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Rotatidnsbrnckunb Verlag ber ZuldaerAk- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Jahrqansi

Fulda, Samstaq den 5. Juni 1909

M 126.

Drittes Wtcrtt

Kleines Feuilleton

-B.

prüft werden.

MANOLI

CIGARETTES

UEBERALL

Im Gegenteil, die Begehrlichkeit auf dem Ge­biete der Kriegs- und Marin-Verwaltung würde bann nur um so mehr aufgestachelt, wie die prak­tische Erfahrung bisher noch immer gezeigt hat. Gerade in der Kriegs- und MarineverWattung wird ein großer Luxus getrieben, auch dort muß endlich einmal gründlich der Hebel angesetzt und Borsorge getroffen werden, daß Einnahmen und Ausgaben in richtigen Einklang gebracht werden.

zu seelischer und körperlicher Entartung fuhrt, das ist der f a l s ch e L u x u s, den schon Apostel Pau- Ins in den Römerbriefen geißelt. Wie fetten geht das Vermögen des reichen Vaters in die dritte oder vierte Hand über. Väter, die sich aus eigner Kraft ihre Stellung geschaffen haben, haben ost zu verwöhnte Söhne. Zu verurteilen ist der Luxus auch, wenn die Ausgaben nicht abgestuft werden nach dem Grade ihrer inneren Notwen- digkeit und dann ein Scheinluxus bettlebsn wird. Schon Benjamin Franklin har gesagt: Wer Ueberflüsstges kauft, wird Notwendiges verkaufen müssen." Noch deutlicher aber sagt ein slawisches Sprichwort: „Er kauft sich einen Frack und verkauft die Hosen." (Große Heitckkert.) Ein schädlicher Luxus, in dem zugleich ein Mangel an sittlicher Kraft steckt, ist auch darin zu er­blicken, wenn jemand mehr ausgibt, als er ver­dient. Dieser verwerfliche.Luxus hat sich in Deutschland in weitesten Kreisen in der foge­nannten Gesellschaft eingebürgert, wo, reichliche materielle Genüsse den Mangel an geistigem In­halt ersetzen müssen. (Sehr wahr.) Schon Taoi- bus hebt hervor, daß kein anderes Volk in Ge­lagen und gastfreundlichen Veranstaltungen fo viel schwelgt, wie das deutsche. Diese gesellschaft­liche Repräsentation mit ihrem theatralischen Auf- wand geborgter Requisiten ist für weite Kreise zur fixen Idee geworden. Diese große Repräsen- tetiojt bringt auch die Gefahr der p I u t o k r a- tischen Auswahl für die Aemter immer näher. Nicht die befähigsten und arbeitsfreudig, sten, sondern die finanziell am besten repräsen- tietten, könnten in Zukunft gewählt werden.

Allerdings darf man das Verweichlichende und Entnervende des Luxus in seinen Wirkungen auch nicht übertreiben, weil nicht viele Leute Luxus treiben können. In Preußen haben nur knapp 4 Prozent Steuerpflichtige ein Vermögen, und die Zahl derer, die ein Einkommen von über 3000 Mark haben, bleibt weit unter einer halben Million. Am unerfreulichsten ist in weitesten Kreisen der Trinkluxus mit seinen vielfachen Unsitten.

