Maer W Zeitung
Monakbrllager „Küdlktk Seschichtrblätter
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36. Jahrgang
Fulda, Dienstag den 1. Juni 1909
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bewohnte allein ein kleines, aber hübsch emgerich- retes Haus, in welchem ihm eine ältere Person dis nötigen Dienste verrichtete. Mit Len Dorfbewohnern verkehrte er wenig; öfters aber tob nm» ihn in der nahen Stadt, wo er bestrebt war, Zutritt zu den höheren Gesellschaftskreisen zu erlangen Mit der Zeit erreichte er dies; und wenn auch sein finsteres Wesen etwas abstiest, so er» warb ihm doch sein Geld, das er stets mit vollen Händen ausgab. namentlich unter den jüngeren Beamten manche Freunde. Insbesondere waren es die fürstlichen Hofjäger und andere Forstbe- amte. deren Gesellschaft er suchte und für deren Bern* er großes Interesse an den Tag legte. Bei den großen Jagden des Landesherr» war er stets in der Nähe, wenn auch nicht als Jagdgast, denn diese Begünstigung genossen nur wenige hoch, stehende Herren, die der Fürst selbst einzuladen pflegte, sondern er war unter dem Gefolge des die Jagd leitenden Oberjägermeisters, mit dessen Sohr, er in lebhaftem Verkehr stand. Dieser, ein etwas leichtsinnig angelegter junger Mann, war durch fein lockeres Leben in Schulden geraten, von welchen sein Vater nichts wissen durfte. Län> gere Zeit schon drohten ihm seine Gläubiger, ihr Geld von dem Herrn Oberjägermeister einzusor- deru, als Robert, so hieß der junge Mann, mit „Seekaspar" bekannt wurde und von diesem eine Summe als Darlehn erhielt, sodaß er allen 'einen Verpflichtungen nachkommen konnte. Er wunderte sich selbst darüber, daß der ihm fast fremde Mensch einen so hohen Betrag zur Verfügung stellte, da er doch für längere Zeit nicht daran denken konnte, das Geld zurückzuzahlen. Reine Menschenliebe war sicher nicht der Grund, denn von Wohltätigkeit und anderen verwandten Tugenden war im Verkehr mit „Seekaspar" wenig zu bemerken. Im Gegenteil, wenn in lustiger Gesellschaft zu später Stunde die Geister des übermäßig genossenen Weines den klaren Sinn verdunkelten, dann zeigte er sich in seiner wahren Gestalt, und seine Zech- kuinpane, die ebenfalls keine Heiligen waren, erschraken über die frechen und cynischen Aeußerun-
ckg Mit dem Kopse durch dir Wand will die Regierung. Die .Rordd. AÜg.Ztg." bringt in der Sonntagsuummer an der Spche des Blattes in offiziösem Druck folgende Kundgebung:
In der Preffe wird behauptet, die Regierung habe die Erbansallsteuer fallen lassen. Das ist vrllkommeri unrichtig. Die Regierung wird die Erbansallsteuer einbringen und nach wie vor mit allem Nachdruck für ihre Annahme wirken. Die verbündetcn Regierungen und der Reichskanzler werden sich ferner teilte Steuer auf-
„Um Gotteswillen," rief da der junge Mann aus. Tu wirst doch nicht auf eigene Faust in den herrschaftlichen Forsten jagen wollen? Was würde der Fürst oder gar mein Vater sagen, wenn der Freund seines Lohnes eines Tages als Wilddieb ergriffen würde? Und ist Dir nicht bekannt, welche schweren Strafen das Gesetz dem Wilderer androht?"
„O, das weiß ich alles, lachte da Seekaspar, aber die Sache ist nicht halb so schlimm, als Du sie Dir vorstellst. Erstens gehört das Wild nicht allein dem Landesherrn, es ist herrenloses Gut und nährt sich hauptsächlich von den Saaten der armen Bauern, die für den angerichteten Schaden noch nicht einmal eine Vergütung bekommen. Ta ist es ja eine gute Sache, wenn man das übermäßig gehegte Wild, das nur zum Vergnügen einzelner und zum Schaden vieler da ist. etwas vermindern hilft."
„Und wenn Dich einmal die Wildhüter fassen?" wandte Robert ein.
