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Fulda, Samstan Den 19. Juni 1909

M 137.

Swertes valatt

ein2t kriegerischen Stimmung kerne Siebe sein könne. Wenn in den griechisch-türkischen Grenz­gebieten gelegentlich ein paar Radaufchläger an­einander geraten, so :st das sozusagen ihr histori­sches gewordenes Recht. und man wird dem kerne größere Bedeutung beizumesien brauchen. Man darf also hoffen, daß die Regelung der kretischen Frage möglich ist, ohne daß es eines Krieges be- durfte. _

Die Lage inPersie n hat sich für den Schah verschlimmert. Seine russischen Freunde rücken fetzt auch noch von der Ostfeite des Kaspischen Meer-s in sein Land hinein. England, auf des- fen Eifersucht er sich früher stützen konnte, Hilst ihm nicht weil es ja alsdann südpersien besetzen kann. So naht der Augnblick, da Persien von der Landkarte gestrichen sein wird.

es sich für das Zentrum von selbst, daß es dec Erbschastsstorier ablehnend gegenüber steht, zumal wenn sie nur die Leiter sein würde, auf der die Liberalen zu den Zinnen der Mach: emporklim- men wollen. Ten Liberalismus nicht zur Herr- chast, zur ausschlaggebenden Geltung kommen zu lassen, haben wir dringende Veranlassung. Ihnen gar noch di: Leiter zur Macht zu halten, wäre die größte Dummheit, die wir machen könnten. ______

die Holzdank-Fahrgäste der 3. Klasse eigentlich dort kein Sitzrecht. Darauf hat ein Freund von mir in feinem Blatte die Antwort getzeben, man möge doch im Speisewagen Holzstühle aufstellen, dann sei ja die allgemeine BenutzungsfrechÄi aufrecht zu erhalten. Tas war richtig. Aber ich teile nicht ganz seine Ansicht, — es werde keiner länger, als nötig, im Speisewagen verweilen, wenn derselbe im Stile 3. Klasse eingerichtet sei. Für mich wenigstens liegt die Auzi.chungskraft des Speisewagens nicht in de!» Polster- oder Ledersitz, sondern vielmehr in der Möglichkeit, auf einem beweglichen Stuhl in einem weiten Raum eine freie Aussicht zu genießen. Das Abteil ist äuge: wenn ich meinen Blick geradeaus richte, so sehe ich auf eine Wand, die mit Gepäckstücken und einigen fremden Gesichiern dekoriert ist. Will ich vom Abieil aus die Gegend betrachten, so muß ich den Kopf schief drehen und sehe dann auch durch das einzige Fenster nur einen kleinen Aus- schnitt. Im Speisewagen dagegen finde ich einen verhältnismäßig umfangreichen salon, dessen Wände mich nicht bedrücken. Links und , rechts habe ich eine ganze Reihe von Fenstern, die mir freien Ausblick nach allen Seiten gewähren. Auf dem Stuhl kann ich mich bcq-uem drehen, wenn ich die «Äitenaussicht voll genießen will. Viel mehr Freiheit und Behaglichkeit für die Lunge, die Gliedmaßen und das Auge, als wenn ich in dem Abteil auf meinen futteralmäßigen Sitz ge­klemmt bin.

Also wenn man wirklich den Fahrgästen den Speisewagen verekeln will, so muß man nach mei­ner Ansicht ganze Arbeit machen, indem man den Speisewagen in Abschläge zerlegt mittels Zwi­schenwände von mehr als Kopfhöhe, die Fenster recht klein macht oder mit undurchsichtigem Matt- glas ausstattet und statt der Stühle unverrück­bare Bänke eiirführt. Dann werden die Fahrgäste nur in der höchsten Magennor in diese Futter­ställe kommen. Dann wird man wieder zu der früheren Methode der Selbstverpfleguna greifen,

4. Klasse. Also nur ein v e r h ä ! t n i s m äß i- ger (»ich: ein absoluter) Rückgang. Der Eisen- bahufiskus rechnet nun so: In den Wagen 2. Klaste, die in den Zügen mitfahren, bleiben ge- wöhnlich noch Plätze frei: wären die Plätze be­setzt mit den Leuten, die jetzt 3. Klasse fahren, so würde ich auf den Kopf und Kilometer Wz Pfg. mehr einnehmen: dieser Ausfall kränkt mich tief!

