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JV8 139.
Fulda, Dienstag den 22. Juni 1909.
36. Jahrgang.
Zweites Wtcrtt.
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0 Die Mitwirkung des Liberalismus hat Fürst Bülow in seiner letzten NeichstagZreöe fals unbedingte Notwendigkeit für das Zustandekommen der Finanzreform erklärt. „Ich werde i in ich nicht bewegen lassen, die G-schäste so zu führen, datz die Liberalen von der Mitwirkung ausgeschlossen werden", sagte er.
Dem entspricht ja auch die Tatsache, daß für j'die von den Liberalen beanstandeten Steuern schleunigst „Ersatz" gesucht und gesunden worden ist, während mau für die erweiterte Erbschaftssteuer, die den Konservativen unannehmbar /ist, keinen Ersatz finden will. Im Interesse seines geliebten Liberalismus hat Fürst Bülow für die Konservativen ein kaudinischeZ Joch aufge- . richtet, und die konservative Partei soll entweder ! Kotau machen vor dem liberalen Gedanken der Erbschaftssteuer, oder sie muß einen 'chweren Kampf gegen die bereinigte Macht der Regierung und des Liberalismus aufnehmen. ‘Tii liberalen Freunde des Fürsten Bülow verstehen die parteipolitische Bedeutung der Sache sehr Wohl; darum haben die Nationalliberalen, die ansäng- ,lich großenteils ans fachlicher Ueberzeugung gegen die erweiterte Erbschaftssteuer waren, die .Zustimmung zu ihr unter den Fraktionszwang 'gestellt.
Es ist durchaus irreführend, wenn der Kanz- lsr es so darstellt, als ob er sich gegen eine Ausschaltung des Liberalismus zu wehren habe. N i e m a ls ist es dem Zentrum oder den Konservativen oder überhaupt einem Teile der Kommis- : siSnsmehrheit eingefallen, einen neuen Block zu । begründen, der die Liberalen au 'schlie - ;ß e n solle, wie es der Bülow,Block gegenüber dem e n tr u m getan. Aber wenn dem geliebten ^Liberalismus des Fürsten Bülow nur auf di; Zehen getreten wird mit Vorschlägen, die den Liberalen nicht gefallen, dann wird gleich über „Ausschaltung" des Liberalismus geschrieen.
Es konnte nicht ausbleiben, daß das Selbstbe- wußtsgin der Liberalen nach der Rede Bülows nicht iwenig ins Kraut geschossen ist. Der Liberalismus weiß jetzt, daß er für die Regierrmg „unentbehrlich" ist. Wem, wie den Liberalen in der Rede des Reichs! ,'rs so geschmeichelt und das Zeugnis ausgestrdr wird, daß er ein Musterknabe sei, der gibt gewiß nicht nach. An ein Entgegenkommen |i>er Liberalen ist darum jetzt nicht mehr zu den- : ken.
Deutsches Reich.
* Wie Hanseaten gemacht werden. Dem »Vorwärts^ wird geschrieben: Am Freitag zirkulierten in den BureauS einer Berliner Versicherungsgesellschaft Listen des neuen Hansabunde-, ans welchen Beitrittserklärungen entgegengenommen wurden. Der Direktor zeichnete als erster und die Angestellten, vom Graubart bis zum 17jährigen, zeichneten nach, denn die 1 Mark Jahresbeilraa zahlt ja die Direktion! Es wird jeden- falls schon in einigen Tagen der neue Hansa- bund damit prunken, in wie kurzer Zeit es ihm gelingt, das große Publikum mobil zu machen. Wie diese Mobilmachung ausschaut, davon hoben wir hier ein Beispiel.
