Einzelbild herunterladen
 

Erscheint täglich mit Ausnahme -er Som- und Zeienag«. viertel- jährlicher Sezugspreir ohne vringerloh« und vefteLgeld in 5»lda so­wie auswärts $.50 Alt.

verantvr- Sedattenrr Earl Ichättei

uldaer

wochendeiwse:„Illustrierte Soimtagrzeitung"

Zeitung

Monatsbeüage: „zuldaer Geschichtrblätter"

Anzeigen: Vie ein­spaltige petitzeile oder deren »au« <5 Pfg. »eklamendrepetitzeil« 25 pfg., bet Wieder­holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

votatlonsdruckund Verlag der Luldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

M 114.

Fulda, Freitag den 21. Mai 1909.

36. Jahrgang.

Krftes WtclLt.

Preußischer Lanvtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 19. Mai 1909.

Auf der Tagesordnung standen zunächst Wahlprüfungen.

Die Wahl des Abg. Dionysius (kons.) wird unter Ablehnung eines polnischen Antrags, die Wahl nochmal an die Kommission zu verweise», gegen Zen­trum und Polen giltig erklärt, obwohl bte Urwahl- bezirke ungesetzlich gebildet waren. Es folgt die Bera­tung über die angefochtenen Mandate der vier Ber­liner sozialdemokratischen Abgeordneten Borgmann, Heimann, Hirsch und Hoff­mann.

Die Kommission stellt den Antrag, die vier Man­date für ungiltig zu erklären, weil bei Aufstellung der Urwählerlisten innerhalb derselben Urwahlbezirke für dieselben Steuerarten verschiedene Steuerjahre, teils das Jahr 1907, berücksichtigt worden waren und weil außerdem von feiten der Sozialdemokratie unerlaubter Wahlterrorismus geübt worden sei.

Bon Seiten des Zentrums wurde beantragt, die vier Wahlen an die Wahlprüfungskommisston zurück­zuverweisen.

Abg. Ströbel (Soz.) weist darauf hin, daß der Berliner Magistrat die Urwählerlisten nicht nur für diese vier Wahlkreise, sondern für sämtliche zwölf Wahlkreise in gleicher Weise ausgestellt habe und zwar in der Wetse^ daß lür alle Wähler mit einem Ein­kommen bis 411-3000 Mark das Jahr 1908, sür die übrigen das Jahr 1907 zugrunde gelegt wurde. Es sei dies aus dem Grunde geschehen, weil die Veran- taguna für 1908 noch nicht ganz beendet war. In dem Verfahren des Berliner Magistats kann ich nichts Ungesetzliches erblicken. Uebrigens handelt es sich hier weniger um Ungesetzlichkeit als um Politik. Der Geld- Iack will eben herrschen. Im weiteren wirst Redner >em Zentrum vor, daß es die Interessen der Industrie­arbeiter zurückgesetzt habe zugunsten derjenigen der Landbevölkerung, indem es seinerzeit gegen die Neu­einteilung der Wahlkreise stimmte. (Zurufe im Zen­trum: Oho!) Fünf Angehörige der Zentrumspartei hätten damals auch nicht mitgemacht. Den Frei­sinnigen wirft Redner vor, daß sie bei den letzten Ber­liner Wahlen die Beamten denunziert hätten. Schließ­lich kommt er auf den Terrorismus zu sprechen und meint, keine Partei hätte Beranlasiung, der Sozial­demokratie Terrorismus vorzuwerfen, denn sie trieben alle Terrorismus, am meisten die Regierung. Wenn von den 7 Vertretern der stärksten preußischen Partei aus so unzulänglichen Gründen vier wieder hinaus­geworfen würden, so werde man im Lande denken, daß Sie vor den Sozialdemokraten Angst hätten. Wenn die Wahlen kassiert werden, dann wird sich ein Sturm der Entrüstung erheben, und Sie werden sich ein Brandmal d er Schande aufdrücken. (Lachen rechts, Unruhe im Hause, vereinzeltes Beifallklatschen auf der Publikumtribüne).

