Zuldaer W Zeitung
Btondsieiloge: „Klidaer SeschWz-Mer"
z.parrel»rl»zulda. wochncktikarc: .Muftrierte Sontrtagsieüung"
36. Jahrqansi
Fulda, Montag den 21. Ium 1909
JV5 138.
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Verantm. «edalteurr «ariZchütter
Deutscher Reichstag
Sitzung vom 19. Juni 1909.
Am Tische des Bundesrats: Fürst Bülow, Frhr. o. Rheinbaben, Delbrück, Sydow ufw.
Das Haus und die Tribünen sind mäßig besetzt.
Das Haus setzt die Aussprache über die
Reichsfinanzreform
Deutsches Reich.
» Berlin, 21. Juni 1909. Der Großadmiral v. Klöster feiert am heutigen Montag den Tag, an dem er vor 50 Jahren in die Marine eintrat. — Die englischen Gei st - l i ch e n, deren Rundreise durch Deutschland in Bremen endigte, haben am Samstag an Bord des Dampfers „Bremen* des Norddeutschen Llyod von Bremen aus die Rückreise nach Southampton angetreten.
* TaS Kaiserpaar traf Sonntag nachmittag in Hamburg ein und begab sich nach dem Horner Rennplatz.
)( Kein Reichsgeld für die Agitation für die Erbschaftssteuer. Neulich hat bekanntlich der Vorsitzende des Brandenburgischen Gast- wnteverbandes behauptet, dem mittelständlerischen Abg. Rahardt seien für bte Mittelstands- kundung zu Gunsten der Erbschaftssteuer 30000 Mk. Reichsgelder zur Verfügung gestellt worden, damit er diese Kundgebung für die Steuerpläne der Regierung inszeniere. Die Regierung läßt das jetzt dementieren. Eine Verwendung von öffentlichen Mitteln für die Zwecke der Mittelstandskundgebung habe nicht stattgesnnden.
* „Eine Frechheit!" In Leipzig sand vor einigen Tagen eine nationalliberale Versammlung statt, in welcher der Reichstagsabg. Junck über die Finanzreform sprach. In der Debatte führte ein Posiassistmt Schlegel au5;
„Im Namen der Reichsbeamten erkläre ich, daß die Beamten lieber auf die Gehaltsaufbesserung verzichten, als das Geld aus Zentrumshänden anzunehmen. Wir freuen uns, daß wir aus der Zentrumssklaverei befreit sind."
Ein Beamter, bet an der Versammlung teil- nahm, schrieb nun dem Abg. Erzberger einen Brief, in dem eS heißt:
„Ich kenne die Führer der hiesigen Postbeamten sehr gut und besuchte einen dieser "Herren. Dieser sagte mir: „Die ganze Reichsbeamtenschaft ist empört über die Worte des Herrn Schlegel; niemand hat ihn beauftragt, es ist einfach eine Frechheit von dem Herrn. Schlegel gehört dem Verbände nicht einmal an, sondern dem Verein der Zivilanwerter (50—60 Mitglieder). Wir Postbeamten rviffen recht gut, was das Zentrum für uns getan; wir haben es nicht vergessen, daß der Zentrumssührer 1909 erklärte: Wir lehnen die Reform ab, wenn nicht die Postbeamten ihre 300 Mark bekommen!"
Uebrigens hat eine große Anzahl Reichsbeamter gegen die Ausführungen Schlegels im ,Leipz. Tgbl/ protestiert.
-f- Ein blöder Witz. Die .Neue Gesell. .Korr/, die ihre Mitteilungen meist aus dem Reichs- kanzlerpalais bezieht, leistet sich die Meldung, daß die Herren v. Bethmann-Hollweg, v. Rhein- baden und Sydow dem Reichskanzler ins Exil folgen würden, und daß die konservativ-klerikale Kandidatenliste für die Neubesetzung all dieser Posten schon fertig sei. Wörtlich heißt es weiter:
„Als Nachfolger des Fürsten Bülow ist von den Konservativen Graf Udo Stolberg, der jetzige Präsident dr§ Reichstags, in Aussicht genommen. Die Konservativen erwarten bestimmt vom Kaiser, daß er ihrem Vorschlag Folge geben wird. Zum Staatssekretär des Innern ist Herr Dr. Spahn, der Führer des Zentrums designiert, währerrd der Posten des preußischen Finanzministers, Herrn Mathias Erzberger, dem noch jungen, aber mit Wort und Feder sehr fleißigen Zentrumsmann, übertragen werden soll; seine bayerische Landmannschaft wird nicht als Hinderungsgrund angesehen. DaS preußische Unterrichtsministerium würde einem Konservativen zuzufalleu haben. (Wohl Ministerialdirektor Schwarzkopfs.) Man sieht also, daß die Dispositionen für das kommende Regiment gut getroffen sind."
