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36. Jahrqanss
Fulda, Mittwoch den 23. Juni 1909
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die Budgetkommiffion verwiesen.
Ohne Erörterung wird sodann die erste Lesung Gesetzentwurfs bett.
Aenberung des SchankgefäßgesetzeS rledlgt. Es folgt die Fortsetzung der Beratung KotierungSsteuer.
Nachdem Abg. Dr. Rösicke (kons.) die Behauptung des Vorredners, daß die Landwirtschaft sich bei der Einkommensteuer bewußt zu niedrig einschätze, energisch zurückgewiesen, schließt die Diskussion.
Abschnitt 1 wird in namentlicher Abstimmung mit 203 gegen 155 Stimmen bei einer Stimmenthaltung angenommen, ebenso nach unwesentlicher Debatte Ab- chnitt 2, sodann der Rest der Kotierungssteuer.
Mittwoch: Weiterberatung.
Vizepräsident Paasche teilt noch mit, daß der Reichskanzler bereit sei, die Interpellation Albrecht <S.) wegen der Einfuhrscheine auf Getreide und wegen Aufhebung der Getreidezölle am 30. Juni zu beantworten.
Bernhard von der Siche. Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach 12] (Nachdruck verboten.)
Die Hoffnung, sie wraderzusehen, gestand er sich erst em, als Tag auf Tag verging, ohne daß sich sein Weg mit dem derFremden kreuzte. Nachdem Bernhard ben Rigi zu Fuß bestiegen — eine achtungswerte Leistung, — und nachdem 'er sim dort an dem großartigen Rundblick begeistere harte, ging er ins Berner Oberland. Die Fülle der neuen Eindrücke überwältigte ihn fast. Immer "wieder bedauerte er, sie allein genießen zu müssen, er hätte Ines gar zu gern bei sich geerbt. Wie entzückt wäre ihr junges, eindrucksfähiges Gemüt gewesen. Er beschloß, später einmal mir ihr herzukommen und sie mit den Wundern der schönen Bergwelt bekannt zu machen. Als Bernhard seine Reise antrat, fühlte er sich etwas abgespannt und müde. Seine Tätigkeit bei den Hoch- Öfen spannte seine Kraft oft über Gebühr an. Das fortwährende Lärmen und Pochen, der gellende Pfiff der Lokomotiven, die die Schlacken wegführten, brachten auch starke Nerven herunter ünd die Verantwortung war groß. Galt es doch überall wachsame Augen zu haben. Die Arbeiter waren fahrlässig, eine kleine Unvorsichtigkeit brachte Stockungen und Verluste in ben Betrieb, trnd ost fielen ihr Menschenleben zum Opfer.
i Von der Alpensonne braun gebrannt, von ber köstlichen reinen Höhenluft gestählt, fühlte Eiche sich jetzt gekräftigt und gestärkt. Im bequemen Touristenanzug, den eisenbeschlagmen Stock in dec Hand, machte er mit Führern weite Touren. Er stand auf den schneebedeckten Alpen und ein heller Jodler drang aus seiner Brust. Die Jugend schwellte seine Adern und ließ sein Herz gn elfer pochen in erhöhter Lebenssreude.Jn einer mnhütte wurde übernachtet, und bei solch einer Gelegenheit sah ec die Fremde wieder, die er im Luge von Zürich nach Luzern gesehen hatte.
x Nacki einem anstrenaenden Marsch von 6 Uhr
Preußischer Landtag.
Herrenhaus.
Sitzung vom 22. Juni 1909.
Das Herrenhaus behandelte in der heutigen ersten Sitzung nach den Ferien die Abänderung des Berg, gesetzeö»
Die Herrenhauskommission hat dazu beschlossen, daß die Verhältniswahl für die Sicherheitsmänner nicht obligatorisch, sondern nur fakultativ sein soll.
v. Burgsdorff äußerte schwere Bedenken gegen die Arbeiterkontrolleure, die lediglich Sozialdemokraten zu» allen würden. .
