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Z.parzeller in Jutta. wochenbeitase: „Illustrierte Zonntagrzettung"

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üotationsdruckund Verlag der Fuldaer wk. Kendrntkerei in Lulda Fernsprecher Ur. 9.

Deutscher Reichstag.

Eitzung vom 21. Juni 1909.

Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Beratung der

Lotierungsstener

Abg. Dr. Röficke (kons.): Rach dem ganzen bis­herigen Verlauf der Verhandlungen gewinnt es fast den Anschein, als ob es sich nicht darum handele, die Finanznot des Reichs zu beseitigen, sondern die Erb­schaftssteuer auf Gatten und Deszendenten auszu­dehnen. Während Sie (nach lmt§) bisher nicht die ge­ringste positive Arbeit geleistet haben, haben meine politischen Freunde es auf sich genommen, brauchbare Vorschläge zu machen. Die Gründe gegen die Erb­schaftssteuer sind bereits genügend dargelegt. Die Erb­schaftssteuer ist keine wirkliche Besitzsteuer, wohl aber die von uns vorgeschlagene Kolierungssteuer. Sie ist eine Besitzsteuer, di« nicht bloß bestimmt« Bolks- kreise erfaßt, sondern die wohlhabenden Klassen; sie umfaßt auch die Kapitalien der großen Aktienunter­nehmungen, die ihren Aufschwung dem Reich zu ver­danken haben. Das Beispiel Frankreichs beweist, daß die Kotierungssteuer ein durchaus gangbarer Weg ist, und darum sind auch die von jeder ReMxung gegen diese Steuer vorgebrachten Gründe ntis^ stichhaltig. Die Kotierungssteuer belastet nicht den Mittelstand. Das Gegenteil ist wahr. Auch die Börsengeschäfte werden durch sie nicht geschädigt. Wir find gern be­reit, alle Vorschläge, die von irgend einer Seite zur Berbefferung der Vorlage gemacht werden, eingehend zu prüfen. Wir sind uns des Ernstes der Situation vollkommen bewußt, und müssen uns gegen die Unter­stellung verwahren, als ob unjere Stellungnahme ge­leitet sei von einem Kampf um die politische Macht. Fürst Bülow braucht selbstverständlich nicht Geschäftsträger der Konservativen zu sein; aber ander­seits möchte ich die Frage an ihn richten: Kann er eS verantworten, einseitig liberale« Forde­rungen Vorschub zu leisten, die sich im letzten Grunde als demokratisch charakterisierm? (Beifall rechts, Ge­lächter links.) Wir befinden uns nicht in der Angriffs­stellung, sondern wir befinden uns in der Defensive. (Beifall rechts, Gelächter links.) Wir wehren uns ein­fach dagegen, unser ganzes Staatswesen demokrati­sieren zu lassen. W.r erblicken in der etwaigen Einführung und Erweiterung der Erbschaftssteuer direkt eine nationale Gefahr. (Beifall rechts, lautes Gelächter links.) Herr v. Rheinbaben hat an das Nationalgefühl appelliert; die rechte Seite dieses Hauses hat noch nie versagt, wo es sich um nationale Forderungen handelte. (Lebh. Beif. rechts, Gelächter links.) Die ganze Aktion des Hansabuntzes bedeutet weiter nichts, als den Versuch, das mobile Kapital vor jeder Belastung zu schützen. (Lautes Gelächter links, Beifall rechts.) Die Konservativen sind stets bereit gewesen, Opfer für das Ganze zu bringen. Gewiß, auch Sie (nach links) haben jetzt Forderungen für Marine und koloniale Zwecke bewilligt; aber es ist noch nicht lange her, daß Sie Ihr nationales Herz entdeckt haben. (Lebh. Beifall rechts, große Unruhe links.) Und Ihre Bewiüigungs- freudigkeit für die Flotte hat ja doch schließlich ihren Grund darin, daß Sie einsehen, daß die großen Handelsinteressen, die Eie vertreten, eine starke Flotte zur Notwendigkeit machen. Wir geben die Hoffnung immer noch nicht auf, daß die verbündeten Regierungen doch auf den Weg treten, den wir vorgeschla­gen und geebnet haben; dann würde das gemeinsame Ziel erreicht werden, und dann würde der Reichskanz­ler einen Erfolg erzielt haben, wie er noch nie da­gewesen ist. Wir sind bereit, einen großen Teil der Lasten auf uns zu nehmen. Ich hoffe immer noch, daß unser Beispiel auf der Gegenseite Beifall finden wird (Beifall rechts, Gelächter links', und daß einmal der Tag kommen wird, an dem wir zurückblicken können auf die heutige schwere Zeit, und uns sagen dürfen, daß mit Ernst und Fleiß Großes für Deutschland ge­schaffen worden ist. (Großer Beifall rechts und im Zentrum.)

