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36. Jahrgang
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Fulda, Samstag den 22. Mai 1909.
Zweites Mcrtt.
wochen-Nun-schau.
[:] Fulda, 21 Mai 1909.
... Der Kaiser ist aus feinen Frühjahrsfecien km Mittelmeer sofort wieder in die höchste Politik j eingetreten. Der Besuch in Brindisi beim König von Italien war eine ruhige, aber würdige Einleitung zu der glänzenden Zusammenkunft zwischen Kaiser Franz Joseph und Kaiser Wilhelmin Wien. Ein so ungesuchter Tön der Begeisterung, gleichmäßig bei der Bevölkerung wie in dem offiziellen Reden, wird schwerlich je vorher da gewesen sein. Man fühlte, wie die DanK>arkeit des Herzens den Bundesgenossen auf der Zunge lag. Auch das Ausland konnte sich diesem Eindruck nicht entziehen; vollends nach dem Tepeschenwechsel zwischen den Dreibund- mvnarchen war nicht nur die italienische, sondern auch die französische Presse überzeugt, daß man hier vor der Tatsache einer neuen Befestigung des Dreibundes stehe.
Weniger rosig findet der Kaiser die Zustände in der inneren Politik. Es wird fortgewur- M e 11. Da Fürst Bülow Nicht ein noch aus weiß, ist es für ihn immer schon ein Erfolg, daß der Reichstag sich bis zum 15. Juni vertagt hat. Zeit gewonnen, alles gewonnen. Man erwartet, daß einige Tage vor dem Wiederzusammentritt des Reichstages die indirekten Ersatz st euern ein- gebracht- werden. Wohlgemerkt: nur die indirekten Lückenbüßer. Die längst in Aussicht gestellte Erbanfallsteuer sowie die sonstigen „Ersatzsteuern" auf dem direkten Gebiete erwartet man noch nicht zu dem Termin vor Mitte Juni; dafür soll den „Verbündeten Regierungen" noch eine weitere Frist von acht Tagen gewährt werden. Immer, langsam voran! Und wenn nun "ich diese Weise ein schöner Sommermonat nm üte Ecke gebracht ist, so steht das Werk oer Finanzreform vermutlich im ganzen auf demselben Fleck wie heute. Die am Mittwoch wieder aufgenommenen Erörterungen über das Besitz-Kom- dromiß und Verwandtes sind über das Stadium Der Erörterung noch nicht hinaüsgekommen. Und schließlich darf man im Zeitalter des Blockes auch Beschlüsse nicht allzusehr überschätzen. Zweimal hat die Kommission bereits Beschlüsse gefaßt, die nachher niemand mehr ernst Nahm. In den letzten Tagen ging es in der Kommission sehr bunt her. Da wurde dies besprochen und bann wird das besprochen, und darauf über ein Drittes ab- gestimmt. Oft wird aber auch gar nicht abgestimmt, was wunder, daß unter solchen Verhält- nisien Herr, Paasche den Vorsitz in dec Kommission, gründlich satt kriegte. Er wollte über etwas abstimmen lassen, worauf andere etwas anderes zur Abstimmung präsentierten. Darauf kamen Drifte und sagten: nein, laßt uns doch über diese Sache (das war wieder eine andere) abstimmen. Nein, sagte Herr Paasche, nun tue ich es überhaupt nicht, und legte seinen Vorsitz nieder. Es wurde darauf ein neuer Vorsitzender gewählt und zwar der Konservative Frhr. v. Richthofen. Besprochen wurden in der Kommission: die Banderolensteuer, die Regelung der vom Reiche für die Träger der Unfallversicherung vorschußweise zu zahlenden Entschädigungen ttiib die Fahrkartensteuer. Letztere hat nicht übel Aussicht, auch auf dre vierte Klasse ausgedehnt zu werden.
DaS Plenum des Reichstags hat inzwischen einige Sitzungen abgehalten, in denen über die Berner Uebereinkunft zum Schutze von Werren der Literatur und Kunst, über das Vrehseu- chengesetz, über das Bankgesetz und über den unlauter» Wettbewerb verhandelt wurde. Als in
teressanter Avischenfall sei die Einladung erwähnt, die Graf Zeppelin den Mitgliedern des Reichstages zugehen ließ, mit ihm eine Luftschifffahrt zu unternehmen.