Aehnlich sprach sich v. Puttkamcr aus, wahrend Handelsminister Delbrück und Prof. Dr. Schmoller die Arbeiterschutzgesetzgebung verteidigten.
Dann wurde die Vorlage gegen vereinzelte Summen angenommen.
Es folgte die Stempelsteucrnovclle. — Die Finanz- kommission des Herrenhauses hat die Stempelpflicht auch auf Mietsvrrträge bis zu 300 Mark herunter (Abgeordnetenhaus 400 Marl) ausgedehnt, den Fah^ radsiempel gestrichen und die Jagdpachtstempel erheblich erhöht. „
In der Debatte verlangte v. Saluch die allgemeine Einsührnng eines steuerpflichtigen Waffenscheines.
v. Mirbach verlangte eine Herabsetzung des Frder- kommißslempels. „ .
In der Einzelberatung des Stempeltanss wurde beschlossen, die Automatensteirer «ach der Iaht der Warenbehälter bei Warenautomaten und bet Musikautomaten nach dem Anschaffungswert zu bemeßen und die Gas- und Elektrizitätsanlomalen frerzulaffen, ferner den Stempel auf Namensänderungen bei Umwandlung ausländischer in deutsche Namen nicht zu erheben.
Dann wurde das ganze Gesetz angenommen.
Morgen kleine Vorlagen.
Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.): Wir sind bereit, jedem Gesetz zuzustimmen, durch das die getroffen werden, die gewerbsmäßig und in großem Umfange spekulative Geschäfte an der Börse treiben. Will man aber das an der Börse tätige mobile Kapital treffen, so muß das einheitlich und gleichmäßig geschehen, und das geschieht bei der hier vorgeschlagenen Kotierungssteuer nicht, wohl aber auf dem Wege des Effektenstempels. Diesen Weg werden wir gern betreten und wir behalten uns vor, in der Kommission entsprechende Anträge zur Regierungsvorlage zu stellen. Die Kotierungssteuer ist weder wirtschaftlich noch durchführbar, und deshalb lehnen wir sie ab. (Beifall links.)
( Abg. Raab (Wirtsch. Bgg.): Ich hoffe Immer noch, daß hier eine große Mehrheit sür die Kotierungssteuer
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 22. Juni 1909.
Auf der Tagesordnung standen zunächst
Rechnungssachen.
Dcr Gesetzentwurf betreff. Verrechnung, Prüfung d Kontrolle der anläßlich des Aufstandes der Ein- ..öorenen in Südwestafrika von 1903—1907 geleisteten Ausgaben stellt sich als ein Ausnahmegesetz dar, das t t Anforderungen an die von der Verwaltung abzulegende Rechenschaft über die ihr zur Verfügung ge. stellten Etatsmittel in Einklang bringen soll mit denjenigen Umständen, die eine Rechenschaft m den sonst durch Gesetz und Uebung geforderten Grenzen nicht gestatten oder untunlich erscheinen lasse,i.
Abg. Noske (Soz.): Der vorliegende Entwurf ist eine der sonderbarsten Vorlagen, die bisher den Reichstag beschäftigt haben. Wir erfahren nicht, wo ein sehr erheblicher Teil der zur Niederwerfung des Aufstandes in Südwestafrika bewilligten Gelder geblieben ist. Die Vorlage ist auch ein Beweis dafür, daß in Sud- westafrtka in der ungeheuerlichsten Weise gewirtschaftet ist: eine solche Schlamperei, wie sie die Regierung in der Vorlage zugibt, hat man bisher denn doch noch für unmöglich gehalten. (Sehr richtig! bet den Soz.)
( Vizepräsident Dr. Paasche ruft den Redner wegen des Ausdruckes .Schlamperei" zur Ordnung.
