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M 115.

Fulda, Samstaq den 22. Mai 1909;

36. Jahrqanq.

Krrstes Wt'crLt

im eigenen Interesse, wenn sie für die Privatschulen Opfer bringen, die ihnen einen großen Bruchteil der Schülerinnen abnehmen, also ihnen mehr Ausgaben er­sparen.

Die Besprechung schließt. Der Antrag Gyßliug geht an die Unterrichtskommission.

Das Haus vertagt sich. Samstag: Zweite Lesung der Etempelsteuergesetznovelle.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 21. Mai 1909.

Am Ministertisch Handelsminister Delbrück. Der Gesetzentwurf betr. die Schulversäumniss» im Gebiet des vormaligen Herzogtums Nassau wurde in dritter Lesung ohne Debatte erledigt. Hierauf Fort­setzung der zweiten Lesung der

Berggesetznovelle.

Abg. Dr. Röchling (ntl.) spricht sich im Namen seiner Parteifreunde gegen die Anträge aus. Seine politischen Freunde seien keine Feinde der Sozialpolitik überhaupt, sondern wehrten sich nur gegen die Sprung­haftigkeit unserer Sozialpolitik. Dann wendet sich Red­ner gegen die christlichen Gewerkschaften und meint, es roäie ein recht billiges Vergnügen, auf anderer Leute Rosten Sozialpolitik zu treiben.

Abg. Granowski (Z.): Deutschland und Preußen treiben keine sprungweise Sozialpolitik. Wenn wir Sozialpolitik treiben, so schließt das für uns auch den Schutz für Leben, Gesundheit und Sittlichkeit der Ar­beiter in sich. Im wetteren polemisiert Redner gegen den Abg. Beumer (ntl.), der den krassen Standpunkt der Arbeitgeber des „Herr im Hause sein" vertrete. Wenn Herr Beumer im Jahre 1903 bei den damaligen Reichstagswahlen in einer Wahlversammlung nicht laut genug versichern konnte, wie ost er für die deutsche Arbeiterschaft gebetet habe, so möchte ich ihn bitten, auch jetzt mit derselben Inbrunst für die Arbeitgeber zu beten, damit diese etwas freiheitlichere Gesinnungen bekommen. (Schallende Heilerkett.) Den Borwurf, daß die christlichen Gewerkschaften den Klassenkampf schüren; muß ich mit aller Entjchiedenhett zurückweisen, und ich bitte die Arbeitgeberschaft, auch unsere Organlsationeu anzuerkennen.

In der Abstimmung werden sämtliche Abänderungs­anträge abgelehnt, der Paragraph unverändert an­genommen.

Nach § 80 fe erfolgt durch die Sicherhettsmäuner für die Belegschaft unter Tage die Wahl der Mitglie­der des Arbeiterausschusses. Der Paragraph wurde mit einem Antrag Wolff-Lissa (frs. Vgg.) angenommen, wonach die Wahl unmittelbar und geheim sein soll. \ § 80 fg regelt die Beteiligung der Arbeiter an der

Grubenkontrolle. Die Sicherheitsmänner sind befugt, ihre Steigerabteilung einmal im Monat zu be­fahren. Auf Verlangen der Sicherheitsmänner können noch wettere Befahrungen erfolgen, wenn die Berg- 'verwaltung nicht Einspruch erhebt. Anträge des Zentrums, der Polen und der Sozialdemokraten ver­langen Ausdehnung der Grubenkontrolle. Der § wurde unter Ablehnung aller Abänderungsanträge in der Rommisstonssassung angenommen.

§ SOfo enthält die Gründe für die Kündigung der Sicherheitsmänner, Der Paragraph wurde nach kurzer Erörterung in der Kommisstonsfaflung ange­nommen. Die Abänderungsanträge des Zentrums, der Polen und Sozialdemokraten, wonach zur Kündigung nicht Gründe Veranlassung geben dürfen, die mit der Ausübung des Amtes als SicherheitSmaiin nicht zu­sammenhängen, wurden abgelehnt.

