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Rotalionrdruckunt Verlag der Fuldaer Ak- üendruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. y.

36. Jahrqanq

Fulda, Mittwoch den 26. Mai 1909

M 118

Erstes Matt

** Der neue Besitzsteuerantrag.

Der konservative Besitzsteuerantrag zieht das mobile Kapital scharf heran. Das verleitet die liberale Presse, die Vertreterin des Großkapitals, noch immer zu heftigen Angriffen gegen die Mehr- heit der Finanzkommission und ihre „Rauvritter- politik". Die „Berl. Reuest. Nachr." bezeichnen den Antrag als „Rekord eines Monstrums" von Gesetz. „Selbst ein so erfahrener Abgeordneter", schreibt das Blatt, „wie Herr v. Richihofen hat nicht gezögert, durch seine Unterschrift unter einen so sinnlosen Antrag seinen g u t e n R u f als ver­ständiger Parlamentarier aufs Spiel zu

fitzsteuer nach Art der im „Anträge Richthofen" vorgeschlagenen eine Mehrheit vereinigen kann. Heber die Einzelheiten läßt sich ja reden. Die An­tragsteller selbst sind wohl nicht der Meinung, daß sie ein vollkommen hieb- und stichfestes Gesetz aus­gearbeitet haben. Das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Wir haben immer wieder betont, daß es Sache der Regierung ist, Ersatzvorlagen aus­zuarbeiten, sobald sich herausstellt, daß eine Mehr­heit für die ursprünglichen Vorlagen nicht zu ge­winnen ist.

setzen" Und der nationalliber^Z „Hannöv. Cour", der sonst immerhin auf guten Ton haft reitet böse gegen die „Hurramehrheit" ins Zeug die in der Finanzkommission dem konser- vattven Antrag zum Siege verhalfen hat.

Der Antrag v. Rtchthofen hat nicht mehr Wert als da» selige .Besitzsteuerkompromiß" -Makulatur- wert. Aber er übt, da die Minderheit mtt ihm über­rumpelt und vergewaltigt worden ist, eine auf- rettende Wirkung aus, während jenes Kompromiß m seiner Lächerlichkett die Gemüter nur beruhigte. ... Die Hurwastimmunq der Konservativ-Klerikalen führt nicht zur baldigen Lösung, sondern zum baldigen Krach. Wenn erst die Scherben unrettbar am Boden liegen, werden manche Leute kommen und sagen: „Das haben wir nicht gewollt!", und werden beginnen, der Linken die Schuld zuzuschieben. Darum sagen wir es heute schon mtt aller Bestimmtheit-. Die Hurratakttk der neuen Mehrhett wird uns zunächst in eine« ungeheuren Wirrwarr hineinführen und dann in den kleri­kalen S umpf!

Das ist nun 'einmal so: Wenn die liberalen Seelchen nicht mehr aus noch ein wissen, txm'n muß der Zentrums-Wau-Wau herhalten — und der hat bei kleinen Geistern noch nie versagt.

Bekanntlich umfaßt der Antrag Richt- Hofen zwei Vorschläge: 1. Die Einführung einer Umsatzsteuer auf Immobilien von Va Proz. des Verkaufswertes für das Reich, unter gleichzeitiger reichsgesetzlicher Bestimmung, daß die Einzelstäaten und Gemeinden nicht mehr als 2 Prozent der gleichen Umsatzsteuer erheben dürfen. Damit soll verbunden werden eine W e rt- zuwachs st euer auf Grundstücke von 10 bis 25 Prozent, zu erheben durch die Gemeinden und mit erheblicher Beteiligung der Gemeinden. 2. Eine Besteuerung des mobilen ^Kapitals in Gestalt einer Abgabe auf Wertpapiere nach ftan- zöfischem Muster (Kotierungssteuer). Diese Steuer soll betragen 1 vom Tausend des Kurs­wertes des vergangenen Jahres bei Rentenpapie- ren, 2 vom Tausend bei den im Kassahandel um­gehenden, 3 vom Tausend bei Ultimopapieren. Bei ausländischen Papieren tritt eine Erhöhung dieser Sätze ein. Ferner soll 'her Umsatzstempel erhöht werden. Diese Abgabe soll durch den Aus­steller bei Gelegenheit der Zahlung der Kupons, Dividenden usw. erhoben werden.