Präsident v. Kröcher: Herr Abgeordneter, sür diese, wenn auch bedingte Beleidigung rufe ich Sie zur Ordnung.

Abg. Straffer (kons.): Wenn wir nicht gezwungen wären, Ihre Wahlen zu kassieren, wir würden es sicher nicht tun. Wir fürchten Sie absolut nicht, aber die Gerechtigkeit zwingt uns, die 4 Wahlen sür ungiltig zu erklären. Redner verbreitet sich dann des längeren über sozialdemokrattschen Terrorismus.

Abg. Dinslage (Z.U Wir betrachten die Frage lediglich als eine Rechtsfrage. Das sollten auch Sie anerkennen und uns nicht immer die niedrigsten Motive unterschieben. Hier liegt ein Fall vor, für den das Gesetz nichts entschieden hat, welche Steuersätze für die Wählerlisten zu Grunde gelegt werden sollen, und ich glaube, daß es der Absicht des Gesetzgebers am meisten entspricht, wenn man für die Minderheit der Zensiten auf daS Vorjahr zurückgreist, im übrigen aber die vol­lendete Steuerveranlagung des laufenden Jahres ver­wendet. Nach meiner Ansicht sollte man also die 4 in Rede stehenden sozialdemokratischen Wahlen aus diesem

Zill Sanne AheimisU

109] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

75. Kapitel

Nochmals in Elton.

Werner war damit beschäftigt, die ihm anver­traute Aufgabe zu lösm. Stets klairg ihm die Flehende, beschwörende stimme feiner Mutter im Ohre: „Rette mich, mein Sohn!" — unü er hatte «ich geschworen, sie entweder zu retten, oder mit Hhr zu sterben.

Nachdem er mit Sergeant Elliot überlegt und Fich überzeugt hatte, daß am Tatorte selbst und In der Umgebung Kenninghall's niches weiter vuszuspüren war, was aus die Spur des Mörders Führen konnte, war er nach Elton gereist, rn der Festen Uebcrzeugnng, daß dort, wo Jack fast fein DattzeS Leben verbracht, auch der Schlüssel zu die­sem dunklen Geheimnisse zu finden sein werde. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, als er das verlassene, leere Häuschen wiedersah und sich erinnerte, ein wie liebes Heim es ihm allezeit gewesen. Da war das hübsche, altmodische Gärt­chen mit der Laube und der grüngestrichenen Bank, wo er sein erstes Gedicht geschrieben ; da die Obstbäume, die Jack und er so oft geplündert, die Wiesen, in denen sie zusammen gespielt — tzllcs, wie früher, und doch so ganz, ganz anders!

Als er am Morgen nach seiner Ankunft in dem sonnigen Gärtchen stand, kamen ibm son- beibare, ernste, feierliche Gedanken — was für 'eine wunderbare Macht doch die Sünde oder das Böse ist; wo fingen wohl die Folgen selbst einer einzigen Sünde an, ober wo endeten sie? Unge­borene Geschlechter litten vielleicht dafür, — ach, die Unschuldigen. litten ja immer. Wie viele Menschen, einstens froh und glücklich! Lauter sonderbare, ernste Gedanken, die den Jüngling ttnter dem sonnigen blauen Firmament in schau- etnber Ehrfurcht das Haupt entblößen, nieber- knieen und Gott bitten ließen, ihn doch stets vor vller Sunde und allem Bösen bewahren zu wollen.

formellen Grunde nicht kassieren, zumal die anderen 8 Abgeordneten, gegen deren Wahl nicht rechtzeitig Protest erhoben worden ist, hier bleiben sollen. Die Frage, ob Terrorismus stattgefunden hat, und welche Wirkung er ausgeübt hat. muß genau und für jeden einzelnen Wahlbezirk besonders geprüft werden. (Sehr richtig! im Zentr.) Das ist aber bezüglich der hier in Rede stehenden Wahlen absolut nicht geschehen. Aus diesen Gründen habe ich den Antrag gestellt, die Wahlen an die Kommission zurückzuverweisen wegen mangelnder Beweisführung. Es entspricht doch auch wirklich den bisherigen würdevollen Sitten dieses Hauses, wenn man kritisch an die Frage herangeht und nur auf wohlbegründeter.Basis gegen die 4 sozialdemokratischen Abgeordneten vorgeht. (Lebhafter anhaltender Beifall, im Zentrum.)

