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Wochenb-iwse: „Illustrierte $omrtags,titung" Monatrbeuage: „Klldaer Geschichkblätter"

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RotationrdruSnnd Verlag der Luldaer Ak- tiendruckerei in Lulda Zernfprecher Ar. 9,

36. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 5. Juni 1909.

M 126.

Wochen-Rundschau.

[:] gulba, 3. Juni 1909.

Der kühne schwäbische Graf, der sich durch seine zähe Ausdauer an die Spitze der Beherrscher des Luftmeeres gestellt hat, hat die Kulturbedeutung Les deutschen Volkes wieder einmal bis in die entferntesten Erdteile getragen, indem er sich mit seinem Luftschiff 37 Stunden in der Luft gehalten und eine Fahrt quer durch fast ganz Deutschland gemacht hat. Auf einem der zahllosen Kongresse, die in dieser Woche tagen, ist gesagt worden, alle Erfindungen der Neuzeit würden heutzutage dar­auf angesehen, in welchem Grade sie zur Zerstö­rung von Menschen und menschlichen Eigentum benutzt werden konnten: die Seite ihres Nutzens für die Erhaltung des Menschen und die Förde­rung seiner Interessen finden leider wenig Be­achtung. Diese Worte des englischen Bergarbei­ters findet man bestätigt durch das Schicksal der Zeppelinschen Erfindung. Auch angesichts dieser Rekovdsahrt hat eine lebhafte Erörterung in der Presse aller Länder über die kriegerischeBedeutung dieser. Erfindung eingesetzt. Leider sind auch auf deutscher Seite unbesonnene Preßäußerungen nicht unterdrückt worden. So hat ein sächsisches Blatt, dem die Weiterentwickelung unserer furcht­baren Militärlift anscheinend dringendes Herzens­bedürfnis ist, darauf hingewiesen, daß Paris und die größeren Kampfesstätten und Städte Frank­reichs, ferner auch London und eine Reihe wichti­ger englischer Häfen, im Radius des Zeppelin­schen Luftschiffes lägen. Derartige Aeußerungen müssen natürlich die Annahme der Franzosen und der Engländer bestärken, daß Deutschland nun ge­sonnen sei. mit einer großen Luftflotte Vorberei- stungen zu ihrer Bekämpfung zu treffen. So wird leider auch dieses glänzende Ergebnis menschlicher Ausdauer und technischer Arbeit unserer Motor- Ingenieure zu einem Mittel, die Verhetzung der Völker untereinander zu fördern.

Die Pfingsttage haben für den Fürsten B ü- l o w eine angenehme Erholungsfrist gebracht. Wäre das, was die Steuerkommission in den Tagen vor Pfingsten beschlossen hat, unmittel­bar an den Reichstag gebracht worden, es wäre längst angenommen, trotz allem Widerspritch Bü­lows und seiner Regierung und die Finanzfrage des deutschen Reiches wäre ohne sein Zutun, wider seinen Willen gelöst. Jetzt aber hat er Zeit, um weiter mir dm Blockführern zu handeln. Durch seine Preßgetreuen hat er versichern lassen, daß er „fest" bleiben wolle. Aus Besprechungen mit Par­teiführern des Blocks, die er ununterbrochen pflegt, werden Aeußerungen verbreitet, die das be­stätigen, sollen. So soll er bei diesen Unterredun­gen „keinen Zweifel darüber gelassen haben, daß er die Vorgänge in der Kommission aufs tieffte bedauere, und die jetzt betriebene Art der Gesetz­macherei mißbillige". Gegenüber den Steuern, die den „Verkehr" — gemeint ist die Börse mit ihrem Geldverkehr — „erschweren", soll er gesagt haben: „Ich denke nicht daran, den Fehler, der bei der Fahrkartensteuer im kleinen begangen wurde, setzt im großen zu wiederholen". Allerdings sind auch Mitteilungen durchgesickert, die ung^ähr dahin gehen: „Ich kann auch anders" und „ich bin kein Konsequenzenmacher". Es war ihm nachgesagt worden, wenn es nicht anders gehe, dann werde er die Vorschläge des „neuen Blocks" annehmen. Tarin liege, so läßt er jetzt beteuern, insofern ein Mißverständnis, als er nur gemeint habe, daß er auch eine mü Zentrumshilfe zustandekommende Frnanzreform annehmen werde, wenn sie sachlich annehmbar schiene". Das kann man doch nur da-

Iwertes Wlcrtt.

hin deuten, daß er den Umfall bereits ernsthaft in Erwägung ziehe.

