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Jahrgansi.

-Zweites gßlatt.

Ü Die Monarchenzusammenkünfte.

Es wird versichert, daß die Begegnung zwi­schen dem deutschen Kaiser und dem König von Italien in Brindisi bei allen Beteiligten den besten Eindruck hinterlassen hat. So kurz der Besuch auch war, er verlief doch sehr herzlich. Das Kaiserpaar war in bester Stimmung, ebenso dre italienisck-en Herrschaften.

Weittragende politische Folgen kann der Be­such nicht haben. Die Beziehungen Deutsch­lands und Italiens sind niemals getrübt gewesen, trotzdem Italien oft augenblicklichen Stimmungen und Verstimmungen sich hingebend, englischen Lockungen zu folgen schien und dadurch der Bestand des Dreibundes bedenklich erschüt­terte. Deutschland und Italien haben zahllose Freundlichkeiten miteinander getauscht, Deuisch- lands Monarchen haben in Rom offizielle Be­suche gemacht, Deutschlands leitende Staatsmän­ner mit den italienischen Kollegen auf deutschem wie auf italienischem Boden herzliche Zwiesprache gehalren. In schönster Weise hat deutsche Hilfs­bereitschaft bei der erschütternden Katastrophe von Messina sich gezeigt und, was auch der von englischer Mißgunst beeinflußte kleinere Teil der italienischen Presse sagen mochte, in der italieni-' schen Bevölkerung dankbare Anerkennung ge- funden.

Weniger gut ist man in Italien auf Oester- 'eich zu sprechen und wenn jetzt Kaiser Wilhelm als ehrlicher Makler zwischen Italien und Oester­reich hätte auftreten und sich bemühen wollen, die Verstimmung der italienischen Politiker über Oesterreichs Balkanpolitik zu zerstreuen, so hätte Iian sehr ernstliche Zweifel an dem gründlichen Erfolge dieser Bestrebungen hegen müssen. Tie Verstimmung sitzt tief im italienischen Volke, und weite Kreise sind von ihr ergriffen — ein Mo­narchenbesuch von kurzer Dauer kann sie nicht be­heben.

Politische Bedeutung kommt auch dem Besuch Kaiser Wilhelms in Wien nicht zu. Zwar wird der Kaiser von Hof und Bevölkerung sehr freund­lich ausgenommen werden, aber es ist nicht mög­lich, unser Bundesverhältnis noch inniger zu ge­stalten. Jedes Wort darüber ist überflüssig. In Wien wird das Lied von der bundesgenössischen Liebe und Treue in hohen und höchsten Tönen gesungen werden. Die guten Wiener überschla­gen sich förmlich in dem Bestreben, ihren Tank für die Bundestreue Deutschlands zum Ausdruck zu bringen. Es sollen Straßen nach dem Deut­schen Kaiser benannt und Gedenktafeln ange­bracht werden, die den Besuch Kaiser Wilhelms der Nachwelt verkünden; man spricht von „Ni- belungentreue", überall sollen die deutschen Far­ben wehen und Ivas dergleichen Kundgebungen mehr sind. Man kann sich kaum eine Vorstel­lung machen, wie dankbar die österreichischen Po­litiker dem Deutschen Reiche für sein entschlosse­nes Auftreten in der Balkanfrage find. Gewiß hätte sich Oesterreich aus eigner Macht aus der Lage herausgefunden, aber es härte viel Geld und Blut gekostet und das Ende wäre doch wohl eine europäische Verwickelung gewesen.

Mit berechtigter Genugtuung darf heute daran erinnert werden, daß die politische Vertretung des katholischen Volkes zuerst und mit eiserner Konsequenz dem festen Bündnis Deutsch­lands mit Oesterreich das Wort geredet hat. Bischof Wilhelm Emanuel v. Kettelet betonte schon im Januar 1867, nachdem unmittel­bar vorher auf dem Schlachtfeld von Sadowa Preußen sich die Oberhoheit in Deutschland er­rungen harte, die unabweisbare Notwendigkeit, an die Verwirklichung jenes großen politischen Programms herarrzrttreten, das einst Heinrich v. (Sagern als Reichsministerpräsident in Frank­furt 1848 aufgestellt. Das Programm ging ba-' hin: Den deutschen Bundesstaat unter Führung

des Königs von Preußen mit Wahrung der recht­mäßigen Selbständigkeit delr deutschen Fürsten und Länder und in engem unauflöslichem Bünd­nisse mit Oesterreich zu verwirklichen. Soweit die Macht der Tatsachen es zuließ, war in diesem Programm die Versöhnung des großdeutschen mit dem kleindeutschen Gedanken versucht. Jo­seph v. Radowitz, der bekannte preußische General und Berater König Friedrich Wilhelms IV. er­neuerte denselben Versuch in den Jahren 1849/50 in den Plänen, die sich an die sogenannte Unions­verfassung anschließen.

