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36. Jahrqang
Fulda, Samstaa, den 8. Mai 1909.
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Zweites Mtcrtt
enteist ILglich «it Rnrnah»« I« und Leierta-e. Viertel« jährlich« ve«t«rpreir ohne vringrrtohn und VestrLgrldinKtldas»« wie aurrsärtr 1-50 Ak.
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Südamerika in „sein" Land eindringew Im Lande machen seine Anhänger daher gegen die neue Regierung des Generals Gomez mobil. Die Bereinigten Staaten und Frankreich werden Wohl schon dafür sorgen, daß Castro nicht wieder nach Venezueto zurückkommt. 1 Immerhin aber läßt dieses Vorhaben des todkranken Mannes einen interessanten Einblick in einen eigenartigen Abenteurer-Charakter tun.
jedermann wir- zugeben müßen, daß die Provinz Westfalen für Deutschland und Preußen eine un- vergkeichlich größere Bedeutung hat wie etwa Pommern oder Hannover oder Schleswig-Hol- stein Daß man Westfalen trotzdem den vollen Ausbau der Universität vorenthält, mag doch zum Teil und nebenbei auch wohl darin seinen Grund haben daß Westfalen und ^sonders Münster überwiegend katholisch ist. Die Regierung zeigte sich auch jetzt nicht sehr entgegenkommend.
Im preußischen Herrenhause wurde die Lehrerbesoldung erledigt. Aber diese Erledigung ist keine endgültige, da die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses durch das Herrenhaus zu Ungunsten der Lehrer umgeändert worden sind.
Di- Königin von Holland hat rhr Larrd mit einer Thronerbin beschenkt. Dadurch wird die alte Furcht der Holländer einigermaßen zerstreut werden, daß ein deutscher Prinz bett hollän- bischen Thron besteigen, oder sonst Holland in Ab- hängigkcit vom deutschen Reiche geraten könnte. Nun werden auch die Holländer einsehen, daß diese Gefahr nicht so groß ist, und so dürfte eine Besserung der deutsch-holländischen Beziehungen die Folge sein, wie denn in der Tat verlautet, daß auch der deutsch Kaiser Taufpathe des hollän- bischen Köniqskindes werden wird.
In der Türker sind die Streitigkeiten und Wirrungen — vorläufig wenigstens — gelöst. Ab- dul Hamid ist durch einen moderneren Sultan, durch Mohammed V. ersetzt worden, und selbst un- ter strenger Bewachung nach Salonik gebracht worden. Natürlich wurde alles, seine Absetzung, seine Reise nach Salonik, sein dortiger Aufenthalt mit einem duftigen Sagegespinst umwoben. So soll er. als er zur Abdankung gezwungen wurde, ä la Bülow „geheult" haben. Zuverlässiger ist die Nachricht, nach der er nur das eine Wort gesagt haben sollt Das ist mein Kismet (da? ist das Verhängnis). Der neue Sultan setzt sich ge- waltig in Positur, um „gemäß der Verfassung und dem Scheria" zu regieren. Er hat freiwillig und aus eigenem Antriebe seine Zivilliste von 25 auf 20 000 Pfund herabgesetzt, scheint also wirk- lich mit den demokratischen Versprechungen Ernst machen zu wollen. Inzwischen sind die Jung- türken damit beschäftigt, das Strafgericht über die Meuterer abzuhalten, und sie sind dabei mäßiger, als die ersten Zeitungsberichte glauben machen wollten. 13 Personen sind an öffentlichen Pfählen in Konstantinopel aufgehenkt worden, alle anderen Strafbaren sollen mit Inhaftierung, davon kommen. Wilder und gefährlicher als in der Hauptstadt geht es in einzelnen Landesteilen zu. Möge es dem Heere gelingen, in Armenien den unerhörten blutigen Metzeleien ebenso ein Ende zu bereiten, wie den erneuten montenegrinischen Bandeneinfällen in den europäischen Provinzen.
In Persien zittert der Schah um seinen Thron. Was die jahrelangen revolutionären Kämpfe der „Nationalisten", der Intelligenz des Landes, nicht vermocht hatten, das hat das Einrücken rusiischer Truppen in die nordwestliche Hauptstadt Täbris erreicht. Jetzt endlich ist ihm die Binde von den Augen gefallen, und er erkennt, warum Rußland ihm immerdar durch den Obersten Liakof zu rücksichtslosesten Maßitahmen gegenüber „seinem" Volke getrieben hat. Aber obs nicht schon zu spät ist? Durch die langwierigen Kämpfe ist die Widerstandsfähigkeit seines Landes derart geschivächt, daß Rußland, wenn es wirklich den Zeitpunkt der Annexion Nordpersiens für gekommen erachtet, leicht .Herr der Situation werden wird.
