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Verantw. Redatteurr

Larl Schütter

Fulda, Samstals den 29. Mai 1909

36. Jahrgang

M 121.

Zweites Wtcrtt

Freie und Grüne sich zu flüchten. Es schadet nicht, wenn Pfingsten sich bis in das Ende des Mai oder gar in den Anfang Juni verschiebt; am wenigstens schadet das in einem so rückständigen Jahre, wie wir es jetzt durchmachen. Bei unserem Klima wird der „Maitag" lieber am 31., als am 1. begangen.

Wenn die Leute einen Osterspaziergang ma­chen, so sagen sie in Anspielung auf das liebliche Evangelium, sie gingen nach Eniaus. Können sich jetzt die Wanderlustigen auch auf die Pfingstbot- 'chaft berufen? O ja. Lori wird uns berichtet, daß die Juden und Judengenossen aus allen Län­dern rings umher nach Jerusalem und dem Tem­pel gepilgert waren, um dort das Fest gemeinsam zu begehen, und daß von dieser großen Versamm­lung von internationalen Wallfahrern das Psingsttvunder sichtbar u. hörbar geworden. Es ist nicht richtig, wenn man den Wandertrieb als eine inoderne Erscheinung hinstellen will, die erst int sog. „Zeitalter des Verkehrs" die Menschen er- faßt habe. Den Alten war bei den schlechten We- gen und den primitiven Beförderungsmitteln das Reisen tausendmal schwerer gemacht; cs ge­hört dazu eine Ausdauer und Geduld, wie sie beutzutage nur von Reisenden in Jnnerafrika und in China beansprucht wird. Und doch haben die Alten im Wandern und Reisen Großes geleistet. Erinnern wir nur an die Reise der Königin von Saba, an die Wallfahrt der drei Waisen aus dem Morgenlande nach Jerusalem, an die regelmäßigen Fahrten der Juden zum Tempel (vergl. den Be­richt vom 12jährigen Jesus), an die Reisen nach dem Stammort zum Zwecke der Volkszählung, wobei Joseph und Maria nach Bethlehem kamen, an die Flucht nach Aegypten usw. Natürlich wa­ren die Alten im allgemeinen seßhafter als wir, weil das Reisen viel mehr Zeit, Kraft und Auf- wand erforderte. Aber wenn ein ernster Antrieb vorlag, namentlich ein ideales Interesse, so waren sie von bewunderungswürdiger Beweglichkeit. Von der Wanderlust im Mittelalter, die namentlich

s Die Steuerschen der Börse.

Von den beiden edlen Polen Krapulinski und Waschlapski, Polen aus der Polakei, wollte keiner einstmals leiden, daß der andere für ihn zahle. Und so kam es schließlich, daß beide Zeche schul­dig blieben. Wie Krapulinskr und Waschlapski macht man es bei uns nicht. Bei uns will man durchaus, daß der andere zahle.

Nicht mit Unrecht schilderte dieser Lage ein Knüppelversdichter eines Berliner Blattes die „Opferwilligkeil" des „steuerwütigen" Deutsch­land in einem amüsanten „Chor an das Vater­land", dessen wichtigster Inhalt lautet:.

„Wir streicheln dich mit treuen Pfoten, Denn unsre Liebe ist unsäglich. Wir sind die wahren Patrioten Und sagen dieses dreimal täglich.

Du sollst, mein Land, im Golde schwimmen. Du sollst es kriegen aus dem Vollen;

W i r sind bereit, dafür zu stimmeit.

Daß es die a n d r e n z a h I e n sollen."

Wenn diese Wahrheit sich schon den treuesten Leibjournalisten Bülows aufdrängen könnte, dann muß sie wohl wahr fein. Jeder will, daß neue Steuern bewilligt werden, aber keiner will s e l b st zahlen. Ztierst hat man den Konservativen vor- geworfcn, daß sie mit ihrem Widerspruch gegen die Erbschaftssteuer sich dagegen wehrten, selbst zu neuen Steuern herangezogen zu werden. Jetzt folgen ihnen die Herren Börsianer, jene andere Gruppe „notleidender" Bewohner des deutschen Vaterlands, auf deren Wappenschild die präch­tig gedachten Worte stehen: „Lerne klagen ohne zu leiden". Dec neue konservative Besitzsteuer-An­trag verlangt 25 Millionen aus einer Neichswert- zuwachssteuer, 60 Millionen aus dem Grundstück- Umsatzstempel und außerdem aus einer Besteuer­ung dec Wertpapiere rund 80 Millionen Mark. Was man früher aus der Nachlaßsteuer her­auszuholen bestrebt tvar, das soll jetzt mit Hilfe der Börse aufgebracht werden. Das hat den Herren von der Börse keinen kleinen Schrecken eingejagt. Sie haben sich mächtig ins Zeug ge­worfen, um sich die Steuern des konservat. An­trags vom Halse zu halten. Dabei spekuliert man allerdings etwas zu stark auf die Dummheit der Massen. So schreibt die freisinnige „Voss. Ztg.":