„O, daß mir die Jagdbeamten hindernd ins Gehege kommen könnten, das habe ich nicht zu befürchten. Ich veranlasse die Förster und ihre Gehilfen an den Tagen, an toelcben ich jagen will, zu einer Zusammenkunft in der Waldschenke und lasse es mich etwas kosten. Da bekanntlich der Durst dieser gering besoldeten Leute nicht klein ist, habe ich in einigen Stunden freie Bahn. Der Wirt sorgt schon dafür, daß keiner von den Jägern zu früh und nicht anders als schwer bezecht die Schenke verläßt." Mit starrem Erstaunen hatte Robert dieser dreisten Auseinandersetzung Seekaspars zugehörl. Also, das wagte dieser ihm. dem Sohn des Oberjägermeisters, zu sagen! Er wußte nun, weshalb Seekaspar seine Wohnung nicht aus dem elenden Dorfe nach der Stadt verlegte, wo er doch dank seiner reichen Mittel viel bequemer hätte leben können. Er begriff jetzt manches in dessen Benehmen, was ihm bisher rätselhaft erschienen war. Er begann auch zu ahnen, daß im Herzen dieses Mannes schlimme Leidenschaften schlummern nrußten, und manche dunkle
gen, mit denen er alle religiösen und sittlichen Einrichtungen verhöhnre. welche die Grundlagen eines geordneten Zusammenlebens der Menschen sind. Es mußten demnach andere Beweggründe jein, die „Seekaspar" veranlaßten, die Gesellschaft des jungen Robert aufzusuchen, mit ihm Trinkgelage zu veranstalten und sich ihm unentbehrlich zu machen. Ein Zufall gewährte diesem denn auch eines Tages einen Blick in das Leben und Treiben Seekaspars.
Robert hatte im Auftrage ^seines Vaters bei dem Hofbüchsenmacher der Stadt einige Jagdgewehre zu bestellen, die für zwei hochadelige Freunde des Fürsten als Geschenke bestimmt waren. In der Werkstatt des Meisters sah er nun eine Büchse, die außerordentlich gut gearbeitet, reich verziert und wie die Inschrift bezeugte, von einem berühmten Büchsenmacher gebaut war. Er fragte nach dem Eigentümer der schonen Waffe und horte, daß „Seekaspar" sie gebracht habe, um eine kleine Reparatur vornehmen zu lassen. „Es ist', sagte der Meister, „ein ganz besonders wertvolles Stück, wie wohl kaum der Gewehrschrank unseres gnädigsten Fürsten ein zweites aufzuwei- sen haben wird". Als Robert am Abend desselben Tages mit Seekaspar allein zusammen war, lenkte er das Gespräch auf das kostbare Gewehr und fragte, ob er auf seinen Reisen auch schon gejagt habe. „Das will ich meinen", antwortete Se^-, kaspar, „ich habe in allen Weltteilen die Jagd ausgeübt und mochte auch hier, fügte er mit einem eigenartigen Aufblitzen der Augen bei, dieses Vergnügen nicht missen." Betroffen schaute ihn Robert an und meinte: „Es ist nur schade, daß Tu hier wenig oder gar keine Gelegenheit dazu hast; unser Landesherr ist selbst ein eifriger Jäger, und mein Vater, der oberste Jagdbeamte, darf ohne Genehmigung des Fürsten keine Gäste zum Jagen einladen".
„Nun, dann lade ich mich selbst ein," antwortete Seekaspar, und ich denke, Du wirst doch nichts dagegen haben, wenn ich ab und zu.Men Hirsch schieße."
wie eine Tat folgen wollte". Die anderen Organe der Parteien, zu deren Beruhigung die ost fiziosen Auslassungen erfolgt sind, äußern sich noch nicht ausführlich dazu. Großen Wert legt man ihnen jedenfalls nicht bei.
+ Rücktritt Sydows? Bon einer Berliner Korrespondenz wird behauptet, daß in parlamentarischen Kreisen mit großer Bestimmtheit das Gerücht austrete, Staatssekretär Sydow werde von seinem Posten scheiden, und der Direktor der „Nationalbank", Geheimrat Witting, fei vom Reichskanzler zur Leitung des Reichsschatzamtes ausersehen. Staatssekretär Sydow solle Verwendung im preußischen Verwaltungsdienst finden. Von anderer Seite wird behauptet, daß der Inhaber des Bankhauses Delbrück, Ludwig Delbrück, ein Bruder des preußischen Handelsministers, der Erwählte der Regierung sem roetbe. — Mau wird gut tun, diese Mitteilung mit Vorsicht aufzunehmen.
