uldaer
■
36. Jahrqansi
Fulda, Freitaq den 18. Juni 1909
M 136,
^wertes Mlcltt
Ausland
* Englische Rüstungen gegen Luftschiffe. Im Unterhaus: wurde von mehreren Abgeordneten auf die Ausführung des deutschen Flotteupro- grammes hinaewiesen und zugleich gefragt, ob die Regierung Nachrichten hierüber habe, unter anderen fragte Lord Lonsdale, ob bekannt sei, daß eines der erstklassigen Schiffe des deutschen Bauprogramms für 1909 auf einer kaiserlichen Werft gebaut, der Bau der anderen an Privatwerften vergeben werden soll. Der erste Lord der Admiralität ertoieiterte, es lägen keinerlei offizielle Nachrichten vor, er wisse auch nur, was in den Zeitungen gestanden habe. Hierauf wandte sich Wedywood mit der Frage an McKenna, ob Maßnahmen getroffen seien zur Ausrüstung der Kriegsschiffe mit Geschützen, die, gegen Luftschiffe zu feuern imstande wären. Mc Kenna antwortete, man habe bereits Pläne für st eil feuernde Geschütze entworfen und beabsichtige, diese den Schiffen zuzuteilen, sobald die Erfahrungen es wünschenswert machen sollten.
Mehrheit von 9 gegen 3 Stimmen angenommen wurde unter gleichzeitiger Annahme verschiedener Anträge des Abg. Speck. Diese bezwecken, daß alle aus deni Auslande eingehende Gerste, auf die der Zollsatz von 1,30 Mk. für den Doppelzentner zur Anwerbung kommt, durch Farben kenntlich zu machen ist, wenn nicht der Nachweis erbracht wird, daß sie zur Bereitung von Malz ungeeignet ist oder daß sie hierzu nicht verwendet wird.
der 8. Kavallerie-Brigade, Herr v. Löb, war im Mai vor. Js. nach Halle versetzt, aber trotzdem in Mainz bis zum 1. Okrober zur Kommunalsteuer herangezogen worden, obwohl er von seiner Ueber- siedÄung ab auch in Halle Kommunalstener zahlen mußte. Gegen diese Doppelbesteuerug legte Herr v. Löb Beschwerde ein, die jedoch vom Provinzialausschuß der Provinz Rheinhessen heute als unbegründet zurückgewiesen wurde. Wenn der Beschwerdeführer in Halle auch eine Dienstwohnung innegehabt habe, so müsse er doch auch in Mainz zur Kommunolsteuer herangezogen werden, da er seine hiesige Wohnung noch nicht vollständig aufgegebcn hatte, v. Löb war vertragsmäßig noch an seine hiesige Wohnung gebunden.
W Helsingvors, 17. Juni 1909. Die „H ohe n- z o 11 e r n" mit dem deutschen Kaiser an Bord und den Begleitschiffen traf heute vormittag 9,4o Uhr auf dem Ankerplatz des russischen Geschwa- ders ein. Die mit Flaggen geschmückten Kriegsschiffe feuerten Salut. Der Zar begab sich so- fort an Bord der „Hohenzollern". Die Begrüßung mit dem Kaiser war überaus herzlich. Der Besuch des Zaren dauerte eine halbe Stunde. Nachdem der Kaiser an Bord zurückgekehrt war, erwiderte Kaiser Wilhelm den Besuch. Der .Kaiser war begleitet vom Staatssekretär v. Schön, dem Botschafter Grafen Pourtalös, dem Oberhofmarschall v. Eulenburg, dem Generaloberst v. Plessen, den drei Kabiuettschefs und beit Kommandanten der deutschen Schiffe. Der Kaiser wurde auf „Standard" begrüßt vom Zaren, der Zarin und dem Gefolge, in dem sich Ministerpräsident Stolypin, der Minister des Aeußern, Iswolski und der Marineminister Wojwodski befanden. _____________________________
Wochenheim^: „Illustrierte Sonntagrzeitung
Erscheint tSgllch mit Ausnahme der Som. und Feiertage vlerlel- iShrlicherveMgrpreir oh«e Sringerwhn und vepellgeld in.Znlda sowie auswärts 1 ° 50 Slt. yrrantw Redakteurs «art Schütte;
MonatrbeUage: „Zuldaer Geschichtrblatter"
Aus dem Nachbargebiete.
