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36. Jahrgang
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Kwertes HZlcrtL.
\ Deutschland und England.
Die Stimmung in England ist noch immer erregt, eine Beschwichtigung durch die Zeit ist nicht eingetreten. Bei uns hat man kühles Blut behalten. Selbst die Alldeutschen, die da meinten, mit Säbelrasseln Bismarck herausbeißen zu müssen, und die jeden Tag als einen verlorenen ansahen, wo sie sich nicht gleich einem krähenden Hahn in die Brust werfen und das Ausland herausfocdern konnten, haben Ruhe gelernt.
Die Herstellung dauerhaft freundlicher Beziehungen zwischen England und Deutschland ist die wichtigste politische Aufgabe der Zeit. Biele der besten Kräfte Haden daran gearbeitet, doch haben sie immer nur einen vorübergehenden Erfolg erzielt. So ist wieder auf den Besuch des Königs Eduard am deutschen Kaiferhofe die durchaus verblüffende Aufregung ganz Englands über die deutschen Seerüstungen gefolgt.
Für Deutschland steht es fest, daß wir uns auf ein Wettrüsten zur See mit England nicht einlassen wollen und dürfen. Wie erkennen dreierlei: 1) daß das neben unserer schweren Heeres- last über unsere Kräfte ginge; 2) daß wir niemals solche Aufgaben zur See habcln können wie Engkind; 3) daß England genötigt ist, sich zur See gegen alle Gefahren sicher zu stellen, weil die See seine einzige Sicherheit bildet. Der Lebensfaden des englischen Weltreiches ist fein Kolonialbesitz. Schon aus diesem Grunde bedarf England einer ganz anderen Flotte als Deutschland. England muß darauf gefaßt sein, in allen Weltmeeren Feinden zu begegnen. Doch noch weit wichtiger ist der allbekannte Grund, daß England seine Bevölkerung nur für ganz wenige Monate mit eigenen Landeserzeug- nifien ernähren kann, also auf ungestörte Zufuhr von außen angewiesen ist. Nicht minder wichtig ist für England, daß es die Wege für die Einfuhr ausländischer Rohstoffe und die Ausfuhr heimischer Erzeugnisse offen hält, denn ander»,ab? stockt sein -ganzer Gewerdfleiß. Aus dielen Verhältnissen ziehen alle vernünftigen Deutschen den Schluß, daß England sich allezeit der stärksten Kriegsflotte versichern muß und wird, schon weil es alles auf diese eine Karte setzt.
Ist es wirklich England unmöglich, daraus einen ebenso freimütigen Schluß zu ziehen, nämlich den, daß Deutschland das Ergebnis ruhig hinnehmen wird und kann? Daß Deutschland sich sagt: es ist ein Glück für uns, daß wir einer solchen Kriegsflotte gar nicht bedürfen? Die Engländer verstehen nicht, in unserer Seele zu lesen. Sie trauen uns eine Eroberungslust zu, die wir nicht nur gar nicht haben, sondern die vollkommen sinnlos wäre. Ter Gedanke einer Truppenlandung in England mag für die von der See umgebenen Engländer schrecklich fein, für die Deutschen hat er nichts Verlockendes. Eine Landung in England ist nicht nur unausführbar, sie wäre auch zwecklos für uns, selbst wenn wir sie ausführen könnten. Auch der ausgemachteste Tollhänsler wird nicht e'-iuarten, daß wir uns dort jemals des kleinsten Besitzes ruhig erfreuen dürften. Und was die britischen Kolonien anbelangt, welch ein Gedanke, daß Deutschland auf Kanadp, Südafrika oder Australien die Hand legen könnte! Englands wichtigste Kolonie ist Indien, und dieser Besitz scheint wohl einigen Gefahren ausge- fetzt zu fein, namentlich wenn England in einen ernsten Krieg mit den Eingeborenen verwickelt wird. Aber anzunehmen, daß dort eine deutsche Streitmacht landen könnte, ist doch sinnlos.
