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M 110.

Fulda, Samstag den 15. Mai 1909.

Zweites Wtcrtt.

wochen-kundjchau.

[:] Fulda, 14 Mai 1909.

Der Kaiser hat seinen Erholungsaufent­halt auf Korfu beendet und befindet sich auf der Heimreise. Nach einem kurzen Besuch auf Malta folgte eine Zusammenkunft mit König Viktor Emanuel in Brindisi und danach mit Kaiser Franz Joseph in Wien.

Die Beamtenbesoldungsvorlagen sind in Preußen ein gutes Stück voran gekom­men. Die Differenzen sind noch nicht aus der Welt geschafft, aber die geschlossene Kundgebung des Abgeordnetenhauses wird beim Herrenhause ihre Wirkung nicht verfehlen. Im Re i ch e stehen die Dinge für die Beamten wesentlich schlechter. Dort besteht die Erklärung der Regierung: an eine Verabschiedung der Besoldungsvorlagen vor Erledigung der Reichsfinanzreform sei nicht zu denken. Me Reichsfinanzreform aber ist noch nicht erledigt, die Reichskrise besteht weiter. Solange der Kaiser nicht nach Berlin zurückge­kehrt ist, ist an eine Lösung der Krise nicht zu denken. Der Glaube, daß eine Lösung der Schwie­rigkeiten von Bülows oder Blockseite her möglich sei, schwindet immer mehr. Bülows Hoffnung richtet sich noch immer darauf, daß eine hinrei­chende Zahl von Konservativen von der Abnei­gung gegen die Erbanfallsteuer abkommen mögen. Diese Hoffnung haben aber selbst seine getreu­esten Getreuen, die Freikonservativen, aufqe- geben; denn deren Hauptorgan weist sie als aus­sichtslos zurück und empfiehlt die Verschleppung der Entscheidung über die Besitzbesteuerung auf den Herbst unter schneller Verabschiedung der 400 Millionen indirekter Steuern. Der Freisinn würde, wenn er sich auf etwas Derartiges ein- lassen würde, den Ehrenritel des „Gelackmeier­ten" ehrlich verdient haben. Seine eigene Presse hat ja oft genug betont, die freisinnigen Führer haben es immer wieder beteuert, daß der Frei­sinn niemals indirekte Steuern bewilligen würde, wenn nicht vorher eine Besitzstauer beschlossen sei. Auf freisinniger Seite hat man auch oft genug den Verdacht ausgesprochen, daß an die Schaf­fung direkter Steuern nicht mehr zu denken ist, wenn die Rechte erst die Vermehrten indirektere Stenern in der Tasche habe. Als „unmöglich" darf man freilich eine solche Lösung der Frage nicht hinstellen. Man soll niemals niemals sagen!

In der Loteuerkommission arbeitet man fleißig weiter. Am Schluffe der ersten er­folgreichen Lesung der Branntweinsteuer- Vorlage, am letzten Freitag, konnte der Vor­sitzende der Kommission feststellen, daß die Be­ratung der Vorlage nicht weniger als 17 Kom- missionssitznngen und 11 Subkommissionssitzun- gen, insgesamt 101 Stunden in Anspruch genom­men hat. Wir können hier auf die Beschlüsse nicht noch einmal näher eingehen, wollen aber nicht verfehlen, darauf hinzuweisen, welch regen, tätigen Anteil das Zentrum, vertreten durch seinen Abg. Müller- Fulda, an den Beratungen genommen hall Das ist bezeichnend. Zwar nicht für das Zen­trum, denn das Zentrum hat von Anfang an seinen festen Willen bekundet, bei dem nationalen Werk der Reichsfmanzreform nach bestem Ver­mögen mitzuwirken. Aber bis vor kurzem wurde eS durch die Parteikonstellation systematisch aus- geschaltet. Inzwischen aber sind auch die Kon­

