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Rotationsdruckund Verlag der Zuldaer At- tiendruckeret in Fulda Fernsprecher Ur. y.

M 126.

Fulda, Samstan den 5. Juni 1909.

36. Jahrqansi.

Kustes Wlcrtt.

0 Regierung und Finanzreform.

In feiner wenig bensiLenswerten Lage sucht letzt Fürst Bülow die Parteien, eine nach der an­deren durch Drohungen, Warnungen und Mah­nungen für sich zu gewinnen, und meisterhaft ver­geht er es, durch offiziöse Noten Verwirrung zu stiften und die einfachsten Sachen in ihr Gegenteil zu vermehren. Während er den Liberalen durch die N. Fr. Pr. in Wien drohend sagen ließ, wenn sie bockbeinig blieben, würden sie für absehbare Beit aus der Gesetzgebung ausg-schaltet, ließ er gleich darauf verkünden, das sei gar keine Droh­ung, er wolle nach wie vor die Reform mit den Liberalen machen. Gleichzeitig zeigte er abyr wie- (6er den Konservativen die strengste Amtsmiene !und sprach von einem „vernichtenden Feldzuge" iöegen sie.

I Neue Verwirrung soll offenbar auch die ge­ifern schon kurz erwähnte offiziöse Kundgebung .‘in der „Franks. Ztg." stiften. Sie spricht in ge- cheimnisvollam Dunkel von einer neuen Wen­dung, die sich beim Reichskanzler vollzogen -habe. Auf diese neue letzte Wendung führt sie e® zurück, daß die Konservativen bezüglich der Absichten des Reichskanzlers augenblicklich auf dem Holzwege seien. Daher komme es, daß 'dieselben es noch immer nicht glauben wollten, ^daß die Verbündeten Regierungen die von der Finanzkommission angenommenen Besitzsteuern als undurchführbar bezeichneten.

Wir glauben nicht, daß die Konfervativen sich -durch jene „letzte Wendung" beirren lassen wer­den. Im Gegenteil läßt die Sprache, die die „KreuAztg." führt, auf den festen Willen der Kon­servativen schließen, an den Beschlüssen der Fi- Nanzkommission f e st z u h a l t e n. In ihrer Nummer vom Freitag erklärt die „Krouzztg.", daß, wenn die Regierung noch immer daran fest­halte, eine neue Erbschaftssteuer einzubringen, die nur dm Erfolg haben könnte, daß noch ein- tncil im Planum und in der Kommission die Gegen­sätze scharf auseinanderplatzen und sich weiter verschärfen und daß ferner weitere wertvolle drei •'Bis vier Wochen liber die Beratung dieser Vor­tlage verloren gingen. Damit wäre dann die Erledigung der Reform noch im Sommer so gut wie ausgeschlosien. Es heißt dann weiter:

Konservative und Zentrum stehen fest überzeugt auf dem Standpunkt, daß auch die in den konservativen Anträgen vorgeschlagene Form durchführbar, zweck­mäßig, gerecht und ertragreich sei. Reichspartei und Wirtschaftliche Vereinigung haben diese Form keines­wegs bestimmt abgelehnt .... Es ist der ent- .schlossene Wille dieser Mehrheit klar zu Tage ge- 'treten, daß eine Heranziehung des mobilen Kapitals eine Voraussetzung des Zustandekommens der Reform bilde .... Wir haben die stchere Hoffnung, daß der Weg, der zur Lösung aller Schwierigkeiten hier gezeigt ist, nun auch mit festem Beschluß betreten werden wird.

Wenn die Konservativen fest bleiben und der Regierung damit das Zustandekommen der Reichs- stnanzreform gesichert ist, so möchieu wir einmal sehen, ob Fürst Bülow die Verantwortung aus sich nehmen würde, angesichts unserer finanziel­len Kalamität die ihm angebotenen Steuern und damit die Sanierung unserer Verhältnisse schlank abzulehnen. Daß ar bis zum letzten Augenblick bittet, einschüchtert und droht, ist ja begreiflich. Aber das -erlaubt keinen Rückschluß auf seine end­gültige Stellungnahme. Seine Diplomaten- schlaue ist nicht beschwert von sachlichen Motiven und dem Ballast politischer Grundsätze.