Hauptsächlich richten sich die Angriffe gegen die K o t i e r u n g s st e u 'e r, die man als un­mögliches Monstrum abtun möchte. Sie wird „int Erwerbsleben wahre Verheerungen anrich- ten", sagt die „Voss. Ztg. Sie ist „nicht annehm- bar und nicht durchführbar", sagt die Frkf. Ztg." Wir haben demgegenüber bereits darauf hingst wiesen, daß diese Steuer in Frankreich seit langen Jahren besteht, schon seit über 50 Jahren und sie hat dort im vorigen Jahre nicht weniger als 92 Millionen Franks geliefert. Dabei geht der konservative Antrag viel schonender vor, als das französische Gesetz. Man sieht nicht ein, war­um in Deutschland nicht möglich sein soll, was in Frankreich seit Jahrzehnten möglich ist. Nun kommen die liberalen Gegner mit der Einrede, daß die Pariser Börse die Abschaffung dieser Steuer wünsche. Ja, das glauben wir schon; aber die französische Regierung hat sich ablehnend verhalten, obwohl sie wiederholt BörsenmänNer in ihrer Mitte hatte. Diese Steuer ist schon deshalb sehr gut, weil sie hohe Erttägnisse abwirft, ohne daß man Beamte braucht. Mau schätzt den Er- ttag aus den Papieren auf 83 Millionen Mark mit der Besteuerung der Reichs- und Staats­papiere auf rund 100 Millionen Mark. Der Um- satzstempel gibt nach genauen Berechnungen 60 Millionen, die Wertzuwachssteuer 23—30 Mil­lionen, so daß nahezu 200 Millionen auf diese Weise geholt werden können. Und alles müssen die heute Lebenden bezahlen, nicht erst die Erben.

Die Abstimmungen in der Finanzkommiffion haben den Beweis erbracht, daß sich auf eine Be­

vor meinem Vater zu verbergen; ich habe ihm schon gesagt, daß ich Jack Jefferies erschossen, und er weiß auch, daß ich jetzt nach London gehe, um Leben mit Leben zu bezahlen."

79. Kapitel.

Herr Sinclair im Unrech».

Endlich, endlich in London! Werner wußte tatsächlich Nicht, was er zunächst tun, wohin er sich wenden sollte; et war ungewiß, welchen Weg er in dieser Angelegenheit als richtig einzuschlagen hatte. Endlich entschloß er sich, direkt zu Lord Waynes Stadt-Wohnung zu geben, da alle Aus­sicht vorhanden, daß er Mylord dort antreffen würde.

Der Wagen- hielt vor dem großen stattlichen Tore. Der öffnende Diener war nicht wenig überrascht, als er Mr. Jefferies und bei ihm eine Tvme in der Kutsche erblickte. Werner fragte sofort ungestüm nach Lord Wayne.

„Mylord ist zu Hause," versetzte der Mann, ,nber er ist vollständig in Anspruch genommen und empfängt niemanden."

„Er wird mich empfangen," sagte Werner, „wenn Sie ihm tagen, daß ich hier bin und Reuig- leiten mitgebracht habe."

Als et jedoch nach Ablauf einiger Minuten in die Bibliothek gewiesen wurde, wo Lord Wayne allein und brütend saß, erkannte Werner ihn kaum Wieden.

Das hübsche vornehme Gesicht trug den Stem­pel tiefster Verzweiflung; tiefe, dunkle Ringe lagen um die Augen und kündeten von schlaflo­sen kummervoll durchwachten Rächten; das an­mutige feine, gewandte Wesen, das ihn immer ausgezeichnet, wat einer unbeschreiblichen Nieder­geschlagenheit und Müdigkeit gewichen.

Er sah auf, als Werner in'8 Zimmer trat, aber kein Lächeln kam in seine verstörten Züge.

„Ich habe gute Neuigkeiten für Sie, Lord Wayne," begann Werner. „Lady Waynes guter Name ist gerettet!"

113jAus dem Englischen von K. v. Raesfeld'

Es kann keinerlei Schwierigkeit haben, meine Schuld zu beweisen," fuhr sie mit einem schwa­lchen, bitteren Lächeln fort. kaufte d-m Re­volver bei Baileys in der Querstraße in Elton !ich weiß noch, sie lachten darüber, daß ich die Nasse kaufte. Als. er seinem Zweck gedient, toarf .ich ihn in einen Teich nahe bet Kennlnghall uh glaube, Creek's Teich nennen ihn die Leutt da fe—; er wird sich dort finden lassen und kann no- Kgenfalls Zeugnis gegen mich ablegen