Abg. Fischbeck (frs. Bp.) meint, sür die Aufstellung der Wählerlisten in zweifelhaften Fällen muffe durch einen Beschluß des Abgeordnetenhauses eine bestimmte Richtlinie aufgestellt werden. Im weiteren tadelt Red- "ner scharf den Terrorismus, mit dem die Sozialdemo­kraten die kleinen Berliner Geschäftsleute drangsaliert hätten.

Abg. Dr. Friedberg (ntl.): Der Terror der Sozial­demokratie in den in Rede stehenden Wahlen liegt so klar auf der Hand, daß eine Beweiserhebung ganz überflüssig ist.

Abg. Reinhard (Zentr.): Ein Teil von meinen Freunden wird nicht für den Antrag unseres Fraltrons- gcnoffen Dinslage, sondern für die Ungiltiakeit der Wahlen stimmen. Der Redner erörtert dann die Gründe, die ihn und die ihm beipfltchtenden Mitglieder des Zentrums zur Ablehnung des Antrages Dinslage und zum Eintreten sür die Kommisfionsbeschlüsie be­wegen. Der Terror der Sozialdemokratie allein lönnte als entscheidend für die Ungiltigkeit der Wahl nicht angesehen werden; dazu müßte erst nachgewiesen wer­den, in welchem Umfange dieser Terror stattgesunden hat. Dagegen sind bei der Aufstellung der Wähler­listen schwere Verstöße begangen worben, daß die Wahlen schon nur deswillen sür ungiltig erklärt werden müssen.

Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen. Der Antrag Dinslage wird abgelehnt, der Kommissionsantrag auf Ungiltigkeitserklä- run g der 4 Mandate angenommen.

Die Wahl des Abg. Hausmann-Hameln (ntl.) wird unter Ablehnung eines Antrages Dr. Arning (ntl.), die Wahl an die Kommission behufs nochmaliger Verhandlung zurückzuverweisen, entsprechend dem An­trag der Wahlprüsungskommission für ungiltig er­klärt.

Die Wahl des Abg. vom Rath-Wetzlar (natl.) wird dem Kommifflonsanlrag entsprechend sür giltig erklärt.

Der Gesetzentwurf betreffend den erweiterten Grunderwerb am Rhein-Weser-Kanal und am Groß­schiffohrtswege Berlin-Stettin wird in zweiter »>.nb dritter Beratung nach unwesentlicher Debatte an­genommen.

Es folgt die erste und zweite Beratung des An­trages v. Bülow-Homburg (ntl.). Der Antrag wünscht die Aushebung der die Schulversäumnis betreffenden Bestimmung der jetzigen allgemeinen Schulordnung für Nassau und will der Regierung zu Wiesbaden die Verhängung der Strafen wegen Schulnersäumnis übertragen mit der Maßgabe, daß die Strafen 3 Mk. oder einen Tag Hast sür jeden Tag der Versäumnis nicht übersteigen. .

Abg. Cohensli, (Z.) tritt dem Anträge bei. Der Antrag findet Annahme.

Es folgt die erste und zweite Beratung des Ge­setzentwurfs betr. die Aufhebung der Generalkommission für die Provinzen Westpreußen und Pofen in Bromberg.

Landwirtschaflsmmister v. Arnim : Die General­kommissionen des Westens sollen bestehen bleiben. Aber diejenigen Generalkommissionen, die ihre Ausgabe et« füllt haben, sollen allmählich aufgelöst werden.

