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Maer W Zeitung

wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung

36. Jahrqanq

Fulda, Montag den 14. Juni 1909

M 132.

»nzri-e«: Vie et» fpaltigepetitzeiieoder deren Baum 15 pfg. Rerlamendiepetitzeil« 25 Psg^ bet Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

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verantw. Redakteur r Sar» Schotter

bienen, tote das Aogeordnetenyaus gefordert hatte. Die Kommission ging davon aus, daß bei kleinen Gewerbetreibenden die Automaten zu­gleich für den Betrieb Gas lieferten und daß man diese kleingewerblichen Zwecke auch freilassen . müsse. Andernfalls werde der Denunziationssucht ein neues Feld eröffnet. Der (stempel auf N a- mens äN der un g en, den das Abgeordneten­haus auf 100 bezto. 200 M hinaufgeschraubt hatte, ist wieder auf die bisherige Höhe von 30 <At, die in der Regierungsvorlage enthalten war, herab­gesetzt worden. Die Stempel auf Jagd Pacht­verträge sind erheblich erhöht. Während er nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses bei Derträgen über die Anpachtung von gemeinschaft­lichen Jagdbezirken bis auf ein Zehntel v. H. ermäßigt werden konnte, ist künftig der niedrigste Satz 2 v. H. und er steigt auf 7% v. H. Der Mietstempel auf größere Wohnungen ist et­was ermäßigt. Endlich sind noch einige Erleich­terungen für den Handelsverkehr ins Gesetz aus­genommen, die zum Teil im Verwaltungswege schon in Hebung waren. So wurde für die sog. „Gelegenheitsgesellschaften", um ihre Heranzie- hung zum Wert stempel zu vermeioen, ein Fix stempel von 10 festgesetzt, d. h. also für diel Gesellschaften des bürgerlichen Rechts, die lediglich vorÄergehende Zwecke verfolgen. — Auch am Berggese tz, das die Handelskommis- sion beriet, wurden verschiedene Aenderungen vorgenommen. Da voraussichtlich das Plenum diesen Beschlüssen beitritt, werden die Vorlagen das Abgeordnetenhaus erneut beschäftigen müs­sen.

)( Bei der Landtagsersatzwahl im Wahl­kreis Kreuzburg-Rosenberg wurde an Stelle des mit dem Automobil verunglückten Abg. Graf Ballestrem Rittergutsbesitzer Graf v. Zielen (Zentr.) gewählt.

* @in Gesetzentwurf über die Besteuerung von reichsfiskalischen gewerblichen Anlagen soll, wie die ,Boss. Ztg/ hört, im nächsten Winter dem Reichstage zugehen. Wie man hört, soll die Regelung dahin gehen, daß das Reich für seine Betriebe in jedem Bundesstaat nach den­selben Grundsätzen herangezogen wird, die die Steuergesetzgebung der einzelnen Bundesstaaten für die Besteuerung ihrer eigenen fiskalischen Anlagen aufgestellt hat.

4< Ein neues Flugblatt über den stillen Kulturkampf um die christliche Volks­schule in Preußen hat die Zentralstelle des Volksvereins in M.-Gladbach herausgegeben. Es behandelt die fortgesetzten Bemühungen libe­raler und sozialdemokratischer Kreise um Er­oberung der preußischen Schule und Einführung der Simultanschule, welche die Vorstufe der re­ligionslosen Schule sein würde. Es beleuchtet den § 36 des Schulunterhaltungsgesetzes von 1906 und knüpft daran eine prinzipielle Er­örterung der Wichtigkeit und Tragweite der Schulfrage. Den Schluß bildet ein Appell an alle christlichen Volkskreise, dieser wichtigen Frage ihr volles Interesse zuzuwenden. Der Zweck des Flugblattes ist, im christlichen Volksteil Interesse und Verständnis für eine der brennendsten kul­turellen Fragen zu wecken. Wenn lnan bedenkt, daß das Zustandekommen des von manchen heiß­ersehnten „Kulturblocks" gar nicht zu den Un­möglichkeiten gehört, und daß das erste An- griffsgebiet dieses „Kulturblocks" die christliche Volksschule sein würde, dann heißt es, rechtzeitig das christliche Volk mit dieser Frage bekannt zu machen, damit es in der Lage ist, auch diesen neuen Kulturkampf siegreich zu bestehen. Das