Abg. Flesch (frs. Bp.) begründete feinen Antrag auf Einfügung eines § 80 f p, wonach den Werkbesitzern untersagt fein soll, die Bestimmungen über die Sicher- heiismänner und die Arbeiterausschüffe zum Nachleit der Arbeiter durch Vertrag auszuschließen oder die Arbeiter in der Uebernahme oder Ausübung von Ehrenämtern zn beschränken.

Der Antrag wurde nach kurzer Erörterung ab»

Herrenhaus.

Sitzung vom 21. Mai 1909.

Das Herrenhaus erörtert heute zunächst den Gesetz­entwurf bett, das

Komumualfteuer-Privileg der Beamten.

Herr v. Stzdvw empfahl die Annahme in der Fassung des Abgeordnetenhauses und eine Resolution, m der die Vorlegung des wiederholt vom Herrenhause verlangten stattstischen Materials gefordert wird.

Oberbürgermeister BoSberg-Potsdam begrüßt es, daß das Beamtensteuer-Privileg beseitigt werde, be­dauert aber, daß dies erst nach und nach geschehen soll.

Oberbürgermeister Körte-Königsberg erklärt, er werde gegen die Vorlage stimmen, wett sie völlig un­zureichend und nur halbe Arbeit sei.

Oberbürgermeister Ehlers-Danzig schließt sich den Ausführungen des Vorredners an.

Ein RegierungSkommissar: Die Regierung ist sich der Unvollkommenhett der Regelung vollkommen be­wußt; aber unter dem Zwang der tatsächlichen Ver­hältnisse konnte sie nicht darüber hinausgehen. Sonst müßte sie die von der Aushebung des Privilegs^Be­troffenen entschädigen, und die hierfür nötigen Sum­men müßten durch neue Steuern ausgebracht werden, wodurch die Keinen Landgemeinden ganz unverhältnis­mäßig stark belastet würden.

Oberbürgermeister Fuß-Kiel: Ich werde für meine Person der Vorlage zustimmen in der Erwartung, daß ’ie den Anstoß zu einer allgemeinen Revision des Kom- nnmalabgabengesetzes geben wird.

Die Vorlage wird angenommen.

Ein Gesetzentwurf betr. die Uinzugstoften bet Geistlichen der evangelischen Laudcskirche wirb nach kurzer Debatte und darauf nach unerheblicher Debatte der Gesetzentwurf betr. die Gebühren der Medizinal- beamteu in der Fassung des Abgeordnetenhauses an­genommen.

Im Anschluß daran wurden einige kleine Gesetz­entwürfe bett. Aenderung bezw. Neueinrichtung von Amtsgerichtsbezirken angenommen.

Es folgten Petitionen. Die Petitionen betr. das Mädchenschulwesen entfesselten eine längere Debatte. Dieselben wurden den Anträgen der Kommission ent­sprechend erledigt, teilweise als Material überwiesen und, sowett sie sich auf die Koedukation beziehen, durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt.

Samstag: Beamtenbefoldungsvorlage.

[] Die konservativen Bcsitzstenern angenommen.

In der Finanzkommrffion des Reichstages wurden gestern in der Spezialberatung des konservativen Antrages auf Besteuerung der Wertpapiere sowie des Umsatzes unO Wert­zuwachses von Immobilien alle wesentlichen Be­stimmungen von der Rechten und dem Zentrum gegen dieLinke angenommen. Ueber den Verlauf der Sitzmig wird uns berichtet:

Man schaffte zunächst das Besitzsteuer-Kom- promiß (Antrag Gamp), das man neulich ange­nommen hatte, um die Beratung über den „toten Punkt" hinweg zu bringen, aus der Welt, indem man das, was man neulich so ernsthaft beschlossen hatte, einstimmig ohne jede Erörterung ablehnte. Es lachte nicht einmal jemand zu dieser parlamen­tarischen Selbstkrttik.