„Ich bemühte mich also nach Möglichkeit, alles Ju erlauschen, was er zu der Dame sagte. Iw auschte aufs Angesttengteste, wagte mich so nahe 'aus dem Dickicht heran, als es nut eben möglich Wr ohne daß ich im Hellen Monducht gesehen ’tourfce; dennoch konnte ich nicht verstehen, was sie sagten, bis schließlich die Unterhaltung lauter wurde, die Dame unfing zu stöhnen imd zu na­gen und endlich Jack Jefferies, der Mann, der mir die Ehe versprochen, der Manu, der mein Herz gewonnen, der Mann, den ich lieble, laut sagte — so daß ich ihn hören mußte, — er wüßte 'näh nicht, ob er jetzt in seiner ganz besonderen Stellung mich noch zu seiner Magd gut genug finden würde. . „ „

„Diese Worte brachten muh von Sinnen vor Wut, üb zielte, feuerte und sah ihn regungs- sind lautlos zu Lady Waynes Füßen hmsturzen. Wenn sie daran gedacht hätte, nach der Richtung tzu sehen, woher der Schuß gefallen, so hätte sie mich finden müssen, wenn sie daran gedacht hatte, Lärm zu schlagen, hätte ich entdeckt werden müs- len — aber von meinem Versteck im Dickicht aus sah ich im fahlen Mond'lichte, daß sie vor Grau­sen und Entsetzen ganz außer sich war und an gar Nichts weiter dachte. Außer einer hastigen und Unwillkürlichen Bewegung, wobei die Zweige ra­schelten, rührte ich mich denn auch nicht. Ich sah, jvie sie neben dem Toten niederkniete, seinen

Kopf emporhob und ihn wieder sinken lieh, mit einem Schrei, der wie eine Anklage zum Himmel durch die Stille der Frühlingsnacht zu bringen schien, dann floh sie davon, aber nicht bevor ich gesehen, daß ihre Weißen Hände und ihr kostbares Kleid mit Blut befleckt waren. ES war mir einer­lei, ob man mich fand ober nicht. Als sie fort war, kroch ich aus meinem Versteck hervor und ging dahin, wo mein toter Liebster lag.

„Weh! das erkaltende Gesicht, die kalten Lip­pen, die halbgeschlossenen, gebrochenen Augen! Weh mir! mein verlorener, toter, hingemordeter Liebster 1 Ich warf mich neben ihn auf die Erde, lag dort einige Stunden lang und sagte Leben und Sieben und Glück Lebewohl auf immer. In bei kurzen Stunden dort habe ich Jahre durch- lebt.

„Niemand kam und sah nach, was vorgefallen; niemand schien au chnur das Mindeste gehört zu haben. Die kurze Nacht schwand dahin; die Sterne verglommen; es dämmerte am Himmel, und noch hatte niemand etwas von dem Toten entdeckt.

„Die Vögel fingen an zu fingen, die Blumen öffneten sich, noch immer kam niemand. Ich er­hob mich, küßte sein totes, kaltes Gesicht, warf den letzten Blick auf ihn, bann stahl ich mich im küh­len Morgengrauen durch den Wald davon.

„Richt der mindeste Verdacht fiel auf mich, ich wurde nicht bemerkt; doch den Platz konnte ich nicht verlassen. Ich wußte, daß man ihn zu dem Hause des Försters getragen hatte, und ich trieb mich in dessen Nähe umher. Ich faß auch seine Mutter und die Polizisten, die eine so außerordentliche Entdeckung gemacht zu haben glauben.

„Dann erfuhr ich, daß alles Lady Wayne zur Last gelegt würde, und der Gedanke, daß sie dafür büßen solle, gefiel mir. Jetzt, wo ich alles in an­derem Lichte sehe, gefällt er mir nicht mehr. Ich mag nicht mehr leben! Das Leben ohne Jack hat keinen Reiz, keinen Inhalt mehr für mich. Lieber möchte ich tot sein, als noch weiter so leben. Ich habe keinen Versuch gemacht, mein Geheimnis

Herrenha«».

Sitzung vom 26. Mai 1909.

