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36. Jahrgang.

Fulda, Dienstag den 15. Juni 1909

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[] Das entschleierte Bild.

Die neuen Ersatz-Steuervorlagen, mit denen die Regierung in den Kampf gegen den „neuen Block", die aus Konservativen und Zentrum bestehende Mehrheit des Reichstages, eintreten Will, werden jetzt von dec Rordü. Allg. Zig. veröffentlicht. Es sind, wie man schon weiß, die Erbanfallsteuer, eine Besteuerung dec Feuer- Versicherungspolicen, die Erhöhung des Effekten- stempels, ferner einen Umsatzstempel bet Grund­stücken, eine Erhöhung des Wechselstempels und schließlich die Einführung eines Scheckrtenipels.

Der neue Entwurf einer Erbanfallsteuer fou einer Reihe von Einwendungen Nechurmg tragen, die in den Debatten der letzten Monate gegen dte vorgeschlagene Erbschaftsbesteuerung erhoben worden sind. Zunächst soll bei der Besteuerung de?> Gatten- und Kind es erb es dec Mo­biliarbesitz, soweit er nicht in Kapitalien, insbesondere in Wertpapieren besteht, aus der Besteuerung ausscheiden. Weiter soll das Gat­tenerbe in beerbter Ehe freigelassen werden, auch soll die Steuer dann nicht erhoben werden, wenn der Ernährer der Familie im Felde gefallen ist. Dem Bedenken, daß das mobile Kapital sich der Erbschaftssteuer viel leichter entziehen könne, soll dadurch Rechnung getragen werden, daß der Ent­wurf das Recht des Erbschaftssteueramtes vor- fieht, unter Umständen eine Versicherung an Eidesstatt über die Richtigkeit und Vollständig­keit der eingereichten ErbschaftAsteuecerklärung und der weiteren Angaben zu fordern. Um den kleineren und mittleren Besitz von der Steuer frei zu lassen, soll Steuerfreiheit eintre­ten, wenn der reine Wert des Gesaminachlasses nicht mehr als 20 000 <Al beträgt — auch hier ungerechnet dec nicht in Kapital bestehende Mo­biliarnachlaß — gleichviel wie hoch der Erwerb des einzelnen Erbes ist: die Steuerpflicht für Kinder und kinderlose Ehegatten soll erst bei einem Erbanfall von mehr als 10 000begin­nen. Im übrigen sind alle diejenigen Begünsti­gungen zu Gunsten des ländlichen Grundbesitzes wiederholt, die dec frühere Entwurf einer Erb­schaftssteuer enthielt. Der Mehrertrag der Erb- anfallsteuer wird auf 68 Millionen Mark geschätzr, wovon nach Abzug eines Anteiles der Bundes­staaten, für das Reich ein Ertrag von 55 Millio­nen Mark erwartet wird.

Die Einführung eines Stempels auf Feuer- dersicherungspolicen wird in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" damit begründet, daß ine Versicherung gegen Feuersgefahr, insbeson­dere soweit dec Gebäudebesitz und das Mobiliar in Frage kommt, einen int ganzen zuverlässigen Anhalt für den Vermögensstand des Einzelnen bietet. Bei dem hohem Stande des Versiche­rungswesens in Dutschland sei die Versicherung gegen Feuersgefahc allgemein und damit Ge­währ geboten, daß derjenige Teil des National­vermögens, der für die Versicherung überhaupt in Betracht komme, in weitestem Umfange auch steuerlich ersaßt werde. Die Steuer soll als Stempelabgabe von Quittungen über gezahlte Versicherungsprämien in Höhe von jährlich y4 vom Tausend erhoben werden. Versicherungen bis zu 5000 cAt bleiben frei. Der Ertrag wird auf 35 Millionen Mark veranschlagt.