Die Politik von Blut und Eisen hat die Ent­scheidung in der deutschen Frage gebracht. Die bundesstcmtliche Einigung in der Form des neuen deutschen Reiches mußte auf dem französischen Schlachtfelde erkämpft werden. Das völkerrecht­liche Bündnis dteses Reiches mit der österreichisch- ungarischen Monarchie ist im Jahre 1879 durch die Politik Bismarcks und des Grafen Julius Andrassy und die Wcksheii! der beiderseitigen Kaiser glücklich hergestellt worden. Vorher war gerade vom Zentrum im Reichstage immer wieder auf die Notwendigkeit eines derartigen Zusammenschlusses der beiden Länder hingewie- fen worden. Ter tatkräftigste Verfechter des Ge­dankens war der geistvolle Herausgeber der Hi- storisch-Polltischen Blätter, der verstorbene Ab­geordnete und Publizist Dr. Edmund I o e r g. Nach ihm hat neben dem Zentrumsführer Dr. W i n d t h o r st, vor allem Frhr. v. H e r t l i n g der Sache das Wort geredet. In aller Erinne­rung ist noch die großzügige Rede des gegenwär­tigen Vorsitzenden der Zentrumsfraktion bei der jüngstenVerhandlung über die Auswärtige Poli­tik im Deutschen Reichstage.

Deutsches Reich.

X Nur des Blockes halber l Daß sich im Gegensatz zu der Mehrheit der Konservativen der Abg. Pauli für die Erbanfallstener gesprochen hat, ist schon berichtet worden. Aus welchen Gründen der Abg. Pauli umfällt, legt er in anerkennswerter Offenheit in der .Pots­damer Tageszeitung' dar und sagt u. a.:

„3<b bin in letzter Zeit viel im Reiche heruin- gekommen. UeberaU habe ich die Meinung und den Wunsch vorherrschend gefunven, den Block zu er­halten, unter keinen Umständen aber ein Zusammengehen mit dem Zentrum gutzu- heis-en. Es ist ungerecht, daß man sich in der kons-r- valiven Partei noch heute gegen die! en Volkswillen stemmt. Die Herren von der konservativen Partei kennen die Stimmung im Lande nicht. Ich kann die Verantwortung und das Odium nicht auf mich laden, durch eine ablehnende Haltung gegenüber Erbschafts­steuer mit dazu beigetragen zu haben, daß die Finanz- resorm zu Fall kommt. Ich werde deshalb für die Erbanfallsteuer stimmen. Die Gefahr ist groß. Das deutsche Volk wartet aus die erlösende Tat. Möge man an maßgebender louservaliver Stelle bald ein­sehen, daß es hierbei weniger auf Prinzipien ankommt, sondern, daß höhere Ziele in Frage stehen."

Da haben wir das unumwundene Zugeständ­nis, daß nicht sachliche Gründe bestimmend sind, sondern nur Rücksichten auf den Block und Haß gegen das Zentrum. Die Steuer mag schlecht, ungerecht sein, darauf kommt es Herrn Pauli nicht an, es darf nur das Zentrum nicht daran Mitarbeiten! Diese brutale Aus- laffung wird man sich merken.

** Zur Lage auf Samoa berichtet die ,Rordd. Allg. Ztg/, daß nach einem in Berlin eilige- gangenen Telegramm der Sprecher Lauati mit sieben weiteren Rädelsführern auf dem Kanonen­boot »Jaguar" in Saipan eingelroffen ist. Zwei weitere Häuptlinge und der Anhang der Verbannten sind anf dem Kreuzer „Brkona" eben­falls dahin unterwegs. Die Ruhe ist zwar in­zwischen wiederhergestellt worden, doch bleibt auf Antrag des Gouvernements emkleinerKreuzer

Kleines Fenittetou.