s Die Steuerkommission des Reichstages hat am Samstag ihre Beratungen fortgexeyi und die 2. Lesung der bisher eingegangenen Vorlagen und Anträge zu Ende geführt. Die liberalen und so- zialdemokratijchen Obstruktionistcn nahmen auch am Samstag wieder an den Beratungen nicht teil, hatten aber „Streikposten" entsandt. J23or Eintritt in die Tagesordnung stellte der Vor- sitzende Frhr. v. R i ch th o f e n noch rrnmal fest, daß er aus nationalem Pflichtgefühl sich veranlaßt gesehen habe, die Verhandlungen zu beschleunigen. Die Triebfeder seines Handelns sei nur gewesen, bie verschiedenen Vorlagen schnell an das Plenum zu bringen. Sodann begann die Kommission die Beratung des konservativen Antrags betreffend die Mühlenumsatzsteucr. Reichsschatzsekretär Dr. Sydow erklärte dazu, die Vorlage komme überraschend und sei in ihrer wirtschaftlichen Tragweite noch nichl zu übersehen, daher sei es unzulässig, derartige Bestimmungen in das Finanz- 'gefeb hineinzuarbeiten und er erhebe dagegen prinzipiell Widerspruch. Auch ein Vertreter des preußischen Handelsministeriums.protestierte dagegen und betonte, die Mehrpreise könnten dadurch künstlich gesteigert werden. Abg. Raab (wirtsch. Vgg.) meinte, man könne eventuell diese Steuer den Einzelstaaten überweisen und dafür bann die Matrikularbeiirägc um einen entsprechenden Betrag erhöhen. Bei den Staffel Wen, die der Antrag Vorsicht, (der Satz steigt von 1 H bei mehr als 600 Tonnen pro Tonne auf 12,t>0 c< pro Tonne über 90 000 Tonnen) erhob Abg. Zehnter (Ztr.) einige Bedenken gegenüber der hohen Belastung. Die Vorlage wurde schließlich im ganzen angenommen. — Es folgte die Beratung des Kohlrnansftihrzolkes. Abg. Dr. R o- s i k e erklärte, hinter der Tendenz des Antrages stehe das ganze Volk. Enthalte derselbe in seiner Iasiung Bedenkliches, bann möge die Regierung Mitarbeiten. Abg. Mülle r-Fulda (Ztr.) trat für ben Antrag ein. In das Ausland werde billig verkauft, um im Jnlande hohe Preise erzie- len zu können. Ein wirtschaftlicher Nachteil werde nicht einireten. Ter Antrag wird darauf angenommen. Man kam dann zum Finanzgesetz. Abg. Müller-Fulda (Ztr.) beantragte dazu, daß bie im Gesetz von 1906 vorgesehene Bindung und Stundung der Matrikularbeiträge aufgehoben würde. Abg. Gröber (Ztr.) legte bie Bedeutung dieser Forderung dar. Man möge für genügende reichseigene Einnahmen sorgen,, und was dann noch als Matrikularbeiträge verbleibe, soll nicht gestundet werden. Kämen dann neue Forderungen, bann halte man an ber alten, so oft belachten Forderung fest: Keine Bewilligung ohne Deckung. Staatssekretär S yd o w bat, den Am rag Müller-Fulda abzulehnen. Finanzmini-
Seekaspar.
* Nach einer Sage aus der Fuldaer Gegend.
Von A. Hellwald.
(Nachdruck verboten.)
Mitten in dem Walde, der sich zwei Stunden westlich von Fulda nach dem Vogelsberg mnzv.ht, liegt von Gestrüpp und Heidekraut überwuchert, ei.i großer Stein, den viele Bewohner der um- j liegenden Dörfer und Gehöfte kennen ars den „Seekasparsteiu". Man sieht, das e- nicht einer der an vielen Stellen des Waldes ^rkvmme-dcn Felsblöcke ist, und ein aufmerksamer Beobache, findet trotz der zersetzenden Spuren, welche der Zahn der Zeit auch an dem härtesten Material hervorbringt, Neste von Schriftzeichen Mid eunge Ziffern, die anscheinend die Jahreszahl 1611 bedeuten. Eine dunkle Sage, die sich verfchwom- < mea im Volke erhalten hat, bringt ihn in Zusammenhang mit einem Trauerspiel, desieu letzter -.Akt sich an der Stelle, wo der Stein liegt, abgespielt haben soll.