servativen nach und nach zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Ausschaltung einer großen natio­nalen Partei bei der Lösung einer Lebensfrage des Reiches ein nationales Verbrechen ist und daß ferner die eigenen Wünsche mit denen des Zentrums eher in Einklang zu bringen sind, als mit denen der linken Parteien. Die Zeiten, in denen auch die Konservativen, wie jetzt noch die Nationalliberalen und d?r Freisinn, daran fest­hielten, daß die Neichsfinanzrefarm „mit dem Block gemacht werden muffe", sind längst vorbei, und jeden Tag können es die Liberalen und die Freisinnigen hören, daß es in erster Linie darauf ankomme, daß die Reform wirklich zu st an de kommt, nnd daß im Interesse dieses Zustande­kommens parteitaktische Rücksichten zurückzestellt werden mufften. Die Frage, was unter solchen Umständen mit dem SBater des Blockgedankens, dem Fürsten Bülow geschehen wird, ist leb­haft besprochen worden, und es fehlte nicht an Preßstimmen, die auf das bestimmteste, allen De­mentis zum Trotz, wissen wollten, daff Fürst Bü­low bald aus seinem Amte scheiden werde. Wir möchten indes kaum annehmen, daß der Kanzler sich so loichl aus seinem Hohen Stuhle scheuchen ließe. — Die Reichsfinanzkommission hat sich dann weiterhin nach Ablehnung der Wein­steuervorlage mit der Tabaksteuer be­schäftigt. Hierzu liegen drei Entwürfe vor, die Banderole der Regierung mit einem Ertrage von 77 Millionen, der Wertzuschlag der Subkommis­sion, und der Antrag Weber-Mommsen, auf Er­höhung des Gewichtszolles. Die Erträge der bei­den letzten Pläne find bedeutend geringer als die der Regierungsvorlage. Bei der Abstimmung ist der Antrag der Subkommission mit den Stim­men des Zentrums, der Konservativen, der Reichspartei und der Wirtschaftlichen Vereini­gung angenommen worden. Damit ist die Ban­derolensteuer aber noch nicht endgiltig erledigt. Die Abstimmung wurde vielmehr nur als eine vorläufige bewachtet, und es soll zunächst nun der Entwurf der Subkommission in seinen Einzel­heiten durchberaten werden.

Der Reichstag beschäftigte jid) in der Hauptsache mit einem Initiativantrag des Zen­trums. Der Entwurf, der vom Abg. Speck be­gründet wurde, geht darauf hinaus, der im heu­tigen Wirtschaftsleben überall in die Erscheinung tretenden Entwickelung zum System der Groß- , betriebe in einem Erwrrbszweige Einhalt zu tun, in dem die Begleiterscheinungen dieser Entwicke­lung besonders bedenklich sind, nämlich in der Mühlenindustrie. Es soll durch eine Mühlenum- satzsteuer für Groffmühlen versucht werden, die kleinen Mühlen konkurrenz- und lebensfähig zu erhalten. Im großen und ganzen fand die Vor­lage gute Aufnahme bei den Parteien des Hau­ses, und auch die Regierung tat dem Initiativ­antrag die ungewohnte Ehre an, an feiner Be­ratung teilznnehmen.

In Berlin starb der Wirkliche Geheime Rat v. Holstein. In den 30 Jahren, in denen er im Auswärtigen Amte arbeitete, ist er stellen­weise die Seele der deutschen Auswärtigen Poli­tik gewesen. Aber er hat nie das Bestreben ge­habt, nach auffen hin h^rvorzutreten, und so kam es daß er nach seinem Ausscheiden aus seinem Amte häufiger genannt wurde als vorher. Er war ein echter Staatsmann aus der Bismarck- sthen Schule, und hat es nicht vermacht, de» mit der Zeit eingetretenen Aenderungen der inter. nationalen Stimmung Rechnung zu tragen. So hat er auch in der Marokkofrage eine Politik ge­trieften, die auf die sich anbahnende Aenderung in den deutsch-französischen Beziehungen keine

Unpolitische Zeitlause.

(::) Berlin, 13. Mai 1909.

(Nachdruck verboten.)

