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JV3 135.
Fulda, Donnerstag den 17. Juni 1909.
36. Jahrgang.
Kvstes McrtL.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 16. Juni 1909.
Das Haus ist stark besetzt. Die Tribünen und fcvgett sämtlich schon lange vor Beginn der Sitzung überfüllt. In der Hofloge Prinz und Prinzessin August Wilhelm.
Am Tische des Bundesrats: Fürst Bülow, v. Bech- wann«Hollweg, Sydow, Frhr. v. Rheinbaden, Delbrück, Havenstein, Kraetke, Dernburg und die Vertreter aller Bundesstaaten.
Ser MH Wer übet Me politische Lage.
Reichskanzler Fürst Bülow: M. H., bevor der Herr Staatssekretär des Reichsschatzamls die vom Bundesrat neu vorgeschlagenen Steuern im einzelnen begründet, möchte ich mich über die im Vordergründe des Interesses stehende allgemeine politische Lage aussprechen, wie fie sich nach den bisherigen Verhandlungen über die Reichsfinanzreform gestaltet hat. Hierbei muß ich zunächst eingehen aus mein Verhältnis zu den großen bürgerlichen Parteien. In der Presse, in öffentlichen Versammlungen und auch in der Finanzkonnniffion ist darüber geklagt worden, daß die
Mitwirkung des Zentrums bei der Reichsfinanzreform von den verbündeten Regierungen oder vom Reichskanzler misgeschaltet worden wäre. Das ist eine vollkommen irrige Auffassung. (Lautes Gelächter auf verschiedenen Seiten des Hauses.) Warten Sie doch ab, m. H., was ich noch sagen werde. Von Anfang an ist das Zentrum Fortdauernde Unruhe und Gelächter) aus meine Veranlassung wie alle anderen bürgerlichen Parteien über die Absichten der verbündeten Regierungen unterrichtet worden. Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes — das wird ihm von allen Mitgliedern der Kommission bestätigt werden — hat sich niemals ablehnend verhallen gegenüber Anträgen, Anregungen oder Wünschen der Zentrumssraklion, »veil sie vom Zentrum kamen, sondern immer nur, well und so well er sachliche Bedenke« hatte. Der Antrag Herold wegen der Besitzsteuern schlug einen so starken Eingriff in die Finanzhoheit der Sinzelstaatrn vor, wie der später zur Annahme gelangte Kompromistantrag. Er hat auch nicht die Stimmen der Nationalliberaleu gesunden. Ich habe aber es als meine Ausgabe betrachtet, von Anfang an bis zu diesem Augenblick — und bin in jeder Phase der Verhandlungen dafür ein« getreten — den Liberalen die Mitwirkung bei der Reichsfinanzresorm zu ermöglichen und sie zur Mitarbeit heranzuziehen. Ueberhaupt habe ich nie eine Partei an positiver Arbeit verhindert; ich würde sachliche Unterstützung sogar von der äußersten Linken annehmen. (Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Ja, wenn Sie nur heraustreten wollten aus Ihrer negativen Haltung, wenn Sie brechen wollten mit diesem „Dogmatisme intolerant“, den Ihnen ein franzöfischer Gesinnungsgenoffe nicht ganz mit Unrecht »orgeworfen hat! Die Gereiztheit, die von einem Teil des Zentrums mir gegenüber an den Tag gelegt worden ist, hat mich in keiner Weise in meiner Haltung beeinflußt. Diese persönliche Feindfeligkeit hat sich zu ganz unwahren Behauptungen und sehr ungerechten Angriffen verdichtet, die von einzelnen Mitgliedern der Zentrumspartei gegen mich erhoben worden sind. (Unruhe im Zentrum.) Man hat meine zweifellos vollbewährte und zweifelsfreie Bundestreue gegenüber Oesterreich « Ungarn in Zweifel gezogen; man hat es sogar gewagt, meine ebenso zweifellos bewährte Treue für daS königliche Haus, für Se. Majestät den Kaiser und König zu verdächtigen. (Große Unruhe im Zentrum, Zurufe: Sehr richtig! bei den Rat.) Mitglieder der Zeutrums- partei haben sich Berdächtigun gen angeeignet, die in Pamphleten gegen mich erhoben worden waren. Das alles hat mich in meiner politischen Haltung nicht irre gemacht. An Verleumdungen bin ich gewöhnt. (Große Unruhe im Zentrum.) Ich verstehe jetzt, was Fürst Bismarck meinte, als einmal ein ausgezeichneter Mann wenig Lust zeigte, ein Ministerportejeuille zu