In England läßt die Hetze gegen Deutsch­land, die so lange Zeit hindurch lebhafte Beden­ken erregte, nach. Auch die Regierung gestatt >t jetzt, da sie die neuesten gewaltigen Flottenvorla­gen bewilligt erhallen hat, kühleren Erwägungen Raum. So erkennt die Regierung jetzt an, daß ihre verblüffenden, so sehr wirkungsvollen Be­hauptungen, Deuttchland baue im geheimen sechs Dreadnoughts mehr, als im Flottenprogramm vorgesehen sei, unrichtig seien. Den Schaden frei­lich, den man damit angerichtet hat, macht man mit dem nachträglichen Zugeständnis einer der­artig groben, gemeingefährlichen Unrichtigkeit nicht wieder gut. Englands Parlament hat der Regierung auf diese unwahren Behauptungen hin eine ungeheure Flottenvermehrung bewilligt, und die Folge davon wird sein, daß die übrigen Mächte sich nun auch weiter in Unkosten stürzen werden. Was nutzt es uns heute, da England acht neue Treadnougths auf Stapel gelegt hat, wenn die Stiinmung dort etwas besser geworden ist? Eine Folge dieser Flottenvermehrung durch die engli­schen „Friedensfreunde" wird ein Wiederaufsla- ckern der Begeisterung für eine übertriebene Flot­tenpolitik in Deutschland sein. Die anderen Län­der gehen uns ja schon voran. Frankreich hat sich an die Vermehrung seiner Flotte herange­macht. Dem französischen Parlament ist in diesen Tagen ein Flottenprogramm von bedrohlichem Umfang zugegangen. In Oesterreich arbeitet man an einem Flottenprogramm, das auch unse­rem Bundesgenossen ein Mitsprechen im Konzert der seefahrenden Nationen ermöglicht. In Ita­lien hat man foeben gleich eine ganze Flotte von Torpedobooren und ähnlichen gefährlichen Klein­waffen in Vorbereitung genommen. Auch die ruf- sische Regierung gönnt dem Lande, das so arm und durch Steuern ausgesogen ist, keine Ruhe. So rüstet die Welt, infolge des „Irrtums" der „frie- densfreundlichen" englischen Regierung, mit er­schreckender Schnelligkeit weiter.

Aus der Türkei kam in diesen Tagen die Mitteilung, daß wieder einmal Bandenkämpfe stattgefunden haben, und daß aus anderen Teilen Mazedoniens neue Bandenbildungen berichtet werden. Es ist schwer zu sagen, wie diese bösen Er­scheinungen einzutaxieren sind. Man hat es mit einer Gegend zu tun, in der die einzelnen Natio­nalitäten seit Jahrzehnten im Frühjahr, nach der Aussaat, gegeneinander zu Felde ziehen, weil sie oaheirn nichts zu tun haben. Es hätte überraschen müssen, wenn es den Jungtürken gelungen wär?, diese verrotteten Elemente auf einmal zu friedli­cher Kulturarbeit zu bringen. Aber man hatte das Gefühl, daß man ihnen schon eine derartige Leistung zutrauen dürfe. Bisher ist es dem Mi­litär gelungen, der Unruhen .Herr zu werden. Generaloberst v. d. Goltz, ein Preußischer Offizier, der seit Jahrzehnten in der Türkei weilt, ist auch von der neuen Regierung zum Reorganisator der Armee ernannt worden: er wird das Heer vor­aussichtlich jetzt, nachdem der neue Geist eingezo­gen ist, wohl so schlagfertig zu machen vermögen, daß in den nächsten Jahren das Bandmweien nach und n-ach ausstirbt. — In Kleinasien hatten die. Russen und die Engländer ihre Quertreibereien' so nett vorbereitet: Die Kräfte der jungtürkischen Regierung sollten zersplittert werden, damit man Zeit gewinne, in Kleinasien den englischen Ein­fluß auszudehnen. Die Franzosen halten getreu­lich mit ihrem großen Einfluß in Südkleinasien an der Pflege dieser Unruhen. Im Vilaset Adana sind kürzlich auf beiden Seiten, sowohl von den Armeniern als auch von den Türken eine Reihe hervorragender Leute aufgehängt werden. Das scheint einige Abschreckung verbreitet zu haben. Tie Schulü wird von der Regierung beiden Teilen

zugeschoben, den Armeniern und den Mohamme- danern. Dis wahren Schuldigen, besonders die Engländer, kann die Regierung ja nicht fassen.