; Abg. Noske (fortfahrend): Ich vermisse in der Be- "gründung vor allem eine Angabe darüber, rote groß Die Summen sind, über deren Verwendung. kein Nachweis vorhanden ist. Die Vorlage ist sür uns ''vollkommen unannehmbar. (Beifall b. d. Soz.)
I Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.): Die Sache liegt doch anders. Wir waren bei der Abrechnung über den Aufstand, und da stellte sich heraus, daß, wenn wir in Iderselben Weise weiter verfahren, ein Kostenauf- 'wand von 1,2 Millionen für die Abrechnung "entstehen würde, daß aber bei der ganzen Abrechnung doch nichts herauskommen kann, weil die Personen nicht mehr da sind, nicht alles quittiert ist usw. So wie es jetzt vorgeschlagen wird, kostet bte Abrechnung nur 100000 Mark; will denn Herr Noske noch die .Million hinterherwerfen?
i Abg. Dr. Görcke (natl.) bestätigt dtese Darstellung. Im Kriege kann nicht jeder Pfennig quittiert werden Und da häufen sich die Summen.
f Staatssekretär Dernburg weist die Anschuldigungen des sozialdemokratischen Redners zurück. Die Borlage entspricht einer Anregung der verschiedensten Parteien
Die^Vorlage geht sodann an die Rechnungskom-
Es folgt die erste Lesung eines Nachtragsetats zur
Anschaffung von Truppenübungsplätzen.
Die Einnahmen sollen durch Verkauf von Tülen des Temvelbofer Feldes aufgebracht werden. ®te Vor-
chreitt man uns aus Berlin, baß bis heute keinerlei Abmachungen, auch privater Natur, vorliegen, jedenfalls muß das bis heute noch durchaus unsichere Ergebnis der zweiten Lesung abgewartet werden, ehe man sich schlüssig werden kann, was in der drilton Lesung zu machen ist.
Daß derartige Nachrichten in der gegnerischen Presse auftauchen, ist nicht weiter zu verwundern; jetzt geht Not an den Mann, und man muß alle Minen springen lassen. Wie wenig die Meldung der Neuen Freien Presse auf Sachkenntnis beruht, geht schon daraus hervor, daß andere Blätter, die genau so gut informiert fein wollen, wesentlich andere Mitteilungen machen. So stellt die „Tägl. Rundschau" in Abrede, daß für die dritte Lesung zwischen Zentrum und Konservativen bindende A b m a - ch ungen bestehen. Daß die Konservativen für die dritte Lesung freie Hand haben, geht nach An- icht des Blattes daraus hervor, daß demnächst die Erklärung eines Führers der KonservativM in Aussicht sicht, er werde in zweiter Lesung gegen die Erbschaftssteuer stimmen, sich aber vor behalten, in der driitrn Lesung dafür zu , stimmen, wenn das Zustandekommen der Reichsfinanzreform davon abhängt. Das Blatt führt weiter aus:
da die Zustimmung der Polen zur gesamten Reichsfinanzreform in Zweifel gestellt werden müsse, da weiter die Reichspartei unter keinen Umständen den verbündeten Regierungen aufzuzwingen bereit sein würde, so sei die Verständigung mit der Regierung die Voraussetzung dafür, daß die Beschlüsse der Finanzkommission in dritter Lesung eine Mehrheit indem Ob bet einer solchen Verständigung, der namentlich die Kotierungssteuer zum Opfer fallen müßte, das Zentrum nicht abspringe, müsse als fraglich bezeichnet werden. Eben deshalb müsse versucht werden müffen, die Brücke zur Linken gangbar zu halten. Dort sei man sich jetzt über die begangenen Fehler klar und eine Verständigung des Block» über die indirekten SteuernkönneimHand- umdrehen erfolgen, wenn das Kompromiß über die Besitzsteuern erreicht werde.