Daher das Bestreben, die Fahrgäste zur Aus­wanderung in die gepolsterten Klassen zu be- wegen. Als Miiiel zu diesem Zweck hatte man zunächst dt: Aufhebung der Fahrrartensteuer in Aussicht genommen. Ter Reichstag fträubte sich ledoch gegen dieses venneintiiche Heilmittel. Nun will die Verwaltung aus eigener Machtvollkom­menheit den Restenden 3. Klasse oi: Gleichberech- tignng im Speisewagen emziehm. Diese „min­derwertigen" Fahrgäste sollen in einen besonderen Abschlag der rollenden Restauration verwiesen wrd.m und zu dem gemeinsamen ^Mittagstisch erst eingeladen werden, wenn die Herrschaften aus den Polsterklassen noch Platz an den Eßtischen übrig gelassen haben. Ferner soll der Zutritt zu dem Speisewagen erst nach Lösung der Platzkarre und 20 Minuten nach Abfahrt von der Ausgangs- ftation gestattet werden .

Wenn das nicht gut für die Wanzen ist! . . . Für mein' Person werde ich nun gerade di: 3.' Klaste vorziehen. Mit diesen mühselig aus- getüftelten Schikanen werden wir uns schon ab- findan — bis die Verwaltung auf die häßlichen, kostspieligen und zwecklosen Scherereien wieder verzichtet. . , . _ ,r

Dabei gestehe ich ganz offen, daß der speise- wagen auf mich eine große Anziehungskraft aus­übt Nicht blos wegen der Speisen und Getränke, sondern weil man dort viel angenehmer sitzt, als in den Abteilen — ausgenommen die Schlummer­stunde. Auch angenehmer als in den engen, dumpfen Abschlägen der oboren Klassen. Ein Fsderheld der Regierung meint, im Speisewagen seien die Stühle gepolstert, und deshalb hätren

wochen-Rundjchau.

[:1 Fulda, 18. Juni 1909.

Das offizielle Deurschland ist mit Volldampf wieder ins politische Leben eingetreten. Was m den nächsten Wochen bevorsteht, wird der Höhe­punkt des politischen Lebens dieses Jahres fein, und es hängt außerordentlich viel davon ab, ob das Schauspiel glücklich oder tragisch endet. Ter letzte Eindruck, den die öffentliche Meinung vor Wiederzusaminentritt des Reichstags in Sachen der Reichsfinanzreform gehabt hat, kam von der großen „Abwehrversammlung' von Börse, Handel und Industrie im Zirkus Schumann her. Man wird den Veranstaltern zugeben müssen, daß das ganze Unternehmen mit einer außerordentli­chen Geschicklichkeit arrangiert war. Unter den unzähligen Rednern, die dort austraten und mt Namen' irgend welcher Jnteressentengruppe ihre kurzen programmatischen Erklärungen abgaben, befanden sich nur drei Juden. Größer, war der Prozentsatz der Juden schon auf der Präsidiums- tribüne, und noch größer unten im Saale. Ge­wiß, auch die Veranstalter und Leiter der Ver­sammlung werden sich nicht verhehlen können, daß es weniger die produktiv tätige Industrie war, die hier demonstriene, als die Börsianer und Großhändler, Bezeichnend ist ja auch, daß die er­sten Anregungen zu dieser Abwehrkundgchung von den Börsenleuten ausgegangen sind, und daß sich erst auf diese Anregungen hin die Industrie zur Beteiligung bereit erklärte. Die Reden brach­ten naturgemäß nichts neues, nur ein Zwischen­fall verdient noch hervorgehoben zu werden, der zeigt, wie die Geister der Zwietracht in diesen .einigen" Kreisen unter dünner Decke schlum­mern. Kommerzienrat Kirdorf von der Gelsen- kirchen.-r Bergwerks-Aktiengesellschast konnte näm­lich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne einen kleinen Protest gegen die Sozialre­form einzulegen, die di: Blüte unserer Industrie vernichte. Schon wurde int Saale Unruhe und Zischen laut, aber trotzdem hatte Herr Kirdorf noch dm Wagemut, gegen sie Erbanfallsteuer Be­denken zu äußern. Auf diese Worte hin kam es zu einem direkten Lärm, und nur dadurch, daß der Leiter der Versammlung, Kommerzienrat Rießer außerordentlich energie- und wirkungsvoll eingriff, und Herr Kirdorf vom Rednerpuli zu­rücktrat, konnte die Ruhe aufrecht erhalten wer­den. Dieser Zwischenfall ist geeignet, einen klei­nen Vorgeschmack von den Leiden und Freuden des bei der Versammlung neugegründeten Hanfa- bundes zu geben. Dieser Hansabund soll eine rein politische Kampforganisation werden, und er wird von den Begründern offenbar als erstes An­zeichen für das 'Werden einer künftigen großen politische Partei ang.sehen, die berusn sein soll, den „Agrariern" die politische Vormacht streiiig zu machen. Die neue Organisation will also offenbar das durchführen, was schon vor längerer Zeit der Abgeordnete Pfarrer Naumann als wünschenswert bezeichnet hat, nämlich einen Block von Bebel bis Bassermann, also eine einheitliche feste Organisation der Linken. Es muß abge- wartet werden, was daraus werden wird. Die «roße Versammlung hat den Abgeordneten der Linken, die aus d'r Finanzkommission ausgerückt sind, ihr Vertrauen ausgesprochen. Trotzdem sind aber diese Herren in der Finanzkommission des Reichswgs nun wieder erschienen, wollen also von fetzt an wieder hübsch fein mithin.