Tann kam der Antrag Richthosen selbst. Zunächst wurden die Stempelsätzs auf Wert­papiere darauf gegen die Stimmen der Liberalen unter Stimmenthaltung der Sozialdemokraten an» genommen. Die freisinnigen Börsenfrcunde setzten sich dabei aus ihr höchstes Pferd mit der Erklärung, sie würden sich hier an der sachlichen Beratung nicht beteiligen, sie würden aber an anderer Stelle teil „Dilettantismus" der Väter dieses Antrages in Börsenangelegenheiten gründlich vor aller Welt enthüllen.

Zu den Bestimmungen des Antrages Richthofen über die Besteuerung des Wertzuwachses, die Steuern vorsehen, hatte die wirtschaftliche Vereinigung einen Antrag eingebracht auf Staffelung der Steuer von 0,1—1 Prozent des Wertes für Grundstücke von 20000 -350000 Mark Wert. Abg. Erzberger regte dabei unter Hinweis auf die neuerdings übliche starke Arrondierung großer Güter durch allmählichen Aufkauf flehtet Landstrecken die Staffelung nach den Einkommens- verhältniffm der Käufer au. Auch Abg. Gröber sprach sich im Prinzip unter Vorbehall für den Antrag Böhme aus. StaatssekretärSyd ow erklärte zum Gesamtentwurf, er wolle sich nicht dazu äußern, weil demnächst eine Denkschrift über die einzelnen Fragen der Kommission zugehen werde. Ebenso könne er sich über die Stellung der Regierungen zu der Umsatzsteuer auf Grundstücke noch nicht äußern. Nach längerer Beratung wurde der Antrag Böhme gegen die Freisinnigen, fodann die einzelnen Absätze des tz 1 mit den Stimme» der Raufet» vativen,der Reichspartei, wirtschaftlichen Bereinigung, des Zentrums und der Polen gegen die Linke angenommen. Mtt derselben Mehrheit mürben § 2 und 3 angenommen. Zu § 4 hätt es Abg. Herold (Z.) für bedenklich, auch die Vorbesitzer einzubeziehen. Er beantragte einen Zusatz, der auch angenommen wurde.

Die folgenden Paragraphen wurden mit großer Mehrheit angenommen. Im Laufe der Debatte wurde wiederholt von liberaler und freisinniger Sette üorgeroorfen, daß der Antrag Richthofen zum Tett wörtlich aus einem Statut der Stadt Köln entnommen ist. Von anderer Sette wurde aber die Anlehnung an ein bewährtes Vorbild als sehr ver­nünftig erklärt. Schatzsekretär Sqdow erklärte, das Statut paffe zwar für eine Kommune recht gut, sei aber in seinen Einzelheiten für das Reich in

gelehnt.

Artikel 3 wird unter Ablehnung verschiedener An­träge unverändert angenommen, ebenso der Rest des Gesetzes unverändert in 6er Kommijfwnsfassiing.

Die zu dem Gesetz gestellten Initiativanträge Dr. Szu mau (Pole), Aron so hu (jrs. VpO, Im dusch (Ztr.) und Krause-Waldenburg (freüonf.) werden entsprechend dem Kon'.nnsslonsarUrage durch die Be- schlußfassuu n' e. das Gesetz für erledigt erklärt.

Die zw.i.e tiirntung eines Antrags des Abg. Frhr. v. Zedlii; au| Aiwahmr eines Gesetzentwurfes betr. Iben Anschluß der Lehrer und Lehrerinnen an den i öffentliche«, nicht staatlichen Mittelschulen, an die »lterszulagenklaffen der Volksschullehrer wurde, nach­dem die erste Lejung durch das Haus erledigt war, von der Tagesordnung abgefetzr.