Kleines Fenittetorr.
r — Amerikanischer Aberglaube. Trotz ihrer Dorgeschrittenheit auf materiellem Gebiet find die Amerikaner außerordentlich abergläubisch. Wahr- feiger, die ihr Handwerk in Europa nur im Verborgenen treiben, sind dort allgemein anerkannte Fachleute, und in Newyork hat sogar ein Dutzend dieser Zunftgenossen einen „Trust" gebildet, um ihren Beruf noch einträglicher zu gestalten. Ter Einfluß der amerikanischen Wahrsager geht so weit, daß die Zeitungen auf ihre Weisheit abonnieren und dem Publikum täglich eine halbe Spalte Astrologie austischen. Unter der Rubrik „To-day's Horoscope" kann man z. B. folgendes lesen: „Mereurius, Venus und Urania stehen heute günstig. Der heutige Tag ist mithin geeignet, Umgang mit Frauen zu suchen, wie überhaupt ein glücklicher Tag für Liebesangelegenheiten. Heute kann man Juwelen und Blumen kaufen, sich photographieren lassen und Dienstboten mieten. Es ist ferner ein vorteilhafter Tag für Doktoren und Beamte, namentlich für Zahnärzte. Reisen, die man heute unternimmt, müssen vor 9 Uhr abends beendet sein. Damen, deren Geburtstag heute ist, haben im Laufe des kommenden Jahres viel Liebe zu erwarten, während Männer in derselben Situation sich hüten müssen, sich am heutigen Tage zu entzweien, da sie in diesem Falle einen lagroierigen Prozeß zu gewärtigen haben. Kinder, die heute das Licht der Welt erblicken, dürften menschliche Prachtexemplare werden-; doch falls es Mädchen sind, werden sie ihren Männern einst viel Geld kosten uiw." — Wo solches Geschreibsel täglich schon mit dem Frühstück absorbiert wird, ist es fein ^un£er-. ^nn der Aberglaube in schwachen Seelen üppig Wurzel schlägt. Und so töricht das alles klingt, hat es doch seine sehr ernste Seite. Mo erzählt man sich z. B. in Newyork, daß der
Die wirtschaftliche Stellung des deutschen Reiches auf dem Weltmärkte durch kriegerische Maßnahmen zu fördern, diese Absicht kann man uns jenseits des Kanals doch nicht zumuten. Ein solcher Krieg würde auf alle Fälle tiefe Wunden schlagen und den wirtschaftlichen Erfolg sehr in Frage stellen.
Auf der anderen Seite kann eine Ueberwäl- tigung Deutschlands gar nicht im Interesse Englands fein. Liegt Deutschland am Boden, dann sieht sich England gegenüber dem russisch- französischen Bündnis in viel größerer Gefahr als jetzt. Besorgnisse um Indien möchten dann in ungleich ernsterer Gestalt wiederkehren. Dieser Zusammenhang der Dinge wird nicht immer erkannt, weder auf deutfcher noch auf englischer Seite. Und doch hat er die allergrößte Bedeutung.
So sind dem- die Voraussetzungen für ein freundschaftliches Nebeneinander' beider Mächte sehr Wohl gegeben. Es kommt nun vor allem darauf an, auf ihnen einen dauerhaften Bau des Einvernehmens zu errichten. Nachdem die orientalischen Wirren geordnet sind, ist dies unbestreitbar das wichtigste Problem der auswärtigen Politik.
Deutscher Reich.
** Wie der Wertzuwachs sich geltend macht, hat der Abg. Müller-Fulda bei der Kommissionsberatung über den konservativen Antrag auf Vorlegung eines Wertzuwachssteuergesetzes eingehend bargelegt. Wir tragen darüber unferm Bericht in Nr. 98 noch folgendes nach: Abg. Müller-Fulda fragte den Finanzminister v. Rheinbaben, ob er nie etwas davon erfahren habe, welche Steigerung die Bodenpreise auf den Dörfern in der Nähe von Köln, Düsseldorf, Essen, Bochum, Dortmund erfahren habe, ob ihm nicht bekannt fei, wie die Grundstücke in früheren Landgemeinden wie Gelsenkirchen, Schalke, Reck- lingha-usen, aber auch im Maingau, z. B. in Griesheim, Schwanheim, Oberrad, Nied »sw. gestiegen seien, und ob ihm die Steigerung der Grundstücke in kleineren und mittleren Städten wie Hanau, Offenbach, Biebrich, Nauheim, Eisenach gänzlich unbekannt geblieben seien. Er wies durch zahlreiche Beispiele Preissteigerungen inerhalb 12 bis 15 Jahren nach, welche bis zu 3000 Prozent gingen, nicht etwa in Großstädten, sondern gerade