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Fulda, Freitag den 21. Mai 1909.

36. Jahrgang.

Zweites Matt.

Das wiedererwachte Brotwucher- gefchrei.

Mit kewunderswerter Regelmäßigkeft kehren tzewisse Melodien in der. sozialdemokratischen Presse von Zeit zu Zeit wieder. Augenblicklich ist wieder einmal die Brotwucherrolle in den Partei- Leierkasten geestckt und wird mit vielem Eifer ge­dreht.

Auf Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit kommts den Machern gar ncht an. Die Hauptsache ist, daß,die Massen verhetzt werden! So stellt eben ein sozialdemokratischer „Brotwucher"-Ar- tikel im „Sozialdemokrat, Monatsschrift für das arbeitende Volk" (Nr. 5) einfach ein paar Preis- daten aus einigen Großmarktstädten des In- und Auslandes aus dem Jahre 1908 zusammen, nimmt einige Zahlen aus einem gerade für den Zweck passenden frühern Jahre — 1900 — hinzu und „beweist" so im Handum­drehen die abgründige Verworfenheit unserer Hanoelspolitik.

Vergegenwärtigen wir uns einmal die Preis­bildung auf dem Getreidemarkte. Da sind einmal die Getreidepreise nach O r t und Zeit recht ver­schiedentlich. Die Getreidepreisbildung ist eine andere im Osten, eine andere im Westen, wieder anders, im Süden Deutschlands. So war nach Ausweis des „Reichsanzeiger" der Durchschnitts­preis für 1 Tonne Weizen noch vor wenigen Tagen in Insterburg 250 M, am gleichen Tage in Luneburg 230 M, in Kleve 259 M, in Ulm 247,60 c4t, in Arnstaüt 230 <44. Der Durchschnitts­preis für Roggen schwankte an dem gleichen Tage auf den 52 im „Reichsanzeiger" verzeich­neten Fruchtmärkten zwischen 191,20 M. (Strau- bmg, Bayern) und 165 M (Schivelbein, Provinz Pommern und Mindelheim, Kreis Schwaben in Bayern).

So sind schon die Preise und die ganze Preis- entwicklung innerhalb des gleichen Zollgebietes ganz verschieden. Noch mehr ist das dec Fall zwischen, den Getreidemarktorien verschied e- ner Länder. Es ist ganz selbstverständlich, daß die Preisbildung eine andere ist in Wien und Budapest, eine andere wiederum in Berlin und Mannheim, eine ganz andere in Odessa und Lon­don. Da spielen int internationalen Verkehr ebensosehr wie im Innern die Lage des betreffen­den Ortes zu den Produktions- und Absatzgebie­ten, die schwere oder leichte Transportmöglichreit, die Frachten usw. eine höchst bedeutsame Rolle. So kostete 1908 im Jahresdurchschnitt die Tonne Weizen in Odessa 173 <44, in Berlin 213 <41, in Mannheim 232 <41.

Was ist damit bewiesen? Damit ist dargetan, daß es sehr oberflächlich ist und gar nichrs be­weist, wenn man, wie sozialdemokratische Blätter es tun, ein paar beliebige in- und auslän­dische Großmarktplätze einander gegenüberstellt und dann die Preisunterschiede zum „Beweis" gegen die Richtigkeit unserer Zollpolitik benützt. Nochviel wichriger ist für die Gestaltung der Preishöhe die Spannung, die sich in dem Augen- chcf der Preisbildung zwischen in- und evtl, auch ausländischem „Angebot einerseits und der (in- und ausländischen) Nachfrage anderseits ergibt. Dies« kann aber zu gleicher Zeit in den verschiedenen Marktorten des In- und Auslan­des sehr verschieden sein. Ja, das ist durchaus die Regel., Wie sehr das besttmmend ist, zeigt ein Vergleich der Preisentwicklung des Marktes Ber­lin mit Mannheim. Gegen 1900 stieg i. I. 1908 der Preis des Roggens in Berlin um 31,6 Proz., in Mannheim um 15,9 Proz., der Preis des Wei­zens in Berlin um 40 Proz., in Mannheim bloß um 21,5 Proz. Wäre der „Zollwucher" an der Preissteigerung schuld,, so, müßte die Steigerung an beiden Orten, die ja in der gleichen Zoll­linie liegen, doch ungefähr die gleiche gewesen sein. Dabei ist aber gleichzeitig der Preis in den Getreideausfuhrmärkten Odessa und Budapest noch viel höher gestiegen als selbst am Ber­liner Markt. Der Preis des Roggens war 1908 in Odessa um 38,9 Proz., in Budapest um 50,8 Proznet gestiegen gegenüber dem Preis von 1900; bei Weizen ist die Preissteigerung in Ödes-

sa 49,4 Prozent, in Budapest 55,7 Proz. Und selbst im freihändlerischen London ist der Preis des Weizens in der gleichen Zeit um 24,2 Proz. gestiegen, also mehr als im zoll geschütz­ten Mannheim.

