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M 141.
z^itlba, Donnerstag den 24. Juni 1909.
36. Jahrgang.
Grftes Mcltt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 23. Juui 1909.
Dir Beratung der Reichsfinanzreform wird bei der vou der Kommission vorgeschlagenen Wertumsatz- und Wertzuwachssteuer fortgesetzt.
( Es liegt dazu ein Abänderungsan trag Westarp vor, der die in den §§ 1—3 des Entwurfs mitenthaltenen Bestimmungen über eine Umsatzsteuer aus dem Entwurf beseitigt, da die Umsatzsteuer in einer der von den verbündeten Regierungen vorgelegten Erfatzsteuervorlage bereits enthalten ist.
i Lbg. Graf Westarp (t) erilärt, daß der von ihm !^stellte Antrag lediglich Zweckmäßigkeitsgründen ent» prungen sei. Die Wertzuwachssteuer sei sehr wohl mrchführbar, auch könne ihre Berechtigung nicht bestritten werden. Es liege int Interesse des Reichs, diese Steuer, deren Rentabtlität nach dem Urteil Sachverständiger in der Denkschrift der Regier« g viel zu Niedrig eingeschätzt fei, möglichst bald einzusühren.
Reichsschcchsekretär Sydow erwidert, er könne augenblicklich noch nicht mit einem entsprechenden Entwurf vor das Land treten und äußert einige Bedenken, so bezüglich der sogenannten Rückwirkung, der Beteiligung der Gemeinden am Ertrag der Steuer. Er befurchtet auch eine Hemmung der Fortentwickelung dieser Frage in den Gemeinden. An und für sich stehe die Regierung der Borlage nicht abgeneigt gegenüber.
Adg. Hieber (ntlib.) spricht sich gegen die Vorlage aus, in der er keinen Ersatz für eine allgemeine Besitz- steuer erkennen könne. Zunächst müsse daher die Annahme der Erbanfaktsteuer gefiebert sei». Auch sei die Ausdehnung der Wertzuwachssteuer auf das Reich verfrüht, zumal sie einen geeigneten Weg zum Ausbau der Gemeindestnanzeu bilde.
Lbg. Dr. Jäger (Z.): Meine potitischen Freunde stimmen dem Gesetzentwurf mit den Anträgen des Grafen Westarp zu. Die Denkfchrijt der verbündeten Regierungen geht von falschen Voraussetzungen aus. Nicht die Gemeinden, sondern das Reich bringt die Steigerung der Bodenwerte in Deutschland hervor. Auch trifft es nicht zu, daß die Gemeinden nach der Wertzuwachssteuer geradezu hungerten. Bon den 65000 Gemeinden im Deutschen Reiche sind es gerade 6000, in denen durch den wirtschaftlichen Aufschwung die Bodeuwerte gestiegen sind; und von ihnen liegt Sie weitaus größte Mehrzahl in Preußen und m Sachfen. Bis jetzt sind es aber noch nicht 150 Gemeinden, die die Wertzuwachssteuer eingeführt haben. Gerade die großen Städte, wie Berlin, Kassel, Posen usw. haben sie wiederholt abgelehnt; die großen Städte, die sie eingeführt haben, find Ausnahmen, und als Ausnahme bestätigen sie gerade die Regel. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Nun kommt der deutsche Städtetag und tot, als ob wir ihm eine Steuer, die die Städte gern einführen möchten, weg- nehmeu wollten. Umgriehrt liegt die Sache; wir wollen den Gemeinden, die aus sich selbst heraus die Steuer nicht fertig bringen, Helsen, sie zu schaffe», i Beiftül rechts und im Zentrum.) Das Hindernis liegt n Preußen und in Sachsen au dem Dreiklaffenwahl- hstem. Ich will an dieser Stelle gegen das Wahl- ystem nichts sagen, aber das eine möchte ich doch be- oneu, des sozialen Oels entbehrt es völlig. In Preußen haben die Gemeinden seit dem Kommunal- abgabengesetz von 1895 das Recht, diese Steuer etnzu- führe»; ähnlich liegt es in Sachsen und doch ist esnur in Ausnahmefällen geschehen. Wo es aber geschehen ist, da kam die Steuer zustande in einem