In Venezuela steht ein neuer Bürgerkrieg beöor. Castro, unser Berliner Gast, ist wieder nach Frankreich zurückgekehrt, da man ihm die Möglichkeit einer Landung in seiner Heimat nicht gewährt hat. Er will jetzt auf dem Wege über
wochen-Run-jcha«.
Fulda, 7. Mai 1909.
Bernhard Fürst v. Bülow hat am 3. Mai seinen 60. Geburtstag gefeiert 60 Jahre rst em Alter in dem Rücktrittsgedanken mcht mehr sel- ten sind. Beim Fürsten Bülow indessen scheinen andere Leute mchr an seinen Rücktritt zu denken wie er selber. Daß er nicht mehr imstande wäre, fein Amt weiter zu führen, wird auch wohl «re- mand behaupten wollen, es fragt sich nur, tote lange die politische Konstellation ihn noch am Stuber läßt. Fürst Bülow steht jetzt 37 Jahre im Staatsdienst. Nach kurzer Tätigkeit bei der Justiz trat er 1873 in daS Auswärtige Amt ein und widmete sich der Diplomatie. Lange Zeit weilte er im Ausland, in Rom, Petersburg, Wien, Athen, als Gesandter in Bukarest, dann als Botschafter in Rom. 1897 kehrte er dann nach Deutschland zurück und wurde Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, wie es heißt, auf Betreiben des Fürsten Eulenburg, dessen erklärter Günstling er damals gewesen fein soll. Nach der Er- toerbung der Marianen- und Karolineninseln erhielt Herr v. Bülow den Grafentitel, im Jahre 1900 wurde der Staatssekretär im Auswärtigen Amte als Nachfolger des Fürsten Hohenlohe an die Spitze der Regierungsgeschäfte im Reiche berufen. Am 6. Juni 1905 wurde er in den Fürstenstand erhoben, die Verleihung des Herzogstitels soll nahe bevorstehen. Die schwierigste Aufgabe der inneren deutschen Politik, die unter des Fürsten Bülow Regiment zu lösen gewesen ist oder besser, noch zu lösen ist, ist die Reichsfinanzreform. Erst wenn diese große nationale Aufgabe gelöst sein wird, wird die Zeit da sein, über die politische Wirksamkeit und Fähigkeit des Fürsten Bülow ein definitives Urteil M gewinnen.
Augenblicklich steht eS damit allerdings nicht gut. Zwar hat der deutsche Reichstag fast die ganze Zeit der letzten Wochen der Reichsfinanz, kommission abgetreten. Das Plenum des Reichstages hat nur wenige Sitzungen gehabt. Die Finanzkommission hat in der langen Zeit, die ihr zur Verfügung stand, nicht viel geleistet. Tas Branntweinsteuergefetz ist eingehend beraten worden, vor allem aber drehte sich der Kampf in langen und redereichen Sitzungen um die von den Konservativen angeregte Reichs wertzu- wachSsteuer. Diese Reichswertzuwachssteuer auf Immobilien ist schließlich angenommen worden, d. h. es ist ein Antrag angenommen worden, der die Regierung ersucht, einen entsprechenden Entwurf vorzultzgen. Als Nebenfragen kamen bei diesen Verhandlungen vor allem in Betracht, ob die Wertzuwachssteuer auch auf Mobilien ausgedehnt werden solle, und, ob die Reichswertzuwachssteuer auf Immobilien als Ersatz für die gefallene Erbschaftssteuer zu gelten habe. Letzteres wurde von -er Mehrheit der Kommission abge- ehnt. Auch die Regierung lehnte es ab, unter Hinweis auf die außerordentlich schwankenden Er- zebnisie dieser Steuer und in der Erwägung, daß man ben Gemeinden diese Steuer nicht nehmen bürfe. Trotzdem hat sich die Regierung zu einer Prüfung bereit erklärt, dabei aber einer Zu- n^lchssteuer auf Mobilien keine große Aussicht gelassen. Dem Einwande, daß den Gemeinden ihre Einnahmequellen verkürzt würden, kommen die Absichten der Konservativen und des Zentrums dadurch entgegen, daß sie die Gemeinden an dem Ergebnis der Steuer beteiligen wollen. Bei den ganzen Verhandlungen schielten dann die Augen sämtlicher Parteien noch immer nach der schon ge-
a° Die nette hessische Städteordnrmg.
