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Fulda, Donnerstaq den 27. Mai 1909
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«scheint «glich mit Aurnahme der So m: Md Zeiering«, vierteljährlicher verngsprek rhne vringrrlohn und StfteSqeldinZuldasc,' X>it auswärts iSOfllt
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Gastes MlcltL.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 26. Mai 1909.
Der Gesetzentwurf betreffend die Aenderung .iniger Kreisgrenzen in den Provinzen Sachsen Old Ostpreußen und einiger Amlsgerichtsbezirke itttbe in erster und zweiter bezw. dritter Lesung an« enommen. Es folgte die dritte Beratung des
Stempelsteuergesetzes.
Es lagen dazu wieder zahlreiche Anträge or. Ein Antrag der Konservativen, des Zentrums md der Nationalliberalen- betraf eine anderweite Staffelung der Automatensteuer. Ein Antrag Schrned- ing (Ztr.) wünschte die Erhöhung der Fahrradsteuer uf 1,50 Mark, während für Räder von Arbeitern, Schülern und für zu gewerblichen Zwecken benutzte «wer auf 50 Psg. ermäßigt werden kann. Ein frei- inniger Antrag sprach sich für völlige Beseitigung der sahrradstener aus und forderte für den Fall der Genehmigung der Radfahrfteuer eine Reick)sstrmpelsteuer »u jährlich 30 Mark für jedes Reitpferd.
Abg. ». Kr'teS Ikons.): Dem Antrag des Zentrums atf eine Automatensteuer im Höchstbelrage von 30 M. tatt 20 M., stimmen wir zu. An der Fahrradstener -erden die Konservativen festhalten. Wir stimmen zunächst dem Antrag Schmedding auf Erhöhung der fahrradsteuer zu, sodann werden wir für eine all- temeine Steuer von 50 Pfg. eintreten. Die Behaup- ung, daß dir Fahrradsteuer Ersatz schaffen soll für »en abgelehnten Jagdstempel, ist unrichtig, vielmehr soll leben Ausfall decken,derdurchHeraussehmig der Minimal- axe von 300 auf 400 Mark beim Mielsstempel ent« teht. Daß die Fahrradbesteuerung zu vexatorischen Ziaßnahmen führen würde, glaube ich nach den dieser tage erfolgten Erklärungen der Regierung nicht. Diese iot vielmehr loyale Handhabung des Gesetzes zuge- tchert. Jedenfalls dürfen Radfahrer auf offener Straße nicht kontrolliert werden, ob sie ihr Rad verteuert haben oder nicht.
Abg. Waldstein (frf. Bgg.n Meiae politischen Freunde lehnen die Fahrradsteuer überhaupt ab, ,urch die nur der Mittelstand und die Arbeiterschaft Sreffen werden. Die Agrarier hab n bei diesem Gesuch wieder im richtigen Lichte gezeigt und durch itefe Steuer ihr Schuldkonto auss neue belastet. (Lebhafte Unruhe rechts. Zuruf des Abg. v. Pappenheim: Vas ist unerhört!) Heule sind die Kouservativen rote» ier in großer Anzahl hier erschienen, um schützend ihre Hand über diese ihre agrarische Kontrebande zu 5gen. (Erneute große Unruhe rechts.)
Finanzminister Frhr. v. Rheinbabei«: Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß sich wegen der paar Pfennige Fahrradsteuer ein solcher Widerstand erheben -ürde (Sehr richtig! rechte). Für den Jagdstemel ist rtirA die Erhöhung des Aklienstempels Ersatz gefunden worden. Für die Herabsetzung des Mietsstempels für gewerbliche Räume und Heraufsetzung der Minimal« zrenze von 300 auf 400 Mark bei dem Wohnungs- Aempel soll durch die Fahrkarten- und Automaten- 8euer Ersatz geschaffen werden. Den neuen nlrag, die Fahrräder mit 1,50 Lllark zu besteuern, Ann ich ni bt unbillig findeu. In Hessen z. B. roetb.n die Fahrräder mit 5 Mark besteuert. Jedenfalls bin ich der Meinung, daß kein Mensch in der Fabiradsteukr eine drückende Härte erblicken kann. Sie muß eben Deckung dielen für den Ausfall, der durch Vie Herabsetzung des Mietsstempels entsteht.