Kampfe zwischen den Vertretern der drittenWählerklaffe einerseits und der ersten und zweiten Wählerklaffe andererseits. So kommt es, daß diese Steuerordnungen vielfach nichts weiter find, als fthwächliche Komvrmmffe zwischen den beiden Parteien. Der Staatssekretär sagte mit Recht, man müsse auch , berüeffichtigen, daß mancher Wertzuwachs durch die Intelligenz des Bodeneigentümers zustande komme. Eia Mittel, um diesen Unterschied bei der Steuer zu de- rückfichtigen, gibt das Wachstum der Bevölkerung. Wo ber Wertzuwachs den Reichsdurchschnitt nicht übersteigt, darf man annehmen, daß er verdient ist; wo er aber den Reichsdurchschnitt nennenswert übersteigt, ist er durchweg zum größten Teile unverdient. Ich bin der .erste gewesen, der den Gedanken ansfprach, daß auch daS Reich und der Staat berechtigt feien, an diesem
Wertzuwachs Irilzunehmeu; ich glaube, die Bodenreformer wie alle Freunde der Wertzuwachssteuer sollten den heutigen Tag als einen Tag begrüßen, der ihre» Bestrebungen einen gewaltigen Ruck nach vorwärts gibt. Die Denkschrift verweist auf die große örtlich« Berschttdenheit der Verhältnisse. Ich glaube, daß auch hier eine Täuschung vorliegt. Weil die Stenerordnungen der verschiedenen Städte ungeheuer verschieden find «nb eine Menge Schon- und Aus» nahmebestimmuagen haben, erweckt das de» Eindruck einer großen Verschiedenheit der BerhLltniffe, während es tatsächlich fernen Grund in den Schwierigkeiten hat, die der Finführung der Steuer m verschiedenen Städten entgegenstanden. Rau fagt, die Wertzuwachssteuer stelle eine ungleichmäßige Belastung dar. Aber jede Steuer belastet ungleich, manchmal bis zur Brutalität. Wie migleich wirkt die «direkte Steuer auf die ver- fdpebenen Klaffen; besonders bei Verschiedenheit der Kinderzahl; ähnlich ist es mit der direkten Steuer. Es wirb eingewendet, in keiner Steuerordnung würden Vergütungen für Minderungen des Bodenwertes gegeben. Das ist unnötig, weil bei sinkender Konjunktur der Berkaus der Gelände sowieso stockt. Biele behaupten auch, die Steuer könne abgewälzt werden auf die Käufer imd damit auf die Mieter. Das ist durchaus unzutreffend. Wem» man ein Gelände kaufen will, so fragt man sich als Käufer sehr genau, wieviel man für das Gelände zahlen tarnt. Die Mietseinnahmen kann man ziemlich genau schätzen, ebenso die Saften des Hauses; wenn nun aber auch die Steuer vom Käufer getragen werden müßte, so würde er das Bauen fcin lassen; der Grundbesitzer kann aber in diesem Falle das Gelände nicht gut vom Markte zurückhalten, wett er bei Berechnung des unverdienten Werlzuwachses den inzwischen verlorenen Zins seines unbebauten Geländes nicht abziehen dürste. Hierin liegt eine der wichtigsten und besten Bestimmungen des Gesetzes. Wir erwarten von diesem Gesetz, freilich nur dann, wenn er nicht in schwächlicher, sondern in energischer Weife durchgejührt wird, eine Hemmung der Bodenspekulation. Der Widerstand der Jn- terefl'enten zeig», daß die Steuer nicht, oder nur seht schwer abwälzbar ist. In der bayerischen Kammer ist an Antrag Jäger-Schirmer aus Einsührurg der Wrrt- zuwachssteuer abgelehnt worden, weil die Interessenten fürchtrien, sie müßten die Steuer bezahlen. Es ist wirklich an der Zeit, im Wohnungswesr» einen Schritt vorwärts zu tun. Einen solchen Schrilt nach vorwärts würde aber dieses Gesetz lebe Uten, wenn es nicht ängstlich und schwächlich, sondern energisch airsgesührt wird. In diesem Sinne begrüße ich das Gesetz aus das lebhafteste, :Lebh. Beff. rechts und im Zentrum.)
