z.MMer"iLMda. wochenbeiiage:„Illustriere§onntagzzeitung"
36. JahrMM
Fulda, Montag den 17. Mai 1909
M HU
Grrstes >Latt
fluictgen: ott em« fpalttgepetttzeNesder bereit Baum 15 Pfg. «ellamrndiepetitzeile 25 Pfg., bei Meber- holungenwirb entfpr.
Rabatt gewährt.
Sotatisnsbruckunb Verlag ber Lulbaer Ak- tteubruderei in Lulba Zernsprecher Ur. 9.
schrieben, die im höchsten Grade bedauerlich ist und die die Konservativen vor den Kopf stoßen müßte. Deshalb glauben wir nicht, daß die Informationen der Kölnischen Zeitung' von dem Kanzler oder von einer Seite herrühren, die seine Anstchten kennt." •
Erscheint täglich mit Ausnahme ber So«, «nb Stiertage. PierteU jährlicher vezngspreir ohne vringerwhn und vefteLgelb in Sulba sowie amwärtr 1.5» M. verantw. Hebotteuri Sari Schüttel
S Noch immer keine Klärung.
Der Arttkel der „Köln. Ztg.", worin gesagt wird, Fürst Bülow halte am Block fest und wolle die Finanzreform mit dem Block und nur mit dem Block machen, seine Entschließungen könne er erst treffen, wenn Beschlüsse des Reichstagsplenums vorlägen, — dieser offiziöse Artikel hat viel Aufsehen erregt, alle Welt ist sich aber einig darin, daß er zur Klärung der verworrenen Lage nicht beigetragen hat.
Der Artikel leugnet feierlich ab, daß der Reichskanzler mit dem Zentrum wegen der Bildung einer neuen Mehrheit verhandelt habe und fügt hinzu, daß der Kanzler auch in Zukunft nichr die Absicht habe, mittels eines konservativ- klerikalen Bündnisses auf das Durchsetzen des Reformprogramms hinzuarbeiten. Bon solchen Verhandlungen ist nun aber vorher gar nicht die Rede gewesen. Man muß sich deshalb fragen: was soll die Erklärung? Etwas klüger wird man schon, wenn man folgenden weiteren Passus des offiziösen Artikels liest, der uns am Samstag nicht mit übermittelt war:
„Der Kanzler sei nach wie vor der Ansicht, daß die Finanzreform nicht gegen die Liberalen gemacht werden dürfe, und er halte an den Grundzugen des Programms fest, so, wie er es in seinen früheren Reden entwickelt habe. Es sei auch nicht die Rede davon, jetzt etwa zunächst die indirekten Steuern vom Reichstage annehmen zu lasten, um dann die Besteuerung des Besitzes der Herbstsession vorzubehalten; vielmehr werde die ganze Reform als einheitlich es Ganzes betrachtet. Es muste zunächst festgestellt werden welche indirekten Steuern vom Reichstage zu erhalten seien und in welcher Höhe sie bewilligt würden. Sei hierüber Klarheit geschaffen, so werde man dann an die zweite Frage, die Heranziehung des Besitzes, herantrelen können. Nach dieser Richtschnur gedenke der Kanzler die Reformpolitik weiter zu betreiben."
Merkt ihr was? In den letzten Tagen waren die Liberalen mächtig aufgeregt, — der Krach in
»er bespricht zum Schluß nochmals eingehend die Maßregelung des LehrerS Kimpel.
Ministerialdirektor Schwartzkopff: Kunpel ist in seiner Opposition zu weit gegangen. Außerdem ist er nicht freisinnig, sondern national-sozial. Daß die National-Sozialen mit den Sozialdemokraten tm Prinzip zusammengehen, ist eine bekannte Tatsache.
Abg. Bolger (freit.) beklagt, daß die Kinder vielfach in den Elementarschulen überbürdet würden.
Abg. Dr. Maurer matt); Nach dem Ergebnis der Untersuchung Hal der Estener Fall allerdings ein an- deres Gesicht erhalten. Jedenfalls war das Vorgehen des Estener Gymnasialdirektors ungeschickt genug, und Aehnliches darf sich nicht wiederholen. Redner polemisiert dann gegen den Abg. Dr. Heß.
