36. Jahrgang.
Fulda, Montag den 21. Juni 1909
M 138.
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Der
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* Lteuererhohung in Frankreich. In der Tcpu- ücttenkammcr brachte Finanzminisier Caillaux am Freitag das Budget für 1910 ein, das nunmehr nach verschiedenen Abstrichen nur noch ein Defizit von 105 Millionen ausweist. Davon will der Minister 45 Millionen aus das Budget für 1911 übernehmen, so daß noch 60 Millionen zu decken bleiben. Davon sollen 10 Millionen eingebracht werden durch eine Verschärfung verschiedener kleinerer Steuern, hauptsächlich der Plakat- und Quittungs- steuer, 9 Millionen durch eine Steuer von 5 Centimes ans das Liter Petroleum, das für Automobilzwecke verwandt wird, 10 Millionen durch eine
Aus dem Nachbargebiele.
O Bom Lande, 21. Juni 1909. In Nr. 133 der ,FuW. Ztg/ finden sich unter Lokales zwei Artikel, welche sich in Betrachtungen über die am 12. und 13. d. M. niedergegangenen Regenmaffen ergehen und daran anknüpfend von einer Beseitigung bezw. Milderung des Futtermangels reden und ein Sinken der Milchpreise Vorhersagen. Die nackte Wirklichkeit ist dabei nicht berücksichtigt. Da möchte man ausrufen: „Freund, grau ist alle Theorie!" Die Futter-Aussichten sind schlecht. An Wiesenheu und Heuklee wird kaum die Hälfte einer normalen Ernte erzielt. Infolge der Trockenheit und mehr noch durch die Mai- und Junifröste fehlt das Bodengras, selbst in feuchten Wiesen ist es nicht besser. Mag noch soviel Regen jetzt im Juni kommen, so haben sie keinen Einfluß mehr auf das Wachten von Heuklee und Hrugras; wie alle bisherigen Juni- niederschläqe schützen sie nur vor dem Dörren der flehenden Gräser. Beim Einwintern hatte der Boden auf höchstens 15 Zentimeter Tiefe Feuchtig- teit und bis auf 50 Zentim. war der Boden ausgetrocknet. Da die Felder bei dem ersten starken Froste unbedeckt waren, drang der Frost 80 bis 100 Zmtr. tief ein; infolge dessen gingen dann die niedergegangenen Schneemassen bei dem schnellen Tauwetter mit Regensälien über den Boden weg und verursachten die Verheerungen bringenden Ueberfchwemmungen. Zudem hätten nach dem Durchschnitt in den Monaten Januar bis Juni 20 Millim. Niederschläge erfol gen müßen, in der Tat aber sind nur in der Nähe FuldaS 133 Millim. Niederschläge eingetreten: Januar 18,4, Februar 44,2, März 21,2, April 18,2 und Mai 31,1 Millim. Sollen Sommerfrüchte noch gedeihen und Grummet und zweiter Kleeschnitt, dann ist reichlicher Regen und Wärme in kürzester Zeit notwendig. Nur Roggen gewährt bis jetzt die Aussicht auf eine normale Ernte.
