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Fulda, Montag, den 10. Mai 1909.

JV3 105.

36. Jahrgang.

Kvstes WlcetL

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 8. Mai 1909.

Die Beratung des Kultusetat«

^arde bei der Reform des Mädchenschulwesens fortgesetzt. ,, t,

Arg. Hackenberg (ntl.) dankt der Regierung kur die Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens, die noch weiter ausgebaut werden solle. Zu wünschen fei, daß nur wirklich zum Studium berufene Mädchen die Studienanstalten besuchen mögen, wo ihnen Gelegenheit gegeben sei, zum Abtturientenexamen zu gelangen. Zum Schluß befürwortet Redner einen Antrag Eick­hoff (sts. 83p.).

Abg. Dr. Friedberg (ntl.), welcher bezüglich einer Petition um Zulassung der Mädchen zum Unterricht an den höheren Knabenschulen (Kommisstonsantrag: liebergang zur Tagesordnung) bittet, diese Petition, soweit es sich um ausnahmsweise Einzelzulaffungen oon Mädchen zu höheren Knabenschulen handelt, der Regierung zur Erwägung zu überweisen.

Abg. Cassel (frs. 83p.): Den Antrag Eickhoff-Fried­berg bitten wir, in der Form anzunehmen, daß die Zulassung der Mädchen zu.. Unterricht an den höheren Knabenschulen nur ausnahmsweise erfolgen soll. Die nittlere Postlaufbahn sollte man den Frauen freigeben.

Abg. Ernst (frs. Bg.): Wir begrüßen es, daß nicht ,cklein die höhere Blldung gepflegt werden, sondern auch die deutsche Hausfrau zu ihrem Recht kommen Soll, sowie, daß Religion und Deutsch im Mittelpunkt >es Unterrichts weiter stehen sollen.

Abg. Dr. Heß (Ztr.i: Mit der Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens ist ein ungewöhnlich euer- «er und bedeutungsvoller Schritt in der Hebung der scheu Frauenbildung getan worden, der geeignet erscheint, ein solides Fundament in der Geistes- und Gemütsbildung der betif 4«-t Frau für absehbare Zeil zu schaffen. Diese Neuordnung scheint uns soviel Konzessionen auch an die modernen weiblichen Bllvungs- beftrebungen zu enthalten, daß damit auch der radikale Flügel der Blldungsrechtleiinnen wohl zufrieden sein bürste, besonders durch die Einführung der Frauen- ffchule liegt ein kerngesunder Gedanke zu Grund, ihre Tendenz ist lobenswert. Auch bei den Mädchengymnasien ■feint uns die Frage, wie man das Gymnasialstudium für das weibliche Geschlecht einrichten soll, glücklich ge­löst zu fein. Unter allen Umständen wäre wünschens­wert, daß den Mädchengymnasten eine gewisse Abschluß­berechtigung erteilt würde. Einige Punkte des Resormwerkes bedürfen noch der Klärung und Ab­änderung. Bor allen Dingen wünschen wir, daß die vorgesehene Uebergangszeit in jeder Weise wohlwollend gehandhabt werden möchte. Das gilt besonders be­züglich der Privatmädchenschulen. Ferner bitten wir, daß die Nachprüfungen vor dem Lehrerkollegium der höheren Mädchenschulen selbst abgelegt werden können. Mlt der Erweiterung des höheren Lehrerinnen-Semi- nars auf vier Jahre kann man sich nur einveistanden erllären. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß wir mit der Unterrichtsverwaltung und diesem hohen Hause in der Auffassung einig gehen, daß ein religiöses Funda­ment, wenn irgendwo so ganz besonders in der Frauenbildung die unveräußerliche Grundlage bleiben soll. Eine deutsche Frau ohne ein warmes christliches Gemütslebcn würde ein Widerspruch in sich selbst fein. (Ledh. Beifall im Zentr.)