Abg. Dr. Kaufmann (Ztr.) wünscht, daß die wiederholten Erklärungen der Regierung, wonach Lehrern und Beamten in der Ausübung ihrer politischen Tätigkeit keinerlei Schwierigketten erwachsen sollten, wenn sie taktvoll vorgingen, für alle Parteien gelten soll. Nachdem Redner dem Abg. Schepp gegenüber nachgewiesen, daß die Kirche im Mittelalter nicht schulfeindlich gewesen, bittet er, die Ausnahmebestimmung zu beseitigen, wonach 38 Seminarlehrer ihre Dienstjahre bis zum 31. Lebensjahre nicht angerechnet erhalten, und weist auf eine Reihe von Härten hin, die in den Verfügungen lägen, welche sich auf die Abschaffung der sog. Ergänzungsprüfung und auf das Verbot in den neuen Seminaren beziehe, im gemeinsamen Unterricht Kandidatinnen für die Volksschulen und die höheren Schulen zu unterrichten. , _ t „
Abg. Dr. Heß (Ztr.) weist eS zuruck, daß man rhm bei der Effener Angelegenheit politische Motive unterschiebe.
Damit ist der Kultusetat beendet.
Hierauf wird das Etatsgesetz angenommen. Damit ist die dritte Beratung des Etats erledigt.
Nach Annahme der Köhlbransvorlage in der Fassung der Kommission vertagt sich das Haus.
Montag: Bergwerksbetrieb außerpreußischer Ge- werkschaftten und Berggesetz.
der Kommission war nur eine Folge davon — sie erfüllten die Welt mit ihrem Wch klagen, daß anscheinend nun die Finanzreform ohne die Liberalen gemacht werden sollte; in verschiedenen liberalen Blättern konnte man schon sehr böse Ausfälle gegen den Kanzler lesen, der die braven Liberalen, die ihm mit Herz und Hand ergeben seien treulos im Stiche lassen wolle. Der offiziöse'Artikel soll nun offenbar ein Beruhigungs- pülverc^n für die aufgeregten Liberalen sein.
Diesen Zweck hat er denn auch erreicht. In der liberalen Presse ist g r o ß e F r e u d e eingekehrt. Die bangen Zweifel sind zwar noch nicht ganz geschwunden, aber „man sieht doch die Liebe" und fühlt sich in der Sonne des Blockkanzlers wieder frisch und stark zu neuen Blocktaten. Welcher Art diese sein sollen, das deutet der offiziöse Artikel in dem Schlußsatz des oben mitgeteilten Absatzes leise an. Anscheinen- sollen die Liberalen zunäcUt die indirekten Steuern bewilligen und dann erst di.' direkten nach dem Ertrag der indirekten. Ob die Spekulation gelingt,, ist eine große Frage. Bisher haben sich die Liberalen auf den umgekehrten Standpunkt gestellt; erst wollen sie die Besitzsteuern in ihrem Sinn erledigt wissen, darunter auch die Erbanfallsteuer, und dann erst an die indirekten Steuern herantreten.
Gleichzeitig mit der „Köln. Ztg." bringen auch andere liberale Blätter offiziöse Auslassungen, die besagen, daß der Kanzler unbedingt mit den .Liberalen in der Finanzreform Weiterarbeiten wolle. Die Absicht der Beruhigung der Block- linken wird aus diesen übereinstimmenden Meldungen noch offenkundiger. Ob nicht noch eine andere Absicht damit verbunden ist, vermögen erst die nächsten Tage zu lehren. Man kann da allerhand Vermutungen haben.