„Ein armer Teufet hat sich sein Leben lang hart gemüht, hat gedarbt und gespart, um im Alter nicht dem Hunger preisgegeben zu sein, um auch seine Familie nicht in schlimmster Not zurückzulafsen. Er hat seine paar Hundert oder Taufend Mark in Pfand­briefen angelegt. Alsbald kommt dir konservativ- klerikale Mehrheit und nimmt ihm eine „Besitzsteuer" ab. Oder hat er gar für seine Spargroschen Aktien gekauft, dann zahlt er noch höhere „Besitzfteuer" ob­wohl er keine Ahnung gehabt hat, daß er zu den „be­sitzenden Klassen" gehört. Wer spart, muß zahlen, das ist die Moral des Besitzsteuerantrages: es wird von Reichswegen eine Strafe auf Sparsamkeit gefetzt."

Trifft das letztere nicht noch mehr bei der Erbaufallsteuer zu? Wenn dieser „arme Teufel" aber Reichs- und Staatspapiere kauft, zahlt er keinen Pfennig Befitzsteuern. Selbst deut sozial­demokratischen „Vorwärts" sind diese „groben Uebertreibungen" zu einfältig und er schreibt:

„Der kleine Handwerker und der Arbeiter legen ihr Geld nicht in Spekulationspapieren an. Sind sie wirklich in der Lage, etwas zu erübrigen, so tragen sie ihr Erspartes nach der Sparkasse oder kaufen höch­stens dafür StaatSpapiere. Solche Papiere aber bleiben steuerfrei. Und selbst, wenn der Arbeiter, wie die,Bosf. Ztg/ annimmt, Stadtobligationen oder andere festverzinsliche Anleihepapiere kaust, soll er nur 1 Mk. von 1000 Mk. zahlen. Ausländische Eisenbahn­aktien und andere ähnliche Wertpapiere kaust aber der deutsche Arbeiter nicht, auch nicht der kleine Hand­werker. Jedenfalls wird er durch die geplanten in­direkten Steuern weit, weit höher belastet, als jemals durch alle Wertzuwachs- und Kotierungssteuern."

walt den deutschen Konsularbeamten entrissen haben. Der Verzicht auf die Rückgabe der deut­schen Deserteure ist derjenige Teil des Urteils, der uns an Klarheit und Ueberzeugustgskraft ntcht ganz auf der Höhe zu stehen scheint. Gegen die übrigen Punkte läßt sich kaum etivas ein- wcnden. Das Schiedsgericht hat anerkannt, daß die Konsularbeamtcn und ihre Schützlinge zu Unrecht vergewaltigt worden sind. Daraus folgt nach unserer Ansicht, daß die entrissenen Deser­teure dem Konsulat zurückzugeben sind und dort die Entscheidung über ihr Schicksal zu empfangen haben. Diese Folgerung zieht aber das Schieds­gericht nicht. Dessen Gedankengang war folgen­der: „Die Deserteure hätten an sich zur Wieder- Herstellung des gestörten tatsächlichen Zustandes dem Konsulate zurückgegeben werden müssen; bei einer endgültigen Entscheidung über ihr Schick­sal sei aber von Anordnung einer solchen Rück­gabe abzusehen!" Warum abzusehen? Wir möch­ten näheren Aufschluß haben, warum den Fran­zosen dieser Akt der Rückgabe erspart geblieben ist, der auch in dem Falle, daß Deutschland die Schützlinge wieder hätte ausliefern müssen, doch eine Sühne für die Vergewaltigung der Konsu- larbeamten dargestellt hätte. Im übrigen muß auf die Wurzel des ganzen Aergernisses hinge- wiesen werden: Das ist die Anwerbung von Aus- ländern, besonders von Deutschen für die fran­zösische Fremdenlegion. Dieses System paßt nicht mehr in die modernen Rechts- und Kul­turverhältnisse.