Auch hier scheint wenigstens zum Taft ber Wunsch ber Vater des Gedankens zu sein. Richtig ist, baß wieder allerhand Mächte tätig sind, auf irgend eine Art und Weise ein K o m p r o - m i ß zustande zu bringen. Wie es gemacht werden soll, darüber wnß freilich kein Mensch etwas zu sagen.
In den Wandelgängen des Reichstags, so berichtet man uns weiter aus Berlin, zirkulierte das Gerücht, daß der Reichstag aufgelöst werden würde, wenn die Erbanfallsteuer keine Annahme finde. Anlaß ba$u dürfte die Nachricht gegeben haben, daß der Bundesrat gestern nachmittag eine Sitzung abgehalten hat. Wir können es noch immer nicht glauben, daß der Bundesrat in einem Augenblicke, wo er öMMillionan neuer Steuern nötig hat und oon 'einer Mehrheit des Reichstages an gebot en erhält, einen Schritt unternehmen sollte, der die Verzögerung ber sicheren Folge haben würde. Immerhin tut man gut, auf Üeberrumpelung gefaßt zu fein. Ausgeschlossen ist unter der neuen Politik des Fürsten Bülow nichts mehr.
s. Die Erbschaftssteuer abgelehnt!
Die Steuerkommission des Reichstages hat am Dienstag die Erbschaftssteuervorlage derRegierung mit Stimmengleichheit ab gelehnt.
Gleich nach Beginn der Beratungen trat man in die Erörterung des ausschlaggebenden § 9a ein, der von der Besteuerung der Ehegatten und Kinder handelt. — Die Sozialdemokraten beantragten dazu eine erhebliche und warf rote Lichter durch die Hüitentür, eine Kuh brüllte auf der nahen Matte, und ber zottig« Hund lief wachsam um die Herde, deren melodisch gestimmte Glocken hin und wieder leise läuteten. Tie beiden jungen Menschen hatten bas Gefühl, als seien sie schon lange bekannt, sie unterhielten sich munter. Nichts streift» ihr eigentliches Leben, die Stellung, die sie einnahmen. Wozu hier das ergründen wollen, was gesellschaftliche „Form aewöhnlich verlangte. Wie losgelöst von lästiger Etikette kamen sie sich vor, ber Mensch trat beim Menschen gegenüber ohne viel zu fragen: „Wer bist Du? Was tust Du gewöhnlich? Welchem Stande gehörst Du an?"
„So", sagte die Fremde, „ich hoffe, Sie sind satt geworden; wir haben tüchtig aufgeräumt unter den Eßwaren der Sennerin."
Sie standen von ihren Holzschemeln auf unb' gingen toidbcr an ihren früheren Platz, von wo aus sich die Schönheit der Berge am besten zeigte. Dazwischen polterte etwas mit lautem Geräusch zu Tal, die Kirchenstille unterbrechend.
„Das ist der Steinschlag," erklärte einer der Führer, und er fing an, den beiden Reisenden von den vielen Unglücksfällen zu erzählen, bei denen er zugegen gewesen war. Erst kürzlich hatte ein aus der Bergeshöhe mit gwaltiger Wucht heraib- fausender Stein einen Touristen getötet. Die Fremde erschauerte; ihr junges lebensfrisches Wesen sträubte sich bei dem Gedanken an Tod unb Vergehen. Sie hatte sich auf einem Felsblock niedergelassen, Bernhard lag halb zu ihren Füßen im weichen Almgrase. Der zweite Führer batte eine Zither aus der Hütte geholt unb spielte wunderhübsch darauf. Er unb die Sennerin fangen dazu. Der kräftige Baß des Burschen, ber helle Sopran des Mädchens einten sich zu jenen muntern Schnadahüpferln unb Volksliedchen, die ihren Weg toeit ins Land genommen haben. Und leise fummten Bernhard unb die Fremde die Melodien mit, die sich durch ihre Einsachbeft schmeichelns ins Ohr stahlen.