Sparsamkeit im rechten Sinne bedeutet nur die vernünftige sittlich berechtigte Verwen­dung feines Einkommens. Im Gegensatz zu dem vernünftigen Luxus besteht der häßlichere unb verwerflichere Geiz, der Reichtümer in der toten Hand aufspeichert. Wie der einzelne sparsam ist, so können auch die Völker sparsam sein. Die Franzosen sind im Durchschnitt wesentlich spar­samer als die Deutschen, diese zeigen dafür aber einen gewissen Mangel an Unternehmungslust. SDer deutsche Unternehmungsgeist, der entstanden ist unter dem Zwange, für die rasch wachsende Bevölkerung zu sorgen, ist die Grundlage unserer Fortschritte. Wir in Deutsch­land haben in den letzten Jahrzehnten den kom­menden Geschlechtern eine ungeheuere Schuldenlast auferlegt. Gegen neue Steuern ist der Wähler stets empfindlich, und Zinsen lassen sich schlechter beschaffen als das Kapital. Auch wenn die Finanzveform jetzt durchgesühtt würde, wäre für die Schuldentilgung noch so gut wie nichts getan. Unsere Verteidigungsmittel zu Wasser und zu Lande können rvte in einen Be­harrungszustand kommen, sondern müssen stets die technischen Fortschritte ohne Verzug mit- machen. Die endliche Lösung dieses Zwiespalts zwischen Einnahmen und Ausgaben ist nicht ab­zusehen. Wenn jetzt die Regierung Spar­samkeit predigt, fo heißt das nur, daß sie neue Steuern braucht. Sie treibt hier eine Brunnenpolitik, die zu spät kommt. Es ist nur das Versprechen, mit neuen Steuern spar­samer zu wirtschaften als mit den alten. Unsere große Schuldenlast ist aber nicht entstanden, weil das deutsche Volk nicht zahlungsfähig genug, son­dern weil es nicht geizig ist. Wenn man der Finanzreform einen Vorwurf machen kann, fo ist es der, daß sie viel zu wenig fordert.

— Eine schlagfertige Antwort. In den Sig­nalen für die musikalische Welt lesen wir folgen­de» nette Geschichtchen: „Der Dirigent eines ge- mischten Chores, von dem behauptet wird, daß er i seine außerordentlichen Erfolge zum Teil der mo­numentalen Grobheit verdankt, mit der er die .Chormitglieder behandelt, überließ den Stab wäh­rend gelegentlicher Abwesenheit einem ehrgeizigen jungen Assistenten. Ter aber nahm sich vor, dem Meister zum wenigsten im Punkte der Grobheit gleichzukommen. Als nun bei der ersten Probe Sin wertvolles Mitglied des Tenors, ein angesehe- Uer Kaufmann, sich gestattete, eine Viertelstunde zu spät anzutreten, meinte der junge Dirigent ironisch: „Ihre Uhr geht wohl nach?" Mit der größten Gelassenheit erwiderte der Kaufmann und Tenor: „Nein, aber mein Geschäft geht vor." i — Tiger in einem Bahnhof. Neulich ist dem Stationsvorsteher Steponoff in Dadzokhedka ein eigentümliches Abenteuer zugestoßen. Er hatte tfid) jn ein an sein Bureau anstoßendes Gemach zurückgezogen, als plötzlich ein Tiger von draußen hereinttat und fuitkelnden Blickes auf ihn zu­schritt. Entsetzt sprang der Stationschef auf und ,'sand gerade noch Zeit, in ein benachbartes Zim­mer zu springen und die Türe zu schließen, an der die Bestie dann mit ihren Pranken arbeitete. Es dauerte nicht lange, so hatte der Tiger die Tür Eingedrückt und setzte seinem Opfer nach. Glück­licherweise lief in dem gleichen Augenblick ein Zug in die Station ein. Durch das Rollen der Räder und das Pusten der Lokomotive erschreckt, nahm »re Bestie bann Reißaus. *P-

—- Andere auch! In einer bitter kalten Nacht tourbe ein Arzt telephonisch nach einem 6 Kilo-

Unbegrenzt kann auch der Staat keine Schul­den machen. Endlich muß auch in Deutschland einmal der Schuldentitel geschlossen werden. Statt 500 Millionen sollte derReichstag 7 0 0 Millionen neue Steuern bewil­ligen. Statt dessen sehen sich A und B ängst­lich um, ob nicht unter den anderen Buchstaben des Alphabets jemand zahlen kann.

Die Lektüre dieser staatsmännischen Rede läßt wieder einmal den bedeutenden Verlust erkennen, den das deutsche Volk mit dem Austritt des ar- beitsfreudigen und kenntnisreichen Grafen Pofa- bowsky aus dem Reichsdienst erlitten hat. Seme Entlassung zählt zu den verhängnisvollsten Ent- schließunge», die Fürst Bülow im Interesse der Blockpolitik getroffen hat. Graf „ Posa- bowsky beherrschte nicht allein fein weitläufiges Ressort in allen seinen Teilen, sondern er ver­stand auch etwas von finanziellen Dingen, in denen Fürst Bülow reiner Laie ist.