Damit dürfte schlagend bewiesen sein, daß es nicht der Zoll gewesen sein kann, der die Getreidepreissteigerung der letzten Jahre bewirkt hat!

Deutscher Reich.

* Z«m Kapitel Sparsamkeit schreibt mau der „Köln. Volkszt/ aus der Rheinprovinz:

In einer königlichen Erziehungsanstalt stellte sich die Notwendigkeit heraus, in einer gewissen Räum- lrchreit des Hauses eine Reparatur vorzunehmen. Der beigezogene Regierungsbaumeister machte nun einen Kostenvoranschlag, der sich auf 300 Mk. belief. Dieser Voranschlag wurde nun mit den notwendigen Belegen usw. an die vorgesetzte Behörde eingereicht, die dann rhrerseits den ganzen Beamtenapparat in Tätigkeit setzte. Es kamen mehrere Vertreter der Regierung, vom Land­rat bis zum Ministerialbeamten, Sachverständige usw., z. B. der Direktor einer gleichen Anstalt aus einer anderen Provinz, einige Stöße Papier wurden ver­schrieben und als dann endlich die unerläßlich not­wendige Reparatur nach langer Zeit ausgesührt worden war, waren die Kosten auch glücklich von 800 auf 1300 Mark angewachsen. Es lebe die altpreu­ßische Sparsamkeit!

)( Schlechte Aussichten für bas Lehrerbesol­dungs-Gesetz. Trotz des weiteren (Entgegentom- mens des Abgeordnetenhauses will das Herren­haus bezüglich deS Lehrerbesoldungs-Gesetzes neue Schwierigkeiten machen, worauf ja schon Andeutungen in den letzten Tagen vorbereiteten. Dadurch würden nicht nur das Lehrer-, sondern auch die Beamten- und Geist!ichenbesoldungs-Ge- setze wenn nicht gefährdet, so doch mindestens verzögert werden, da alle drei Gesetze bekannt­lich in ein Manlelgesetz zusammengefaßt worden sind. Das Abgeordnetenhaus will unter keinen Umständen dem Herrenhause weiter ent­gegenkommen, sondern alle neuen Abänderungs- Verträge ablehnen. — Hoffentlich besinnt sich das Herrenhaus noch in letzter Zeit eines Beste- ren, damit endlich die langersehnte Ruhr in die Beamtenschaft wiederkehrt.

s. Die Unterrichts-Kommission des Abgeord- netenhauses überwies eine Petition der Lehrer an den Seminar-Präparanden-Anstalten um Gleichstellung im Gehalt mit den Lehrern an den König!. Präparanden - Anstalten der Regie­rung als Material mit der Maßgabe, daß eine allmähliche Umgestaltung der Seminar-Präparan- den- Anstalten in König!. Anstalten in die Wege geleitet werden möge.

X Auf einen konservativen Parteitag drän- gen die im Fahrwasser der Regierung segelnden städtischen konservativen Organisationen, deren Organe der „Reichsbote" und die „Tägl. Rund­schau" sind, hin. — Der Zentralvorstand der nationalliberalen Partei hielt am Donnerstag eine Sitzung ab.

* Vom Rhein, 17. Mai 1909. Folgender für sich selbst sprechende Fall, der eines Kommentars nicht bedarf, wird der „Germ." von einem Arbei- rer berichtet: Ein Arbeiter hatte sich um eine Be­amtenstelle in der evangelischen Erziehungsanstalt bei Solingen beworben. Er ist eva n ge= lisch, aber mit einer katholischen Frau verhei­ratet und hat einen Sohn von vier Jahren, der auch katholisch ist. Jetzt kommt von Düsseldorf die sonderbare Frage, ob er nicht gewillt sei, sei­nen Sohn evangelisch werden zu lassen. Unter dieser Bedingung bloß könne er die Stelle be­kommen. Er aber lehnte das Ansirmen ab, weil er nicht gewillt ist, sein Familienglück zu unter- graben. In Rheindahlen ist nun eine k a- tho lische Erziehungsanstalt gebaut worden. Dahin wollte der Arbeiter sich aber nicht melden, ebm weil er evangelisch ist- Nun kommt von Düs- seldorf em höherer Vorgesetzter und fragt ihn, weshalb er sich nicht nach Rheindahlen gemeldet habe. Ja, ich bin doch evangelisch, sagte der Mann. Ach was, erwiderte der Vorgesetzte, das hätte nichrs zu sagen. Also ht eine katholische

Anstalt paßt ein evangelischer Beamter, aber in einer evangelischen Anstalt dar: nicht einmal ein katholisches Kind von vier Jah­ren sein.