Bemerkenswert ist, daß die konservative Presse zu den offiziösen Meldungen noch nicht Stellung genommen hat. Die Konservativen wissen anscheinend nicht, was sie tun sollen. Um so energischer tritt'aber die „Deutsche Tagesztg.", das Organ des Bundes der Landwirte, auf. Sie schreibt:
„Daß der Kanzler mit dem Zentrum wegen Bildung einer neuen Mehrheit verhandelt habe, hat niemand behauptet. Es ist nur behauptet worden, daß zwischen den Führern der Konservativen und des Zentrums gewisse Verhandlungen stattgesunden haben. Was aber die Hauptsache anlangt, so würden wir rS auf das tiefste bedauern müssen, wenn der Reichskanzler wirklich der Meinung sein sollte, daß die Finanz- reform nicht gegen die Liberalen gemacht werden dürfte. Wie sich bte Dinge inzwischen entwickelt haben, halten wir es für vollkommen ausgeschlossen, daß eine Reichtfinanzreform mit den Liberalen, insbesondere mit den Linksliberalen, zustande kommt, es sei denn, daß die Liberalen sich zu einem verständigeren Standpunkt durchringen. Eine so wichtige nationale Fage, wie es die Reichsfinanzreform ist, kann nicht an parteipolitischen Rücksichten scheitern. Ist die Finanz- rejorm so unbedingt nötig und ihre sofortige Lösung so geboten, wie es von den Vertretern der Reichsregierung immer betont worden ist, so kann man sie nicht davon abhängig machen, daß die Liberalen gefälligst nüttun. Wir würden es nicht verstehen und die ganze Geschichte würde es aujS schärfste verurteilen, wenn eine verständige Finanzreform nur deshalb adgelehnt werden sollte, weil es den liberalen Herren nicht gefällt, ihre Sonderwünsche zurückzustellen. Das wäre ein allzu teures und unbegründetes und unberechtigtes Opfer, das dem Blockgedanken gebracht würbe, der ja so oder so binnen kurzem in der Versenkung verschwindet. Wir wiederholen: Der Reichskanzler kann eine gute, zweckmäßige, einwandfreie Finanzreform ohne Schwierigkeit und ohne Verzögern baden, wenn er nur will. Besteht er wirklich darauf, daß die Finanzreform nicht gegen die Liberalen gemacht werden darf, dann trägt er die volle Verantwortung für das Scheitern der Reform, dann hat er sich aber auch den Liberalen in einer Weise ver-
Mldaer W Zeitung
Monairbeitage: „Sulbatr Geschichtsblätter"
c Der Seniorenkonvent des Reichstags trat am Samstag vor Beginn der Plenarsitzung zusammen und beriet über die Geschäftslage um) die Regelung der Arbeiten für die nächste Zerr. Dein Präsidenten wurde der dringende Wunsch ausgesprochen, dahin zu wirken, daß möglichst bald die Ersatz st euervorlagen und zwar nicht stückweise, an den Reichstag kommen, weil man ohne sie nicht an die zweite Lesung der Finanzreformvorlage in der Kommission herantreten könne. Auch wurde gewünscht, daß die Interpellation betr. Mecklenburgische Verfassung noch vor der Vertagung im Reichstage zur Ver- Handlung kommen soll. Eventuell soll dafür noch der Mittwoch benutzt werden. Die weitere Beratung über die Vertagung, wird am Montag erfolgen. Diese Vertagung der endgülttgen Entschließung ist offenbar mit Rücksicht darauf ge- scyehen, daß Fürst Bülow am heutigen Montag in Wiesbaden dem Kaiser einen Vortrag über die allgemeine politische Lage und insbesondere über den gegenwärtigen Stand der Reichsfinanzresorm halten sollte und seine weiteren Entschließungen vom Ergebnis dieses Vortrages, das bis Diontag abend dem Präsidenten des Reichstages hätte bekannt sein können, abhängig machen will. Wie es aber neuerdings heißt, reist der Kanzler erst am Montag abend nach Wiesbaden ab. 1