Abg Schiert (S.): Wenn Sie auch vor schreib en, daß tte Clever nur 50 Pfg. betragen soll bei Rädern, die zu gewerblichen Zwecken benutzt werden, die Arbeiter werden doch 1,50 Mark bezahlen müssen, denn die Regierung wird sagen: Sie brauchen das Rad nur, nm nach der Arbeit zu fahren, das ist kein gewerblicher Zweck. Die Rechte erklärt, sie lasse sich von ihren Grundsätzen nicht abbringen. Ihre Grundsätze (nach rechts) tennen wir, sie bestehen darin, daß Sie die Lasten, dir Sie tragen müßten, auf andere ab« wälzen!
Abg. Freiherr v. Richthofen (kons.s: Wir haben die Fahrradsteuer auch nicht in Hurraklimmuug angenommen, auch von uns waren manche dagegen.
Finanzminister Freiherr v. Rheinbaben: Gegenüber den hier laut gewordenen Zweifeln erkläre ich au?» drücklich, daß, wenn ein Arbeiter sein Rad zur Fahrt nach und von der Arbeitsstätte benutzt, dieses Rad selbstverständlich nur die ermäßigte Steuer trägt. Ebenso selbstverständlich ist es, daß sich an der Steuerermäßigung nichts ändert und der Arbeiter nicht etwa zu einer erhöhten Steuer herangezogen wird, wenn er daS Rad nebenher zu Bergnügungszwecken, zu Ausflügen ufw. benutzt.
Abg. Schmedding (Z.) betont, daß der nach ihm benannte Antrag keineswegs ein Zentrumsantrag fei. Der Antrag ist nur von einem Teil des Zentrums unterstützt worden. Eine große Belästigung für die Radfahrer wird der neue Stempel nicht bringen.
Abg. Brust (Z.) erliärt, er werde mit einem Teile des Zentrums gegen die Fahrradsteuer stimmen, auch wenn es sich hier um eine Steuer lediglich auf Lux ns- räder handelte, solange wenigstens, als nicht auch eine Stempelsteuer auf Luxuspferde. Equipagen ufm. erhoben wird. (Lebhafter Beifall links.)
In der Einzelbesprechung wird die Tarisposilion Automaten und Musikwerke mit dem Kompromißantrag König angenommen. Tarifstelle 32 (Bertrags- stempel) wird mit einem Antrag Waldstein (ftf. Bgg.), wonach Kommissionsnoten nicht steuerpflichtig fein sollen, angenommen.
Bei Tarifstelle 48 (Ingdstempel) spricht sich
Abg. Graf v. Spee (Z.) für die Herabsetzung der Steuer von 10 auf 6 Prozent aus, da die gemeinschaftlichen Jagden, die zu hohen Preisen verp.chtet würden, im großen und ganzen Eigentum klein-r Grundbesitzer seien. Bei
Tarifstelle 55 ,Radsahrsteuerkarten) wird in namentlicher Abstimmung mit dem Komprvmißantrag Schmedding (Z.) mit 126 gegen 107 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten die Linke und ein Teil des Zentrums.
Ein Antrag Gyßling (frf. Bp l, der eine Neititeuer fordert, wird nach längerer Debatte mit geringer Mehrheit abgelehnt.
Die folgenden Tarifstellen werden ohne Debatte gemäß den Beschlüssen zweiter Lesung angenommen.
Kleinere Vorlagen werden ohne grösiere Debatte angenommen, so der Gesetzentwurf betr. d e Nufhebuug der Gcncraltouimlssion für die Provinzen Westpreußen und Posen.