Ministerialdirektor Schwartzkopff dankt für die ihm oon den Vorrednern gegebenen Anregungen und hebt hervor, daß es sich bei der Mädchenschulresorm um die Eröffnung eines neuen Weges handele. Die erste Aufgabe auch der künftigen Mädchenerziehung wird die Erziehung zur Hausfrau und Mutter sein. Bei den Frauen steht die Forderung nach einer gesunden körperlichen Ausbildung vor dem Bestreben, sie geistig zu bilden. Eine völlige Gleichstellung der Mädchen, die die höhere Mädchenschule erledigt haben, mit den Realschulabsolventen ist nicht angängig. Was die Bedenken der Prioatschulen gegen die Mädchenschulresorm angeht, so meine ich, sind wir den Prioatschulen wirklich weit genug entgegengekommen, indem nur ein Drittel der Stunden von akademisch C' ilbeten Lehrern erteilt werden muß. Außerdem n die Unterrichtsverwaltung ihr Versprechen dahin

abgeben, daß sie den Prioatschulen möglichst entgegen­kommen, ihnen die Aufgabe» erleichtern und sowett eS möglich ist, eine staatliche Unterstützung eintreten kaffen wird. (Beifall.) Wir muffen daran festhalten, daß eine lOklassige Mädchenschule keine ausreichende und abgeschlossene Bildung ermöglicht. Die Hauptsache in der Frauenschule ist die Pädagogik, zugleich soll aber die Möglichkeit geboten werden, mit der Frauenbildung ein gewiffes praktisches Ziel zu erreichen.- Es hat mich gefreut, daß di« Vertreter aller Parteien sich in der Ablehnung des gemeinsamen Unterrichts für Knaben und Mädchen einig sind. Die Frage, ob trotz der prinzipiellen Ablehnung des gemeinsamen UnteÄchts ein solches nicht in Ausnahmefällen eingesührt werden soll, soll noch einmal untersucht werden; die Bedenken sind aber allzugroß, denn nach welcher Maßgabe sollen diese Ausnahmen gestattet werden?

Abg. ©tröffet (kons.) dankt dem Ministerialdirektor für die wohlwollende Haltung gegenüber den Privat­schulen und erklärt, daß feine Partei der Frage des gemeinsamen Unterrichts von Knaben und Mädchen nicht zustimmen könne.

Abg. Dr. Kaufmann sZentr.) geht auf die Frage der Religion an den höheren Mädchenschulen ein und bemängelt, daß die Religion nicht mehr zu den Haupt­fächern gezählt werden soll. Beim Prädikat „Religion" solle nur die Aneignung des Lehrstoffes bewertet werden, im übrigen habe der Religionslehrer sein Ur­teil über den Schüler bezw. die Schülerin beim Be­tragen kund zu geben. Redner bedauert, daß es an den höheren MÄchenschulen mit nur zwei Religions­stunden fein Bewenden haben soll und befürchtet von der Ueberbürdung der Kinder einen ungünstigen Ein­fluß auf deren Gesundheitszustand. Ganz besonders begrüßt Redner die in Aussicht gestellte Möglichkeit, wonach durch die Frauenschulen den Mädchen der Zu­gang zur Prüfung als Kindergärtnerm, Haushaus­lehrerin usw. ermöglicht wird. Das sogenannte Ein­heitsseminar muffe seine Partei ablehnen, ebenso die gemeinsame Erziehung des Geschlechtes auch für Aus­nahmefälle.