Seekaspar.

Nach einer Sage aus der Fuldaer Gegend. Von A. Hellwald.

<5] (Nachdruck verboten.)

Vorsichtig folgte der alte Forstmann dem nie- , Der getretenen Grase und stand bald am Rande der Lichtung, wo sich seinem Auge ein gräßlicher Anblick bot. Da lag der Gesuchte, dre Augen starr und gebrochen zum Himmel gerichtet, dre Hand auf die Brust gepreßt, wo aus der tiefen Wunde das Blut längst aufgehört hatte, zu flie­ßen. Vom Entsetzen geschüttelt, schwankend wie eine vom Blitz getroffene Eiche, blickte der Ober- jägermsister auf das schreckliche Bild. Dumpf aufstöhnend, im tiefsten Schmerz kniete er neben sdem Daliegenden nieder, Puls und Herzschlag suchend und seinen Namen rufend. Umsonst, alle Zeichen bewiesen ihm, daß das Leben aus dem •Körper entflohen sei.

. „Wer hat diese Untat vollbracht?" fragte er sich; doch am Blick auf den ohne Kopf danebenliegen- Iden Hirsch erklärte ihm alles. Eine unnennbare Wut bemächtigte sich des Mannes, und die Hand -um Himmel erhebend schwur er fürchterliche Rache dem feigen Mörder, der ihn, und feiner Tochter fo schweres Leid angetan hatte. Wie follte er es ihr beibringen, wie würde sie es er­tragen, den Geliebten hier als Leiche vor sich zu sehen? — Noch unschlüssig, was er machen solle, war es ihm, als ob er in der Richtung nach dem Höngen hin einen unterdrückten Schrei gehört hätte. Aufhorchend richtete er sich empor; da ertönte gleich ein zweiter, aber deutlicher Ruf stach Hilfe. „Das ist Gertruds Stimme", sagte n sich, raffte seine Büchse auf und eilte zurück. tKuf dem halben Wege zwischen der Waldblöße und dem Wagen konnte er eben noch sehen, wie dm Mann das anscheinend ohnmächtige Mäd- gen auf der Schulter hinwewmfcklevven versuchte.

Deutsches Reich.

** Berlin, 4. Juni 1909. Der Kaiser hat gestern an einem Frühstück beim Fürsten von Bülow teilgenommen. — Minister des Innern v. Moltke wird in kommender Woche eine Reise in das Ansiedlungsgebiet der Provinz Posen unternehmen. — Die Teilnehmer der Deutschlandreife englisch er Geistlichen, die soeben ihre Reise antraten, sollen wahrscheinlich am 14. Juni vom Kaiser in Potsdam empfangen werden. — Dr. Theodor Barth, der soeben verstorbene Führer der sogenannten Demokraten, hat für sich die Leichenverbrennung angeordnet. Diese wird am kommenden Sonntag im Krema­torium in Heilbronn stattfinden.

= Die Begegnung des Kaisers mit dem Zaren in der Ostsee, der wahrscheinlich je ein deutscher und ein russischer Minister beiwohnen soll, wird in Frankreich und in England keines­wegs freudig begrüßt. Die Blätter dieser beiden Länder möchten die Friedenskundgebung, die in der bevorstehenden Zusammenkunft enthalten ist, gerade in das Gegenteil verkehren. Wiederum ben.ehmen sich die Franzosen, die doch der Kaiserbesuch mehr berührt als die Engländer, zehnmal taktvoller als diese. Die alte Gespenster­seherei und Jnvasionsfurcht lebt in der Be­hauptung wieder auf, Kaiser Wilhelm beab­sichtige durch seinen Besuch beim Zaren in die englisch-russischen Beziehungen einen Keil zu treiben und zwischen den beiden Ländern Zwie­tracht zu säen. Die russischen panslawistischen Blätter sind natürlich auch verdrießlich, das hilft ihnen aber nichts. Im übrigen werden die finnischen Schären und der östliche Teil der Ostsee auf das schärfste von russischen Kriegs­schiffen durchsucht, da man Anschläge auf den Zaren befürchtet.