Zu Anfang des 17. Jahrhunderts lebte in (einem waldumsäumten Torfe des ehemaligen Hochstifts Fulda ein Mann, der unter dem Namen /„Seekaspar" in der Gegend bekannt war. Auf einem einsam liegenden Gehöfte geboren, war er als Kind mit feinen Eltern nach Amerika ausge- wandert, hatte dann als Seefahrer weite Reisen . nach allen Weltteilen gemacht und sich habet große Reichtümer erworben. Auf welche Weise er in ,ben Besitz derselben gekommen war, darüber ließ er aber nie etwas verlauten. Man erzählte. sich «jedoch im geheimen, daß er Kapitän eines Sklavenschiffes gewesen, welches Tausende von Negern aus dem heißen Afrika geraubt und in dunklen ^Schiffsräumen zusammengepfercht nach Amerika gebracht habe, wo sie für schweres Geld an die Pflanzer verkauft wurden. Was ihn dann bewo- gen hatte, sich als reicher Mann in dem armen /Walddorfe niederzulassen, wußte niemand. Er
mit ihnen solidarischen Freisinnigen darin ein ge- schästsordnungswidriges Verfahren, das sie nun Nmqerechterweise zu einem schweren parlamentarischen 'Verbrechen stempeln wollten. Es kommt außerdem ch-j Betracht, daß, wie schon hervorgehoben, der Seniorenkonvent der Finanzkommission ausdrücklich freie Hand für die Förderung feiner Beratungen gelasfen hat. Das soll aber alles keine Giltigkeit mehr haben, weil den Liberalen die S it u ati on ungemütlich geworden ist. Die ,Köln. Vztg.' charakterisiert ben Vorgang ganz richtig, wenn sie
[] Der Auszug der Liberalen
ts der Finanzkommission hat in der liberalen Preffe ein ohrenbetäubendes Lamento hervorgerufen. Es hallt durch ben Blätterwald ein endloses Geschimpfe. Während aber ein kleiner Teil bet Blätter sich wenigstens bemüht, die Haltung ber liberalen Sezessionisten zu recht- Öen, unterzieht sich bei größere Teil biefer Un
taten Aufgabe überhaupt nicht. Sie lobt viel- mehr bie „kühne Tat* bet liberalen Kommiffions- mitghebet über ben grünen Klee und schimpft aus Leibeskräften auf Konservative unb Zentrum, auf
drängen lassen, die eine Schädigung von Handel und Industrie nach sich ziehen würde.
In den halboffiziösen Rückblicken, die zwar Redakrionsarbeit darstellen, aber nur nach Genehmigung ihres gesamten Inhalts öurch die Re- qierunq veröffentlicht werden, wiederholt das offiziöse Blatt, daß die verbündeten Regierungen die Besteuerung der Erbschaften nach wi-- vor als die geeignetste Besitzabgabe ansähen, und spricht sich recht unzufrieden über das Er- aebnis der Kommissionsverhandlungen aus. , Es meint die Beschlüsse lieferten nicht den notigen Sieuerbetrag und seien zum Teil unannehmbar. Insbesondere sagt es von der Mühlenumsatzsteuer und dem Kohlenausfuhrzoll, daß sie jedenfalls tn Meta Form nicht Gesetz werden könnten. Auch gegen die Kotierungssteuer und die Umsatzsteuer äußert es Bedenken. Weiter verteidigt es ben Reichskanzler gegen den Vorwurf von liberaler Seite daß er nichts getan habe, um etn anderes Ergebnis in der Kommission zu erzielen:
Der Reichskanzler war tn den letzten Wochen fortgesetzt mit Verhandlungen über die Finanzresorm beschäftigt. (Ach!) ®r *>at nichts unversucht gelassen um eine Einigung zwffch-n der Rechten und der Linken herbe,zusuhren. Seme Stellungnahme zu bert einzelnen Teilen ber Reich-- finanzresorm ixt so häufig und so nachdrücklich dargelegt worden, daß eine neue Kundgebung in diese u Sinne kaum wobl nötig sein sollte. Auch die Vorgänge in der Kommission, dte er auf das lebhafteste bedauert, können ihn keineswegs zu einer Aende- runa seiner ganzen bisherigen Haltung bewegen Der Reichskanzler wird, wie wir hören, die nächste Gelegenheit im Reichstage benutzen, um seine Stellung vor dem Lande klarzulegeit.