Man sieht, das amtliche Preßwesen funktioniert auch ohne den unter Meineidsanklage stehenden Regierungspreßdezernenten Hammann „glänzend".
)(Koloniales. Der Kampf gegen die Schranken, die die Regierung der „Selbstverwaltung" der Kolonien, d. h. der Verwaltung der Kolonien durch die Ansiedler ziehen mußte, wenn wir nicht allzu Sonderbares dort erlegen wollten, hat bekanntlich kürzlich eine Beschwerde aus Deutschsüdwestafrika an den Reichskanzler aus-
Abg. Dr. Späh» (Zentr.) verwahrt sich gegen den Vorwurf Singers, fenu Meinung geändert zu haben. Er habe früher nie über diese Sache gesprochen.
Man schreitet zur
Abstimmung.
Der Antrag Singer wird gegen Sozialdemokraten und Freisinnige abgelehut.
Für den Antrag Baffermann ftimmt bie gesamte Linke und die große Mehrheit der Reichs Partei. Me Abstimmung bleibt zweifelhaft. Es findet Hammelsprung statt, der die Ablehnung des Antrags Bassrr- mann mit 186 gegen 116 Stimmen ergibt. Es bleibt also bei der vom Präsidenten vvrgeschlagenen Tagesordnung, Die Beratung beginnt bei der
Kotiernngsfteuer.
Abg. Dr. Weber (natl.1 führt aus, daß durch die Kotierungssteuer HandÄ und Industrie in Deutschland schwer geschädigt und gerade die unteren Schichten der Bevölkerung durch Verteuerung des Hyp.hckeil- zinsrs belastet würden. Auf keinen Fall dürfe die Regierung dieser Steuer ihre Zustimmung geben, da hierdurch das Kapital nach dem Auslände geleitet und dementsprechend unsere Reserven an darren Gelds für den Kriegsfall geringer würden. Znm Schluß betont Rchner. daß der Hanfabund sich zu derselben Macht entwickeln werde, wie jetzt der Bund der Landwirte sei, zu einer machtvollen Organisation von Industrie, Handel und Mittelstand. (Beif. b. d. Natlib.) Hierauf wird ein Vertagungsantrag angenommen. Montag 2 Uhr: Fortsetzung.
/ort.
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben; Den in den gestrigen Ausführungen des Abg. Mommsen erhaltenen Argwohn, daß die in der Erbschaslsstruervorlage enthaltene eidesstattliche Versicherung nicht allen Be- völkerungsklaffm gegenüber gleichmäßig zur Anwendung kommen könnte, muß ich entschieden zurückweisen. Dann hat der Abg. Mommsen davon gesprochen, die Erbitterung in den Städten sei besonders groß, well bei der Veranlagung zur Einkommensteuer auf dem Lande nicht mit der gleichen Schärfe verfahren würde, wie in den Städten. Auch hier wäre es befftr gewesen, wenn der Abg. Mommsen diesen Ausspruch nicht getan hätte. Wenn wir finden, daß irgendwo, sei es in der Stadt, sei es auf dem Lande, gegen das Gesetz verstoßen wird, dann wird unnachsichtlich eingeschritten. Wenn es uns noch nicht gelungen ist, in allen Fällen die volle Wahrheit zu ermitteln, so liegt unsererseits keine dolose Absicht vor. Der Abg. Mommsen hätte beffer getan, wenn er bei feinen Aeußerungen sich nicht auf unkontrollierbare Preß- äußerungen berufen, sondern sich vorher genau unterrichtet hätte.
