenden Appell an die Regierung: Lassen Sie sich aas keinen Fall auf diese Steuer ein. (Reichskanzler Fürst Bülow nickt zustimmend.) Im weiteren singt Redner ein Loblied auf den Hansabund. Der Hanfabund wird durch seine kolossalen Geldmittel die besten Agitatoren, die größten Schwätzer gewinnen. (Stürmische Heiterkeit im ganzen Hanse) und'Sie (nach rechts) werden schließlich die Zeche zu zahlen haben. (Sehr richtig! links.) lieber das Bündnis mit dem Zentrum hat Graf Westarp neulich gesagt, die Konservativen hätten „das Zentrum vorgefunden". Das muß wohl in stockfinsterer Nacht geschehen sein, wo nur der Tastsinn und das Gehör . . . (Stürm. Heiterkeit links, in der der Schluß des Satzes verloren geht.) Die Konservativen haben stets erklärt, daß ihnen der Wille des Monarchen Richtschnur sei. Aber wie wird es denn werden, wenn Sie dabei beharren, Hie Vorlage zu Fall zu bringen? Ob der Reichskanzler bleiben kann, wenn diese Vorlage fällt, das muß er mit seinem Gewissen abmachen. Im Lande mehren sich die Stimmen für den Kanzler lawinenartige Selbstverständlich werden Sie (nach rechts) nicht offen Ihre Absicht, den Reichskanzler zu stürzen, zugeben, aber Ihre Taten machen es doch schließlich dem Reichskanzler unmöglich, auf seinem Posten zu bleiben. (Der Reichskanzler nickt.) Wir haben alle Ursache, zu wünschen, daß der Reichskanzler auf feinem Posten verharrt. (Beifall bei den Natlib.) Ich schließe mit der Hoffnung, daß es doch noch gelingen möge, Friede und Eintracht wiederherzustellen. (Lebhafter Beifall links. Zischen rechts.)
Abg. Fürst Hatzfeld (91p.) erklärt namens feiner Partei, daß sie in zweiter Lesung der Erbschaftssteuer zustimmen werde, um dir Finanzreform nicht zu gefährden, allerdings unter der Voraussetzung, daß die 400 Millionen indirekter Steuern von der Mehrheit bewilligtwerben.
Abg. Frhr. v. Hertling (Zentr.): Meine Freunde waren von Anfang an der Heberzeugung, daß eine Finanzreform nicht gemacht werden könne ohne eine entschiedene Heranziehung des Besitzes. Auf eine Reichs vermögens- oder Reichs einkommensteuer hätten wir uns niemals eingelaffen. Wir bleiben aber auch bei unserer Meinung, daß die Erbschaftssteuer bezw. die Einbeziehung der Deszendenten in diese Steuer nicht der richtige Weg sein würde, weil damit der Besitz nicht gleichmäßig getroffen würde.. (Sehr wahr rechts und im Zentrum). Der Grundbesitz kann sich der Kontrolle nicht entziehen, wohl aber das mobile Kapital. Wenn die Deszendenten und Ehegatten in die Erbschaftssteuer einbezogen werden, so trifft die ©teuer ungleich nach der verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Stellung der Familie. (Beifall rechts und im Zentrum.) Wenn mir von Familiensinn sprechen, so meinen wir die alte deutsche Anschauung, daß das Eigentum Farn ilien eige n t um ist, nicht das ausschließliche Eigentum des Vaters ober der Mutter. (Sehr richtig rechts und im Zentrum.) Man kann auch nicht das Vermächtnis der Eltern mit demjenigen entfernter Verwandter gleichstellen; das eine ist zweifellos fremdes Gut, ein Vermögenszuwachs, bei dem anderen handelt es sich darum, daß das Familien- eigentnm, das bis dahin schon Eigentum der Familie in allen ihren Gliedern war, nach dem Tode des Vaters den Söhnen und Töchtern zufallen muß. Das ist ein ganz anderes Verhältnis, das auch ganz anders in das Gemüt eingreist. (Lebh. Beifall rechts und im Zentrum.) Sie können auch das Jnftstal-Erbrecht gar nicht mehr vertreten, wenn Sie das Vermögen nicht mehr als Familien-Eigentum betrachten. (Beif. rechts und im Zentr.) Aus diesen Erwägungen heraus haben meine politischen Freunde bereits im Jahre 1906 sich ausdrücklich gegen die Einbeziehung der Deszendenten
mir den Fehlgriff zum Bewußtsein, den ich beging, als ich Dich zu meiner Frau machte." Er sagte es nicht heftig, nur traurig, bann fuhr er fort: „Ich hatte geäfft. Dein Herz mit her Zeit zu erobern, es war mir eine Freude, Dir alles, was der Reichtum gewähren kamt, zu bieten."
