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Verantw. Redakteur: Carl Schütter
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M 108.
Fulda, Donnerstaa, den 13. Mai 1909.
36. Jahrgang.
Kustes McrtL.
Deutscher Reichstag.
Hitzung vom 12. Mai 1909.
Aus m Tagesordnung steht die Fortsetzung der iS ng des Antrages Speck (Zentr.) auf
Einführung einer Mühlennmsatzfteuer.
Abz. Molkenbuhr (Soz.) ist mit dem Antrag nicht einverstanden. Die Aussaugung der kleinen Betriebe durch die großen mag man bedauern, aber man findet fie überall. Und wenn bei der Vermahlung des Brotgetreides infolge der fortgeschrittenen Technik und sonstigen Vorzüge der Großmühlen jährlich Millionen gespart werden könnten, dann hab« der Großbetrieb nirgends mehr Berechtigung als in der Müllerei. Ein Mehltruft sei nicht zu befürchten, man könnte ihm auch im Augenblick durch die Aufhebung der Getreidezölle den Garaus machen.
Abg. Gothei» (freis. Vgg.) lehnt den Antrag als ungerechtfertigte Belastung der Großmühlen ab. Er führe aus eine abschüffig, Bahn, die schließlich allen Berufszweigen gefährlich werden könne.
Abg. Beck-Aichbach (Zentr.) tritt den Ausführungen des Abg. Gothein entgegen. Die kleinen und mittleren Mühlen seien außerordentlich stark zurückgegangen, daran sei allein die Konkurrenz der Großbetriebe schuld. Die Regierung habe die Pflicht, dafür zu sorgen, daß der gewerbliche Mittelstand erhallen bleibt, also hier der Heute und mittlere Müllerstand. Das sei aber nur möglich durch eine gestaffelte Umsatzsteuer für die Großmühlen. Die übrigen Bedenken gegen den Antrag könne man gelten lassen und bitte daher um Annahme des Antrags.
Abg. HanSman« (natl.) lehnt mit einem großen Teil seiner politischen Freunde aus wirtschafllichen und rechtlichen Gründen eine Umsatzsteuer auf Großmühlen ab. Den Kleinmühlen könne am besten geholfen «erden durch Gründung von Einkaufsgenossenschaften, durch Entgegenkommen bei der Brandkassenversicherung usw.
Abg. Günther (freis. Vp.): Seine polittichen Freunde ständen dem Antrag ablehnend gegenüber, wären aber »reit, daran mit zuarbeiten, den kleinen Mühle anderem Wege zu helfen.
Abg. Binder <Soz.) spricht sich gegen den Antrag aus.
Die Diskuffion schließt. Im Schlußwort verteidigt
Abg. Speck cZentr.) nochmals seinen Antrag und weist die Angriffe des Abg. Gothein als ungerecht- ferttgt zurück. Die Debatte habe gezeigt, daß im Hause eine große Mehrheit für den Antrag vorhanden sei, auch die Regierung scheine geneigt, dem Gedanken einer Reichsumsatz'teuer näherzutreten. Bei dieser Frage sei das Allgemeinintereffe in den Vordergrund zu stellen. Die Gefahr der Bildung eines Mehlrings fei größer als von der anderen Seite des Hauses angenommen werde. Zum Schluß bittet Redner nochmals um Annahme seines Antrags. (Lebh. Beifall im Zentrum).
Abg. Dr. Röficke (kons.) bittet um Annahme seines Antrags, der sich inhaltlich mit dem Antrag Speck deckt.
In der Abstimmung wird der Antrag Speck und der Antrag Dr. Rösicke gegen Sozialdemokraten, Freisinnige und einen Teil der NationMiberalen angenommen.
Donnerstag: Kleinere Vorlagen, Münzgeestz und Bankgesetz.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 12. Mai 1909.
Auf der Tagesordnung standen zunächst die vom Herrenhaus in abgeänderter Faflung zurückgelangten
Besoldungsvorlagen.