Abg. Sftbefnm (Soz.t: Meine politischen Freunde find prinzipiell für eine Reichswertzuwachsstcuer, können aber dem vorliegenden Entwurf nickt zustimmen, weil er webet zweckmäßig ansgearbeilet, noch auch genügend vorbereitet ist.
?kbg. Dr. MiiLer-Meiningeu (frf. Vp.) spricht sich im Sinne des Vorredners ans.
Nachdem die Abgg. Rnab frvirlfch. Vgg.), Graf Weslar» (loch.) nnd Frhr. v. Gauip Rp.> sich für die Boriage ausgesprochen, schließt die Diskussion.
Die §§ 1, 2 und 3 werden nach unerheblicher Debatte mit dem Antrag Westarp angenommen, ebenso debattenlos § 4. Der Nest des Gesetzes wird nach uuerhelsticher Debatte gleichfalls angenommen.
Donnerstag: Erbschaftssteuer.
Preußischer Laustag.
Abgeordneten Hans.
Sitzung vom 23. Juni 1909.
Erster Gegenstand der Tagesordnung war die Beratung des Antrages des Grasen ». d. Recke Ikons.) beit. Heranziehung ber Stabt- nab Lanbgemeiirden mU ihren Ernlommea ans lern im eigenen Bezirk belegenen Grundbesitz und ihren gewerblichen Beirieben zu den areiäabaaben. — Die Kommission schlägt dem Hause vor, die Regierung zu ersuchen, durch Gefetzesoortagen die Benachteiligung zu beseitigen, die sich durch das Prirrpp der Kontingentierung im Kreisabgabengesetz ergeben haben.
Nach unerheblicher Debatte wird der Kommrsfions- antrag angenommen. Damit ist der Antrag von der Recke erledigt.
Der Gesetzentwurf bete. die Erhebung von Beiträgen fit gewerbliche und kanfmänaische Kvrtdildmrgs- schnlen wird nt dritter Lesung debattelos «genommen.
Der Antrag des Abg. Engelbrecht betr. Eintragung von AckerbonitätSklasfe» « di» Meß» tischblätter wurde nach kurzer Debatte «genommen.
ES folgt der Bericht der SeschäftSordnmkgsOom» Mission über das Ersuchen des UntersnchungskomnrtffarS der Breslauer Regierung nm Erteilung einer Abschrift oder Uebetfenbung der Petition eines unter Disziplinarverfahren stehenden Polizeisekretärs in Breslau.
Die Kommission spricht sich für die Herausgabe der Petition aus.
Nachdem die Abgg. Träger lfrs. Vp.) und Wagner- BreAau (frk.) sich gegen, die Abgg. Viereck sfr!.) und Sranbenstein ik.) sich für die Herausgabe ausgesprochen, wird der Kommifsionsanttag gegen die Linke und einem Teil des Zentrums angenommen.
Es folgt die Beratung der Anträge der Abgg. Borgmann (Soz.) und Träger (frf- Bp.i betr. Abänderung des Artikels 84 ber Verfassung. Danach soll kein Mitglied der Kammer ohne Genehmigung während der Sitzungsperiode zum Ziveck der Strafverfolgung verhaftet werden dürfen und jede Strafhast eines Mitgliedes für die Dauer der Sitzungsperiode auf Verlangen der Kammer aufgehoben werden. — Der freisinnige Antrag verlangt dr» Aendemng mit tunlichster Beschleunigung, während der fozialdemokra» tische die Aenderung noch in dieser Session wünscht.
Abg. Roeren (Ztr.) spricht fich für den Antrag Träger aus.
Die Abgg. Boisltz (ntl) und Viereck (frL) sprechen fich gegen die Anträge aus.
Abg. Träger (frf. Bp.) bittet uni Annahme seiner Antrages.