Die Meldungen aus Persien lassen sich nunmehr Wohl rubrizieren unter: „Persien als russische Provinz". Wenigstens gilt das vom Nordwesten des Landes, von der Provinz Asher- baidschan und deren Hauptstadt Täbris. Die Rus­sen haben diese Gegend besetzt, weil die Kämpfe zwischen dem Schah und den Nationalisten gar kein Ende nehmen wollten und dadurch angeblich das Leben und Eigentum der russischen Unterta­nen bedroht würde. Daß biete inneren Kämpfe in Persien nur eine Folge der Verhetzung des Schah durch die Russen und Rußlands Agenten war, braucht dabei ja keine Rolle zu spielen. Auf moralische Unantastbarkeit seiner diplomatischen Mittel hat Rußland ja niemals Wert gelegt. Der Schah verdient sein Schicksal: wenn er mit seinem Volke Frieden gehalten und ihm die selbst beschwo­rene Verfassung nicht genommen hätte, dann würde er niemals in die Lage gekommen fein, in der er jetzt ängstlich zu seinen nationalistischen Feinden aufseufzt. Bemitleiden freilich muß man den kulturell empor gewachsenen Teil des versi- schen Volks, der jetzt unter die Knute der russischen Kosaken geraten wird. ______________________

0 Die unbeliebten Stenern.

Steuern riechen niemals angenehm. Auch die von der Steuerkommission des Reichstags be­schlossenen neuen Steuern stehen keineswegs über­all in gutem Geruch. Die eine steigt diesem, die andere jenem in die Nase. Man muß da aber immer das Won von dem „kleineren Uebel" be­rücksichtigen.

Wir haben gestern schon ausgeführt, daß die jetzt beschlossenen Steuern im ganzen genom­men das „kleinere Uebel" sind. Das muß man bei sachlicher Prüfung zugcben, auch wenn man betreffs einer Einzelsteuer anderer Meinung ist. Noch mehr wird man gezwungen sein, sich mit den neuen Steuern zu befreunden. wenn man die politische Lage berücksichtigt, in der sie be­schlossen worden sind.

Die Dinge in der Kommission hatten sich da­hin zugespitzt, daß die Lösung der Reichsfinanz­reform sich 3it einer Kraftprobe des Libe­ralismus g.-stallen sollte. Obwohl er selbst im Blockzeitalter das Rückgrat gebrochen hatte, suchte er nun auch die Konservativen zu entnerven und ihnen seinen Willen aufzuzwingen. Diese erkannten die Gefahr noch zur rechten Stunde. Das Sentrurr' wußte einerseits, was politisch auf dem Spiele stand und konnte andererseits die Verantwortung für das Scheitern der Reform nicht tragm. Es war dabei sehr wohl im Kla­ren darüber, daß es bei der positiven Mitarbeit auch Steuern bewilligen müsse, die nicht im­mer ganz nach seinem Geschmack wa­ren. Wenn es allein zu bestimmen gehabt hätte, wären die Steuern wohl etwas anders ausgefallen, aber es hat allein keine Mehrheit und mußte sich darauf beschränken, durch feine Mitarbeit Schlimmeres zu verhüten.

Dieser letzt? Gesichtspunkt tritt besonders klar hervor, wenn man sich Komniissionsbeschlüsse und Regierungsvorlagen vor Augen hält, wie es durch nachstehende Tabelle geschieht.

M.

M.

140 Mill, ab gelehnt.

Bier

Branntwein Tabak Wein Gasu.EleklrizitälöO Jnseratensteuer 35 Fahrkarten ft euer sollte

RegterungZvorlage:ttommissionsbeschlüfse: Kolierungkabgabe — — M.

Erbschaftssteuer 92 Mill. ,

100 „ „

100 Mill.

100

80 „

77

-

45 „

20

,,

H

abgelehnt.

aufgehoben werden

Schaumweinsteuer —

Parfümsteuer —

Glühkörperft. (roat in der

Elektrizitätsteuer enthattrn)

Zündwarensteuer

Kaffee- und Teezoll — Mühlenumsatzsteuer — Kohlenausfuhrzoll —

beibehalte» 20

Mill.

M.

