Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Monatsbeilage: „zuldaer GefchichKbMer"

WchM iSgttch mit.

LnZnahme -er So.m»

Leiertage. Vlertel- iLhrNcherVers-rprei, -ohne Sringrrloh» unb Vefielgeldin5«ldas»- a>teatuw3rt$ 1.50 Bit

vrrant». Nrdakteurr

«art Schütter für-te Anzeige«:

Z-ParzeLer tn Znlda.

daer

Wochenbettage: „Illustrierte Zonntagszellung"

I

»«zrtgen: vir tht- spaltigeprtitzeileeder deren Bannt 15 pfg. Reklamen drepetitzeile 25 pfg., bei Wieder­holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Botatkonrdrncknn- verlag der Luldaer Ak» üendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

M 110.

Fulda, Samstaa, den 15. Mai 1909.

36. Jahrgang.

Erstes WlcrLL.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 14. Mai 1909.

, Der Reichstag nahm heute bei der Weiterberatung des BankgeseyeS zunächst die Abstimmung über die Anträge Raab vor, die in de» Hauptsache die Gewinnbeteiligung bdt Anteilseigner der Reichsbank Hu schmälern suchten. Die Anträge wurden ab gelehnt.

Dann wurde in der Spezialberatung nach kurzer Debatte Artikel 1 und 2 unverändert angenommen.

x Artikel 3 wollte

- Abg. v. Strombeck (Ztr.) dahin umgeändert sehen, oa§ eine Berpstichlung zur Annahme von Banknoten Lei Zahlungen, welche gesetzlich in gemünztem Gelve Hu leisten sind, nicht statlfindet. Der Zenirumsabgeord- Ä«ke zog seinen Antrag zurück und nach kurzer Debatte ävurdedie Vorlage unverändert angenommen.

KSbann wurde die zweite Lesung des

BiehseuchengesetzeS legötMen.

_ «bg. Lehmann-Jena (ntL) begrüßt im allgemeinen b*- D»rlage, bedauert aber, baß es nicht gelungen ist, Lußerordenllichen Härten der Absperrmaßregeln zu Mildern, daß das Laienelement keinen Einfluß auf die Kontrolle hat, und daß besonders Felle, die Träger einer Seuche sein könnten, von der Einfuhr vollständig ausgeschlossen sein sollen.

Staatssekretär v. Beihmann-Hollweg erwidert, die Anhörung Dun Laien könne nur sirr Fragen allgemeiner Md grundsätzlicher Art gelten, sonst würde die Energie und die Schnelligkeit des Eingreifens gefährdet. Die Anwendung der Abwehrmaßregeln müsse in jedem einzelnen Falle geprüft werden und die Aordnurig derselben liege nur bei der Ministerialinstanz, nicht der Untergeordneten Organen. Er hoffe daher, daß die Vorlage auch in diesen Punkten die Zustimmung des Hauses finden werde.

Adg. Scheidemann (S.) bekämpft die Vorlage, die nur dazu Da sei, um den Agrariern die ihnen unbe­queme ausländische Konkurrenz fernzuhalten. Die Be­stimmungen, wonach alles, was mit den Tie!en auch nur in einem losen Zusammenhänge stände, von der Einfuhr ausgeschlossen werden könne, seien geradezu gemeingefährlich. Redner bittet, die sozialdemolralffchen Anträge auf Streichung der §§ 6 und 7, sowie Den Antrag, gleichzeilig mit der Vorlage einer obligatorischen Viehverstcherung einzusühren, anzunehmen.

Abg. Frhr v. Pfetten (Ztr.! polemisiert gegen den Vorredner unk bezeichnet gerade die §§ 6 uns 7 als f' wichtig, daß wenn diese gestrichen würden, für seine Freunoe das „snze Gesetz leinen Wert mehr habe. Wenn feine Po'.ler die Vorlage wich im Inte- esse Kes Viehbesitzes, im Interesse der Versorgung des deutschen Voltes mit Fleischnahrung und Der Volksgesundheit begrüße, so habe sie doch gegen manche Beftunmungen schwere Bedenken, z. B. bezüglich der Regelung der Kosten- -nd EnischäDigungssrage. Die sozialdemokra­tischen und freisinnigen Anträge, die auf eine Schwächung des Gesetzes hinausliesen, werde seine sw-uer ablehneu.