— Die Wirkung der Sonnenstrahlen auf Ge. sundheit und Langlebigkeit. Nach den Unter- fudjungen, die von den Behörden des Kantons Tessin angestellt sind, stehen Sonnenschein und Lebensdauer in beachtenswertem Zusammen­hänge. Ein umfangreiches, auf mehrere Hundert Ortschaften sich erstreckendes meteorologisches Material ließ erkennen, daß sich der Kanton an - wenigstens 300 Tagen des Jahres des Anblicks der Sonne auf längere oder kürzere Zeit erfreut; die Ortschaften Carabietta und Pentilino genie­ßen sogar 327 bezw. 321 Sonnenscheintage, und auch die Städte Lugano und Lucarno sind wegen der Häufigkeit deS Sonnenscheins berühmt. Man nimmt an, daß auf dieser Begünstigung durch die Sonne wenigstens teilweise die ungewöhn- liche Langlebigkeit der Bewohner des Kantons Tcssin beruht, unter denen im Jahrs 1906 von cttoa 150000 Menschen beinahe 6500 im Alter von mehr als 70 Jahren standen; 10 Bewohner unter Tausend waren sogar über 80 Jahre alt. Die Erklärung für die wohltätig- Wirkung des Sonnenscheins liegt teils auf körperlichem, teils ■auf seelischem Gebiete. Die Wärme und die che­mische Strahlung der Sonne wirkt nicht nur auf len Stoffwechsel des Körpers, sondern bewirkt auch eine Abtötung der Krankheitskeime, wäh­rend das Licht zugleich eine Erhöhung der Ge- hmitssiimmung mit sich bringt. -p-

— Tie Luftschiffahrt in fünf Jahre». Ein Pariser Chronist stellte die Frage: „Wie tont toirb sich die Luftschisfahrt in fünf Jahren ent­wickelt haben?" Die einen erwiderten, daß man Wn von Paris nach Nizza im „Sleeping-Jeare"

reisen könne und es „Aerobnsse" von der Made­leins nach der Bastille geben werde. Der Stolz der Pariserinnen werde cs sei», einen Aeroplan ihr eigen zu nennen und des Morgens über das dunstige Paris hinweg nach äsn Bois de Bou- logne gondeln zu können. Andere wieder sind skeptisch und meinen, die Fortschritte in fünf Jahren könnten noch keine so große fein, daß alle an das Luftschiff geknüpften Hoffnungen ver­wirklicht würden. In Wirklichkeit genügen ja fünf Jahre den Aviatikern nicht, der Menschheit Flügel zu verleihen. Aber es ist möglich, daß m fünfzig oder hundert Jahren die neue Verkehrs­methode in unsere Gewohnheiten über gegangen sein wird. Unsere Urenkel werden die Lüfte be­herrschen und die Liebespärchen werden sich im „Aerotaxi", hinter der zweiten Wolke, ein Stell- bidjein geben. Die Armen dagegen müssen sich mit dem an der Erde klebenden Automobil be­gnügen, das dann auf gebärt hat, das Gefährt der oberen Zehntausend zu sein. Es wird dann so­weit kommen, daß das Gebein des letzten Pferdes als Rarftät neben dem Skelett des Tiplodocus im Museum figurieren wird. Die Beine werden außer Gebrauch gesetzt werden, da es bei der Un­menge von Beförderungsmittel niemand mehr einfallen wird, zu Fuß zu gehen. Man wird an­statt der Tritte der Fußgänger nur noch das Pusten der Motors und aS Pfeifen dec die Luft peitschenden Schrauben, sowie das Getute der Sirenen hören. Eines Tages wird man dann in den Zeitungen die große Nachricht lefen: Ein Mann hat zehn Meter zu Fuß zurückgelegt, in­dem er ein Bein vor das andere setzte! So wird schließlich ein neuer Sport entstehen: der Ge­brauch der Füße! -p.

noch längere Zeit vor Apia stationiert. - Heber die Ereignisse selbst, die der Entsendung der drei Kreuzer nach Samoa voraufgegangen sind, verlautet immer noch nichts.

Ausland.