In Frankreich hat sich der Poststreik und die von ihm entfachte allgemeine Stceiklust in eine allgemeine Katersttmmung unter den Post­beamten und Arbeiterverbänden umgewandelt. Selbst die deutsche sozialdemokratische Presse ver­urteilt diese „anarcho-sozialistischen" Experi­mente. In der Handelswelt ist tflan dem Mini­sterpräsident Clemenceau und dem Postsekretär Simyan aus tiefstem .Herzeit dankbar dafür, daß er seinen Willen durchgesetzt hat. Das gesamte französische Verkehrswesen wäre ja. erbarmungs­los einigen wenigen verantwortungslosen und der Tragtveite ihres Tuns wahrscheinlich nicht einmal bewußten Schreiern unter den Postbe­amten ausgeliefert worden, die von ihrer Macht über den Verkehr sicher ausgiebigen Gebrauch ge­macht haben würden.

Die englischen Konservativen sind doch eine Gesellschaft von hartgesottenen Quertrei­bern! Seit sie bei der letzten Wahl eine Nieder­lage erlitten haben und den Liberalen die Ka­binettsbildung haben überlassen müssen, ist es ihr unerlässigstes Bestreben gewesen, durch kräf- tige Verhetzung der Bevölkerung gegen Deutsch­land dem liberalen Kabinett Schwierigkeiten zu machen. Das schmutzige Spiel hat einen glän­zenden Erfolg gehabt. Die Deutschenangst, die Furcht vor einem deutschen Einfall in England, hat das sonst so nüchterne Volk in jene Nervo­sität versetzt, die allein den Glauben an all die Luftschiffgespenster und ähnliche Verrücktheiten möglich machen kann. Leider stehen die nächsten Wahlen erst in zwei Jahren bevor. Bis dahin werden wir dieses traurige Verhehuitgsspiel wohl noch über uns ergehen lassen inüffen. Das Trau­rigste ist nur, daß die liberale Regierung von dieser Treiberei Ähritt für Schritt zurückweicht, daß ferner von England aus das wahrste Dreaud- nought-Fieber über die Welt verbreitet wird.

Auf dem Balkan herrscht verhältnismäßig Ruhe. Das jungtürkifche Regiment räumt unter den Verfechtern der Sache des alten Sultans fürchterlich auf. Zirka 30 000 Beamte sollen bis­her abgesetzt worden sein. Auch aus Kleinasien ist von einer Besierung der Lage zu melden.

Unpolitische Zeitkäufe

(::) Berlin, 27. Mai 1909.

(Nachdruck verboten.)

Vom Einmaleins bis zum Esperanto erstrecken sich die weltlichen Betrachtungen, die das Pfingst- fest anregt.

Wieviel macht sieben mal sieben? Pfingsten wird genau sieben Wochen nach, Ostern gefeiert. Der Zwischenraum beträgt also 7X7 oder 49 Tage. Aber der Nante des Festes, der aus der griechischen Sprache stammt, bedeutet „der fünf­zigste Tag". Der scheinbare Widerspruch findet seine Auflösung in der Sitte der Alten, bei Frist­bostimmungen sowohl den Anfangstag als auch den Endtag mitzuzählen. Wenn man den Oster­sonntag als den ersten Tag der Reihe zählt, so ist der Pfingstsonntag der fünfzigste. So muß man auch rechnen, um den Himmelfahrtstag als den vierzigsten Tag nach Ostern bezeichnen zu können. Bei einer kurzen Frist tritt der Unterschied in der alten und der neuen Berechnungsart noch deutlicher hervor. „Am dritten Tage auferstan- den von den Toten", und doch liegt zwischen Kar- fteitag und Ostern nur ein voller Tag. Da der. Todestag als erster, der Ruhetag als zweiter und der Auferstehungstag als dritter Tag gezahlt wird, so ergibt sich die Dreizahl. — Um auf Pfing­sten zurückzukommen, so liegt dem Abstand dieses Festes von Ostern allerdings eine „heilige Zahl" zu Grunde, aber als solche ist nicht die 50 zu be­trachten, sondern die 7, welche in ihrer sieben­maligen Wiederholung die Frist gebildet hat. Je- b^r weiß ja, welch' eine große Rolle in der HI. Schrift die Zahl 7 spielt: von dem Schöpfungs- bericht bis zn der Siebenzahl der Sakramente und der Gaben des hl. Geistes. Auch in del modernen Gltederung des menschlichen Lebenslaufes treten Stebenzahrs-Gruppen hervor: nach zweimal sie- ben LÄbensiahren ist die Schulpflicht zu Ende, Nach wetteron fielen Lebensjochren kommt der wichtige Abschnitt der Mündigkeit und der Heeres»