Abg. Dr. Liebknecht (Soz) verteidigt den sozial- demvkralischea Sn trag.
Der A->trag »er Juflizkvrnnüjsion auf Ablehnung beider Anträge wurde angenommen.
Das Haus wendet fich dann der Beratung der Anträge Hirsch-Berlin (soz.) nnd Schmedding (Z.) bett, die Emwiriung ber Armenvnlerßlrtznng *nf äffeutliche Rechte zu. — Dm Gemeindekommrssion be» mitragk, »reRegierung zu ersuchen, baldmöglichst einen Gesetzentwurf vorMegeu, nach dem nicht jede auf Grund der preußischen Gesetze geroätjnrte Unterstützung eine Einwirkung auf öffentliche Recht« hat.
Abz. Kuhn-Ahrweiler iZtt.) begründet beu Antrag. Bei der Kommissionsberatung waren alle Parteien darüber einig, daß, nachdem im Reiche eine Aenderung erfolgt ist, eins solche auch für Preußen emttelen muffe. Den von ber Regierung erhobenen Bedenken konnten mit uns nicht verschließen und mir werden deshalb dem Kominisstonsbeschluß zustimmen.
Nach weiterer unerheblicher Debatte wird der KvmmijsionSantraa angenommen.
Tie Denkschrift über die Ausführung der bisherigen Ges'.he betr. die Bewilligung von Staatsmitteln zu» Verbesserung der Wovnungsverhättaiffe v»a Arbeiter» in staatlichen Betrieben und vou gering besoldeten Beamten, wird durch Kenntnisnahme für erledigt erklärt.
Es folgt d« Petition des Kreisnenhikomitees »erZentr um Spartet in Benefchan O. S. um Gestattung des Gebrauchs der nichldeutschen Sprache bei öffentlichen Bersammlungen im Landkreise Ratibor.
Die Stommufioif beantragt, über die Petition zur Tagesoronunq nderzuzehen.
' Abg. Stanke -Ztr.): Nach § 12 des Beremsgesetzes muß der Gebrauch der nichldeutschen Sprache gestattet werden, wenn 60 Prozent der Bevölkerung diese Sprache sprechen. Es steht aber im Gesetze nichts von einer Unterscheidrmg der verschiedenen urchtdeutsche» Sprachen. Trotzdem hat mau sich zur Rechtfertigung der Stellungnahme der Regierungsorgane darauf berufen, baß bie nichtbeutsche Bevölkerung des KreiseS Ratibor in einen polnif chen und einen mährischen Teil zerfällt. ’Dton hat gefügt, daß di» Polen und Mähren verschiedene Sprachen sprächen und sich gegen|eilig nicht verständigen könnten. Ich möchte nun zunächst betonen, daß die nichtdrutsche Bevölkerung hn Kreise Rakibor 90 Prozent arrsmacht. Unter solchen Umständen wird man wohl behaupten dürfen, daß der Kreis Ratibor ein Opfer engherzizer Burean- kratie geworden ist. (Sehr rrchiig! int Zentrum und bei den Polen.) Man kann nicht sagen, daß die Mähren und Polen einander nicht verstehe» könnten. Ich persönlich spreche vor meinen Wählern stets mährisch und werbe auch von den Polen verstanden, und andererfens wird ein Pole auch von be» Mähren ver
standen. Wie sieht es aus, wenn man auf 10 Prozent der Bevölkerung Rücksicht nimmt und 90 Prozent vor den Kopf stößt. (Beifall im Ztr.) Ich bin weit entfernt, irgendwelchen Radikalismus zu vertreten, aber durch solche- Borgehen muß ja der Radikalismus groß gezogen werden. Ne werden eS also verstehen, «ernt ich de» Antrag stelle, die vorliegende Petttion der Regjernng zur Berücksichtigung zn überweisen. (Beif. im Ztr.)
Abg. Weißer »el ckonk.): Wir sehen keine Beran- lassung, für den Kreis Ratibor Bergünstigungsausnahm» beftimmungen eintreten zu kaffen. Es stnd la die Streife, ix denen der Gebrauch der nicht deutschen Sprachen gestattet ist, namentlich aufgeführt, und Ratibor if nicht darunter.