Po» einer angeblich deutschen „Probein- vasion" werden dis Engländer stark beunruhigt. Ein Abgeordneter richtete am Mittwoch im Un­terlaufe an die englische Admiralität die An­frage, ob der englischen Regierung bekannt sei, daß kürzlich die deutsche Armeeleitung in Ham­burg zwei Dampfer mit Soldaten bemannen, in der Nordsee kreuzen und in den englischen Fluß Humber einlaufen ließ, woraus sie nach Hamburg zurückkehrtm. Kein englisches Wachtschiss habe dieses Manöver bemerkt, der englische Küstenbe­obachtungsdienst fei überaus mangelhaft, sodaß die Sicherheit des Landes aufs Höchste bedroht sei. Jenes Mairöver hätte offenbar den Zweck zu erkunden, ob deutsche Soldaten ohne Schwie­rigkeiten in England landen könnten. — Die eng­lische Presse schlägt natürlich aus diesem Mär­chen wieder nach Kräften Kapital.

* Teheran von den Revolutionären bedroht. Die Vorhut der Revolutionäre soll bereits die vorletzte Station vor Teheran erreicht haben. Die Kosakenbrigade, die in der Stadt stationiert ist, trisst Vorsichtsmaßregeln. Der Schah beab­sichtigt, angesichts 6er bedrohlichen Lage seinen Aufenthaltsort nach einem seiner Sommersitze zu verlegen. Blutige Zusammenstöße werden erwartet. Die Regierung tut alles, um die Gegenpartei umzustimmen, aber es scheint zu spät zu sein und eine Entscheidung unmittelbar beoorzustehen.

Aus dem Nachbargebiete.

* Brückenau, 13. Mai 1909. Das seit Jahr- hunderren medizinisch bekannte Kgl. bayerische Mineralbad Brückenau (Stahl- und Moorbad), welches seinen Ruf. als Heilbad zu allen Zeiten glänzend bewährt hat, ist auch in diesem Jahre, in seiner Weiterentwicklung und seinem Bestreben, sich stets auf der Höhe der Zeit zu halten, nicht stehen geblieben. Eine Reihe von Verbesserungen und Verschönerungen wurden durchgeführt. Die Heilwirkungen der Wernarzer Quelle für Blasen- und Nierenkranke, der Stahl- quelle bei Frauenleiden und der Sinnbergerquelle bei Katarrhen der Luftwege usw. sind zu bekannt, um an dieser Stelle darüber zu berichten. Auch die Badevertoaltung hat alle Vorbereitungen ge­troffen, in den ihr unterstellten kgl. Kurhäusern den ankommenden Kurgästen durch größten Kom­fort den Aufenthalt möglichst angenehm zu ma­chen.

* Hanau, 13. Mai 1909. In der Jahresver­sammlung des Hanauer Geschichtsvereins berich­tete Prof. Dr. Wolff aus Frankfurt über die „U m- gebung Hanaus in der jüngeren Steinzei t", wobei er erwähnte, daß er am Samstag gemeinsam mit dem Direktor der Rö­misch-Germanischen Kommission, Prof. Dragen­dorff, acht neugefunbene Niederlassungen aus ver­schiedenen vorgeschichtlichen Pebioden zu beiden ©eiten der hohen Straße ausgenommen habe, worunter sich eine besonders ausgedehnte aus der jüngeren Steinzeit befinde. Das erste Ergebnis der Nachgrabung war die Aufdeckung einer Wohn­grube, in der sich besonders zahlreiche Scherben und ein ztveigliederigcs Schieferamulett des Ki­lianstädter Typus fanden. Der Vortragende be­tonte, daß die Ergebnisse der Hanauer Lokalfor­schung auf dem gegenwärtig im Vordergründe des wissenschaftlichen Interesses stehenden Gebiete der jüngeren Steinzeit recht erfreulich gewesen seien und die Erfahrung der letzten Monate und Wochen die bestimmte Hoffnung erweckten, daß auf dem an altertümlichen Funden einst so un­fruchtbaren 58oben bet „hohen Straße" unb ihrer Umgebung noch manche wissenschaftlich wertvolle Entdeckung gemacht werbe.