Die Regierung hat nunmehr ihre neuen Vorschläge bekannrgegeben. Den .Hauptan­teil der neuen Besitzsteuern will die Regierung

abermals durch die Erbanfallsteuer aufbringen. Mau hat bei der Neugestaltung dieser Steuer auf verschiedene bei der ersten Lesung in der Kommis- ion erhobene B'denken Rücksicht genommen. Da­neben enthalten die Regierungsvorschläge eine Besteuerung der Feuerversicherungspoliceu eine Erhöhung des Effektenstempels .einen Umsatzftem- pel bei Grundstücken, eine Erhöhung des Wech- elstempels und schließlich die Einführung eines Scheckstempets.

Die politische Situation im Innern ha: durch Bülows Aufheten im Reichstag am Mittwoch eine erhebliche Verschärfung erfahren. Er läßt sich auf kein Entgegenkommen gegenüber der Rechten ein, er macht, Wenns Kompromisse geben soll, alles elfter und ist der Auffassung, daß seine Ersatz­steuervorlagen genau das treffen, was Konserva­tive und Liberale vereinigen muß. Er hat aber den einen wichtigen Faktor bei dieser Rechnung ganz vergessen, und das ist die Unmöglichkeit, jetzt noch die Gegensätze zwischen rechts und links un Block in solchen Fragen zu überbrücken. Nach den Debatten dieser Tage ist es so gut wie sicher, daß die Verabschiedung der neuen Steuervorlagen tn diesem Sommer nicht mchr möglich sein wird. Es wird zur Verschleppung kommen, und dann fragt es sich, ob der Kaiser nach^wie vor seinen „Bernhard" für den geeigneten Steuermann des Reichsschiffes hält. .

Der deutsche Kaiser ist am Mitt­woch in den finnischen schären mit dem Zaren zusammengetroffen. Noch , im letzten Augenblick hat ein russisches offiziöses Blatt erklärt, daß die Zusammenkunft nichts außer­ordentliches iväre, und daß sie keine Aende- rung in den Grundlinien und Grundrichtungen der europäischen internationalen Politik zur Folge lmben würde. Damit ist freilich nicht viel ge- fagt. Die Erklärung wird in erster Linie den Zweck haben, die russische öffentliche Meinung, die von ein ar russisch-deutschen Freundschaft nichts wissen will, zu beruhigen. Man wird daher trotz dieser neuerlichen Erklärung dabei bleiben müs­sen, in der Zwei-Kaiser-Znsammenkunft sowohl ein sehr bemerkenswertes und bedeutsames Symp- kam zu sehen als auch ein Ereignis von eigerier größter politischer Bedeutung. Während so be­deutende Faktoren tätig sind, Rußland und Deutschland einander näher zu bringen, war eine Anzahl e n g l i s ch e r G e i st l i ch e u in Deutsch­land, um für die deutsch-englische Freundschaft zu werben. Wenn irgend welche Kreise der^ Bevölke­rung dazu vorbestiinmt erscheinen im Sinne des Friedens tätig zu sein so sind es sicher die kirchli­chen Kreise. Es ist selbstverständlich, daß alle für den Betuch vorgesehenen Programmpunkte den be­sten und anregendsten Verlauf nahmen. Wenn auch weite Kreise konstatieren zu müssen glau­ben, daß solche Besuche doch keine Wirkung hät­ten, so werden doch wenigstens die direkt dabei Beteiligten in Zukunft sich mühen, in ihrer Hei­mat und bei allen, mit denen sie dort in Berüh­rung kommen, für den Frieden zu werben.