Staatssekretär Sydow: Es ist nicht richtig, daß die verbündeten Regierungen 1893 selbst eine Kotie­rungssteuer befürwortet hätten. Damals wurde nur gesagt, daß die Kotierungssteuer der Emissionssteuer vorzuziehen sei. Jene Bemerkung war nur eine Ber-

M 139.

Krstes Wlcctt.

Fulda, Dienstag den 22. Juni 1909.

36. Jahrgang.

beugung vor der damals herrschenden Richtung, die dann zu der Einschränkung des Börsengesetzes von 1896 führte. (Beifall links, Gelächter rechts.)

Abg. Kämpf (frs. Bp.): DaS einzige erfreuliche Moment in den ganzen bisherigen Verhandlungen ist, daß die verbündeten Regierungen erklärt habe«, sie würden an der Erbschaftssteuer festhalten und die Kotierungssteuer ablehnen. Ich wünsche und hoffe, daß die verbündeten Regierungen fest bkeiben mögen. Mr werden an unserem Mderstand gegen die Kotierungssteuer unbedingt festhalten, durch die nicht die Börse, sondern die Besitzer der Wertpapiere getroffen roetben.

Abg. Muller-Fulda (Ztr.):

Die Kotierungssteuer will keine Ausnahmebestimmung S die Börse fein, sie will lediglich die leistungsfähigen allsten heranziehen. Daß tue Aktiengesellschaften nicht in der Lage sein würden, die Kotierungssteuer abzuwäkzen, gebe ich zu; aber sie würden die Ko­tierungssteuer einfach auf die Dividende abwälzen, und ich kann cs wirklich nicht als ein großes Unglück be­trachten, wenn sie ein Fünftel Prozent Dividende weniger zahlen. (Beifall rechts und im Zentrum.) Man vergleiche die arme Witwe, die ihre kümmerlichen Ersparnisse von 20000 M. in Wertpapieren angelegt hat, und dafür nun Kotierungssteuern zahlen soll, mit dem Kapitalisten, der seine Millionm möglicherweise in Staatspapiere« angelegt hat. Die arme Witwe soll einfach für 20 000 M. Pfandbriefe oder Etaatspapiere kaufen, dann ist sie die Belastung mit einem Schlage los. (Sehr gut! rechts und im Zentrum.) Der Abg. Weber bat vorgestern mit einer deutlichen Anspielung auf den Abg. Raab gesagt, es dürften über solche Fragen eigentlich nur Sachverständige, also Bankiers, milreden. Ich glaube, es gibt auch andere Leute, wie Industrielle, Kaufleute usw., die in diesen Dinge» be­reits Erfahrungen gesammelt haben und die daher für solche Fragen mindestens soviel Verständnis mstbringen, wie irgend ein junger Bankier. (Sehr gut! recht? und im Zentrum.) Auch in anderen Materien müffen ja hier im Reichstag Leute mitreden, die nicht gerade als „Sachverständige" angesproche« werden