Mmatrbellage: „Küdaer GeschichtrblAter"

[] Zur Reichsfinanzresorm.

s Die Finanzkommission des Reichstages hat am Samstag eine Sitzung abgehalten, um die Berichte über ihre Verhandlungen festzustel­len. Die Nationalliberalen und Frei- 'finnigen hatten inzwischen gingetsehen, daß sie sich mit ihrem Fernbleiben selbst jedes Ein­flusses beraubten; sie waren oaher wieder er­schienen und gaben sogar die Erklärung ab, blaß sie ihre Unterschrift unter den Bericht, auch soweit sie sich an der Beratung nicht beteiligt hätten, nicht verweigern würden; dagegen beton­ten sie noch einmal, daß sie aber den Vorwurf der Geschäffsordnungswibrigfeit erneuern und dagegen Protest erheben müßten. Die Sozia't- bemokratrn waren überhaupt nicht erschienen. Nachdem der Vorsitzende v. Richthofen (ko'ns.) ge­beten 'hatte, hier eine erneute Zeitverschwendung mit einer bezüglichen Debatte zu vermeiden, trat man den einzelnen Berichten näher.

Der Bericht über die Verhandlungen und Be­schlüsse zur Tabak steuer und Brau steuer wurde ohne Debatte festgesetzt. Bei dem Bericht über die Br annr wein st euer lag ein Schrei­ben des Reichsschatzsekretärs vor, der einen Wider­spruch zwischen bestehenden Gesetzen und den Be­schlüssen der Kommission in unwesentlichen Punk­ten herausgefunden haben wollte; die Kommission beschloß, das Schreiben dem Bericht beizufügen. Bei idem vom Abg. Erzberger (Ztr.) verfaßten Bericht über die Verhandlungen zur Mühlen- umsatzsteuer Bemängelten die Abgg. Fuhr­mann (nl.) unb Mommsen (frs. Vgg.) an dem Be­richt, daß dieser die Verhandlungen in dec Kom­mission mit denen über den Initiativantrag im Plenum verquickt habe. Abg. Erzberger berief sich demgegenüber auf die Beschlüsse der Kommis- sion. Abg. Gröber bezeichnete es als uner­hört, daß die Linke derartige Kritik an einem Bericht , übe, während sie bei der Verhandlung nicht mitgewirkt habe. Was in den Bericht auf­genommen werden folle, darüber entscheide die Mehrheit der Kommission, die diese Beschlüsse gefaßt habe. Das tat die Kommission denn nach kurzer weiterer Debatte dann auch.

Ein zweiter Zwischenfall entstand, als gegen 2 Uhr bet Vorsitzende die Mittagspause eintreten lassen wollte. Die Linke protestierte dagegen und verlangte, daß die Kommission toeitemgte, damit die Zeit frei würde für die Teilnahme an der Versammlung im Zirkus Schumann. Es kam zu heftigen persönlichen Zusammenstößen. Abg. Roesicke meinte, was die Herren Liberalen sa­gen würden, wenn etwa die Mitglieder der Rech­ten eine solche Rücksichtnahme auf eine der be­kannten Versammlungen im Zirkus Busch verlan­gen würden. Die Kommissionssitzung sei anbe­raumt worden, ehe man von der Versammlung im Zirkus Schumann eine Ahnung gehabt hätte. In­des kam die Mehrheit, nur um jeden Anlaß zu 'einem Konflikt, zu vermeiden, der Linken ent­gegen und verzichtete auf die Mittagspause. Die Berichte über die Besitzsteuern wurden bann rasch verabschiedet.

Zum Schluß sprach die Kommission ihren bei­den Vorsitzenden, Dr. Paasche und v. Richthofen, Ihren Dank aus, womit dann die Arbeit der Srenerkommission erledigt war. Jetzt hat das Plenum das Wort.

Nach der Sitzung bereinigten die der Fincmz- kommission angehörigen Mitglieder des Zen- u in s sich im Fraktionszimmer zu einer Bespce- chung über die bevor stop mden Plena rverhandlun- 'gen über die Steuervorlagen.

v Der Protest des Großkapitals 'gegen die neuen, Steuern hat am Samstag noch- wtttag in Berlin im Zirkus Schumann stattge-

griffe unt> Schädigungen abzuwehren. Der Bund will auch in die politischen Wahlen ein» greisen.