Auf die sozialpolitischen Ausführungen näher einzugehen, erübrigt sich. In erster Linie hatte die Rede einen politischen Zweck; sie toar eine unzweideutige Kritik der „berühmten", in ihrer Oberflächlichkeit unübertroffenen Antiluxusrede, die der Reichskanzler Fürst Bülow bei der ersten Lesung der Finanzreformgesetze zu hatten für gut befunden hat. Tiefgründig unb mit nicht mitz- zuverstehenden Hinweisen auf die „geistreichen" Auslassungen seines ehemaligen „Chefs" wies Posadowsky die Torheit des zu Weit gehenden Sparsamkeitsfanatismus und die Notwendigkeit eines gesunden Luxus nach. , .....

Der Luxus, der bei uns getrieben wird, ist aber keineswegs gesund. Diesem schädlichen Luxus hat Graf Posadowsky treffliche Worte gewidmet, und auch auf feine große Gefahr für das Staats­leben hin gewiesen. Die Gefahr, daß Reichtum entscheidende Bedeutung bei der Auswahl für die Aemter erlangt, liegt viel näher, als gemeinhin angenommen Wird. Deutschland ist, das ist etn Hauptgrund für die bei uns in Mode gekommene Luxuspolitik, z u schnell reich geworden. Die reichgewordenen Klassen sind deshalb gewöhnt, nach Art der Parvenüs ihr Gelb in protziger Art auszugeben unb damit herumzuwersen. Wenn eine ganze Nation immer reicher unb luxuriöser wirb, ist es nicht verwunberlich, wenn sich das am letzten Ende auch auf die Gesetzgebung ab* färbt. Wie „cabalierement" hat man eine halbe Milliarde für Germanisierungszwecke der Ost­mark verausgabt! Das Polentum steht trotzdem fest wie eine Mauer, aber wir haben's ja dazu." Jetzt freilich kommt die Kehrseite der Medaille. Tu Geld in deinen Beutel, lieber Steuerzahler, denn du sollst zahlen, daß es dir vor den Augen schwarz wird — so was nennt man bei uns eine „Finanzrefor m". Mit dieser Vergoldung soll die Pille besser schmecken; denn wer bezahlt nicht gerne verschiedene Goldfüchse mehr, wenn man ihm sagt, daß dies eine „Reform" darstelle? Es ist überall und immer fo gewesen, daß wenn die rnaßgebeiiden Schichten eines Volkes anfingen, allzu luxuriös und über ihre Verhättnisse hinaus zu leben, diese Neigung zur Geldverschwendung sich auch in der Finanzgebarung des betreffenden Landes geltend machte. Es ist also keineswegs ein Zufall, daß wir jetzt zugleich über Defizits im Reich und Staat und über zu üppige Lebenshal­tung breiter Schichten des Volkes und besonders der höheren Klassen klagen müffen; denn bjr Sparsam k eit ssinn kommt uns immer mehr abhanden, unb bas ist die Wurzel des Uebels.

Richtig ist, wenn Graf Posadowsky meint, baß auch bei Bewilligung der 500 Millionen Mari! jährlicher Stenern nichts für die Schulden­tilgung übrig bleiben würde, trotzdem muß seine Forderung befremden, der Reichstag solle nicht 500, sondern 700 Millionen neue Steuern bewilligen. Als ob bann bei uns gespart würde!