* Frankfurt a. M., 12. Mai 1909. Ter Ober­musikmeister bes Leibbragonerregiments Nr. 23, Wilhelm Schulz, der feine Musiker mit Fäusten, dicken Packen Notenblättern und mit Musikinstru­menten ins Gesicht und auf den Mund geschlagen hafte, wurde wegen Mißhandlung in zwölf Fäl­len, Beleidigung und Mißbrauchs der Dienstge- roalt in drei Fällen heute vom Kriegsgericht zu sechs Wochen Arrest verurteilt.

* Witzenhausen, 10. Mai 1909. Auffallend haben sich in unserer Gegend die Elstern ausge­breitet. Zwar sind einige durch das Fressen von Fuchsköder eingegangen, jedoch ist immer noch ein großer Teil da, sodaß es im Interesse unserer Vogelwelt ratsam ist, daß die Nester zerstört und den Elstern selbst vonseiten unserer Jäger tüchtig zu Leibe gezogen wird.

* Kassel, 11. Mai 1909. Die Hauptversamm­lung des Tetaillistenverbandes für Hessen und Waldeck wurde am Sonntag hier abgehallen. Der Kassenbericht weist eine Einnahme von 4442,57 Mark und eine Ausgabe hon 4361,02 Mark nach. Eine Besprechung über SchlietzungderBer- kauf släden am Gründonnerstag vormittag endete in dem einmütigen Beschlüsse, an die Kgl. Regierung Eingaben zu richten, in welchen die Aufhebung der diesbezüglichen Ver­ordnung nachgesucht torrb.

* Aschaffenburg, 12. Mai 1909. Sozialbe- mokratifche Ungezogenheit. Bei ber letzten Reichstagswahl hatte in einer sozialdemo­kratischen Versammlung auch ber Holzhänbler Ni- kolaus Haus von hier bas Wort ergriffen, wobei er sich als Anhänger ber Sozialbemokratie be­kannte. Neben zahlreichen heftigen Ausfällen auf

bas Zentrum, tischte der Genannte auch über den Abgeordneten Gerstenberger die folgende Verleum- düng auf. Daß die Mainkanalisation noch nicht durchgesührt sei, so führte Haus aus, daran sei allein die Lässigkeit des Abgeordneten für Aschaf­fenburg schuld. Gerstenberger stehe eben auf dem Standpunkt „was braucht der Bauer eine Kanali­sation, für den ist eine Zipfelhaube und eine Rotz­nase gut genug". Diese Gemeinheit ist seinerzeit schon gebührend zurückgewiefen wordeir. Derselbe Nik. Haus har nun an dem Tage, an welchem er vor 14 Tagen seinen Konkurs anmeldete, bas Weite gesucht. Ueber seine Manipulationen werden die interessantesten Dinge erzählt: Kre- biterschleichungen, überklebte Seiten in ben Bü­chern, vom Buchhalter gefälschte Wechsel unb son- sllge nette Dinge. Solche Leute ftnb doch in bet Tat berufen, einen Abgeordneten, der soviel Ver­dienste um seinen Wahlkreis hat, in einer betarti­gen Weise anzupöbeln! Wenn sich bas alles Einer aus ber Zentrumspartei geleistet hätte, was würbe ba wohl die sozialdemokratische Presse schreiben! So aber schweigen alle Flöten.

* Gotha, 12. Mai 1909. Durch ein von Erfurt kommendes Automobil aus Arnstadt wurde gestern abend kurz nach 6 Uhr in dar Perthes- straße ein dreijähriges Mädchen überfahre» und schwer verletzt.

* Darmstadt, 11. Mai 1909. Der' diesjährige 17. Bundestag des Bundes deutscher Gastwirte findet in der Zell vom 21. bis 24. Juni in Darmstadt statt. Dieser Bundestag er- hält dieses Jahr besondere Bedeutung durch die damit verbundene große Jubiläums-Ausstellung für dos Hotel- unb Gastwirtsgewerbe unb ber- wandte Berufe, welche vom 19. bis 28. Ium 1909 daselbst statifindet. x

* Worms, 10. Mai 1909. Der Schuster Voigt, der „Hauptmann von Köpenick", wurde durch die Wormser Polizei an seinem Vorhaben, sich gegen Eintrittsgeld wahrend des gestrigen und heutigen Tages sehen zu lassen, verhindert und ausgewiesen, sobald er hier angekom- men war.