+ Der Präsident des Reichstags Hatte, tote bereits mitgeteilt, am Freitag eine Audienz beim Reichskanzler. Der Kanzler äußert« darin den Wmfich, daß die Finanzkommission über Pfingsten tage, damit bis zum Wiederzusammentritt des Plenums die Kommissionsarbeit fertiggestellt sei. Erst dann könne die Regierung Stellung nehmen. Offiziös wild über die Unterredung folgendes mitgeteilt:
Bülow halte gewünscht, daß ber Reichstag etwa anfangs ber nächsten Woche bie Verhandlungen int Plenum für einige Zeit abbrechen möge, um der Finanzkommission freien Raum zur schleunigen und energischen Weiterführung und Erledigung ihrer Arbeiten zu geben. Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, würbe die Kommission am besten nur eine kurze Pfingfipause eintreten lassen und bann ohne weitere Unterbrechung bis zum Abschluß ihrer Aufgabe wetterarbeiten. „Dieser Vorschlag geht, so schreibt die ,Nordd. Allg. Ztg/, von der Erwägung aus, daß die gegenwärtig bestehende Unsicherheit über da- Ergebnis der Reichsfinanzreform im allgemeinem Jnlereffe so bald als möglich beendet werden muß. Dazu ist zunächst erforderlich, bie Verhanblungen aus dem Koimniffionsstadium herauszubringen. Solange dies nicht erreicht ist, sind der Reichskanzler und die Verbündeten Regierungen nicht in ber Lage, ihre Stellung in sachlicher Weise zu präzisieren unb entscheidende Beschlüsse zu fassen. Man wirb an« nehmen dürfen, daß der Reichstag dem Wunsche deS Reichskanzlers Rechnung tragen und feiner Kommission aufgeben wird, mit möglichster Beschleunigung ihre Arbeit zu Ende zu bringen. Der Reichstag würbe dann etwa vier Wochen nach Pfingstfest sich wieder versammeln, um bie entscheibenden Verhandlungen im Plenum vorzunehmen."
** Block - Flickversuche finden wieder statt. Am Samstag hat im Reichstage eine längere Besprechung zwischen den Führern der Blockparteien stattgefunden. Nationalliberale, Freisinnige und Reichspartei halten als Block im B lo ck noch besondere Besprechungen ab. Es wird auch berichtet, daß in diesen TagenFürst B ü lo w mit denFührern der nationalltberalen Partei und der liberalen Fraktions-Gemeinschaft Besprechungen pflege. Fürst Bülow scheint also seinen ganzen Einfluß noch einmal dahin aufzubieten, den Block-
Preutzischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 15. Mai 1909.
Die dritte Beratung des Etats wurde beim Kultus et at fortgesetzt.
Abg. Hoffman» (Soz.) wiederholt die Forderung seiner Partei, daß die Religion aus der Volksschule zu entfernen sei, und erklärt, die Sozialdemokratie blicke bewundernd zu den Franzosen empor, die es verstanden hätten, die Knechtschaft der Kirche abzuschütteln. Der Vorwurf, baß er ein fanatischer Bekämpfer ber Religion sei, sei nicht wahr, kämpfe nur gegen ben Mißbrauch, ber mit ber Religion zu politischen Zwecken getrieben werbe. Im wetteren polemisiert Rebner gegen ben Abg. Schepp unb bie fieisinnige Volkspartei, bie ihre Parteigrundsätze verleugnet hätten. Die Annahme, baß bie preußischen Volksschullehrer ben Religionsunterricht in ber Volksschule erhalten wissen wollten, fei falsch; die Lehrer dürften nur nicht sagen, was sie dächten. Ferner bezeichnet Redner bie Tatsache, daß der Kultusminister bet den Verhandlungen nicht anwesend sei, als einen Skandal, wofür er vom Vizepräsidenten Dr. Porsch ermahnt wird, sich etwas zu mäßigen, und das Vorgehen gegen bie sozialbemokratischen Turnvereine ein ungerechtfertigtes. Zum Schluß polemisiert Rebner gegen ben Abg. Frhrn. v. Zedlitz, ber bie Sozialdemokraten mit Räubern auf eine Stufe gestellt habe. Frhr. v. Zedlitz möchte nur ganz still sein, denn er stamme von einer Kaste ab, die als Raubritter, Buschklepper und Strauchdiebe das arme Volk ausgeräubert und ausgepowert hätten.