Die Erhöhung des Effektenstempels soll den durch die vorgenannte Abgabe nicht erfaßte, in Wertpapieren bestehenden Kapitalbesitz erfassen. Es sollen in Zukunft entrichtet werden: von in­ländischen Aktien 2% Proz., von ausländischen 3 Prozent, von Kuxen 3 Proz., von Einzahlungen auf solche 2y2 Prozent, von inländischen privaten

Renten und Schuldverschreibungen, sowie solchen ausländischer Staaten und öffentlicher Verbände 1 Prozent, von sonstigen auolandiichen^ Obliga­tionen 1 Prozent, von Renten und -Schuldver­schreibungen inländischer öffentlicher Verbände 3 vom Tausend. Neuhinzutreten die Aktien der Deutschen Kolonialgesellschaft mit 1 Prozen r. Der Mehrertrag dieser Erhöhungen wird auf etwa 10 Millionen verachchlagt. Anstelle der von der Kommission vorgeschlagenen Wertzu- Wachssteuer von Immobilien soll von der Be­urkundung der eigentumy Übertragung ein Wertstempel mit einem Steuersätze von ]/3 Proz. erhoben werden. Der Ertrag der Steuer wird auf 20 Millionen geschätzt.

Ferner wird eine Erhöhung des Wech;cl,tem- pels vorgeschlagen; der Wechselstempel soll nur für solche Wechsel, die länger als drei Monate laufen erhöht werden und zwar im ersten Jahr für einen und dann für je fernere sechs.Monate der Laufzeit um eine weitere Abgabe in Höhe des bisherigen Stempels. Dabei handelt es sich im wesentlichen um Kautivns- und Avalwechsel; dagegen soll der Wechsel, der dem Zahlungsaus­gleich dient, durch die Beschränkung auf die lang­fristigen Wechsel im wesentlichen von einer Steuererhöhung verschont bleiben. Endlich soll ein Scheckstcuipel in Höhe von 10 Pfg. pro Scheck erhoben werden. Dec Ertrag des Wechselstem- pels und des Scheckstempels wird auf rund 20 Millionen Mark geschätzt.

Das Gesamtergebnis der Er sah­st euervorlagen beläuft sich auf 140 Mil­lionen Mark.

Wir haben bereits vor einigen Tagen gesagt, daß die Steuervorschläge der Regierung zum mindesten eine ganz bedeutende Ve rzögeru ng dec Finanzreform zur Folge haben würden. Wir halten an dieser unserer Auffassung jetzt, wo wir die Vorschläge der Regierung kennen, fest.

Daß hier nur solche Steuern ausgesucht seien, die am wenigsten drücken und am gerechtesten wirken, kann man nicht sagen. Jin Gegenteil, die neuen Vorschläge bedeuten eine Vegü n st i - gung des wirklichen Besitzes auf Ko­sten der bedürftigen Klasse und des Mittelstandes.

Rach den bestimmteste.l Erklärungen der Mehrheitsparteien im Reichstag kann mit Si­cherheit angenommen werden, daß die Erbau- fallsteuer auch in ihrer gemilderten Fann keine Annahme finden wird. Die Regie­rung hat, das läßt der Entwurf erkennen, alles daran gesetzt, den Konservativen gotöenc Brü­cken zu bauen. Diese Erbschaftssteuer wäre, wenn sie vor den großen Kämpfen der letzten Zeit im Reichstage eingegangen wäre, insbeson­dere wenn sie im vorigen Herbst vargelegt wor­den wäre, von den Konservativen möglicherweise ohne allzu große Schwierigkeiten borgcitommeu worden, zumal ihnen damals das Blockinteresse noch so hoch stand, daß sie dafür gewisse Opfer in Kauf nehmen zu dürfen glauben. Inzwischen ist die Lage eine andere, geworden. Tie Konser­vativen wollen unter keinen Umständen von der Erbschaftssteuer mehr etwas wissen. Sollte diese Steuervaclage dennoch ernsthaft zur Beratung kommen, so wird unter allen Umständen ver­langt werden müssen, daß der ländliche Besitz bis zu 100 000 Mack Wert — das ist der Wert eines mittleren Bauernhofes, auf dem sich ein Bauer mit seiner Familie ohne fremde Hilfskcäste be­scheiden durchbringt — von der Steuer fteige- lassen werden. —

Bei dec Steuer auf die Fn e c Versiche­rungsprämie glaubt die Regierung wohl mit der Freilassung der Versicherungen bis zu 5000 dl den Anschein erwecken zu können, als

lasse sie die kleinen Leute von dieser Steuer völ­lig frei Man hat es indes hier mit einem Blen­der zu tun. Für Beamte aller Art bedeutet diese Steuerart allerdings eine Entlastung. Aber für die Landwirtschaft und das Kleingewerbe, oas seine Warenvorräte, seine Betriebseincichtungen, seine Betriebsgebäude usw. versichern muß, be­deutet die Steuer keineswegs eine erfreuliche Ueberraschung.