Der Zweien Kammer ging, wie schon ge« meldet, ein Gesetzentwurf über die Neuregelung der Stäbteorduung zu. Auf dem vorigen Land« lag gelangte die vorgeschlagene Revision der Verwaltungsgesetze nicht zur Verabschiedung; diesmal beschränkt sich die Regierung zur Entlastung der gegenwärtigen Legislaturperiode auf die Vorlage einer neuen Städte» und Landgemeindeordnung sowie eines Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege.
Die neue Städteordnung bringt zwar keine wesentlichen Aenderungen, sucht jedoch mit Erfolg bis zu einem gewißen Maße Bestimmungen zu verbesiern oder zu beseitigen, die sich im Lauf» der Jahre als mißständig oder überstüssig er« wiesen haben. 5Heu ist von allem, daß Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung nicht mehr der Remedur des Kreisausschusies, sondern des Provinzialausschusses unterliegen. Dies» Neuerung kann nicht befriedigen, da auch jener Verwaltungskörper, der sich zum Teil aus ländlichen Vertretern zusammensetzt, ebensowenig alber Kreisausschuß dazu berufen erscheint, bal Selbstverwaltungsrecht der Städte durch Beschlüsse zu beschränken, die doch in vielen Fällen auf einer unzureichenden Kenntnis städtischer Verhältnisse beruhen. Neu ist ferner die Bestimmung, wonach den Geistlichen .und Lehrern das passive Wahlrecht zum Eintritt in die Stadtverordnetenversammluna gewährt wird. Damit wird ein berechtigter Wunsch er» stillt, der namentlich in letzter Zeit oft von den Lehrerverbändkn geltend gemacht wurde. Aller« dmgS soll nach der Vorlage die Erlaubnis zur Annahme der Wahl in jedem Einzelsall von der vorgesetzten Dienstbehörde abhängig fein; aber diese Beschränkung trifft auf alle Staatsbeamten zu. Beibehalten ist die Unterscheidung zwischen Ortsbürgern und anderen Angehörigen der Gemeinde. Die gänzliche Ablösung des Ortsbürgev- nutzens soll auf Grund zu erlassender besonderer Bestimmungen für die Folge zulässig sein.
Was die Zusammensetzung der Stadt« oerordnetenversammlung betrifft, so soll nach wie vor mindestens die Hälfte der Stadt« verordneten dem höchftbeftenerten Drittteil der Wahlberechtigten angehören. Der namentlich vom Zentrum wiederholt gemachte Vorschlag, den Städten die EinsShrnng des Verhältniswahl rechts bei den Wahlen durch Ortsstatut zu gestalten, hat merkwürdiger Weise in der Vorlage keine Berücksichtigung gefunden, obgleich bie Regierung auf dem vorigen Sanblag biefe Forderung als diskutabel bezeichnet hat. Di» Zentrumsfraktion wird zweifelsohne einen dahinzielenden Abänderungsantrag einbringen. Wenn irgendwo die Einführung der VerhLUuiSwahk zum Schutz der Minoritäten sich dringend empfiehlt, fo sicher bei den Gemeindewahlen. Aber wie bei dem Landtagswahlrecht, wo bafl Zentrum gleichfalls die Einführung be- Ver
fallenen Erbschaftssteuer, vor allem auch die Re- gierung hält an ihrem Standpunkt fest, daß die Reichsfinanzreform ohne bie Erbanfallsteuer nicht zu machen sei. Nbgelehnt wurde auch sowohl feiten» der Regierung wie der Mehrheit eine vom Freisinn vorgeschlagene Reichsvermögenssteuer.