Der Ge,«tzentwi>rj betr. Aenderung der Landgerichts- tezirke Cleve, Krefeld und München-Gladbach wurde der verstärkten Budgeikommissivn überwiesen.

Abg. Ghßling <srs. Bp.) begründete einen Antrag betr. gesetzliche Neuordnung des Privatschulweseus eveull. des privaten höheren Mädchersschulwejens.

Abg. v.Pappenheim (kons.)r Auch nach derMaichen- schulreforrn werden diese Privasschulen unentbehrlich fein. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, ge­böte doch die Pflicht der Dankbarkeit, daß wir die be­rechtigten Interessen dieser Schulen berüchicytigen.

Abg. Dr. Kaufmann iZtr.): Auch wir müssen die Tätigkeit der Privatmädchenjchulen voll anertennen, sie haben unserer Frauenbüdung wertvolle Dienste ge­leistet. Besonders haben sie das natürliche Recht der Meru auf Erziehung der Kinder in ihrem Glauben geschützt; das gilt für alle Konfessionen, ^m Gegensatz -um Abq. Friedberg wünschen wir, daß dem Wunsche 'bet Ellern, die den Unterricht durch Schwestern dem tiaienur.temdjt vorziehen, in erhöhtem Maße ent­sprochen wird. Redner schildert dann die Entwickelung des Privalfchulweseus für Mädchen und weist au Grund statistischen Materials auf die finanziellen Er­sparnisse hin, die durch diese Schulen für Staat und Gemeinden erwachsen. Die Forderungen der höheren Maochenschuleu werden besonders dringlich infolge der Neuordnung der Vermehrung der Stundenzahl, der Bestimmung über die Verwendung akademisch gebilde­ter Lehrkräfte. Das Wohlwollen der Regierung gegen* ;über den höheren Privatmädchenschulen hat sich neuer­dings bei den verschiedensten Gelegenheiten gezeigt; unerfüllt aber sind besonders die Wünsche nach der finanziellen Sette hin geblieben. Möge der Antrag Gvßlina in dieser Richtung wohltätig wirken, und möge es gelingen, die höheren Privatfchulen vor dem Untergang zu retten (Beifall im Ztr.)

Abg. Dr. Friedberg (nati.) erkennt an, daß die Privatschule besonders für die Mädchen von größter ! Bedeutung ist. In der schwierigen Lage, in die die .'Privatfchulen durch die Mädchcnschulresorm geraten find, werde der Staat nötigenfalls mit finanzieller Unterstützung dieser Schulen einzugreifen haben.

Abg. Lippmann (frs. Bgg.): Da sowohl die Volls- schülermnen wie die Schülerinnen der öffentlichen Mädchenschulen dem Staat bezw. der Gemeinde pro iSflbr 60-80 Mk. kosten, handeln Staat wie Gemeinde

mancher Beziehung ungeeignet. Abg. Dr. Weder behauptete, die Kölner seien im Begriff, ihr Statut zu ändern, weil es sich nicht bewähre. Abg. Erz­berger erwiderte, was die Kölner abändern wollen, sei im Antrag schon berücksichtigt. Bei der Abstimmung über den letzten Teil, den Absatz 3 des Gesetzes, erklärten auch die Sozial- demokraten unter Vorbehalt ihre Zustimmung; des. gleichen auch die Reichspartei, sodaß nur N a t i o n a l« liberale und Freisinn dagegen stimmten. Es wurde beschlossen, eine brüte Lesung vorzunehmen. Samstag: Nachlaßsteuer, Erbschaftssteuer, Erbrecht des Staates, Schaumweinsteuer, ev. Brausteuer.

ö Als Ersatzsteuern sind von der Regie­rung bekanntlich die Zündholz ft euer und die Erhöhung der Kaffee steuer in Aussicht ge- nommen. Wieder ein paar Steuerobjekie, die vorzugsweise den kleinen Mann treffen. Für die Zündholzsteuer wird bereits eifrig Propa- ganda gemacht. In einem offiziösen Zeitungs. artikel wird als „zulässige Grenze" eine Höchst- leistung von 40—50 Pfennig pro Kopf (!!!) angesehen und daraus gefolgert, daß ein Steuer­ertrag von 25—30 Millionen Mark daraus zu holen sein werde.