Im Abgeordnetenhause hat man die dritte Etatslesung zu Ende geführt, und zwar ohne bedeutendere Zwischenfälle. Dann hat man einige dritte Lesungen erledigt, um zur zweiten Beratung eines politisch höchst bedeutsamen Gegenstandes, der Berggesetznovelle, überzugehen. Tas Zentrum ist bekanntlich, ebenso wie die Parteien der Linken, der Ansicht, daß die Regelung des Bergrechts Angelegenheit des Reiches sein müsse. Wenn es sich also sehr lebhaft an der Beratung der Berggesetznovelle beteiligt, so soll das nicht den Verzicht dieser grundsätzlichen Forderung in sich schließen. Was die Berggesetznovelle selbst angeht, so hat die Kommission die Regie- rungsporlage ganz erheblich verffchlechtert, und die in sozialer Hinsicht fortgeschrittenen Parteien, wie vor allem das Zentrum, bemühen sich, leider zum größten Teil vergeblich, dem Gesetz ein etwas arbeiterfrqund'lichgreS Gesicht zurückzugeben.
Der Poststreik in Frankreich liegt in den letzten Zügen. Es ist Clemenceau und den Maßnahmen der Kammermehrheit gelungen, die an und für sich schlecht organisierte Bewegung im Keime zu ersticken. Auch die „öffentliche Meinung" schlug sich auf Clemenceaus Seite. Nun aber glimmt das Feuer unter der Asche weiter, nachdem die Sozialdemokratie sich der Sache bemächtigt hat. Ein Generalstreik ist verkündet worden, er will sich aber nicht recht entwickeln. Man muß aber in Rechnung ziehen, daß in Frankreich eine überaus starke revolutionäre Stimmung herrscht.
England gerät, wie mit Schrecken konstatiert werden muß, immer mehr in das Fahrwasser der Deutschenhasser. Sie sonst so nüchternen Söhne Albions, die so gut zu rechnen und zu kalkulieren vermögen, lassen sich einschüchtern durch eine geradezu kindische Hetze einiger Sensationsmacher gegen Deutschland. Die allertollsten, ja direkt widersinnige Geschichten werden kolportiert und gern geglaubt. Zum Ueberfluß gesellen sich den englischen SpÄktakelmachern nun auch Amerikaner zu, denen sehr viel daran liegt, die beiden Länder gegeneinander zu verhetzen. Der Kern der deutsch-englischen Schwierigkeiten liegt nämlich — jenseits des -Ozeans. Englands schlimmster Konkurrent auf dem Weltmärkte ist Nicht Deutschland, sondern Amerika. Die gesamten Rüstungen der englischen Regierung früherer Jabrzehnie waren offensichtlich gegen Amerika gerichtet. Darum hat man eine Zeit lang in den Vereinigten Staaten diese Verbitterung der deutsch-englischen Beziehungen und die starken Rüstungen Englands mit Grausen gesehen. Aber jetzt, da man glaubt, daß eine friedliche Lösung dieser Erregung auf die Dauer nicht sicher sei, kehrt man den Spies um und hofft nun, durch kräftige Anteilnahme an der beiderseitigen Verhetzung die „Lösung" der englischen Frage für Amerika den — deutschen Kriegsschiffen „anber- trauen" zu können. Wenn Deutschland und England sich in die Haare geraten, wird Unkle Sam, der biedere, mit den Händen in den Hosentaschen dabeistehen und sich freuen, wenn Deutschland der enalischen Flotte möglichsten Abbruch tut. Vielleicht freilich gehts den Engländern gerade so gut wie es — neulid) den Amerikanern ging, als die Engländer ihnen im Stillen Ozean die kleinen verwegenen „Japs", die englischen Verbündeten, wegen der Einwanderungsstreitigkeiten auf den Hals zu hetzen suchten. Merkwürdig, daß die sonst so klugen Engländer dieses Spiel nicht durchschauen und allen möglichen amerikanischen Stimmen in der Hetze gegen Deutschland das Wort berftatten.