Zu den kleinen Mittel«, mit denen Fürst Bülow die Blockpolitik am Leben zu erhalten versucht, gehört vor allem di» Drohung mit feinem Rücktritt Mit gutem Erfolae bereits im Dezember 1907 wie mi Dezember 1908 an gewendet, soll sie auch jetzt wieder die drohenden Schwierig, feiten beschwören. Die,Neue Gesellsch. Rorrefp.', die ihre Informationen ou$ der Wilhelmstraße bezieht, meldete, Fürst Bülow werde noch vor dem Pfingstfest« feine Demission geben, falls bis dahin eine Klärung bet finanzpolitischen Sagt nicht erfolgt sei. Gleich «ach der Rückkehr des Kaisers — also nach dem 23. Mai — werde der Reichskanzler dem Monarchen ben entsckeibenben Bortrag halten. Damit nun aber nicht böse Leute auf den Gedanken kommen sollen, Fürst Bülow trage sich wirkUck mit RScktrittsgedanken, läßt sich der eben- fall- Bülow-offiziöse ,Berl. Lokalanz.' schleunigst bie Melbung bet Korrespondenz an zuständiger Stelle dementieren. Bekannt sei nur, baß ber Kanzler den Gedanken ernstlich in Erwägung ziehe, von feinem Amte zurückzntreten, falls baS Zustande- kommen ber Finanzreform befinitfo aussichtslos werben sollte. Daß et jedoch bereits jetzt einen äußersten Termin für diese Entschließung festge- legt Habe, entspreche nicht ben Tatsachen. Der Sinn bet ganzen Aktion gehe also dahin, dem Block einen gelinden Schrecken einzujagen. An Rücktritt aber denkt Fürst Bülow selbst heute ebenso wenig wie bei seinen früheren DemissionS- gesuchen.
Im preußischen Abgeordnetenhause hat man sich die ganze Zeit mit dem Kultusetat beschäftigt. Bis jetzt ist es dabei ziemlich ruhig abgegangen .allerlei Fragen ans dem so weitschich- tigan Gebiete wurden behandelt, wie Denkmalspflege, Nahrungsmittelkonkrolle, Kreisärzte usw. Von besonderem Jnteresie war die Behandlung des bekannten Falles Knblenbeck. Dieser Rechtsprofessor in Lausanne war bekanntlich vor einem Jahr mit der Lausanner Fakultät, seinen Kollegen, den Studenten und noch manch.m anderen Leuten in Streit geraten ud schließlich vom Uni- versitätskuratorium entlassen worden. Durch Ver- Mittelung des preußischen Kultusministers sind dann seitens des deutschen Auswärtigen Amtes Schritte bei der Schweizer Zentralregierung unternommen worden, bei denen sich eigentlich nur das ergeben^ hat, was jeder vernünftige Mensch von vornherein annehmen mußte, nämlich daß die Schuld auf beiden Seiten lag. Tas bedauerliche dabei ist, baß bie eine dieser beiden Seiten von Deutschen inspiriert war. Dieser, Alexander Her- zen, ist Privatdozet in Lausanne, und eigentiim- licher Weise ist es ihm erlaubt worden, sich als solcher in Lausanne niederzulassen und zu lesen, ohne daß er vorhereine Habilitation eingereicht hätte. Daß es also immerhin an der dortigen Universität etwas eigentümlich zugeht, nmß man hieraus schließen. Auch folgendes ist schr bezeichnend: Rusiische Studenten, die nicht in der Lage waren, einen Ausweis über ihre wissenschaftliche Vorbildung beizubringen, wurden immatrikuliert auf Grund eines russischen — Jagdscheines I Daß unter solchenUmständen einem etwas chauvinistisch veranlagten Manne, tote dem Professor Kuhlen- beck, gelegentlich die Galle überlaufen mußte, ist nicht toeiter verwunderlich. Infolge all dieser Streftfälle ist inzwischen manches in Lausanne besser güvorden. Bon weiterem Interesse war bei de» .Kultusverhandlungen die Forderung der Ab- geordneten v. Gescher und Schmedding auf Vervollständigung der Univerfität Münster.
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Verlag der Luldaer 2k- - 1.1-11 ii ttesdruckerei inZulda
Monatsberlage: ,f$UlbGCt VeschichtMmter m-y.
Unpolitische Zeitkäufe.
(n) Berlin, 6. Mai 1909.
(Nachdruck verboten.)
„Nu7 ein Mädchen!" So ein wehmütiges Echo weckt nicht selten die Geburtsanzeige, wenn der Storch eine weibliche Kleinigkeit gebracht hat. ES ist so nett und niedlich, das rosige Töchterchen; aber es wird doch nicht mit ungemischter Freude begrüßt. Warum konnte eS nicht ein Junge sein?