Abg. Dr. Friedberg (nr.tL): Dem Antrag Eickhoff auf Einführung des gemeinsamen Unterrichts kann ich mich nur anschließen. In dieser Frage spielen ton» feffionelle Momente mit. (Ledh. Widerspruch im Zentr.) Man sieht, die Herren vom Zentrum werden sehr nervös. Früher war es immer das Zentrum welches das konfessionelle Moment in die Debatte warf. lZuruf aus dem Zemrum: Nein, Herr Fried­berg, Ihre Gesinnungsgenoffen waren es!) Soviel ich weiß, liegen heute 31 höhere Mädchenschulen in den Händen von Ord en sn i ed er lassungen. Bei diesen Schulen ist der geistliche Einfluß in hohem Maße vorhanden. Weiter ist mir bekannt, daß von Ordens- nieberlaffungen in größerem Umfange Anträge auf Gründung neuer höherer Mädchenschulen gestellt worden sind. Ich bitte den Ministerialdirektor um Auskunft, wie er sich diesen Anträgen gegenüber stellt. Meiler gestatt« ich mir noch die Fraget ob auch die Bestimmung, wonach ein Drittel akademische Biltung haben muß, auf die Ordensschulen Anwendung findet und ob diese akademischen Lehrkräfte aus dem geist­lichen ober dem Laienstande genommen werden.

Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopff: Wenn der Abg. Friedberg behauptet, es sei eine Reihe von An­trägen um Errichtung höherer Mädchenschulen von feiten verschiedener Kongregationen an uns ergangen so muß ich ihm erwidern, daß er schlecht informiert ist. Bei uns ist aus Anlaß der Mädchenschulreform nur heute morgen ein einziger solcher Antrag eingegangen. Die Frage, ob die Bestimmungen, wo­nach ein Drittel der Lehrkräfte an den höheren Mäd­chenschulen akademische Bildung haben soll, auch auf bie Ordensschulen angewandt werden, kann ich nur bejahen.

Die Petitionen werden den Konimissionsbeschlüssen entsprechend erledigt. Der Antrag Eickhoff-Friedberg wird abgelehnt.

Beim Kapitel „Elemenlarschulwesen" bemängelt

Abg. Dr. Marr (Z), daß von dem Vorsitz in Ge- samlschulverbänden die Geistlichen stellenweise gänzlich ausgeschlossen seien, und fragt an, wie es mit bet Frage bet Beteiligung ber Frauen an ben Schulkom­missionen unb Deputationen bestellt fei.

gjlinifterialbirettor Dr. Schwarzkopfs erwidert, baß die Frage des Vorredners eine Rechtsfrage fei und geprüft werde. Den Vorsitz in den Gesamlschulver- bänden zu vergeben, stehe diesen selbst zu.

Abg. Dr. Glaiifeltet sZ.) wünscht, daß die Kinder der Rektoratsschulen möglichst im Elternhause bleiben

möchten und daß die Zeugmffe der Schüler auch aus anderen Lehranstalten anerkannt würden.

Der Titel „Ostmarkenzulage für Lehrer", über den auf polnischen Antrag besonders abgestimmt wird, wird gegen bie Stimmen des Zentrums und ber Polen bewilligt.

Beim Titel „Förderung deS Unterrichts Taub­stummer unb Blinder" liegt ein Antrag Dr. v. Sa- vigny(Z.), v. Arnim-Zusebom (kons.) und Schisser (ntl.) vor, bie Regierung zu ersuchen, baldmöglichst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen die Schulpflicht für taubstumme Kinder geregelt wird.

Em Regierungskommissar stellt Erwägung in $u§ft d)L

Der Antrag v. Savigny wird mit großer Mehr­heit angenommen.

Die außerordentlichen Ausgaben werden nach einer kurzen Debatte über bie Stellung des Volksbildungs­vereins zu den Volksbibliotheken bewilligt.

Montag: Rest der heutigen Tagesordnung, dritte Lesung des Etats.