5

n

M

13

n

20

ff

25

ff

35

M

ff

8

ff

ff

20

ff

ff

Vergleicht man die beiden Zusammenstellun­gen, so springen für jedermann die Vorzüge d« Kommissionsb MM'se in die Augen. Zunächst belasten sie den Besitz erheblich höher und zwar um rund 50 Mill. Mark mehr als die Vorlage, auch treffen sie hierbei eine bessere Form, nicht nach dem Tode, sondern bei Lebzeiten und vor allem das mobile Kapital. Des

weiteren werden eine Anzahl Luxus steuern eingeiührt, wie die Erhöhung d. Schaumweinsteuer und die Parfümeriesteuer: die armen Weingärt­ner bleiben steuerfrei und die Industrie wird in ihrer Entwicklung nicht gehemmt: die Elektrizität kann sich das Feld erobern. Die Presse hat be­sonderen Anlaß, der Kommission dankbar zu sein, denn die odiöse und vielfach vernichtend wirkende Jnserätensteuer ist nun beseitigt.

Ganz selbstverständlich war es für die Korn» mistion, daß sie auch E r sa tz ste ue rn bieten mußte: das ist keine angenehme Arbeit. Aber die Konservativen waren gerüstet und konnten Schlag auf Schlag mit neuen Vorlagen auftreten. Die Steuer auf Glühkörper und Ga s - st r ü m p f e ist nicht unberechtigt, da der kleine Mann, der Pettoleum brennt, den hohen Zoll tra­gen muß. während der Reiche, der Gas und ElÄ- tvizität benützt, keine Steuer trägt: diese Steuer war schon in der Vorlage enthalten und konnte daher rasch herausgeavbeitet werden. Die Zü n d h o l z st e u e r ist nicht so schrecklich, als die liberale und sozialdemokratische Presse es hin» stellt. Bei uns wird eine große Verschwendung mit Zündhölzchen getrieben, wie viele Brandfälle sind auf die mit Zündhölzern spielenden Kindern zuriickzusühren. Ter kleine Mann wird diese Steuer kaum spüren. Die Müller werden sehr erfreut sein, daß nun die Mühlenumsatz» [teuer kommt, die ihre jahrelangen Wünsche er­füllt. Ter Kohlenausfuhrzoll soll dem Unfug steuern, daß deutsche Kohlen im Auslande billiger find, als im Inlands. Wenn das Zen­trum der Erhöhung des Kaffeezolles zu- stimnite, so geschah es deshalb, weil die Liberalen der Regierung unter der Hand angeboten hatten, den Kaffeezoll um 100 Prozent zu erhöhen, also per Pfund um 20 Pfg.; durch die Zustimmung des Zentrums wurden nur 50 Prozent Zoller­höhung zugestanden, was nicht sehr erheblich ist, zumal in den letzten Jahren der KaffeepreiS sehr gesunken ist.

500 Millionen sind kein Pappenstiel. Es ist eine große und schwere Last, die dem deut­schen Volke durch die Finanzreform auferlegt wird. Ist sie auch gerecht verteilt? Sind die sozialen Gesichtspunkte genügend berücksichtigt? Muß der arme Mann nicht zu viel Steuern be­zahlen? — Diese Fragen seien dahin zu beant­worten. Der Besitz wird durch die Kornmis- sionsdeschlüsse weit mehr getroffen als durch die Vorlage, denn die besitzenden Kreise müssen in erster Linie au st ringen:

1. Die Kolierungsabgabe ufro. . . . 140 Mill. Mk.

2. Die Schaumweinsteuer .... 8 „ „

3. Parsümsteuer........ 13 „ „

4. Von der Tabaksteuer (ba Wertzoll

beschlossen wurde) von den 45 Mill.

mindestens . ■........ 23 „ „

5. Die Glühkörper steuer..... 16 „ „

6. Die Mühlrnumsatzsteuer (das Troß-

kapital) .......... 12 „ „

7. Bon der Kohlenaussuhr .... 18 „ „

Insgesamt: 230 Mill. SSt

Unpolitische Zeitiause.

(n) Berlin, 3. Imst 1909.

(Nachdruck verboten.)