„Du erinnerst mich daran, daß ich ein armes Mädchen war!" rief sie. „Wahrlich, das ist nicht zartfühlend von Tirl Nuu, ich kant trotzdem nicht mit leeren Handelt in dieses Haus, ich brachte Dir meine Jugend und meine Schönheit."
„Du überschätzest sie," entgegnete Randen ruhig. „Wohl habe ich mich an ihnen berauscht, aber das sind äußere Vorzüge, die vergänglich sind; es gibt innere Güter, die ich höher stelle und — vermisse."
„Sie schnellte von ihrem Sitze empor.
„Das soll heißen, daß sie mir fehlen!" tief sie außer sich.
„Herta," sagte er, noch immer sich beherrschend, „noch ist es nicht zu spät, um einen andern Weg einznschlagen. Willst Du nicht versuchen, ihn zu gehen? Was an mir liegt, soll geschehen, um es Dir zu erleichtern. Wir gehen nebeneinander her, wie zwei Fremde, und doch vereint uns das engste, heiligste Band, wir sind Mann und Frau. Es gibt kein vollkommelieres Glück, als das einer harmonischen Ehe."
Sie schien bewegt, abckr fie wollte) es ihm nicht zeigen. Deshalb erwiderte sie nichts. Sie zuckte bloß die Achseln und blieb stumm. Was das stärkste Wort nichr vermocht hätte, das rief dieses höhnische Vsrstuimnen hervor. Er glaubte eine Nichtachtung herauszufühlen. Seins Geduld verließ ihn, immer wieder wurde sie auf eine harte Probe gestellt. Ein Gefühl des Zornes be- mächttgire sich des ruhigen, selbstbeherrschten Mannes, mtt rauhem Griff packte er ihre Hand und hiell fie fest.
„Dir erscheint wohl lächerlich, was mir als höchstes Neal vorschwebt!" rief er. „Du verstehst es, in mir die Liebe langsam zu töten, vergiß nicht, daß sie sterblich istt"
Sie blieb allein. Wenn er sich so als Herr und Meister ihr gegenüber zeigte, kam ein sonderbares Enrpfinden über sie, war es Furcht?. War es Unzufriedenheit mit sich selbst? Nach solchen Szenen Pflegte Randen oft tagelang von zu Hause fort zu sein; er war entweder auf der Jagd, oder auf dem ziemlich weit entfernten Nebengul. Kehrte er heim, so war nie mehr von dem die Rede, ivas sich zwischen ihm itnd seiner Frau abgespeist hatte, nur wurde sein Benehmen gegen sie um eine Schartierung kälter. Schon nach Lern ersten halben Jahr bezog Randen feine früheren Zimmer, die er als Junggeselle bewohnt hafte; sie lagen im linken Flügel des weitläufigen Schlosses. Herta behauptete, am Morgen in ihrem Schlafe gestört zu werden, wenn ihr Mann sich oft schon um sechs Uhr vom Lager erhob. Sie schlich bis weit in den Tag hinein. Dann stand sie auf, kleidete sich in ein elegantes Negligee und schlürfte ihre Schokolade, blättert- in irgend einem faden, französischen Roman und besah die angekommenen Modezeitmrgeu. Es war ja entsetzlich. daß man hier auf dem Lande sich nicht einmal ein feines Kleid bestellen konnte, selbst in Tilsit gab es nach Hertas Ansicht keine einigermaßen gute Schneiderin.