Die Steuererhöhung des Effekten st em- p e l s wird bei den Herren, die am Samstag im Zirkus Schumann mit so großen Worten gegen die Kotierungssteuer gedonnert haben, wahr­scheinlich bittere Enttäuschung auslösen. Auch der Vorschlag dec Umsatzsteuer bet Grund­stück s v e r k ä u f en wird bei den. Liberalen den Gedanken erwecken müssen, daß die Regie­rung gesonnen sei, sich dem neuen Black wenig­stens auf Umwegen zur Verfügung zu stellen. Besondere Entrüstung in den gewerblichen Krei­sen aber wird voraussichtlich die Verdoppelung des W e ch s e l st e m p e l s die Einführung eines Scheck st e m p e l s erregen.

Der neue Hansabund für Handel und Gewerbe hat alle Ursache, eine neue Protest- Versammlung einzuberufen, aber nicht gegen den neuen Block, sondern gegen die neuen Ersatzsteuervorschläge dec Re­gierung.

Die .Deutsche Tagesztg/ erklärt die Ersatzsteuer­vorschläge der verbündeten Regierungen für ab­solut unannehmbar.

„Wenn jemand darauf auSgegangen wäre, die leistungsfähigen Schultern und das mobile Kapital nach Möglichkeit jeder Vcsicuerung zu ent­ziehen und alle Lasten den schwächeren Schultern und dem immobilen Besitz aufzubürden, der hätte es kaum besser und gründlicher besorgen können, als diese Borschläge der Regierung es bewirken." Das mobile Kaptta-, vor allem das unpersönliche Kapital der großen Börsen wird nur durch einen lächerlich winzigen Bruchleil dieser Steuern betroffen, dagegen wird 'die persönliche Arbeit, werden, größere Teile des Mittelstandes und wird der gesamte immobile Besitz ganz außerordentlich hoch belastet. Wir möchten mit aller Deutlichkeit und Schärfe aussprechen, daß für eine derartig verteilte Heranziehung des „Besitzes" eine Mehrheit im Reichstage nach unserer Hebet- zeugung niemals zu haben sein wird, wir jeden­falls werden sie auf das entschiedenste bekämpfen.

Die ,Kölir. Volksztgck meint : Die Ersatzsteuern sind leider kaum geeignet, das Zustandekommen der Rcichsfinanzreform zu fördern. Sie sind zum Teil womöglich noch schlechter als die bereits abgelebten Vorschläge der Regierung. Die Ersatzsteuern auf den Besitz, die angeblich das mobile Kapital treffen sollen, sind so lächerlich gering, daß sie den Spott herausforbern. Sie zeigen so deutlich die Absicht der verbündeteit Regierungen, das Groß- kapltah lesonders die Börse in jeder Weise zu schonen, daß sie den Widerspruch der Rechten im Reichstag in verschärfter Weise herausfordern musscit. Tatsächlich hört man im Reichstag Urteile der nngünstizsten Art von Vertretern der ver­schiedensten Parteien

Deutsches Reich.

* Ter Kaiser reiste am Montag abend von Potsdam nach Danzig, wo er sich Dienstag abend auf der „Hohenzollern" zur Abfahrt in die finnischen Schären zur Begegnung mit dem Zaien einschifft. Am Montag morgen war er mit der Kaiserin auf dem Truppenübungsplatz in Döberitz, wo er die Garde - Kavallerie­division exerzierte.

* Tie englischen Geistlichen, die am Sonntag einer Reihe kirchlicher Feiern beiwohnten, unter­nahmen gestern Besichtigungen. Um 2 Uhr wur­

den sie vom Kaiser empfangen. Zugegen toc- ren die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise. Auf eine Begrüßungsansprache erwiderte dec Kaiser in engli'chec Sprache. Er gab habet der Zuversicht Ausdruck, daß dieser Bestich wie der im verfloffenea Jahre dazu dienen werde, Öte guten Gesinnungen zwischen den beiden vcrwand- tcn Narionen zu fördern.