MA. Bericht über die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen, Hessen-Nassau, Waldeck und angrenzende Gebietsteile.

Im Berichtsmonat ist eine allgemeine Besserung der Arbeitsmarktlage eingetreten. Besonders war es das Baugewerbe, in dem eine sichtbare Aufwärtsbewegung zu verzeichnen war. Auch die Lage im Holzarbeiterge­werbe hat sich zusehends gebessert, besonders sind es hier Frankfurt, Darmstadt und Fulda, die eine wesentliche Hebung in der Arbeitsmarktlage in der Wagnerei und in der Möbelbranche usw. kon­statieren konnten. Gut war auch durchgehends die Beschäftigung im Maler-, Weißbinder- un'd Tapezierer-Gewerber Im Beklei­dungsgewerbe war das Angebot offener Stellen nicht nur in den Großstädten, sondern auch in den Mittelstädten und selbst in den kleine­ren Gemeinden und auf dem platten Lande so groß, daß nicht genügend Arbeitskräfte beschafft wenden konnten. Besonders fehlte es an Schnei­dern und Schuhmachern. Die Arbeitsgelegenheit für Metallarbeiter war sehr knapp. In Frankfurt hatten besonders die HeizungSmon- reure und die in der Metallgießerei tätigen Ar­beiter sehr unter Arbeitslosigkeit zu klagen. Schlosser, Schmiede, Spengler, Installateure, waren in Ueberfluß vorhanden. Arbeitsverkür­zungen bezw. geringe Entlassungen kamen in der Frankfurter Elektrizitätsindustrie vor. Der Ge­schäftsgang im Buchdruckereigawerbe war in Mainz, Darmstadt und Wiesbaden zufriedenstel­lend, in Frankfurt sogar zu Anfang des Monats sehr gut, flaute indessen gegen Ende des Monats merklich ab. Im Wirtschaftsgewerbe in W i e s- ba d e n, sowie in den angrenzenden Tarmusbä- deru war 'die Arbeitsmarktlage günstig. Rela­tiv am ungünstigsten gestaltete sich in den Groß­städten die Arbeitsgelegenheit für u n g e I e r n t e Arbeiter. Die landwirtschaftliche Arbeitsver­mittlung war in Stadt und Land zufriedenstel­lend. Auf dem weiblichen Dienstboten- m a r k t herrscht nach wie vor Mangel, nur in Darmstadt waren zahlreichere werbliche Dienst­boten vorhanden.

Der Wanderverkehr in den Herbergen zur Heimat und den Naturalverpflegungsstatio­nen blieb im allgemeinen auf der gleichen Höhe des Vormonats. Im Berichtsmonat wurden von den Organen des Mitteldeutschen Arbeitsnach­weisverbandes, soweit Meldungen von den kom­munalen bezw. Kreisarbeitsnachweisen Vorlagen, 9249 Stellen vermittelt (gegen 8312 im Vormo­nat), darunter: Wildungen 10, Kreuznach 10, Fulda 20, Fechenheim 22, Wetzlar 47, Oberlahn- tein 50, Hanau a. M. 51, Weilburg 54. Herborn 60, Gießen 107, Witzenhausen 205, Offenbach a. M. 211, Limburg a. L. 219, Worms 271, Fried- berg i. H. 273, Darmstadt 383, Mainz 578, Kassel 854, Wiesbaden 1477, Frankfurt a. M. 4016. Nach der Statistik der Ortskrankenkassen hat die Zahl der versicherungspslichtigen Mitglieder gegen den Vormonat überall eine Zunahme erfahren, wäh­rend die Zahl der freiwilligen Mitglieder durch- gehends dieselbe geblieben ist.

Aus dem Nachbargebiete.

* Büdingen (Oberhessen), 19. Mai 1909. Die bereits gemeldete Begnadigung des ehemaligen Prokuristen Acker, der bei dem Bankier Hofrat Rothschild tätig war, erfolgte, weil die Gerichts­verhandlung ergeben har, daß Acker das verwerf­liche Treiben seines Chefs nur aus Furcht vor Entlassung mit verdeckt hat.