Abg. Dr. Hahn (kons.) spricht sich für die Vorlage ?, besonders für Die §§ 6 und 7 und bittet um Ab> »ung der Anträge.

Landwlitschaflsminister v. Arnim erklär!, daß die öiegierung bereit sei, die Kosten zu tragen, die infolge des neuen Gesetzes entstehen sollten, und bittet gleich­falls um Ablehnung des lozialDemolralischen Antrags.

Abg. Dr. Struwe (frs. Vgg.) bittet um Annahme des freisinnigen Antrags, wonach die Aussührnngs- -estimmungen der Einzelstaaten dem Reichstag vorge­legt werden müssen.

Abg. Erzberger (Ztr.) hält eine strenge Grenzsperre Sn notwendig. Em Fehler der Vorlage sei, daß die osten nicht von den Landesregierungen getragen wer­den sollen. Wenn im Auslande die Viehseuchen jo energisch bekämpft würden wie bei uns, Dann könnten vir Das Gesetz beDeutenb vereinfachen. Natürlich müssen auch Die Erzeugnisse des ausländischen Viehes unter das Gesetz fallen, sonst nützen uns alle Maß­nahmen nichts. Am einfachsten wäre es, das ganze Seiet; in zwei Paragraphen zusammenzufassen und zwar derart: Paragraph 1. Die Polizei kann tun, was sie will. Paragraph 2, Der Staat zahlt den Schaden, den die Polizei anrichtet. (Heitk.) Das würde auch >

bei einfache Man» verstehen. Die Kosten sollten aus die Einzelstaaten verteilt werden.

Landwirtschaflsminister ». Arnim: Es geht keines­falls an, ben Bundesstaaten einfach die sämtlichen Ko­sten aufzuerlegen.

Abg. Dr. Röstcke (kons.)r Die Worte des Herrn Erzberger waren uns allen aus der Seele gesprochen. (Zuruf links: Der neue Block!) Weshalb sollen wir hier nicht mit dem Zentrum zusammengehen 7 Daran ist doch nichts Unmoralisches. (Heitk.) Wir Landwirte sind gewiß maßvoll und bescheiden. (Zuruf bei den Soz.: Das macht ein Pferd! — Heitk.) Wir wollen Die Lasten des Gesetzes auf uns nehmen, um das Gesetz als Ganzes nicht zu gefährden.

Morgen: Weiterberatung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 14. Mai 1909

Die dritte Lesung deS Etats wurde beim Etat der Eisenbahnverwaltung fortgesetzt.

Abg. Leinert (Soz.): In der vierten Wagenklasse müßten mehr Mchtraucherabtette eingerichtet werden. Die Löhne der Eifenvahnardeiter sollte man erhöhen. Die Regierung dürfe sich nicht wundern, wenn-die zurückgesetzten Ardetter eines Tags zum Streik ihre Zuflucht nehmen.

Eisenbahnminister v. Breitenbach erwidert dem Vorredner, daß die Arbeiter von 1897 bis 1907 um etwa 27 Prozent'und bei der neuen Besoldungsordnung wieder um etwa 20 Prozent erh ht woroen seien. Wenn der Abg. Leinert meine, daß es von der Gut­mütigkeit der Arbeiter abhinge, wenn sie bisher von dem Streik noch keinen Gebrauch gemacht hätten, so habe er von der Arbeiterschaft eine höhere Meinung.

Abg. Lippmann (frs. Vgg.) bemängelt, daß bet Uebernahme Der Privatbahnen in Den Staatsbetrieb Die Beamten inbezug auf ihre Penstonsverhältntsse un­günstiger gestellt worden seren.