Zunächst wird die Lehrerbesoldungsvorlage beraten. Ein Antrag Schiffer (ntl), der, von allen Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokraten unterzeichnet ist, verlangt, daß die Alters- und Amtszulagen nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses wieder hergeftellt werden; waS die Staatsbeilräge anlangt, so
soll entsprechend den Beschlüffeu des Herrenhauses im wesentliche» die Regierungsvorlage wieder hergestellt werden, indem die festen gesetzlichen Beiträge beibehalten werden mit der Maßgabe, daß leistungsfähigen Gemeinden, die 100 Prozent Gemeindesteuerzuschlag erheben, keine Beihilfen gewährt werden. Die rückwirkende Straft der erhöhten Mietsentschädigung ab 1. April 1908 soll wieder hergestellt werden, die Minimalsätze aber sollen verringert werden.
Em Antrag Freiherr v. Richthofen (kons.) will jene vom Herrenhaus eingefügte Bestimmung streichen, wonach Naturalleistungen an Lehrpersonen mit der ersten nach dem 1. April 1910 eintretenden Erledigung der Schulstelle ohne weiteres sottfalle» soll.
Abg. Schiffer-Magdeburg (ntl.) begründet den An- trag der Kompromißparteien. Das Haus ist nach wie vor in den Besoldungsfragen völlig einig. Diese Einigkett ist eine Tatsache von großer politischer Bedeutung. (Lebhafte Zustimmung.) Sie beweist, daß das Haus entschloffen ist, in großen Fragen die Patteiunterschiede bet Sette zu stellen und den Wettbewerb der Parteien auszuschalten. (Lebhaster Beifall.) Hier handelt es sich sn der Tat um große Fragen. Denn wenn materielle Jntereffen ohnehin die Leidenschaften aufstacheln, so ist das hier noch mehr der Fall, weil diese Jntereffen schon lange die Oeffentlichkett beschäftigen und zu einer großen Agitation Anlaß gegeben haben. Wir find selbstverständlich verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die Beamten in innerer Zufriedenheit und disziplinierter Ordnung ihre Amtspflichten zu erfüllen in der Lage find. (AllsettiaeS Sehr richtig!) Die Einigung aller Parteien, dte unter schweren Opfern, nach lleberwindung von Schwiettg- f eit en allerersten Ranges, erkauft wurde, ist ein Beweis dafür, daß die von uns getroffene Lösung der Gerechtigkeit entspricht. (Sehr richtig!) Wenn ein Redner im Herrenhause gesagt hat, die Beschlüffe des Herrenhauses müßten selbst um den Preis des Scheiterns der Vorlagen aufrecht erhalten werden, so weise ich — in Ihrer aller Namen, rote ich glaube — diesen Gedanken zurück. (Lebhafte Zustimmung.) Wir wollen entschieden eine Verständigung und werden nicht mit dem Gedanken eines Scheiterns der Vorlagen spielen, so lange eine Verständigung noch möglich ist. (Lebhafte Zustimmung.)