[:] Hilders (Rhön), 18. Juni 1909. Dreißig Alumnen des Priesterseminars zu Fulda mit ihren Herren Professoren erwählten sich zu ihrem diesjährigen Sommerausfiuge eine gerade den Fuldaern Touristen noch wenig bekannte aber reichlich lohnende Rhöntour. Die Ausflügler benutzten den ersten Zug Futda-Hilders- Tann bis zur hiesigen Station. Von hieraus erstieg man den eine halbe Stunde südöstlich gelegenen aus säulensörm gem Basalt bestehenden
»Ä wochEar« „Illustrierte Sonntagsjeitung“
628,7 m hohen Baltenstein mit der Kreuzigungsgruppe und der Wallfahrtskapelle. Dann führte der Weg durch den mit allem Buchenbestande bewachsenen, herrlich gelegenen Rhönwald nach der „Battener Hut", durch die beiderseits mit hübschen Fichtenriesen umrahmte Frankenheimer Allee nach dem auf dem Plateau der hohen Rhön, 760 m über dem Meere, gelegenen höchsten Rhöndorfe Frankevheim. Nach einem Frühstück im Gasthause „Zur Rhön" wurde die Wanderung auf den eine halbe Stunde entfernt liegenden Bill stein, auf welchem der Frankenheimer Rhönklub-Zweigverein im vergangenen Jahre ein Zement- Tempelchen mit schattigen Tisch- und Waldanlagen hat Herrichten lassen, fortgesetzt. Hier angekommen, hat man eine herrliche Fernsicht auf daS lang sich hinziehende Ulstertal mit den es begrenzenden waldumsäumten Bergen und Höhen. Nunmehr erfolgte der Abstieg auf dem bequem angelegten, mit Ruhebänken als Stellen mit großartiger Aussicht gekennzeichneten schattigen Waldwege durch den Rhönwald, am Forftpokale vorbei, nach dem in IV» Stunden zu erreichenden Hilders, wo im Hotel-Restaurant „Zum Engel" zu Mittag gegefien wurde. Es herrschte eine fröhliche Stimmung in der wanderlustigen Reisegesellschaft, welche durch Gesang- und Klavier- votträge gehoben wurde. Um 7 Uhr abends wurde in unserer Pfarrkirche die übliche Fron« leichnams-Andacht gehalten, wobei der Gesangchor der Alumnen ein vierstimmiges Herz-Jesu-Lied und die Herz-Jesu-LUanei sang. Mit dem letzten Zuge ging's wieder heim.
«scheint täglich mit Aurnahme der Sotm- und Feiertage, viettel- jährlicherveMspreir ohne vttngerlohn und Bestellgeld in Fulda so- »ie auswärts I.SüMt.
Peranti». Redakteur: «arl Schütte;
Literarisches.
„bevorstehende" Weltkrieg als Borläufer bei Weltfriedens und zugleich ein Kampf um 8 Deutschtum Bon Oberdeckoffizier Kaemmerer. (1.—.) Leipzig, Hof - Verlagsbuchhandlung, Edmund Demme.
trumsführer nicht empfangen habe. Die „Nationalztg." wollte dies dahin erläutern, daß es sich um Nichtgckwährtmg einer nachgeiuch- ten politischen Unterredung gehandelt habe, die anders zu beurteilen sei als die Ablehnung eines gewöhnlichen Besuches. Die „Tägl. Rundschau" glaubt mit der Anführung dieser Tatsache das ganze Thema der gesellschaftlich m Beziehungen des Zentrums zum Fürsten Bülow abtun zu dürfen und schließt, es werde dem Zen'rrum also durch keine Verdrehung der Tatsachen gelingen, ben Vorwurf gesellschaftlicher Taktlosigkeit von sich abzuwälzen. So schreibt das Blatt 24 Stunden später, nachdem Abg. Dr. Spahn den wahren Grund, weshalb das Zentrum die Beziehungen zum Kanzler abgebrochen hat, vor aller Welt kundgetan hat.