Abg. Trimborn (Z.): Gegenüber den Ausführungen des Abg. Letnerl habe ich namens meiner Freunde, zu­mal auch derjenigen, die dem Arbeiterstande angehören, zu erklären, daß sie den Ausführungen des Abgeordneten Leinert nicht beistimmen. Die Arbeiter wollen nicht nur als Arbeiter, sondern als Glieder der Ge- sellschaft und des Staates betrachtet werden. Das wollen sie auch bei Regelung des Arbeitslohns im Auge behalten wissen. Im weiteren bittet Redner um baldige Freigabe der Schnellbahnstrecke Köln-Düffeldors zum Ausbau unb bringt verschiedene Kölner Lokal­wünsche vor.

Darauf wirb unter heftigem Widerspruch einer großen Minb-rhett die Betprechung geschlossen. Vom Zentrum waren noch zum Wort gemeldet die Adgg. Dr. König-Krefeld, Gronowski, Beyer-Dortmund, v. Savigny, Giesderls und Bartscher.

Der Etsendahnetat wird bewilligt.

Beim Baue tat wünscht

Abg. Dr. v. Campe (ntl.) präzisere Festsetzung der Submijsionsbedingungen bei staatlichen Arbeiten, um ben Handwerkern eine genauere Kostenrechnung zu er­möglichen.

Nach weiterer unerheblicher Debatte würbe bei Etat bewilligt.

Eine Reihe weiterer Etats wurde ohne Debatte erledigt.

Beim Etat der Justizverwaltung beklagt sich

Abg. Dinslage (Ztr.) darüber, daß die Gefangenen­arbeit den Hanowerkern zu viel Konkurrenz mache.

Abg. Schepp (frs. Vgg.) verlangt, daß bei der An­klage gegen Krnoer neben dem Psychiater der Lehrer hinzugezogen werde.

Abg. Keil (natl.) wünscht, daß nur ältere, er­fahrene Juristen zu Notaren ernannt werden.

Abg. Leinert <Soz.) bemängelt das schonende Vor­gehen gegen Den Referendar v. Igel. Die Staat?« raison erfordert, daß endlich der Prozeß Eulenburg erledigt wird.

Justizminister Beseler: Die Justizverwaltung steht der Frage der Beschäftigung von tSefanger.cn in der Landwirtschaft sympathisch gegenüber. Heber den Fall Igel kann ich mich nicht äußern, da das Urteil noch nicht rechtskräftig geworden ist. Im Falle Eulenburg haben sich zwei Instanzen über den Geumdheitszustand des Fürsten Eulenburg dahin ausgesprochen, daß eine

gerichtliche Verhandlung jetzt nicht möglich sei. Um ganz sicher zu gehen, ist noch ein Obergutachten von Der höchsten medizinischen Instanz, die wir in Preußen haben, eingeholt worden.

Beim Kultusetat kommt

Abg. Dr. Hetz (Ztr.) aus den Fall des Essener Gymnasiums zu sprechen und bittet die Unter­richts "erwaltung um eine Antwort über das Ergebnis der Untersuchung am dortigen Gymnasium.

Unterstaatssekretär Weder gibt auf Grund des Be­richtes des nach Essen entfandten Kommissars zu, daß tatsächlich eine unterschiedliche Behandlung unb eine Verschiedenheit nach Der sozialen Stellung in ben beiden Paralleltlassen eingetreten fei und daß dem Direktor der schwere Vorwurf nicht erspart werden könne, daß er die soziale Scheidung der Schüler durch seine Schuld tatsächlich habe geschehen lassen und daß er die infolge feiner Nachgiebigkeit gegenüber den Wünschen einzelner Eltern entstandene 'Mißstimmung in den Eltern- und Lehrerkreisen nicht gewürdigt habe. Eine wesentliche Aufgabe der Er­ziehung der Schule sei es, unter ihren Zöglingen Ge­meinsinn und Kameradschaftlichtert zu pflegen unb bas Gefühl in ihnen zu wecken, baß sie nach keinem anbeien Maßgabe, als nach bem der eigenen Tüchtig leit und nach ihren Leistungen be­wertet werden. (Sehr richtig!) Die Unterrichtsver­waltung wird, vorbehaltlich weiterer Maßnahmen, da­für sorgen, daß streng nach diesen Grundsätzen ver­fahren wird und daß Dinge, wie sie in Essen vor- gekommen sind, sich in Zutunst nicht wiederholen. .Lebb. Beifall.)