Abg. Bruhn (Rfp.) erklärt, seine Freunde stimmten der Erbanfallsteuer zu; sie würden aber ihre ganze Vergangenheit verleugnen, wenn sie nicht auch für die Kotierungssteuer einträten. Es ist ganz unrichtig, wenn von der linken Seite behauptet wird, daß diese Steuer den Mittelstand treffe. Nein, wenn die Börse so sehr schreitz dann wird der kleine Mann nicht getroffen. Von den Freisinigen wird gegen unsere Politik immer geltend gemacht, daß die Polen notwendig feien, um unsere Mehrheit zustande zu bringen. Dam will ich nur das «ine bemerken, daß die Polen absolut nicht notwendig sind zur Bildung der neue» Mehrheit. Ebenso lächerlich und falsch ist es, wenn die linke Seite des Hauses sich als Beschützerin des Mittelstandes aufspielen will. Wer ist denn hier im Hause immer für die Handwerker, für den Mittelstand eingetreten'i Doch wohl die Männer von der Rechten und die Männer des Zentrums.
Württ. Finanzmimster v. Gehler: Bezüglich der Erbschaftssteuer besteht bei den Bundesstaaten volle Einigkeit. Zur Gesundung unserer Finanzen muß auch der Besitz entsprechend herangezogen werden, und ich darf wohl annehmen, daß die Konservativen nicht grundsätzlich gegen die Erbschaftssteuer sind, sondern nn> 'Meinungsverschiedenheiten inbezug auf die Art d > Neuerung herrscht. Ich hoffe aber, daß bei but< .i wichtigen Werke auch die Konservativen es als eine Ehren- und soziale Pflicht erachten, zur Gesundung der Retchsstnanzen zu ihrem Teile beizutragen. Auch die Bundesstaaten haben manches Opfer bringen müflen, und man darf daher von den Parteien erwarten, daß auch sie im Interesse des großen Werkes den einen ober anderen Sonderwunsch der Finanzreform unterordnen.
Abg. ». Payer (füvd. Vp.): Wenn wir heute unsere Beratungen adschließen, so wird draußen rin Gechhl großer Enttäuschungen durch das Reich gehen. (Sehr wahr! links.) Die Verhandlungen haben nicht die geringste Aufklärung gebracht. Am Mittwoch hat der Reichskanzler angefangen, am Donnerstag kam der preußische Finanzminister, am Freitag kam der sächsische und heute kam auch noch der würtiembergische Minister (Heiterk.), um itn8 sehr ernstlich ins Gewiffen zu reden. Zu was denn das nun alles? Es kann ja fein, daß, wenn die verbündeten Regierungen mit diesem schönen sittlichen Pathos in den letzten Monaten vielleicht vor einem halben Jahre sich an uns gewandt hätten (Sehr richtig! links.), wo zum erstrnmale die Gefahren einer Absplitterung hervortraten, eS etwas mehr Wert gehabt hätte. Aber jetzt, nachdem doch alles darüber einig ist, daß die Reichsregierung seit Monaten auf jedermann den Eindruck der U n s ch l ü s si g- keit und der Schwäche gemacht hat, hat sie sich das Recht verscherzt, vom Standpunkte der Autorität aus uns zu belehren. (Sehr richtig! links.) Die Nachsicht der Regierung hat fich gerächt. Uns ist alles klar, »aß keine Engelszunge die Konservativen und das Zentrum hindern wird, den Reichstag und die verbündeten Regierungen vor die Kraftprobe zu stellen, die sie nun einmal van ihrem Standpunkte aus riskieren wollen, und zwar werden sie sie riskieren müssen zunächst bei der entscheidenden Abstimmung über das Erbschastssteuergeseh. Wie die Entscheidung ausfallen wird, das zu prophezeien wird niemand wagen; ich muß sagen, ich bin durch das, was ich in den letzten Tagen mitangehört habe, eigentlich noch verrvirrter geworden als vorher. (Große Heiterkeit.) Wenn wirklich ein Teil der Steuern von den starken Schultern getragen werden