0 Urrverätt-ert — bitter errrft.

„Die politische Situation ist unverändert und ein Ausweg aus den sich türmenden Schwirig- keiten noch nicht zu erkennen," so äußert sich die ,Nordd. 21 tigern. Ztg/, die vor acht Tagen die politische Lage als „bitter ernst" bezeichnete. Das Regierungsblatt betont weiter,

daß die von der Budgetkommission beschlossene Erhöhung der B.amlengehälter eine Steigerung des Reichsaufwandes für diese Zwecke um mehr als 26 Millionen Mark bedeute. Dieser Beschluß stehe im Widerspruch zu dem Grundsatz, baß keine neuen Aus­gaben ohne entsprechende Einnahmen bewilligt werden dürsten. An diesem Fundamentalsatz einer geordneten Finanzwirtschaft würden die verbündeten Regierungen unter allen Umständen festhalten. Sie geben, sagt die ,Nordd. Allgem. Zig/ weiter, die Hoffnung noch nicht auf, daß die Erkenntnis der Staatsnoiwendig- keit und das politische Verantwortlichkeilsgesühl den Reichstag zu dem Entschluß nötigen werden, dem bis­herigen Zustande ein Ende zu machen und trotz aller Schwierigkeiten noch in diesem Sommer eine volle Deckung des Reichsbedarfs zu beschaffen.

Das ist ja recht schön, aber wichtiger wäre doch zu erfahren, was denn die verbündeten Regierungen ihrerseits zu tun gedenken, um die baldige Erledigung des schwierigen Werkes zu ermöglichen. Denn daran ist doch kein Zweifel, daß die gegenwärtige Situation, die man als aussichtslos anfehen muß, in erster Linie durch die Haltung der verbündeten Regierungen herbei­geführt ist, nämlich dadurch, daß sie eine Steuer­vorlage, die die Mehrheit des Reiches unter keinen Umständen annehmen will, nichtsdesto­weniger immer noch als den Mittelpunkt und die Borbedingung des Resormwerkes erklären. Was soll denn daraus werden? Wenn den verbündeten Regierungen es ernst ist, daß die Finanzreform bald zur Erledigung gelange, so muß ihr ernstes Streben doch dahin gehen, mit der Mehrheit des Reichstages zu einer Einigung über bie neuen Einnahmequellen zu gelangen.

Wir wissen allerdings nicht, wie nett an der unerklärlichen Haltung der verbündeten Regie­rungen der Wille des Reichskanzlers schuld ist. Fürst Bülow sagt und sagt und sagt immer zu, daß die Finanzresorm bald fertig werden müsse, aber daß er auch etwas tut, damit das auch geschieht, davon ist bei ihm nicht das geringste zu merken. Zuerst ging seine Absicht dahin, mit der Block­mehrheit eine Reform zu schaffen, als deren Haupte attraktion die Nachlaßsteuer gelten soll. Er muß heute einsehen, daß dieser Weg nicht zum Ziele führt. Für die Erbanfallsteuer ist eine

Blockmehrheit nicht vorhanden. Damit ergebe sich zwei Möglichkeiten: die Erbanfallsteuer ure damit die ganze Reform mit einer andere Mehrheit oder die Erledigung der Reform mi der Blockmehrheit und der Ausschaltung de Erbanfallsteuer. Die erstgenannte Möglich feit scheitert an ihrer Durchführung zunächst darar daß für die Erbanfallsteuer überhaupt keine irgend wie geartete Mehrheit im Reichstage zu findet ist; sie scheitert auch daran, daß Fürst Bülow nach der ganzen Vorgeschichte der Finanzreform diese nur mit dem Block machen kann und machen will. DieKompromiß-Verhandlungen sind ja nach verschiedenen Meldungen eingeleitet, ob sie Erfolg haben werden, steht noch dahin. Natio­nalliberale und Freisinn können nach der Unzahl programmatischer Erklärungen die Finanzreform ohne die Erbanfallsteuer eigentlich nicht gut mit­machen. Auf der andern Seite tritt in der kon­servativen Presse immer deutlicher die Nei­gung zutage, bei der weiteren Arbeit auf den Liberalismus nicht mehr zu rechnen. Besonders scharf äußert sich die ,Deutsche Tagesztg/:

Sie stellt eine Prüfung an, was der Block ben Konservativen gewährt unb geschafft habe unb kommt zu dem Resultat, baß ein starker beabsichtigter Zug nach links bie Folge ber Blockpolitik gewesen sei. Die Erwartung, baß man wenigstens bei ber Finanz- rcform ber rechten Seite des Blocks einige Zugeständ- niffe machen würde, habe getäuscht. Man mute den Konservativen zu, ihren Widerstand gegen die einzige Steuer, die sie von vornherein als unannehmbar be­zeichnet hätten, aufzugeben, in dieser grundsätzlichen Frage ein Opfer der Ueberjeugung zu bringen, und begründet die angebliche Notwendigkeit dieses Opfers damit, daß der Block gerettet werden müsse. Wenn es wirklich ohne den Block nicht ginge, dann hätte man einen Scheingrund für diese Zumutung. Daß eS aber ohne den Block gehe, wisse jeder Polittker. Trotzdem sollten die rechtsstehenden Politiker dieser vorübergehenden, den Todeskeim schon längst in sich tragenden Erscheinung zu Liebe, die in die deutsch« Politik einen recht bedenklichen Zug nach links ge­bracht, die jetzt ihre Unfähigkeit, die Reichsfinanzreform zu lösen, der Welt bewiesen habe. Nein beigeben, sich ducken und ihre alten, grundsätzlichen Ueberjeugungen verleugnen. Das könne man wahrhaftig nicht ver­langen.

Wenn wir auch nicht eine Wette dagegen ein­gehen möchten, daß der Block sich doch noch zu­sammenfindet, so darf man doch eine gewiff« Unwahrscheinlichkeit annehmen. In solcher Lage aber wäre es unseres Erachtens für den leitenden Staatsmann, der ernstlich bestrebt ist, die Finanz­reform bald zum glücklichen Ende zu führen, jetzt wirklich höchste Zeit, zu sehen, wie er das schwierige Werk schaffen will.

Man verrveist in diesen Tagen viel auf Eng­land, wo die Regierung ebenfalls eine außer­ordentlich hohe Erhöhung der Steuerlasten ver­langt und in wenigen Tagen bewilligt erhält. Die englische Regierung stützt sich auf eine feste Mehrheit, die entschlossen ist, die notwendigen Mittel zu bewilligen, und sie hat sich vorher des Einverständniffes der Mehrheit, die neuen Ein­nahmen gerade auf dem von ihr bezeichneten Wege zu erlangen, versichert. Ein gleiches ist ja allerdings bei uns nicht möglich, da wir ein parlamentarisches Regime nicht haben, aber auch bei uns muß doch der leitende Staatsmann missen, ob und welche Mehrheit er für seine Vorlage haben wird. Die Beteuerungen des Fürsten Bülow, daß er die Finanzreform zum Heile des Reiches durchführen wolle, sind sinn­los und können nicht Anspruch darauf erheben, ernst genommen zu werden, wenn Fürst Bülow

Im Sonnt des Geheimnisses-

100] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

„Eines Morgens kam er sehr früh zu unserem Hause. Mrs. Thornton war nicht 5a; ich war allein. Er hielt einen offenen Brief in der Hand, und sein Gesicht war bleich wie der Tod.

„Evelyn", sagte er, „Du hältst ,ein Menschen­leben in Deiner Hand — das meine. Ich liebe Dich so sehr, daß ich nicht mehr Herr über mich selbst bin. Sieh, dieser Brief ist ein königlicher Befehl; heute in zehn Tagen soll ich nach Indien absegeln. Ich schwöre Dir, ich kann Dich nicht verlassen. Du bist so jung, so schön und lieblich, daß irgend jemand Dich mir sicherlich fortstehlen wird, während ich abwesend bin."

Ich sah zu ihm auf. Seine Lippen waren blaß und zitterten, das ganze hübsche Gesicht vor Kum­mer entstellt.