In der K r e r a f r a g e sind zwar noch keine entscheidenden Schritte getan worden, aber es gewinnt doch den Anschein, als ob ans der Sache ein Krieg sich nicht ntwickeln werde. Die Türkei ist allerdings fest entschlossen, eine Lostrennung der Insel und chre Angliederung an Griechenland niemals zuzulasfen. Es fragt sich nur uoch, wie die Sache friedlich geregelt werden kann. Tie lürkische Regierung scheint den Wunsch zu haben, daß die Besatzungen der schuymäckste vorerst noch auf Kreta bleiben. Tas fcheinen allerdings die Schutzmächte nicht so ohne weiteres verfügen zu wollen, da die alten Verträge dem eutgegeustchen. Auch aus Griechenland wird berichtet, daß man dort erklärlicherweise die Entwicklung der Krera- frage mit großem Interesse verfolge, daß aber von

y. Ein Kampf der Weltan chaunngen wurde der momentan aufs fchärfste entbrannte Steuerkampf von dem Reichstagsvizepräsidenten und freisinnigen Abg. Kämpf in der Zirkus-Ver- fammlung am vorigen Samstag genannt. Das Wort ist wahr.

So sonderbar es erscheint bei dem Jnteressen- Charaki-'r der Steuerkämpfe es handelt sich um mehr, als die Interessen einzelner Stände und Gruppen, es handelt sich in dem Kampf um nichts mehr und nichts to.miger als um die Po - litische Macht, und int letzten Grunde um Welianfchanungen. Tief bedauerlich, daß rein wirtschaftliche Fragen, wie cs Steuerfragen sind oder sein sollen, sich so zugespitzt haben. Aber nut der Tatsache müssen wir uns abfinden.

Fürst Bülow ist es, .der dies: Entwicklung grimdgelegt Hai. Seine Blockschöpfung, die auf der Abneigung gegen daS Zentrum und weiter­hin den Katholizismus beruhte, und daraus die Existenz und die Lebenskraft schöpfte, legte das unsachliche Moment in die Steuerverhandlungen. Es hiß nicht mchr, welche Steuern sind für das Land die rechten und gerechteste n. son­dern welche Steuern sind geeignet um den Block z u s a m nt e n z u h a l t e n und das Zentrum auszu schalten. An ihrer inneren Uneht- lichkeit scheiterte diese Politik. Die Kouserva- üben legten im Blockkonz rt die Flöte nieder. Ta wurde es klar, wie man sich den Tanz gedacht .hatte. Der Liberalismus, auf dessen Gunst der Reichskanzler angewiesen zu sein glaubte, machte die Finanzreform zu einer politischen Macht­frage. Die konservative Partei sollte durch di: Erbschaftssteuer nied -rgczwungen, und über sie hinweg die Herrschaft des Liberalismus aufge­richtet werden. Gelang es, den Konservativen durch den Triumph der Erbschaftssteuer einen tödlichen Stoß zu versetzen, so war die B a h n für ocit Liberalismus frei, die Regie­rung unzertr.'nnlich an seine Seite gedrängt uni) die liberale Aera angebrochen.

Ob der Plan gelingt? Das werden wir ja wohl bald scheu. Lange kann sich- die Entschei­dung nicht mehr hinziehen. Tas Kämps'sche Wort von dem Kampf der Wettaiischaumiigen dürfte klärend wirken. 'So versteht man auch die -Hal­tung der Nationalliberalen, deren Führer Baiser­mann das Wort ausspcach: „Wir müssen Macht gewinnen nach links und nach rechts." Mag man über die Erbschaftsstauer denken, tote man will. Aber auch wer sich mir dem Gedanken der Erb- schasissteuer befreunden kann, wird zugeben inüü feit, daß die Kommission weit b ossäre und gerechtere Steuern auf den Besitz gefunden hat, gegen die keine der vielen Bedenken, die gegen die Erbschaftssteuer erhoben werden, g.l- teiid gemacht werden können: die Kotierungs- steuer und die Wertzuwachs steuer. Da versteh:

indem man einen gewissen Vorrat an Speise und Trank mitnimmt und im übrigen sich auf den Zwischenstationen ein Paar Würstchen oder ein Butterbrot ins Abteil reichen läßt.