(*) Vereinfachungen in der Postverwaltung Eine umfassende Vereinfachung des Dienstbetrie­bes der Post hat das Reichspostamt angeordnet. Die Aenderungen umfassen'38 verschiedene Punkte. Sie treten Blättermeldungen zufolge am 1. Juli in Kraft. Bezweckt wird auch eine Ersparung von Ausgaben, indem Arbeit oder Verbrauch von Betriebsmaterial vermieden wird. Leider wird nicht mitgeteilt, ob und welche Vorteile die Neue­rung für das Publikum hat.

'* Kultusminister Dr. Holle und die Lehrer. Aus ein Danktelegramm für die Verabschiedung der Befoldungsvorlage, das die Lehrerschaft an den Kultusminister gerichtet hatte, erwiderte Dr. Holle nach einigen Worten des Dankes:

„Ich teile Ihre Freude über die erfolgte Annahme des Gesetzentwurfes über die Lehrerbesoldimg. Sie bekundet die Anerkennung treuer Pflichterfüllung der mit verantwortungsvoller Aufgabe betrauten Erzieher unserer Jugend."

In ihrer Danksagung hatte die Lehrerschaft bedauert, daß der Minister durch Erkrankung behindert gewesen sei, das Besoldungsgesetz per­sönlich im Landtag zu vertreten und sprach den Wunsch auf baldige Genesung aus. Auf diesen Teil des Telegrammes ging Minister Holle nicht ein.

* Znm Fall Hamann will der Berliner Korre­spondent der ,Rhkin.-Westf. Ztg/ erfahren haben, daß die Mitteilung des Bert. Tagebl., das Verfahren in dieser Angelegenheit sei eingestellt, nicht auf Tat­sachen beruhe. Das Ende der Vorrtntersuchnng ist vorläugg noch nicht abzusehen, da zur Zeit noch verschiedene Erhebungen und Vernehntugen im Gange sind.

Wie ein angcschossener Eber stürmt er dem unter seiner Last keuch mden Verbrecher rach; noch we­nige Schritte trennen diesen von dem dichten Holze, da knallt die Büchse des Oberjägermeisters, der auf die Gefahr hin, feine Tochter mitzutref- fen, dem Räuber eine Kugel zugefchickt hat. Mit einem wilden Fluch läßt dieser das Mädchen fal­len und verschwindet im Tannendickicht.

Gleich daraus steht der frirchtbar erregte Mann neben Gertrud, nimmt sie zärtlich in die Arme und ruft ihren Namen. Doch fest geschlos­sen bleiben Augen und Lippen, und nur der leise Herzschlag zeigt, daß noch Leben in der schönen Gestalt ist. Sorgsam wie eine Mutter trägt er die Ohnmächtige nach dem Wagen, wo er mit Hilfe des erschreckten Kutschers sie auf Kissen und Decken bettet. Doch was soll mit dem toten jun­gen Freund geschehen? Er kann kaum einen kla­ren Gedanken fassen infolge der furchtbaren Ein­drücke, die in den letzten Minuten auf ihn ein- gestürmt sind. Soll er die Leiche Mitnahmen, jetzt, da doch für das geliebte Kind, das vielleicht mit dem Tode ringt, die schnellste Hilfe nötig ist? Darf er die Tochter dem furchtbaren Schmerz aussetzon, den toten Geliebten neben sich zu sehen, wenn sie während der Fahrt aus ihrer Ohnmacht erwachen sollte? Die letzte Erwägung gibt den Ausschlag. Schnell besteigt er den Wagen, nimmt die wie leblose Gertrud in seine Arme, imd in fliegender Fahrt geht es der Stadt zu.

Erst in der väterlichen Wohnung schlägt das bleiche Mädchen die Augen auf, schaut wirr um­her und fragt angstvoll: „Wo ist et?"

Da erkennt sie dm sich über sie beugenden Vater und will ausspringen; doch die Kräfte der- lagen ihr, und mit einem tiefen Seufzer sinkt sie zurück.

„Sei ruhig, meine teure Gertrud, sagte der Qberjägermeffter, Du bist bei mir geborgen und niemand soll Dir ein Leid tun."