Auf eine Beschwerde des Abg. Schröder-Kassel (ntl.h daß die Lehrer Brandes und Kimvel wegen an­geblich sozialistiicher Betätigung disziplmarisch bestraft worden seien, erwidert

Ministerialdirektor Schwartzkopff, daß die betr. Lehrer sich wirtlich sozialdemokratisch betätigt hätten, was die Regierung nicht stillschweigend erlauben könne. Die Unterrichtsverwallung denkt nicht daran, einen Lehrer wegen freisinniger oder liberaler Gesinnung zu maßregeln. Aber sie muß mit großer Vorsicht vor­gehen, wenn es sich darum handelt, daß Lehrer sich mit der Sozialdemokratie in Verbindung setzen. DaS ist für einen preußischen Staatsbeamten unzulässig.

Abg. Eickhoff frs. Vp.) bespricht den Essener Fall, desgleichen Abg. Brütt (ntl.).

Das Haus vertagt dann die Weiterberatung auf morgen.

[] Zur Lage.

Die Finanzkommission des Reichstages be­gann gestern ihre Sitzung unter dem Vorsitz des Abg. Spahn. Der Abg. Paasche gab eine Er­klärung ab, seine Freunde seien einstimmig der Meinung, daß es nach den gestrigen Vorgängen nicht angängig sei, daß ein Mitgited der viationalltberalen künftig den Vorsitz in der Kommission führe. Darauf erklärten die Worlsührer der Konservativen, der Freikonserva- ttven und der Wirtschaftlichen Vereinigung, eS habe ihnen fern gelegen, dem Abg. Paasche als Vorsitzenden d.r nationalliberalen Partei zu nahe zu treten. Eine Antwort von nationalliberaler Seite erfolgte darauf nicht. Die Wahl des Vor­sitzenden kann erst in der nächsten Sitzung vor­genommen werden. Dann wird auch die Bande- rolesrage erledigt und die Fahrkartensteuer be­raten werden. Gestern wurde die Frage der anderweitigen Regelung der vom Reiche für die Träger der Unfallversicherung vorschußweise zu zahlenden Entschädigungen beraten. Mit gerin­ger Veränderung wurde die Vorlage angenommen.

Die Kommission vertagte sich dann bis Dienstag mit der Tagesordnung: Fahrkarten­steuer. Dem Vorschläge, am SamStag die Tabaksteuer weiter zu beraten, widersprachen die Abg. Dr. Paasch« und Dr. Wiemer; sie wüßten nicht, waS beraten werden solle, nachdem eine Vorlage der Tabaksteuer erledigt sei. Abg. Gröber erklärte nochmals, die gestrige Ver­