Die Holländer sind nicht so einseitig; sie haben auch die neu gebotene Prinzessin mit Hellem Jubel begrüßt. Sie hatten mit heißet Sehnsucht einen neuen Trieb am alten Stammbaum erwartet, ein Kind für die königliche Wiege,.die seit fktien Jahren auf Füllung wartete. Ob's ein Männlein ober ein Fräulein wat, blieb Nebensache; in Holland können auch die weiblichen Sprößlinge ben Thron erben und di« Krone tragen. Ja, man ist dort an da» weibliche Regiment schon red>t gewöhnt, da zunächst die Königin Emma als Regentin und bann bk großjährig geworbene Königin Wilhelmina als gekrönte Herrscherin die Geschäfte des Landes mit gartet
™ $$ tüchtiger Hand geführt haben. In dieser Beziehung ahmt Holland dem britischen Reiche nach, das fest Jahrhunderten schon dir Regierungsfähigkeit der Frauen praktisch erprobt hat. ,Als ich einen befreundeten Holländer fragte, ob chm denn ni(£t ein strammer Prinz lieber gewesen wäre, lächelte er recht behaglich mit seinem freiten, rasierten Gesicht und meint«: „Kann ja noch kommen; es sind eine Unmasse Wiegen itnb Windeln für die weitere Zukunft da. Aber vor- -laufig haben wir, waS Wir brauchen. Es geht ,auch so. Es geht sehr gut so. Vielleicht paßt für uns daS landeSmütterliche System am besten."
In der Tat ist das kleine Prinzeßchen ein un- .geheuer wertvolles Geschenk für unsere hollän- öischen Nachbarn. Sie atmen auf aus schwerer Sorge_ und Ungeduld; sie freuen sich in neuer Zuversicht auf den Fortbestand ihres Herrscher
hauses und die ruhige Weiterentwickelung ihres Staates. Unb wir schütteln ihnen herzlich die Hand mit ben besten Glückwünschen.
Aber tote steht es nun in den gewöhnlichen Familien? Wenn statt des erträumten Jungen „nur ein Mädchen" erscheint, hat man bann Grund unb Recht, ber Freude einen Dämpfe» aufzusetzen? Ich möchte darauf antworten mit einem angepaßten Berschen:
Empfange froh, was Dir bcfchiedcn. Entbehre gern, waS Du nicht hast. DaS Mädel bringt oft Glück unb Frieden, Der Junge bringt oft schwere Last.
Hinter der Vorliebe für männlich« Sproß- finge steckt häufig nur eine recht kurzsichtige Eitelkeit. Namentlich der junge Familienvater bildet sich leicht ein, daß er als ein besonders tüchtiger Kerl dastehe, wenn er rufen könne: Ein strammer Juitge! Und seine Gattin wird von diesem Wunsche angesteckt. Ihre eigene Natur drängt sie freilich nach bent Besitz eines fertigen Töchterleins; aber sie weiß, wie hoch die männliche Nachkommenschaft in ber Der wandt- schäft und Bekanntschaft, gewertet wird »ud wie sehr ihrem Manne der Sinn nach einem „Stammhalter" steht; somit hat auch die angehende Mutter den Wmrsch, daß in ihrer Kinderstube das männliche Geschlecht den Vortrttt habe nnb den Vorrang wahren möge. Aber dies« elterliche Ettelkeit und Großmannssucht befindet sich auf dem Holzwege. Auf die schwankende» Anfichten der Gelehrten braucht man nicht viel jtt gebe«. Aber es liegt ja offenbar im Plane des Schöpf-rS und des Ordners der Welt, daß von dem menschlichen NaHvuchs fo ziemlich die Hälfte männlich unb die andere Hälfte weiblich sein soll. Das Gleichgewicht der Geschlechter ist notwendig und heilsam. Die Nachkommenschaft ist „gemischt". In der Regel zeigt sich die „bunte Reihe" auch schon in der Kinderstube ber einzelnen Familien. Nach welchen Gesetzen bie Vorsehung diese Verteilung der Geschlechter regelt, daS wissen wir