)( Die Kohlenbarone gegen den Kohlen­ausfuhrzoll. Seitens des Rheinisch-Westfälrschen Kohlensyndikats wird zu dem Anträge eines Kohlenaussuhrzolls erklärt, daß eine Abwälzung auf das Ausland völlig ausgeschlossen sei. Im Ruhrrevnr ergebe sich ein Gewinn von 1 Mark pro Tonne für den Unternehmer. Die Steuer würde also den ganzen Gewinn wegnehmen, und die Folge davon würde fein, daß die inländischen Verkaufspreise um diesen Betrag erhöht werden müßten. — Einigermaßen verrechnen sich die Herren bei dieser Kalkulation denn doch; denn die Abschiebung der Kohlen ins Ausland zu bil­ligeren Preisen hat zur Folge, daß die Preise im Innern hochgehallen werden. Wenn diese Abschiebung nicht mehr möglich ist, dann werden die Preise im Jnlande zum wenigsten nicht mehr in die Höhe gehen, es sei denn, daß die Herren eine starke Herabminderung der Produktion planten. Würden sie dazu übergehen, so würde wahrscheinlich der Staat durch entschiedenste Aus­dehnung seiner Grubenlager sehr bald zu größerem Einfluß kommen, als er es bisher durch seine mehr ober weniger verfehlten Experimente auf diesem Gebiete vermocht tat.

)( Die WertzuwachSstcuer will das Fürsten­tum Lippe-Detmold einsühren. Den Abgeord­neten ist eine Vorlage für die nächste Session zu­gegangen; danach sollen die Gemeinden das Recht haben, eine derartige Steuer zu erheben. Von dem Ertrage der Steuer sollen aber 25% an den Staat fallen. Bei weniger als 5°/0 für Weristeigerung wird feine Steuer erhoben, mehr als 25°/0 der Wertsteigerung dürfen nicht genom­men werden.

** Tas internationale Kolonialinstitut, das soeben im Haag tHolland) in 'Anwesenheit des Kolonial­sekretärs Dernbnrg und des Herzegs Johann Al­brecht von Mecklenburg tagte, hat auf Einladung beschloffen, im nächsten Jahre in Dentschland zu tagen und zwar zwei Tage in Braunschweig — wo Johann Albrecht zu Mecklenburg Regent — ist nnv am 3. Tage in Berlin.

** Ter „antinltramontane Reichsverband" hält am Sonntag in Eisenach seine 3. Jahrestagung. Graf Hoensbroech, der ehemalige Jesuit, wird dort eine Rede zur Vernichtung des Zentrums halten.

— Anstand.

** Im österreichischen Abgeordnetenhause hat es neulich wieder eine Radauszene gegeben. Der Sozialdemokrat Dsczynski sprach über Ruß­land. Der Abg. Trefic tief ihm zu: „Sprechen Sie doch nicht immer über Rußland!" Daraus antwortete der sozialdemokratische Abg. ©tatet: „Der scheint auch so ein bezahlter russischer Agent zu sein." Trefic antwortete darauf: „Wenn Sie das noch einmal sagen, bekommen Sie eine Ohrfeige, daß Sie sich zweimal um sich selbst drehen." Daraufhin gab es einen großen Spekt..kel und stürmische Zwischen rufe wie: „Werft ihn hinaus, ohrfeigt ihn!" durchschwirren die Luft. Der Redner wurde unterbrochen und konnte erst nach einiger Zeit seine Rede wieder fortsetzen.

*♦ In Frankreich dauert die Zerstörung von Te!e- graphenlinien durch die aufsässigen Postbeamten fort. Neuerdings sind bei Havre die Telcphoudrähte durchschnitten worden, daun bei Amiens, aber immer von „unbekannter Hand." Die Regierung ist in größter Anftegung.

* Die englischen Flottenmanöver sollen in diesem Jahre nicht in der Nordsee, sondern im Atlantischen Ozean stattfinden.