soll, dann weiß ich keinen anderen Weg als die Reichsvermögenssteuer. (Beifall links.) Der Block gehört der Geschichte an; unS wird er eine lehrreiche und interessante Erinnerung sein. (Stürm. Heiterkeit.) Ob die Konservativen mit ihrem Bündnis mit dem Zentrum auf ihre Rechnung kommen werden, scheint mir sehr fraglich zu sein. Das Zentrum hat seine Zustimmung zu Steuern gegeben, die gemeingefährlich sind, (Widerspruch im Zentrum und rechts) es wird daher bemüht fein, seine Kriegskosten ersetzt zu erhalten, und dann wird Vie Lage für die Konservativen kritisch werden. Welte und einflußreiche Kreise können nicht einsehen, wie es möglich ist, daß die Konservativen sich gegen die Erbschafts- ?teuer ablehnend verhalten. Diese Kreise drängen sich örmlich heran, um diese Steuer zahlen zu dürfen, weil sie diese mit Recht für die richtige halten. (Gelächter rechts und im Zentrum.) Sie werden aber abgewiesen und dafür Steuern vorgeschlagen, gegen die sich mit Recht alle beteiligten Kreise wehren. Hier handelt es fich also nicht um sachliche Erledigung der Finanzreform, sondern hier wird eine versteckte Politik getrieben. (Sehr richtig! links, Lachen rechts und im Zentrum) Der Glaube im Mittelstand, daß der Großgrundbesitz und sein Anhang der beste Schutz ns- ist stark ins Schwanken gekommen und die Zeit wird „icht zu fern fein, wo diese Kreise einsehen s^rden, daß auf unserer Seite die wahre Hilfe ist. (Beifall links.)
z, .Hieraus wird ein Antrag auf Schluß der De- aiL®. angenommen.
a-a-n ^.E^Weuervorlagen der Regierung werden Finan,^^ Stimmen der Sozialdemokratie an die S'nanzkommiMon verwiesen.
Es folgt die zweite Beratung des Kruanzgesetzes, in welches bÄanntlich die von der Fr» an »ko m mis s i on angenommenen ©teuer an träge der Konservativen (Kotierungssteuer, Wertzuwachssteuer, Kaffee- und Teezoll, Zündwaren-, Mühleuumsatzsteuer und Kohlenausfuhr- zoll) hineingearbeitet sind. Es entspinnt sich zunächst eine
GeschäftSorbnungsbebatte.
Abg. Bassermaua (ntlib.) beantragt, die von der Kommission neu beschloffenen Steuern als Initiativanträge und somit ihre heutige Beratung als erste Lesung zu behandeln.
Mg. Singer (S.) beantragt, die neuen Steuervor- schläge von der Tagesordnung abzusetzen.
Abg. Baffermann (ntl.) begründet seinen Antrag. Es sind in der Kommission eigene Gesetzentwürfe ausgearbeitet unb behandelt worden, trotz des Widerspruchs aus der Kommission selbst. Man hat die neuen Entwürfe einfach als Teile in das Finanzgesetz hineingearbeitet. Wenn auch der Reichstag in den letzten Jahren manchmal von den Bestimmungen der Geschäftsordnung, wonach nur bereits vorliegende Entwürfe in der Kommission behandelt werden dürfen, bisweilen äbgewicheu ist, so ist das nur mit Zustimmung der ganzen Kommission und des Plenums geschehen. Da aber bei den hier von der Kommission neu vorgeschlagenen Stenern fich schon in der Kommission selbst ein Widerspruch gegen ihre Beratung erhoben hat, so haben wir alles Interesse daran, die Geschäftsordnung aufrecht zu erhalten, und wir verlangen daher, daß zunächst die in meinem Anträge erwähnten Artikel hier zur ersten Lesung gestellt werden.
Präsident Graf Stolberg: Die Geschäslsorbnungs- rebe des Vorredners hat bte hierfür vorgesehene Dauer von 5 Minuten bei weitem überschritten. Ich habe dem Vorredner gegenüber ausnahmsweise davon abgesehen, die Dauer seiner Rede auf 5 Minuten zu beschränken und werde auch bei den folgenden Rednern davon absehen. (Heiterkeit.!