(2 Kämmerzell, 17. Juni 1909. Bürgermeister Hoh m ann in Kämmerzell ist als St an v e s- beamtet für den Standesamtsbezirk Kämmerzell, bestehend aus den Gemeinden Gläserzell, Kämmerzell und Lüdermünd und dem Gutsbezirk Fulda ernannt und verpflichtet worden.
* Brückenau, 15. Juni 1909. Um den religiösen Bedürfnissen der israelitischen Kurfremdeu in Stadt und Bad Brücknau Rechnung tragen zu können streben die in Brückenau wohnhaften Israeliten einen solchen für Bad Brückenau, beide unter staatlicher Unterstützung, an.
* Hofgeismar, 16 Juni 1909. Durch den Herrn Regierungs-Präsidenten Graf van Bernstorff wurde gestern nachmittag in Anwesenheit der Kreisle,gs- und Kreisausschnßmitglieder, der königlichen und der Kreisbeamten der neuernannte ü an brat unseres Kreises, Herr Riedesel zu Eiseubach in sein Amt eingeführt. Anschließend daran fand im Saale des Hotels .Hessischer Hof" ein Festmahl statt, an welchem etwa 40 Herren teilnahmen.
* Kassel, 17. Juni 1909. 850 0 Mark ve r- lor am Dienstag vormittag ein hiesiger Kaffenbote auf dem Wege von der Reichsbank nach Der unteren Königsstraße. Tas Geld hatte sich in Tausend- und Hundertmarkscheinen in einem Portefeuille befunden, welches er in der Brusttasche seines Rockes trug.
* Apolda, 14. Juni 1909. Der heutige Hu n- d:markt, der hier als einziger in der ganzen Welt ftattfinbet, hatte eine ganz ungewöhnlich große Zahl von Anmeldungen aufzuweisen. Weitaus über 400 Hunde aller Rassen waren vorhanden. Dem Hauptmann von Wangenheim wurde die silberne Staatsmedaille für Airdales, Götze- Erfuri die bronzene SlaatSinedaille für Stichelhaar und Louis Wetzlar-Apolda der erste Ehrenpreis für den besten Hund der Ausstellung zuerkannt.
* Mainz, 15. Juni 1909. Dr Provinzialausschuß hatte sich heute wieder mit einw Doppel- besteuerung zu befassen. Ter Kommandeur
ten, ob die Begegnung politische Wirkungen üben wird oder nicht.
Die Völker haben längst ausgehört, an de Reisen der Staatsoberhäupter übetschwengltche Hoffnungen zu knüpfen. Sind sie doch oft genug enttäuscht worden. Insbesondere bei den Begegnungen des Kaisers mit dem Zaren weiß man seit Jahrzehnten, daß das Schema nur eine einzige Abwechslung gestattet; entweder folgt alsbald eine Begegnung mit dem Präsidenten der Französischen Republik, ober sie ist eben vorangegangen. So auch jetzt. Die Zusammenkünfte mit Eduard VII. und Herrn Fallttzres sind schon angemeldet. Trotz alledem, die Zusammenkunft in den finnischen Schären zeigt, daß sich die uns drohenden Wolken verzogen haben. Und ist auch keine Intimität mit Rußland zu erwarten, so ist es doch von Wert, daß die Bemühungen, seine Beziehungen zu Deutschland und Oesterreich- Ungarn unheilbar zu verschlechtern, gründlich gescheitert sind. Wäre es anders, dann wäre die Kaiser-Begegnung nicht zustande gekommen.
X Die Äaiserbegegnung.
In den sinnischen Schären, jenem Gewiimmel von unzähligen Inseln und Inselchen am Rande des finnischen Meerbusens, sind gestern Kaffer Wilhelm II. und Zar Nikolaus von Rußland zu einer Begegnung zusammengekommen.