Bernhard von der Eiche. Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach. 8] (Nachdruck verboten.-
Der Zug, mit dem Randen abreiste, ging um sechs Uhr ab; es war Zeil für ihn, Abschied zu nehmen. Ines schüttelte ihm herzlich die Hand, Herta haschte daneben. „Wird er mich jetzt küssen?" dachte fie und eine Abwehr prägte sich auf ihrem Gesicht aus. Randen sah es und zögert; eiiv Sekunde, dann drückte er sfine bärrigen Lippen leicht auf das Haar seiner Braut. Sie hatte den Kopf zu ihm geneigt, damit er den Mund nicht berührte. Noch eine tadellose Verbeugung an der Tür, dann verschwand Randen. Bernhard beglfttere ihn bis zur Bahn. Er wollte dem zukünftigen Gatten der Schwester manches üiber ihren komplizierten Charakter sagen, ihn bitten, Geduld mit ihr zu üben. Und er tat es in liebevoll schonender Arr. Er sprach von Hertas guten Eigenschaften. Sie sei sehr begeisterungs- fähig und strebsam, ein warmes Empfinden schlummere unter der oft mit Absicht zur Schau getragenen Kälte ihres Wesens. Auf der anderen Seite hätten Eivelkeit und Hoffahrt mitzu- fp rechen.
Randen hörte zu und erwiderte, das; er nicht blind seine Wahl getroffen habe. Er freue sich, dem geliebten Mädchen die Annehmlichkeiten bieten zu können, die der Reichtum mir sich bringt, sie recht zu verwöhnen.
„Richt zu viel", meinte Bernhard. Herta wird es gut tun, eine feste Hand zu fühlen 5 daß es in Ihrer Macht liegt, hoffe ich."
Das sich noch weiter enrwickelndr Gespräch brachte bribe Männer näher. Sie trennten sich mrr einem Gefühl gegenseitiger Hochachtung und Snmpathre.
„Er ist ein lieber, prächtiger Mensch", dacht; Bernhard von der Eiche, ,,H;rta wird mit ihm glücklich werden, es liegt nur an ihr.---
übernehmen und der Fürst in seiner ihm eigenen drastischen Ausdrucksweife sagte: „Eigentlich begreife ich, daß Sie nicht Lust haben, in die Drecklinie ein« zurücken." (Große Heiterkeit.) Das war vor 30 Jahren. Seitdem ist es schwerlich bester geworden. Daß also meine Gegner zum Teil mit recht unschönen Waffen gegen mich kämpfen, beeinflußt mich nicht, eine solche Kampfesweise richtet sich von selbst. Ich habe mich auch dadurch nicht beirren lasten, daß Mitglieder anderer Parteien des Hauses die gesellschaftliche» Beziehungen zu mit abgebrochen haben. (Bewegung.) Vielleicht trägt mein langer Aufenthalt im Auslände dazu bei, daß ich nicht gewohnt bin, daß man sich gegenseitig gesellschaftlich ausschließt, weil man politisch hart aneineinander geraten ist oder politisch oder wutschaftlich anders denkt. Ich hoffe, wir werden doch dahin kommen, daß man den, der in politischen, wirtschaftlichen oeer sozialen Fragen anders denkt als man selbst, deshalb nicht gleich für einen Narren oder Schurken hall. (Sehr wahr! und Bewegung.) Aber vorläufig find wir noch nicht soweit. Also, die Haltung der Zentrumspartei mir gegenüber ändert nichts daran, daß es m i r niemals eingefallen ist, diese Partei zu boykottieren. Ich werde mich aber auch n i ch k bewegen lassen, die Geschätte io zu führen, daß die Liberalen von der Mitwirkung ausgeschlossen werden. Ich habe nie daran gedacht, und denke auch heute nicht daran mir das liberale Programm anzueignen. Aber die