Abg. Singer (Sozb.): Der Antrag Baffermann bedeutet ein Entgegenkommen gegen den Block- ged an ken, zu dem gar keine Veranlassung vorliegt. Nach dem klaren Wortlaut der Geschäftsordnung hat die Kommission sich lediglich mit den Vorlagen zu beschäftigen, die ihr überwiesen sind, ober die mit diesen Vorlagen in unmittelbar sachlichen Zusammenhang sieben. Davon kann im vorliegenden Fall gar keine Rede sein. Sollte die Mehrheit entschloffen fein, die Beratung dieser Vorschläge heute durch zudrücken, so würde ste fich damit einen glatten Bruch der Geschäftsordnung zuschulden kommen lassen. (Beifall links.)
Abg. Frhr. v. Richthofen lkons.): Ich danke dem Abg. Baffermann, daß er die ganze Frage in ruhiger Weise behandelt hat. Ich erkenne an, daß die Geschäftsordnung zum Schutze der Minderheit da ist. Wenn Widerspruch erhoben wird, so liegt die Entscheidung beim Plenum beim, bet der Kommission selbst. (Widerspruch links.t Wer soll denn sonst entscheiden? In der Kommission haben die Herren, die auSgefchieden find, chren Widerspruch nicht einmal begründet. Ich bin der Ansicht, daß die Kommission über ihre Geschäftsordnung ganz allein und selbständig zu beschließen hat. Das ist auch schon mehrfach anerkannt, und in den Kommissionen sind auch zu allen Zeiten neue Gesetzentwürfe eiugebracht. (Beifall rechts.)
Abg. Müller-Meiningen (frf. Vp.): Wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Minderheit nicht einfach der Willkür einer Mehrheit ansgeliesert wird. Nach der Geschäftsordnung darf sich die Kommission nur mit den ihr überwiesenen Gegenständen beschäftigen. Das ist hier nicht geschehen; es sind neue und fremde Materien hineingearbeitet worben. Als sich Konservative unb Zentrum gesunden hatten, hat man bie Ueberrumpelung der Kommission vorgenommen. Nichts ist charakteristischer für bie Partei „für Wahrheit, Freiheit unb Reckt" unb andere schöne Dinge, und nichts ist ein besseres Zeichen für bie Machtlüsternheit de- Zentrums, als die Behandlung dieier Frage. -Lebhaftes Gelächter im Zentrum, Beifall links.)
Abg. Gamp «Rp.) erklärt sich für den Antrag Baffermann, aibt aber dabei nicht zu, daß in der Kommission geschäftsordnungswidrig verfahren fei.
Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Der Gesetzentwurf, der der Kommission zur Vorberatung überwiesen worden ist, betrifft bie Reichsfinanzreform. Die Kommission war baher berechtigt, alle Fragen, bie biete Materie betreffen, in ben Bereich ihrer Beratungen zu ziehen (Widerspruch links), und von diesem Rechte hat sie Gebrauch gemacht. Das haben alle Kommissionen bisher so gemacht. Ich erinnere daran, daß b.e Zolltarifkommission von 1879 die Clausula Franckrnstein, die eine Verfaffungsänderung enthielt, mitverhandelt hat, und daß der Abg. Bennigsen Erklärungen zu diesem Anträge abgegeben hat. (Hört, hört ! im Zentrum.) Der Antrag wurde in der Kommission zum Beschluffe erhoben und ist ohne Widerspruch auch im Plenum angenommen worden. (Zurufe links: Ohne Widerspruch?) Glauben Sie wirklich, daß bei einer verfassungsrechtlichen Frage weder in der Kommission noch im Plenum ein Mitglied geschästsordnungsmäßige Zweifel gehegt hätte, wenn solche vorhanden gewesen wären ? Ich stehe auf dem Standpunkt, daß die Geschäftsordnung zum Schutze der Minoritäken da ist. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Bestimmungen, die die Minoritäten schützen soll. Im übrigen aber kann der Reichstag durch Mehrheit beschließen, was er will. Wenn man die Geschäftsordnung so auslegen wollte, wie es von den Antragstellern geschieht, dann würde jedes einzelne Kommissionsmitglied in jedem Augenblick in der Lage sein, die Verhandlungen lahm zu legen, indem es bei jedem neuen Antrag oder Amendement Widerspruch erhebt mit der Begründung: das hängt mit ter Materie nicht zusammen: Im vor- liegenden Falle kann von einem solchen Einwand absolut keine Rede sein. Die neuen Steuern, die die Kommiffion beschlossen hat, hängen mit der Finanzreform auf das engste zusammen. (Sehr richtig rechts und im Zentrum.) Ich möchte auch die Tatsache feststellen, daß in der Kommission die Kotierungssteuer zunächst ohne Widerspruch zur Verhandlung kam: erst als die Frage des Kaffer- zolls auftauchte, wurde der Wiberspruch laut. Nach Lage der Dinge kann also, wenn wir heute in dir zweite Beratung der Kommissionsbeschlüffe eintreten, von einem Bruch der Geschäftsordnung absolut keine Rede fein. (Beifall rechts und im Zentrum.)