wirrung sei nur entstanden, weil vorgestern trotz der Erledigung der Tabaksteuervorlage die Mehr­heit den Beschluß faßte, am folgenden Tage über eine andere Vorlage betr. den gleichen Gegen­stand zu beraten. In weiteren Darlegungen wurde anerkannt, daß tatsächlich ein formeller Fehler mit jenem Beschluß der Mehrheit gemacht worden sei, und tlargcstellt, daß es sich seitens der Konservativen um keinerlei politische Sieben« absichten gehandelt habe. Der ganze Wirrwarr sei nur entstanden, weil die Mehrheit, die gegen das Zentrum beschloß, die Banderole noch ein­mal auf die Tagesordnung zu setzen, sich von ganz verschiedenen Motiven leiten ließ, die einen wollten durch eine einfache Abstimmung die Banderole begraben, die anderen aber durch eine eingehende Beratung ihr neues Leben einhauchen. Abg. Gröber beantragt, jetzt sofort dies« Frage durch eine Abstimmung zu erledigen. Abg. von Gamp stimmt dem Vorschlag zu. Es wurde jedoch widersprochen und so kam es denn zu folgender Tagesordnung für Dienstag: 1) Wahl des Vorsitzenden, 2) Art. 4 der Vor­lage der Eubkommission, 3) eventl. Banderole, 4) Fahrkartenfleuer.

* ♦ ♦

Daß der Zwischenfall in der Finanzkom-' Mission des Reichstags tatsächlich nur ein Sturm im Wasserglas gewesen ist, hat die gestrige; Verhandlung klar erwiesen. Die Differenzen in der GeschäiteordnungSfrage, die Dr. Paasche ver«! anlaßten, den Vorsitz niederzulegen, sind lediglich die Komequenz eines Fehlers gewesen, der am Dienstag gemacht worden ist. An jenem Tage haben nämlich die Blockparteien gegen daS^ Zentrum beschlossen', obwohl bereits eine Tabak­steuervorlage angenommen worden war, noch eine zweite Vorlage, die Banderolenvorlage, zu besprechen. Dies war geschäftsmäßig unzulässig, und den Fehler haben gerade die Liberalen ge­macht. Es verrät darum wenig politische Ehr­lichkeit, wenn heute die gesamte liberale Presse ein großes Gezeter erhebt über die Vergewaltigung, die Konservative und Zentrum am Donnerstag den Liberalismus zugefügt haben sollen.

Die Erregung unter den Liberalen ist künst- lich gemacht. Welchen Zweck sie verfolge, daS wird man bald verstehen können, wenn man die ganze innere Lage berücksichtigt. Die politische Erörterung dreht sich heute um die Frage, ob der Block noch weiter bestehen wird oder nicht. Es fehlt nicht an Stimmen, di» den Weiterbestand des Blocks erhoffen. Dazu gehört z. B. der ,Reichsbole'. Er plaidiert immer noch für ein Nachgeben auf beiden Seiten und fordert die Konservative.? auf, gegenüber der Staatsnotwendigkeit ihre Bedenken zurückzustellen und die Erbansallsteuer anzunehmen, so schwer es auch Einzelnen sein möge. Er ermahnt auch den Fürsten Bülow, endlich persönlich hervor- zutrelen. DaS blockergebene Blatt denkt doch wohl nicht daran, daß Fürst Bülow daS Rütli- schwur-Experiment, das am 4. Dezember 1907 so schön geglückt ist, nochmals wiederholen soll? Der Erfolg scheint heute fraglich. Die.Tägliche Rundschau' setzt ihre letzte Hoffnung auf den Kaiser. Sie fordert ihn auf,

»daß er aus seiner Reserve herauStriU und in einer Botschaft an den Reichstag oder ht einer anderen Form den festen Willen tunbgibt, die Riichsfinanz- reform unverzüglich und mit diesem Kanzler durchzu­führen. Kommt ein solches Kaiserwort, so wird sich der

W Sam Les GehemM

1051 Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld-

„Nein, tzch könnte Euch überhaupt jetzt nicht Zumal mit Bestiinmtheit sagen, aus welcher Rich­tung der Schuß abgefeuert wurde — das Grüß- liehe war zu viel für mich. Ich schrie in meinem Entsetzen laut auf und eilte nach Hause zurück. Ich war von Sinnen vor Schrecken und Grausen."

„O, Evelyn, wiederum und wiederum, — wenn Du mir doch nur vertraut hättest — wenn Du nur geradeswegs zu mir gekommen wärest — ich hätte Dich retten können. Was hast Du daun getan?"