Mitwirkung der Liberalen
bei großen gesetzgeberischen Aufgaben erscheint mir im Interesse unserer Entwickelung, einer ruhigen und gesunden Entwickelung im hohen Grade wünschenswert. iLebh. Beifall links, Lachen int Zentrum und aus der Rechten.) Meine Herren, die deutsche Einheit ist geschaffen worden von Männern, die der konservativen Gedarkenrichtung angehörteir. Der unvergleichliche Staatsmann, der fie realisiert hat, hat nicht übersehen, daß die nationale Idee in liberalen Streifen geboren wurde. Man wird m Süd» und Mitteldeutschland lernen müssen, den Wert des konservallveu Preußens höher, viel Höver zu schätzen. (Lebh. Widerspruch und Gelachter links. Sehr richtig! rechts.) Ma» wird aber auch in Prenßen nicht vergessen dürfen, daß der Liberalismus auch für das deutsche Reich unentbehrlich ist. Den liberalen Geist aus- schalten, wäre historisch unrichtig und em politischer Fchler. Aber die Schwäche des Liberalismus, der doktrinäre Zug, hat sich bei der Finan^esorw schwer geltend gemacht. Der Liberalismus iönnte in verichiedeni.il Fragen agrarfreundlich sein >md doch liberal bleibe«. Bei meinen zahllosen Besprechungen mit den Liberalen wurde mir gesagt: „Sie Haden ja eigentlich recht, aber unser Programm" (Heitert. Programme veralten. Sie werden leicht zu Kulissen, hinter denen man stehen bleibt, ohne in den Gang der Handlung ans der Bühne einju greifen. Aehnlich liegt es auch mit den Erfahrungen, die man lsinsichtlich der Besteuerung des Massenkousu ms gemacht hat. Man kann vor 20 Jahren ein scharfer Gegner aller Mehrbelastungen der Massen gewesen sciu und kann doch heute nach einer glücklichen Entwickelung der wirlschast- lichen Verhältnisse, aber einer unglücklichen der Fmanz- verhältmffe jit der Ueberjeitgung gekommen sein, daß eine Heilung der Krankheit ohne starke Dosen der Steuer auf Genubmittel einfach nicht möglich ist. «Sehr ttchtig!) Ich erkenne es durchaus an, ich et= kenne es hoch an, daß die Linke sich nicht grundsätzlich auf diesen Slandtpuukt gestellt hat. Ich bcirachte es nicht nur als natürlich, ich betrachte es als notwendig und gerecht, daß neben dem Verbrauch auch der Besi tz zur Deckung herangezogen wird. (Beifall.) Damit, meine Herren, komme ich zu der
Haltung der rechten Seite
dieses hohen Hauses. (Aha! und Heilkeik.) In einem Lande, wo teilte Partei die absolute Mehrheit hat, kann auch keine Partei verlange», daß die Regierung nur ans chre Worte schwört. Weil ich mich hierzu gegenüber der Zentrurnspartei nicht entschließen konnte, ist es zu einem Bruch mit dieser Partei getemmeu. Ich kau» mich auch der rechten Seite nicht mllerorbneu. Wenn es in diesem Lande einen Minister gegeben ha!, der die Bedeutung der konservativen Partei zn schätzen weiß, so bin ich es. (Sehr wahr! links.) Ich diu vom ersten Tage, buchstäblich von der ersten Stunde meiner ganzen
Einige Tage später wurde der kleine, bescheidene Haushalt des Majors aufgelöst. Tie Möbel wurden teils verkauft, teils abgeftellr. Es ist etwas Trauriges um solch eine Auflösung des Elternhauses, um das Fortrragen der Sachen, an die sich die früheste Kindeserinnerung knüpft. Man sagt sich, daß wieder ein wichtiger Lebensabschnitt da ist, daß es nie mehr werden kann, wie es war. Me drei Geschwister fühlten es, jedes in feiner individuellen Art. Ines weinte viel, Herta war stumm und wortkarg, Bernhard besorgte alles Geschäftliche und preßte sein Herz zusammen. Er war bemüht, den Schwestern durch seine Umsicht und Fürsorge den Abschied zu er- leichieru.