Abg. Geyer (Soz.) tritt den Ansführungen de? Abg. Spahn entgegen.
Abg. Erzberger lZentr.) bringt mehrere Beispiele vor, in denen die Kommissionen in die vorliegenden Entwürfe neue Materien hineingearbeitet haben und meint, ein einzelnes Mitglied der Kommission dürfe nicht die Möglichkeit haben, die ganze Kommission lahmzulegen. (Beif. L Zentr.)
Abg. Singer (Soz.) spricht sinter sich steigernder Unruhe. Man hört nur die Worte: Bruch der Ge- kchäftsordnung.
gelöst. Der Widerspruch scheint aber nicht f® intensiv zu sei»; denn der Streik bei de» Wahlen ist bereits in Windhuk aufgegeben wvrdev. Dort gibt eine öffentliche Versammlung der Ansicht Ausdruck, „daß die Mit« Wirkung an den Wahlen zum Gemeinderat im Interesse der Bevölkerung liegt," und sie empfiehlt eine allgemeine Beteiligung. Die Versammlung will durch diesen Beschluß zwar keineswegs ihrer Zufriedenheit mit der Selbstverwaltungsoerordnung zum Ausdruck bringen, aber sie will den Ausbau der Selbstverwaltung ermöglichen. — Die begönneren Elemente scheinen danach doch nicht gesonnen zu fein, sich von bex Schreiern an die Wand drücken zu lassen.
* Die Gewerbeorduuugskommiffion bei Reichstages nahm einen Zentrumsantrag an, nach bem jeber Gewerbetreibende, der Heimarbeiter beschäftigt, ein Verzeichnis derselben zu führen hat. das der Ortspolizeibehörde und Gewerbeinspeklion einzureichen ist.
A „Tropenkoller". Seit einiger Zeit übt die Kolonialspekulation einen geradezu gemeingefährlichen Anreiz auf unerfahrene Elemente aus. Alles, waS sich für „kolonialfreundlich" hält, weil es mal in irgend einer kolonialen Versammlung „Hurra!" geschrien hat, glaubt jetzt, sein Geld in kolonialen Werten anlegen zu muffen. Am Donnerstag schlug diese Spekulation, die die Kurse z. B. der Kolonialgesellschaft bereits auf 1300 herausgetrieben hatte, ein geradezu wahnsinniges Tempo ein. Auf ein Gerücht von neuen Diamantenfunden auf dem Gebiete dieser Gesellschaft ging der Kurs gleich um ca. 600 in die Höhe, fo daß die Aktien im Werte von 1000 Mark auf einen Wert von ungefähr 10000 Mark kamen. Das ist ein Kurs, wie ihn selbst seinerzeit die Aueraktie» niemals gesehen haben. Selbst bte .Tägliche Rundschau^, bie doch sonst alles gutheißt, was nach Kolonialpolitik riecht, fchreibt dazu:
„Doch auch im Wahnsinn liegt Methode! Einigen Ausschluß über die Interna und die Triebkräfte dieser Bewegung gibt di« Einzelheit dieser Kursgebarnng. Riesenschnell kletterten die Anteile bis 1975 Prozent. Am Schluß des Verkehrs waren sie aber wiederum bis ans 1800 Proz. zurückgegangen. Nehmen wir an, ein gerissener Spekulant habe vor 14 Tagen solche Anteile zu 1200 Proz. erstanden, vielleicht zwei Stück, und möchte sie jetzt mit dem höchsterreichbaren Kursgewinn losschlagen. Die erste Sensationsmeldung benutzt er als Anlaß, um durch Mittelsmänner den KurS riesenhaft zu steigern. Zu diesem Zwecke muß er einen neuen Anteil laufen, und die Konkurrenz gibt ihm diesen zu einem fabelhaften Preise. Der