Der ganze Verlauf der Versammlung machte den Eindruck, daß bei den Protestlern die Auffas- sung jenes biederen Böhmen, der über die Türe seines Hauses schrieb: „Heiliger Florian, ver­schon mein Hans, zünd' andre a'n" auf sehr stac­kes Verständnis gestoßen ist. Die Redner ver­suchten mit Phrasen und mit beschimpseirder Po­lemik die Versammlung über den Mangel an sachlichen Gründen hinweg zu täuschen. Im Ge- dankengange brachte so gut wie kein Redner nach Riesier noch etwas Neues, Man betonte nur, daß man sich geschädigt fühle. Warum, wodurch, davon sprach niemand. Das Ganze ittar Stim­mungsmache, weiter nichts. Mit Gründen, sach­lichen Ausführungen, war in der Zirkusver- sammlung kein Staat zu machen. Darauf war die Versammlung nicht vorbereitet und reflek­tierte auch nicht darauf, und die Leitung hatte auch gar nicht beabsichtigt, den geistigen Kampf gegen die Beschlüsse der Kommission aufzune'h- me'rt. Ihr lag es nur daran, ein möglichst gro­ßes Quantum Entrüstung zu schaffen. Das zu erreichen, war ja nun schließlich kein Kunst­stück.

sunden. Durch die zahlreichen, zur Beteiligung hemngezogenen Verbände waren 6000 Eintritts­karten ou»gege6en worden. Aber wenn der Rie- senraum 6000 Plätze hat, bann waren von den Schabern von Karten sehr viele zu Hause geblie­be. Offenbar haben die Vereine einfach ihren Mitgliedern die Karten ins Haus geschickt, offen­bar auch gehört ein erheblicher Teil der Mitglie­der gleich mehreren Vereinen an. Nicht weniger als 400 Vereine und 100 deutsche Handelskam­mern waren zur Teilnahme veranlaßt worden.

Den Vorsitz führte Geheimrat Dr. Riesser, Vorsitzender des Bankierverbandes, früher Direk­tor bei der Darmstädter Bank. Nach Absendung eines Kaiser'ielegramms, worin die Herren von ihrer „Uebeczeugung" sprechen, „daß jeder Stand ohne Unterschied verpflichtet ist, die für die Fi­nanzreform erforderlichen, feine Existenzfähigkeit nicht bedrohenden Lasten und Steuern zu über­nehmen", schlug der Vorsitzende gleich bei seiner Eröffungsausprache eine Tonart an, die erkennen ließ, baß man auf Seite des Großkapitals diese „Uebeczeugung" nur dann hegt, wenn es, sich um Steuern für die andern handelt. Er ging mit beleidigender Schärfe gegen die Landwirtschaft und ihre parlamentarische Vertretung vor. Er warf ihr vor, nie und nirgends sei die Klinke der Gesetzgebung so dauernd und so kräftig zur Beschaffung von Privilegien und Subventionen und Liebesgaben in Bewegung gesetzt, 'nie sei sie in so rücksichtsloser Weise benutzt worden, um La­sten und Steuern auf andere Stände abzuwäl­zen, wie von ihr. Pathetisch sprach er von „die< sec Stunde der Erbitterung und des Zornes". Zn einem letzten großen Schlage gegen Handel und Industrie habe man ausgeholt in einer Kom­mission, „die ihren Beruf zur Gesetzgebung schließ­lich derart betätigte, daß man die Papierschere an die Stelle der auch die wictschaftlichen Folgen attoägen&en sachkundigen Ueberlegung treten liefe, indem man aus den verschiedensten Steuer- orbnunge'n in- und ausländischer Staaten und Städte so lange herausgeschnitten, bis man die nötigen 500 Millionen zusammengeschnittein hatte". Und wer ist da der Schuldige? Natürlich das Zentrum: „Dies Ereignis wurde, ungeachtet des Widerspruchs weiter be­sonnener und klardenkender konservativer Kreise, ermöglicht durch einen Bund mit dem Zentrum, das in seiner überaus geschickten Taktik zu jedem Dienste bereit war."