In Rußland ist General (Stöffel, der zum Tode verurteilte Verteidiger Port Arthurs, nach langem Hangen und Bangen endlich doch noch vom Zaren begnadigt worden. Von der russischen Mi- nisterkrisis hört man nichts mehr; sie wird wohl eiulchlafen und Iswolski int Amte bleiben.
In der TÜrkei hat die Fortdauer der Christenmetzeleien sowohl den Franzosen wie den Rus- fen Anlaß gegeben, ihre alten Ansprüche wegen des Schutzes der Christen im Orient zu erheben, obwohl dies? Ansprüche völkerrechtlich nicht begründet sind. Da sich aber niemand um das Schicksal mohammedanischen Fanatismus kümmert, werden die Mächte wohl ein Auge Andrücken, wenn den Türken klar gemacht wird, daß es endlich Zeit wird, Ordnung zu schaffen. Mit dieser „Ordnung" sieht es aber schlecht aus.
△ Unsere Freunde in Rußland.
Als der für Oesterreich so erfreuliche Ausgang der Orientkrisis in England und Rußland so wenig angenehm berührte, konnte man zahlreiche deutsche und österreichische Stimmen hören, die gewissermaßen um das Wohlwollen der Russen buhlten.
Das offiziöse „Wiener Fremdenblatt" betonte immer wieder die „freundlich zuvorkommende Haltung"Rußlands in der Krisis, und nach feinen Ausführungen hätte jemand, der die Entwickelung der Krisis nicht selber verfolgt hatte, glauben können, daß die glückliche Lösung nur der friedliebenden russischen Politik zu verdanken gewesen wäret Achnlich sprachen sich deutsche offiziöse Blätter aus. Es wurde gemunkelt, daß in der russischen Politik ein überraschender Umschwung bevorstände, der die ganze internationale Lage umwerfen würde.
Alles das ließ darauf schließen, daß hinter dem deutsch-österreichischen Liebeswerben um die russische Freundschaft noch etwas anderes steckte. Wie, wenn Rußland von der englisch-französischen auf die deutsch-österreichische Seite gezogen würde? In Persien besteht ein offenkundiger russisch-englischer Gegensatz und England war es seinerzeit, das am hartnäckigsten an dem Verbot der Dardanellendurchfahrt der ruf* sischen Schwarzemeerflotte festhielt. Die Russen wollten in die persischen Wirren eingreifen, und die Engländer sträubten sich dagegen bis zum Aeußersten. Denn sie sahen ein, daß bei einem gemeinsamen Eingreifen Rußland infolge seiner viel günstigeren geographischen Sage die erste Macht in Persien sein würde. Die englische Regie- rung schwankte lange Zeit, schließlich hat sie sich doch zum Nachgeben gegenüber russischen Jnttr- ventionsgelüsten bestimmen lassen. Darin liegt nun ein gewisser Erfolg der russischen Politik, der geeignet ist, die Russen zum entschiedenen Festhalten an dec englischen Freund» schäft zu bewegen. In der Tat hat das deutsch- österreichische Liebeswerben um Rußland keinen Erfolg gehabt, weswegen es schließlich auch verstummt ist.