Das „Berlineer Tageblatt" meldet nun, daß Fürst Bülow den Abg. Spahn privatim — durch Herrn v. Löbell — habe wissen lassen, daß er dem Zentrum denVorwurf „a n t i n a t i o n a l e r Arroganz" niemals gemachr hab?. Das ist unrichtig. Der Ausdruck „antinationaler Arro- ganz" ist in einem Schreiben enthalten, das Fürst Bülow während der Blockwahlkampagne an die „Associated preß" gerichtet hat. Dieses Schreiben wurde zwei Tage vor den Wahlen im Berliner Lokalanzeiger veröffentlicht und stellte den letzten Trumpf dar, den der Kanzler in der Wahlkampagne gegen >däs Zentrum ausspielte. Die Abgg. Spahn und Gröber haben im Reichstage am 25. nnd 28. Februar 1907 gegen dieses Schreiben des Fürsten Bülow und die darin enthaltene Beleidigung Stellung genommen, aber Fürst B ü - l o w hat mit keinem Worte darauf z e - antwortet, sodaß man es dem Zentrum wirk- lich nicht verdenken kann, wenn es aus solchem Verhalten des Kanzlers die Konsequenzen zog. Fürst Bülow hat geäußert, im Auslande sei ein ähnlicher Vorgang unmöglich. Im Auslande ist allersings unmöglich, daß ein M i n i st e r eine große Partei in der Art beschimpft, wie Fürst Bülow es getan hat; wenn z. B. ein englischer Munster sich solche Sprache erlaubte, so sind wir gewiß, daß der Unwille des ganzen Parlaments ihm das Verbleiben in seinem Amte unmöglich machen würde. Es darf auch daran erinnert werden, daß der Vorwurf in der dmischen parlamentarischen Geschichte nicht ohne Vorbild ist. An: 6. Dezember 1881 erschien in der „Nordd. Allg. Ztg." ein Artikel betreffend die Hamburger Zollangelegenheit, in der Frage , Bismarck mir Windthovst hart aneinander geraten war. In diesem Artikel wurde gesagt, „Windthorst konspiriere mit dem Auslande". Der plumpe Ausfall hatte ten Erfolg, daß 60 Zentrumsmitglieder, die für den folgenden Tag zu einem parlamentarischen Abend beim Fürsten Bismarck eingeladen waren, die Einladung ausschlugen. Fürst Bismarck war darüber nicht wenig betroffen, hat sich aber wohlweislich davrr gehütet, Mitgliedern der Zentru'n^sfraktion noch einmal eine derartige Kränkung anzutun.
Drusches Reich
Tie gesellschaftlichen Beziehungen des Zentrums zum Fürsten Bülow.
Die „Germania" hatte im Anschluß an die Rede des Kanzlers die Meinung bertreten, daß Fürst Bülow der erste gewesen sei, der die Beziehungen abgebrochen habe, da er einen Zeu -
Anzeigen =
find in der »Füld. Itg.* m ficherrm Srfslz
4- Eine Niederlage der liberalen Opposition.
Der erste Sturm wäre also glücklich abgeschlagen: mit 186 gegen 116 Stimmen hat das Plenum des Reichstages die Zulässigkeit der Kommissionseschlüsse anerkannt.
Die Opposition hatte zwei Anträge angebracht. Singer verlangte, daß der Teil der Kom- fmWonsbeschlüsse, der die neu eingchugten Steuervorlagen enthielt, von der Tagesordnung abgesetzt würde, Bassermann dagegen wollte nur, daß die beginnende Beratung als erste Lesung dieser Entwürfe angesehen werden sollte. Der sozialoemokratische Antrag, der die logische ^Konsequenz der von der Opposition vertretenen Auffassung darstellie, fand nur die Zustimmung des Freisinns, der Antrag Bassermann, der vw- Mitteln wollte, sachlich aber uirzulässig war, weil es nach Anullierung der betreffenden Kommls- !sionsbeschlüsse mangels entsprechender Anträge 'an jeder Unterlage der weiteren Verhandlung gefehlt hätte, wurde mit der oben genannten Mehrheit abgelehnt. Gegen den Antrag stimmte ';fcie Kommissionsmehrheit nahezu geschlossen, nur die eifrigen Blockvertreter von der Reichspartei, .Arendt, Fürst Hatzfeldr und ihre engere Gefolgschaft, gingen zur Opposition über.
Die Bedeutung des Votums des Reichstages beruht darin, daß nunmehr die Tätigkeit der Kommission sanktioniert worden ist. Die Vertreter der Opposition gaben sich verzweifelte Mühe, das Verfahren der Kommissions- meihrheit als unzulässig unib rechtswidrig zu kennzeichnen. Ihre Ausführungen können aber den objektiven Beurteiler der Dinge keineswegs überzeugen. Es mutz daran erinnert werden, daß die Nationalliberalen ursprünglich an der Beratung der neueingefügten Entwürfe sich beteiligt haben, sie stellten sogar Abänderungsan- tröge. Später erst als sie zu der lieber- Keugung kamen, daß für ihr taktisches Verhalten ‘bic Opposition zweckmäßig seh. kamen sie auf den Gedanken, die Rechtmäßigkeit des Verjfahrens, ort dem sie sich ursprünglich selbst beteiligt hatten, anzuzweifeln. Erreicht haben sie damit, wie sich gezeigt hat, nichts, ihre Hoffnungen haben Zich als trügerisch erwiesen. Der Erfolg enter Annahme des Antrags Bassermann wäre nur der gewesen, daß die Verhanülungen über die Fiitanz- refarin eine bedenkliche Verzögerung erlitten hatten, die vielleicht sogar eine Verschiebung der ganzen Reform auf den Herbst im Gefolge gehabt haben würde. Schon ans diesem Grunde kann matt die Entscheidung des Reichstags nur mit Freuden begrüßen.