♦ Eine französische Kunstausstellung im deutschen Reichstagsgebäude hat das deutsch- französische Annäherüngstomitee sich zur Förde­rung der Verständigung zwischen den beiden Ländern ausgedacht. Die Ausstellung soll im Oktober im Reichstagsgebäude staltfinden und mit denkbarster Vorsicht organisiert werden. Der Präsident des Reichstages hat bereits seine Zu- stimmung gegeben.

* Der Seniorenkonvent des Reichstages wird am Dienstag Dispositionen über die Ge­schäftslage treffen. Die zweite Lesung der Finanzgesetze in Verbindung mit der ersten Lriung der Ersatzsienervorlagen wird auf die Mittwochsitzung ersetzt. Diese Sitzung wird eingeleitet durch eineRede des Reich ska nzlers, in der die Stellungnahme der Regierungen ge- kennzeichnet wird. Ihr folgt eine Rede des Reichsschatzsekrelärs Sydow, der die Ersatz- steue: Projekte erläutern wird. Die ©teuer vor» lagen sollen erst in einer Generaldebatte noch­mals besprochen werden, da die Finanzkommiffion dem Plenum vollständig neue Vorlagen mit gan, geringen AuSnahn n unterbreitet. In bet laufenden Woche fallen die Sitzungen bereits um 12 Uhr beginnen, da die Kommissionen da noch nicht arbeiten, dagegen in der nächsten Woche, wenn die Finanzkommission wieder tagt, erst um 1 Uhr. Rach einer allgemeinen Debatte von 4 Tagen glaubt man die Einzeldiskuffionen für jede Vorlage auf etwa l1/« Tage ansetzen zu können, sodaß die zweite Lesung aller Steuer- Vorlagen, auch der neuen Ersatzsteuern, am 3. Juli erledigt seien, die dritte Lesung sich sofort anschließen könnte. — Die Verabschiedung der Besoldungsvorlage dürfte in 2—3 Tagen zu erledigen sein, sodaß etwa am 10. Juli der Reichstag sich auf den Herbst vertagen könnte.

)( Hinter die Kulissen der Rezierungs-Steuer- aktion läßt eine Mitteilung einen Blrck tun, die der Präsident des Gastwirteverbandes für Berlin soeben in Charlottenburg gemacht hat. Danach hat der Führer der Mittelstandspartei, der frühere Tischler- meister Rahardt, jetzt auch Abgeordneter, von der Regierung 30000 Mark erhalten, die er für die Agitation der bekannten „Mittelstands- tagung" in der Hasenheide in Berlin zu verwenden hatte und verwandt hat. — Herr Rahardt und die Regierung werden nicht umhm können, sich öffent­lich darüber zu äußern, ob die aufsehenerregende Behauptung des Herrn Strauß auf Wahrheit be­ruht. Wir möchten es zunächst noch bezweifeln. Sollte die Meldung aber richtig sein, dann müßte man energisch dagegen protestieren, daß die Regie­rung über das Geld der Steuerzahler zu derartigen Zwecken verfügt.

München, 14. Juni 1909. Bekanntlich wollten sozialistische und liberale Zeitungen dem neuernannten Erzbischof von München, Domdekan Bettinger eins anhängen, indem sie schrieben, er hätte das schwarz-rote Wahlbündnis in der Pfalz gemacht. Darauf erklärte Dr. Jäger mit eigener Ramensunterschrift:

.Jenes Wahlbündnis wurde 1899 zwischen dem sozialdemokratischen Abgeordneten Franz Joseph Ehr­hardt von Ludwigshafen, dem Führer der pfälzischen Sozialdemokraten und mir abgeschloffen und zwar im

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.

6] (Nachdruck verboten.)

Sie seufzte schwer. O, wie lang war ein Kahr. Wie würde sie die Trennung ertragen? Gewiß liebte sie auch die Schwester, aber das ließ sich nicht mit dem tiefen, warmen Gefühl vergleichen, das sie für ihren Hardy hegte.

..Nun, Kleines, Du bist so still und geseufzt hast Du auch," sagte ec.