Alle Walt schwärmt für Luftschiffe. Un­ter allen Errungenschaften der Neuzeit finden sie die größte Aufmerksamkeit und Liebe beim Volke. Und da Graf Zeppelin es in der Lufttchisfahrt am weitesten gebracht hat, so ist er unbestritten der volkstümlichste Mann der Gegenwart. Wenn es heißt: „Zeppelin kommt!", so strömen überall die Leute in Masten zusammen. Die Anziehungs­kraft macht sich gleichmäßig geltend auf der stil­len schwäbischen Feldmark wie in der sonst so blasierten Millionenstadt. Auch werden alle Klas­sen der Bevölkerung gleichmäßig ersaßt. Als sich in Berlin am Abend des Pfingstsonntags das Gerücht von der Ankunst Zeppelins in seinem Zepgelin IL verbreitete, eilte alles zum Tempel- Kofer Feld — vom Kaiser bis zu meiner Wenig- jieit. Und wir warteten geduldig viele Stunden lang. Wir freuten uns auf den Augenblick, wo -wir Ahl rufen könnten. Er kam aber nicht, und wir mußten Ohl seufzen. Doch darum feine Feindschaft! Der Mantel der Liehe, deckt die Ent­täuschung zu, und man sagte sich: Wenn er heute nicht kommen konnte, so wird er nächstens kom­men! Nachdem in dsn umliegenden Wirtshäu­sern der Biervorrat vertilgt war, gingen die Massen behaglich nach Hause in dem Bewußtsein, zur Wahrnehmung des weltgeschichtlichen Augen- blicks das Ihrige getan zu haben.

Als die Fahrräder und später die Automo- Dile aufkamen, zeigte auch das Volk lebhafte Auf­merksamkeit für die Neuheit. Aber man fand bald Haare in der Butter. Die Fahrräder mach- rr? unsicher; mancher schalt auf die

er die ihn in seinem gemütlichen

^Orrltor™n’.. nun Fußgänger und Radsah- oumählich an einander gewöhnten, da ^.mtt Stank und Staub ein viel schlimme- ifer Störenfried auf, — die „Benzinkutsche". In

die Bewunderung, welche das schnellfahrende Automobil erregte, mischte sich bald Zähneknir­schen. Das Ding fand bei allen, die nicht darin saßen, das Gegenteil von Liebe; vielfach sollen sogar die Jnsaffen des kostspieligen. gefährlichen und ewig reparaturbedürftigen Fahrzeuges den Umschlag der Gefühle mitgemaebt haben. Aber wer die Fahrräder als Ungeziefer und die Auto­mobile als Teufelswerk betrachtet, sieht in dem Luftschiff einen Engel und schenkt ihm seine zärt­liche Bewunderung ohne Vorbehalt. Wie erklärt sich das? Ganz einfach. Ein Vogel, der in den Lüften schwebt, erweckt in uns ein reines Be­hagen; aber ein Stier, der uns entgegenfommt, erregt etwas gemischte Gefühle, auch wenn er das schönste Exemplar feiner Raffe ist. Das Fahrzeug da oben in den Lüften kann uns nicht lästig oder gefährlich werden^ wie die Fahrzeuge, die mit uns auf derselben Straße sich bewegen. Die einzige Gefahr, die sich denken ließe, wäre die, daß aus dem Ballon etwas Hartes auf un­fern Kopf geworfen würde ober das Luftschiff selbst uns auf den Kopf fiele. Aber dieser stö­rende Gedanke könnte höchstens dann Platz grei­fen, wenn das Luftschiff sich gerade über unferm Scheitel befände, und auch bann würde er durch die Erwägung gemildert, daß man die etwa fal­lenden Gegenstände rechtzeitig sehen und ihnen ausweichen könnte. Also kann man mit ganz un­getrübtem Behagen das Luftschiff beobachten. Allerdings schweben die Insassen der Gondel in einer gewissen Gefahr; aber das vermindert den Genuß der Zuschauer nicht. Im Gegenteil, es bildet die Würze an bet Suppe. Es ist ein ähn­licher Reiz, wie ihn gewisse kühne Leistungen von Kunstreitärn, Athleten re. ausüben. Die fremde Gefahr wirkt prickelnd, aber nicht beängstigend, da wir die Zuversicht haben, daß die Leute Kraft und Geschick genug besitzen, um die Sache glücklich durchzuführen. Beim Anblick des Luftschiffes wird der Rwz noch veredelt durch unser Bewußt- sein, daß die Männer da oben kein frivoles Spiel zum Zeitvertreib machen, sondern ihre Persön-

lichkeit einsetzeu für ein großes Kulturziel, für die Eroberung der Luft durch den Menschen. Tas ist doch etwas ganz anderes, als die Bereicherung der Landstraße um eine weitere Art von Fuhr­werk.