4* Die Hinterblieberrenverficherrmg nach der Reichsverficherungs- ordnrrng.*)

Was die vorgeschlagenett Einzelbestimmungen der Hinterbliebenenversicherung in dem Entwurf einer Reichsversicherungsordnung angeht, so sei vor­her noch bemerkt, daß die Hineinarbeitung der Hinterbliebenenversicherung in die Javalidenver- sicherung als ein glücklicher Gedanke bezeichnet werden muß. Denn nur den unversorgten Hinterbliebenen soll eine Rente gewährt wer­den. Das sind aber alle Witwen und Walsen der Personen, die selbst Jnvalidenrentner waren, soweit sie nicht eine Hinter bliebenenrente auf Grund der Reichsgesetze über die Unfallversicherung beziehen.

Die Bezüge der Hinterbliebenen auf Grund der Hinterbliebenenversicherung bestehen in einer Witwen» (und Witwer-) Rente, einer Waisenrente sowie in einem Witwengeld und einer Waisen aus st euer. Witwenrente erhält nur die dauernd invalide Witwe nach dem Tode des versicherten Ehemannes. Kranken­rente erhält auch die nicht dauernd invalide Witwe, die während 26 Wochen krank gewesen ist, für die weitere Dauer der Krankheit. - Dies« Bestimmung ist auch der Invalidenversicherung an­gepaßt. Eine Witwerrente erhält ein Witwer nach dem Tode seiner Ehefiau, wenn diese den Ledertsunter- halt der Familie wegen Erwerbsunfähigkeit deS Ehe­mannes (Witwers) ganz oder überwiegend bestritten hat; die Rente wird aber nur bis zum Wegfall der Bedürftigkeit gezahlt. Unter den gleichen Bedingungen steht den hinterlassenen ehelichen unter 15 Jahre alten Kindern einer solchen Frau ein Anspruch aus Waisen­rente zu.

Im wetteren erhalten Waisenrente nach dem Tode des versicherten Vaters die hinterlaffenen ehe­lichen Kinder unter 15 Jahren. Sie wird gezahlt auch an die hinterlaffenen vaterlosen Kinder (also Vollwaisen) nach dem Tode einer versicherten weiblichen Person. Desgleichen erhalten Waisenrente die ehelichen Kinder unter 15 Jahren einer solchen verstorbenen versicherten weiblichen Person, deren Ehemann sich ohne gesetzlichen Grund von der häuslichen Gemeinschaft ferngepilten

*) Vergleiche Nr. 120.

pflicht. Den Anfang des Schulbesuches haben wir freilich auf den Beginn des siebenten Lebens­jahres herabgedrückt; vielleicht wäre es bester, die Kinder bis zum vollendeten siebenten Jahre in Lust und Licht sich frei ausleben oder vielmehr aufleben zu lassen. — In der Gliederung des einzelnen Jahres kehrt der Abschnitt von sieben Wochen mehrf«h wieder. Sieben Wochen vor Ostern ist Fastnacht (auch Ouinquagesima, d. h. der 50. Tag benannt), sieben Wochen nach Ostern Pfingsten. Die Frist zwischen Weihnachten und Fastnacht ist wegen der Beweglichkeit des Oster­festes von schwankender Länge, doch kommt sie durchschnittlich auch auf sieben Wochen. Das sind 21 Wochen; rechnen wir dazu noch 4 Advenrswo- chen, so haben wir 25 Wochen. Dazu noch 10 Tage von Pfingsten bis Fronleichnam, so ergibt sich die Hälfte von den 52 Jahreswochen. Und gerade in diese Jahreshälfte, die nunmehr ihrem Ende zugeht, fallen die drei höchsten Feste des Kirchen­jahres mit den eingestreuten Feiertagen. Die an­dere Hälfte des Jahres, in die wir jetzt bald ein- treten, ist viel spärlicher mit kirchlichen Festen be- dacht; aus Rücksicht auf die landwirtschaftlichen Arbeiten sind in manchen Ländern sommerliche Feiertage auf den nächsten Sonntag verlegt, hier zu Laiche sogar das hohe Fest der Himmelfahrt Mariä. — Wer guten Willens ist, braucht frei­lich bei allem Arbeiten das Beten doch nicht hintanzusetzen.