Sie brach in Tränen aus und umarmte ihn. Dann sagte sie ihm ihren Kummer; er suchte sie zu trösten.

i „Kopf hoch, Kleines," ermahnte Bernhard. Ein "Fahr vergeht bald; wir werden uns oft schreiben; siehst Du, wenn ich erst Assistent werde, Sann mie- Iren wir ein nettes Häuschen, das möblieren wir mit den lieben alten Sachen der Eltern. Ein Gärtchen muffen wir auch haben. Wir pflegen es Bufammen, und wenn ich abends müde von dec irbeit heimkehre, erwartest Du mich. Wir wol­len zusammen lesen, alles teilen und zwei treue Kameraden sein."

"Ja, ja, das wollen wir, Hardyl" rief Ines. Aber plötzlich verdunkelte sich ihr Gesicht; stockend fugte sie hinzu: „Bist Du heiratest, dann tritt Deine Frau an meine Stelle."

„Unsinn," sagte er, „ich denke gar nicht daran. Mir gefällt nicht so leicht ein Mädchen. Du weißt, M bin keine verliebte Natur."

„Wenn Du schon durchaus heiraten willst, $ann weiß ich eine Frau für Dich, Hardy," neckte «nes.

„So, nun da bin ich wirklich neugierig, Klei- Ms^wer ist es denn?"

Ste hob sich auf die Fußspitzen zu seinem

„Oberförsters Luise," flüsterte sie eindringlich, -v ^rnhard lachte „Du bist klassisch. Kleines. Veil sie Dir gefallt, was?"

„Weil sie das liebste, beste Mädchen ist", rief Ines. „Wenn Du sie nur genauer kennen lern­test. sie müßte Dir gefallen."

„Dazu ist wenig Aussicht. Ich bin in H. und der Harz ist weit. Ich bekomme lange feinen Ur­laub, meine Arbeit erfordert die Au unürng aller meiner Kräfte. Ein Hochofenwcu. ist wie ein künstliches Uhrwerk. Stockt eines der vielen Räder, so steht die ganze Geschichte still. Wenn Du bei mir bist, will ich Dir mein Arbeitsfeld zeigen. Tu wirst dann erst eine Vorstellung von der Verantwortlichkeit haben, die den leitenden Ingenieuren obliegt."

Bewundernd blickte Ines auf den Bruder.

„Kennst Du das schöne Oelgemälde von Men­zel: der Hochofen?"

Ines bejahte. Sie hatte feilte Wiedergabe in einer Zeitschrift gesehen und war davon er­griffen worden.

„Siehst Du, dann hast Tu eine schwache Vor­stellung", sagte Bernhard. „Traurig «ist es, daß noch so oft Unglücksfälle Vorkommen; die Arbei­ter sind allzu unvorsichtig. Neulich legte sich einer, ein Italiener, in der Nacht direkt auf die Schie­nen schlafen — er hatte einen Rausch — da fährt ihm die Lokomotive beide Beine ab. Die Schla­cken werden nämlich auf, einem schmalen Gleise auf den Schlackenberg gefahren und dort in rot- glühendem Zustande ausgeschüttet. Verbren- nungen kommen häufig vor unter den Leuten."

„Hardy, wie traurig das ist. Weißt Du, ich möchte, ehe ich zu Dir komme, einen Kursus in der Krankenpflege nehmen, dann könnte ich viel­leicht etwas nützen."

Er fah bewundernd auf das zarte, junge Ge­schöpf. Ja, der Vater hatte recht gehabt, als er sagte, daß fein Liebling selbstlos und hilfsbereit wäre. Wie anders war doch Herta in ihrer Eitelkeit, ihrer Sucht, zu glänzen.

„Du liebes, tapferes Kleines", sagte Berti- Hard gerührt, „aber wirst Du es wirklich kön­nen? Es gibt viel Widerwärtiges habet"

Daran will ich mich nicht stoßen. Es gift ja Schmerzen zu lindern, armen ,i l.Um­stehen."

Sie verabredeten, daß Ine. hdem j : t:i der Förster ein Jahr hie Haushaltung gelernt hatte, nach Stettin ins Stadtkrantruhaus geben sollte. Tie Oberin war mit Eiches verwandt und würde sich gewiß gern des jungen Mädchens annehmen.