Das Herrenhaus nahm den Gesetzentwurf Über den Bergwerksbetrieb ausländischer juristi- scher Personen und den Geschästsbettieb außer» preußischer Gewerkschaften in der Fassung deS Ab­geordnetenhauses an und setzte die Beratung des Etats beim Etat der landwirtschaftlichen Verwaltung fort. ES lagen dazu mehrere Petitionen vor, die n- a. die innere Kolonisation in Ostpreußen und Pommern, die Oedland »Aufforstung betrafen. Nach langen Aus­einandersetzungen wurden sie angenommen. Mehrere Oberbürgermeister führten Klage darüber, daß die Re­gierung gegenüber den Wünschen der Stadt in Wald­sragen rigoros handele. Ferner wurde Ausbauung des Meliorationswesens gewünscht, sowie ungeschmälerte Erhaltung des GrunewaldS. ‘

Ohne wettere Debatte wurden kleinere EtatS be­willigt. Beim Etat der AnfiedlungSkommission warnte

Oberbürgermeister Wilms-Posen vor allzu günstigem Urteil über die Wirkung des Enteignungsgesetzes. Er meinte auch, gegen die Ansiedlung deutscher Katholiken würden erhebliche Bedenken vorliegen, wenn diese sich mit den Polen gegen die übrigen deutschen Patteien in ein WahlbündnÄ einlaffen würden.

Oberbürgermeister EhlerS-Danzig erklärte sich als Gegner des Enteignungsgesetzes. Im übrigen habe er das Gefühl, daß in der Germantsierung zuviel Lärm gemacht rotrb. Man brauche nicht jeden Sonntag die schwarz-weiß-rote Fahne zu schwenken mit dem Ruf: Hier wird germanisiett! Auch hlerimHause sollte man die Angelegenheit nicht so ergiebig besprechen.

Mittwoch: Wetterberatung.

berogesetz wäre dem Zentrum auch lieber gewesen, deshalb aber hab« es doch geglaubt, auf diese landes­gesetzliche Regelung nicht verzichten zu sollen. Die sozialdemokratische Preffe ruft unS Verrat an den Arbeitern vor, well wir die Rechte nicht zwängen, ein arbeiterfreundliches Berggesetz zu bewilligen. Erzwingen läßt sich bei der Rechten nicht-, aus dem Holze sind die Konservativen nicht geschnitzt. Man kann wohl durch verständig« Kompromißverhandlungen bet ihnen etwaS erreichen, wie daS ja auch hier geschehen ist. Wenn die Vorlage nicht so wirken sollte, wie sie wirken kann, so wird daS allein der sozialdemokratischen Verhetzung zuzuschreiben sein. DaS Gesetz ist, man sage waS man wolle, ein Markstein in der Geschichte unserer Berggesetzgebung, und wenn die Grundlage, die es uns gibt, auch noch ziemlich primttiv ist, so ist sie doch eben eine Grundlage zum Wetterbauen. (Bei­fall.)

Handelsminister Delbrück: Für mich ist das Gesetz durch die Kompromißanträge nicht verbessett worden; aber in der Polittk muß man das Gute nehmen, wo es sich darbietet. ES liegt in dem Gesetz doch ein pollttscher Erfolg. Ich hoffe aber auch, daß alle Par­teien ebenso wie die Regierung bestrebt sein werden, das Gesetz loyal durchzuführen.

Hierauf wird die Besprechung geschlossen. Bei der Einzelbesprechung kommt eS zu keiner erheblichen De­batte. Di« einzelnen Paragraphen werden mit ver­schiedenen AbänderungSanttägen, im übrigen ent­sprechend den Beschlüssen der zweiten Lesung, ange­nommen. Bei der Gesamtabstimmung wird das ganze Gesetz gegen die beiden sozialdemokratischen Stimmen angenommen. t

Mittwoch: Dritte Beratung der Stempelsteuer­novelle, dritte Beratung deS Eifenbahnanleihegesetzes und kleinere Vorlagen.

„Es ist zu spät, als baß irgend etwas den gu­ten Namen der Waynes noch retten könnte; eS gibt keine Zeitung in London, die nicht irgend eine wahre ober falsche Mitteilung über dieseSache enthält. Ich bin bei jedem Advokaten von Ruf hier gewesen, aber keiner gjiht mir auch nur bie geringste Hoffnung, meine Gemahlin von die­ser Anklage entlasten zu können."

„Sie wirb entlastet werden, und Mir vollstän­dig; denn ich habe die Person, die die Tat began­gen hat, hier bei mir, hier im Hause!"

Lord Wayne sprang empor.

,Zst's wahr? Kann's wahr sein? O, Gott sei gelobt und gepriesen! Die Person, die dir Tat begangen? Wer ist-? Sagen Sie mir's schnell — schnell — ich kann die Ungewißheit schlecht ertragen."