Die Interpellation Porsch (Z?< betr. die lieber« schiveminnng durch das bei der Probeabnahme der Taliperre an der Wölsel im Streife Habelschwrrdt abgelassene Wasser begründet
Abg. Geisler (Z.). Infolge der Neberfchwemmung bei der Probeabnahme habe sich der dorttaen Bevölkerung große Beunruhigung bemächtigt. Wie stehe es mit der Entschädigung der durch dir erwähnte Ueberschwenrmung Geschädigten V Welche Borketirungen will die Regierung treffen, damit den Besorgniffen der Anroohner wegen einer Wiederkehr solcher Schäden der Boden entzogen wird 's
Minister v. Arnim gibt Auskunft über die technische Konslrultton der Taliperre und erklärt weiter, die Sperrmauer fei entgegen den im Streife Habel- schroerdt umlaufenden Gerüchten durchaus rvasserdicht, es fei also keine Gefahr von der Beschaffenheit dieser Mauer zu befürchten.
Nach Erledigung mehrerer Wah'prüsungeu vertagt sich das Haus.
Donnerstag: Kleinere Vorlagen.
He r r e ii h o n S.
Sitzung vom -6. Mai 1909.
Das Herrenhaus verhandelte zunächst den Etat der Handels- und Gewerbeverroallung.
Dbetbürqermeifter Strnckman» - Hildesheim führt Beschwerde über den Noveurbcrerlaß des Handels- Ministers wegen der Festsetzung der Jnvalidenrentkn, durch den das Verfahren außerordentlich erschwert werde.
Handelsminister Delbrück: Wir waren zu dein Erlaß veranlaßt, weil die Vorstellung von Rentenempfängern ergeben hat, daß bis zu 50 Prozent nicht berechtigt waren, deshalb mußten schärfere Be- ftiinmungen getroffen werden. Neu ift in dem Erlaß nur, daß in zweifelhaften Fällen eine mündliche Erörterung statisindet lmd der Renlenantragstelier vor- gestellt wird. Da es aber Vorkommen kann, baß ein Antragsteller nicht vorgeführt zn werden braucht, weil ferne Erwcrb;un,ähigke<t feststeh!, bin ich gern bereit
in Erwägung zu ziehen, wie man nach dieser Seite hin den Erlab ändern kann.
v. Klitzing bespricht die Mißstände im Stellenvermittler- und Maklerwesen.
Handelsminister Delbrück: Ich bade mich mit bem Reichsamt des Innern über eine anderweite Regelung der Frage in Berbindung gesetzt und zwar im wesentlichen auf der Grundlage, daß erstens obrigkeitliche Taxen vorgeschrieben werden, 2) daß die Reglementierung auch auf die nicht gewerbsmäßigen Stellenvermittler ansgedehnt wird, und daß 3) die Konzession vom Nachweis des Bedürfnisses abhängig gemacht wird. So wird es möglich sein, die private Stellenvermittlung mit der Zeit aus das für den Verkehr unbedingt erforderliche Maß zurückzuschrauben.
Eine Reihe von kleinen Etats werden ohne Debatte erledigt. Beim Eisenbahnetat erklärte
Minister v. Breitenbach, die Gasbeleuchtung biete nach der Feststellung von Fachleuten feine besonderen Gefahren. S e habe auch das Herlisheimer Unglück nicht verursacht. In den Schlafwagen werde bereits elektrisches Licht eingeführt.
Oberbürgermeister Beiider-Breslatr bestritt einigen Rednern gegenüber, daß die vierte Wagenklasse zu luxuris ausgestattet sei.
Ter Ersenbahnelal wurde sodann genehmigt. — Ebenso wurden nach kirr er Debatte der Etat der Bauverivaltung und der Juftizetat erledigt.
Beim Ministerium des Innern fordert
Herr v. Piittkanier energisches Einschreiten gegen die sogen. NacktdarsteUangen. Durch Einführung von Gästen und Erlangung der Mitgliedschaft gegen Erlegung eines geringen Betrages werde der Begriff der Nichtöffentlichkeit illusorisch gemacht. Wenn es nötig wäre, müßte die Gesetzgebung entsprechend ergänzt werden.