Ihr letzter Gang galt bent Grabe des Vaters. Tic Töchter schmückten es mit Blumen, der Sohn stand dabei. Das Geheimnis de» Toten war ihm allein bekannt. Würde sich je der Sichle Schleier lüften? Würde Bernhard von der Eiche die Spur finden, dir Klarheit brachste? Er glaubte es kamn.
Bei seiner Heimkehr fand Bernhard sehr viel Arbeit. Der erste Assistent war krank, so mußte Eiche ihn vertreten. Mit erneuter Lust und Fleiß machte er sich an die schwere, aber ihn ganz er- ftillende Pflicht. Me Hochöfen hatten während seiner Abwesenheit Stockungen erlitten, es galt, sie wieder in Ordnung zu bringen. Oft kam Bernhard über 24 Stunden nicht aus den Kleidern, seine Gewissenhaftigkeit, fein Ehrgeiz er- simbten es ihm nicht anders. Er besaß die Gate, sich bei aller Strenge das Vertrauen und die Liebe der Arbeiter zu gewinnen, denn er war gerecht und leistete selbst viel.
„Der Eiche ist dazu geschaffen, einmal eine leitende Stellung einzunchmen", hieß es beim Aufsichtsrat.
Als ein Streik ausbrach, vermochte es der junge Assistent durch die Macht feiner markigen
Tätigkeit für die Wünsche, für die Bedürfnisse, für die Jntereffen der Landwirtschaft eingetreten. (Sehr richtig!) Ich glaube, meine Herren, Sie (nach rechts) werden lange warten, bis Sie wieder einen Kanzler bekommen (schallende Heiterkeit im ganzen Hanse), der konservative Interessen, die wahrhaft konfervativen Interessen und die wirklichen Bedürf- niffe der Landwirtschaft so konsequent u. — ich füge hinzu — so erfolgreich vertritt, rote ich. Aber von der Linie, die mir das Staatsinleresfe vorschreibt, lasse ich mich auch nicht durch die konservative Partei abbringen. Die verbündeten Regier trugen sind der Ansicht, daß ein Betrag von 500 Millionen neuen Steuern nicht lediglich durch eine weitere Ausgestaltung der indirekten Steuern geschaffen werden kann, sondern daß auch der Besitz herangrzogen werden muß, und bas kann nur geschehen auf dem Wege des
Ausbaues der Erbschaftssteuer.
Wenn die Erbschaftssteuer vermieden werden soll, so muß eine gleichartige, die verschiedenen Atten des Besitzes treffende Steuer gefunden werden. So lange eine solche Steuer nicht gesunden ist, müssen die verbündeten Regierungen an der Erbschaftssteuer jest- halten (Beifall^, und die verbündeten Regierungen sind der Ueberzengung, daß eine solche Steuer mit gleichem Ertrage nicht gefunden werden kann. Die Konservativen hätten sich ein Beispiel nehmen sollen an der bewährten Taktik einer ihr nahe sitzenden Partei. Haben Sie je einen Sprecher des Zentrums in der ersten Lesung abkehnen hören? (Sehr gut! und große Heiterkeit links.) Ich gebe gern zu, Ihr Verhalten (nach rechts) ist vielleicht konsequent. Aber der Sieg in der Gegenwart ist häufig der Pfad zu Niederlagen in der Zukunft. (Sehr wahrI tticks.) Ich verkenne nicht, was die Konfervativen jahrhundertelang für Preußen geleistet haben. (Rufe links: Jena!) Aber die Regierung kann nicht zur Geschästs- lührmig der konservativen Partei werden, ebensowenig kann die Regierung verlangen, daß die konservative Pattei eine Regierungspartei sans Phrase werden soll. Durch ihre eigene Schuld gräbt sich die konservative Partei ihr