Abg. Dr. Marx (Ztr.) erklärt sich mit den Ausführungen des Abg. Schiffer durchgehends einverstanden und meint, daß die zustande gekommene Einigung der verschiedenen Parteien in dieser Frage zeige, daß gemeinsame Gefühle und gemeinsame Gedanken idealer Art alle Parteien in gleicher Weise beherrschten. Bei dem Lehrerbesoldungsgesetz sind wir zu der Uederzeugung gekommen, daß wtt unsere Beschlüffe von früher wiederherstellen muffen. Bei den Alters - und Amtszulagen haben wir der Ansicht des Herrenhauses nicht zustimmen können. Bezüglich der Staatsbeiträge und Staatszuschüsse ist es richtig, wenn unsere neuen Vorschläge von dem Gedanken ausgehen, daß, wenn diese Zuschüffe einen so minimalen Teil des Ein- kommenstcuettolls der Gemeinde ausmachen, chr Aus- sall für die Gemeinde dann nicht weiter fühlbar fein kann und sie deshalb wegfallen können. Wir habm deshalb geglaubt, den neuen Vorschlägen zustimmen zu müssen, weil sie eine ganz bedeutende Verbesserung gegenüber den früheren Beschlüssen des Abgeordnetenhauses bedeuten. Ein großer Fortschritt gegenüber den früheren Beschlüssen ist auch die Unabhängigkeit der Gemeinden von den Beschlüssen der Berwaltungs- körper. Wir hoffen, daß in Ansehung unseres einmütigen Vorgehens auch das Herrenhaus nun auf unsere Vorschläge eingehen wird. Bezüglich der Wohnungsgeldentschädigungen werden wir uns den Wünschen des Herrenhauses gegenüber entgegenkommend verhalten müssen, ebenso bezüglich der Herabsetzung der Beträge. Dagegen müffen wir aber mit der rückwirkenden Kraft auch für das Jahr 1908 festhalten. (Beifall im Zentr.) Voll und ganz treten wir für die Beschlüffe des Kompromiffes ein in der Hoffnung, daß eine Verständigung zwischen Herrenhaus und Abgeordnetenhaus zustande kommt. (Lebh. Beifall.) Wir hoffen, auf diese Weise möglichst bald ein Gesetz zustande zu bringen, das der Beamtenschaft und der Lehrerschaft großen Vorteil bringt. Daß wirklich Ruhe eintreten wird, dafür haben uns schon die Erfahrungen der letzten Wochen einen Beweis geliefert. Wir haben Gelegenheit gehabt, zu beobachten, daß in den Kreisen der Lehrer eine objektive und ruhige Beurteilung der Sachlage Platz gegriffen hat. Wir wollen den Beamten und den Lehrern geben, was ihnen gebührt. Wir nehmen an, daß aus diesen Grünoen unsere Beschlüffe
auch dem Wohle des Staates dienen werden. (Lebh. Beifall.)
Abg. v. Dietfurth (kons.) schließt sich den Ausführungen des Vorredners im großen und ganzen an, spricht die Hoffnung aus, daß die Lehrer wieder Ver- trauen zur Regierung und zum Landtag haben werden und wünscht, daß das Herrenhaus den Beschlüffen des Abgeordnetenhauses zustimme.
Abg. Eaffel (frf. Vp.» erklärt sich namenS seiner Partei gleichfalls für das Kompromiß, wenn sie auch noch verschiedene Wünsche hätten.
Abg. Borgman» (Soz.) stimmt namens seiner Pattei ebenfalls dem Kompromißantrag zu, da sie in ihm einen Fortschritt erblicken.
Abg. Frhr. v. Zedlitz (ftl.) bittet um Annahme des Antrages v. Richthofen.
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben erklärt die Zustimmung der Regierung zu dem Kompromißantrag, sowie energische Vertretung desselben im terrenhause. Der Minister dankt den bürgerlichen arteten für ihre Einmütigkeit, die vorbildlich wirken möge.
Nach weiterer unerheblicher Debatte wird der Antrag v. Richthofen angenommen, ebenso der Kompro- mißantrag Schiffer einstimmig. — Das Gesetz im ganzen wird ebenfalls einstimmig angenommen.
Es folgt die Beratung der
Besoldungsordnung.
Die Abg. Dr. v. Savignh (Ztr.) und Hirsch (Soz. treten für Erhöhung der Löhne der Staats ar' beiter ein.
Fmanzminifier Frhr. v. Rheinbabe» bedauert, diesen Wunsch nicht erfüllen zu können, da die Erhöhung der Löhne der Arbetter der Besoldungsreform schon vor ausgegangen sei.
Nach weiterer unerheblicher Debatte wird die ganze Vorlage mit einem Kompromißantrag bett, die Berliner Professoren en bloc ein stimmig cm genommen.