Ihren geistigen Höhepunkt hatte die Ver­sammlung gleich mit dieser Schimpfrebe über­schritten. Der Hamburger Haudelskammerprä- sident Schinkel suchte die Konservativen als eine willenlose Gefolgschaft von Zentrum und Polen hinzustellen. Der Berliner Bankier Franz von Mendelssohn sprach von „Sonder- steuern", „Erdrosselungssteuern" und behauptete, die Kotierungssteuer bringe eine Schädigung des deutschen Einflusses im Auslände. Mit mehr ober weniger vielen Phrasen behaupteten dann die Vertreter von ca. einem Dutzend Handels­zweigen über ihr Spezialgewerbe die gleiche Schädigung, Und bann beschloß die Versamm­lung, baren Reihen sich bereits bedenklich gelich­tet hatten, eine Resolution, worin sie sagt: „Sie legt einmütig entschiedene Verwahrung ein gegen das von der Finanzkommission des Reichs­tages angenommene Steuerprogramm, welches durchweg und unverhüllt das Bestreben zeigt, Gewerbe, Handel und Industrie zum Nachteil der gesamten Volkswirtschaft einseitig zu bekasten und damit auf das schwerste zu schädigen."

Schließlich wurde noch die Gründung eines Bundes der Hansa für Handel, Gewerbe und Industrie beschlossen, deren Zweck es sein soll, im gemeinsamen Interesse der genannten Stände alle gegen die genannten Stände gerichteten An-

* Die neuen Steuervorschläge der Regierung. Einem Berliner Telegramm der ,Köln. Ztg/ zu- folge schlägt die Regierung als Ersatz für den durch Aeuderung der Erbanfallsteuer eintretenden Ausfall die Besteuerung der Feuerversicherungs- polizen mit einem Drittel pro Mille vor! Der Er­trag hieraus wird auf 40 Millionen Mark veran­schlagt. Ferner soll eine Erhöhungder Emissions­steuer und eine Erhöhung der Wechselstempel­abgabe auf Wechsel, die länger als drei Monate umlaufen, und eine Schecksteuer — der Post­scheckverkehr bleibt frei — vorgesehen fein. Au Stelle der Wertzuwachssteuer soll eine Steuer auf den Umsatz in Grundstücken mtt ein drittel Prozent geplant sein. Wie es heißt, stimmen die verbündeten Regierungen der Parfümsteuer zu, deren Ertrag auf acht Millionen Mack geschätzt wird.

Deutsches Reich.

** Berlin, 13, Juni 1907. Die türkische Sondergesandtschaft, die die Thron­besteigung des Sultans Mohamed V. notifizieren sollte, ist am Samstag in Berlin eingetroffen und bereits am gleichen Tage vom Reichskanzler Fürsten Bülow empfangen worden. — Heute empfing der Kaiser die Gesandtschaft in Gegen­wart des Staatssekretärs v. Schoen, Am Freitag war der Kaiser beim Fürsten Bülow zu längerem Besuch.

+ Das Herrenhaus wird seine nächste Plenarsitzung am Dienstag, den 22. d. M. ab­halten und zunächst die Berggesetznovelle er­ledigen. — Das Abgeordnetenhaus wird vom 23. Juni ab einige Sitzungen abhalten und die kleinen Reste, hauptsächlich Petitionsberichte, erledigen und sich mit den Abänderungen des Herrenhauses an der Berggesetz- und Stempel­steuernovelle beschäftigen. Der Schluß der Session wird spätestens am 26. Juni eintreten.

r Die Finanzkommission des Herrenhauses be­endete am Freitag ihrs Arbeiten zum S t e m- pelstenergesetz unt> zum neuen Stempel­tarif. Nach biefen Beschlüssen ist künftig die Stempel-Befreiung von Auto m a t e n zur Ab­gabe von Gas und Elektrizität nicht mehr daran gebunden, daß sie „hauswirtschaftlichen Zwecken"

Bernhard von -er Siche. Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach. 6J (Nachdruck verboten.)

„So erzähle mir von Randen," bat Bernhard. --Seit wann kennst Du ihn? Ist er in der Lage, tine Frau zu ernähren?"

Herta lächelte selbstbewußt. „Er ist sehr reich," sagte sie stolz.

„Das. dachte ich." Bitter und fast wegwerfend kam es über Bernhard von der Eiches Lippen.