eigenes Grad, wenn sie sich berechtigten Forderungen verschließt; wenn sie die mr- haltbare Position nicht rechtzeitig räumt. Das „Unannehmbar' ter konservativen Partei wird einen ties en Eindruck machen auf das deutsche Volk. Es tonnen dadurch gegen fie Gefühle aus gelöst werden, die ihr sicherlich nicht au genehm sind- Die Regierung hat durch die konservativ-liberale Kombination nicht nur die Liberalen zn politischer Mitarbeit heranziehen, sondern mich die Konservativen zu gesunder Fortentwickelung führe» wollen. Ich iviedechole, baß dir der Gesamtheit des deutschen Volkes aufjulegenben neuen Steuern zu einem guten Teil vom Besitz getragen werben. Ich hatte deshalb an der Erbschaftssteuer fest. (Bravo links.) Ich lehne es ab, üu Bundesrat Steuervorschläge zu »«treten, die die Industrie unerträglich betasten. Trotz der Schwierigkeit der Situation halte ich an der Hoffnung fest, daß in diesem hohen Hause der nationale (Sebante den Steg davon tragen wird über kleinliches Parieigezänk. In dieser Hoffnung werbe ich bestärkt durch die Stimmung im Lande. Rim noch ein persönliches Wort. Seit Wochen regen sich die Leitungen darüber auf, ob ich
bleibe ober gebe.
(Heiterkeit.) Ich bleibe, so lange der Kaiser glaubt, daß meine Mitwirkung in bei inneren und äußeren Politik nützlich ist für das Reich im> so lange ich selbst nach meiner eigenen politischen lieber$engitng und nach meiner Beurteilung der Sachlage glaube, nützlich wirken zu könne». Ich kenne kein Gebiet der inneren Politik gleicher Wichtigkeit, wie das baldige Zustandekommen der Firianzreform. Allseitige Zustimmung.) Dieser großen Ausgabe ordne ich selbstverständlich meine Person vollkommen unter. (Beifall b. d. Liberalen.) Solange ich nach m iner eigenen politischen lieber« zeugmig und nach Beurteilung der Sachlage glaube, nützlich wirken ju könne», werde ich bleiben. Wenn ich aber die Ueberzengung gewinne, daß meine Person per Sache im Wege steht, und ein anderer eher zum Ziele gelangen würde, ober wenn die Verhältnisse sich in einer Richtung entwickel» sollten, die ich nicht
Persönlichkeit, durch die überzeugende Gewalt seiner Rede die erregten Gemüter zu beruhigen. Man überließ ihm die Vermittlung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Sie gelangten zu einem beide Teile befriedigenden Resultat
Von seinen Schwestern erhielt Bernhard oft Briefe. Ines schrieb voller Sehnsucht nach dem geliebten Bruder, sonst aber zufrieden und heiter. Sie fühlte sich fehr glücklich in der Forstet und behauptete, eine perfekte Wirtin zu werden, lieber Luise schrieb fie in allen Briefen mit warmer Freundschaft. Unwillkürlich dachte Bernhard dadurch auch öfter an das junge Mädchen, an ihr faulstes, freundliches Wesen, an ihr liebliches Aeußere, aber fein wärmeres Gefühl sprach mit. Rur war er ihr als Freundin feiner Lieblingsschwester dankbar.
Hertas Briefe klangen anders. Sie langweilte sich offenbar bei der Tante in der kleinen thüringischen Stadt und »chien ' oen Zeitpunkt ihr« Hochzeit herbeizuwünschen. Randen war einige Male gekommen und hatte seine Braut besucht. Er überschüttete sie mit Geschenken und las ihr jaden Wunsch von den Augen ab.