Minister v. Moltke sägt, gegen die privaten Nacktlogen könne er leider nicht weiter vorgehen, als es dis jetzt geschehen sei. Er halte es für seine Pflicht, allem Schmutz und allen Perversitäten mit aller Entschiedenheit entgegeuzulrelen. -Beifall.)
Staatsminister Dr. v. Stndt bittet den Minister, auch den Schmutz in der Literatur und den obszönen Bildern scharf zu belämpsen. Es fei die höchste Zeit, mit aller Strenge gegen den Krebsschaden der Uusitt- lichkeit vorzugebeu. <Lebh. Bravo.)
Daraus wird der Etat im ganten endgültig mit dem Etatsgesetz angenommen; das Berggesetz geht an die Handelskommusion, ebenso die Köhlbrandvorla'e, das Stempelireuergesctz an die Finanzkomrnrssion.
Nächne Sitzung um den 20. Juni herum.
rt- Die Arn ruzpaiitik des Zeutrnmö.
Mit bet neuesten Wendung in Sachen der sieichsfitianzresorm beschäftigt sich Herr v. Zedlitz nn .Tag' (Nr. 121). Zunächst bemüht er sich, die Arbeiten der Kommission dadurch herunterzusetzen, saß er die Finanzpolitik des Zentrums verdächtigt. Herr v. Zedlitz führt aus:
Die Annahme des konservativen Besihsteuer-An- trages Richthosen zeige, daß konsequent gearbeitet werde, »wenigstens was die Drahtzieher an langt". Man werde Herrn Müller-Fulda wohl mit der Annahme nicht Unrecht tun, daß er die Hand stark im Spiele h at. Das Ziel sei offenbar, die Regierung, wenn sie demnächst im Plenum Stellung zu den Vorschlägen der Kommission zu nehmen gedenke, vor die vollendete Tatsache zu stellen, daß ihr eine sichere Mehrheit 500Mrll tonen Mehreinnahmen biete, wenn sie auf d e Erbansallsteuer und dre ent« scheidende Mitwirkung des Indien Flügels des Blocks verzichte. Ein lolches Ancrbieten würde anscheinend einen völligen Bruch utu der bisher von Zentrum verfolgten Finanzpolitik bedeuten. »Aber", so tahrt Herr v. Zedlrtz Sott, »man wird sich erinnern, daß, als fein erteil das Zentrum den Stengel'fchen Frnanzptan uerfiümme tr, es mit seinem Steuerbulett 180 Millionen Mehreinuahmeir in Aussicht stellte, iu Wirklichkeit aber noch »ich t die Hälfte lieferte. Jetzt blufft es offenbar mit den 200 Millionen Mark Mehreinnahme aus der Lex Richchosen. Seme geschickten und fachkundigen Finanzmänner wiffeu sicher nur zu gut, daß sich aus den Sieuerobjellen jener Lex bet einigermaßen vernünftiger Sachbehandlung auch tricht annähernd 200 Millionen herausschlagen lassen, also in Wirllich- teit sich em Fehlbetrag von mindestens der Hälfte ergeben wird, der dann dnrch Matrikular umlag e n
gedeckt werden müßte. Damit wäre denn wirklich die Uebeteinftimmung mit der traditionellen Finanzpolitik des Zentrums hergestellt. Man bietet anscheine nd vollständige Beseitigung der Finanznot des Reichs, läßt in Wirklichkeit aber einen Fehlbetrag von solcher Größe bestehen, daß Reich und Bundesstaaten nach wie vor unter der Fuchtel der herrschenden Partei des Reichstags verbleiben.'
Herr v. Zedlitz meint wohl, dem Zentrum gegenüber sei alles erlaubt und darum dürfe er eS auch in dieser unglaublichen Weise verdächtigen und ihm Motive unterschieden, von denen nie und nimmer die Rede sein kann. Das Zentrum ist von jeher auf das eifrigste bemüht gewesen, die Finanzen des Reichs auf eine sichere Grundlage zu stellen. Wie viel Anfeindungen hat es sich nicht gefallen laffen müssen, wenn es bestrebt war, die Ausgaben den Einnahmen anzupassen, indem es unentwegt an seinem Grundsatz festgehalten hat, neue Ausgaben nur daun zu bewilligen, wenn für ihre Deckung Sorge getragen wurde. Auf der anderen Seite hat es auch niemals s eine Hilfe versagt, wenn es galt, dem Reiche neue Einnahmequellen zu erschließen. Und es kann mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen, daß es hauptsächlich seiner Tätigkeit zu danken ist, wenn dem Reich ohne betontere Schwierigkeiten neue Steuerquellen erschlosien wurden.