(Fortsetzung folgt.)
zustande kommt, und daß dann schließlich auch die Regierung sich diesem Votum fügen und keinen Wert ; auf den Protest aus dem Zirkus Schumann legen , wird. Täglich mehren sich auch die Stimmen aus den ■ direkt beteiligten Kreisen, die sich gegen diese Protestkundgebung aussprechen. So hat auch der bekannte , Dr. Haidmeyer feinen Austritt aus der national- ■ liberalen Partei erklärt mit der Begründung, er könne nicht mehr dieser Partei angehören, dem der Berliner volksfeindliche Börsenliberalismus im Bunde mit einer weltftemden Philisterdemokratie den Parteikarren in den Sumpf gefahren habe. Hoffen wir, daß noch recht viele Leute ebenso konsequent, aufrichtig und roahr- haftig sein möchten, roie dieser Mann. (Beif. rechts.)
Abg. v. Mtelehnski (Pole): Wir hatten urfprüng’ lich die'Absicht, aus polttischen Gründen, roeil wir zu dieser Regierung gar kein Vertrauen haben können, ämtliche Steuervorlagen abzulehnen. Die Entwicke- ung der Dinge hat uns genötigt, diesen grundsätzlich ablehnenden Standpunkt aufzugeben und zwischen zwei Nebeln, der Regierungsvorlage und den von der Kommission vorgeschlagenen Ersatzsteuern, das kleinere zu wählen, und wir geben im allgemeinen den letzteren den Vorzug. Vor die Wahl gestellt, ob Erbschaftssteuer oder Kotierungssteuer, geben wir der Kotierungssteuer den Vorzug. (Beifall.)
Abg. Dr. Weber (ntl.): Herr Müller-Fulda hat sich gestern auf den früheren Abg. Büsing berufen und seine Sachkenntnis gerühmt. Er bat behauptet, daß Herr Büsing sich im Jahre 1883 für die Kotierung ssteuer erklärt hat. Ich darf wohl hoffen, daß die Anschauungen des Herrn Büsing auch im jetzigen Augenblick auf Herrn Müller-Fulda ihren Ein- vruck nicht verfehlen werden. Wir haben uns nun gestern abend telegraphisch an Herrn Büsing gewendet und er hat uns geantwortet: „Unmöglich, daß ich je liefe Kotierungssteuer befürwortet habe. Halte die» elbe für ganz unannehmbar!" (Lebh. Hört, hort, tnks.) Und Herr Büsing, der für Herrn Müller-Fulda ein so erstklassiger Sachverständiger ist, schreibt uns noch hinterher: „Die vorgeschlagene Kotierungssteuer wäre das schlimmste, was Handel und Verkehr treffen könnte." lLebh. Hört, hört! links.! Der gesamte deutsche Mittelstand ist für die Erbanfallsteuer. Das beweisen die Resolutionen der Mittelftandsvereinigung im Reich und in Sachsen. An einer Anzahl von Bei- pielen aus dem Kurszettel gibt der Redner an, um wie große Prozentsätze, von 5 bis 13 Prozent, die Divi- dendenbezüge aus den betreffenden Werten durch die Kotierungssteuer gekürzt würden.
Abg. Müller-Fulda (Ztr.): Im Jahre 1883 hat Herr Büsing erklärt, seine politischen Freunde seien bereit, an einer hohen Börsensteuer mitzuarbeiten. Er machte verschiedene Vorschläge und fügte hinzu, man könne eine Kotierungssteuer als eine nicht unbedeutende Abgabe roie in Paris m Aussicht nehmen. Daß die Nationalliberalen heute auf einem anderen Standpunkte stehen, dafür kann freilich Herr Büsing nichts.