zweite Akt des Geschäftes besteht nun darin, daß er feine drei Anteile verkauft, und dabei kann er gut 50, 100 und noch mehr Prozent nachlassen. Was er an dem einen Anteil verliert, verdient er an den beiden anderen. Der Spekulant, der ihm die Effekten abgekauft hat, hat es natürlich nur in der Absicht getan, es sobald wie möglich ebenso zu machen. Dieses Geschichtcheu braucht nicht unbedingt wahr zu fein, liegt aber im Bereiche der Möglichkeit und sollte den Kapitalisten bei dem Durchsetzen des Kurszettels vor Augen schweben."
Ihre Fürsorge ist aüetbingS wohl zurückzn- führen aus bie Angst, baß auf ihre vielen Anregungen hin jetzt boch mehr Leute hereinfaklen könnten, als es ihrem Ansehen gut ist.
* Die ostafrikanifche Zentralbahn ist soeoen bis zum Endpunkt hinter Mrogoro, der ersten Teilftrecke durchgesührt worben. Damit ist bie große Zentralbahn von Dar-es-Salam nach Tabora (900 Kilometer) zu einem Drittel fertig gestellt. Man hofft in Jahresfrist mit dem Weiterbau bis Mnwapwa zu kommen.
5 Der neugegriinlete Hanfabund
soll von feinen Urhebern mir Volldampf auf die Höhe gebracht werden. In großen Massen werden Zirkulare, A n m e Ide kar t en und Beitrittslisten ausgesandt, um Mitglieder für den Bund zu werben. Auch unser Gebiet ist reichlich damit beglück worden, wie eine ganze Anzahl aus unserem Leserkreise an uns wuterge- gidbene Drucksachen uns beweist. Der Bund will Hunderttausende zum nmenbringen unb, tote er glücklicherweise jetzt schon verrät, vor allem auch bei den Wahlen einwirken. Um dies zu erreichen, sollen die Beitrittslisten bei den kaufmännischen Ange st eilten und Betriebs» beamten in Umlauf gesetzt werden. Auch die sog. „gelben" Gewerkschaften sollen anscheinend herangezogen werden, um der neuen „gegen Zentrum und Agrarier" gerichteten Industrie- Partei eine Grundlage zu geben.
Aus den Reihen der Handelsangestellren wird die „Germania" darauf aufmerksam gemacht, mit welcher Skrupellosigkeit vielfach in g r o ß en Handelsbetrieben unter den Angestellten agitiert wird für die Einzeichnung in die Mitglie- berliften des Hansadundes. Die Leiter der Betriebe lasfen die Mitgliederlisten zirkulieren und üben dabei einen mehr oder minder starken Truck aus auf die Angestellten. Die „Germania" be- merft dazu mit vollem Rechts: „Wir möchten einmal das Geschrei hören, das der strts so freiheitlich gesinnte Liberalismus erheben würde, wenn eine Zentrumsorganisation in solcher Weise agitieren würde. Wie kommen gerade die Liberalen dazu, aus ihren Privatangelegenheiten — das ist doch zweifellos die Frage des Beitritts zu diesem politischen Bunde — ein: Geschäftsfache zu machen und die Angestellten für ihre politische Organisation zu pressen? Die Frage ist eigentlich überflüssig; denn wir wissen ja längst, daß der Liberalismus die Freiheit der politischen Mei- itung nur so lange achter, wie es sich um seine eigene Sache handelt. Wir warnen bie Zentrums- anhängar in den Betrieben, wo die Listen für den