Sechs Monate nach dem Tode des Majors fand die Trauung statt. In Anbetracht der Verhältnisse konnte das Trauerjahr nickt abgewartet werden, und die Tante wollte verreisen, sie schloß so lange ihr Haus. Sie hatte Herta eine ffeme Summe für die Aussteuer gegeben und fuhr mit ihr nach Berlin, um dort einznkcmsen und das Brautkleid zu bestellen. Es war viel zu kostbar für die kleine Hochzeit. Die lange schwere Brokatschleppe fegte über den ausgetretenen Fußboden der einfachen Kirche, die vollgepfropft von Neugierigen war. Randen war folche Schaustep hing sehr zuwider. Er hatte eine häusliche Feier vorgezogen, aber er fügte sich dem nachdrücklichen Wunsch Hertas. Eine wunderschöne, nur sehr farblose Braut war sie. Nicht das leiseste Rot innerer Erregung färbte ihre blasse Wange, eine steinerne Stube laa auf den klastischen Zfiaen. Wie
mitmache» werde und will, so wird es mir auch möglich fein, beu Saffet von der Opportunität meines Rücktritts zu überzeugen. Dann wird mein Wunsch fein, daß meinem Nachfolger besserer Erfolg beschieden sein möge. (Beifall.)
Reichsschatzsekretär Sydow (unter großer Unruhe des Hauses): Die verbündeten Regierungen haben bei den neu ihnen borzulegenden Verbrauchssteuern die Ergebnisse der Kommissionsberatungen zn Grunde gelegt, sodaß bei diesen ein Ertrag von 360 Millionen heranSkommt. Anders denken die verbünde- te» Regierungen von den Kommiffionsbeschlüffen bezüglich der Besitzsteuern. Die Kotierungssteuer wäre eine partidle Vermögenssteuer; die Regierungen halten aber an dem Grundsatz fest, daß Einkommen- und Vermögenssteuer» den Einzelstaaten überlassen bleiben müssen. Die Kolierungssteuer würde auch im letzten Grunde die kleinen Existenzen treffen und würde das ausländische Kapital aui Deutschland vertreiben, wenn fie auf auswärtige Werte gelegt wird. Das wäre für die deutsche Industrie und für etwaige Kriegsfälle sehr bedenklich. Die besondere Besteuerung der zum Terminhandcl zu- gelaffene» Papiere widerspricht den gesetzlichen Bestimmungen, und ihr Ertrag würde bei weitem nicht an die herausgerechnete» Zahlen heranreichen. In Frankreich hat man sich von der llngangbarkeit dieses Weges überzeugt. Durch die M ü h le n Umsatz- und Kohlen, ausfuhrsteurr würden Handel und Industrie in einer Weise geschädigt, die ihre Existenz in Franc stellen Würde. Dem Gedanken einer Re ichs u- r i= zuwach sft euer steht die Regierung grunofii^lich nicht abgeneigt gegenüber, sie ist aber nicht in der Lage, jetzt schm mit einer gesetzgeberischen Regelung für das ganze Reich dorzugehen, bevor nicht eine ganze Reihe wichtiger Fragen geregelt worden ist. Um die' Deckung der durch das Ausfcheiden dieser Steuern aus dem Programm der Kommission enlfmnbcueii Lücke von 150 Millionen handelt es sich bei den Vorlagen, dic wir Ihnen heute hier unterbreiten. Hierbei stehi in erster Linie die Erbschaftssteuer. Es gibt keine Steuer, die in gleicher Weise alle Arten des Besitzes trifft und dabei doch die Leistungsfähigkeit berücksichtigt, wie die Erbanfallsteuer. Die Negierungen haben auch allen den Bedenken Rechnung getragen, die gegen den ursprünglichen Entwurf dieser Steuer geltend gemacht worden waren. Was, den Hauptein- wand gegen die Erbanfallsteuer betrifft, daß sic den Grundbesitz schärser belastet als das mobile Kapital, so bin ich, je mehr ich mich minder Frage befaßt habe, um so starker vom Gegenteil überzeugt worden. Im übrigen soll die Erbschaftssteuer m der modifizierten Gestalt 16 Millionen weniger bringen. Reben der Erv- anfallfteuer schlagen Wir Ihnen eine Steuer auf die Prämien der F e u e r v e r s i ch e r u n g s g e s e l l- schaften vor. Diese Steuer soll lediglich eine Besteuerung der Objekte der Versicherung sein, und daher ist sie eine Steuer auf den Besitz. Ein Rückgang der Feuerverficherungen ist hieraus nicht zu befürchten ,da die Steuersätze an sich sehr niedrig sind, und die Objekte bis zu 5000 <X frei bleiben sollen. Auch bei der dritten Steuer, dem Wechsel- und Effektenstempel, der ungefähr 10 Millionen bringen soll, handelt es sich um eine ausgesprochene Befitzsteuer. Die Verbündeten Regierungen find überzeugt, daß keine der borgeschlagenen Steuern eine Belastung für Handel und Verkehr bedeutet. Aus dem bisherigen Ver- lauf der Verhandlungen über die Reichsfinanzreform gewinnt man den Eindruck, daß bei allen Parteien der ernste Wille besteht, endlich zum Ziele zu kommen, und ich hoffe daher, daß es gelingen wird, big Finanzre- form mit Steuern zustande zu bringen, die wesentliche Interessen der Industrie.und der Landwirtschaft nicht verletzen.