in mittleren ud kleineren Städten, wo Grundstücke, die früher 50 Pfg. bis 1 Mark pro Quadratmeter kosteten, heute mit 20—30 Mark bezahlt würden. In Fulda beispielsweise habe eine Witwe im Jahre 1894 dem Fiskus ein Grudstück für 1200 Mark angeboten. Dieser lehnte es ab. Im Jahre 1900 wurde es für 11000 Mark verkauft, 1906 für 24 000 Mark und 1908 kaufte es der Fiskus für 38 000 Mark. Statt 1 Mk. pro Quadratmeter im Jahre 1894 zahlte der Fiskus 1908 mithin 32 Mark. Unter gespannter Aufmerksamkeit der Kommission führte der Redner eine ganze Reihe solcher Fälle an. Nicht nur der städtische, sondern auch der ländliche Grundbesitz wurde die Steuer merken. Besonders wurde sie auf dem Lande große Beträge einLringen, wenn sich Industrien ansiedelten usw. Er könne es nicht verstehen, warum der konservative Antrag von der Regierung so kalt behandelt werde. Die Wertzuwachssteuer würde Geld, viel Geld bringen, mehr Geld, als die Erbansallsteuer. In fünf Jahren, bei einer neuen Finanzreform, sei die Steuer in vielen Gemeinden eingeführt, und dann wäre diese Steuerguelle für das Reich verstopft. Wenn man den Besitz in angemessener Form und Höhe treffen wolle, woran seine Freunde unbe- dingt festhielten, so fei es doch besser, statt den in der Familie vererbten Besitz den mühelosen Ge-
weltberühmte Tenor Caruso in der letzten Zeit Anfälle von Schwermut haben und alle Lust zum Singen verloren haben soll, weil eine Wahrsagerin ihm prophezeit hat, daß er in kurzer Zeil feine Stimme verlieren würde. Obwohl erfahrene Spezialärzte ihm versichert haben, daß feine stimmlichen Organe völlig gesund sind, vermag et sich der Wirkung jener Prophezeiung, die wie ein dumpfer, unheilvoller Druck auf ihm lastet, nicht zu erwehren.
— Entfernung von Tätowierungen. Ein sicheres Mittel zur Entfernung von Tätowierun- gen hat nach jahrelangen Versuchen der Erfinder Kennzer aus Köln gefunden. Vor einer Anzahl von Aerzten demonstrierte er seine Behandlungsart und hat nunmehr sein Verfahren in die Hände der Wissenschaft gelegt. Viele Mitel sind versucht worden, um Tätowierungen zu entfernen. Da war vor allem die Elektrolyse. Aeußerst schmerzhaft für den Patienten, war der Erfolg stets un- gewiß. Das einzige sichere Mittel war ein operativer Eingriff, der aber stets entstellende Narben hinterläßt. Tas neue Verfahren entfernt in einigen Tagen, ohne große Schmerzen und ohne Berufsstörung jeden Farbstoff aus der Haut. Wie die bei der Demonstration vorgeführten Patien- ten versicherten, ist keiner, selbst in Fällen, wo das Verfahren auf beiden Händen zugleich angewandt wurde, in der Ausübung seines Berufes gestört worden. Das Verfahren hat vonseiten der Aerzte die höchste Anerkennung gefunden.
— Muß man die Bedeutung landläufiger Fremdwörter kennen? Das Berliner Kaufmanns- gericht bejaht die Frage. Der Expedient Max S. in Berlin bat seinen Prinzipal um Urlaub für einen Nachmittag. Der Chef erwiderte ihm, dies sei nicht angängig, da viel zu tun sei. Als S. seine Bitte wiederholte, sagte ihm der Erstere: „Schön, gehen Sie! Die Konsequenzen werden Sie zu tragen haben!" Ter Angestellte blieb auch richtig fort und wurde sofort entlassen. Ties ließ er sich isdoch nicht so ohne weiteres gefallen und
mimt der Terrainspekulanten usw. zu erfassen. Tas Jmmobiliengeschäft bringe oft kolosialen Ge- winn und bleibe, wenn es nicht gewerbsmäßig betrieben werde, nicht entsprechend besteuert. Die vorgeschlagene Steuer treffe auch nicht den Grundbesitzer an sich, sondern nur den, der den Gewinn in barem Gelds auf dem Tische liege habe. Er glaube daß man mit 100—120 Millionen rechnen könne Eine Prüfung der Grundbücher sowohl für mittlere als kleine und große Städte werde die Richtigkeit seiner Angaben bartun; er erklärte sich auch bereit, für alle seine Angaben hinsichtlich der Bodenwertsteigerung in kleinen und mittleren Städten und auf dem Lande selbst Beweise zu erbringen.