* Wiesbaden, 12. Mai 1909. Der Mord art ber verehelichten Frau Rosa T h a m e r beschäf­tigt sei: Montag das hiesige Schwurgericht.■ Am 13. Januar b. I. wurde die Frau auf der Landstraße zwischen Königstein und Niederhöch- stedt tot aufgefunden. Tie Sektion ergab, daß sie durch einen Schuß in ben Kopf getötet wor­den war. Der Verdacht, die Tat verübt zu haben,, lenkte sich auf den Stationshilfsaufseher Buräfe Hardt, der, obwohl verheiratet, seit Jahren ein Liebesverhältnis mit Frau Thamer unterhaltend hatte. Es stellte sich auch heraus, baß sein 16jcihr. Sohn Philipp am Tage vor ber Tat seinem Lehr-! Herrn, einem Gärtner in Klein-Schwalbach, einen Revolver weggenommen unb am Tage nach ber Tat wieder an seinen Platz gelegt hatte. Nach seiner Verhaftung versuchte Burckhardt die Schuld auf seinen Sohn abzuwälzen. Da ber Sohn erst 16 Jahre alt ist und deshalb nicht zmn Tode ver­urteilt werden könnte, so war erklärlich, weshach Burckhardt die Tat auf Philipp schieben wollte.

* Nierstein, 11. Mai 1909. Ihren 100. Ge- burtstag beging heute in ziemlicher Rüstig-, feit Frau Gg. Schneider Wwe. von hier. Die ehrwürdige Matrone überstand im letzten SBinter noch eine sehr schwere Lungenentzündung, und trinkt noch heute trotz ihrer 100 Jahre täglich ihre Flasche Niersteiner, wie sie dies seit vielen Iah- ren gewohnt ist.

* Heiligenstadt, 12. Mai 1909. In ihrer Dienstag abend abgehaltenen Sitzung haben die Stadtverordneten die Erweiterung des städtisch«« Elektrizitätswerkes durch Aufstellung neuer größerer Maschinen und Vergrößerung des Maschinenhauscs mit einem Kostenaufwande von 74 000 Mark beschlossen.

vermischtes.

* Ans Furcht vor vermeintlichert Eiubrecherr» in den Tod. In Pforzheim waren zwei drei! und vier Jahre alte Kinder in der Wohnung auf kurze Zeit eingeschlossen allein zurückgeblieben.! Eines der Kinder spielte mit Zündhölzchen imb' fetzte das Bettchen des Briiderchens in Brand. Das Feuer wurde von den Nachbarn bemerkt und zwei Männer eilten, mit Beilen versehen, zur Hilfeleistung ins Haus. Irrtümlich gerieten sie in die ein Stockwerk höher liegende Wohnung eines Goldarbeiters. Tie allein anwesende Frau vermutete in -ben beiben mit Beilen bewaffneten Männern Einbrecher, stürzte sich in ihrer Angst aus bem Fenster und starb balb darauf. Don den Kindern hat nur das eine leichtere Verletzungen erlitten, während bas anbere unversehrt blieb.

* Einen Feuerwerkskörper warf auf offener Straße in Düsselborf ein Schüler auf ein 8jöhr. Schulmädchen. Die Kleiber bes Kinbes stanben sofort in Hellen Flammen, und nach schwerem Sei­hen ist es gestorben.

* Die Weichsel führt plötzlich wieder Hoch, w a s f e r. Die Niederungen find meilenweit überschwemmt. Der an den frisch bestellten Fel- bem verursachte Schaden ist groß.

* Die Dame aus Holland. In Traben-Trar­bach ereignete sich folgendes wahre Geschichtchen: Eine dortige Dame, Fran Emert-Kool, eine geborene Holländerin, ließ aus Anlaß deS freu­digen Ereignisses im Haag 600 Bretzelnan die Schuljugend verteilen. An einem der nächsten Tage fragte ber Lehrer beim Geschichtsunterricht, nachdem eben das Zeitalter des Großen Kurfür­sten durchgenommen worden war: „Welche Derne aus Holland soll jeder gute Deutsche kennen?" (Er spielte auf die Gemahlin des Kurfürsten an.) Alle Hände fahren in die Luft, unb beinahe ein­stimmig erschallt die Antwort: „Fran Emert".