nicht. Aber es liegt kein Grund zu der Annahme vor, baß den Eltern wegen eines männlichen Sprötzlings eine besondere Ehrenkrone gebühre. Durch die Statistik ist eine bemerkenswerte Tatsache erwiesen: unter den neugeborenen Kindern überwiegt das männliche Geschlecht, aber unter den halbwüchsigen Kindern überwiegt schon wieder daS weibliche Geschlecht, «nb je weiter bie Lebensjahre fortschreiten, desto größer wird das Uebergewicht des weiblichen Teils. Daraus folgt, daß bie Knaben, die in die Welt kommen, keineswegs lauter „stramme Jungen" und angehende Helden find, sondern daß im Gegenteil die Mädchen im allgemeinen sie an Lebenskraft übertreffen. — Wenn in den spätem Lri>ensabschnitten die Sterblichkeit beim männlichen Geschlecht größer ist, so sucht man das da- durch zu erklären, daß die Männerarbeit anstrsn- genter sei oder daß die Männer sich mehr , aufreibenden Genüssen Hingaben (Rauchen, Trinken «.). Ob daS zutrifft, ist noch zweifelhaft: denn manche Frauen haben im Leben schwerereGefahren für di« Gefundheft zu bestehen, als bie Männer, und bringen es doch gu einer längeren Lebensdauer. Aber für die Kindheitsjahre liegt die Sache sehr einfach: die Lebensbedingungen find da für den männlichen und für ben weiblichen Nachwuchs so ziemlich gleich, und wenn doch mehr Knaben sterben, so ist das ein Beweis für bie angeborene größere Lebenszähigkeit ber Mädchen, ferner sehen wir in der Uebergangszeit um die zwanzig herum, daß die Mädchen viel eher zur griffigen Selbständigkeit wnb sittliche» Reife gelangen. als die Jünglinge, die an Leib und Seele sich andauernd ungelenk erweisen und manchmal verzweifelt lange „dumme Jungen" bleiben, während ihre Altersgenossinnen bereits als vollendete Damen oder tüdjtige Hausfrauen sich geltend machen.
Also ehret die Frauen, auch schon m der Wiege. Es steckt Rasse und Kraft in dem weiblichen Geschlecht, das wir zu Unrecht das „schwa
che" nennen. Die Schwäche liegt vielfach auf der männlichen Seite.
Aker ber Junge kann angrillich „mehr leisten in der Welt". Ja, feine Leistungsfähigkeit ist eine andere, aber ob sie eine größere ist, wenn man die Leistungen nicht nur äußerlich mißt, sondern nach ihrem Wert uni ihrem Segen abschätzt, daS kann man doch nicht so schroff behaupten. „Er hatte Knochen, wie ein Gaul", heißt es in dem Liede vom Riesen Goliath. I« der großen körperlichen Kraft sind wir Männer im allgemeinen den Frauen über. Auch in der verstandesmäßigen Wissenschaft werden wir ihnen vorläufig wohl noch überlegen sein, wenngleich nicht zn verkennen ist, daß die strebsame Weiblichkeit uns auch da schon einen scharfen Wettbewerb macht. Zwischen diesen beiden Extreme» liegt aber ein großer Feld praktischer Lebensweisheit und Lebenskunfl; ich fürchte, daß man da die Ueberlegenheit des männlichen Geschlechts nicht so unbedingt und sicher verkünden kann, wie es das Selbstbewußtsein der Vartträger wünßht. Aber lassen wir die Rangstreitigkeiten und fassen nnbesangen daS Walten und Wirken einer tüchtige« Frau ins Auge. Was die leistet zum Wohle der Menschhett, das ist wahrhaft groß und herrlich. Auch dann, wenn die Fran in dem engeren „weiblichen Wirkungskreis" bleibt. Scho« d« Muttertätigkeit genügt, um den Preis eines ruhmvollen und segensreichen Erdenwallens zu gewinne«. Die Mutter hat ihren redlichen Anteil an den schönen «nd verdienstlichen Taten, di« von ihrer Nachkommenschaft auSgehen, auch von den männlichen Sprößlingen, und ihr Anteil ist sogar größer, als der des Vaters. — Also wenn euch ein Töchterchen beschert wird, so rümpft nicht die Nase, sondern hofft und strebt, daß auS ihr ein tüchtiges Weid wird, die Segen verbreitet ringsum bis in die fpäteren Geschlechter hinein.
Aber auch vom rein raktischen, so zu sagen hauswirtschastlichen Standpunkt ist die Vorlieb« für männliche Nachkommenschaft nicht ger«6tfer»