Es folgt die gemeinsame Besprechung des
Wohnungsgeldzuschusses, der Struergesetze und des Mantelgesetzes.
Zum Ergänzungssteuergesetze hatte das Abgeordnetenhaus beschlossen, daß bei der Einschätzung von land- und forstwirtschaftlichen Grundstücken der Ertragswert zugrunde gelegt werden soll. Das Herrenhaus hat hieran noch eine Bestimmung geknüpst, die em Antrag Herold (Ztr.) gestrichen wissen will. — Ein Antrag Gyßling (frf. Vp.' will die ganzen Bestimmungen über die Einschätzung nach dem Ertragswert gestrichen haben. — Ein Kompromißantrag will die rückwirkende Kraft für die neuen Wohnungsgeldzuschüsse vom 1. April 1908 datiert Haden, nicht vom 1. April 1909, wie das Herrenhaus beschlossen hat.
Abg. König (Ztr.) begründet den Kompromißantrag, will im übrigen dem Beschluß des Herrenhauses, daß die alten Servlsklaffen bestehen bleiben sollen, beitreten, da es sich nur um ein Provisorium handele und bittet um Annahme des Kompromißantrages. (Bravo! auf allen Seiten des Haufes.) Im Namen aller Parteien verlangte der Redner weiter, daß der Wohnungsgeldzuschuß in Preußen und im Reich gleich geregelt werde. Die Regierung muffe eine neue Vorlage machen, wenn der Wohnungsgeldzuschuß im Reiche anders geregelt werden wird. (Beifall.)
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben: Die StaatS- regterung legt entscheidenden Wert darauf, daß die rückwirkende Kraft auf den 1. Aprit wieder her- bestellt werde. (Beifall.) Wenn man der Agitation der Beamten entgegentreten will, darf man ihnen keinen Agitationsstoff liefern. Was die Regelung des Wohnungsgeldes angeht, so kann diese erst definitiv geregelt werden, sobald die Sache im Reich in Or nung ist. Daher erkläre ich: Die Regierung hält diese Regelung nur für eine provisorische und wird nach Erledigung dieser Sache im Reich eine neue Vorlage machen. <Beisall.>
Abg. Schröder-Kaffel (ntl.): Wir werden in erster Lesung für den Antrag Gyßling stimmen. Was die rückwirkende Straft des Wohnungsgeldes an geht, so würde es bedauerlich und bedenklich sein, wenn dieses Versprechen der Thronrede nicht erfüllt würde. Die Sache ist übrigens nicht schwierig; denn das Herrenhaus hat »ergehen, die Mittel für den erhöhten Wohnungsgeldzuschuß für 1908 ju streichen. (Heilt.)
Ülbg. Brüll (freit): Wir werden für den Antrag Herold stimmen.
Abg. Gyßling (frf. Vp.): Das Versprechen der Thronrede über die rückwirkende Kraft muß unbedingt gehalten werden. Den Antrag deS Zentrums lehnen wir ab.
Abg. Herolb (Ztr.) vetteidigt feinen Antrag: Im allgemeine» sollen die landwirtschaftlichen und sorst- wittschastlichen Grundstücke nach dem Erttagswert geschätzt werden. Dagegen können die Städte von ihrem Standpuntte aus doch gewiß nichts haben. Mit dem Abg. Gyßling werden wir uns allerdings doch nie darüber verständigen können, ob es richtig ist, den EttragSwett zu Grunde zu legen. Das Interesse der Landwirtschaft macht die Anwendung dieser Berechnungsart notwendig. (Beifall im Ztr.)
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben bittet, die Anträge Gyßling und Herold abzulehnen und die kleine Korrektur des Herrenhauses bestehen zu lasten, die jene Grundstücke, die zu Spekulalionszwecken dienen, schärfer treffen wolle.
Der Antrag Herold.wird unter Ablehnung deS Antrages Gyßling angenommen. Die beiden Novellen und das Mantelgesetz werden dann gegen die Stimmen der Polen und Sozialdemokraten angenommen.