Unterstaatsfekretär Holz bittet, es bei der Ent scheidung der Kommission zu beiaffen. Eine Ber. stänblgnng mit der BevöUerung sei auch mit Hilfe dm deutsche» Sprache möglich. Das habe auch der Laud- rat des Kreises Ratibor in ausführlichen Berichte» be> stätigt.
Abg. Srinert (Soz.): Es handelt fich nicht darum, ob die Regierung das Bedürfnis anerkennt, fondern es handelt fich nm die Auslegung und Durchführung ber Gesetze. Was hier zur Sprache steht, ist einfach eine Vergewaltigung der nicht deutsch sprechenden Bevölkerung. (Hobo! rechts.) Selbstverständlich werden wir dem Antrag Stanke zirstimmen, denn wir können doch nicht die Ausführungen des VereinsgefetzeS der Willkür der Verwaltungsbehörde überlassen.
Bei der Abstimmung wird der Antrag Stank» gegen Zentrum, Polen, Sozialdemokraten und einen Teil der Freisinnigen abgriehnt, der Kommiffionsantras mit geringer Mehrheit angenommen.
Donnerstag: Stempelüeuernooeüe, Berggesetz, Kreis lagswahlrecht, Rest der heutigen Tagesordnung.
Herrenhaus.
Sitzung vom 23. Ium 1909.
Das Herrenhaus erledigte an erster Stelle bie *r* lag» über die Haftung des Staates bei Linisverse.,»» ber Beamten. Dabei gab es eine Aussprache Barübei, ob der Staat auch für die Amtsvergehen ber Lehrer hasten solle. Rach längerer Debatte, in der die Regierung wie' erholt ihr „Unannehmbar" aussprach, wurde die Haftung des Staates jür bie Lehrer beschlossen.
Der Gchetzentwurf betr. die Schnlversänmnisse in Kaßau usw. wirb mit einem Antrag Gras Kork angenommen, wonach auch diejenigen Gebiete, Die früher zum Großherzogimn Hessen gehörten, und 1886 an Preußen kamen, in das Gesetz ein bezogen werden.
Schließlich erledigte das Haus noch die Seknndär- bahnvorlage. Graf ». Mirbach machte dabei eine« scharfe» Vorstoß gegen die Sozialpolitik der Eisenbahn, der sowohl vom SÜnifter als auch von verschieden ev anderen Mitgliedern des Hanfes entschieden znrück- gewiefen wurde.
Donnerstag: kleine Boriagen.
+ Die Ratrorrattiberaleu »ks Schutz- truppe -es Großkapitals.
Da» offiziöse Triegraphenbüro verbreitet folgende Ertlärung der nationalliberalen Partei:
.Es gehen durch die Prefle immer wieder Nachrichten, bie es als möglich ober gar wahrscheinl ck hm- stellen, daß bie Natioualliberal»» am letzte« Ende sich M der neuen Mehrheit schlagen werden. Um endgültig diesen irreführenden Nachrichten den Boden $u entziehen, können wir mitteilen, daß di» nationatlfbetole Fraktion des Reichstages einstimmig beichloffe« Hal, für den Fall der Ablehnung der Erb- ansall'teuer, der heute einzig möglichen allgemeinen Besitz ile» er; de» Finanzreformplan der Mehrheit tu allen feinen Teilen abzulehnen.'
Roch nirgends ist behauptet worden, daß die Erbanfaklsteuer zu den liberalen Prograiwnpunk» ten gehöre, ^liberal" kann man also das Verhalten bet Ralionalliberalen nicht nennen. Eben- sowenig kann man es aber als „national" erachten. Es zeugt doch von wenig Rücksicht auf bie Notlage des Reiches, wenn man wegen des WidorstanSeS gegen eine einzelne Sten» die ganze Fiwanzrefonn za Fall bringen will.
Bernhard von der Eiche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach
18]
(Nachdruck verboten.)
Gtz war spät grivorden, die Müdigkeit meldete fich.