Abg. Baffermann (ntt.): Wenn der Reichskanzler in seinen Ausführungen über die Finanzreform auf eine starke Heranziehung einerseits des Maffenveo brauchs, andererseits des Besitzes hingewiesen hat, wenn er die Erbschaftssteuer als den einzig gangbaren Weg und die Mitwirkung der Liberalen als unentbehr- lich bezeichnet hat, so ist das sehr erfreulich. Selbst, verständlich ist die itcttionallibercilc Partei bereit, die Fmmyreform mit erledigen zu helfen, aber unter der Voraussetzung, daß ihren Forderungen Rechnung getragen wird. Der Vorwurf, daß im Liberalismus ein doktrinärer Zug herrsche, trifft auf die nationalliberale Partei nicht zu. (Sehr richtig! b .d. Natlib., Gelächter rechts.) Die national.
ein Marmordild, so schön, aber auch so kalt stand sie da und hörte kaum auf die Worte, ßu sie dem Mann ihrer Wahl antrauten. Randen sah im Frack und in der weißen Binde — wenn auch nicht hübsch, fo doch vornehm au3. Eine tiefe Bewegung maste sich auf seinem Gesicht, die dunklen Augen hatten einen ernsten und doch unendlich glücklichen Ausdruck, wenn fie auf die hohe weiße Gestalt an seiner Seite sielen. Herta war größer als ihr Bräutigam, ein Mißverhältnis, über das die guten Einwohner der Winkelstaüt eifrig sprachen. An ihrem duftigen, weißen Kleidchen stand Irres tief ergriffen neben der Schwester. Ihr weiches Kindergemüt fühlle den ganzen Ernst dieser Stunde und ein inbrünstiges Gebet für das Glück Hertas stieg aus Ines Herzen zu Gott empor. In der kurzen Zeit, die fie Randen kannte, hatte ihn feine Schwägerin herzlich lieb gewonnen. Wie wars auch anders möglich bei feiner stets gleichen Freundlichkeit, und ritterlichen Rücksichtnahme auf feine kleine Verwandte. Am Tage vor der Hochzeit hatte er Ines ün hübsches, goldenes Armband geschenkt, der erste, wertvolle Schmuck, den sie besaß. In ihrer spontanen Art war sie Randen um den Hals gefallen, und hatte ihn geküßi.
„Freddi!" rief sie, „wie gut Du bist. Wie soll ich Dir danken?"
Sie nannte ihn Freddi und duzte ihn während Hetta immer den Familiennamen brauchte und sich lange nicht an das „Du" gewöhnen konnte.
„Danken sollst Dn nicht, Kleine," entgegnete Randen, „Du sollst mich aber als treuen Bruder ansehen und oft in Randen ha gen besuchen. Ich fürchte, daß Hetta sich in der Einsamkeft des Landes langweilen könnte."
„Wie wäre das möglich!" rief Aves- „Ich finde es herrlich auf dem Lande, viel fchoner als in der Stadt. Und dann hat sie Dich ja für sich ganz allein!"
(Fortsetzung folgt.)