, Nach wie vor" also Hütt die Regierung an der Erbau fall st euer fest. Ja, was benft öte Regierung denn? Was will sie noch mit dieser Steuer? Ob sie meint der Geist des Reichstags werde sich in dieser Sache doch noch um- krempeln lassen? Das kann sie doch kaum glauben. Wozu dann also die Steuer? Will sie auf den Konflikt zutreiben und wie manche es wünschten, den Reichstag auflosen? Es ist, nicht recht klar, was die Regierung will. Daß sich der Herr Reichskanzler in den letzten Wochen „fortgesetzt mit V er Handlungen über die Finanzresorm beschäftigt hat, davon hat man nicht viel gemeldet. Man hat überhaupt nicht den Eindruck, als ob ben Fürsten Bülow feine Aufgaben sehr beschäftigten, als ob er ein wirklich inneres Interesse an den Arbeiten der Finanzkommission des Reichstags nähme. Allerdings sollen einige Verhandlun- aen stcittgefunden haben, eine sogar mit Herrn Ballermann. Erfolg int oben angedeuteten Sinne des Reichskanzlers haben sie bisher nicht gehabt. Wie die Sachen sich jetzt entwickelt haben,, ist eine Einigung der Rechten und Linken auch nicht sehr aussichtsvoll. Wer sich derart in die Haare geraten ist, wie jetzt die Blocksreunde, der kann sich unmöglich übermorgen am selben Tische wieder zusammensinden, um von neuem die Friedenspfeife zu rauche». Immerhin konnte man es begrüßen wenn die Regierung, wie sie cmkmrdigt, aus ihrer Zurückhaltung etwas heraustrete» würde, in welcher. Richtung es auch geschehen möge. Bisher hat seit der Einbringung der Vorlagen vor einem halbe» Jahr die Beteiligung der Regierung lediglich in verlegene» Erklärungen des Herrn Sydow bcstaudeu: er könne noch keine Stellung nehmen; ab und zu wagte er sich auch zu Beden- ken, ja zu einem schüchternen „nein" vor. Die Betei licuing Bülows beschränkte sich auf czeleoenttiche Erklärungen, daß er die Reform mit dem Block machen werde. Bisher ist ihm das freilich nicht gelungen, und auch die neueste» offiziösen Erklö- rnngen können den Liberalen keine Bürgschaft sein, daß es jetzt noch gelingen wird. Daher will bie „Tägl. Rudschau" sich erst freuen, wenn der „mannhaft genug klingende» Erklärung etwas
immer im negativen Sinne bei den Kommissionsarbeiten. Wer diese neueste Wendung in der Reichsfinanzreform in der Nähe kommen sah, der konnte ganz deutlich das Steigen der persönlichen Verärgerung beobachten von dem Augenblicke an, als die Herren Bagcr- mann, Paasche und Weber nicht mehr den Punkt bildeten, um den sich alles drehte. Die Ablehnung mehrerer nationalliberaler Anträge und schließlich die Ungeschicklichkeit PaascheS steigerte noch diese Verärgerung.
Dazu kam aber ein noch wesentliches „sachliches" Motiv. In dem Augenblick, als der Liberalismus merkte, daß er nicht mehr allein der ausschlaggebende Faktor bei der Gestaltung der Reichs- finanzreform sei, als vor allem der Linksliberalismus damit die Aussicht auf parteipolitische Vorteile schwinden sah, da war für ihn auch „das große nationale Interesse" an dem Gelingen der Reichsfinanzreform geschwächt. Das läßt sich etappenweise Nachweisen, und dieses Interesse sank stufenweise, je mehr die Mitarbeit des Zentrums dazu beitrug, zugunsten des Mittelstandes und der breiten Massen des Volkes wirkliche Besitzsteuern zu schaffen, welche die stärkeren Schultern auch tatsächlich treffen werden. Die Konservativen, frei geworden von dem Druck des Liberalismus im Block, brachten schließlich mit einem Wertzuwachssteuerantrage, vor allem aber mit einer Belastung der Börse und des Kapitals die liberale Verärgerung zum Uederschäumen; denn, was die konservativen Anträge jetzt mit Unterstützung des Zentrums verlangen, greift ans Portemonnaie. Für das, was dem Großkapital und der Börse wehe tut, hatte der Liberalismus stets ein feines Empfinden, aber die liberalen Parteien konnten nicht verlangen, daß aus lauter Rücksicht auf ihre persönliche Verstimmung und ihre parteipolitischen Sonderrnteressen die minder leistungsfähigen Klassen des Volkes aufs neue schwer belastet und das Großkapital leer aus-
Bülow unb Sybow.