* In der russischen Duma hat die Aushebung der Todesstrafe schon wiederholt den Gegen­stand sehr scharfer Auseinandersetzungen gebildet. Jetzt scheint sich die Opposition damit abgefunden zu haben, daß die Todesstrafe die notwendige Ergänzung des Terrors ist. Jedenfalls hat die von der Unterkommiision der Duma mit 5 gegen 3 Stimmen beschlossene Ablehnung des Gesetzes auf Beseitigung der Todesstrafe keinen besonderen Sturm hervorgerusen.

** Das künftige Schicksal Kreta» beunruhigt die Welt einmal wieder. Demnächst läuft der inter­nationale Vertrag über die Zugehörigkeit Kretas zur Türkei ab. Man nimmt an, daß wenn die Mächte alsdann vertragsmäßig ihre Truppen, zu­rückziehen werden, die Bevölkerung wiederum einen Aufruhr gegen die türkische Herrschaft zugunsten des Anschlusfes an Griechenland unternehmen werde. In Griechenland selbst ist eine Bewegung im Gange, die umstrittene Insel durch ein Freiwilligenkorps zu besetzen und die griechische Regierung vor eine vollzogene Tatsache zu stellen. Andererseits ist zu besorgen, daß die Jungtürken sofort nach dem Ab­züge der internationalen Truppen die Insel besetzen und sie für türkisches Gebiet erklären, was sie auch könnten. Die alttürkische Regierung hätte die Minos» insel gegen eine anständige Entschädigungssumme wahrscheinlich abgetreten, die jungtürtische nimmt auf ihr Ansehen bedacht, und will dem Reiche er­halten, was ihm von Rechtswegen gebührt.

X Kongresse.

Der 20. internationale BergarbeiterkongreH in Berlin hat sein Ende erreicht. Die letzte Sitzung galt zunächst dem „Minimallohn", bat man durch Abschluß von Tarifverträgen erröt­eten will. Um die Wirksamkeit von Streiks nutzt zu gefährden, sollen gesetzlich Feierschichten ange­ordnet werden, wenn die Vorräte 1 Proz. der Gesamtproduktion erreicht haben. Der letzte Punkt der Tagesordnung, der die Verstaatlichung der Bergwerke betraf, fand allgemeine Zustnn- mung. Dor Schlußakt gestaltete sich sehr d r a- matisch. Für Süddeutschland sprach der be­kannte ehemalige „Kaiser-Delegierch" Ludwig S ch r ö d e r-Bochum ein Schlußwort, worauf dte Vertreter der fünf anwesenden Nationen, unter Absingen des internationalen Bergarbeiterliedes in den verschiedenen sprachen, zusammentraten und'sich die Hönde reichten.

. Die Gesellschaft für deutsche Erziehung, dre bekanntlich auf einem ganz radikalen, chrlsten. tumsfeindlichen Boden steht, war in diesen Ta­gen in Weimar versammelt. Nachdem man an dem humanistischen Gymnasium zu Gunsten der auf Technik und Naturwissenschaften beruhen- dne Lehranstalten eine blutige Kritik geübt, sprach der Generalsekretär der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung I. Tews-Berlin zu dem Thema: Ein Volk, eine Schule, ein Lehr­stand ! Während die humanistische Bildung. zu verurteilen sei, gäbe die Gleichberechtigung aller, der wichtigste Fortschritt des modernen Staates, die Möglichkeit für die Sch a f f u n 3. e in e r Volksschule, d. b. einer Schule, die allen Kindern des Volkes dieselbe Bildung übermittelt. Tie Sachverständigen seien sich heute „herüber nicht mehr zweifelhaft, daß ein Volksschüler mit 18 Jahren ebenso sein Abiturimn.machen würde, wenn die Sprachenbildung dort eingeführt.wird. — Es wird heiter werden, bemerkt dazu mit be­rechtigtem Spotte der „Rnchsbote", wenn die Torfschulkinder Latein, griechisch, französisch, englisch lernen müssen, wie die Gymnasialschüler und dann ebenso wie diese bis zum 18. Jahre auf der Schule bleiben müßten. Vom Erlernen des .Handwerks, der Landwirtschaft könnte dann nicht mehr die ede sein; die Schüler des Dorfes

„Nein, nein, nicht um mich sorge, lieber Sä­tet, sage mir, wo ist er? Wo ist Erich?" wieder­holte sie noch einmal.