Abg. Rösicke (k.l: Wenn die Kotierungssteuer wirklich den Erfolg haben sollte, das Geschäft mit aus- ländifchen Papieren cinzuschränken — was schadet'- Die Herren von links sollten uns auch mit solchen unbewiesenen und verletzenden Vorwürfen, die Agrarier seien durchweg gewerbsmäßige Steuerdrückeberger, verfchonen. , „
Abg. Mommsen (freis. Bgg. mit großer Unruhe empfangen): Was nutzt es überhaupt. Ihnen mit fachlichen Gründen zu kommen? Sie, m. H., hören ja nur auf Sachverständige, die Ihrer Meinung sind! (Gelächter rechts. Sehr richtig! links.) Redner kommt auf die Einschätzungsfrage zurück. Es sei Volksgewohn- heit geworden, nach Möglichkeit mit der öffentlichen Aufdeckung von Vermögen zurückzuhalten. Ihm sei ein Fall bekannt, wo in einem Landkreise Personen sich richtig einschätzen wollten, dabei aber fo viel Unwillen hervorriesen, daß sie sich schließlich derBolks- gewohnheit unterwarfen. (Große Unruhe, Lärmen. Rufe rechts: Namen nennen! Pfui!) Wenn die Ko- tierungssteuer so verabschiedet wird, wie Sie (nach rechts) es wünschen, so ist es für uns vom politischen Standpunkt aus vielleicht besser, daß wir einer solchen Mehrheit unterliegen. Dessen können Sie aber gewiß fein: Die Bewegung, die mit der Gründung des Hansabundes eingesetzt hat, werden Sie nicht wieder los werden. (Lebhafter Beifall links, Unruhe, Lärm und Zischen rechts.)
in ber Frühe ab kehrten Bernhard unb fein Führer spät abends in ber Sennhütte ein. Sie fanden schon Gäste daselbst vor. Eine Dame unb ihr Führer hielten ebenfalls Rast. Sie waren von der andern Seite mporgeftiegen. Die Nacht brach an; es war für heut zu spät, ben Abstieg zu unternehmen.
„Sie ist es," buchte Bernhard mit freitbiger Erregung, „welch ein glücklicher Zufall."
Er trat auf die Fremde zu und zog den Loden- Hut mit der Spielhahnfeder. Auch sie trug einen ähnlichen Hut, dazu einen fußfreien Lobenanzug.
„Von ber Eiche", sagte der Afftstent. „Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen verstelle, gnädiges Fräulein."
Er mußte fast über ihr naives Erstaunen lachen. Sie sah so jung, fast kindlich ans mit ben vom Gange geröteten Wangen unb dem etwas in Unordnung geratenen flockigen Haar, das ihr in die Stirn imb in die Schläfen fiel.
„Wir treffen zum zweiten Male zusammen," entgegnete sie mit ber ihm ran Ohr haften gebliebenen melodischen Stimme, unfein glückliches Lächeln zuckte über ihre Züge. „Lunb Sie über öauterbrunnen gereift?" .
„Jawohl, ich tummele mich feit acht Tagen als i Tourist in ben Bergen umher. Ich habe ben ■ Mönch und das Finsteraarhorn besucht und weiß : nicht, wo es am schönsten war. Sehen Sie, gnä- , bigei Fräulein wie dort der Mond voll und rund hinter dem Schnschaupt ber Jungfrau aufgeht. : Sieht es nicht, wie durchsichtige, bläuliche Silber» ! schleier aus ,wie sein Licht mild hernisberström ; und das majestätische Panorama beleuchtet.. Muß : der Mensch sich hier nicht klein, und nichtig vor- . kommen angesichts ber ü/berwälrigmden Größe ! ber Natur?" _
Hingerissen sprach es bte klangvolle Manner- i stimme; eine tiefe Begeisterung lag in ihr. Sie : Wirkte vielleicht ansteckend auf das weibliche We- : Jen an seiner Seite, vielleicht auch kamen die i Worte aus ihrem eigenen Empfinden. Sie stimmte Bernhard lebhaft bei. In angeregtem Gespräch : blieben sie nebeneinander stehen unb tauschten
[] Bor der Eutscherduug.