Auch die Reichsfiuaiizreform würde nicht um einen Schritt gefördert sein, wenn nicht das Zentrum, statt untätig dem vergeblichen Mühen des Blocks zuzusehen, wozu es mehr als eine Ursache hätte, tätig an dem Zustandekommen der Reform mitgewirkt hätte. Und nicht aus Parleünterefse, wie Herr v. Zedlitz glauben machen will, sondern einzig unb allein im Interesse der Reichsfinanzen, hat das Zentrum von Anfang an seine Hand geboten, die Finanzreform zu einem erfolgreichen Ziele zu führen. Wir weisen daher die Verdächtigung des Herrn v. Zedlitz mit aller Eulschietenheit zurück.
Tas- ter Abg. Müller-Fulda sich mit besonderem Eifer an den Arbeiten der Finanzkom- Mlisiou beteiligt, ist schon richtig. Er wird das auch wohl weiter tun. Wenn er seine Mitarbeit etustellen wollte, so hätte das für das Schicksal der Finünzrcfcrm jedenfalls eine ganz andere Be- deutung, als wenn jetzt die Liberalen sich schmollend abseits stellen. Herr Müller-Fulda wird als das sachkundigste Mitglied der Kommission von allen Parteien anerkannt und hat an den bisherigen positiven Erfolgen sicherlich mehr beigetragen als manches andere Mitglied, das seinen Namen in den 'Vordergrund zu drängen versteht.
Die in den letzten Tagen sich so auffallend häufenden Angriffe auf das Zentrum zeigen übrigens, daß das .ausgeschaltete" Zentrum heute mehr im' Mittelpunkte des politischen Parteigetriebes steht als vielleicht jemals zur Zeit seiner „ausschlaggebenden" Stellung.
Deutsches Reich.
** Beilin, 26. Mai 1809. Der Kaiser wohnte am Mittwoch militärischen Uebungen auf dem Bornstedter Felde bei Potsdam bei. — Der B un- desrat hat in seiner gestrigen Sitzung dem Entwurf eines Gesetzes gegen den u n l a ut e r e n Wett- b ew erb in der vom Reichstag beschloffenen Fassung die Zustimmung erteilt.
s. Tie Steuerkommission des Reichstages teriet am Mittwoch die Tabaksteuer in zweiter Lesung weiter. Nach den Beschlüssen der ersten Lesung sollte bekanntlich ein Wertzollzuschlag von 30 Proz. des Wettes (Ertrag 30 Millionen Mark) eingesührt werden. Die Konservativen regten, weil die Regierung seinerzeit 77 Mill. Mark Ertrag verlangt hatte, ein Zollzuschlug bis zu 50 Proz. an. Die Regierung stellte fest.
Im Sonne des WeimnijU
114s Aus dem Engtischen von K. o. Raesfeld.
„Ich hoffe,. man wird mich nicht lange mehr leben laffen," sagte sie leise, „ich bin des Lebens müde."
„Ist es Ihr Wunsch, sich als dieses Mordes schuldig anzugeben?" fragte Lord Wayne ergriffen.
„Ja. Sie werden besser wissen, wie ich, was Seshalü zu tun ist," erwiderte sie, „ich möchte nur. es wäre alles vorüber, und ich wäre tot."
Nach diesen wenigen Worten sprach sie nicht mehr. Still und regungslos saß sie da, unter- -es Lord Wayne in aller Eile Herrn Sinclair holen ließ. Es wurde Lord Wayne schwer, ganz Xnb gar das Gefühl des Triumphes über den sich |p schlau dünkenden Geheimpolizisten diesmal zu Unterdrücken.