Abg. Klocke (Ztr.): Wir wünschen, den Gefehent- wurs einer besonderen Kommission von 14 Mitgliedern zu überweisen, da es sich um eine prinzipielle Frage i?ant®fe Abgg. Glatzel (ntl.) und Aronsohn (srs. Bp.) schließen sich dem an.

Die Vorlage geht an eine Komnnffron.

Freitag: Berggesetz, Sekundärbahnvorlage.

Nicht lange, und die Nachbarn kamen, einer nach dem andern, und versammelten sich um ibn, hatten sie ihn doch stets am besten von den beiden Brüdern leiden mögen. Und sie hatten so viel z>l fragen. Gerüchte von der Tragödie waren auch nach Elton schon gedrungen, nicht aber bte Einzelheiten, und nun stand Werner da inmitten der neugierig-teilnahmsvollen Ncuhbarschaft und erzählte wie der arme Jack an einem stillen schönen 'Sommer-Abende meuchlings erschoffell worden sei, und wie der Schlag seine Mutter fast um den Verstand gebracht habe.

Laut, lebhaft und teilnahmsvoll waren die Erörterungen der guten Nachbarn. Jack war keineswegs hervorragend beliebt bei chnen ge­wesen, aber es war doch schrecklich zu hören, wie er da so niedergeschossen worden war wie ein Hund, ohne daß ihm auch nur Zeit zu einem letz­ten Vaterunser geblieben war.

„Jetzt weiß ich auch, warum Betsy Fenton so schlecht und elend aussieht", sagte eine Frau zu ihrer Nachbarin. „Ich konnte mir auch gar nicht denken, was sie eigentlich hatte."

Werner hörte die Bemerkung und wandte sich zu der Sprecherin.

„Wer ist Betsy Fenton?" fragte er. „Was hatte sie mit meinem Bruder zu tun?"

So viele dienstfertige Stimmen schrieen durch- einander, daß er nur mit Mühe etwas verstand. „Wer Betsy Fenton war?" „Das wußte er nicht?" „Das hatte er nicht gehört?" „Betsy war Far­mer Fenton's Tochter und ohne Ausnahme wohl das schönste Mädchen in Elton und war mit dem Verstorbenen so gut wie verlobt gewesen."

Mit greifbarer Deutlichkeit erinnerte Wer­ner sich plötzlich, wie er eines Tages bei Jack's Anwesenheit in London noch darüber gelacht hatte, was ihm sein Bruder von einem netten Bauernmädchen erzählt hatte, das er hatte hei­raten wollen. Leichte, törichte, prahlerische Worte waren's gewesen, und er hatte sie damals kaum beamtet, kaum gehört; jetzt kehrten sie ihm mit merkwürdiger Deutlichkqii in das Gedächtnis »»rück.

+ Die Finanzreform und die Parteien.

Der Kampf um die Erweiterung der Erb- f ch a f t s b e st e u e r u.n g, das Hauptstreitobjekt, naht sich dem Ende.

Es ist eine sichere Mehrheit für den konserva­tiven Besitzsteuerantrag in der Kommission vor­handen. Damit müßte die Frage der Besitzbe­steuerung einfach erledigt sein, wenn sie lediglich eine steuertechnische Frage wäre. Sie ist aber eine politische Frage geworden. Die Libe­ralen wollen unter allen Umständen mit bem Kopf durch die Wand, der Block und der Reichs­tag sollen sich nach ihnen richten, d. h. die Erb­schaftssteuer soll unter allen Umständen durchgebracht werden, wenn auch kein Mensch weiß woher die Mehrheit dafür kommen soll. Noch immer setzen die Liberalen mit ungeschwäch­tem Eifer ihre Bemühungen für diese Steuer fori. Soeben hat wieder in der Finanzkommis­sion der nationalliberale Abg. Dr. Weber einen neuen Antrag eingebracht, in dem die verbün­deten Regierungen aufgefordert werden, mög­lichst bald eine Erbanfäüsteuervorlage bem Reichs­tage zugehen zu lassen. Die „Natioualztg." (Nr. 232) kommentiert die Bedeutung dieses Antrages wie folgt:

„Das energische Vorgehen der Nationalliberalen cheint manches schlau und behutsam eingefädeltes Spiel durchkreuzt zu haben. Ward auch nicht volle Klarheit erzielt, fo viel wurde doch erreicht, daß die Regierung des Fürsten Bülow von neuem sich band, die Einigung nicht mit Zentrum und Konservativen gegen die bürgerliche Linke zu suchen. In der Zwischenzeit wird es an uns sein, das zu durchsichtigem Zweck genährte Gerede: die Liberalen widerstrebten allen indirekten Steuern, vollends ad absurdum zu führen. Die Nationallibe­ralen jedenfalls werden sich bemühen, für die Sicher­stellung von 400 Millionen indirekter Steuern zu sorgen. Dann haben die Konservativen das Wort. Das Wort — oder je nachdem — auch die Schuld.

Die ,Natioualztg/ setzt also ihre Hoffnungen auf den Fürsten Bülow. Ganz ebenso auch die,Voff. Ztg.-, die unmutig die Frage stellt: Haben wir eigentlich eine Regierung? und ihrem gequälten Herzen Lust macht:

„Aber wie foll das Volk der Regierung freudig wirksame Unterstützung leihen, wenn es nicht weiß, wer schließlich Regierung ist und was sie will? Es ist hohe Zeit, daß die Zweifel zerstreut werden und endlich eine bündige und unzweideutige Kundgebung des Reichskanzlers und der verbündeten Regierungen erfolgt, daß eine ausgiebige Erb a nf al Ist euer die unerläßliche Voraussetzung für die Finanzreform ist und aus ihrer Ablehnung die unerläßlichen Konsequenzen gezogen werden sollen. Das wäre ein Wort, das den gewünschten Widerhall überall in deutschen Landen finden müßte."

Tor darin ausgesprochene Ruf nach der even­tuellen Auflösung des Reichstages wird nun zwei­fellos keinen Erfolg haben, wenngleich auch wir der Meinung sind, daß beim Versagen des Blocks in der Finanzreform die Auflösung des Reichs­tags nur die logische Konsequenz dex Politik der letzten 2^4 Jahre sein und eine wirkliche und die beste Klärung der Lage bringen würde.

Ist aber auch die andere Hoffnung berechtigt, daß die verbündeten Regierungen unter allen Umständen an der Erbanfallsteuer _feft- halten werden? Es ist kein Zweifel, daß Fürst Bülow bis in die letzten Tage hinein versucht hat, die Erbanfallsteuer zu retten. Der letzte Versuch war die Bildung des sogen. Kleinblocks, be­stehend aus Reichspartei, Nationalliberalen und Freisinn. Es hätte doch gar zu kläglich ausge- feben, wenn Fürst Bütow dem Kaiser als die

Lady Wayne hatte ihm nichts verheimlicht. Sie hatte ihm erzählt, daß Jack als Preis seines Schweigens die Hand ihrer Tochter Elsie gefor­dert hatte. Wie war das aber nur möglich, wenn er tatsächlich mit. dieser Betsy verlobt gewesen war?

„Verlobt gewesen?" wiederholte er darum ungläubig erstaunt. „Davon weiß ich nichts. Sollte das wohl nicht bloß Gerede gewesen sein? Oder ist die Verlobung nicht doch bald wieder aufgehoben worden?" fragte er die Frau, die zuerst gesprochen.

Tas wußte niemand. Sie glaubten auch nicht, daß Betsy Fenton sich das hatte gefallen lassen; das fei kein Mädchen, das sich zum Narren halten laste.