Schön ist die Sitte, zu Pfingsten die Häuser und die Geräte mit „Maien" zu zieren, mit grünen Birkenreisern oder sonstigen jungen Trie­ben. Damit holen wir einen Festschmuck nach, den uns Ostern das nördliche Klima noch verwehrt hat. Ostern fällt bei uns zu Lande für eine äußerliche Frühlingsfeier etwas zu früh. In der Regel sieht man zu Ostern mehr rote Glut im Ofen, als Grünzeug in den Gärten. Zu Pfingsten aber hat die Natur ihr schönes Frühlingsklrid entfaltet. Pfingsten pflegen dann auch die Leute, die hung- rig sind nach frischer Lust und Sonnenschein, ins

Diese Abfuhr ist gut und zeigt den ganzen SHvindel der Börsenpresse. Mit Unwahrheiten und Oberflächlichkeiten wird gegen den Beschluß der Kommission operiert. Die schon genannte „Voss. Ztg." meint 'noch:

„Wenn der Antrag Gesetz würde, so müßte das Reich zunächst einige sehr große Grundstücke kaufen und darin ein paar Tausend Rechenstuben mit etlichen 10 000 Kalkulatoren einrichten, die von jedem Wertpapier, das an der Börse gehandelt wird, den Kurs jedes Tages feststellen und den jährlichen Durchschnitt ermitteln. Nach diesem Durchschnitt ist dann die Abgabe zu bemessen."

In Frankreich, wo ganz die gleiche Steuer mif ganz demselben Erhebungsmodus bereits seit dem Jahre 1857, also seit reichlich einem halben Jahrhundert besteht, braucht man weder „Tau­sende von Rechnungsstuben noch etliche Zehntau. se'nde von Kalkulatoren", um die Jahre'sdurch- schnittskurse zu ermitteln und zu versteuern. Unk in Deutschland hat Herr Cälwer, wie die „D, Tagesztg." hervorhebt, längst das Kunststück fer­tig gebracht, der Oeffentlichkeit in jedem Monat die Durchschnittskurse des Vormonats von rund 50 Milliarden aller an der deutschen Börse ge­handelten Rentenpapiere und Aktien, extra be­rechnet, vorzulegen! Tausende von Bureaus und Zehntausende von Rechnern hat Herr Calwer da­zu nicht nötig. Er macht vielmehr die ganze Ar- beit für sich a l l e i n. Es könnte freilich bei der Schwerfälligkeit unserer Bureaukratie schon eintreten, daß diese 1000 Beamte für eine Arbeit fordert, die seither 1 Mann in Privatarbeit lei­stete; aber dann würde der Reichstag doch wohl der Regierung sagen, sie möge sich das Rezept der Berechnung vom Abg. Calwer geben lassen.

Wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 28. Mai 1909.

Das Kapitel „Reichsfinanzreform" bean­spruchte auch in dieser Woche wieder den größten Teil des Raumes der Zeitungen. Im Mittel- puntte ihrer Erörterungen stand das entschlossene und klare Vorgehen dec Konservativen, die mit einem Besitzsteuer-Antrage einen vollen Ersatz für die NachläUteuer bieten wollten und dabei eine erdrückende Mehrheit des Reichstages zusammen­gebracht haben. Würde Bülow hier zugreifen, dann wäre die heißumstrittene Frage einer be­friedigenden Reichsfinanzreform glänzend gelöst. Die Frage ist nur, ob ers tut, ob er diese Reform, bei der die Liberalen abseits stehen, annimmt, ob er den Mut findet, den Block preiszugeben. Die Linke erhebt schärfiten Widerspruch, die Han- delskammern werden mobil gemacht, und die Führer der Börse üben sich im Diplomatisieren. Fürst Bülow hält die Liberalen mit der Behaup­tung in guter Laune, daß die Verbündeten Re­gierungen die Erbschaftssteuer aufs Neue ein- bringen werden. Inzwischen ist mit der Anti- b'lock-Mehrheit das Wesentliche der Brausteuer ziemlich nach den Vorschlägen der Regierung an­genommen worden, während die Zigarren-Bande- role in der Versenkung verschwand.