„Rückwärts, rückwärts, eitler Cid!" Der Kampf gegen die sogen. Abwanderung in die un­teren Klassen muß folgerichtig zu einem allgemei­nen Rückschritt im Eisenbahnwesen führen. Tenn der wahre Grund für die steigende Be- seyung der 3. uns 4. Klasse ist der F ort s ch r itt, der bisher in der Ausstattung und Benutzung der betreffenden Wagen gewachi war.

Recht sinnfällig ist ja die Verbesserung der Wagen 4. Klasse, die in Norddeutschland so viel Liebe und in Snddeutschland so viel Vorurteil: finden. Als Schüler hab: ich auch oft in diesem Wagen gestanden. Tantals gab es noch gar keine Bänke an den Seiten, und man konnte sich nur auf seinen eigenen Keffer oder aus die blanke Diele setzen. Die Reinlichkeit war verziveifelt mangelhaft: die Hygiene Ivar ja damals über- haupt noch nicht .ntdeckt. (Und wir sind neben­bei bemerkt doch nicht gestorben.) Im Verhältnis dazu sieht jetzt der Salon 4. Klasse mit seinen Seitenbänken wahrhaft verlockend aus. Er hat auch inzwischen immer mehr Zulauf von dem so­genannten besseren Publikum erhalten. Die Ab­wanderung in die 4. Klasse würde noch viel grö­ßer werden, wenn sie auch in die Schnellzüge ein­gestellt würde. Gegen die Verlockung »es billigen Fahrpreises von 2 Pfg. pro Kilometer bildet der Mangel an Schnelligkeit bei weiteren Reifen ein GegengÄvicht. Das Volk hat sich in der Kunst des Reisens immer mehr ausgchildet und dabei auch erkannt, daß es unter Umständen ein schlech­tes Geschäft ist, wenn man 1 Pfg. pro Kilometer erspart, aber dafür einen Arbeitstag verliert und obendrein noch die Kosten für die Lebensmittel während der verlängerten Fahrt sich auf labet. Tie gesunde Entwickelung ging auf die stärkere Benutzung der Schnellzüge für längere Fahrten hinaus: dagegen ist nun leider ein kleiner Ruck-

Unpolitische Zettlaufe

(n) Berlin, 17. Juni 1909.

(Nachdruck verboten.)

Lasset mis heute vom Reisen reden, denn erstens ist die„Reisezeit" gekommen, und zweitens stehen uns wunderliche Neuerungen in den D- Zügen bevor.

Tie Eisentxchnverwattnug bat ein sehr em» psindliches Hühnerauge: das ist die sogenannte Abwanderung in die unteren Klassen. Viele Leut: haben herausgefunden, daß mau einen beträcht­lichen Batzen Geld sparen kann, wenn man auf den Polsterfitz verzichtet und sich auf die Holz­bank der 3. Klalse setzt, — oder gar in den Sa­lonwagen 4. Güte übergeht. Ich muß gestehen, daß ich auch halb zu den Abwanderern gehöre. Wenn ich eine Tagesfahrt mache, begnüge ich mich gewöhnlich mit der 3. Klasse: dagegen muß ich bei einer Nachtfahrt auf allerhöch­sten Befehl meiner Frau die 2. Klasse nehmen, damit die hausväterlichen Gliedmaßen während des Schlummers eine weichere und wärmer: An- lehnung haben: Dabei habe ich gar nicht das Be­wußtsein, daß ich dem Etsenbahnfiskus einein Tort antäte. Als Reisender 3. Klasse bezahle ich aud), was ich schuldig bin. Wenn ein großer Wagon 2. Klasse mit 40 Passagieren gefüllt ist, fo bezahlen die 40X 4% Pfg. = 1 Mk. 80 Pfg. für das Kilometer. Und wenn in einem Wagen z 3. Klasse 60 Passagiere sitzen, so bezahlen die 60X 3 Pfg. — 1 Mk. 80 Pfg. Eie Einnahme ist also gfeidj; aber der Reingewinn der Eisenbahn ist bei der 3. Klasse sogar größer. Denn die Her­stellung und Unterhaltung der gepolsterren Ab- tÄle kostet mehr, als die Herstellung und Unter­haltung der Wagen mit Holzbänken.