Nie fiel es dec jungen Frau ein, sich in Küche und Keller urnzuffchen, höchstens bestellre sie einmal irgerrd eine LieÄingssPeise, ohne auf den Geschmack ihres Mannes Rücksicht zu nehmen. Tie pflichttreue Arbeit im Haushalt, das Genügen, das sich daran knüpft, die Freude an solch nutzbringender Tätigkeit blieben Herta versagt. Verdrossen ging sie in Atelier, und setzte sich an ihre Staffelei. Ein halbvollenderes Bild war dar- auf zu sehen, eine Landschaft, die ein Stück Wald und eine sonnenbeschienene Wiese zeigte, auf der einige Kühe weideten.
„Furchtbar langweiliges Moftv, dachte sie ver- drießlich. Und wie schlecht gelang ihr die Farbenmischung. Ja, wenn man hier in Ser ländlichen Einöde schließlich nicht weiter kann, war es zu verwundern? Herta warf Pinsel und Palette un-
in dir Erbschaftssteuer erklärt, und Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn Sie uns in dieser Frage auf der Seite der preußischen Konservativen finden. Ueber die Stellungnahme meiner politischen Freunde zu den indirekten Steuern je nach dem Ausfall der Abstimmung über die Erbschaftssteuer habe ich keinen Beschluß mitzuteilen, aber ich meine, was den anderen Parteien recht ist, muß uns auch billig sein. (Lebh. Beifall im Zentrum.)
Abg. Dr. David (Soz.) polemisiert gegen die Ausführungen des Abg. Frhrn. v. Richthofen, begründet in ausführlicher Weise den Antrag Albrecht (Soz.) und fordert von der Regierung, damit sie sich von dem konservativ-klerikalen Joch befreien könne, Auflösung des Reichstags.
Abg. Müller-Meiningen (fts. Vp.) erklärt, daß seine politischen Freunde dem Antrag Raab zustimmen, dagegen die Anträge Albrecht und Gamp ablehnen würden. Im weiteren polemisiert Redner gegen das Zentrum, dem er vorwirft, daß seine ganze Haltung allein aus parteitaktischen Gründen diktiett sei. Schade, daß nicht Herr Heim für das Zenftum sprechen kann! Er, der früher wiederholt dafür war. Bei dem Zusammengehen der Rechten mit dem Zenftum muß man an den Wolf und das Lamm denken. Der Wolf hat Ihnen einige Lockbissen hiugeworfen, bis schließlich das Untier das Lamm an den Hammelbeinen ergriff. (Stürm. Heiterkeit.) Früher haben die Herren Fritzen, Gröber und Speck wiederholt die Erbanfallsteuer empfohlen oder in Erwägung gezogen. (Beif. links.) Mit der Annahme oder Ablehnung steht und fällt für uns die Reichsfinanzreform.
Abg. Lattmann (wirtsch. Bgg.): Wft werden für die Erbanfallsteuer stimmen; wir wünschen nicht: Kotierungssteuer oder Erbanfallsteuer, sondern Kotierungs- steuer und Erbanfallsteuer.
Abg. Dr. Heim (Ztr.): Wenn Herr Dr. Müller« Meiningen mich als Freund der Nachlaßsteuer hingestellt hat wegen meiner Haltung bei der bayerischen Steuerreform, nun, für das, was ich damals wollte, hätten die Liberalen sicher nicht gestimmt. (Heiterkeit.) Dieser Wechfelbalg der Erbschaftssteuer, der da vor uns liegt, hat mit meinen damaligen Plänen nichts zu tun. Prinz Ludwig oon, Bayern hat nicht nur gegen die Reichsvermögenssteüer gesprochen, sondern auch gegen die Erbanfallsteuer. Das Volk draußen im Lande ist für bte Kolierungssteuer. Da nützt auch der Hansabund nichts, obgleich Koll. Sieg von ihm sagt, er habe die größten Schwätzer engagiert. (Heitk. und Widerfprnch.) Der Ton des Koll. Müller ist nicht mehr so siegesfieudig, wie vor einem Jahre; das war eine selige Zeit! (Stürm. Heiterkeit.) Lassen Sie nur die Volksseele kochen, und schüren Sie nur das Feuer, es wird schon eine Feuerwehr geben, die löscht. (Heiterkeit und Beifall rechts und im Zft.)