„Also darum erhörst Du ihn, Herta. Um des schnöden Geldes willen verkaufft Du Dich ast mnen, den Du nicht liebst? Ich finde keine Worte dafür."

„Bitte, beruhige Dich Lieber. Ich will Dir nur lagen, daß ich es satt habe, als Lehrerin zu leben, baß ich den Ehrgeiz habe, etwas mehr zu werden. Nach München kann ich nicht gehen, Du hast es mirc erklärt, so, nun will ich wenigstens ein an- *cre$ Los wählen. Ich kann nicht im Dunklen Vegetieren,, ich brauche Luft und Licht. Schön- pert und. eine harmonische Umgebung, in der sich meine Eigenart entfalten kann. Ich kann nicht meiner Persönlichkeit gerecht werden, wenn ich ^ahr um ^ahr in der Schulstube sitze, mit der ungefüllten Sehnsucht im Herzen, nach allein ®d)onen, das es im Leben gibt. Ich muß meine Launen befriedigen können, muß nicht .mehr ängstlich jedes Markstück ängstlich sparen, Eurz, ich will Randens Frau werden, reich, unab­hängig, frei fein!"

„Und dafür willst Du ihm angehoren? Er raust Dich mit seinem Selbe!" rief Bernhard aut;er. sich. „£), ich werde ihn warnen, ich werde rhm die Augen öffnen."

En, das darfst Du nicht!"

Herta packte des Bruders Arm; ihre Lippen bebten.

„So versuche wenigstens, ihn lieb zu getont» fc*n," bat Bernhard weich. . Wie ist feit Charak­ter? Kennst Du ibn genauer?"

„Er soll ein guter Mensch sein," sagte Herta, dann fügte sie leise hinzu: „Jedenfalls genießt er meine Achtung, — meine — meine Freund­schaft. Ich denke, das ist für den Anfang genug, — die — die Liebe folgt dann natürlich."

Sie sprach e3 wis etwas Eingelerntes, sie hatte Angst bekommen, daß Bernhard wirklich Ernst machen könnte.

Er fühlte sich nur halb beruhigt und beschloß, ohne daß die Schwester es wußte, Erkundigungen über Rauben einzuziehen. Was er erfuhr, war dazu geeignet, Hertas zukünftigen Mann herzlich in ter Familie willkommen zu heißen. Er galt als ein solider, ehrenwerter Charakter und guter Landwirt; man kannte ihn als hilfsbereit und lobte seine vornehme Gesinnung^. Bernhard fühlte sich über das Schicksal seiner älteren Schwester beruhigt. Wegen der Trauer sollte die Hochzeit nicht gleich stattfinden. Die wenigen Wochen bis dahin zog Herta zu einer Tante, einer Kusine ihrer verstorbenen Blutter, deren Pate sie war. Dieselbe Tante versprach auch, für die Aussteuer zu sorgen.

Bernhard fragte die Schwester, ob sie nicht einige der allerdings stark verbrauchten Möbel aus dem Elternhause für die eigene Häuslichkeit mitzunehmen wünsche, aber mit Ausnahme der beiden großen Photographien von Vater und Mutter wollte die zukünftige Herren von Schloß Randenhagen nichts haben. Sie wußte, daß ihr neues Heim mit allem Luxus, bet durch den Reichtum herbeigeschafft werden kann, ausgestat- tet war, und sie hatte die Absicht, das etwa noch Fehlende ganz nach ihrem künstlerischen Geschmack zu wählen. Dor allem mußte sie ein ideales Ate­lier mit Draperien, kostbaren Fellen und antiken Kunstschätzen besitzen, einen Ffei neu Ersatz für ihren vecfehltenPlan, nach München zu gehen. Und wenn es schließlich allzu öde, allzu langwei­lig auf dem Londe, an der Seite Randens wurde, nun so wollte sie es ihm schon abschmeicheln, sie auf ein Jahr auf die Akademie zu schicken.--

Es blieb Bernhard noch die Sorge für Ines. Gern hätte er sie schon jetzt zu sich genommen, aber sie war noch so jung und hatte selbst den Wunsch, etwas zu lernen.