Donnerstag: Dritte Lesung des Etats.
cP Das neue heMche Gemeinde' steuergesetz.
Als drittes wichtiges Gesetzwerk ging dem hessischen Landtag die lange erwartete Reform der Kommunal st euergesetzgebung zu. Die frühere Vorlage wurde auf dem vorletzten Landtag, nachdem sie die Zustimmung der zweiten Kammer erhalten, von der ersten Kammer abgelehnt, da diese sich mit den grundlegenden Gedanken des damaligen Gesetzentwurfs nicht befreunden konnte. Insbesondere die Besteuerung noch dem gemeinen Wert an Stelle des Ertrags bei der Grundsteuer erregte damals die Bedenken der Standesherren. Die neue Vorlage ist fast auf der gleichen Grundlage wie die frühere aufgebaut. Die Gemeinden sollen das Recht haben, Grundsteuer, Gewerbesteuer, Kapital- und Einkommensteuer im Bedarfsfälle zu erheben.
Auch diesmal schlägt die Regierung als Grundlage für die Grundsteuer den gemeinen Wert vor und läßt den Schuldenabzug nicht zu. Es soll nämlich bei den Gemeinden nicht nur das Prinzip der Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen, sondern auch das der Leistung und Gegenleistung zu Geltung kommen. Mgesehew von den praktischen Schwierigkeiten, die die alljährlich« Feststellung des genauen Werts, namentlich des bäuerlichen Grundbesitzes bereitet, würde auch mit der Bemessung der Grundsteuer nach dem Ertrag in vielen Fällen nicht berücksichtigt werden, daß die Gemeinden zahlreiche Aufwendungen machen, die nur einzelnen! Erwerbgruppen zu gut kommen. Die Regierung vertritt weiter die Auffassung, daß in diesem Falle die kleinen Ein- kommen und Vermögen, insbesondere die Arbeitereinkommen, wesentlich mehr belastet würden. Der Abzug der Schulden soll aus dem Grunde nicht gestattet sein, well die (-Gemeinde dem ver- chuldeten Grundbesitz in gleichem Maße wie dem unverschuldeten durch ihre Einrichtungen nützt und bei der großen Verschuldung des bäuerlichen Grundbesitzes beim Abzug der Schulden diä Grundsteuer sehr wenig cinbringen würde.
Bei der Gewerbesteuer soll gleichfalls nicht der Ertrag, sondern in erster Linie die Höhe des Anlage- und Betriebskapitals entscheidend sein. Nur in den Fällen, wo das rohe im Gewerbebetrieb investierte Kapital sich höher als 5 Prozent rentiert, tritt ein Zuschlag ein. Wäh- rend die Genossenschaften und Konsumvereine im Allgemeinen von der Gewerbesteuer befreit sein ollen, wird im Einklang mit einem früheren Beschluß der zweiten Kammer und im Interesse >es ansässigen Kleinhandels die Besteuerung der Konsumvereine mit offenen Verkaufsläden vor-
Im Sonne ie$ Geheimnisses
103] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld'
„Was für ein fürchterliches Unglück ist das doch," sagte sie. Ich sah sie erstaunt an und wunderte mich, was neben meinem eigenen Kummer und Unglück wohl noch fürc^erlich sein könne. Ich fragt» sie, was?
„Ein englischer Dampfer verbrannt," gab fie zur Antwort, „mitten im Indischen Ozean, und von all den Hunderten an Bord sind nur Vitt Mann gerettet."
„Ich weiß noch, ich hatte ein Gefühl,. als ob eine kalte eiserne Hand mir nach dem Herzen griffe und es zusammenpresse. Ich weiß auch noch, daß ich mich selbst über den Klang meiner eigenen Stimme wunderte, als ich fragte: „Wie hieß der Dampfer?"