Jack sei ja wohl eine Zeit lang ganz sonderbar in feinem Benehmen gewesen — habe ganz groß­artig und vornehm getan und auch auf einmal viel Geld gehabt, aber daß die Verlobung auf­gehoben sei, davon hatte kein Mensch etwas ge­hört.

Das war so ziemlich alles, was Werner er­fuhr. Nachdem die Neugierde der Nachbarn be­friedigt, zog einer nach dem andern wieder ab und er blieb allein in dem Gärtchen, allein auf der grüngestrichenen Gartenbank, in tiefes Sin­nen über das Gehörte verloren. Der eine Ge­danke ließ ihn nicht mehr los. Wenn Jack wirk­lich mit dieser ländlichen Schönheit verlobt war, wie konnte er dann Elsie Wayne heiraten wol­len? Lag hier vielleicht die Lösung des Geheim­nisses?

Er verbrachte den Rest des Vormittags da­mit. in unverfänglicher Weise weitere Erkundi­gungen über das Verhältnis Jack's zu diesem Mädchen einzuziehen, und was er erfuhr, be- stärkre feinen schon gleich gefaßten Entschluß, zu dem Gut zu gehen und das Mädchen selbst zu sehen und zu sprechen. —

Warm und glänzend lag der Sonnenschein über den Wiesen; sanft wogte das Korn im leisen Winde; die Wallhecken waren eine einzige duf­tende schimmernde Blütenpracht; und die Vögel fanafo al® ob Sommer und Sow-voich^in nie

Schutztruppen der Erbanfallsteuer nur das schwa che Häuflein des Liberalismus hätte Vorführer können. Aber die Rechnung mit der Reichsparte- scheint nicht ganz zu stimmen. Frhr. v^ Gamp am Mittwoch in der Finanzkommission, Frhr. v Zedlitz jetzt im Tag (Nr. 117) erklären, daß si von der Erbanfallsteuer nichts mehr wisset wollen, nachdem es sich herausgestellt habe, daß sie zur Durchführung der Finanzreform nicht eint unbedingte Notwendigkeit sei. Jetzt falle jeder Grund fort, den sachlichen Bedenken gegen diese Steuer nicht Rechnung zu tragen und das schwere Risiko bei den nächsten Wahlen zu über nehmen.

Die Schutztruppe der Erbanfallsteuer wird immer kleiner, und trotzdem soll Fürst Bü­low an der aussichtslosen Steuer fest halten wollen? Wir wissen, daß 'bet Kaiser kein Freund der Erbanfallsteuer ist, und dürfen vermuten, daß er in Wiesbaden dem Fürsten Bülow gegen­über daraus kein Hehl gemacht hat. Offiziöse Meldungen versichern, daß die Aussprache zwi­schen Kaiser und Kanzler die volle lieber- einstimmung des Monarchen mit den von dem Fürsten Bülow für notwendig erachteten poli­tischen Richtlinien ergeben hat. Welches sind denn diese Richtlinien? Und schließlich kommt es auf bte Neigung des Reichskanzlers doch nicht so sehr an als vielmehr auf den Willen der Verbündeten Negierungen.

Der „Tag" führt als die Meinung politischer Kreise an, daß der Bundes rat nach den end­losen vergeblichen Bemühungen j exb e Lösung der Besitzsteuerfrage annehmen werde, die ihm von einer sicheren Mehrheit des Reichstages an­geboten werde und die die erwarteten Einnah­men bringe. Auch Frhr. v. Zedlitz hält es für ausgeschlossen, daß der Bundesrat „nein" sagen sollte, wenn ihm eine sachlich annehmbare Reform geboten merke, bloß weil ihm die Mehrheit, die sie beschlossen hat, nicht Passe. Das erscheint auch uns unmöglich. In diesem Lichte nimmt sich nun die Politik des Liberalismus mehr als eigenartig aus. Er will die Konservativen vor die Frage stellen, ob sie die Finanzreform mit einer Mehr­heit machen wollen, zu der er nicht gehört, die aber, das Zentrum enthält. Diese Frage will er stellen, obwohl er weiß, daß das Zusammengehen der Konservativen mit den Liberalen wahrschein­lich gleichbedeutend mit dem Scheitern der Finanzreform fein würde, während das Zusam­mengehen der gesamten Rechten mit bem Zentrum die baldige und glückliche Durchführung derselben verspricht. Herr v. Zedlitz bemerkt dazu:

„Bei diesem Widerstreit zwischen den Rücksichten allgemein polüischer Natur (er meint das Parteiinte» reffe der Konservativen, die Finanzreform nicht gegen den linken Flügel des Blocks zu machen) und denen auf das Zustandekommen der Reichsfinanzreform fällt die Tatfache entscheidend ins Gewicht, daß die Heilung der Reichsfinanzen geradezu eine Lebensfrage für daS Reich ist. So schwer daher die Wahl auch ist, für eine Pariei von entschieden nationaler Gesinnung kann füglich kein Zweifel darüber bestehen, welchen Weg sie zu gehen hat."

Damit ist der Wert der liberalen Taktik deut­lich gekennzeichnet. Das Zentrum tritt für eine Mitarbeit aller bürgerlichen Par­te i e n an der Finanzreform ein, der Libera­lismus dagegen will lieber bie ganze Reform scheitern sehen, als das Zentrumbei der Mitarbeit zu » lassen.

Das erste Gebot der liberalen Politik ist; Das Zentrum darf die „nationale" Arbeit nicht mitmachen, denn dann wäre sie keine „nationale" Arbeit mehr, da nur der Block „national" ist.

enden sollten, als Werner den Weg zu Farmer Fenton's Hause dahinschritt.

Er erinnerte sich nicht, diese Dorfschönheit auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben, und ertappte sich im Stillen auf der Neugier, wie sie wohl sein und aussehen möge, ob der arme Jack sie wirklich wohl geliebt hätte, und ob ihr wohl etwas um ihn gewesen.

Er schritt rüstig aus; nach und nach verschwan­den die Wallhecken zu beiden Seiten, der Weg stieg sanft an, und plötzlich fielen von der An­höhe aus feine Augen auf einen Anblick, der ihn vollständig fesselte. Er blieb stehen.

Ein langer, niedriger, grün berankter Zaun, der eine Wiese von einem etwas höher gelegenen Kornselde trennte, hohe grüne Ahornbäume im Hintergründe warfen ihren breiten Schatten auf das saftige Gras, worin üppig wuchernde wilde Blumen leuchteten. An den Zaun gelehnt stand allein und einsam ein junges Mädchen und starrte mit leeren, träumerischen Blicken in das wogende Korn, ein Gesicht, wie Werner es nie gesehen — so wild, so blaß, so leidvoll — jung, doch ohne das Licht und die Frische der Jugend, schön, doch mübe. abgespannt und unheimlich augusehen.

Er stand ein paar Augenblicke wie angewur­zelt und sah sie an, wie er ein Gemälde betrachtet haben würde, erstaunt über die dunkle, zigeuner- artige Schönheit, die großen schwarzen Augen und das üppige blauschwarze Haar. War dies viel­leicht Betsy Fenton, des Farmers Tochter? Und wenn, woher dieser entsetzliche Ausdruck in ihrem Gesicht? War es der Kummer über Jack's Tod, was ihre Züge so unheimlich entstellt batte? — Er ging auf sie zu, boch her leere träumerische Ausdruck wich nicht ans ihren Augen — sie sah ihn offenbar gar nicht.

Ein leiser Schrei entfuhr ihr, als er sie bann plötzlich ansprach. Sie fuhr zurück und ihr Ge­sicht wurde fast noch blasser und geisterhafter.

„Ich kenne Sie", rief sie, beide Hände wie ab­wehrend vorstreckend; „Sie sind Jack Jefferies' Bruder. Was wollen Sie von mir.?"

(Fortsetzung folgt.)