„Weiß Du, Hardy, was ich möchte," sagte sie, „ich möchte auf ein Jahr zu Oberförsters, um dort gründlich die Wirtschaft zu erlernen. Die Frau Oberförster Krause nimmt junge Mädchen! in Pension Und mit der Tochter Luise bin ich sehr befreundet. Sie ist ein Jahr älter als ich, wir haben in Liebenau die Schule besucht und ich liebe sie wie eine Schwester.

„Der Plan ist nicht so übel, Kleines, meinte Bernhard nachdenklich, „aber ich möchte auch, daß Du noch etwas nebenbei lernst, und Dich beson­ders im Klavierspiel vervollkommnest; Du spielst

ja recht nett" , .

„O, ich kann ja zweimal tn dec Woche von der Forstei hierher zu einem Musiklehrer kom­men, wie Du weißt, ist es ein kleiner Weg und eine tüchtige Lehrerin unterrichtet die jüngeren Geschwister meiner Luise. Hast Du sie nicht am Beevdigungstag des lieben Papa bemerkt, Hardy?"

„Nein, Kleines," entgegnete Bernhard.

„O, Du mufet Luise kennen lernen!" rief Ines enthusiastisch. „Sie würde Dir gefallen. Sie wirkt wohltuend in ihrer stillen weiblichen Art und weißt Du, sie intereffiert sich sehr für Dich, ich muß ihr immer von Dir erzählen. Dein Bild gefällt chr außerordentlich Sie meinte. Du sähest gut und klug aus."

„Sehr schmeichelhaft," dachte Bernhard, „die Meinung eines Backfisches ist mir recht gleichgül-

Etwas mehr als eine Stunde von Liebenau entfernt lag die Oberforstei. Das schmucke, weiß- getünchte Haus mit den grünen Jalousien und dem starken Elchgeweih über der Eichentür wurde von mächtigen Bäumen beschattet. Unter ihren breiten Wipfeln leuchtete das rote Ziegeldach. Schon in der dritten Generation waren die Krau- ßes hier als Förster sefehaft, und der älteste Sohn

des Ehepaares beabsichtigte ebenfalls, sich der­selben Karriere zu widmen. Ec war in Tharandt auf der Forstakademie, ein junges, frisches Jä­gerblut von 22 Jahren. Eine ganze Reihe von Sinbern folgte ihm. Die älteste Tochter war schon verheiratet, bann kam Luise, die Freundin von Ines, und nach ihr noch fünf jüngere Brüder und Schwestern. Bei einer so großen Familie reichte das immerhin recht gute Einkommen des Vaters nicht. Seine brave, praktische Frau sah es ein, deshalb suchte auch sie zu erwerben. Sie kam aus den glücklichen Gedanken, eine Koch- und Wirt­schaftsschule einzurichten; mehr als sechs junge Mädchen nahm sic nicht an. Gegen eine nicht sehr hohe Pension weihte Frau Emma Krause sie in die Geheimisse dec Küche, des Einmachens der Früchte und Beeren, in die Gartenpflege und große Wäsche, in das Bügeln, Nähen und Aus- besseru ein. So manche ihrer Zöglinge waren schon verheiratet und standen dem eigenen Haus­halt mustergiltig vor; andere hatten Stellungen angenommen. Die Elevinnen aus der Forstei waren so tüchtig, daß jeder sich glücklich pries, sie bei sich anzustellen. Das Haus war geräumig, so daß alle bei Krauses Platz hatten. Je zwei und zwei wohnten die jungen Mädchen in den ein­fachen, weißangetünchten Mansarden zusammen. Man verrichtete die aufgetragene Arbeit fröhlich. Nie sah man mißmutige Gesichter, wohl aber hörte man oft helles, jugendliches Lachen und muntere Scherzworte.

„Tante Emma," fo nannten die Wirtschafts­elevinnen die Frau Oberförster, verlangte nicht wenig, sie war selbst noch frisch und leistungs­fähig. Sie griff alles am rechten Ende an. Tante Emma war wie eine Mutter für die jungen Mädchen. Manche Waise stand unter ihrer Ob­hut und kam traurig und gedrückt in das weiße Haus, aber es dauerte nicht lange, so hellten sich die Augen auf. Man mußte sich glücklich und hei­misch fühlen bei Tante Emma. Sie verstand die Charaktere je nach ihrer Eigenart zu nehmen und erzieherisch einznwicken. Bei der tüchtigen Lebre.