Die Geschwister waren int Gespräch am Zier ihrer Wanderung angekommen. TaR typische Bild eines Forsthauses bot sich ihren Blicken dar. Dor der Tür stand der Förster Krai-'e in hohen Stieseln, grünem Jägeranzuge, die kurze Pfeife im Munde, eine Flinte auf Dem Rücken. Er war ein stattlicher Fünfziger. Sein braunes Gesicht war von einem mächtigen Bart umrahmt, fröh­liche, blaue Augen blitzten unter den starken Brauen. Breitschulterig und behüdcg stand ec ha und musterte einen prächtigen Hirsch, den ein Jägerbnrsche auf einem kleinen Handwagen her- beigebracht hatte. Neben Dem Förster stand eine rund fick ? Frau in der we'ßen Latzschürze und im hellen Waschkleid, ein Häubchen auf dem vollen schon leicht ergrauten Haar.

„Blattschuß; Alte!" rief der Förster stolz, „der Kerl hat es mir sauer genug gemacht. .Seit acht Tagen burschte ich mich heran; erst heute habe ich ihn zur Strecke gebracht."

Ueber das weinumrankte Geländer der Trep­pe bog sich ein brauner Mädchen köpf. . Es war Luise, des Ehepaares Tochter; sie erblickte auch zuerst die Nahenden.

Sogleich eilte sie die Treppe hinunter und sagte es der Mutter.

Bernhard und Ines wurden in herzlicher Weise willkommen geheißen. Schnell war das Geschäftliche erledigt. „Tante Emma in ihrer mütterlichen Art gefiel Bernhard sehr. Er fühlte sich beruhigt; diesen freundlichen, warmherzigen Menschen konnte ec sein Schwesterchen anver­trauen. Die beiden jungen Mädchen standen Hand in Hand dabei. Sie bildeten einen hüb­

schen Gegensatz. Ines sah sehr zart neben der Freundin aus, sie war kleiner; ihr blo'nde'A Köpfchen stach gegen Luises dunkles Haar ab. Die Tochter des Försters glich hem Vater. Et­was Gemeinsames hatten b.'id: Mädchen: den Zug von Herzensgüte und e. t weiblichem Em­pfinden, der ein Frauengesicht so anziehend macht.

Einmal blickte Bernhard zu Luise hinüber. Ihre Augen trafen sich, doch errötend senkten sich die Wimpern über die braunen Augen. Luise wandte den Kopf zur Seite und zog Ines mit sich ins Haus. Unwillkürlich fielen die. Worte der Schwester dem jungen Assistenten ein, die Luise von ihm geäußert hatte.

„Ines, ich bin so froh, daß Tu bei uns bleibst". Tagte die Tochter Tante Emmas, so bald sie mit her Freundin allein war.

Sie umarmten sich zärtlich nach Mädchenart.

„Mein Luischeu, nichts Lieberes könnte mir nach unserem schweren Verlust geschehen", ent­gegnete Ines, und ihre Augen trübten sich „Ich freue mich, daß Bernhard meinen Wunsch bil­ligt. Gefällt er Dir?"

Luise schien die Frage zu überhören.

„Ich werde die Mutter bitten, daß Du mein Zimmer teilst", sagte sie, „ich denke, es wiiÄ Dir lieber sein, als mit einer Fremden zusam­men zu wohnen. Augenblicklich haben unsere. Pensionärinnen noch Ferien. In einer Woche kehren sie zurück, bann sängt die Herbstarbeit an."

„Ach ja, wie lieb von Dir, mich bei Dir auf- zunehmen", versetzte Ines erfreut. „O. ich will olles, alles lernen, um später meinem Hardy das Haus recht, behaglich zu machen."

Die Geschwister mußten zum Kaffee bleiben, her unter "der breittoipfligen* Linde vor hem Hause getrunken wurde. Ein großer, runder Tisch, ländliche, grün gestrichene Stühle standen auf diesem Lieblingsplatz des Försters,- Und wäh­rend er sich mit Bernhard unterhielt, ihm von gemeinsamen Jagderlebnissen mit dem Major er­zählend, war Tante Emma verschwunden. Sie war mit Luise und Ines in dec Küche, um frische