können; auch in Branntweinsteuerfragen beispielsweise reden ja auch Leute mit, die mit dem Gewerbe gar nichts zu tun haben. (Sehr gut! rechts und im Zentrum.) DieKo- tierungIsteuer hat also durchaus nicht den Zweck, das Kapital an der Börse zu unterdrücken, sie soll vielmehr nur gewissermaßen einen Ausgleich schaffen da­für, daß andere Berufszweige, namentlich das in der Landwirtschaft, in Industrie und Handel tätige Kapital schon so sehr mit anderen Steuern vorbelastet ist, (Sehr richtig! rechts und im Zentrum), während das mühelos zinsbringende Kapital verhältnismäßig am schwächsten belastet ist. (Beifall und Zustimmung rechts und im Zentrum, Widerspruch und Lachen links.) Daß durch eine verhältnismäßig geringe Abgabe, wie sie sich bei den Aktiengesellschaften in einer Verkürzung der Dividende äußern wurde, irgendwie die Entwickelung der Aktiengesellschaften aufgehalten werde« könnte, wird wohl im Ernst niemand behaupten wollen. (Sehr richtig! rechts und int Zentrum.) Der Reichsschatz­sekretär hat für seine ablehnende Haltung verwiesen auf die Begründung des Stempelsteuergesetzes von 1893. Das Gesetz von 1893 hat der damalige preußische Finanzminister von Miquel ausgear­beitet, und ich weiß positiv, daß dieser ein Freund der Kotierungssteuer war. (Hört,hört!) Dasselbe gilt von einem hervorragenden früheren Vertreter der nationalliberalea Partei, deffen Autorität als Finanzmann auf allen Seiten deS Hauses rück­haltslos anerkannt wird — ich meine den Abg. Bü­sing (Hört, hört!), der schon im Jahre 1883 erklärt hat, man könnte die Kotierungssteuer in Aussicht nehmen als Ausgleich dafür, daß die Papiere zu amt­lichen Notierungen im Kurszettel zugelaffen würden, wie das in Frankreich schon mit gutem Erfolge durch­geführt worden sei. (Hört! hört» Und der damalige Finanzminister Scholz erklärte, wenn die Absicht dieser Anregung dahin gehe, das mobile Kapital mehr als bisher zu den öffentlichen Lasten heranzuziehen, so finde diese Abficht die volle Sympathie der Regie­rung. (Hört, hört! rechts und im Zentrum). Schließlich sind wir gewiffermaßen mit der Nase auf die Kotie­rungssteuer gestoßen worden durch daS Material, das in ver Denkschrift zur letzten Finanzresorm enthalten war, auS dem wir vor allen Dingen auch das eine ersehen, daß die Kotierungsabgabe nach den in Frank­reich damit gesammelte« Erfahrungen nicht, wie der Effekten- «nd Umsatzstempel, in ihren Erträgen unsicher