„Es ist ein junges Mädchen — um die Jack Jefferies gefreit, der er bie Ehe versprochen und die 'er dann verlassen hat. Sie müssen Mitleid mit ihr haben, Lord Wayne; sie ist so sehr jung und liebte ihn so sehr, daß sie, glaube ich, fast den Verstand verloren hat, als er sie verließ."

„Nein, nein, ich kann ihr das Unrecht, das sie auf mich und bie Meinen hat kommen lassen, nie verzeihen. Wo ist sie? Lassen Sie mich sie sehen."

Werner öffnete die Tür des Vorzimmers, wo Betsy mittlerweile gewartet hatte.

Doch kein Wort des Vorwurfes kam über Lord Wayne's Lippen, als er das totblasse, starre, bet- zweifelte Gesicht sah, dessen Jugendlichkeit und wilde Schönheit den Kontrast nur erhöhte.

Sie sah auf und ihm in's Auge, als er da» Zimmer betrat.

„Ich habe Jack Jefferies erschossen!" sagte sie einfach.

«Armes Kind," murmelte er vor sich hin; „ar­mes, unglückliches Kind! Don Liebe zur Verzweif­lung, von Verzweiflung zu Raserei urK Mord ge­trieben!"

(Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

. ** Berlin, 25. Mai 1909. Der Kaiser begab sich am Dienstag früh im Automobil nach Döberitz, wo von 7 Uhr ab ein Exerzieren der zweiten Gardeinfanterie-Brigade abgehalten wurde. Auf dem Döberitzer Truppenübungsplatz sind auch am Dienstag die Militärluftschiffe dem Kaiser vorgeführt worden. „Groß II" und „Parseval II" machten größere Experimente, die durchaus zufriedenstellend gelangen. Dem Reichstag ist eine Denkschrift über die Wirkung der Dienstaltersstufen auf die Besoldung-- verhältniffe der mittleren Beamten und der Unterbeamten der Reichspost- und Tele­graphenverwaltung zugegangen. Die Be­amten würden zweifellos lieber sehen, daß ihnen wie den preußischen Beamten endlich ihre Ge­haltserhöhung bewilligt würde.

8. In der Steuerkommission des Reichs­tages wurde am Dienstag die Brausteuer zu Ende beraten. Es lagen dazu wieder eine ganz unübersehbare Reihe von Abänderungsanträgen vor, in denen auch der Gedanke einer Kontingen­tierung der Brauquantums auftauchte. Man stellte im § 6 den ersten Absatz nach der Re­gierungsvorlage wieder her. Danach sind bei den ersten 250 Doppelzentner Braustoffs 14 Mark, bei den folgenden 1250 15 Mark, bei den folgenden 1500 Mk. 16 Mk., bei den folgenden 2000 Mk. 18 Mk. und bei dem Rest 20 Mark zu erheben. Entsprechend einem ZentrumSan- trage soll für die vor dem 1. Oktober 1908 be­triebsfähigen hergerichteten Brauereien, die weniger als 150 Doppelzentner Malz verarbeiten, die Steuer bei der ersten 150 Dop­pelzentner pro Jahr auf 8 Mark ermäßigt werden. Abg. Frhr. o. Gamp brachte dann einen Antrag ein, der eine Art Kontingentierung einführen sollte; die Ablehnung war aber bei den meisten Parteien derart deutlich, daß der Antragsteller seinen Antrag wieder zurückzog. Schließlich wurden noch die beiden Resolutionen zu dem Gesetz angenommen, worin die Regierungen ersucht werden, eine Erleichterung der Bedingungen für Gewährung der Steuerfreiheit eintreten zu lassen und gleichzeitig mit der Verabschiedung des vorliegenden Gesetzes das Gesetz über die Be­zeichnung desRaumgehalteS der Schankgefäße dahin abzuändern, daß auch noch Schankgefäße zugelassen werden, bei denen vom halben Liter abwärts der Soll-Inhalt für Stufen von 20 Teilen des Liters bestimmt wird. — Bei der darauffolgenden Beratung der Tabaksteuer wurde die Zigarrenbanderolensteuer gegen die Konservativen, Reichspartei und den Abg. Böhme .(wirtschaft!. Vgg.) auch in der zweiten Lesung ab gelehnt. Auf Antrag des Abg. Gröber wurde hierauf in der Generaldebatte über die Frage der Wettsteuer oder Gewichts- steuer eingetreten und nach Befürwortung eines

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 25. Mai 1909.