Ich lobe mir die Kriege, die nicht geführt jvorden sind, und die Siege, die ohne Blutvergie­ßen errungen werden. Darum gefallen mir auch die Feste, die man jetzt in Wien feiern will bei dem Besuche des deutschen Kaisers. Wilhelm II. wird gefeiert werden, als wenn er mit dem Kai­ser Franz Joseph zusammen in den Kampf ge­zogen wäre und mit ihm im gemeinsamen Sieges­kranz heimkehrte. Und doch hat fein Waffengang stattgesunden! After die Wiener haben recht mit ihrer Triumphfeier. Denn die Kriegsgefahr war • vorhanden; und sie ist nur durch das feste Zu- sammenstehen der beiden Herrscher und Völker im Keime erstickt worden. Oesterreich und Deutsch­land haben gemeinsam gesiegt, ohne daß sie das Schwert aus der Scheide zu ziehen brauchten. Denn es genügte, daß sie in gemeinsamer Bewe­gung die Hände an den Schwertgriff legten; da machten die anderen fchnell die Rechnung auf, ob fte gegen diese vereinigte Macht aufkommen könn­ten, und als sie die Frage verneinen mußten, schlugen sie sich allzumal auf die Seite der Klug- sten, die nachgaben.

Fürwahr, di: meisten Kriege könnten vermie­den werden, wenn man immer vorher sich eine klare, unbefangene Rechnung über das Kräftever­hältnis machte. Selbsterkenntnis ist der Anfang der Weisheit, und Selbsttäuschung ist der Anfang des Krieges. Wer aus Eitelkeit sich für stärker hält als die kräftigen Nachbarn, der verdient Prü- gel. Im Kriegsfälle treffen die blutigen Prügel leibet nicht den Rücken derjenigen, die schuld find pn dem Größenwahn, sondern fallen auf die ar- »nett Opfer au5 dem Volke, das für den Leichtsinn und die Dummheit der Machthaber büßen muß. ktit wägen, dann wagen, sagte Moltke. Wer vor- her richtig abwägr, was er leisten kann und was 4«n Gegner leisten wird, der bleibt immer Sie- ßer: enttvsder besiegt er sich selbst und verzichtet

auf die gefährliche Kraftprobe, oder er bezwingt den Gegner durch sein sicheres Vorgehen. Im vor- liegenden Falle war freilich die Ueberlegenheit der österreichisch-deutschen Macht recht deutlich zu erkennen, sozusagen mit Händen zu greifen. Die Abwägung ist nicht immer so leicht, da manchmal bei der oberflächlichen Prüfung die Kräfte von hüben und drüben fo ziemlich im Gleichgewicht zu stehen scheinen. Das muff man als mildernden Umstand gelten lassen für diele oder jene Aben­teurerpolitik. Doch schuldlos macht das noch kei­neswegs. Bei so ungeheuer ernsten Sachen, wo das Leben von Huuderttausenden und der Wohl­stand von Mllionen auf dem Spiele steht, darf ein oberflächlicher Ueberftlick nicht entschei­dend sein; da muß man sich auf das gründlichste und gewissenhafteste vorsehen, ehe man sich in das folgenschwere Wagnis stürzt.

Wem's juckt, der kratze sich. Diese Betrach­tungen gehen nicht bloß die Staatsmänner links und rechts an, sondern werden auch von allen ge­wöhnlichen Bürgerslauten mit Nutzen angestellt. Man kann nicht oft und laut genug die Mahnung wiederholen: Fange, keinen Streit mit deinem Nächsten an, loenn du es irgendwie vermeiden kannst. Und wenn du von deinem Nacht so felsen­fest überzeugt bist, so halte doch einen mageren Vergleich für besser, als den fettesten Prozeß. Ja, sogar in dem Falle, daß du außer dem besseren Recht auch noch die größere Macht hast, bleibe friedlich gesinnt; denn der Kampf richtet auf bei­den Seiten Schäden an, auch beim Sieger. Und obendrein lehrt die Erfahrung, daß man sich leidft täuscht über die Stärke der eigenen Stellung. Mancher hat sich für uirüberwindkich gehalten und hat doch unter unerwarteten Schicksalsschssägen elend zu Kreuze kriechen müssen. Auch der Sieger im Streithandel muff sehr oft, wenn «r die Bi­lanz des Kampfes ausmacht, mit langem Gesicht gestehen: „Es hat sich nicht gelohnt. Wenn ich alles aufrechne, bin ich nicht auf meine Kosten ge- kommen. Hätte ich das vorher gewußt, so hätte ich mich auf den Streit nicht eingelassen." Ja, man hätte es wohl vorher wissen können, aber man hat es nicht wissen wollen!

Rücksicht nahm — was in letzter Linie der Grund seines Sturzes im April 1906 war.