„Gute Nacht", sagte die Fremde und hielt Bernhard die Hand hin,, „ich kann die Augen kaum mehr offen behalten."
„Gute Nacht gnädiges Fräulein", entgegnete er, „morgen in der Frühe muß ich aufbrechen."
Ein leichtes Bedauern klang hindurch.
„O, wir habe« Wohl denselben Weg", sagte sie, „ich will nach Lauterbrunnen hinunter. Und Sie?"
Es hatte in feiner Absicht gelegen, noch eine weitere Tour zu machen, aber er gab es auf und erwiderte, daß auch er nach Lauterbrunnen wollte.
Auf duftendem Heu ruhte es sich in der Sattlerin Kammer gut, sodaß die Fremde sogleich fest Smschlief. Trotz seiner Müdigkeit blieb Dern- 9?rb Noch eine Weile draußen mit ferner Zigarre. Er fragte fich, wer wohl die junge Dame fei. .. Die beiden Führer schnarchten schon, a!3 Eiche llch »eben ihnen ausstreckte, um in einen festen, traumlosen Schlaf zu verfallen.
Am andern Morgen waren die Berge in dichte N)hel gehüllt. Als sich die kleine Gesellschaft «ruh vor der Sennhütte versammelte, wurde -ein öliges Mahl eingenommen. Daun brach man “M: es war empfindlich kalt. ®er Führer ber tternden Dame hatte diese angefeilt und schritt hinterher kamen Bernhard und seine
War es der Einfluß des Wetters, war es et- Brf.’ ®J»ere§? Heute war die ungezwungen fiöh- ntnmn'9 des gestrigen Abends verflogen, m.^rarg und frostig begegnete die junge Dame Bedauerte fie, sich frei und Mxrnglos bran^1 iu ^!?ben, fürchtete sie, et könne eS miß- ^chen. wünschte fie, bfe Schranke zwischen
ihnen auszurichlen, die gestern, angesichts der großartigen Natur g Halben schien? Fast bedauerte es Eiche, wieder nach Lauterbrunnen hinobZustfigen, und feine Tour in entgegengesetzter Richtung ausgegeben zu hoben.
Die stimmen der Führer, die zur Vorsichr mahnten, klangen durch den dichten Nebel gedämpft herüber. Es war ein gefährlicher Abstieg, es ging über Eisfelder, wo der Fuß leicht cmsglritet, dann änaber über spitze Felfenschrossen ttnb im nächsten Augenblick durch lockereron, fußhohen Schnee. Dazwischen rasteten Sie Reisenden. Bernhard näherre sich aber der Fremden nicht, er war ärgerlich, sein Stolz bäumte sich unter ihrem verändert« Wesen. Was ging sie ihn überhaupt an? Ihre Lebenswege trennten fich von hatte, wahrscheinlich um nie mehr einander zu kreuzen.
Um die Mittagszeit brach die Sonne siegreich durch das ©etoöff. Nach und nach traten die Serge deutlicher hervor und die wunderbar schöne Alpenlandschast boi fich den Blicken dar. In der Tiefe brauten noch die Nebel. Es war ein eigentümliches Gefühl, so im Sonnenlicht giLadet dazuflehen, als sei man losgelöst von der Erde, die mit ihrem Hasten und Truhen unsichtbar blieb.
„Kommen Sie doch her!" rief die Fremde, „von hier hat man einen herrlichen Rundblick auf die Berge."
ES öatta Bernhard fafl wie ein SefefcL Trotzdem trat er näher, sie durfte fich nicht eitibilöen, daß er empsiudüch war. Gewiß, fie war launisch. Sie sprach jetzt mrgezwungsn und er ging auf die Worte ein. Hafte bemerkte er etwas, was ihm gestern entgangen war. Sie hatte den wildledernen Handschuh abgezogen, ein glatter, goldener Rerf schimmerte an ihrem Finger. Er glaubte ihn gestern dort nicht gesehen zu haben, oder hatte sie ihn erst heute wieder angesteckt, wollte sie damit sagen: „Ich bin verheiratet, du sollst eS wissen."
Ja, das war allerdings die beste Schranke zwischen ihm und ihr.