* Aus Hessen, 21. Juni 1909, Eine überra- fchende Nachricht bringt der Darmstädter „Täg- I liche Anzeiger", der unter den hiesigen Blättern über evangelisch-kirchliche Verhältnisse stets am fceften unterrichtet scheint. Er meldet, daß noch
in keinem Vierteljahr so viele Austri tteaus der evangelischen Kirche des Londes stattgefundsn haben, als im 1. Quartale 1909. Als Haupturfache wird die sozialdemokratische Agitation bezeichnet. Gehe es so weiter, bemerkt das Blatt, so werde die Zahl der Austritte am Jahresschlüsse 10000 überftei- gen. Dabei ist charakteristisch, daß auch Frau- e n ihre Abmeldeerklärungen bei dm Amtsgerichten abgäben und dabei oft in frivoler Form („Religion ist Mumpitz"). Auch au fkatholischer Seite seien Austritte erfolgt, jedoch in weil geringerer Anzahl. Wir haben also in Hessen eine „Los von Wittenberg-Bewegung" in der schönsten Form. Tie-ganze Schwäche des Protestantismus gegenüber der Sozialdemokrarie kommt hier klar zum Ausdruck. Der Evangelische Bund findet eS aber nicht der Mühe wert, den Protestantismus im eigenen Lande zu stützen, er sendet Truppen und Kapital nach Oesterreich, um dort die Katholiken zu „bekehren".
Aus öem Rachbargebiele.
[:] Tann (Rhön), 21. Juni 1909. Der Ausbau der Bahnstrecke Geisa-Tann schreitet rasch voran. Die Bahnlinie nimmt ihren Weg von Tann aus, wo schon gleich aus der linken Seite der Landstraße ein größeres Viadukt notwendig war. Etwa in der Mitte zwischen Tann und Günthers überschreitet sie die Landstraße und sühn dann rechts derselben entlang. Die Abtragungen und Aussüllungen geschehen durch einen Atbeitszug. Die Bahnhöfe zu Gunthers und Motzlar, welche einen zierlichen Eindruck machen, sind bereits unter Dach und Fach. Von Geisa aus, wo keine oder nur wenige Adräu- mungsarbeiten vorgenommen werden mußten, ist Der Schienenstrang schon vollständig artsgebaut.
* Frankrnheim (Rhön), 21. Juni 1909. Nach- dem unsere Gemeindevertretung den Bau einer Hochdr u ck-W a s s e r l e i t rr n g beschlossen bar, sollen die Slrbeiteu und Lieferungen zum Ban nunmehr vergebe» werden.
Frankenberg i. H., 19. Juni 1909. Beim Ueoerschreiten der Straße wurde garem der Landwirt Heinrich Bo ruschen ?r aus Altenhaina von dem Auto des Hotels Goßberger dahier über fahren mrd erlitt ■ dabei schwere Verletzungen.
* Offenbach a. M., 18. Juni 1099. Die Stadtverordneten haben beschlossen, die Stelle eines Stadtdauinspektors zil schaffen und mit 5000—7500 Mark auszuschreikx'n.
* Erfurt, 21. Juni 1909. Der deutsche Kellnerbund Union Ganymed, dessen 10000 Mitglieder sich auf das In- und Ausland ver- tweigptt, hält hier am 4. Oktober feine Hauptversammlung ad. Auf der Tagesordinrng befindet sich u. a. der Antrag aus Gründung eines Alters- und G e u e s u u g s h e i m 8, für welchen Ziveck bereits ein Fonds von 22 700 K vorhanden ist. Die Sektion London beantragt, es möge das Dun- desorgan in drei Weltsprachen erscheinen.
* Htss'sch-Lichtenau, 1«. Ium 19 9. Ein Groß- euer hat heute früh das außerhalb der Stadl gelegene große Dampssägewerk, Holzschneiderei und Drefchwaschinen-Anlage von Eduard Kaffelmann mir allen Maschinen, Geräte» und Vorräten, sowie außer den Gedäulichtnien auch das nebenan befindliche große Holzlager innerhalb »/« Stunden total emgeäfchert. Die Feuerwehren vermochten bei dem Winde dem Brand« teilten Einhalt zu tun.
* Mainz, 20. Juni 1909. In dem nunmehr sechs Wochen dauernden A u s st a n d der Bierbrauer und dem Boykott ist heute durch Ver-
mittltmg des Oberbürgermeisters eine Einigung der streikenden Parteien erzielt worden.