„Ich sah, daß mein Kleid und meine Hände ganz feucht von Blut waren und--"

„Hat Dich irgend jemand gesehen?" unter­brach ihr Gemahl schnell.

„Ich werß nicht ich erinnere mich nicht. F$a, doch — das Mädchen, das mir das Wasser brachte, muß mich gesehen haben. Ich klingelte hach heißem Wasser, und sie kam in s Zimmer." { Ein Ausruf des Entsetzens von beiden Zuhö- ^rrn zeigte Lady Wayne, was sie fürchteten.

„An mehr kann ich mich nicht erinnern," jagte sie müde. „Ich legte mein Kleid ab; aber ich Stuß wohl vergessen haben, welch gefährliches Zeugnis die Blutflecken darauf gegen mich ab- egten, denn ich weiß nicht einmal mehr, was ich «mit getan habe. Ein einziger Schauder, ein inziges Entsetzen überkam mich. DaS Einzige, oas mir noch klar vorschwebt, ist ein fieberhafter, chrecklicher Traum, daß ich die roten Flecken nicht ton meinen Händen bringen konnte."

. Wieder blickten die beiden sich an, in dem ge­meinsamen Gedanken, welch schreckliches Zeugnis >er Arzt über jenes Delirium möglicherweise ob­legen konnte.

I Lord Wayne sah vollständig hülslos und rat- xs aus.

t arme Evelyn," sagte er, „was für ein tzMterftches Netz hast Du. Dir selbst gesponnen?

Ach, mein Liebling, wie sollen wir Dich retten, um des Himmels willen?"

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, etwas wie Schluchzen entrang sich seiner Brust.

„Wie sollen wir Dich retten?" wied-rholte er. „Weißt Du, welch eine schreckliche Kette von Be- weisen gegen Dich vorliegt?"

„Nein," erwiderte sie, und er sah stummen Schrecken in ihren Augen. „Sag mir nur gleich das Schlimmste, Mortimer: es kann nicht viel mehr zu leiden sein."

„Das Schlimmste, mein Liebling? Ach, die Bluthunde sind ja jetzt schon auf der Spur - es warten jetzt schon die Leure, um Dich wegen des — wogen — ich kamsts nicht sagen — wegen des Todes dieses Mannes sestzuuehmenl"

„Sie glauben, ich hätte ihn ermordet?" slü- sterte sie.

Er nickte. „Das am Tatorte gefunden« Arm­band, das Kleid mit seinen schrecklichen Flecken, das Bruchstück des Briefes mit Deinem Namen find alles finstere, unerbittliche, verhängnisvolle Zeugen gegen Dich."

Sie sich ihn mit dem ruhigen Vertrauen und einfachen Glauben eines Kindes an.

„Ich fürcht« mich nicht," sagt« sie vuhig. „Ich bin vollständig unschuldig. Einerlei, was er mir alle- für Schreckliches gesagt hat, aber der leiseste Gedanke, ihm ein Leid zu tun, wäre mir nie auch nur in den Sinn gekommen. Ich bin unschuldig. Gott wird mich beschützen, nicht wahr?"

„Gewiß, gewiß," schluchzte Marian West, „furchte nichts, Evelyn."

Sie blickte wieder mit ruhigen klaren Augen ihren Gatten an.

JWortimer, Du sprichst nicht. Gott kennt meine Sunden, meine Torheit, meinen Leichtsinn: aber er kennt ebensogut auch meine Unschuld, und er wird mich durch diese Gefahr hindurchbringen, nicht wahr?"

„Ja, mein Liebling," erwiderte er leise und legte ihr die Horch auf das goldig schimmernde Haar.

Sie sah zu ihm auf.

„Ach, Mortimer, ich verstehe. Obwohl meine Unschuld bewiesen wird, und das wird geschehen, so kann das doch nicht die Schmach und Schande von uns abwenden. Ich sehe jetzt alles."

„Wir können das nicht vermeiden," sagte er, „es muß kommen."