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meter entfernten Gute gerufen. Als er halber­froren und durchrüttelt dort ankam, empfing ihn der Mann, her ihn gerufen hatte, mit den Wor­ten: „Herr Doktor, mir fehlt zwar nichts beson­deres, aber ich habe so eine Vorahnung, als ob der Tod nahe Wäre." Der Doktor fühlte dem Manne den Puls und behorchte bas Herz. Endlich jagte er: „Haben Sie Ihr Testament gemacht?" Aus des Patienten Gesicht Wich alle Farbe. „Nein, Herr Doktor. In meinem Alter — oh, lieber Doktor, es ist doch nicht wahr, es kaim doch nicht wahr fein —" „Welchen Notar haben Sie?" — „Bluhm; aber —". „Dann tun Sie gut, jofort nach ihm zu schicken." Der Patient ging blaß und zitternd ans Telephon. „Wie heißt Ihr Seelsor- ger?" fuhr der Arzt fort. „Hochwürden Braun", murmelte der Patient, „aber Herr Doktor, meinen Sie Wirklich —". „Lassen Sie ihn sosott kom­men. Auch Ihren Vater sollen Sie rufen, ebenso Ihren —". „Sagen Sie doch, Herr Doktor, glau­ben Sie denn wirklich, baß ich so schnell sterben muß?" schluchzte erbärmlich der Mann. Der Dok- tot sah ihn scharf an. „Nein, das glaube ich nicht. Ihnen fehlt durchaus gar nichts. Aber ich Will nicht der einzige fein, den Sie in einer bitter fal- tn Nacht zum Narren hatten."

— Dir Erfindung eines Franziskanervaters. Wahrhaft epochemachend scheint die Erfindung des Franziskanerpaters Atto Maccioni in Siena Wer­ben zu fallen, der einen Apparat konstruierte, der imstande ist, Erdbeben einige Minuten vor­her anzumelden. Pater Maccioni gründet seine Erfindung auf die Tatfache, daß jedem Erdstoß elektrifch-magnetische Wellen vorausgehen, die vielfach von Tieren, aber auch von einigen Men­schen gespurt werden. Er selbst wurde einige Minuten vor einem Erdstoß in der Nähe von Siena aus dem Schlafe geweckt. Die Erfindung soll nunmehr von anderen Sachverständigen ge-

Aus dem Nachbargebiete.

* Großalmerode, 4. Juni 1909. Das fünf* jährige Söhnchen einer hiesigen Familie stieg einen Bergabhang hinauf, stürzte ab unb brach bas Genick. — Am Samstag erftankten hier 24 Personen. Der Arzt stellte Vergiftung infolge Genusses von gehacktem Fleisch fest.

* Seligenstadt, 2. Juni 1909. Am zweiten Psingstfeiertage erlitt bas Automobil eines Frankfurter Herrn auf der Lanbstraße zwischen hier unb Stockstabt einen erheblichen Maschinen- defekt unb mar nicht mehr von der Stelle zu bewegen. Drei wanbernbe Handwerks« burschen schoben nun, unterstützt von dem Chauffeur, bas Fahrzeug etwa IVe Stunden nach Seligenstadt, wo cs zur Reparatur abgeholt wurde. Der Besitzer des Automobils sorgte für gute Bewirtung der Burschen und auch einige Pfingsttaler sollen gerollt sein; das sah man nämlich an den vergnügten Gesichtern der fahren« bett Gesellen, welche auf diese Weise auch Pfingsten froh begehen konnten.

♦ Kassel, 4. Juni 1909. Einem 20 jährigen Mechaniker, der im hiesigen Untersuchungsgefängnis saß, ist eine sehr gewagte Flucht gelungen. Zunächst schützte der Häftling Unwohlsein vor und entfernte sich nach dem Adott; von dort entschlüpfte er nach dem Da ,geschoß, wo man ihn trotz gründ­licher Absuchung nicht fand. Später, zu nächtlicher Stunde, band der junge Mann einen Baststnck, den er sich heimlich zurechtgestickt hatte, um den Schorn­stein, und ließ sich fünf Stockwerke tief auf die Straße hinunter. Von dort entkam der Flüchtling unverletzt.

* Nack (Rheinhessen), 4. Juni 1909. Einen frechen Schwindel verübten zwei aus Ober« saulheirn gekommene Herren, die sich in Begleitung eines angeblichen Tierarztes befanden und bei dem Landwirt Brück ein Pferd für 1000 Mk. kauften, dasselbe auch gleich mitnahmen, aber nicht bezahlten. In Kreuznach wurde das Tier fofott an den Pferde­händler Wolf für 700 Mk. bar weiter verkauft. Die Schwindler find entkommen, die Staatsanwalt­schaft sucht jetzt nach ihnen.

vermischtes.