Mess Erfahrungen aus der jüngsten Vergangenheit sollte man im Auge behalten, wenn man die Haltung der russischen öffentlichen Meinung gegenüber der Zusammenkunft der beiden Treibundkaiser beurteilen will. Sie ist ungünstig wie die englische, zeichnet sich aber in der Aenßerung vor dieser durch den rüden Ton und durch chre giftige Gehässigkeit aus. Sicher, wer sich eine genügend große Auswahl russischer Pretzstimmen versorgen kann, der kommt zu der Uebeczeugung, daß man selten in Rußland solche Orgien im Deutschenhaß gefeiert bat, wie jetzt. Bei dem jüngsten Besuch ruthenischer Gäste in Petersburg schilderte der konservative Dumaabgeordnete Bobrinski das Zurück
drängen der Rüthenen in Oesterreich durch die Deutschen, und dabei beulte die Zuhörerschaft vor Wut. Bei derselben Gelegenheit wurde auch unter allgemeiner Begeisterung beschlossen, dis 15vjährige Erinnerung an biet Einnahme von Berlin ganz besonbers festlich zu begehen. In dem festlichen Empfang Kaiser Wilhelms in Wien sehen die Russen bie Feier eines Sieges des Germanismus über den Slovismus. Da man bie Machtstellung des Dreibundes anerkennen muß, so begnügt man sich damit, über die inneren Angelegenheiten des Dreibundes loszuziehen. Der Dreibund bestehe zwischen einem Ritter, einem Waffenträger und einem 'Pagen. Deutschlands sei der Ritter, und alles, was sein Waffenträger, Oesterreich, und sein Page, Italien, gewönnen, das käme schließlich dem Ritter zugute. Zumal Italien profitiere nichts vom Dreibunde, es habe von ihm soviel, wie ein Hund vom fünften Bein,
Deutsches Retch-
X Als künftiger preußischer Kultusminister wird, wie schon öfters, der gegenwärtige Han« delsminister v. Delbrück genannt. Dr. Del« brück selbst erklärte noch kürzlich, ihm sei nicht- davon bekannt, daß er Kultusminister werden sollte. Auch jetzt läßt er wieder erklären, daß an dieser „sinnlosen Ente" kein Wort wahr sei.
£ Eine schnurrige Entdeckung hat angesichts der zerfahrenen innerpolitischen Lage ein all«', deutsches" Blatt gemacht. Es orakelt über den „Grimm des enttäuschten Zentrums". Ach du' lieber Himmel, wie könnten wir angesichts dieser, unglaublichen Rat- und Hilflosigkeit der Blockleute in „Grimm" geraten? Nur Mitleid, meine Herren; der Menschheit ganzer Jammer packt uns an.
)( Die vier Berliner sozialdemokratischen Ab« geordneten im preußischen Abgeordnetenhauses sind zwar am Mittwoch an die Luft gesetzt toor-’ den. Aber mit einiger Bestimmtheit kann matt’ sagen, daß sie mit Ausnahme des be—rühmten „Zehngebote"-Hoffmann im Herbste wiüderkehreu werden. Tie Agitationszeit für den Berliner Freisinn ist zu ungünstig; mit ihrer schwankenden Haltung in der Finanzreform- und Wahlrechtsfrage können die Herren nicht viel Staat machens und der Berliner Bürger läßt sich durch die Angst«' meieret vor dem sozialdemokratischen Zukunfts« ftaate nicht aus seiner phlegmatischen Ruhe bringen. Einsiweilen haben nun die „Genossen^ Ströbel und Leinert allein ihre Partei im Abge, ordnetenhause zu bet treten. Da aber ba5 Hau) sich bald bis zum Herbste vertagen wird, so wird ihnen die Aufgabe nicht schwer gemacht. Außerdem wird ihnen nach Pfingsten Liebknecht, der bi- dahin aus seiner Festungshaft entlassen sein wird, zu Hilfe kommen.
ns. Der 5. Allgemeine Kongreß der Kran« kenkafsen Deutschland« beschäftigte sich am Mitt«, woch nach einem Referate des Abg. GiesbertS« M.-GIadbach (Ztr.) mit der Jnvalidenver« sicherung in der Reichsversicherungsordnung,' Abg. GiesbertS wandte sich zunächst scharf gegen die Behauptung, daß die Arbeiter ihren Einfluß in den Aemtern bei der sozial« Versicherung mißbraucht hätten. Wer das behaupte, müffi auch Beweise dafür erbringen; jedenfalls sei bei einer Regelung, wie sie die neue Reform vor«' schlage, nicht minder ein Mißbrauch durch kam« munale Verwaltung zu befürchten. Zur Jnva« lidenversicherung verlangte Redner insbesondere eine Vermehrung der Klassen unter Zufügung höherer Klassen, und eine Ausdehnung aus weiters Kreise. Zum Schluß beschäftigte sich die Tagung'
Im Banne SeS ßeheimmB- iHOj AuS dem Englischen von K. v. Raesfeld- 76, Kapitel.