Abg. Stroffer (kons.) erkennt die Maßregelung verschiedener Lehrer durch die Regierung als durchaus berechtigt an, da die betreffenden Lehrer sich sozial« i mokratisch betätigt hätten. Die Sozialdemokratie habe ae Veranlassung, sich als Vertreterin ber Wissenschaft azustellen; benn bie meisten Vertreter der Wissenschaft waren gläubige Christen, wie Kopernikus, Rob. Mayer, herrsche! u. a. Gott behüte uns vor einer Volksschule rch' dem Herzen des Herrn Hoffmann. Die Sozialdemokratie ließen wir hier nicht zu Worte kommen? Keine andere Partei kommt hier so oft znm Wort im Verhältnis zur Mitgliederzahl, wie bie Sozialdemokatie. Da noch zu klagen, ist einfach eine Unverfrorenheit. (Vizepräsident Dr. Porfch: Ich bitte solche Ausbrücke zu unterlassen. Abg. Hoffmann ruft: Na ba hätten Sie halb Ihren Ordnungsruf weggehabt).
Abg. Stychel «Pole) polemisiert gegen die Ausführungen des Ministerialdirektors Dr. Schwartzkopff in ber zweiten Lesung.
Abg. Dr. Schepp (fieis. Bp.) erklärt, baß er bie Uebcrjeugung habe, daß bie Mehrzahl ber Lehrer auf bem Standpunkt stehe, daß der Religionsunterricht als wichtiger Bestandteil des Schulunterrichts erhalten werben müsse, und fordert eine strenge Haltung des Kultusministeriums gegenüber dem Pfarrer Wölbt in Frauenburg bei Stettin. Dem Abg. Marx gegenüber ertlärt Redner, daß er nicht gesagt habe, die Kirche sei nur eine Stiefmutter der Schule, sondern daß die Kirche sich vielfach als Stiefmutter der Schule erwiesen habe.
Abg. Frhr. v. Wolff-Metternich (Ztr.) erwidert dem Abg. Schepp, daß dessen Ausführungen keineswegs als eine Widerlegung des Abg. Marx zu be- trachten seien. Redner verbreitet sich dann über die Antwort, welche Ministerialdirektor Schwartzkopff bei ber zweiten Lesung bem Abg. Glattseller auf besten Ausführungen hinsichtlich ber Rektoratsschulen erteilt hat unb forbert für bie RektoratSfchulen: 1. Kontrolle burch bas Provinzialschulkollegiurn, 2. Berechtigung des Zeugnisses zur Ausnahme an höheren Lehranstalten, 3. Ausgestaltung der Lehrpläne, so daß sie für bas weitere Stubium an höheren Lehranstalten berechtigen.
Abg. Dr. Friedberg (ntl.) kommt auf den Ess en er Fall zu sprechen. Wir danken dem Unlerstaatssekre- täx; daß er in dieser Weise den Fall erledigt hat. Der Direktor hat eine bedauernswerte Nachgiebigkeit gegenüber den Wünschen der Eltern gezeigt, aber das Bewußtsein für eine Klasseneinteilung der Schüler hat ihm ferngelegen. Der Abg. Dr. Heß wollte eine große theatralische Sache in Szene setzen. (Oho! im Ztr.) Der Abg. Maurer hat den großen Fehler gemacht, daß er auf Dr. Heß hineingesallen ist. (Heiterkeit.) Red-
Siadjen!
73. Kapitel.
De- vorsätzlichen Mordes angeklagt.
Lord Wayne toar's, der dies kummervolle Zusammensein unterbrach. Herr Sinclair war er- Mienen und hatte darauf hingewiesen, daß die Zeit dränge.
„Es ist nutzlos, eine böse Stunde aufzuschie- beu, Mylord," sagte er ehrerbietig, aber fest. „Ich hake den Verhaftbefehl hier, und er muß aus- llfiührt werden. Es tut mir so leid, tote es nur jemandem tun kann, aber Gerechtigkeit muß ieiiL*
Zm Bmm te GeheimM
106] Aus bem Englischen von K. v. R a e s s e l d.