Hierauf schließt die Diskussion.
Es folgen die
Abstimmungen.
Die zu § 9 a gestellten Abänderungsankräge Akbrecht (Soz.) und Raab (wirtsch. Bgg.) werden abgelehnt. Hebet ben § 9a erfolgt eine namentliche Abstimmung.
Sie ergibt die Ablehnung mit 195 gegen 187 Stint« men bei einer Stimme »renthaltung.
Dafür stimmen bte Freisinnigen, Sozialdemokraten, Nationalliberalen, der größte Teil der Reichspartei und der Wirtschaftlichen Vereinigung. Von den Konservativen stimmen mit Ja die Abgg. Wagner, Pauli, Fürst Hohenlohe-Oehringew und Giese. Mit nein stimmten geschlossen das Zentrum, die Polen, sowie di« Konservativen mit Ausnahme der genannten Abgeordneten.
(Das Ergebnis der Abstimmung wird in allen Teilen des Hauses mit tiefem Schweigen ausgenommen.)
Hierauf wird die ganze Vorlage abgelehnt.
Vizeprästdent Paasche: Danach ist also das Gesetz in allen seinen Teilen abgelehnt, es wird also nicht zur dritten Lesung kommen.
Damit ist die Tagesordnung erledigt.
Freitag: Stempelgesetze.
Was nun?
Den Kern der Vorlage bildete bekanntlich die Ausdehnung dr Besteuerung auf Erbanfälle Ort geduldig fort, setzte sich in einen amerikanischen Faiiffnzerstuhl, und starrte zur Decke hinauf. Sie hatte gestern einen Brief von ihrer Freundin Thea Schönhausen erhalten, der ba'5 Leben auf der Münchener Malerakademie in verlockenden Farben schilderte.
„Wann wirst Du endlich eine der Unser.:?" so hieß es darin. „Willst Du wirklich Dein Licht unter den Scheffel stellen, und immer in Dünen engen Verhältnissen bleiben? Kann es Dich glücklich machen? So habe ßen Mut Deiner Ueber- zeugung. Du hast Pflichten gegen Dich selbst und mußt Dich ausleben, und Du weißt, daß ich Dich erwarte. Ich sagte es Dir damals in Berlin, als wir uns auf dem Bahnhof wiederfahen, und ich Dir meine Adresse gab. Ich male jetzt in meinem eigenen Atriier und habe mein letztes Bild großartig verkauft. Zweifelst Du an Deinem Können?"
Nein, Herta tat es nicht. Sie überschätzte es in ihrer Eitelkeit, fie war davon iiberzeugt, daß sie es zu etwas bringen mußte, wenn sie frei träte. O, daß sie gebunden war. daß ihr die Flügel gekappt waren zmn Flug in die Weite,!
Sie ftat wieder vor die Staffelei und musterte ihr Bild. Es schien ihr schlecht und mißlungen. Ja, ft: hatte Jahve ernsten Studiums gebraucht, sie hatte nur wenige Stunden gehabt. Als Lehrerin war die Zeit, die ihr zur Verfügung stand, zu knapp bemessen gewesen, :md hier in Randenhagen fehlte jede Anregung, jede Unterweisung..
Mißmutig und verstimmt schloß sie die Tür ihres Ateliers und ging in ihr Boudoir hinüber. Sie setzte sich an den zierlichen Rokokoschreibtisch und antwortete Thaa. Sie klagte über ihr ver- sehltes Leben und erging sich in übertriebenen Ausdrücken über die Stille und Gehaltlosigkeit ihrer Tage. Die Wirrschaftorin kam mit einer häuslichen Frage. „Mein Himmel, so stören Sie mich nicht ewig!" rief die junge Frau. „Machen Sie Öa3, wie es Ihnen beliebt, ich will nichts von solchen Lappalien hören." ,
Erschreckt zog si chdie traue Dienerm zurück.