„Die Meerkönigin," erwiderte sie. „Lesen Sie den Bericht hier; er ist sehr interessant."
Ich nahm ihr die Zeitung aus der Hand und las. tote der Dampfer, worauf nein Mann sich ein geschifft, durch Feuer inmitten des Indischen Ozeans vernichtet worden war, — und der erste Name auf der Liste der Toten war der seinige, war der meines Mannes, des Vaters meines Kindes "
71. Kapitel.
Schlimmer denn Tod.
Marian hatte das ihr zugesügie Unrecht ber= Hessen. Sie umschlang die sinkende Gestalt enger und zärtlicher, denn zuvor.
„Meine arme, arme Eve," sagte sie zärtlich tröstend, „tote gut erinnere ich mich an dies alles. Meine arme, arme Schwester, was Du gelitten haben mußt!"
„Ja", versetzte die trübe Stimme, „ich habe tzesundtgt, aber ich habe auch gelitten, Marian. Mn? Mann war tot. Ich war zu jung, einfach gu kindlich, als daß ich auch nur daran gedacht
batte, meine Heirat öffentlich bekannt zu machen. Ich hatte das Geheimnis beivahrt, und ich hielt es für nutzlos, es jetzt zu enthüllen. Wer würde mir geglaubt haben? Wer würde geglaubt haben, daß einer der größten Männer Englands ein Kind von achtzehn Jahren geheiratet und dann allein gelassen habe? Ich dachte also, dte Leute würden mir einfach nicht glauben, und wenn ich davon spräche, würde das einfach schlimmer tote zwecklos sein. Ter einzige klare Wunsch in all dem nun folgenden schrecklichen Elend, meine einzige Hoffnung war, nur recht bald zu sterben.
„Du weißt, Marian, auch sterben sollte ich nicht. Du weißt alles, was folgte — Gott weiß, daß ich glaubte, mein Kind sei tot, und daß ich e§ tief bedauerte, selbst noch weiter leben zu müffen.
„Ich bewahrte mein Geheimnis. Nie habe ich Dir, Marian, oder irgend einem lebenden Wesen auch nur ein Wort davon gesagt. Niemand wußte niemand ahnte auch nur, daß ich die Witwe dieses Edward Aylesford war, den ganz England wie einen Hcldon betrauerte.
„Ob mir fein Andenken teuer war? — mals, und auch jetzt noch, fühlte ich in meinem Herzen eine stark gemischte Empfindung für ihn Wenn ich an seine leidenschaftliche Liebe zu mir denke, wird meine ganze Seele davon gerührt- toenn ich mich aber erinnere, wie selbstsüchtig diese seine Liebe ttotzdem war, so schaudert mein Her» zurück. 8
„Nachdem ich wieder g-mesen und mich völlig erholt, gewahrte ich eine große Veränderung an meiner Schwester. Sie war in tiefste Trauer gekleidet, und als ich sie eines Tages fragte ob es meinetwegen sei, daß ihr liebes Gesicht so voll Kummer und Trauer, verneinte sie es. Der Einzige, den sie je geliebt, habe-einen schrecklichen Tod gefunden, und sein Tod habe ihr die ganze Welt verdüstert.
„Ta wußte ich, daß wir zwei Schwestern denselben Verlust betrauerten, und empfand auch zum ersten Dkale rief und lebendig, tote groß der' Trug gewesen, der mich in so falsche Stellung I
gebracht. Lange nach meiner Genesung las ich die Einzelh.iten seines schrecklichen Todes; er hatte sich benommen wie ein Held im wahren Sinne des Wortes. Die Zeitungen berichteten, nach den Mitteilungen der wenigen Gererteten, daß er während der ganzen schrecklichen Szene auf Deck gestanden, während die Flammen ihn umzischt und die Wogen rings um das Schiff gebrandet, und wie er ihnen allen geholfen zu sterben, Männern, Weibern und Kindern. Wie er sie ermutigt, ermuntert, getröstet und jenem furchtbaren Tode etwas von feinem Schrecken geraubt.