Tie Anregung zu der Begegnung ist bekannt- lich vom Zaren ausgegangen. Man darf in ihr den Ausdruck des politischen Wunsches sehen, Rußland nicht lediglich auf die Freundschaft und das Einvernehmen mit England und Frankreich angewiesen zu wissen, sondern auch gute Beziehungen zum Deutschen Reich zu .unterhalten. Insofern ist die Zusammenkunft der Kaffer mehr als ein hergebrachter Akt persön- li.her Höflichkeit. Das ergibt sich auch aus den äußeren Umständen. Wilhelm II. wird, da der Reichskanzler wegen der Finanzreform jetzt alle Hände voll zu tun hat, vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Nikolaus II. sowohl von dem Minister Stolypin wie dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten Iswolsky begleitet.
Seit die Herrscher zum letzten Male Gruß 'und Handschlag austauschten, hat sich mancherlei in der alten Welt geändert. Die Vorgänge in der Türkei haben die Unabhängigkeit Bulgariens und die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina in Oesterreich-Ungarn zur Folge gehabt. Ter Friede schien eine zeitlang ernstlich gefährdet. So wenig Deutschland an diesen Ereignissen in erster Reihe beteiligt war, so weiß man doch, daß die Verstimmung der russischen Machthaber nicht nur gegen Wien, sondern teilweise auch gegen Berlin sich richtete, weil man Oesterreich-Ungarn unterstützte.
Die Streitigkeiten sind inzwischen beigelegt worden, und man scheint sich der Gewißheit hingeben zu dürfen, daß der Friede auf lange Zeit gesichert ist. So natürlich es erscheinen sollte, daß alle Völker damft einverstanden und zufrieden sind, so erregt und erbittert hat sich doch ein Teil der englischen Presse gezeigt. Ganz Europa habe eine Niederlage erlitten, habe sich demütigen müssen vor Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Insbesondere habe England ein Fiasko erfahren, weil der eine seiner Verbündeten nicht Krieg führen könne: Rußland, und der andere nicht Krieg führen wolle: Frankreich. Am Ende haben sie es beide nicht gewollt. Weshalb sollten sie auch Krieg führen zum Besten Englands wie ehedem Japan gegen Rußland? Aber da es Frieden ge- blielen ist, tobt in den Zeitungen jenfeits des Kanals der wildeste Kampf, zumal angesichts der österreichischen Absicht, auch ein paar Dreadnoughts zu bauen.
Nun gibt es auch in Rußland eine Reihe ein- flutzrsicher Blätter, bereit Gewerbe es ist, ganz wie :.ie Anzahl Londoner Zeitungen gegen Deut'hland zu hetzen. Um so größer ist bie Befriedigung, daß der Zar öffentlich zeigt, wie wenig er auf diese feindseligen Kundgebungen Gewicht zu legen geneigt ist. Er kennt auch die Geschichte seines Reiches zu gut, um nicht mit der Möglichkeit zu rechnen, daß das heutige Einvernehmen mit England über kurz oder lang von unliebsamen Gegensätzen zwischen England und Rußland abgelöst wird. Da kann es gaitz nützlich erscheinen, mit dem Nachbar gut Freund zu fein. Jedenfalls liegt in där Kaiserzusammen- ’funft ein B.weis, daß die internationale Spannung vorüber ist, daß man auch über „Einkrei- sungsversuche" keine Unruhe zu empfinden braucht. Im übrigen kann man getrost abtoar-
vermijchtes.
* Knechte, Lehrlinge, Dienstmädchen uns Hühner. Eine außerordentlich »exklusive" Gesellschaft scheint als Magistrat in denff pommernschen Städtchen Bärwalde zu regieren. Mit Bezug auf die dortigen städtischen Anlagen hat dieser Bärwalder Magistrat in seinem Amtsblatt folgende famose Kundgebung losgelassen: Bekauntmachnng. Wir machen daraus aufmerksam, daß bett Knechten, Lehrlingen, Dienstjungen und Dienstmädchen, Kindern, ohne Begleitung Erwachsener, der Aufenthalt, sowie das Gehen in den Anlagen, auch auf dem dem durch diese zum Bahnhof führenden Steige bei Vermeidung empfindlicher Bestrafung verboten ist. Wer seine Hühner und anderes Federvieh in die Anlagen gehen läßt, wird bestraft. Der Magistrat. — Man sieht hier wieder einmal, ganz abgesehen von der komischen Wirkung dieser Verordnung, was in Preußen möglich ist. Natürlich ist diese Verordnung rechtlich unhaltbar, aber sie bleibt solange in Gültigkeit, bis sich einer bestrafen läßt und bann mit großen Kosten sein Recht in ber höchsten Instanz sucht.