Sie lächelten sich unter Tränen an.
Lady Wayne küßte ihn auf die weiße Stirn unb murmelte:
„Mein Sohn!"
Und er fah sie mit unaussprechlicher Liebe an und erwiderte:
„Meine Mutter!" .. ..
Plötzlich schlug sie die Hande zusammen, die schreckliche Gefahr, die ihr drohte, kam ihr wieder pöllig zum Bewußtsein. _ ... .,
„Werner, Du mußt mir helfen! gi» weißt, ich habe ihm nie ein Leid getan. Nie, m meutern ganzen Leben nicht, habe ich irgend einem lebenden Wesen Uebles zugefügt. Nie habe ich selbst einen Wurm mutwillig zertreten, viel weniger könnte ich vorsätzlich und mit grausam kaltblütiger HeberIcgung einem Menschen das Leben nehmen. Werner, hilf mir. Du mußt mir helfen, mein Sohn; Du mußt mich retten!"
Unb er kniete zu ihren Füßen nieder, fah in Has schöne, bleiche, verztoeiflungsvolle Gesicht und jagte tiefbewegt:
„Mutter, ich. will nicht ruhen und nicht rasten, bis Du frei bist. Fürchte nichts. Keine Höhe soll er gäben, die ich nicht erklimmen, keine Tiefe, in die ich nichr hinabsteigen will, um Dich frei zu
Doch die Bitten seines Weibes Hingen Lord Wayne noch im Ohr; ihr bleiches, bittendes und beschwörendes Gesicht in seiner ganzen bezwingenden Schönheit stieg vor ihm auf.
„Ich Bin ein englischer Edelmann," sagte er, „und als solcher kann ich Sie nicht zu bestechen suchen; aber sagen Sie mir, gibt es etwas, ich darf sagen, etwas auf der ganzen Welt, was ich tun kann, um meiner Gattin diese unauslöschliche Schmach zu ersparen?"
Nein, etwas Derartiges gab es nicht. Ehe die Sonne unterging, mußte Lady Wayne, als des vorsätzlichen Mordes angeklagt, noch nach London in's Gefängnis gebracht werden. Die Sack;« würde sich eine Zeitlang sehr still halten lassen, schließlich aber mußte doch alles bekannt werden.
Lord Wayne sah sehr ruhig in das schlaue Gesicht seines Gegenübers.
„Sie begehen einen Mißgriff, Sinclair," sagte ec. „Abgesehen von allem persönlichen Interesse, das ich an der Sache habe, versichere ich Ihnen aufs Feierlichste, daß Sie Unrecht haben: Lady Wayne ist vollständig unschuldig."
„Es wäre sehr sonderbar, Mylord, wenn Sie das nicht glaubten," erwiderte der Geheimpolizist unbeirrt. „Wenn Sie mir die Umstände, die so stark gegen sie sprechen, in zufrieden stellender Weifi erklären können, so soll es mich wirklich freuen."
Lord Wayne saß einige Minuten tief in Gedanken versunken.
„Ich will Ihnen alles sagen," sagte er bann; „Sie sind verständig, klug und schlau, und sehen vielleicht einen Weg aus dem Dilemma, der mir nicht sichtbar. Sei dem aber wie ihm wolle, ich verpfände Ihnen sogar das Heil meiner Seele darauf, daß Lady Wayne ebenfo schuldlos an diesem Verbrechen ist, wie Sie ober ich. Sie sollen alles erfahren. Ich erzähle Ihnen lediglich den Sachverhalt und vertraue, daß es Ihrer Kombination gelingt, das Geheimnis zu enthüllen."
Darauf erzählte er bie Geschichte von der ersten
Heirat seiner Gemahlin, sie überall, wo es eben möglich war, als echter, ritterlicher Edelmann in Schutz nehmenb. Dee Geheimpolizist hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; kein Wort entging ihm; als Lorb Wayne aber geenbet, schüttelte er ernst ben Kopf.