* Koburg, 21. Juni 1909. Koburg hat nun auch „ein verrücktes Haus". Vor einigen Tagen wurde das in der Uferstraße gelegene, dem Magistrate gehörige ehemalige König'sche Haus durch das Baugeschäft Paul Schaarschmidt etwa 30 Meter weit im rechten Winkel verschoben; 4 Mann führten den interessanten Transport in etwa 8 Tagen aus. Die Hauptschwierigkeit lag im Drehen des Gebäudes. Besonders erschwerend fiel auch ins Gewicht, daß das zu transportierende Gebäude in drei verschiedenen Bauabschnitten erbaut worden war und deshalb kein einheitliches Ganzes bildete. Der Magistrat wohnte dieser Schiebung bei.
* Weidhansen b. Koburg, 21. Juni 1909. Der Korbflechter Kretz, der feine Ehefrau zu erdrossln versuchte, scheint die Tat in einem Anfall von Geistesgestörtheit getan zu haben. Er wurde schon wegen eines geistigen Defektes vom Militär entlassen.
* Vom Eichsfeldc, 20. Juni 1909. Ein Braud- ungluck ist wieder einmal durch spielende K i n d e r hervorgerufen worden. In Hilkerode brannten das Wohnhaus und die Scheune des Rä- ckermeisters Krieter vollständig nieder.
vermischtes.
* Tas Rieseuhospital in Buch bei Berlin wurde letzten Samstag der Oesfentlichkeit übergeben. Es ist die dritte große Fürsorgeanstalt, die dort festens der Stadt Berlin errichtet worden ist. Die Pläne für eine vierte Anstalt sind schon entworfen, und es soll mit ihrer Ausführung in der nächsten Zeit begonnen werden. Die vier Anstalten werden ein» schließlich des Pflegepersonals 6000 Menschen beherbergen. Von einer gemeinsamen Zentrale aus werden sie mit Heizung, Wasser, Licht und Elektri- zstät versorgt. Die Baukosten der neuen Anstalt emschließlich der Kosten für die Terrarnregnliernng und die Gartenanlagen betragen etwa 6600000 Mark.
* Ein ISO Meter hoher Zemenltnrm, der höchste dieser 'Art, der je gebaut worden ist und der auch die Türme des Kölner Domes noch um 20 Meter übertreffen würde, wird jetzt im Auftrage bet Marinebehörde der Vereinigten Staaten im Rock Creek Park in Wajhington zum Zweck der drahtlosen Telegraphie errichtet. Die Tragweite der von diesem Turm zu entsendenden drahtlosen Telegramme ist auf fast 5000 Kilometer berechnet worden.
** Ter Prozeß gegen Ingenieur» und Maschinisten vom Kreuzer „Danzig", über den wir bereits be- richteten, hat eigenartige Zustände aufgedeckt. Die 'Angeklagten waren beschuldigt, aus dem der Kieler Werft gehörigen iViateriat allerlei Gebrauchsgegentzünde für die häuslichen und persönlichen Bedürfnisfe einzelner Vorgesetzter hergestellt zu haben. Die Leute der Besatzung wurden zu diesen Arbeiten einfach kommandiert. War der Kreuzer in See, dann wurden die zu solchen Arbeiten benutzten Leute von der Wache ad» «weilt und die übrigeit Leute mußten so viel Dienst mehr tun. In der Beweisausnahnte ergab sich unter anderem, daß der Maschinist Rogätz im Fe^ bruar eines Tages mit feinem Automobil vor das ans der Reichswerft liegende Schiff gefahren ist, dort zirka 40 Liter Benzin von Bord hat schaffen und in den Benzinbehälter seines Automobils füllen lassen. Alle möglichen Ersatzteile filr fein Auto- mobtl wnr.de ir auf dem Schiffe her gestellt. Für einen kleinen Akkumulator, den er in seiner Woh- nnirg zur Nachlbelcuchtung aufgestellt hatte, entnahm er den Strom der elektrischen Lichtbelertch-
tung des Schiffes. Der Oberingenieur Roggensach der ebenso wie die anderen Angeklagten verschiedene Gegenstände hatte Herstellen lassen, ließ außerdem häufig die Akkumulatoren seines Automobils auf dem Schiffe laden. Die Angeklagten waren geständig, behaupteten aber, daß sie sich nichts dabei gedacht haben, denn derlei sei bei der Marine gang und gäbe. Interessant ist auch die Aus- age der Angeklagten, daß man für Getränke und onstige kleine Gefälligkeiten auf der Werft alles haben könne. Das vom Kriegsgericht gefällte Urteil haben wir schon mitgetetkt.