Man darf nun auch nicht glauben, daß die Zahl der Fahrgäste in der 2. Klaffe sich vermin­dert. Rem, sie nimmt im ganzen immer noch zu, aber der ZÄvachs ist geringer als bet der 3. oder

Deutsches Reich

= Trr ernannte Erzbischof Bettinger foll von der liberalen Preise aus durchsichtigen Gründen um jeden Preis mit dem Landtags-W ahlkom- promiß zwifchen Zenirum und Sozialdemokra­ten in der Pfalz in Zusammenhang gebracht wer­den. Es ist ganz klar, daß das Mannheimer So- zialistenblalt, das die Falschmeldung aufgebracht hat, von vornherein bloß der Pikanterie wegen den Namen des neuen Erzbischofs hereingezogen hat. Das Blatt bezw. sein Gewährsmann war sogar so schlecht unterrichtet, daß er nicht einmal wußte, um welches Kompromiß es sich han­delte, ob um das allgemeine im Jahre 1905 oder um das pfälzische vom Jahre 1898. Erst durch oie Erklärung des Abg. Jäger kam Klarheil in die Meldung des Sozialistenblattes. Es ist nun doch außer allem Zweifel, daß ein Blatt b-ezto. ein Gewährsmann, der sich betreffs der Haupt­sache so wenig unterrichtet zeigte, keinerlei Glau­ben beanspruchen kann bezüglich einer Personen­frage. Dazu kommt aber noch, daß der Mann auch mit der Behauptung, daß der neuernannte Erzbischof den Kompromiß mit dem Abg. Ehr­hart abgeschlofsen habe, den Rückzug aittreten und zugeben mußte, das sei nicht der Fall. Es bleibt eine jämmerliche Ausflucht, wenn er nun sagt, Bettinger fei wenigstens hervorragend „b et et* l i g t" gewesen. Für diese Behauptung liegt nur oie Aussage dieses anonymen Aijikelschreibers vor, der sich bis jetzt in allen Stücken als unzu­verlässig erwiesen Hai und offenbar von der gan­zen Geschichte gar nichts Bestimmtes weiß, vielmehr jene alten Versuche fortsetzt, die in den liberalen Blättern feil Jähren gemacht wurden, und den Kompromiß bald dem Domkapi­tular ix Zimmern, bald dem Domkapitular Schad* ler zuschricben, wobei einmal die Sakristei des Speyerer Domes, ein andermal die des Bamber­ger Domes als Abschlußort bezeichnet wurde. Wenn zu der ganzen Angelegenheit noch etwas zu sagen ist, dann ist es das, daß sich hier wieder die geradezu ekelhafte Unehrlichkeit speziell der liberalen Preise in recht widerlicher Weise gezeigt hat. Man sollte meinen, nachdem der Äbg. Dr. Jäger klipp und klar erklärt hat, daß e r es war, der mit dem Abg. Ehrhart das Kom­promiß geschlossen Hai, und nachdem inzwischen auch das Organ des verstorbenen Abg. Ehrhart, die „Psälz. Post", sestgestellt hat, daß es nicht richtig ist, daß Ehrhart und Bettinger das Kom­promiß geschlossen haben, daß vielmehr das von den Abgg- Ehrhari und Dr. Jäger vorbereitete Kompromiß zwischen mehreren Delegierten der sozialdemokranschen Parteileitung und der Zen* triunsparteileitung geschlossen wurde, sollte auch die liberale Presse so viel Taki besitzen, daß sie diese Erklärungen als richtig hinnimmt. Weit gefehlt! Schreibt rach z. B. ber besonders ehrliche Mannheimer „General-Anzeiger":

„Es bleibt also dabei, daß der neue Erzbischof von München daS gleiche Verbrechen auf dem Gewissen bat, das die Nalionnallideralen in Baden vor vier Jahren durch den Abschluß eines taktischen Wahlabkommens mit den Sozialdemokraten begangen haben."

Man erinnert sich, wenn man so etwas lieft, wieder einmal daran, daß der jungliberale Graf