* Eine fette Erbschaft des Fiskus. Fürst Amon Sulkowski, ber Besitzer ber Fidei- kommißherrschaft Görchen bei Lissa i. P-, ist auf ber Rückreise von Italien in München gestorben. Ta et keine Leibeseirbcht Hinterläßt, fällt die Herrschaft im Werte von ettoa 5 Millionen an den Fiskus. Hin ben Besitz ber Herrschaft tvaten in ben letzten Jahren zwischen dem Fiskus und ben polnischen Seitenlinien ber Familie Sutkows ki lange Prozesse gefiihrt worben.
- * Das Pastcur-Jnstitut in Paris ist Erbe einer 3 0-M i l l i o n e n - E r b s ch a s t geinor» ben. Der vor zwei Jahren im Alter hon 82 Jahren in Paris.verstorbene Bankier Osiris hat sein Vermögen von 46 Millionen Franks bem Pasteur-Institut vermacht. Nach Abzug von einigen Legaten beträgt bie Erbschaft noch 30 Millionen Franks. Die birekten Erben Osiris fochten bas Testament aber an. Jetzt ist bie Entscheidung zu- guuften des Instituts gefallen.
** Der Auswandererstrom von Italienern nach bem Auslände hat in den letzten Monaten erheblich zugenommen. Gegen das Vorjahr hat die Zahl der italienischen Auswanderer nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas 'ich vervielfacht! In der betreffenden Statistik findet man aber nur bie Zahl derer, die sich in den itali:- irischen Häfen einschifften: indessen verlassen alljährlich ungezählte Tausende Italien, um sich in nerdeuropäischen Häfen einzuschiffen' es geschieht bft's in erster Linie, um die gesetzlichen Besftm- mungen zu umgehen, die sich der Landung von italienischen Analphabeten in Amerika widersetzten. Auf diese heimliche Auswanderung hak die italienische Regierung ihr Augenmerk gerichtet und es wurden Maßregeln ergriffen, um ben Agenten, bie die armen Kalabresen und Sizilianer zu dieser Art von Auswanderung verleiten, das Handwerk zu legen.
Deutsches Reicht
-4- Der Hausabund versteht es, tüchtig Propaganda und Reklame in ber seinen Matadoren nahestehenden Presse zu machen. Tag für Tag lieft man in der Presse Mitteilungen, die augenscheinlich von ber Propagandakommission des Hansabundös betrübten. So wird eine Meldung lanzierk, daß Oer Kaiser dem neugegründeten Bunde das größte Interesse entgegenbringe, daß er diesem Zusammenschlüsse bie vollste Berechtigung zuerkenne. Bereits über 200 000 Zir- kulgie find an selbständige Firmen hinausgesandt teorben’ in denen diese aufgeforbert werden, dem Bunde beizutreten. Die 40Ö Verdänoe, die in der Versammlung vertreten waren, sind ersucht worden, ihre Mitglieder möglichst Mann für Mann zum Beitritt zu veranlassen. An alle übrigen wirtschaftlichen Verbände ist die gleiche Aufforderung ergangen. Durch Aufrufe und Ver- samlungen in allen Teilen des Reiches wird diese Propaganda unterstützt werden, und außerdem werden überall in öffentlichen Verkaufsstellen Beitrittsliften aufgelegt werden. Das nötige Kleingeld zur Propaganda wird der Hansabunb mit leichter Mühe aufbringen können, ob aber der Erfolg der aufgewandten Anstrengung ent« sprechen wird, bleibt abzuwarten.
e. Der Gesetzentwurf betr. zollwidrige Verwendung der Gerste ist in ber Kommission in erster Lesung durchberaten worden. Das Resultat besteht darin, daß der Entwurf mit eimer
Anzeigen: vie einspaltige petltzeile oder deren Raum <5 psg. Reklamen dirpetttzeil« 25 Psg., btt Wiederholungen wird entspr. Rabatt gewährt.
Rotationrdruckund Verlag der Luldaer Ak- tiendruckerci in Lulda Fernsprecher Nr. 4.
Uerntzard von -er Eiche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.
9J (Nachdruck verboten.)