* Stürmische Szenen spielten sich auf der Rennbahn von Auteuil in Frankreich ab. Die Stallburschen traten kurz vor Beginn der Rennen in den Ausstand und weigerten sich, die Pferde zu satteln. Auch versuchten sie, durch Drohung mit Revolvern die Kutscher, die die Rennpferde nach dem Rennplätze bringen wollten, zur Umkehr zu zwingen Die Menge auf dem Rennplätze gebärdete sich inzwischen außerordentlich erregt; ein großer Teil ver> langte lärmend das Gntrittsgeld zurück; andere steckten mehrere Hürden, Heuhaufen und eine To« talisatorbrücke in Brand. DaS Feuer wurde je- doch rasch gelöscht. Das Rennen konnte nur mit großer Verspätung und unvollständig zur Aus. führung kommen.
** Bon eine« Walfisch entführt wurden englische Seeleute von der Mannschaft der englischen Brigg „Sullivan", die sich an der Westküste von Afrika auf der Walfisch-Jagd befand. Die Brigg hatte ein Boot ausgesetzt, das einen Walfisch verfolgen sollte. Es gelang den Leuten, den Walfisch zu harpunieren, aber dieser schleppte das Boot mit einer solchen Geschwindigkeit hinter sich her, daß die »Sullivan" bald das Boot aus dem Auge verloren hatte. Die Leute wären dem sicheren Untergange verfallen gewesen, wenn sie nicht nach 6 Tagen durch einen deutschen Dampfer aufgefischt worden wären.
* Zu einem Straßenkampf um einen Topfhut kam es in Rom. Eine englische Dame hatte durch ihren ungeheueren Topfhut im Theater das Publikum gegen sich aufgebracht, das sie zwang das Theater zu verlassen. Als aber die Engländerin auch auf die Straße verfolgt wurde, stürzte sich die Tochter Albions mit geballten Fäusten auf die Menge und erteilte nach allen Seiten Faustschläge und Fußtritte. Sofort teilte sich die Menge in zwei Parteien: die für, die andere gegen England. Es entspann sich ein regelrechter Straßenkampf, bis die Polizei erschien, das Objekt der Völkerschlacht heraushieb und es samt feinem phänomenalen Topfhut in einer Droschke in Sicherheit brachte.
Literarisches.
Die Femgerichte. BonI.Kemper. Mit 17Illustrationen. (24. Bändchen der »Geschichtlichen Jugend- und Bolksdibliothek".) Regensburg. Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz. Preis drosch. 1,20 Mk.
Der berufene Verfasser hat es vorzüglich verstanden, die ganze Einrichtung der Femgericht« in recht anziehender und belehrender Weise zu schildern, so daß unsere liebe Jugend und da? Wolk ein wahrheitsgetreues Bild über das damalige Gerichtswesen gcrohtnett. Siebzehn hübsche und gut gewählte Illustrationen tragen wesentlich zum Verständnis bei. O. ». T.
Reklame«- und A«zeige»»teil.
B., Kopfschmerz -- Cltroeanille!
Die Mücken.
.Bist Du glücklich, mein libes Kind?"
»Ja, Mama .... sehr glücklich '
„Wirklich, Anni?"
„Ja, wirklich! .... Paul liebt mite, und ich Mibe ihn ... . was bliebe mir da wohl noch zu hviinschen übrig?"
„Nichts, natürlich.' . . . Unb doch kommt es mir manchmal so vor, als wenn Du verstimmt wärest. Vorhin erst, als ich ins Zimmer kam, fuhrst Du Dir mit teiu Tuch über iie Augen ... sage nickst „Stein" .... uj Hao' es ganz deutlich gesehen!"