X Der Zentralvorstand der nationallibe- ralen Partei hielt am Donnerstag im Reichs- tagsgedäude eine stark besuchte Sitzung ab. Abg. Baffermann erklärte gegenüber allen konserva­tiven Anträgen, besonders auch gegenüber dem neuesten konservativen Anträge, sie feien in keiner Weise geeignet, als Ersatz für eine allgemeine Besitzsteuer zu bienen; für eine Besitzsteuer könnten sie nicht die nötige Grundlage bieten. Dementsprechend nahm der Zentrolvorstand eine Resolution für die Erbschaftssteuer an.

r*] „Nicht gegen die Liberalen" soll die Finanzreform gemacht werden. So lautes das programmatische Orakel des Fürsten Bülow. Nun macht aber das neue „konservativ-klerikale Kartell", Vas auf dem besten Wege ist, das Besihfleuerproblem ohne die Liberalen zu lösen, den Herren auf der Linken und anscheinend auch dem Reichskanzler nicht wenig Sorge. Die ,Franks. Ztg/ trumpft noch einmal auf.

Die gesamte bürgerliche Linke ist in dieser wichtigen Frage (Erbschaftsbestenerungi einig, und was in manchen politischen Erörterungen der letzten Zett absichtlich übersehen wird, auch einig mit den Ver­bündeten Regierungen und dem Reichs­kanzler. Es muß nämlich unbeschadet späterer mög­lichen Entwickelungen gegenüber absichtlichen Entstel­lungen und Anzweifelungen die Tatsache festgehallen werden, daß der Reichskanzler und die Verbündeten Regierungen zurzeit daran festhalten, die Finauzresorm nicht ohne eine wirkliche allgemeine Besteuerung des Besitzes, in der Hauplsache durch den Ausbau der Erb- fchaslssteuer, zu machen. Sie haben von ihren Erklä­rungen nichts zurückgenvmmen. Was Bülow vor wenigen Tagen mit parlamentarischen Führern der Linken gesprochen hat, ist ja kein Geheimnis, und darauf neben den offiziellen früheren Erklärungen der Regierung beruht die Auffassung, daß der Reichskanzler sich von den Konservativen und dem Zentrum keine Finanzreforrn aufdrängen lassen will, die nach agrarischem Rezept nicht den Besitz allgemein, sondern einzelne Arien des Besitzes und des Besttz- wechsels, in der Hauptfache das sogenannte mo­bile Kapital und den städttzchen Besitz, besteuern würde. Zu den Politikern, i. it denen Fürst Bülow gesprochen hat, gehört Herr Dr. Baffermann, und darum hat es eine besondere Bedeutung, daß dieser vor dem Zentralvorstande ausgeführt hat, die nationaUiberale Partei erwarte, daß die Verbündeten ^Regierungen, die von Anfang an die Besteuerung der Erbschaften als einen unentbehrlichen Teil der Reichsfinanzreform bezeichnet hätten und noch jüngst durch den Schatz­sekretär ihren einmütigen Willen bekundet hätten, an dieser Auffassung sesthalten, sich vor den politischen Machtgelüsten des Zentrums und des Bundes der Landwirte nicht beugen würden und könnten; das fei auch nicht möglich, ohne daß der leitende Staatsmann in der Zertrümmerung des Blocks fein eigenes Werk zerschlüge und dem Zentrum in den Sattel helfe.