Er lächelte rrübe. Er machte sich keine Illusionen., Würde er aber dieses rätselhafte Frauen- herz nicht allmählich durch die Macht seiner großen Liebe gewinnen? Bernhard hatte ihm in Ltehenau gesagt, daß die Schwester ein warmes Empfinden unter der scheinbaren Kälte borg, der zündende Funke harte bisher gefehlt.
In ber fo innigen Bereinigung zwischen Mann und Frau, gab es Gelegenheit dazu, bas Feuer anzufacksen, das zum beglückenden, wärmenden Segen des Hauses wiro. In der Brautzeit war tauben „um keinen Schritt seinem ersehnten Ziele näher gekommen. Gewöhnlich war die Tante bei ihnen; in den vier kleinen Zimmern war es fast unmöglich, unbeobachtet zu bleiben.
Mit rechi ernsten Gedanken stand Bernhard tu ber Kirche unb folgte ber heiligen Handlung. Er verstand Randen eigentlich nicht rächt. Wie würde Beirnhard von der Eiche ein Weib zum Al- .-tar führen, das ihm nicht in Liebe ergeben Ivar, bas ihn nicht um seiner selbst willen wähfte, ohne auf äußeren Glanz zu achten. Den würbe er nie bieten können. Ja, wär das Eine nicht geschehen, Was ihm der Vater damals in seinen letzten Tagen anvertraut hakte. —
Nach, ber Trauung war Bernhard einige Augenblicke mit seiner älteren Schwester allein. Er ergriff die Gelegenheit, um ein ernstes Wort itnit ihr zu sprechen.
„Liebe Herta", sagte er, «Du bekommst einen -wahrhaft edlen, guten Mann, der Dich aufrichtig sliebt. Ich Haffe, Du wirst Dich bestreben, eine grau zu werden, die ihn glücklich macht. Suche darin allein Deine Befriedigung und Du wirst selbst glücklich werden. Nicht im eitlen Tand «nb rauschenber Geselligkeit liegt das, was ein Frauenherz brauchr, um ein schönes Erbenlos zu
finden' in der Stille unb bem Frieden ber Häuslichkeit ruhen bie Schätze, die auch Dir zuterl werden, wenn Du sie zu heben verstehst. Nicht wahr, daran willst Tn denken, hebe Schwester."
Seine Stimme klang so weich und eindringlich, sie schien den Eindruck nicht zu verfehlen. Etwas wie Rührung schimmerte in ihren Augen. Sie reichte dem Bruder die .Hand und tagte:
„Ich will daran denken, Hardy/
Schon dieses Zugeständnis war viel für eine so verschlossene Natur wie Herta sie besaß.
Das junge Paar war fortgefahren. Ines und Bernhard reiften am nächsten Tage nach siebenen, wo sie des Vaters Grab besuchten. Dann brachte Eiche die Schwester in die Forstei und blieb dort einen Tag. Er ging mit dem Förster zur Jagd und sie fanden eine reiche Beute. Jetzt waren alle Elevinnen und die jüngeren Kinder bis auf den vierzehnjährigen Kurt zu Hause. Er besuchte das Gymnasium in Braunschweig.
Arn Abend wurde musiziert. Ines hatte gute Fortschritte im Klavierspiel gemacht und Luise sang mit einer recht hübschen Sopranstimme. Die gute Tante Emma sprach sich sehr zufrieden über bie Leistungen ihres Lieblings vifies aus, die praftisch veranlagt war und alles richtig angriff. Bernhard lobte die Schwester erfreut. Sie aber meinte:
„Ich bin ja sonst talentlos, Hardy. Bedenke, wie Herta bevorzugt ist; sie hat ihre Malerei."
Nun und Du hast ein viel schöneres Talent, Kleines.
„Da bin ich neugierig!" rief Ines lachend.
„Du hast Talent, Deine Umgebung glücklich zu machen."
Sie umarmte ihn zärtlich.
„Lieber, alter Hardy", sagte sie und lehnte den Kopf an seine Schulter. „Ich wünschte, ich wäre fdjon bei Dir. Es muß doch recht öde in bem kleinen Nest fein, und wenn Du abends nach Hause kehrst, ist niemand da. der Dich willkommen
beißt. Das wird anders werden, wenn ich bei Tir bin."