Im Abgeordnetenha use hat mit der Beendigung der Beratungen des Kultusetats die zweite Etatslesung ihr Ende erreicht. Das Haupt­interesse bei der ganzen diesjährigen Etatsbe- rafnng nahm die Bespr.chung der Mädchenfchul- reform in Anspruch. Mit dieser Reform ist der Versuch gemacht worden, den Unterschied zwischen der höheren Bildung des männlichen und des weiblichen Geschlecht s ein wenig zu mildern. Daß bei einer so eingreifenden, gründlichen Reform noch mancherlei Einzelheiten einer Korrektur be­dürfen, ist selbstverftändlich, und auch der Mini- stiirialdirektor Dr. Schwartzkopff, der stets wie kein anderer Regierungsmann auf seinem Postm und seine Sache zu vertreten in der Lage ist, er­klärte, baff die Reformverordnung weniger einen Abschluß bedeute als die Eröffnung eines neuen Weges. Das Abgeordnetenhaus ist bann in die dritte Lesung des Etats eingetreten.

Frankreich hat wieder einen neuen Post- aussiand aufzuweisen. Die erste Erfahrung hat schemts nicht genügt. Nach den bis setzt vor­liegenden Meldungen wird der neue Ausstand ebenso kläglich verlaufen wie der erste. In der Hauptstadt streikt etwa mir ein Fünftel der Vo't- benmten, in der Provinz hat sich nur ein unbe­deutender Prozentsatz der Beamten dem Ausstand angeschlossen. Das große Publikum steht mir feinen Sympathien durchaus nicht auf Seiten der Streikenden, und die Mehrheit der Kammer erst recht nicht. Das Exekutivkomitee der radikalen und der sozialistisch-radikalen Partei nahm eine Tagesordnung an, die den Ausstand der Poftbe- amten mißbilligt. Allrdings har die Vereinig­ung der Syndikate des Seine-Departements be­schlossen, am Sonntag große Versammlnugeu ab­zuhalten, in welchen die Frage des Gesamtaus­standes erörtert werden soll. Es bleibt aber ab­zuwarten, was die Versammlungen beschließen werden. So, wie die Dinge setzt liegen, ist es nicht ausgeschloffen, daß der Streik schon vorher mit einem Fiasko geendet hat. Der Mißerfolg des Streiks hat der Regierung das Rückgrat ge­stärkt. Sie geht mit außerordentlicher Strenge gegen die Ausständigen vor. Mehrere hundert Beamte sind disziplinarisch bestrafr worden. Tie gesamte Garnison von Paris ist in Stärke von 25 000 Mann mobilisiert, bis jetzt war es aber nicht nötig geworden, die Soldaten zur Aufrecht­erhaltung des Verkehrsdienstes heranzuziehen.

In der Türkei ist eine gewisse Ruhe ein- getreten. Wie es scheint, bemüht sich der neue Sultan, den fortschrittlichem Forderungen nach Möglichkeit entgegenzukommen und andererseits auch den religiösen Forderungen seiner Unter­tanen Zugesfändnifse zu machen. Nach seinem Gesicht zu urteilen, hat er zwar das Pulver nicht erfunden, aber feine bisherigen Handlungen ver­raten doch ein nicht gewöhnliches Maß von Takt, Menschenkenntnis und auch staatsmännischer Klugheit. Leider ist es in der Türkei immer noch nicht gelungen, das jungtürkische Komitee und die liberale Partei zu gemeinsamer Arbeit end­gültig zusaminenzuführen. Tas liegt nicht zum wenigsten an der entehrenden Bestrafung einiger liberalen Gegner des Komitees. Hoffentlich ge­lingt es dem soeben neu gebildeten Kabinett Hussein Hilmi Pascha, trotzdem geordnete Ver­hältnisse zu erhalten. Er ist in Konstantinopel allgemein freudig begrüßt worden und dürfte auch das ihm entgagengebrachte Vertrauen recht­fertigen. Eine der schwierigen Aufgaben der neuen Regierung wird es sein, in den Provinzen die Ruhe aufrecht zu erhalten.