„Ich sagte Ihnen doch stets. Sie waren aus der falschen Spur, Herr Sinclair," sagte er stolz, als Werner seinen Bericht geendet: „aber Sie wollten mir nicht glauben. Ich sollte dach meinen. Denn jemand auch Nur etwas gefunden Menschen- derstand hätte, so hätte er einen derartigen Mißgriff, wie Sie ihn begangen, nicht gemacht. Lady Kague hätte ebensogut des Diebstahls wie eines Mordes angeklagt werden können."
\ „Nun, nun, Mylord," unterbrach Herr Sin- klair und biß sich auf die Lippen, „der Schern Dar doch sehr stark gegen sie."
i „Ein geschickter Detektiv, meine ich, läßt sich nicht vom Scheine leiten," sagte Lord Wayne scharf. „Ich wenigstens werde nie etwas auf der«
, artige Wahrscheinlichkeiten geben."
„Ich auch nicht," dachte Herr Sinclair; ,chatte «h doch schwören können, daß Mylady schulest fei."
Er war keineswegs boshaft und freute sich Deshalb im Grunde genommen auch, daß es an- Vers gekommen: aber der Umftaiü», daß er mit
seinem berufsmäßigen Instinkt daneben gegriffen, machte ihn nicht gerade liebenswürdiger gegen seine junge Gefangene.
„Wer erhebt diese Anklage gegen Sie?" fragte er.
„Niemand, ich bezichtige mich selbst," war die Erwiderung, und sie wiederholte ihm jede der uns bekannten Einzelheiten des blutigen Dramas.
„Sie scheinen sich nicht davor zu fürchten, schuldig befunden zu werden," bemerkte Herr Sinclair am Schlüsse.
„Nein, ich möchte nur sterben, nicht leben", erwiderte sie.
„Der Wunsch wird Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach erfüllt werden können, Sie haben den richtigen. Weg dafür eingeschlagen. Nur zu denken", ,chaß der Revolver in Creek's Teich war, ungefähr das einzige Gewäffer, das wir nicht durchsucht haben."
Es war nicht schwierig, das gerichtliche Versah. ren gegen Betsy Fenton einzuleiten. Die Mordwaffe wurde an der Stelle gefunden, die sie bezeichnet hatte, die Leute, die ihn ihr verkauft hatten, erkannten ihn wieder und bestätigten ihre Angaben, der Beweggrund der Tat war leicht verständlich — Eifersucht und Rache.
Ebensowenig SOvierigketten bereitete es, Lady Waynes Freilassung zu bewirken. Lord Wayne bestand darauf, daß Werner selbst die Kunde von ihrer Befreiung und Schuldlosigkeit überbringen solle.
„Es ist alles Dein Werk," sagte er tiefgerührt. „Du hast den Faden aus diesem unentwirrbar scheinenden Labyrinth gefunden, hast die Frau, die ich Gattin und Du Mutter nennst, vor unaussprechlicher Schmach und ErniHrigung gerettet, hast sie in Wichrheit und Wirklichkeit vom Lode errettet!"
Und zur Belohnung dafür sollte Werner als Erster ihr verkünden dürfen, daß das anscheinend j unwiderstehliche Beweismaterial gegen sie amtlich falsch sei, daß die wirftiche Schuldige ge- ünden, und daß sie frei sei. Wachrlich, keinq
bessere, feine größere Belohnung hätte er sich wünschen können.
Wie 'M, ihm weinend um den Hals fiel, wie sie ihn segnete wie sie ihm dankte, das alles läßt sich besser denken, als beschreiben.
„Ach, wenn ich bedenke, daß Du, mein Sohn, mich retten solltest!" rief sie ein über das andere Mal. „Du, den ich so viele Jahre lang als tot betrauert habe!" —
Herr Sinclair stand im Borzimmer und machte ein sehr verlegenes und beschämtes Gesicht, als er ehrerbietig bei Seite trat, um Lady Wayne vorbei zu lassen.