Da, wie sich besinnend, stößt sie einen mark­erschütternden Schrei aus, und in unendlichem Weh ertönen die Worte:

„Der Unhold hat ihn getötet; er sagte es, als er mich fortschleppen wollte. Wehe, wehe mir!"

Eine schwere Ohnmacht umfing von neuem ihre Sinne. Der schnell herbeigerufene Arzt machte nach der Untersuchung eine hädenkliche Miene. „Es ist ein schweres Fieber im Anzug, sagte er, und wie der Ausgang ist, läßt sich noch nicht sagen. Bei der Kranken muß eine unge­heure Nervenerschütterung stattgefunden haben, sonst könnte ihr Zustand nicht in der kurzen Zeit so schlimm geworden sein." Der Qberjägermeister bestätigte die Ansicht des Arztes, ohne jedoch den Hergang der Sache näher mitzuteileir. Auf sei­nem Antlitz lag ein Zug finsterer Entschlossenheit und eine fast unheimliche Ruhe. Er übergab die kranke Tochter, die nach der Anordnung heg Arz­tes unbedingte Ruhe haben mußte, der Obhut der treuen, in der Krankenpflege sehr erfahrener Haushälterin und teilte dem eben aus der Stadt zurückkehrendem Sohn in kurzen Worten das Vorgefallene mit. Dieser brach fast zusammen unter der Wucht des über seine Familie herein- gebrochenen Unglücks, umsomehr, als er wußte, daß er selbst einen Teil davon mitverschuldet hatte. Hätte er feinem Vater und dem Freund Mitteilung von dem gefährlichen Treiben des Seekaspar gemacht, so läge der blühend» Jüng­ling jetzt nicht starr und tot im Walde und feine einzige Schwester stände nicht am Rande des Grabes. Doch, konnte er das jetzt seinem Vater bekennen und ihm sagen, in welchen Beziehungen er zu dem mutmaßlichen Mörder geftanden habe? Nein, das durste er nicht; er hatte dadurch nur den Schmerz des bartgeprüften Mannes dergrö- ßerf und seine Tatkraft gelähmt, beten er jetzt

zur Verfolgung und Ergreifung des Mörders in vollem Maße bedurfte. Jetzt hieß es harrdeln, damit der Verbrecher nicht entkommen und der verdienten Strafe sich entziehm könne. Zuvor freilich mußte die Leiche des ermorbetan Freun­des geborgen werden.

Es war ein trauriger Zug, der zwei Stunden später in das Forsthaus seinen Einzug hielt. Gestern war oer, den man hineintrug, ein kraft­strotzender, lebensfreudiger Mann und jetzt falt und bleich, heimtückisch hingemordet von der Hand eines Elenden!

Seekaspar hatte aber auch den Versuch ge­macht, zu dem begangenen Morde noch ein weite­res schweres Verbrechen zu fügen.

Gertrud war nämlich, als der Oberjägermei- ftcr im Walde der Spur im Grase gefolgt war, von einer unerklärlichen Angst getrieben, dem Vater nachgegangen, als sich plötzlich neben ihr di? Büsche teilten und Seekaspar vor ihr stand. Das auf den Tod erschrockene Mädchen wollte fliehe-; doch schon hatte es der Wilddieb erfaßt unb versuchte es ins Dickicht zu zerren, ihr mit der einen Hand den Mund zuhaltend, um. es am Schreien zu verhindern. Doch rang sich ein Not­ruf von den zitternden Lippen Gertruds, die nun von Seekaspar emporgehoben rmd trotz alles Sträubens fortgetragen wurde.

„Schweig", rief er ihr drohend zu, als ihr zweiter Ruf nach Hilfe ertönte, oder es geht Dir wie dem Lassem dort drüben, den auch mein Dolch zum Schweigen gebracht hat." Die von dem her­zueilenden Vater dem Schurken zugesandte Ku­gel verhinderte diesem an der Vollendung seines ruchlosen Planes, verwundete , ihn aber nur leichu am Bein, sodaß er noch die Dickung erreichen und sich in Sicherheit bringen konnte.

. .. (Schluß folgt.)