„Ich wußte, daß in jenen schrecklichen letzten Stunden seine Gedanken bei mir geweilt hatten, ein gewisses untrügliches Gefühl kündete mir, daß er da, den sicheren Tod vor Augen, im Lichte der Ewigkeit, die selbstsüchtige Liebe bereut hatte, die uns beide so weit vom einfachen geraden Wege der Wahrheit abgeführt hatte.
„Nach seinem Tode erhiell ich auch einen Brief, den er unterwegs auf der Reise geschrieben. Da, zum ersten Male war ihm der Gedanke gefommen, daß mir während seiner Abwesenheit vielleicht etwas zustoßen könne, und er schrieb mir, ich sollte, falls irgend welches Unglück mich befiele, mich an seine Schwester, Miß Aylesford, wenden, die auf ihrem Gute, Aylesford Manor, lebte. x
„Ich dachte nie wieder an diesen Rat, ich brauchte es ja auch nicht. Marian war mir alles getoefen — alles geworden — sie hatte mir durch das dunkle Meer des Kummers und Unglücks geholfen. Mein Mann war tot; mein Kind glaubte ich ebenfalls tot Es schien mir nun nichts weiter nötig, als zu vergessen. Warum sollte ich zu Miß Aylesford nach Aylesford Manor gehen und ihr alles erzählen? Ich konnte ihr keinen Beweis von meiner Heirat geben; mit achtzehn Jahren denkt man nicht an Trauscheine oder standesamtliche Auszüge, es gab kein Kind im ganzen Lande, das in diesen Sachen so unerfahren gewesen wäre, wie ich.
„Mein Geheimnis toar also begraben, wie ich wähnte. Ich glaubte, mein -Lohn läge in seinem winzigen Grabe fern in Abbotsville; ich hatte ja keine Veranlaffung, etwas anderes zu denken, und jetzt weiß ich erst, wie gut und umsichtig Marian damals war.
„Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich gewußt, daß mein Kind lebte! Mein ganzes Leben wäre anders geworden. Jedenfalls wäre ich dann wohl zu Miß Aylesford gegangen und hätte ihr erzählt, daß ihr Bruder einen Sohn hinterlassen, ich hätte nicht wieder geheiratet, und meine erste Heirat hätte öffentlich bekannt gemacht werden müssen. Doch, Marian, liebste . Schwester, was Du getan, Du hast es in bester Absicht getan, hast es getan, um mich zu retten, und ich kann Dir jetzt dafür danken."
Sie wandte sich zu ihrem Gatten, und ihr gol- den>es Haupt senkte sich tief vor ihm.
„Mortimer, wie kann, wie soll ich Dich um Verzeihung bitten?" murmelte sie. „Das Unrecht, was ich Dir angetan habe, ist derart, daß' es nie wieder ungeschehen gemacht werden kann. Doch glaube ich, daß es mir leicht gewesen ist. Es hat keinen Augenblick bei Tag oder Nacht ge- geben, wo mein Geheimnis mich nicht zu Boden gedrückt hätte.
„Ich bin bewundert und gefeiert worden, die Leute haben mich beneidet, vielleicht wegen meines bißchen Schönheit, meiner Stellung, meines scheinbaren Glückes, — ach! nur Gott wußte, wie Nacht und Tag, Tag und Nacht mein Herz vor schrecken zitterte, der mich nie verließ.
ru »Morrimer, als ich zum ersten Mal? als Deine Gattin hier nach Kenninghall kam und die Sage von den Regentropfen hörte, dachte ich schon in stummem Entsetzen, die Stunde der Entdeckung iet gekommen. Es schien mir, als ob ich den schatten der Unehre und Schmach in Dein unbeflecktes Haus brächte; und so habe ich mit der Last und Angst auf mir gelebt; ach! die Bürde war schier größer und schwerer, als ich ertragen konnte. (Forts, folgt).