„Ich hoffe, nach einem halben Jahr erster Assistent zu werden", vertraute Bernhard ihr an. „Tann nehme ich bas hübsche, kleine Häuschen am Eube des Dorfes, ber Wald ist ganz nahe. Ich ermatte Dich, sobald Du den Kursus der Krankenpflege beenbat haft. Ein Gärtchen ist auch vor bem Haus:. Es ist klein, aber wir haben genug Platz darin. Oben sinb zwei Mansar- denzimmer, unten drei Räume, und die Veranda ist von Glycinien und wildem Wein umrankt."
Ines war begeistert. Sie malten sich ihr zukünftiges Paradies aus. Die Trennung sollte diesesmal lang sein, aber nachher kam das glückliche Beisammensein ber Geschwister. Dieser Gedanke half ihnen über den Abschied ihnweg.
Schloß Randenhagen hatte sich zum Empfang seines von der Hochzeitsreise heimkehreuben Herrn und seiner jungen Frau geschmückt. Von ber Zinne des runden Turmes wehte die schwarz- rote Fahne mit dem freiherrlichen Wappen. Das schwere Fahnentuch bauschte sich im Winoe und flatterte hin und her. Grüne Guirlanden schmück- ten das Portal. Es war mittlerweile Lenz ge- worden. Frisches Grün sproßte allenthalben und um die schmiegsamen Birkenäste wehte es wie lichtgrüne Schleier. Eine stattliche Buchenallee führte zum Hetrenhause. Es war ein großes, im Viereck erbautes Gebäude, ohne architektonische Schönheit aber solide und wohnlich. Die dicken Mauern boten Schutz gegen bie kalten Winde, bie im Herbst und Winter von ber See herüber- wehteu. Man konnte dann ihr wildes Tosen und ben Anprall der Wellen gegen die hohe Düne hören.
Voller Erwartung standen bie Beamten und bie Dienstboten vor dem Schloß. Heute kam die junge Frau, die der Herr Baron erwählt. Lange haft« er als Junggeselle gelebt; nun änderte sich alles mit einem Schlage.
„Wie würbe es werden?"
Das dachten sie alle, die bisher gewohnt gewesen waren, Randen als alleinigen Herrn anzu- sehen. Die meisten von den anwesenden Leuten hatten seit Jahren, in seinem Dienst gestanden. Sie batten schon oem verstorbenen Besitzer gedient; treue1 Anhänglichkeit bartb fw an den Sohn.
Am Ende ber Allee wurde der Landauer sichtbar, der von zwei schon etwas alten Braunen gezogen wurde. Auf dem Bock lenfte Christian, ein Graukopf, das Gespann, bas in gemächlichem Trabe über ben Kies des Weges rollte. Neben bem alten Kutscher saß der ebenso betagte Diener. BÄ de steckten in einer ziemlich abgetragenen grauen Livree, mit silbernen Litzen unb Knöpfen.
„Ein recht fchäbtges Fuhrwerk", dachte Herta, als sie in ben mit verblaßten blauen Seidenpolstern versehenen Wagen einstieg, „und wie häßlich ist diese graue Livree. Das muß and.rs toerben."
Auf der ganzen Hochzeitsreise war Randen ber gehorsame Diener seiner Frau gew.sen. Sie hoffte, baß sie ihn auch hier nach ihrem Willen lenken könne; sie fühlte sich ihm gegenüb.r als Königin.
„Krischan", sagte ber Diener Franz unbjtiefj den alten Kutscher mit bem Ellbogen in bie Seite, „wie gefällt Dir die Gnädige? Sie ist ein bild- sauberes Weib, he?"
„Kann sein", brummte ber Graubart, „aber sie sieht stolz unb hochmütig aus. Soll ja blutarm gewesen sein und kann sich freuen, sich hier ins warme Nest zu setzen. Na, wenn unser guter Herr nur glücklich wird, das ist die Hauptsache; er verdient es wahrhaftig."
Mit einer eleganten Biegung und einem lauten Klatschen seiner neuen Peitsche fuhr Christian vor das Schloß. Randen hob seine Frau aus bem Wag^n und begrüßte sich höflich mit feinart Leuten unb Beamten, hier die Hand schüttelnd, dort einen Scherz machend.
(Fortsetzung folgt)