„Ich kann Dich nicht mitnehmen", fuhr er j-fort. „Es handelt sich um höchst wichtige und ver- wickelte Angelegenheiten, und ich muß im Lande 'selbst fortwährend hin und her reisen. Ich mag Diesen königlichen Befehl nicht ablehnen; er ist ;cin Vertrauensbeweis, wie er selten jemandem -uteil wird. Evelyn, Du hältst mein Leben in Deinen Händen."

„Ich erinnere mich, daß ich selbst da noch ihn weinend umschlang und ihn bat, er möge mich doch nach Marian senden lassen; aber nein, er sollte Marian noch keine Mitteilung machen, x „Ich will alles tun, was Du von mir ver- üuigst", sagte ich — „alles, was Dir Trost und Be­ruhigung geben kann."

„Ich will nur die Gewißheit haben, daß Du mein bist, Evelyn — daß kein lebendes Wesen auf Erden Dich mir entreißen kann — daß, ob- gleich ich gezwungen bin. Dich zu verlassen, ich sicher bin, Du bist mein."

„Was kann, was soll ich tun? fragte ich.

„Marian, er nahm mich in seine Arme und flüsterte: „Werde mein Weib, wir können uns heiraten, und keiner braucht s zu wissen, bis ich zurückkehre. Werde mein Weib, dann bin ich glücklich und zufrieden und ruhig. Dich hier frei zu wissen, frei. Dich zu verlieben, oder zu verloben — der Gedanke würde mich zum Wahnsinn brin­gen 1"

„Ich dachte keinen Augenblick daran, wie selbstsüchtig eine solche Bitte war, dachte damals nicht daran, wie feige und unrecht es war, mich, ein Kind, zu einem solchen wichtigen Schritte zu verleiten. Ich weiß nur, daß er, der da in Trä- nen zu meinen Füßen kniete, mein Held und einer der größten Männer des Landes war, »nd daß er mich mehr liebte, wie selbst das Leben. Ich sei die lieblichste,, die schönste aller Frauen, sagte er mir, und er wolle sein kindliches Weibchen mit solchem Glücke umgeben, daß sie es nie bereuen solle, sich jung verheiratet zu haben.- Ich bat dann, die Heirat doch zu verschieben, bis er zurück- kehre. Nein, schrie er, tausendmal nein! Wenn ich ihn ruinieren, seine ganze Laufbahn Vernich- ten wolle, so könne ich das tun, er. Fenna mich nicht frei lassen, und wenn ich nicht einwilligen wolle, ihn zu heiraten, müsse er die ehrenvolle Berufung ablehnen, was gleichbedeutend sei mit der Vernichtung seiner Laufbahn. Das konnte ich nid# ertragen. Aber wie können wir uns heiraten, fragte ich, einer oder der andere wird es doch sicher erfahren. O, sag es doch Marian; laß doch Marian kommen."

Doch je mehr ich nach Dir bat, und verlangte, Marian, desto mehr schien er vor dem Gedanken zurückzuschaudern. Ich weiß nicht, wie es war. Ach ich will mich nicht entschuldigen, nicht recht- fertigen, was ich getan, doch endlich versprach ich, ich wolle mich heimlich und tn aller Stille mit ihm trauen lassen, ehe er nach Indien abreise.

O, Marian, ich dachte, er wäre vor Entzücken von'Sinnen gekommen, altz ich endlich einwilligte. Wie er mir dankte, mich segnete I Und ich dachte.

was es doch etwas Großes für ein junges Mäd­chen sei, so viel Macht über einen großen und be­rühmten Mann zu besitzen.

„Es war gerade, als ob Glück und Geschick sich verschworen hätten, ihm zu helfen. Mrs. Thorn­ton wurde plötzlich nach Paris zu ihrer Tochter gerufen, und ich blieb allein in Brighton. Sie schrieb Dir noch, Marian, daß sie abreise; und er erbot sich, da er den Abend wie gewöhnlich bei uns zubrachte, den Brief zu besorgen; er muß ihn aber, wie ich immer geglaubt habe, vernichtet haben, anstatt ihn zur Post zu geben."