„Mylord," sagte er einfach, „diese Geschichte bekräftigt leider nur die Schuld der bedauernswerten Dame. Ich frage, toer hatte einen fo star- kelt Beweggrund wie sie, ihn aus der Welt zu schaffen Er bedrohte sie, verlangte Unmögliches von ihr; toenn sie dem nicht zustimmte, toas eine Beleidigung war, so hätte er sie verraten, ihrem guten Namen und Ruf ein Brandmal aufgedruckt. Was ist wahrscheinlicher, als daß sie ihn toi und aus dem Wege wünschen sollte?"
„Ich kann Sie nicht überzeugen," sagte Lord Woyne ruhig. „Sie werden, dÄ bin ich über- zeugt, finden, daß Sie auf falscher Fährte sind, und werden es bitter bereuen, einer Unschuldigen fo himmelschreiendes Unrecht getan zu haben."
„Sie werden finden, Mylord,- daß bie ganze Welt fo denkt; die Geschichte, von der Sie glauben, sie entlaste Lady Wayne, beweist nur ihre Schuld"
„Tann wollen wir die Sache nicht weiter erörtern," sagte Lord Wayne und erhob sich; „ich werde mit meiner Gemahlin nach London gehen, und werde die Aufgabe, ihre Unschuld zu beweisen, geschickteren Händen überlasten, rote den Ihrigen."
Herr Sinclair lächelte vor sich hin, die Spltze rührte ihn nid>t, es war ja nur natürlich, daß Lord Wayne feine Gattin verteidigte, unb doch, wie sehr half diese Verteidigung nicht ihre Schuld beweisen!
„Ich will ihr mitteilen, was sie ertoartet, und mit ihr gehen," sagte Lord Wayne an der Tür.
Auf dem Wege zu den Gemächern seiner Gemahlin traf er Elfte.
„Papa," flüsterte sie ängstlich, „ist irgend etwas nicht, wie es fein sollte? Alles ist fo merk- würdig,"
Mit verzweifelter Anstrengung beherrschte er sich.
„Nichts, nichts, mein Liebling," erwiderte er scheinbar fröhlich, „ich möchte aber, Du bestelltest den Wagen und führest zu Lady Romsey hinüber und brächtest eine Mitteilung von mir hin."
Sie errötete, lächelte und sagte, sie würde bald fertig sein. Er schrieb an die Gräfin hastig folgende Zeilen:
„Liebe Lady Romsey, ich habe keine Zeit, Ihnen ausführlich mitzuteilen, was hier nicht stimmt. Bitte, halten Sie Eiste ein Paa: Tage dort bei sich, und sorgen dafür, daß ,ü keine Klatschereien hört. Sie sollen in wenigen Tagen mehr erfahren."
Er fah, wie Elsie lächelnd und feelenvroaniigt abfuhc. Das Herz krampfte sich ihm zusammen: das Blut schien ihm in den Adern zu erstarren/ als er daran dachte, was dies sein schönes, geliebtes Kind sagen würde, toenn sie erfuhr, ihre Mutter sei des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Würde das Unheil auch ihr junges Leben vernichten? Lord Romsey war stolz, würde et feinen einzigen Sohn und Erbe die Tochter einer Frau heiraten lassen, auf der eine so schmähliche Anklage geruht? Gott allein wußte es. Die Sage von ben unheilverkündonden Regentropfen war doch schließlich frahr gewesen. Langsam, aber sicher brach bas Verhängnis über Kenninghall herein.
Tann betrat er das Gemach, too feine Gemah- lin und ihr Sohn weilten. Niemand hätte aus seiner, Zügen entnehmen können, toie tief die innere SBunbe war.
„Evelyn," sagte er sanft, „ich gehe mit Dir nach London."
Er sagte nichts mehr, aber sie verstanden so- for;, was das alles bedeutete. Ihr schönes Pk- sicht wurde noch um eine Schattierung blässer.
„Ich wollte, es wäre zu meinem Grabe," stöhnte sie leiie. „O Mortimer, läßt sich nichts tun, um mich zu retten?"
(Fortsetzung folgt.)