Bernhard war ziemlich stumm. Sie bemerkte es und fragte: „Sie Meinen nicht recht ausge- i-btüfen zu haben."
„Im Gegenteil," sagte er kurz, „ich überlege nur, ob es nicht besser wäre, wenn ich mich nicht noch erst bis Laurerbrunn hinunter begebe, sondern den Weg einschlage, der mich direkt nach X. führt. Ich muß heute Abend mit der Bahn abreisen."
„So hm Sie es doch," versetzte sie trocken.
Wie fie so dastanö unter der steilen Felswand, sah fie sehr hochmütig von oben herab auf ihn nieder, der sich etwas tiefer auf feinen Bergstock lehnte.
In diesem Augenblicke polterte es gewaltig über ihnen. Mit Blitzessc^relle hatte Bernhard die Gefahr begriffen, der Ruf des einige Schritte Wetter stehenden Führers war gar nicht mehr nötig.
„Der Stern schlag!" rief ber Bursche, und er sprang auf die Fremde zu, wu sie von der gefährlichen Stelle fortzureißen. Bernhard war ihm zuvorgekommen. Mft kräftigen Armen hob er die schlanke Frauengestalt auf und eiste aus dem Bereich der Felswand. Es kam von dort herabge- schossen, es kollerte und hüpfte in wildem Sprung über die Schroffen. Es sturme dommrnd Hemieder. Gerade da, wo die Fremde gestanden, sauste ein großer Stein herab und zersplitterte auf dem fdfigen Grrmd in mehrere saustgrvhe Stücke.
Noch immer lagen ihre Arme wie Schutz suchend um feinte Hast; iu bet Bestürzung hatte die Fremde sie um Berghartz getoorfat. Er ließ fie saust ntebetgfeiten.
„Das hätte schlimm werben Runen," sagte er und eine tiefe Erregung zitterie tu seiner Stimme.
„Ich verdanke Jhnsr tneht Leb«, mein Herr, ohne Are Tazwischenkunst läge ich jetzt tot ober verstümmel 6a."
Sie schauderte. Ein Gefühl der Ohnmacht kam über sie. Er hielt fie noch immer gestützt Jetzt winkte er feinem Führer untz fie legte sich auf eine vom Schnee freie Stelle. Benchard trat zur Seite.
Als die Fremde die Augen auffchlug und als er sah, daß sie sich aufiichtete, zog Eiche be». Lodenhut.
„Ich empfehle mich Ihnen," sagte er sehr fremd und höflich.
Im nächsten Momnet verschwand er hilft« einem Felsen.
Sie war aufgesprungen. Es schien, als ob sie ihm nachrilen wollte, aber bann trat ein trotziger Ausdruck in ihr schönes Gesicht. Leicht stampfte fie mir ban Fuß auf untz schweigend machte fie sich auf ban Weg nach Lauterbrunnen.----
Rcurdens waren jetzt anderthalb Jahre verheiratet und nach außen hin schien alles glatt M gehen. Man verstand es von beiden Seiten eiuzurtchten, daß die fieben Nächst« nicht hinter die Kulissen sahen. Wenigstens glaubten es sowohl Herta als auch ihr Mann. Was das Ehe» paar cm innerem Zwiespalt, Kämpfen unb Auseinandersetzungen ^rrchmachte, war nicht wenig. Die DkeuMoten merkten oft eilte Verstimmung; fie waren alle auf ber Sette des Herrn, dam sie seit lange» Jahren dienten. Unb Herta merkte ö. Sie versuchte erst, den treuen, alten Diener durch einen jüngeren Lakaien zu ersetzen ,ab« Rantzen weigere fich ES gab Fälle, wo er energisch blisb, dann half aller Blüte, aller Schmol- k» feiner Stau nidjt
„Er hat einen Eisenkops," pflegte Herta M denken.
Wenn e$ gast, seine eigene Degusmlichkest feine persönlichen Wünsche anszugeben, ix* Ra«- bert el gern. So reifte er zweimal mit Herta ent mehrer» Wochen fort.
(Fortsetzung folgt.)