Die Feier in W i e n soll im ferneren zu einem Fest der Treue werden. Die Oester- reicher sind ganz entzückt davon, baff Deutschland in dieser kritischen Zeit so felsenfeste Treue gegen­über feinem Bundesgnofsen bewährt hat. Ich muff sagen, es hat im Grunde etwas Bedrücken­des, toeitn man von der Treue ein so gewaltiges Aufheben macht. Das war doch eigentlich ganz selbstverständlich, baff wir in den dunklen Tagen Ebenso zusammenhielten, wie. an den heiteren Tagen, die vorhergegangen. Ist denn die Treue wirklich so selten geworden in der Welt, daß man ihr Vorkommen tote ein Wunder feiern muff!

Hat ein ehrlicher Kerl sein Wort gegeben, so hält er es auch, mag es ihm schwer ober leicht, sauer ober süß werden. In der Politik sind frei- lich schlaue Leute aufgestanden, welche behaup­ten, daß man sich im Staatswesen überhaupt nicht durch irgendwelche Verpflichtungen festlegen könne, sondern nur seinem jeweiligen eigenen Vorteile folgen dürfe. So lange ein Vertrag für unfern Staat vorteilhaft ist, halten wir ihn und fordern seine Einhaftung; sobald seine Wirkung uns Nachteile bringt, lassen wir den Vertrag auf- fliegen! Ein häßlicher Standpunkt; aber er scheint verbreitet zu sein. Demgegenüber nimmt sich freilich eine so urkräftige, rückhaltlose, be­geisterte Bekundung der Treugerneinschaft, wie sie in den letzten Monaren zwischen Deutschland und Oesterreich sich abgespielt hat, wie eine altväter­liche Rückständigkeit aus. Tais macht beit Ein­druck einer idealistischen Politik, welche den mo- bernen Realpolitikern als ein Aergernis und eine Torheit erscheint.

Freilich, wenn man genauer zu sieht, so schlägt gerade der ideale Sdjtoung den vorteilhaf­testen Weg ein. Man muß zu unterscheiden wis­sen zwischen einem Augenblicksprofttchen und dem dauernden Vorteil. Wenn ein Staat einen Ver­trag ober fein Treuwort bricht, so büßt er an Ehre und Vertrauen ein unb verliert ben Freund, den er im Stich gelassen har. Ob diese Schäden wirklich aufgewogen werden durch ben Profit, welchen man mittels des Treubruches zu ergat«

36. Jahrgang

X Schon etwas!

In den 7 Monaten, die die Reichsfinanz, reformkommission nun schon arbeitet, hat sie glücklich ein Prozent des Sheuerftedarfs herausgearbeitet. 500 Millionen Bedarf sind be­rechnet, 5 Millionen sind bewilligt. Herr von Sydorn braucht mir noch zwei Nullen dahinter dann ist er ein gemachter Mann!

Die bewilligten 5 Millionen sollen ans der Sekt st euer kommen, die auf Antrag des Ab­geordneten Müller-Fulda beschlosfen wurde. Aber sind diese 5 Millionen auch gesichert? Im Reichs­tage ja; im Bundesrate wohl auch, da niemand in der Kommission widersprach. After der Reichs­kanzler? Diese Steuer ist ja vom Zentrum vorgeschlagen worden. Kann Fürst Bülow seinen Namen unter dieses Zentrumsgesetz setzen? Diese Fragen, fo lächerlich sie in jedem konstitutionellen Staate erscheinen, müssen heute gesteift werden, da der Reichskanzler nach liberalen Berichten er­klärt hat, er nehme keine Steuerreform aus ben Händen des Zentrums an. Diese erhöhte Cham­pagnersteuer kommt vom Zentrum. Was tut er, nun? Die „Kreuzzeitung" behauptet allerdings, baff bie liberalen Politiker, die diesen Satz aus­sprachen, sich auf keine öffentliche Kundgebung des Reichskanzlers berufen könnten; Fürst Bülow bade nie dergleichen im Reichstage, noch sonst öffentlich gesagt. Das ist zutreffend; aber er hat auch nie die entsprechenden Meldungen der offu ziösen Presse dementieren lassen, so daß man diese Worte als gefallen ansehen muff. Jeden­falls wäre es die höchste Zeit, daß endlich eine unzlveideutige Erklärung erfolgen würde, daß jedermann weiß, daß die Steuerreform nur mit dem Block gemacht werden soll.