„und schwankend ist, sondern vielmehr eine zuver­lässige, regelmäßige und sichere Einnahme­quelle darstellt. Wenn man in Frankreich jetzt mit dem Gedanken umgeht, die Kotierungssteuer abzu­schaffen, so hängt das zusammen mit der Absicht einer allgemein großen Steuerreform, insbesondere der Ein­führung einer allgemeine« Einkommensteuer. Aber es wird noch viel Zeit vergehen, bis es zur Erledigung dieser Reform kommt; jedenfalls darf man daraus nicht den Schluß ziehen, daß die Kotierungssteuer in Frankreich sich nicht bewährt habe. Nach der Kund­gebung im Zirkus Schumann müßte man beinahe glauben, daß alle deutschen Kaufleute, Geschäftsleute, Bankiers «sw. auf dem Standpunkte stehen, wie er dort mit großem Geschrei proklamiert worden ist. Da­von isi aber gar keine Rede. Es gibt viele Tausende von Kaufleuten und selbst Bankiers, die sich dieser Protestülndgebmrg nicht anschließen. Ich habe erst vor wenigen Tagen Gelegenheit gehabt, mit Bankiers, mit Kaufleuten, m.Jndustriellen a n s m ein e mW ahlkreise Rücksprache zu nehmen und auch nicht ein einziger hat sich gegen die Kotierungsabgabe erklärt Bor der Erbschaftssteuer hat die Kotrerungssteuer jeden­falls den einen großen Vorzug, daß sie bei Lebzeiten erhoben wird und nicht in dem Augenblick, wo der Besitzer gestorben ist, (Sehr richtig! und lebhafte Zu­stimmung im Zentrum.) und von dem Gesichtspunkte aus kann man vielleicht sagen: diejenigen, die so sür die Erbschaftssteuer eintreten, find die, die sich drücken wollen, überhaupt nicht zahle« wollen. (Erneuter Beffall rechts und im Zentrum, Unruhe links.) Eine sehr bemerkenswerte Tatsache ist, daß sich inzwischen die Mittelstandsvereinigung für Sachsen bereit- gegen ben Anschluß an den Hansabunb erklärt hat. (Hört! hört!) Für bie Art unb Weise, wie man im Zirkus Schumann seine Sache geführt hat, ist auch bie Tatsache bezeichnend, daß der Referent, Herr von Mendelsohn, seiner Polemik die Beschlüffe erster Lesung zu Grunde gelegt hat, während l diese inzwischen bereits längst durch die Beschlüffe zweiter Lesung ersetzt worden waren. (Hört! hört!) Wer so von falschen Voraussetzungen ausgeht, der muß natürlich auch zu falschen Schlußfolgerungen kommen. (Sehr gut! rechts unb im Zentrum.) Ich glaube, bie Regierung wird doch gut tun, nicht auf ihrer ablehnen­den Haltung zu beharren. Die Steuer ist gewiffer­maßen von den verbündeten Regierungen angeregt worden, z. B. durch Maßnahmen des früheren Finanz­ministers von Miquel. Ich glaube, daß die Beschlüffe, wie sie hier vorliegen, selbstverständlich viele Kreise in Mitleidenschaft ziehen werden; aber wer wird nicht in Mitleidenschaft gezogen, wenn es sich um die Beschaf­fung großer Summen handelt. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Ich selbst z. B. werde durch bie Kotierungssteuer ganz erheblich betroffen, aber ich mache mir nichts daraus. (Große Heiterkeit.) Die Kotierungssteuer ist nicht ungebührlich und nicht uner­träglich unb sie ist auf der anderen Seite durchaus durchführbar. Durch sie wird der leistungsfähige Besitz herangezogen und vor allem auch die Aktien- gesellschasten. Ohne eine soIche Belastung ist eine Finanzreform überhaupt ganz un­möglich. Was sollen die Handwerker und kleine« Landleute sagen, wenn wir, die Besitzenden, ihnen große Summen auferlegen sollen, selbst aber keine Lasten übernehme« wollen. (Zuruf links: Erbschaftssteuer.) Ach was, Erbschaftssteuer! Die Lebenden sollen zahlen. (Lebhafte Zustimmung rechts'und im Ztr.) Wirb bie Kotierungssteuer angenommen, so würde man das mit Recht als eine Verbeugung vor dem Großkapital ansehen. (Zustimmung rechts unb im Ztr.) Die Kotierungssteuer ist bie ge­rechteste unb vernünftigste im ganzen Steuerbukett. (Beifall rechts unb im Ztr., Zischen links.)

Reichsschatzsekretär Shdow erklärt, der Vorredner irre, wen« er gemeint habe, die verbündeten Regierun­gen hätte« in den „grünen Büchern" daS Material aus ausländischen Ländern zur Nachahmung mitgeteilt; das sei nur bezüglich der Erbschaftssteuer der Fall. (Heiterkeit.)

Reichsbankprästdent Havenstei« legt nochmals die Bedenken der Regierung gegen die Kotierungssteuer bar. Je tiefer man in die Einzelheiten dieser Steuer hineingehe, desto größer würden die Bedenken. Be­züglich der Börse möchte ich bemerken, daß nach 1896 infolge des Börsengesetzes ein starkes Zurückgehen aus­ländischer Depots in Deutschland stattgefunden hat. Ich dächte, man hätte alle« Anlaß, Wiederholungen

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solcher Vorgänge hintanzuhalten. Eine leistungsfähig«! Börse ist für u«S unerläßlich. Lehnen Sie die Kotie­rungssteuer ab!