Auf der Spur.
Werner lüstete den Hut und sah scharf und Itnbcrtoanbt in das leichenblasse Gesicht vor ihm.
„Und Sie sind Miß Fenton. Ich habe heute erfahren. Miß Fenton, in welchem Verhältnis Sie zu meinem armen toten Bruder gestanden Haben. Ich habe mir gedacht, es sei vielleicht au- vebrachl, wenn ich Sie einmal besuchte, beim sein Hob ist mir, ist allen ein großes Rätsel."
„Sie sagen bie Wahrheit nicht", versetzte sie brüsk i „Sie sind in ganz anderer Absicht berge- kommen; was ist's?"
Er sah sie unverwandt an unb las Furcht in /ihren Zügen.
In dem Augenblick — er konnte sich nicht er- (Karen, !Mrum, wodurch ihm der Gedanke kam, .weshalb er ihm so blitzartig durch den Kopf schoß >— als er sie ansah, als er bas blasse Gesicht, die foUbcn, scheuen Augen bemerkte, kam ihm bie Veberzeugung, daß sie es sei, die Jack gemordet, ßb niemand anders. Aber wie sollte er bas vcisen?
„Wir sind in großer Sorge", sagte er einfach. ^Haben Sie gehört, wie gefährlich krank JaFs ntmc Mutter barnieberliegt?"
„Nein", erwiderte sie finster und ttotzig, „kein Morl." M _
i „Es war etwas ganz Fürchterliches", fuhr er langsam fort, „ein entsetzlicher Schlag für uns Wie. Wer hätte geglaubt, baß ein so leichtherziger, harmloser Mensch wie Jack einen so tätlichen Feind hatte?"
„Er war kein harmloser Mensch; er war ein ‘■gemeiner, schleichender, falscher Schurke I"
„Still, still — nicht solche Worte! Er ist tot.
Ich — ich dachte, Sie hätten ihn geliebt, Miß Fenton."
„Geliebt! Geekelt hab' ich mich vor ihm!" versetzte sie wild. „Er war falsch, verräterisch, heimtückisch, er war ein einziger Haufen Selbstsucht!"
„Er ist tot", sagte Werner leise und kummervoll; „schonen Sie ihn."
„Es ist nicht in meiner Macht, ihn zu schonen", gab sie zurück; „wenn das aber der Fall märe, würbe ich ihn sicher nicht schonen."
„Er hat Sie doch geliebt, nicht wahr?" fragte Werner ernst.
„Nein! betrogen und hintergangen hat er mich!" versetzte sie. Ihr Gesicht rötete sich, ihre Augen sprühten Feuer. „Und ich habe Zigeunerblut in den Adern; Zigeuner verzeihen eine Beleidigung niemals; sie vergeben einem Feinde nie."
, Wollen Sie mir nicht sagen, wie Jack Sie betrogen hat?" fragte er.
Sie sah ihn plötzlich argwöhnisch an.
„Nein! Habe ich gesagt, er hätte mich betrogen? Dar geht Sie übrigens nichts an! Ich er- zähle niemandem meine Geheimnisse; sie find bei mir am besten verwahrt. Wenn er mich betrogen hat, so geht das nur ihn und mich an; Dritte brauchen nichts davon zu wißen."
„Ich wiederhole", sagte Werner, „sein Tod ist mir und allen ein großes Rätsel. Darf ich mich einen Augenblick hier setzen, Miß Fenton, und Ihnen mitteilen, welche verhängnisvollen, welche sthrecklichen Folgen sich daran geknüpft haben?"
Sie erhob keinerlei Einwendung, und beide ließen sich auf einer Rasenbank in der Nähe nieder.
„Ich habe manches von Kummer und Elend gelesen", begann er langsam, „nie aber von solchem Kummer, von si>lchern Gram, wie er augenblicklich auf Kenninghall herrscht."
Er sah ein fahlrotes Licht in ihren nachtschwar- ze.i Augen bei der Erwähnung des Namens Ken- r.inghall.