Die „Wiener Neue Freie Presse" veröffentlicht einen Artikel ihres Berliner Korrespondenten, worin über angebliche „Pläne der konservativ-klerikalen Mehrheit" Mitteilungen gemacht werden. Es ist da zu lesen,
daß zwischen der zweiten und dritten Lesung an den von der Kommission und vom Plenum in zweiter Lesung neu beschlossenen Steuerprojekten Aenderungen vorgenommen werden sollen, namentlich solle die Ko- tie rungssteuer auf 40 Millionen ermäßigt werden. Weiter solle ein Mantelgesetz beantragt werden. Für den Fall einer Annahme der Erbansall- steuer wollten Zentrum und Konservative gegen die ganze Finanzreform stimmen; wenn aber bte Erbanfallsteuer in der zweiten Lesung falle, so werde vielleicht in der dritten Lesung das Zentrum eine Erbanfallsteuer auf den mobilen Besitz beantragen. Man sei in den Kreisen der neuen Mehrheit davon überzeugt, daß, wenn auch nicht Fürst Bülow, so doch ein neuer Kanzler und der Bundesrat sich schließlich bereilfinden würden, die 500 Millionen in dieser Form zu akzeptieren.
Wir können dazu nur sagen, daß bie Meldung jedenfalls den Beweis für die großartige Phan- tafie ihres Urhebers erbringt. Tatsache ist, so ihre Gedanken aus. Es war wie etwas Unpersönliches, sie wüßten nichts voneinander, er nicht einmal ihren Namen. Und unter ihnen da lag bie Welt mit ihren Millionen hastender, ruheloser Menschen, Leid und Lust verhallten auf der reinen Höhe. Die Sterne schienen näher zu sein, eine bessere Welt erreichbar als drunten im Tal. Er dachte es, unb auch sie mußte dasselbe fühlen, denn sie sagte: „Mir ist es, als ob man besser werden muß, wenn man so etwas gesehen hat. Wie rein unb licht ist hier alles. Die Schweizer fingen: „Auf dem Berg gibfs keine Stznd," und ich glaube, sie haben recht."
Einer ber Führer, ein junger Bursche, fing an zu jodeln, es klang wunderhübsch. Das Echo warf die Stimme zurück. Immer höher stieg ber Mond, immer lichter ward es auf ber Höhe unb dazwischen tiefe, schwarze Schatten, bie das blendende Weiß hoben.
Die Sennerin rief zum Essen.
Sie hatte für die beiden Reisenden ein Tischchen vor ber Hütte gedeckt und einen goldgelben, appetitlich duftenden Eierkuchen gebacken. Derbes Landbrot, köstliche Butter und kräftiger Rahmkäfe luden zum Zulangen ein. In einem Tonkruge standen frisch gemolkene Milch, neben zwei Holzbechern; zwei niedere Schemel warSn zum Sitzen bereit.
„Ich hoffe, Sie sind ebenso hungrig, wie ich", sagte die Fremde höflich, „ich habe noch nie ein fo einladendes Mahl gesehen."
Sie nahm Platz unb forderte Bernhard auf, sich auf ben zweiten Schemel niederzulassen. Dann legte sie die Hälfte des Eierkuchens auf ben buntgeblümten Teller, ber vor ihr stand.
„Schmeckt das gut," meinte sie vergnügt, „was ist das auserlesenste Diner dagegen. Ich habe aber auch mein Essen verdient, bin von früh an auf dm Füßen. Der Führer hat sich gefreut."
Aus der Küche erklang munteres Lachen und Geplauder. Die -Sennerin tafelte dort mit den beiden Burschen, bie fie schon von früheren Aufstiegen kannte. Dazu brannte bas Strruchfeuer