Abg. Frank-Mannheim (Eoz.): ES heißt unS zn. viel zumuten, wenn man uns glauben machen will, * daß dies hier eine „Besitzsteuer" sei. Ein Stilett: ■ „Rüdesheimer" auf einer Flasche KartoffelschnapS' macht diesen «och lange nicht zum RüdeSheimer. ' Zweifellos ist, daß die Bautätigkeit durch Verteuerung' der Hypotheken erschwert wird, wen« diese Steuer Gesetz wird. Und dadurch werden auch bie Arbeiter durch diese Steuer schwer benachteiligt. Wenn eß, wahr ist, daß Hochmut vor dem Fall kommt, dann' find wir überzeugt, baß der Sturz der agrarische« Herrschaft nicht mehr weit ist. I

Hieraus vertagt das HauS die Weiterberatung auf morgen.

[] Reichstagsauflösung?

Der gesamte Liberalismus drängt mit seltener• Einmütigkeit auf eine Auflösung des Reichs­tags hin.

Die Abgeordneten Baffermann, Dr. Wiemer I und v. Payer haben diesem ihrem Wunsche schon in, ihren letzten Reden im Reichstage sehr lebhaften Ausdruck gegeben. In parlamentarischen Kreisen wurde am Samstag erzählt, daß die liberalen Parten sich sehr bemühten, den Fürsten Bülow, der persönlich einer Reichstagsauflösung iv,Ver­strebe, für diesen Gedanken zu gewinnen. Am Sonntag hat in Hannover der national» liberale Vertretertag stattgefunden, auf dem Herr Baffermann erklärte, eine Reichstags­auflösung sei im gegenwärtigen Augenblick für die liberalen Parteien nicht ungünstig. Wes­halb, hat Herr Baffermann tm Reichstage bereits mit erfrischender Deutlichkeit bekanntgegeben. Die' Liberalen hoffen auf die Unterstützung des amtlichen Wahlapparats. So schreibt der freisinnige frühere Abg. v. Ger lach:

„Bülow ... hätte die Konservativen zu Paare« treiben könne«, wenn er ihnen am Mittwoch ankündigte: geht die unverkürzte Erbanfallsteuer nicht durch, so muß ich dem Bundesrat bie Auflösung be8, Reichstages vorschlagen. Hei, wie das de« Konserva­tiven die blaffe Angst in das bisher so mannhafte Ge­bein getrieben hätte! Denn das wissen die tapferen Hüter des große« agrarischen Portemonnaies ganz genau. eine Auflösung mit der Parole „Für ober wider eine gründliche Erbschaftssteuer!", die dezimiert die Herren Junker. Eine so zugkräftige Parole ist noch gar nicht dagewesen. Dazu die vielen Gelder be8 H ansabundes! Da könnten die Agrarier einpacken! Freilich, auch die Sozialdemokraten würden tüchtig an­wachsen. Aber umso ertragreicher kann die Erbschafts­steuer ausgestaltet werden."

Man denkt sich die Sache augenscheinlich so: Bülow soll die Stellung der Konservativen durch schroffes Vorgehen gegen die „Schwarzen" er­schüttern. Herr Baffermann gab in Hannover bereits das Zentrum als daS Ziel an, gegen daS sich wieder der Kampf zu richten hätte. Die Reichstagsauflösung sei nötig, meinte er, denn überall im Lande verbreite sich immer mehr die Erkenntnis, „daß daS Interesse des Volkes dem Parteiintereffe des Zentrums geopfert werden solle". Bei den Hottentottenwahlen ist eS ja gelungen, durch den Kampf gegen daS Zentrum die Sozialdemokratie zu schwächen. Mit Hilfe des Evangelischen Bundes trieb Fürst Bülow die Nachläufer der Genoffen in die Arme der „nationalen" Parteien. So soll eS auch jetzt mit de» Konservativen gemacht werden, wenn es nach den Plänen der Liberalen geht. Die Frage ist nur, ob Bülow es riskiert.

Wir glauben es nicht. Die freikonservative „Post" erklärt es für unbedingt sicher, daß in

Bernhard von der Siche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach' 11] (Nachdruck verboten.)