Sie war plötzlich still geworden; in ihren Zü­gen lag eine stumme hoffnungslose Verzweiflung, die ihn mehr ergriff, als Worte es vermocht hätten.

„Ich verstehe. Ich bin Dein Weib, bin Lady Wayne von Kenninghall; ich trage einen Namen, auf dem nie ein Makel geruht. Ich bin die Mut­ter Deiner Kinder, und doch muß ich mich dieses schmählichen Verbrechens anklagen lassen. O, Moriimer, mein Mann, kannst Du mich nicht retten?"

«Was Herz unb Hand eines Mannes zu tun vermögen, will ich tun," erwiderte er. Und nun noch eins, Evelyn. Werner sollte sofort die Wahr­heit erfahren. Ich vergaß Dir zu sagen, daß er mit Frau Jefferies vorhin hierher gekommen ist. Sie hatte durchaus darauf bestanden, Dich zu sprechen, und deshalb kam ich vorhin mit ihr hier­her. Ehe auch nur irgend etwa» anderes ge- schiebt, muß dies geregelt werden. Ich will Dir zeigen, tote vollständig und freiwillig meine Der- zeihung ist. Meine erste Sorge sollst Du selbst fein, meine zweite soll die fein, daß Deinem Sohne zu seinem Rechte verholten wird. Seine Tante, Miß Aylesford, muß ihn keimen lernen und ihn anerkennen. Aylesford Manor muß sein Eigen werden."

Sie blickte den Dank, den ihre bebenden Lip­pen nicht auszusprechen vermochten.

„Ich will ihn zu Dir schicken," fuhr er fort.

Sie ging noch einmal mit gefalteten Händen auf ihn zu.

„O, Mortimer," rief sie, „Mortimer, glaubst Du nicht, daß mir diese schreckliche Anklage erspart bleiben kann?", - —

„Ich will tun, was ich kann," versetzte er trö­stend.

Doch in der Tiefe seines Herzens wußte er, daß alle Bemühungen vergeblich sein würden, und daß sie, die Frau, die er über alles liebte, vor der ganzen Welt des Mordes angeklagt würde da- stehen müssen.--

Er fand Werner im Gesellschaftszimmer, schrecklich verstört und angstvoll aussehend. J

Lord Wayne war zu sehr Edelmann im wah­ren Sinne des Wortes, um irgend ein bitteres Gefühl gegen den jungen Mann zu hegen. Er ging auf ihn zu, legte ihm die Hand auf dir Schulter und sah ihm ernst ins Auge.

„Werner," sagte er, „Sie haben vielleicht et- was von der Wahrheit gebärt, aber jedenfalls nicht alles. Kommen Sie mit mir zu Lady Way. ne's Zimmer."

Ohne ein weiteres Wort schritten sie durch dis langen Korridore, die breite marmorne Treppe hinan, bis vor die Tür ihres Gemaches.

„Gehen Sie allein hinein," sagte Lord Wayne; „es wird am besten sein."

lieber diese Szene wollen wir den Vorhang fallen lassen.

In späteren Jahren war es Werner wie ein Traum, ein Traum von zwei zärtliche »».liebevol­len Frauen, von denen ihm eine die Verkörperung von Starkmut und Weisheit geschienen, indes di« andere ihr goldenes Haupt vor ihm geneigt und ihn gebeten, ihr zu vergeben.

Ein Traum, daß er dann dasselbe goldene Haupt an seiner Brust gehalten, indes seine Mut- ter lhm ihre Lebensgeschichte nochmals erzählt hatte, dann, daß er etwas ruhiger neben ihr ge- fefien, unterdes Marian West von der tödlichen Gefahr berichtete, die sie bedrohe.

„Ich wundere mich nur," tagte Marian, als sie von einem Gesichte zum andern blickte, „daß nie jemand das Geheimnis erraten hat. Ich habe noch die zwei Gesichter gesehen, die einander to vollständig geglichen."