»Däs will ich ivohl glauben, denn nach langen Bemühungen war es mir gerate- erst gelungen, ein kleines Insekt, vielleicht eine Mücke, aus meinem Auge zu entfernen, seit fünf Minuten hatte ich mich schon damit gequäkt ... ich wollte Dich eben zu Hilfe rufen t"
Frau Lenhardt schien den Versicherungen ihrer Tochter zu glauben und diese, als sie wieder allein war .... bsdeckte das Gesicht mir beit’ Händen und weinte leise vor sich hin!
Seit drei Monaten ist Paul Annis Gatte und schon füllen sich ihre Augen mit Tratten. Ein wahrer Jammer um so schöne Augen! Tenn schön ,sin!d sie, die tiefblauen, großen Sterne! Sie passen so rech» zu der ganzen reizenden Erscheinung. Ist es nicht fast ein Verbrechen, ein so liebticktes Geschöpf, das wie zur Freude und zum Lachen geschaffen scheint, zmn Weinen zu bringen? Niemand anders als dar Ehemann war natürlich der S^tldige!
Frau Lenhardt tat wie gesagt so, als wenn sie der Tochter glaube ... aber hinter das Geheimnis will fte schon kommen k Die erste beste ..Gelegemheit wird fie beim Schopf ergreifen.
Wer sucht ,ber findet! und so ließ oen» die ®elegmbeit auch nicht lange auf sich '.Barten, i-. Zwei Tage nach dem Gespräch mit öer jungen rau stutzet die Mama Anni wieder mit geröte
ten Augen, in denen noch die hellen Träne« stehen.
„Ist es wieder eine Mucke, mein Kind?"
Diesmal gehts mit dem Lügen schlecht. Ein deutliches Schluchzen ist bü Antwort. Run kommen die Fragen, und schließlich folgt unter heißen Tränen das Geständnis. Mit stockender Stimme stottert Anni es heraus. „Er schläft . . nach dem Abendbrot . . . jaben Abend, im Salon ... in feinem Lehnstuhl . . . sofort ein l"
O diese Manner! Eine junge, lustige Frau fein eigen nennen und gleich nach Tisch ... wie nach getaner Arbeit, schlafen und schnarchen!
Anni gesteht: „Ja. als wir in Italien auf der Hochzeitsreise waren . . da war er anders, aber fetzt Abend für Abend schläft er.“ . . . Alles hat sie versucht . . . sie hat ihm borg.»lesen, sie har ihm vorgespielt . . . und alles ist vergeblich gewesen . .. unterdrücktes Gähnen und zum Schluß der Schlaf . . . das ist das Ende ... sie ist unglücklich . . . Paul liebt sie nicht mehr . . . und neue Tränen.
Anni schweigt, und Frau Lenhardt meint:
„Gur, ich werde mit „ihm" sprechen." Ihre Miene verrät deutlich, daß Paul gerade nichts Gutes bevorsteht.
Tonn kommt der junge Ehemann heim und gleich sagt sie:
„Ich möchte etwas mit Dir besprechen."
„G-rn, liebe Rwua. Aber was geht denn hier vor, Amn hat verweinte Auge« unb Du . . ."
„Das wundert Dich noch! Ich muß hübsche Dinge hörenk Bist Du krank?"
„Ich krank?" . . . Nein, Gott fei Dank, ich bin kerngesund!"
„Ich bitte Dich, die Scherze beiseite zu lassen, ich bin nicht dazu aufgelegt. Ich nehme an, daß Du krank bist, denn das ist der einzige Enischnldi- aungsgrund, den ich für Dein Betragen Habel"
„Mein Betrageir. . -
„Ja, Dein Betragest---- Was soll das hei
ßen? Jeden Abend gleich nach dem Esten schläfst
Tn ein!" . . . Und nun folgt eine lange Strafpredigt.
Der Schwiegersohn hört dieselbe, ahne mit der Wimper zu zucken, an. bann meint et:
„Es tut mir aufrichtig leid, ich habe alles getan, was in meiner Macht steht, um den Schlaf zu überwinden, aber er ist stärker als ich! Es ist eine Schwäche, ich kann nicht dagegen ankämpfen."