Bonder und Schwester, Bernhard und Ines, hatten Herta zu Weihnachten auf acht Tage be­sucht. Raubens machten den Eindruck eines schon lange verheirateten Paares ,das ruhig und zu- srieiden nebeneinander lebte. Aber Bernhard ließ sich nicht täuschen, er sah tiefer. Die friedliche Oberfläche war Schein. Es mußte manchen Sturm in dieser Ehe gegeben haben; das verriet die Sor­genfalte auf des Mannes Stirn, der oft traurige AuÄruck seiner Augen, und Hertas unnatürliche, .übertriebene Fröhlichkeit, ihr unstätes, zerfahrr- nes Wesen. Sie waren ausgesucht höflich gegen­einander, und gerade in dieser streng innegehal- tancn Form lag das, was Bernhard stutzig machte. Ein wirklich glückliches Ehepaar behandelte sich nicht so kühl und gemessen.

Kein Zeichen der Liebe, kein wärmerer Blick Kvischen beiden, immer dasselbe gleichförmige Verhalten, das jeder noch so kleinen Zärtlichkeit entbehrt. Einmal machte Bernhard der Schwe- stzr gegenüber eine Bemerkung, die darauf hin­zielte. Herta lachte hart.

„Was willst Du?" fragte sie. „Wir sind ein modernes Ehepaar und halten beide nichts von verliebten Abgeschmacktheiten, die überlassen wir den Dummen."

„Also ein starker Geist," sagte Bernhard sar­kastisch.

„Nenne es so. wenn es Dir Spaß macht," lau­tete die kurze Entgegnung.----

Die Wunderwelt der Alpen stieg vor Bernha-d v. d. Eiche in ihrer majestätischen Schönheit empor. Er unternahm eine Reise, denn er bedurfte her Erholung, nach Wochen anstrengender Arbeit war M -och erster Assistentaus dem Hochoienwe-rk ge­

worden. Sobald er von seinem dreiwöchentlichen Urlaub heimkehrte, realisierte sich sein Wunsch, Ines zog zu ihm. Er hatte die Schwester einmal gesehen, gerade ehe Ines nach Stettin ging, um dort den halbjährigen Kursus in der Kranken­pflege zu beginnen. In ihrer energischen, frischen Art ergriff sie alles mutig. Sie schrieb sehr be­friedigt über ihre augenblickliche Tätigkeit. Der Abschied vom Försterhause und seinen Bewohnern, namentlich von Luise, war Ines schwer gefallen, aber sie stand in regem Briefwechsel mfit der Freundin.--

Der aus Rorschach kommende Zug näherte sich Zürich. Ein buntes Menschengewühl drängte sich auf dem Bahnsteig. Es war irgend ein Schützen- fest gewesen; stoßend und drängend stiegen die mit bunten Bändern und Abzeichen geschmückten Bur­schen und Mädchen in die dritte lKasse ein. Mit lebhaftem Interesse studierte Bernhard das Trei­ben. Er liebte es, Land und Leute auf der Reise zu beobachten, und hier bot sich ihm ein neuer Typus dar; zum ersten Male war er in dec Schweiz.

Ein leichtes Geräusch hinter ihm, als er zum Fenster hinauslshnte, ließ ihn den Kopf wenden; es rauschte wie von seidenen Frauenkleidern. Eine Dame war eingeftiegen und hatte an dem andern Fenster Platz genommen.

Gleich darauf ging der Zug nach Luzern ab. Berhnards Augen streiften flüchtig das Ge­sicht der Mitreisenden. Die Fremde hatte ein schönes, feingeschnittsnes Antlitz. _ Unter dunklen, reichen Haaren, die am Hinterkopf zu einem glän­zenden Knoten vereint waren, blickten zwei man- beiförmig geschnittene, f amtbraune Augen. Sie sah fast wie eine Südländerin aus, dem wider­sprach aber der blendend weiße Teint mit köst­lichem, leicht gefärbten Inkarnat. Sie hatte sich leicht vorgebeugt und studierte in 'einem rot ge­bundenen Buch. Es war der Bädecker. Konnte die Dame eine Engländerin sein, eine jener wunder- lieben Exemplare, die, das Reisebuch in der Hand,

sich darin vertiefen, während Gottes herrliche Welt fast unbemerft an ihnen vorbeigeht?"