* Hanau, 17. Mai 1909. Beim Spielen mit einem Gewehr ereignete sich heute früh ein Un­glück. Der in einer Fruchthandlung beschäftigte SpeNgler Adelhardt sah in einer Fensternische ein Gewehr stehen. Er nahm es und legte scherzend auf einen Arbeitskollegen, den 21jähr. Gerhard Rosenthal, an. In diesem Augenblick krachtest N Schuß, und Rosenthal sank in die

Brust getroffen zur Seite. Obgleich die Verletz­ung eine schwere ist, glaubt man doch, daß der ge­troffene junge Mann mit dem Leben davonkom­men wird.

* Gimbsheim, 19. Mai 1909. Ein f re m- der GeflügellHändler zog hier von Haus zu Haus und kaufte bei einer großen Anzahl von Landwirten Federvieh an. Den Verkäufern toun't gesagt, daß die Auszahlung der Gelder nachmtt- tags in einer hier näher bezeichneten Wirtschaft erfolgen sollte. Als sich jedoch die Leute zur feit- gesetzten Stunde in der Wirtschaft einfanden, tun r von dem Geflügelhändler nichts mehr zu hören und zu sehen. Da auch niemand den Gauner kennt, so sind sehr viele hiösige Landwirte um ihre Hühner geprellt.

* Nicder-Jngelheim, 49. Mai 1909. Durch die erheblichen, über 300 000 <4t betragenden Ste u- ernachzahlungen der von Krickertschen Er­ben ist unsere Gemeinde in die glückliche Lage ver­setzt, ihre sämtlichen Schulden begleichen und außerdem noch eine hohe Summe verzinslich anlegen zu können.

vermischter.

* Ein Trauerspiel. Ein 16jähriges Mnd- chen in Köln stand in Beziehungen zu einem Leutnant des 59. Artillerieregiments. Als das Verhältnis nicht ohne Folgen blieb, nahm sich das Mädchen das Leben, worauf die Eltern den Leut­nant mit Hilfe des Armenrechts verklagen woll­ten. Sie wurden aber von der Zivilkammer a b- getoiefen. Die Mutter schrieb dann an den Obersten des Regiments einen Brief, in dem sie den Leutnant als Mörder ihres Kindes be­zeichnete. Dies brachte ihr eine Beleidigungs­klage ein. Das Gericht erkannte aber auf F r ei- sprechung, da die Frau nicht das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit gehabt habe.

* Das Heine-Denkmal vom Achilleion ist vom Hofrnarschallamt für 10000 <4t an den Verlags­buchhändler Campe, den bekannten Verleger der Heiueschen Werke verkauft worden. Das Denk­mal wird in wenigen Wochen in Hamburg ein­treffen und jedenfalls der S tadtüber lassen werden, wenn diese für eine würdige Aufstellung Sorge trägt.

'* Eine» Ritt auf einer Lokomotive hat ein Matrose der amerikanischen Marine unternom­men. Er befand sich in New Brunswick bei Nöw- york auf Urlaub und wollte seine Braut in einer etwa 50 Kilometer entfernten Stadt besuchen, hatte aber feine Barschaft bereits in alkoholischen Getränken angelegt. Da kam er auf dm Ge­danken, auf dem Rücken der Lokomotive rittlings Platz zu nehmen. Der Lokomottvführer bemerkte den sonderbaren Reiter erst, als der Zug wieder im Gange war. Der Matrose rief ihm zu, er werde sich von dem Dampfroß stürzen, falls der Zug anhalte, und da der Lokomotivführer sein Gewissen nicht beschweren wollte fuhr er weiter. Im stillen freute er sich Wohl über den Reiter, der die Mütze schwenkte Und lustige Lieder fang. Leider wurde der kühne Seemann bei bet An­kunft in Trenton von der gefühllosen Polizei auf zehn Tage in Gewahrsam gesteckt, und die Braut, um devetwillen er so viel gewagt hatte, bekam er nicht zu sehen.

— Der Schusterjunge. Junge: «Meistern, wenn ick Ihren Mund ansehe, da fallen mir imma bie Berlina Restaurants in/ — Meisterin: ,9Bofo ?' — Junge: Da steht dran: .Tag und Nacht ge­öffnet/

Literarischer.

Hurrah! Entlassen! Ein Freundeswort an unsere Jungen zur Schulentlassung. Von Gerhard Heßdoerffer. Kevelaer, Butzon u. Bercker. kl. 8°. 40 S.

Dieses kleine Schristchen ist in der Tat ein Freundeswort an die schulentlassene Jugend, die nun ins Leben hinaus muß; e§ wäre zu wün- chen, daß diese gut gemeinten Worte, diese prak- ischen Ratschläge über Berufswahl, Gesellschaft und Umgang, über Gebrauch des Geldes und der Gesundheit, diese ernsten Ermahnungen zum Ge­bete und öfteren Empfang der hl. Kommunion in die Hand eines jeden Schulentlassenen gelegt würden. N. S.

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