Dann lachte sie; ein bitteres, verächtliches Lachen. „Ihr Bruder war aristokratisch geworden", sagte sie höhnisch; „er hatte sich in die feinen Damen auf Kenninghall verliebt. Eine von ihnen — eine junge und mit goldenen Haaren — liebte ihn ja wohl; nicht?"
„Nein ,nein", erwiderte Werner ernst, „kein Mensch auf Kenninghall hat sich um ihn gekümmert; das war ein vollständiger Irrtum. Soll ich Ihnen sagen, was wirklich auf Kenninghall vorgefallen ist?"
„Ja", erwiderte sie müde; „wenn es wirklich noch Wahrheit auf der Welt gibt, so möchte ich wohl etwas davon hören."
„Auf Kenninghall lebt eine ebele, vornehme, hochverchrte und schöne Dame. In ihrer Jugend hatte sie sehr viel Unglück und Leid, soviel, daß, wenn Sie ihre Geschichte kännten. Sie sie aus's tieffte bemitleiden würden. Sie verheiratete sich heimlich, ohne daß ihre Verwandten oder Freunde eine Ahnung davon hatten. Sie hatte manche bittere Kümmernisse infolgedessen. Jack Jefferies nun fand — wie ich leider sagen muß — vermittelst List und Trug einen Schlüssel zu diesem Geheimnisse,"
„Geheimnis; jawohl", sagte sie müde; „er sagte mir, es würde ihm ein Vermögen einbrin- gen."
„Dar hat eS auch getan, aber er war nicht zufrieden damit. Von einer unglücklichen Dame hatte er tatsächlich tausend Pfund pro Jahr bekommen, unter der Bedingung, über daS Geheimnis zu schweigen."
Wieder die fliegende Röte über ihr Gesicht und der fahlrote Blitz auS ihren Augen.
„Davon hat er mir nie auch nur ein Wort gesagt", sagte sie finster. „Er versprach mir, wenn
er das Vermögen bekäme, wollte er mich betraten,, und ich sollte Toiletten und Juwelen, Wagen und Pferde haben. Er hat mir nicht einmal gesagt, daß er das Geld bekommen hätte."
„Er war nicht zuftieden", fuhr Werner ernst und leise fort. „Von der einen Schwester bekam er dies Versprechen von jährlich tausend Pfund von der anderen verlangte er etwas noch Kostbareres ,die Hand ihrer einzigen Tochter, eine- jungen und schönen Mädchens, die aber schon verlobt war und deren ganzes Herz ihrem Bräutigam gehört."
„Und sie machte sich nichts aus ihm? Ich glaubte, sie hätte ihn auch geliebt."
„Nein, nein; sie verachtete ihn, — ich kann sagen, verachtete ihn ganz und gar. Nun sehen Sie, wie schrecklich das Netz ist, das Tücke und Zufall um diese Dame gewoben, Hack Jefferies schrieb ihr, er könnte ihr Geheimnis und wenn sie es bewahrt wißen wolle, muffe sie ihn um zehn Uhr abends an einer bestimmten Stelle treffen. Sie können sich denken, wie unangenehm das der Dame. — Lady Wahne, war. Sie ging aber doch hin, und als sie dort war, drohte er ihr, wenn sie ihm nicht verspräche,-daß er ihre Toch- ter bekommen solle, würde er ihr Geheimnis jedermann verraten."
Betsy Fenton lachte, ein bitteres, höhnisches Lachen, das ihm das Blut in Wallung brachte.
„Vornehme Damen sollten keine Geheimnisse haben", sagte sie spottend; „es ist sehr unanae« nehm für sie."
Werner zwang seine Entrüstung nieder. Nur Geduld konnte ihm hier helfen.
, „Hören Sie weiter. Sie weigerte sich end rüstet; und während sie noch mit ihm spracht wurde er vor ihren Augen erfchossen — fiel fo- fort tot hin! Denken Sie sich dies Gräßliche — ohne Gnade, ohne Barmherzigkeit, in einem Augenblick gesund, im nächsten tot, — ermordet!"
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