Das Haus trat sofort in die Einzelberatung der Kommisfionsbescblüsse ein beginnend mit der Datierung »ft euer. Es bestech die Hoff- nutig, daß die Parteien, die in der Kommission positive Arbeit geschafft haben, jetzt auch im Plenum in der Vertretung ihrer Beschlüsse fest zu- fammenstehen werden, sodaß mit einer baldigen glücklichFt Erledigung des großen Werkes der Finanzreform gerechnet werden darf.
„Hochaktuell" steht in großen Lettern auf dem Umschlag; bester würde es heißen „verfrüht". Der« saster zeigt eine sehr rege Phantasie, deren Schöpfungen er in schöne und lebhafte Sprache kleidet. Einen Weltkrieg zeichnet er und verteilt all« Rationen der 5 Weltteile gerade wie ein Kind sein« Bleisoldaten; Luftschiffe und Lustschiffkanonen ebenso wie das „physikalische Auge" der Unterseeboote werden alles vernichten, ehe der Völkerfriede zustande« kommen wird. Verf. spricht sich gegen den Krieg aus, er will durch drastische Darstellung der Streitkräfte und Machtmittel warnen, um so mehr an der Erhaltung des Friedens zu arbeiten. N. S.
MaerW Zeitung
Monatrb-llage: „Fuldaer Geschichtsblätter"
Abstufung der Hundesteuer, 7 Millionen durch gleiche Behandlung der Kolonialwette mit den französischen Wetten. Schließlich sieht der Entwurf eine statt- stische Abgabe vor auf das Kapital, das durch Erbschaftserklärung zum Vorschein kommt.
* Die Schraube ohne Ende. Der erste Lord der englischen Admiralität, Mac Kenn«, htelt am Freitag in Middleton (Lancaster) eine Rede, m derer in bezug auf die Flotte sagte, die Regter- tg habe sich drei Jahre hindurch bemüht, eine er» ringcrung der Rüstungen in die Wege zu l iten, aber andere Nationen feien dem Beispiele nicht gefolgt. Infolgedessen könnten selbst die zuversichtlichsten Leute nicht umhin, anzuerkennen, d.rß gegenwärtig Hoffnungen auf eine Begrenzung der Flottenprogramme grundlos seien. Die Regierung gebe ihr Geld lieber für soziale Reformen aus als für Schiffe; aber es werde weder aufgehört werden, für die äußere Sicherheit zu sorgen noch für innere Reformen. Was die jetzige Besteuerung angehe, so sei sie nicht von verderblicher Wittung, denn sie nehme auf die Kräfte des Landes Rücksicht.
HassErtüchfePlÄ
Verleihanstalt wasserdichter Zeltdecken zu Festlichkeiten!
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Bernhard von der Siche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach. 10} (Nachdruck verboten.)
„Wie familiär", Lachte Herta ungeduldig; si- selbst hatte nur ein steifes Kopfnicken für alle. Sie war müde und abgefpaniir von der Reife durch die Nacht, von den Tagen in Berlin, die sich aus Einkäufen, Theater-Vorstellungen und lange« Beratungen mit dem Wiener Schneider zusammengesetzt hatten.
„Liebe Herta", sagte ihr Mann, „ich glaube kaum, datz Du Gelegenheit haben wirst, alle diese Toiletten auf dem Lande zu tragen. Die Damen .unserer. Gutsnachbarn gehen gut, aber einfach gjfleiöet."
„Mein Gott, ich kann aber doch nicht wie eine Magd aufgezogen sein!" rief sie ungeduldig. „Ueberlasse es mir, in solchen Dingen brauche ich keinen Rar, mein Geschmack ist maßgebend."