„Ich bitte sehr um Entschuldigung, Mylady/ sagte er; „es war ein berufsmäßiger Irrtum."
„Hoffentlich nehmen Sie sich eine gute Lehre daraus," erwiderte sie „im übrigen haben Sie Ihre Pflicht getan — dafür kann ich niemanden tadeln."--
Diesen selben Abend verbrachte Lady Wayne nneber in ihrem prächtigen Heim in Gesellschaft ihres Gemahls und ihres Sohnes- Betsy Fenton brachte ibn schon in der Gefängniszelle zu.
Sie sprachen viel sicher sie, sowohl vor, tote nach dem Verhöre. Sie war so jung, ihre Schönheit so wild, ihr ganzes Wesen so eigentümlich, ungezähmt und ursprünglich, und dabei war ihre Liebe zum Leben so ganz und gar geschwunden, ihr Verlangen nach dem Tode so groß und stark. „Jack ist totl" Das schien ihr Grund genug, sich auch den Tod zu wünschen.
Die Verhandlung gegen Betsy Fenton wegen des vorsätzlichen Mordes an Jack Jefferis erregte im ganzen Lande Aufsehen. Es war wie ein merkwürdiger, wilder Roman — es fehlte an keinem der Elemente zu einer großen Tragödie. Das Einzige, was das große Publikum nicht verstand, war, wie nur Lady Wayne daran beteiligt war, warum man sie für schuldig gehalten, und was sie ntft Kack Jefferies zu tun gehabt hatte. Cs geschah im übrigen alles, was sich tun ließ, um dre unglückliche Beffy zu reiten. Der erste Advokat des Landes, interessiert von ihrer wilden, dunklen ro
mantischen Schönheit und ihrer trüben Geschichte, übernahm ihre Verteidigung. Ihre Unschuld beweisen zu wollen, war nutzlos — dafür war keine Aussicht vorhanden, ihr Schüidbekenntnis roar zu offen und deutlich gewesen. Er tat also, was manche klugen Leute unter solchen Umständest tun, er stellte sie als geistesgestört hin.
Es fanden sich Nachbarn in Menge, die beeidigen konnten, daß sie immer ganz anders gewesen, wie andere Leute — wild, hitzig, rachsüchtig. Wieder andere beeidigten mancherlei Einzelheiten über ihre Mutter, die „tolle Zigeunerin," und daß die Tochter einer solchen Halbwilden nortoen- big anders sein müsse, wie normale Menschen. Vielleicht auch rührten ihre Jugend, ihre gebrochene Schönheit, ihre Verzweiflung sowohl 9kich» ter, wie Geschworene; der Richter wenigstens resümierte nach den Plaidoyers sichtlich zu ihren Gunsten, und die Geschworenen erklärten, sie für geistig gestört. Geistesgestört allerdings, wenn Eifersucht, wenn glühender Haß, toeatn wildes Verlangen nach Roche, wenn vollständige Gleich- gültigeit gegen das Leben anderer geffttge Störung genannt werden kann.
Urteil: Lebenslänglicher Kerker. Alles toar damit einverstanden. Niemand konnte sich denken, das Mädchen sei ganz bei Sinnen, und wenn es wirklich jemand dacht«, so sagte man doch nichts, was ein Mädchen von Neunzehn auf's Schaffst hätte bringen können.
Ttznn das Blutgerüst ginste ihr rot und schrecklich entgegen. Bedauerte sie es? Wäre sie lieber gestorben, als in das düstere Gefängnis eingetreten, dessen Schwelle sie nie wieder überschreiten sollte? Bedauerte sie es, daß sie ihr eigenes Leben hingegeben, um das einer Unschuldigen zu retten? Bedauerte sie es überhaupt, daß sie jenem mörderischen Verlangen nach Rache nach- gegeben hatte? — Wer weiß? Von dem Augenblick an, wo das schwere Kerkertor sich hinter ihr schloß, verschwindet sie von den Blättern unserer Geschichte, wie sie der lebenden Mitwelt ringsum entschwand.