Ja, wenn nun die Durchführung des liberalen Plenums der Ortschaftsbesteuerung sich als un­möglich erweist? Soll dann das Reich in sei­nem' Finanzelend stecken bleiben, auch wenn eine andere Mehrheit zur Rettung des nationalen Werkes zn haben ist? Wie die Nation dabei fährt, ist Nebensache; der Liberalismus mutz auf seine Kosten kommen, das ist die Hauptsache. Wie oestern der „Tag", so versichert übrigens jetzt auch die „Krcuzztg.", daß die Regierung, „mögen liberale offiziöse Korrespondenzen es auch noch nicht zugestchen, dazu bereit ist, die Fi- nanzreform von einer Mehrheit zu nehmen, wie sie sich bildet, und in der Form, wie diese Mehrheit sie ihr bietet.

Deutscher Reich.

** Berlin, 21. Mai 1909. Der Präsident des Reichstages, Gras Udo zu Stolberg» Wernigerod«, Generalmajor a la suite bet Armee, beging am Freitag sein fünfzigjähriges Militär- bienfljubiläum.

= Im Abgeordnetenhause beginnen die Pfingstferien voraussichtlich am Donnerstag nach­mittag und werden bis etwa den 20. Juni währen. Den Schluß des Landtags erwartet man um ben 24. Juni herum.

-T- Die Stempelsteuernovelle, die im Ab- geordnetenhaufe demnächst verabschiedet werden wird, sollte nach den Wünschen der Regierung dem Staate Mehreinnahmen von 15 Millionen Mark pro Jahr bringen. Nach den Beschlüffeu der Kommission des Abgeordnetenhauses, die eine Reihe weiterer Stempelerhöhungen und sogar gänzlich neue Stempelsteuern beschlossen hat, be­trägt die jährliche Mchreinnahme 16750000 M.,

also !•/< Millionen Mark mehr. Aus dem Stem­pel für Fahrräderkarten will man 90000 Mark einnehmen, man rechnet auf rund 205 Einwohner einen Radfahrer. Der Stempel aus Namens­änderungen soll 20000 Mark jährlich bringen, denn es werden jedes Jahr etwa 1500 Namens­änderungen vorgepommen. Der Stempel auf Standeserhöhungen und Gnadenbeweise wird künftig 292 290 Mk. mehr einbringen. Nach dem Berichte der Stempelkommission werden jähr­lich 15 Geheime Kommerzienräte, 70 Kommerzien­räte, 2 Geheime Kommisstonsräte, 8 Kommissions- räte in Preußen ernannt.

X Ein „erster deutscher Binnenschifffahrts* tag" hat soeben in Berlin eine gepfefferte Reso­lution gegen die Einführung von Schiffahrts­abgaben auf Strömen, so wie sie Preußen unter Abänderung des Artikels 54 der Reichs* Verfassung anflrebt, angenommen.

(*) Die nntionalliberale Jugend wird am 16. und 17. Okwber in Jena ihren Jahrestag abhalten. Man wird sich besonders mit der „staatsbürgerlichen Erziehung des deutschenVolkes" beschäftigen.

* Nm Einführung des Befähigungsnachwei­ses im Drogistengwerbe und um Einführung der obligatorischen Prüfung für den Gifthandel haben mehrere Drogistenverbände beim Reichstag peti­tioniert. Der Regierungskommissar sprach sich in der Kommission "dagegen aus. Die Kommission beschloß, die Petition betreffenb den Gifthan- bei der Regierung als Material zu überweisen; und über die Petition betreffend den Befähi- gungsnachveis zur Tagesordnung überzugehen. 1

(*) Die Berkehrseinnahmen der deutsche» Eisenbahnen betrugen im April d. Js. im' Personenverkehr 61507 588 Mark ober 2325305 Mark mehr als im Vorjahr: im Güterverkehrs 127 238597 Mark ober 2377662 Mark mehr als im Vorjahr. Damit hat bie rückgängige Tenbenz im Güterverkehr nach vielen Monaten aufgehört. Ein Zeichen, baß bie wirtschaft«, liche Konjunktur sich hebt.