Ein zweiter Wagen brachte die Rohrplattenkoffer und Schließkörbe der jungen Frau. Auf Iber Hochzeitsreise nach Italien harte sie für ihr Atelier, kostbare Draperien und Stoffe, antike Waffen und Statuetten gekauft, und ohne zu murren, bezahlte Randen die hohen Rechnungen ,Er war zu sehr grand Seigneur, um ein Wort darüber zu verlieren. Es machte ihn glücklich, -das Füllhorn seines Reichtums über das Haupt Der geliebten Frau cmszuschütven. War er ihr in den Wochen ihrer Ehe näher gekommen? ..Hatte sein heißes Werben um ihre Liebe eine ^Antwort gefundM?
Wenn es ihm zuweilen so erschien, so kamen ioch gleich darauf Zweifel, und er fragte sich, E es ihm gelingen würde, die schlummernde ^Uiche zu wecken. Er wollte nichr verzagen, nicht (Nrutloz werden, sein Bestes daran setzen, die ihn (I® oft verletzend! Kälte in warm pulsierenüeZ
8U verwandeln. Schon die lange Entfer- m von der geliebten Heimat war für Friedrich oranDan schwer zu ertragen. War er doch mit
Leib und Seele Lanowirt. Hing er doch mit jeder Faser s.sin.'s Herzens an der Stätte, an die sich feine frühesten Erinnerungen knüpften. — Herta schien es nicht eilig zu haben, die Be- kanntfchaft ihres Heims zu machen. Sie wünschte noch länger umherzureisen und schmollte, als ihr Gatre ihr ernst, aber freundlich erklärte, daß et nicht länger von Schloß Randenhaoen fern zu bleiben giedenke.
„Du hast doch Deinen Verwalter, der Dich vettritl", meinte sie. „Bitte, laß uns doch die Reife nach dem Schwarzwald machen und die Rennen in Baden-Baden miinehmen."
Sie legte den Arm um ihn. Wenn es galt, ihren Willen durchzusetzen, konnte sie es. Er schwankte einen Moment, dann sagte er aber fest: „Nein, es bleibt dabei, wie ich sagte, meine Arbeit wartet auf mich. Ich sehne mich nach der gewohnten Tätigkeit; wir kehren Mitte Mai nach Randenhagen zurück."
Es war das erste Mal. daß sein Wille den ihren kreuzte und ihn beugte. Sie sah ihn erstaunt an. Eine Ahnung, datz es ihr doch nicht in allen Dingen gelingen werde, ihn nachgebeir zu sehen, drängte sich ihr auf. Da versuchte sie es mit Schmollen. Aber entweder bemerkte er es nicht, oder er hatte sich meisterhaft in der Gewalt, seine gleichmäßige Freundlichkeit und Rück- sichtnahme blieb dieselbe.
Jetzt reichte Randen seiner Frau den Arm und führte sie durch fein elterliches Haus. Selbst Hettas Ansprüche waren befriedigt durch die schöne, gediegene Cinttchtung der hohen Zimmer. Ihr Mann hatte keine Kosten gescheut, um fein stattliches Heim für sein geliebtes Weib würdig zu schmücken. Neben den wertvollen alten Möbeln, die sich vom Vater auf den Sohn weiter vererbten, war dem modernen Geschmack Rechnung getragen. Zuletzt führte der Schloßherr Herta in ihr Boudoir, das, in zartgrünen und pfirsichroten Farben gehalten, ihr ein entzückendes „Ahl" der Bewunderung entriß. Schwellende, kapriziöse Sitze und Fauteuils mit demselben
Seidenstoff wie die Farben der Vorhänge uni) Tapeten standen in dein achteckigen Raum, der durch vier hohe Fenster sein Licht erhielt. Einig» Böcklin'sche Bilder: „Der Eremit", „Im spiel der Wellen", zietten die Wände, auf der Stofen- holzetagwe tickte eine Porzellanuhr im Rokokostil uni reizende Nippesfachen waren geschmackvoll darum geordnet. Herta sieht alles und ein Gefühl der Dankbarkeit regte sich in ihrem Herzen. Mit einem Aufleuchten ihrer großen Augen hielt sie ihrem Manne die Hand hin.