* Eine mehr als spaffige Erfahrung hat ein Vieh' Händler bei einem Viehlranspvtt von Göttingen nach Wiesbaden gemacht. Unterwegs vermehrte sich der Viehbestand dadurch, daß eine Kuh zwei Kälber zur Welt brachte. Der Viehhändler erhielt daraus von der Eisenbahnverwaltung ein Straf« mandat, well sich in dem Viehwagen beim Eingang in Wiesbaden zwei Kälber befanden, die er auf dem Frachtbrief nicht deklariert hatte. Nachdem der Viehhändler den Nachweis gesühtt hatte, daß die Kälber beim Abgang des Viehwagens noch nicht existietten, also auch von ihm nicht bettariert werden konnten, wurde zwar die Strafverfügung aufgehoben, der Viehhändler mußte aber, da er nicht anzugeben vermochte, auf welcher Station die Geburt der zwei Kälber erfolgt war, die Fra cht für den ganzen Transportweg nachzahlen.

* Was ein verregnetes Pfingstfest bedeuten kann, namentlich für größere Städte, darüber mögen fol­genden Ziffern über den Pfingstverkehr in Berlin einigen Aufschluß geben. Die Große Berliner Straßenbahn beförderte an den drei Feiertagen zu­sammen 6 531082 Fahrgäste. Die Hoch- und Unter« grnndbahn mußte sämtliche Reservewagm einstellen, um den Verkehrsansprüchen gerecht zu werden. Die Einnahmen, die das zum Reisen lockende schöne Pfingstweter der Staatseisenbahn bescherte, gehen ebenfalls in die Millionen, und an diesen Ziffern erkennt man, welch enormen Schaden an der Volks« wittschaft ein verregnetes Pfingstfest bedeutet.

— Die Kochkunst der Gattin. Die Gattin: »Denke Dir nur, die Katze hat jeden Happen von dem Mittagessen gefressen, das ich eben gekocht habe!" — Der Gatte: „Das atme Ding! Aber laß Dir darum keine grauen Haare wachsen; ich werde Dir eine andere Katze kaufen I"

ä Luxus und Sparsamkeit.

Dezc Vortrag MB früheren Staatssekretärs Grasen Posadowsky auf dem Evangelisch- Sozialen Kongreß in Heilbronn (bergt. Nr. 124) ist so reich an feinen kullurphilosophischen, natro- nalökonomischen und volkspsychologischen Be- trachtungen, daß es sich lohnt, einen größeren Auszug aus dieser wirklich staatsmännischen Rede imchzütragen.

In den sinlaitendqn Bemerkungen, die ein entschiedenes Bekenntnis zur Sozial­reform und ihre innere Berechtigung enthiel­ten, War besonders interessant die entschiedene Zurückweisung der Behauptung, daß an den miß­lichen finanziellen Verhältnissen die gegenwär­tigen Ausgaben für untere Sozialpolitik schuld seien. Wann die Auffassung sich geltend mache, oaß genug auf sozialpolitischem Gebiete ge­schehen sei, so liege hierin eine Verkennung unserer wirtschaftlichen Entwickelung und ihrer sozialen Folgen. Die Zeit der -Sozialpolitik für abgeschlossen erklären, hieße gleichzeitig den sitt­lichen und wirtschaftlichen Fortschritt unseres Volkes preisgeben.