Dazu kommen nun noch die nationalen und militärischen Instinkte. Alle Welt bis zu den Schulkindern herunter fühlt es, daß Deutschland hier Ehre einlegt in dem bisher so erfolgreichen Wettbewerb mit den anderen Nationen, und daß es für die Wehrfähigkeit des Vaterlands vorteil­haft ist, recht tüchtige Luftschiffe zu besitzen.

So erklärt es sich, wenn die Neugierde und die Zuneigung des Volkes auf diesem Gebiete recht heiß und manchmal leidenschaftlich werden. Am größten ist natürlich die Liede für den neuen „Zeppelin", der aus den freiwilligen Ga- 6en des Volkes erbaut worden.

Nun hat es eine zweifache Enttäuschung ge­geben. _ Erstens die Rückkehr des Grasen Zeppelin von Bitterfeld und unter Verzicht auf den Besuch in Berlin; zweitens die Versttickung in dem knorrigen Birnbaum bei Göppingen. Aber müs­sen wir uns dadurch die gute Laune verderben lasten? Keineswegs. An den Birnbaum hat et­was Lehrgeld gezahlt werden müsten; glücklicher­weise nur ein mäßiges Lehrgeld, und das muß man sich gefallen lagen, so lange die schwierige Sache sich noch im Stadium der Versuche befindä. Nebenbei hat der Zusammenstoß von Göppingen gezeigt, daß das Luftschiff fchon einen orderst, sichen Puff aushalten kann. Obschon von der Spitze Stücke bis zu 30 Meter zerfetzt waren, hat das Luftschiff doch imch kurzer Flickarbeit auf freiem Felde dm Rückweg in bte Halle von Fried­richshafen mit eigener Kraft zurückleqen können. Und ob Zeppelin bei dieser erftan großen Probe­fahrt in Bitterfeld statt in Berlin wenden mußte, ist nicht von entscheidender Bedeutung. Es sollte keine Zielfahrt, sondern eine Dauerfahrt fdin, und deshalb kommt es nut darauf an, wie viele Stunden lang das Lnfttchiff sich in Bewegung halten und wieviel Kilometer es zurückzulegen

vermochte. Ein Flug von 36 Stunden über 1000 .Kilometer — Hut ab! Das bedeutet für bett Kriegsfall: unsere Kundschafter können mit Si­cherheit bis 500 Kilometer weit über das feind­liche Gebiet sich vorwagen. Tas genügt reichlich, um die Stellungnahme und ^Bewegungen der gegnerischen Heereskräfte und den Zustand der Festungen bis in den Kern des Feindesländer hin stn zu beobachten. Bei fortschreitender Ver­vollkommnung wird sich der sogen. Aktionsradius wohl von 500 Kilometer noch auf 600, 700 oder noch weiter steigern lasten; das wird erfreulich sein, aber notwendig ist es nicht. Es geht auch so, bei 500 Kilometer.

Darum bin ich der Meinung, daß man bei den weiteren Versuchen sich nicht zu überstürzen braucht. Lieder Schritt für Schritt vorwärts 1 traben, langsam, aber sicher. Es wäre auch vor­sichtshalber zu empfehlen, daß dem Grasen Zep­pelin nicht zur Pflicht gemacht wird, gerade an einem bestimmten Tage in Berlin zu erscheinen. Man sollte ihm volle Freiheit lassen, zu entschei­den. ob und wann er und seine Leuti und feine Maschinen und sein Luftschiff und die SSiifte- rungsverhältnisse sich in der richtigen Verfassung befinden, um die Fahrt mit voller Sicherheit bis Berlin ausdehnen zu können.

Wenn die Berliner Fahrt gegen Ende August stattfinden sollte, so würden vielleicht die Be­sucher des Breslauer Katholikentages von der Gelegenheit profitieren können. Sonst aber möchte ich nicht gerade zu einer Fahrt nach Berlin einladen. Erstens würde man in eines fürchterliche Fülle und Bedrängthett geraten, und zweitens werden bei den weitern ausgedehnt en Probefahrten bet Luftschiffe nach dem Zeppelin­schen System die , meisten Provinzen bald Ge­legenheit finden, ihre Neugier bequemer zu be- sriedigen.

Kühn gestimmte Leute haben ihre Sehnsucht nun schon wieder einen großen Pflock höher ge­steckt: sie möchten mal mitfah ren in einem lenfbarsn Luftschiff. Werden nicht bald Pasta-