„Ich bin Dir wirklich sehr dankbar", sagte sie und der von ihm ersehnte warme Klang lag in ihrer Stimme. Wie sie vor ihm stand in ihrer Schönheit und Jugend, kam es wie ein Taumel über den Mann, er zog sie in die Arme und bedeckte ihr Gesichr, ihr duftiges Haar mit leidenschaftlichen Küssen. Er hatte sich bisher so meisterhaft beherrscht; sein mächtig erregtes Gefühl ließ sich aber in dieser Mumie nicht mehr eindämmen, es brach tote eine wilde Sturmflut über die Schranke, die er sich auf er legt, die er mit so großer Uebertoickdung zwischen sich und sein Weib gezogen hätte.
„Herta", stammelte er, „wenn Du wüßtest, wie ich Dich liebe."
Sie war erschreckt über diesen vulkanischen Ausbruch, ihre Glieder schienen wie gelähmt. Stumm lag sie in der starken Umklammerung des Marnies. Sie war blaß geworden, die langen, dunklen Wimpern deckten die Augen. Er fühlte etwas wie Mirleid mit ihr und bedauerte fast seinen Mangel an Ueberwindung. Sie befreite sich von seinen Armen. Ruhig stand sie da, nur ihre Lippen bebten etwas.
„Habe ich Dich erschreckt, mein Liebling? mein Alles?? fragte Randen. „Aber es wäre m.chr, als man von einem Manne verlangen dürfte, wenn er falt bliebe Deiner Schönheit gegenüber. Ich habe mit mir gekämpft um ruhig zu bleiben; einmal mußte 'die hochgehende Flut sich doch Bahn brechen."
„Ich liebe solche Aeutzerungen Deiner Leidenschaft nicht, bitte, unterlasse sie in Zukunft."
Wie ein scharf geschliffener Dolch trafen ihre Worte sein Herz. Ein tiefes Weh erfüllte es. Sein Weib, ihm gehörend und doch nicht fein eigen, denn es fehlte die Hingabe der echten, ehelichen Liebe. Was er durch sie besaß, war nicht genug, um den Hunger seiner so lange einsam gebliebenen Seele zu stillen. Erst wenn das große Opfer, das das Weib in der völligen Hingabe ihres Jchs bringt, wenn dieser Akt durch die Liebe eingegeben wird, erst dann empfängt er seine Weihe. Herta fühlte nur ihre Erniedrigung. Der bittere Gedanke, daß sie sich verkauft hatte, fing an, seinen scharfen Stachel zu zeigen.
Randen fühlte sich von einem Eishauch berührt; er verbeugte sich gemessen tote vor einer Fremden.
„Es soll nicht wieder geschehen", sagte er leise.
Herta war an eines der hohen Bogenfenster getreten und starrte hinaus. Von hier sah man das Meer. Es lag grau und still da, als trüge es em großes Leid.
„So ist mein Leben", dachte die junge Fratt, „ebenso grau und ohne Abwechslung wird es hier verlaufen."
Und sie wünscht den Sturm herbei, der die träge Flut aufpeitschk, der die Wellen türmt, daß sie in wilder Klage gegen die Dünen anprallen. Als sie sich umwendete, war ihr Mann nicht mehr da. Sie befand sich allein. Sie eilte zur Tür und verschloß sie, dann Watt sie sich auf die schweb lendm Seidenpolster des Sofas und brach in' Träne!-, aus. Sie weinte um das, was sie verloren hatte, um ihre Mädchenfreiheit, um das Recht der Selbstbestimmung, um die Fessel, die sie trug. Sie war von Gold, aber nichtsdestoweniger drückte sie wie eine Kette. Kann es eine größere Sklaverei geben als die, einem Mann anzugehören, den man nicht liebt? Achtung allein ist zu wenig. Herta fühlte es immer deutliche^ sie hatte ihr Herz nicht gekannt, als sie glaubte, sich danttt begnügen zu formen. (Forts folgt.)