Zum eigentlichen Thema „Luxus unb Spar­samkeit" führte dann Posadowsky aus: Luxus und Sparsamkeit feien die beiden Pole des wirt­schaftlichen Lebens. Der Luxus sei in letzter Zeit in allen Parlamenten und von allen Regie­rungen Deutschlands scharf getadelt und Spar­samkeit empfohlen worden. Diese Beunruhigung über den Luxus hat einen gemeinsamen Grund in den ungeheueren Fortschritten der Technik. Es wird eine Masse Güter produ­ziert ohne baß bie vorhandenen Verhältnisse ge­nügten, sie zu kaufen. Der Lebensstanb der Völ­ker ist ihrer Kaufkraft weit vorausgeeilt. An sich fei es ein Zeichen der Wohlhabenheit und ent­sprechenden Hebung des Lebensstandes des 5BoI- ite3, Wenn Bedürfnisse, die früher nur von sehr 'wenigen befriedigt werben konnten, allgemein als berechtigt und notwendig angesehen werben unb sich zu Volksbedürfnissen auswüchsen. Jedenfalls Jet der Luxus an sich Weber volkswirt­schaftlich noch ethisch verwerflich. Eine Rückkehr der Menschheit zur Natur würde Millionen von Menschen die Möglichkeit der nütz­lichen Verwendung ihrer geistigen und körper­lichen Kräfte für jede Lebensmöglichkeit nehmen. Die Stutomobilinduftrie ;. B. fei ur­sprünglich eine reine Luxusindustrie gewesen und das übelriechende, stauberzeugende Kraftfahrzeug sei nicht beliebt gewesen. Jetzt ist das Automobil in die abgelegensten Gegenden gebracht und es ist nicht ausgeschlossen, daß ein Akkumulator er­funden Wird, der bei leichtem Gewicht starke elek­trische Kräfte aufspeichert, unb bann das Auto­mobil zu einem allgemeinen Bewegungsmittel und zum täglichen Bedürfnis erhebt. Luxus sei durchaus nicht immer Verschwendung. Im Mit- (telalter hat man versucht, den Luxus durch bie Polizei zu bekämpfen, später ist man klüger ge- (Worben unb hat den Luxus besteuert. Auch unsere Reichsregierung, die den Luxus heftig tadelt, hofft doch gleichzeitig aus dem Luxus Nutzen zu ziehen, indem sie z. B. aus der erhöhten Schrumweinsteuer höhere Beträge zu erzielen sucht.

Viele Leute gönnen noch heute dem Arbeiter nicht den Luxus, daß er sich anständig kleidet Wenn aber der Aufwand für die Kleidung nicht in auffälligem Mißverhältnis zu dem Aufwand für ,tzte Nahrung steht, können wir uns dieses unge- ! heueren Fortschrittes freuen. Der Luxus, der nur geübt wird, um vor anderen hervorzustachen, die persönliche Eitelkeit zu befriedigen und ber

— Ausreichenden Schlaf für Schulkinder. Es ist eine wenig beachtete Tatsache, baß im Som­mer im AllgemeinM ein ausreichender Schlaf viel schwieriger zu erzielen ist, als im Winter. Zum Zustandekommen desselben ist nämlich die Fernhaltung aller Reize durchaus notwendig, vor allem also Ausschaltung des Lichtes. Die Kürze ber Nächte beeinträchtigt demnach die Länge des Schlafes in ganz erheblichem Maße. Ein aus­reichender Schlaf ist aber nicht nur dem Erwach­senen, sondern auch dem Kinde überaus notwen­dig. Das Schulkind Wirb durch zu kurzen Schlaf mehr geschädigt, als durch anstrengende Arbeit; Ermattung und Nervosität stellen sich ein, wäh­rend ein ausreichender Schlaf die Widerstands­fähigkeit erhöht. Die wiederholt feftgestellte Tatsache, baß Stender, bie nicht genügend schlafen, öfters erkranken, als diejenigen, welche ausge­schlafen haben, ist durch zahlreiche Aerzte bestä- tigi. Es wurde konstatiert, baß nicht ausgeschla­fene Kinder zu einem Viertel mehr unter Krank­heiten leiden, wie andere. Demgemäß setzten die Aerzte die Schlafzeit für Schulkinder folgender» maßen fest: Kinder von 4 Jahren sollen mm- bestens 12 Stunden schlafen, solche von 7 Jah­ren 11 Stunden, solche von 9 Jahren 10 Stunden, von 12—14 Jahren 9 bis 10 Stunden. Im Win­ter ist es nicht schwierig, diesen Anforderungen zu genügen. Im Sommer dagegen schlafen die Kinder sehr schwer ein, fo lange es noch hell ist. Man soll aber bie Kinder nicht zu früh zu Bett bringen, ehe ber Schlaf sich einsteltt; auf der an- bereu Seite kann man den Schlaf im Sommer etioa-3 rascher herbeiführen, wenn man bie Licht­reize ausschattÄ unb das Schlafzimmer ver­dunkelt ; auch laue Baber unb Waschungen wir­ken einschläfernd. Auf keinen Fall aber soll der Unterricht des Morgens zu früh beginnen, -p.

I MANOLI