Im Ab geord netenh a uso ist die Berg- gesetznovelle in dritter Lesung verabschiedet wor­den, und zwar unter Zustimmung sämtlicher Par­teien mit Ausnahme der beiden übrig gebliebe­nen sozialdemokratischen Stimmen. Weiter 'er­ledigte das Abgeordnetenhaus die Stentpelsteuer- Novelle und zwar in der Weise, daß das Steuer- drgrbnis nach der vom Abgeordnetenhaus borge- kchlagenen Fassung noch erheblicher ist, als das her Regierungsvorlage. Auch die Frage 8er be­vorstehenden Reorganisation der inneren preu­ßischen Verwaltung wurde gelegentlich kurz be­rührt. Die Regierung will nämlich die General­kommission in Bromberg aufheben, und die lau­fenden Geschäfte teils an die allgemeine Landes­verwaltung und an die Gerichte, teils an die Generalkommission in Breslau übertragen. Die Uebertragung dec Geschäfte an die allgemeine Landesverwaltung stellt, wie Frhr. v. Zedlitz be­merkte, den ersten Schritt zu der geplanten Ver- einfachung der preußischen Verwaltung dar; die­ser erste Schritt ist abgelehnt worden. Da darf man gespannt sein, inwiefern diese Ablehnung sich als böses Omen für die geplante Reform be­stätigen wird.

Das preußische Herrenhaus war eben­falls an der Arbeit und verabschiedete mit ge­wohnter Schnelle alles, was ihm das Abgeord­netenhaus vorgesetzt hat. Im Sturmschritt eilte man durch den Etat und zur Befriedigung der Beamten ist man in Beamten- und Lehrerbesol­dung den Abgeordnetenhausbeschlüssen beige­treten.

^n der auswärtigen Politik ist vor allem das Urteil des Haager Schiedsgerichts in der Streitsache wegen der Deserteure von Casa­blanca berufen. Der Schiedsspruch gibt so­wohl den deutschen Konsularbeamten als auch den fraitzösischen Militärbehörden in gewissen Punkten unrecht. Die beiden Regierungen wer­den nun gegenseitig ihr Bedauern über die von dem Schiedsgericht verurteilten Handlungen ihrer Organe auszitsprechen haben. Das Ende, vom Liede ist für die Franzosen doch etwas angeneh­mer als für uns. Denn die Franzosen dürfen die deutschen Deserteure behalten, die sie mit Ge-

lich die Schiller und die Gesellen in Bewegung setzte, wollen wir nicht weiter reden. Jedenfalls brauchen wir uns vor unfern Vorfahren nicht zu schämen, wenn wir von den modernen Wegen und den verbesserten Beförderungsmitteln einen ver­nünftigen Gebrauch machen. Die Sche'ltworte von der „feineren Landstreicherei" und der „Eisen- bahnvagabondage" usw. passen eben nur auf die unvernünftige Bummelei, die meist den rechten .Zweck des Naturgenusses und der Fortbildung aus dem Auge verliert und in Eitelkeit und Uebermut ausartet. Das beste Mittel gegen die Unmäßigkeit im Reisen ist die möglichst ausgie­bige Benutzung der F ü ß e. Die gesunden Bein- muskeln bilden die allertrefflichste Pneumatik. Die Fußwanderungen sollten wir mehr pflegen. Wenigstens sollte man an alle Eisenbahn- und Dampferfahrten (nächstens auch an die Luftfchiff- fahrten) Ausflüge auf Schusters Rappen knüpfen. Als weitere Tour empfiehlt sich z. B. gegen Ende August die Fahrt nach Breslau zum Katho­likentage.

Schließlich erinnert uns das Sprachen­wunder vom Pfingstfest an die modernen Be­strebungen, eine Weltsprache zu schaffen, welche die Schwierigkeiten der Verschiedenartigkeit der Volkssprachen beseitigen soll. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts nahm das Volapük einen gewaltigen Anlauf. Jetzt ist diese kunstvoll fabrizierte „Sprache" des fleißigen Pfarrers wie- der ganz ins Hintertreffen geraten, und der Held des Tages auf diesem Gebiet ist das Esperanto, eine aus dem Lateinischen abgeleitete Kunst­sprache. Als das Volapük auf der Höhe seines Ruhmes stand, habe ich nach meinen bescheidenen Kräften Wasser in den Wein der Begeisterung ge­gossen und meine Ansicht entwickelt, daß die Spra- cheN wie die Bäume wachsen müßten, aber nicht gezimmert werden könnten. Gegenüber dem neu- modischen Esperanto oder seinen etwaigen Nach­folgern beharre ich in denselben Zweifeln. Es läßt sich keine brauchbare Weltsprache fabrizieren.