„Run, dann mußt Du einen Arzt zu Rate ziehen!"
„Einen Arzt, wozu? Der kann mir doch nichts nützen!"
„Du willst nicht? .... Run gut. dann Uterie ich Mittel und Wege finden k"
Und Frau Lenhardt geht. Sie ist es sich selbst schuldig. Recht zu behalten, und fo begibt fie sich zum Hausarzt und berichtet über den Zustand des Schwiegersohns.
Der Doktor hörte ihr aufmerksam zu.
„Ein merkwürdiger Fall," meint er bann. „Gestatten Si- mir eine Frage, gnädige Frau: Ihr Schwieersobn ist doch kein zu flotter Junggeselle gewesen?"
„Richt, datz ich wüßtet"
„Raucht er viel?"
„Räumen! O, weiter fehlte nichtsi . ...
Früher, ja, da war er ein leidenschaftlicher Raucher. aber ich habe ihm seinerzeit gesagt, was ich davon halte, unb er scheint mich verstanden zu haben. In den Zimmern meiner Tochter Zigarrenrauch und überall die abscheuliche Asche! . . . Graue Gardinen! ....£} nein, es ist doch neohl genug, wenn die Herren in den Kneipen ihre Zigarre guainten! Unb im schlimmsten Falle kann er ja in fernem Zimmer rauchen. Aber im Salon und in der Wohnstube, das geht nicht."
„Ja. aber meine Gnädige, so plötzlich läßt sich das doch nicht abgewöhnen. P'elleicht mal so von Zeit zu Zeit eine Zigarre oder Zigarette nach dem Abendessen, wer weiß, ob das nicht ein probates Mittel gegen den Schlaf wäre."
Frau Lenharot sieht den Arzt starr an. Sie glaubt nicht anders, als daß er Scherz mit ihr
treibe, und gerade will fie sich zu einer Gegenreve rüsten, da meldet der Diener einen Patienten, der eine Gräte verschluckt hat — und somit mutz Frau Lenhardt wider Willen leider das Feld räumen.
♦ ♦ ♦
Es ist nach dem Abendbrot.
Welche Neberrafchung! Auf dem Tisch vor dem Sofa befindet sich neben der Stickerei j>Ä jungen Fra» eine Kiste Zigarren.
„Was soll das! . . . Willst Du mir Tantalusqualen auferlegen?"
„D nein! . . . Rauch doch ein bischen!"
„Rauchen! . . . Und Deine Mutter?"
„O . . . J"
„Mm dann vorwärtsk" -
Und Anni reicht ihm lächelnd selbst das brennende Streichholz. Bald ziehen die feinen, blauen Dampfringe gegen die Decke, während die junge Frau ängstlich den Gatten beobachtet. Sollte der Arzt recht haben? Sollte der Tabak helfe»? . . ■9eine_ Spur von Schlaf. Er lacht, scherzt, versteckt ihr die Wolle, die Schere, und fie muß ihre Sachen mit einem Kuß auslösen, wenn fie dieselben wieder haben will!
Attui strahlt, und als die zweite Zigarre an die Reihe kommt, da ruft fie unbedacht in ihrer Freude:
„O, der Tabak! Welch gute Erfindung I Und die Aerzte! Was für kluge Leute!"
Bei diesen Worten unterdrückt Paul - nicht etwa ein Gähnen — aber einen solchen Lachanfall, daß die junge Frau ihn ganz betreten ousieht, und dann — ja batm begreift fie mit einem Male alles.
„O Du böser Mensch .... Komödie hast Du mit mir gespielt? Und ich habe es geglaubt? . . Warte nur, das sollst Du mir bezahlen!"
„Ja, Schatz! In Zigarrenrauch, der soll die bösen Mücken vertreiben!" — und die Mücken scheinen es sich auch gemerkt zu haben, denn seitdem hat es sich keine wieder einfalten kiffen, Annis schöne Watte Augen als Ziel zu nehmen.