* Oldenburg, 21. Mai 1909. Die Staatsregie., nmg lehnt die Publikation des unter den bitterstem Kämpfen der Parteien vollendeten Schulgesetzes ab, wegen zn hoher Staatszuschüffe.

Ausland. i

* Die Schlacht von Aspern. Aus Anlaß deS hundertjährigen Gedenktages der Schlacht bei Aspern fand gestern in Wien in Gegenwart des Kaisers, der E^herzöge und Minister, sowie der Spitzen der Behörden eine Festmesse statt, sodann begaben sich die Festteilnehmer zum Denkmal des Löwen von Aspern, wo Bürgermeister Lueger eine Ansprache an den Kaiser richtete, in der er hervorhob, daß die Macht der Weishett und der feste Wille des Monarchen sowie die Macht des Bündnisses mit dem deutschen Reich jüngst den Frieden erzwungen hätten. Nach einigen Dankesworten des Kaisers fand aus dem Feftplatz die Grundsteinlegung des großen Asperndmkmals statt.

** König Leopolds Bilder. Gegen den König der Belgier erschallen aus der belgischen Presse gegenwärtig wieder verschiedene Donnerwetrer. Er hat neuerdings mir großer Heimlichkeit seine Gemälde-Gallerie „ausverkauft". Die Käufer der teilweise sehr wertvollen Bilder waren Kunst­händler. In Belgien bedauert man, daß die Bil­der, unter denen sich Werke von Rubens und Franz Hals befinden, nicht für die staatlichen Museen erhalten werden konnten, sondern ein­fach an den Meistbietenden unter den Kunsthänd­lern verschachert wurden. Eine Reihe der besten Stücke der Sammlung ist durch Vermittlung eines Pariser Kunsthändlers ins Ausland ver­kauft worden; sie werden in Zukunft über dem Ozean die Prunkpaläste amerikanischer Milliar­däre schmücken, die sich ihren „Kunstsinn" etwas kosten lossen. Man muß König Leopold wenig­stens das Kompliment machen, daß er es ver­standen hat, dabei ein gutes Geschäft zu machen. Bei seinem hervorragend praktischen Sinn, der ihn, wenn er nicht zufällig als Sohn des Königs der Belgier geboren worden, sondern in einem bescheidenen Bürgerhause zur Welt gekommen wäre, wohl zu dem Leiter eines großen Geschäfts­hauses vorausbestimmt hätte, war das nicht gut anders zu erwarten. Für einen Hobbema, den ec vor nicht allzuianger Zeit um 18000 Franken gekauft hatte, erzielte er den schonen Preis von 300 000 Franken. Und auch bei andern Bildern soll der Reingewinn ganz erheblich gewesen jein. Ter Abg. Dandervelde hat an ben Minister der Künste und Wissenschasten Baron Descamps die Anfrage gerichtet, ob die Nachricht von deni Ver­kauf der Bilder ins Ausland richtig sei. Der Minister hat geantwortetchaß er auf diese Frage keine Antwort geben könne, da die Privatan­gelegenheiten des Königs sich der Zuständigkeit der Regierung entziehem

•• Aus der Türkei. Der aus den letzten tür­kischen Wirren bekannte Sewfik Pascha ist vom Sultan zum Generalkommandierenden der türkischen Armee von Europa ernannt worden. Wohl auf die Hetzarbeit, die gegenwärtig noch auf dem Balkan getrieben wird, dürfte bie große mohammedanische Auswan berung aus Bosnien zurückzuführen fein. Es sollen bereits mehrere tausend Mohammedaner beiabsichtigefi, in Serbien sich niederzulassen. Die serbische Re­gierung ist natürlich bereit, ihnen Ländereien im Süden des Landes zur Ansiedelung abzutreten.

* Marokko. In der Gegend von Sus sollen 2 Deutsche, die nach Kupferadern suchten, von Berber­stämmen gefangen genommen sein. Der Pascha von Mogador sandte m ihrer Befreiung Reiter aus..