,, Auf der Tagesordnung steht zunächst .ein Anttag Zedlitz und Id erhoff (frt) auf Annahme eines Gesetz­entwurfs bett, den Anschluß der Lehrer und Lehrer- innen an nichtstaatlichen Mittelschulen an die Alters - »ulageklasie der BolkSschnllehrer jur zweiten Beratung. Der Gesetzentwurf wird nach kurzer Debatte an­genommen, ebenso eine nationalliberale Resolution auf eine Vorlegung der mit diesem Gesetz gemachten Erfahrungen.

ES folgt die Fortsetzung der zweiten Beratung der Stempelsteuernovelle.

Der zwette Teil be3 § U bett. Besteuerung der außerpreußischen Urkunden bei Verwendung im In- and wurde gestrichen. Zu 85 (Persönliche Stempel­teuerbefreiungen) wurde auf Antrag des Zen- rnms der Zusatz angenommen, daß gewiffe Gesell- chafttn, die unbemittelten Familien gesunde Woh- tttngen verschaffen wollen, die nachgelassene Steuer nachzuzahlen haben, wenn der gemeinnützige sweck fottgesallen ist. Ferner wurde ein Antrag fünfter (Ztt.)-Richthosen (kons.) angenommen, wonach ,ei der Fahrradstempelsteuer für die in Be­nutzung befindlichen Räder der Antrag auf Erteilung per Karte bis 1. Dltober 1909 unter Zahlung der .Stempelsteuer von 50 Psg. zu stellen ist und für im Gebrauch befindliche Automaten der Antrag für bie Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember im Juli 1909. f Der Rest des Gesetzes wird ohne erhebliche Aende- tung angenommen.

ES folgt die zweite Beratung des Eisenbahnanleihegesetzes.

Abg. Schmedding (Ztt.) wünscht anstelle der bis­herigen Gasbeleuchtung in den Eisenbahnwagen ein 'anderes Beleuchtungssystem, damit Unglücksfälle Wie bei Herlisheim vermieden würden.

Minister v. Brettenbach verliest eine Erklärung, in der die Absicht bekundet wird, die notwendigen Bau­ausführungen, namentlich der zweiten Gleise, vorzn- pehmen, auch ohne daß das Gesetz erledigt ist, nm die günstige Bauzett des laufenden Jahres tunlichst aus- 'junutzen.

v Das Gesetz wird hieraus angenommen.

Es folgt die dritte Beratung des Berggesetzes.

Hierzu liegt eine ganze Reihe von Anträgen vor.

Aba. Hirsch (natl.) begründete mehrere Kompronuß- Änttäge, nach denen die Wahl der Sicherheits- 'm&nnet ich Steigerabteilungen erfolgen soll. Ans Antrag L Werkbesttzers soll das Oberbergamt ge- sAehmigen tonnen, daß die Wahl nach Fahrabteilungen Erfolgen kann.

V Abg. Jmbusch (Zentt.): Meine Partei stimmt trotz schwerer Bedenken dem Gesetze zu, um zu verhüten, daß noch schlechtere Bestimmungen in die Vorlage hineingebracht werden. Die besteRegelung der ganzen Mater?« erblicken wir in einem Reichsberggesetz. Die Ansicht der Grubenbesitzer, daß durch dieses Gesetz die Bergindustrie schweren Schaden leiden würde, ver­mag ich nicht zu teilen.

' Mbg. ». Gescher (kons.) erklärt, daß auch seine Partei der Ansicht fei, daß für Leben und Gesundheit des Bergmanns nicht genug getan werden könne, und sie werde den Wünschen der Arbeiter soweit entgegen» Ammen, wie dies mit den Jntereffen der deutschen Bergindustrie zu vereinbaren sei.

Abg. Barster (freit.) wünscht, daß zu Sicherheits­männern nur ruhige besonnene Männer gewählt werden.

Abg. Träger (freif. Bp.) spricht sich für ein Reichs­berggesetz aus, verlangt, daß des ArbetterS persönliche und politische Freiheit nicht angetastet werden dürfe /und meint, die in Arbeitgeberkreisen ausgestellte Be­hauptung, daß christliche und sozialdemokratische Ge­werkschaften in einen Topf zu werfen seien, sei ein etwas sonderbarer Begriff. .... m , ..

Abg. Seinert (Soz.) bedauert, daß bei dem Gesetz die Frechett der Wahl nicht beffer gesichert fei, daß .überhaupt das ganze Gesetz die Arbeiter nicht be- kiebigen könne.

V Abg. GieSbertS (Ztt.) wendet sich gegen den Abg. geteert. Die Vorlage bringe eine Besserung. Ein Reichs-