69. Kapitel.

Lady Wahne's Geheimnis.

III.

Eine kurze Pause entstand, während welcher Lady Wayne für den Rest ihrer Mitteilungen Kraft zu sammeln schien.

„Mortimer", fuhr sie fort, „es gibt ein schreck­liches Sprichwort — wo habe ich es doch zuerst gehört?" — „Wen Gott verderben will, den schlägt er zuerst mit Blindheit." Ich war wie mit Blindheit geschlagen, nichts anderes kann sonst das entschuldigen, was ich getan; geblendet von der leidenschaftlichen Liebe jenes Mannes, der Romantik der ganzen Sache, und meiner müd- chenhaften Liebe für alles, was ich für poetisch hielt. Nichts anderes- kann mich entschuldigen."

„Ich betrog die Schwester, die mir wie eine Mutier gewesen; ich betrog alle meine Freunde. Ich tat, was ein Mädchen nie — unter keinen Umständen — tun sollte; ließ mich heimlich trauen, und weh' mir! weh' mir! die Strafe, die mir zu Teil geworden, ist schwerer, als ich tragen kann!"

„Sag uns alles; fahre fort, Evelyn", sagte die ernste, aber liebevolle Stimme ihres Mannes.

Sie sah ihn mit verzweiflungsvollen Blicken an.

„Mortimer, Du weißt nicht, wie schrecklich mir dies alles fft; ich wollte, die Erde öffnete sich

und verbärge mich. O, Mortimer, wende Deine Augen von mir ab — Du, der Du mich so geliebt, mir so vertraut hast — mein Mann, den ich be­trogen und hintergangen!"

„Nicht doch", sagte Lord Wayne und beugte sich über das so tief gesenkte goldene Haupt, „Du hast mir zwar Deine ganze Geschichte nicht an- vertraut, Evelyn, aber Du hast mich nicht be­trogen, sage das nicht. Nun erzähle mir, Liebste, von dieser Heirat — Deinetwegen; ich mutz wis­sen, ob sie gültig war, oder nicht."

„Ich weiß chaß sie gültig war", sagte sie bit­ter, „Edward Aylesford sorgte dafür. Ich habe schon gesagt, daß Mrs. Thornton vor ihrer 3’6- seise nach Paris an meine Schwester schrieb und ihr mitteilte, daß ich allein in Brighton blei >e, und daß, falls es ihr nicht möglich sei, in wenigen Tagen bereits zurückzukehren, es jedenfalls dis Beste wäre, wenn Marian mich zurückhole. Dm Brief nahm mein — nahm er mit zur Post, aber Marian hat ihn nie bekommen."

„Nein", bestätigte ihre Schwester trübe; „ich habe ihn nie erhalten."

„Er vernichtete ihn; und eines Abends, Mor- tim er, als die Sonne aufs Meer schien, bis alles in märchenhafter Pracht erglänzte und schim- merk, teilte er mir mit, er habe alle Vorkeh- rungen getroffen, damit wir am folgenden Mor- gen getraut werden könnten. Ich fragte ihn, wo; er erwiderte, in der kleinen Strand-Kapelle nicht weit vom Badeorte selbst. Ich weiß noch sehr gut, ach, so gut, daß ich die aanze Nacht vor der Trauung keinen Augenblick schlief.

ES war aber auch schrecklich, unwirklich, kaum zu glauben. Da war ich, ein Kind in allem, was tch sprach und tat, und am nächsten Morgen stand mir das feierlichste, größte und wichtigste Ereig­nis im Leben eines Weibes bevor; ich war ein Kind und doch brannte einer der klügsten unb größten Männer beS Landes darnach, mich zu seinem Weibe zu machen.

(Fortsetzung folgt.)