Bei dieser ersten Stauer, die in der Kom­mission Annahwe fand, verdient die Stellung der Sozialdemokraten besondere Beachtung. Sie haben schon im Jahre 1902 gegen das Charn-s pagnersteuergesetz gestimmt, weil dieses auch den leichten Schaumwein treffe und dieser sei „Volks- getränf". Seit sieben Jahren wurde ben Ge­noss en diese sektfreudige Stimmung sehr oft bor­geftalten, sie suchten allerhand Ausflüchte zu machen und toanbten sich tote ein Aal in dec Pfanne. Hat nun diese Methode etwas genützt?. Nicht sehr viel; denn die hüben in der Kom­mission anwesenden Genossen stimmten nicht für den Zentrumsantrag; freilich hatten sie auch nicht den Mut, dagegen zu stimmen; sie enthielten sich. Eine köstliche Stellung! Alle Welt weiß heute, daff Bier, Tabak und Branntwein stärker be­lüftet werden müssen, daß es kaum einen Konsum- artifel geben kann, den man nicht stärker fteran- ztehk. Da kommt nun der Seft an die Reihe, alle Parteien sind einig, baff bieses Getränk zahlen kann. Nur die Sozialdemokraten machen eine Ausnahme; sie können sich nicht enkschlieffen, das Getränk der Reichen zu besteuern. Und das nennt sich eine „Arbeiterpartei"!!!

Der Anfang mit ben Steuern ist nun gemacht; es werden andere Nachfolgen und zwar zuerst der Tabak, für dessen Mehrbelastung eine Mehrheit sicher ist. Dann hat die Kommission die erste Lesung der Steuervorlagen beendigt. Das Branntweinmonopol ist abgelehnt und dafür die Brannttoeinsteuer erhöht worden; die Biersteuer wurde in verschlechterter Form angenommen; bie Tabaksteuer soll runb 40 Millionen ein- bringen. Tie Reichswertzuwachssteuer hat auf eine große Mehrheit zu rechnen. Abgelehnt aber hat die Kommission: 1. die Nachlaßsteuer, 2. das Erbrecht des Staates, 3. die Erbanfallsteuer, 4. die Weinsteuer, 5. die Gas- und Elekrrizitäts» steuer, 6. die Jnseratensteuer.

tern hofft? klebrigen? war in dem vorliegenden Falle für die deutsche Politik die Versuchung wirklich nicht groß. Diejenigen Großmächte, die gegen Oesterreich Front machen wollten, hatten uns in den letzten Jahren deutlich genug gezeigt, baff sie auch unsere Gegner waren. Darum hatte sofort das ganze Volk in seinem gesunden schenverstande und seinem urwüchsigen Empfin­den sich aufgeschwungen zu dem Entschluß: „Wir müssen fest und treu mit Oesterreich zusammen­stehen gegen die ganze übrige Gesellschaft. Wer was will, der mag kommen!" Bei dieser elemen­taren Bolksstimmung harten die zünftigen Poli­tiker leichte Arbeit. Der Weg lag gerade und breit vor ihnen; sie brauchten ihn nicht zu suchen und nicht erst zu ebnen. Wie die Berliner tagen würden: die Sache ging von alleine! Das war eigentlich kein Kunstwerk, sondern ein Natur­ereignis.

Wir wollen uns aber herzlich freue», daß alles so schön glatt verlaufen ist, gerade so wie cS sollte. Und wenn ein Fest der Treue gefeiert wird, so soll der Wahlspruch fein: Treu um Treuel Was sich heute bewährt hat, möge sich in Zukunft eben­so schön bewähren, so ost beide Bölker für ein wesentliches Interesse deS einen Teils sich solida­risch einsetzen.

Die Treue ist doch kein leerer Wahn, auch In unserem skeptischen Zeitalter nicht. Wenn der größte Teil der Menschheit sich der Treue ent- wöhnt hat, so kann man durch rechtzeitiges Aus­spielen dieses seltenen Trumpfes große Über­raschungen erzielen. Die krummen Wege gelten zumeist als die schlauesten; aber manchmal ist doch der gerade Weg der beste. Auch sin Privat­leben. Wer einen guten Freund hat, soll ihn halten unb hegen, sogar unter Opfern, unb wenn cm AugeMickspvofittchen ihn zum Treubruch verführen will, so muff er hören auf bie Stimme der Ehre, die zugleich ben wahren, dauernden Vorteil bertritt. Ein Freund in der Not ist Goldes wett; man kann sich bie Treue nicht anders sichern, als durch Treue.