Das Schimpfen auf Konservative unb Zentrum Bat gar keinen Sinn, benn biefe beibett Parteien haben ben Liberalen keinen Grund zu ihrem törichten Vorgehen gegeben. Ein Bruch ber Ge- schästsorbnung, wie sie behaupten, liegt nicht vor. Was bie Konservativen mit ber Einbringung ihres Antrags auf Erhöhung des Kaffee- unb Teezolls und auf Einführung einer Zündholzsteuer getan haben, ist auch von Liberalen wieberholt geschehen. In ber Kommission wies man ihnen nach, baß sie selbst schon butzenbmal so vorgegangen feien und Dr. Paasche kam besonders unter die Räder. Unter feinem Vorsitz wurde diesen Winter beschlossen, die Frage der Vorschußregelung für die Berussgenossen- schasten im Finanzgesetz zu regeln; das war eine ganz fremde Materie. Aber niemand protestierte. Im Jahre 1906 hat der nationalliberale Abg. Büsing , als Vorsitzender der Finanzkommission die Gesetzentwürfe über Tantiemensteuer u. Ansichtskartensteuer zugelaffen, obwohl beide Steuern fremde Materien 'waren. Unter dem Vorsitz des nationalliberalen Abg. Dr. Paasche kam u. a. ber formell unb materiell neue Antrag bes sogenannten Blockkompromisses in bie Finanzkommission, unb Freisinnige unb National- liberale stimmten ihm zu. Ja, Paasche sührte den Vorsitz noch, als der konservative Besitzsteuerantrag, die Wertzuwachssteuer, gewiß eine neue Materie, in die Kommission gebracht wurde. Der Liberalismus sah auch darm noch immer keine Geschäftsordnungswidrigkeit. Erst in dem Augenblick, als die Konservativen den dem Liberalismus unbequemen Antrag ans Erhöhung des Kaffeezolls und auf Einführung der Zündholzsteuer als Initiativantrag einbrachten, erblickten die Nationalliberalen und die
schreibt:
Sachliche Gründe könne» unmöglich die Ursache zu dem Vorgehen der Liberalen bilden Die ganze Komödie trägt so deutlich an sich, bie Zeichen persönlicher Verärgerung und der Rücksichtnahme auf parteipolitische Sonder interessen. Dem Liberalismus war schon lange bei der Steuerarbeit nicht mehr recht wohl, namentlich der Freisinn stand unter scharfem Gegendruck seiner Wähler, die in ganzen Stößen von Resolutionen und Zuschriften an die freisinnigen Abgeordneten gegen die Strnerbewilligung protestierten. Die Stimmung in den Wähiermaffen deS Freisinns schlug in dem Maße gegen den Block um, als der Freisinn im Block Steuern veivilligen sollte. Als der Konflikt wegen der Beratung der Tabak- banderolensteuer kam und Herr Paasche den Vorsitz niederlegte, drohte der Liberalismus bereits mit »er Boukottierung der Kommisfionsberalung. Seitdem waren die Liberalen nur noch mit halber Seele und
gehen sollte.
Das liberale Lamento über die Finaiizkom- mission ist im Grunde genommen nichts anderes als ei» Klagelied über die Niederlage des Liberalismus, die in wenig geschickter Werse durch den theatralische» aber unnützen Auszug aus der Finanzkommission erst recht vor aller Welt offenbar geworden ist: das Klagelied der betrübten Lohgerber, die mit den wegschwimmey-' den Fellen ihre liberalen Zukunftstraunie verschwinden sehen. Man kann den Liberalen die Verärgerung darüber nachempfinden, daß es in der Finanzkommission nicht nach ihrem Wunsch und Willen gegangen ist, sodaß sie schließlich i» die Minorität gedrängt wurden; aber ein ruhiger Politiker wird es nicht verstehen, wie die Liberalen in ihrer Verärgerung foweir gehen konnten, daß sie einen solchen Ausmarsch in Szene setzten. Auch wenn sie glaubten, daß die Geschäftsordnung nicht gewahrt worden sei. hätte ein förmlicher und feierlicher Protest iedeiffalls genügt und ihrem Ansehe» bessere Dienste geleistet als dieser lächerliche Exodus. durch den sie den Gang der Dinge doch nicht mehr ändern konnten, wie die weiteren Verhandlungen der Finanzkommission inzwischen gezeigt haben. Verärgerung war noch nie ein guter Berater in der Politik, und durch die in der Verärgerung gelungenen Klagelieder der liberalen Presse wird die politische Situation des Liberalismus wahrlich auch nicht gebessert.