„Ich hoffe es nichr," dachte Bernhard, und gleich darauf mußte er lächeln. Was ging ihn die Fremde an? Wahrscheinlich würde er nie ein Wort mit ihr sprechen. Ihre Wege trennten sich, sobald der Zug in die Eisenbahnhalle von Luzern einlief. Er wollte nicht indiskret erscheinen. Sie hatte das Buch in eine elegante Reisetasche gelegt und schaute zum Fenster hinaus. Es war , still in dem kleinen Wagenabteil; sie waren die einzi­gen Passagiere darin. Luzern näherte sich.

„Ich muß noch einimal das schöne Gesicht sehen," dachte der junge Assistent und wendete ihr ben Kops zu.

Leise rauschte es. Sie war aufgestanden und stand am Fenster. Sie war groß und schlank. Das schlich: sitzende, graue Kostüm verriet den Wiener Schneider. Es erschien ttotz der scheinba­ren Einfachheit kostbar. Ein kaum merklicher Veilchenduft drang bis zu Bernhard hinüber. Ger­tenschlank und doch dabei voll Anmut sah sie wie ein junges Mädchen aus.

„Sie muß es sein," schloß Bernhard, nachdem er die graziöse Gestalt eingehend gemustert hatte. Sie wendete ihm ja Öen Rücken zu. Deshalb brauchtt er nicht für indiskret gehalten zu wer­den. Und plötzlich kehrte sich die Fremde um; die Blicke der beiden Reisenden trafen! sich, ffüch- tig nur, aber trotzdem prüfend und mit titoaS Neugier.

In Luzern erwartete eine behäbige allere Dame die Fremde. Bernhard öffnete die Kupee- tür; mit einer höflich,« Verbeugung bat er die junge Reisende auszusteigen. Als er ihr folgen wollte, fiel fein Auge zufällig auf ihren Platz. Sie hatte die braune Reisetasche mitgenommen, aber auf dem Boden lag ein Portemonnaie aus rotem Juchnmleder, es mußte ihr entglitten fein. Rasch hob Bernhard es auf. Es war schwer und mußte wohl eine größere Summe in Gold enthal­ten. Mit einigen Schritten erreichte er die Da­

men. Er zog den Strohhür; barhäuptig stand er vor ihnen.

„Gnädigstes Fräulein," sagte er, „gestatten Sie, daß ich Ihnen Ihr Eigentum zustelle; ich fand es auf Ihrem Platz."

„Ich danke Ihnen, mein Herr."

Ihre Stimme war klangvoll und melodisch, ein leichter Akzent färbte sie. So sprechen die Perers- burger. Bernhard hatte Gelegruheit gehabt, auf der Akademie mit jungen Russen zu verkchren, deshalb hörte er heute nicht zum ersten Male dies, weiche, fremdländische Betonung.

Ihre und seine Hand berührten sich leicht, als sie das Portemonnaie in Empfang nahm. Dann trat er zurück und blickte ihr nach, wie sie hoch und stattlich durch die Menge der ausgestiegenen Reisnden ging mit kaum merklich wiegendem Gang. Er hielt noch immer den Strohhut in der Rechten, er hatte vergessen, ihn aufzusehen. Ange- sichts des tiefblauen Vierwaldstädter Sees und des großartigen Panoramas des Berner Oberlan­des vergaß der Assistent der H.'schen Hochöfen aber das kleine Erlebnis.

Erst am Abend dachte er wieder daran, als er kmgsam am Quai des Sees dahinschlenderte. Vom Schweizerhof, dem vornehmsten Hotel Lu­zerns, ertönte Musik. Die Gäste waren von der Tadle d hote gekommen und saßen oder lustwan­delten im Garten. Flüchtig glaubte Bernhard seine ReisegesiHrtin zu erkennen. Sie trug ein Helles Kleid au» einem durchsichtigen Stoff und beugte sich über die Ballustrade der großen Ve­randa; es sah fast aus, als suche sie jemand. Gleich darauf verschwand sie; Bernhard sah sie nicht mehr.

„Schade," dachte er, daß ich nicht im Schweizer­hof wohne. Mein bescheidenes Gasthaus hat sie natürlich nicht angelockt, das ist nichts für sie. Nur schlichte Familien bewohnen das Hotel des AlpeS.

Fortsetzung folgt)