♦ Der neue Caligula. Unter dieser Spitz- marke glossiert die ,Sch>es. Ztg/ den bekannten lakaienhaften Lobgefang der ,'Jt. Ges. Storr/ zum 60jährigen Geburtstage Bü ows recht scharf. Rach der Korre'pondenz soll Bülow gesagt haben:
Wenn die Ehre und das Wohl des Lander es erfordern, lasse ich hunderttausend über die Klinge springen."
Dazu bemerkt das Breslauer Blatt: „Eider Taulend! Woher will denn Bülow die 1( 0000 Mann nehmen, die auf seinen stolzen Wink zu schrecklicher Selbstvernichtung anzutreten bereit wären ? Der Mann der Herricherpose überschätzt sich und die Aufoplerungssreudigkei: seiner Getreuen gar gewaltig. Zum Wohle des Vaterlandes selbst über die Klinge zu springen, scheint des Deutschen Reiches Kanzler - weniger Pläsier zu machen; und doch wäre es an der Zeit, daß er selbst dem Vaierland sich zum Opfer brachte, nachdem er feine Unfähigkeit, das Steuer des deutschen Reiches zu führen, bis zur Evidenz bewiesen hat."
△ Mit welchem blöden Kindergeschwätz heute Blockorgane ihre Leier irattieten, ersieht man aus der,PosL, der „glaubhaft bezeugt" (!) wird, daß der Abg. Erzberger erklärt habe, er wolle eme ganze Reihe vonFlaschen Sekt geben, wenn jetzt der aus den Reichstagswahlen 1907 hervorgegangene Reichstag aufgelöst würde. — Da könnte ja Fürst Bülow diesem bösen Herrn Erzberger eine nette Zeche ans Bein hängen, wenn er boshaft genug wäre, den Reichstag auszulölen! Vielleicht tut er's?
Ausland.
* König Eduard ist in Paris eingetroffen.
* Cxprasident Castro kam kürzlich in San Sebastran in Spanien an. Er sprach sich in scharfer Weise gegen das Verhallen der französischen Regierung aus, wogegen er vorzugehen gedenke. Er glaubt, daß noch im Lause dieses Jahres Ereigntsse eintrelen würden, die seine Rückkehr nach Venezuela ermöglichten. Sein Gesundheitszustand hat sich durch die Strapazen der Reise verschlechtert, trotzdem will er nach Santander fahren, um dort die Ankunft feiner Gattin abzuwarten. — Castros Pariser Rechtsanwalt Menard fordert im Auftrag seines Klienten von der französischen Regierung zehn Millionen Franc als Ersatz für den Schaden, den Castro durch die französische AusweisungSordre erlitten l-abe. — Der venezolanische Vertreter in Paris erhielt von seiner Regierung telegraphisch den Auftrag, die Nachricht, daß in Venezuela eine Erhebung zugunsten Castros bevorstehe, als unrichtig zu bezeichnen. Im ganzen Lande herrsche vollste Ruhe. Die Richtigkeit dieses Dementi- wird man abwarten müssen.
klagte gegen seinen Arbeitgeber. Vor Gericht sagte er aus, er habe keine Ahnung gehabt, was das Wort „Konsequenzen" bedeuten solle, sonst n-äre er selbstverständlich nicht fortgeblieben. Tas Gericht hielt jedoch die Entlafsung für gerechtfertigt, denn aus dem ganzen Verlaufe der Unterhaltung müsse der Kläger ersehen haben, daß ihm der Urlaub verweigert worden sei. Die Folgen aus der Unkenntnis des Wortes „Konsequenz" müsse er tragen.
— Ein Einsiedler. Nach fünfzehnjährigem, einfamen Leben ist ein englischer Goldsucher, Albert Courtney, oer in Kalifornien fein Gluck suchte, zum erstenmale wieder nach einer Menschenansiedlung zurückgekehrt. In wüster Einöde hat er die ganze Zeit verbracht, keinen Menschen gesprochen, keine Zeitungen gelesen. Als er jetzt nach San Bernhardine kam, war eine seiner ersten Fragen: „Wie geht es der Königin?" Als man ihn belehrte, daß Königin Viktoria längst im Grabe ruhe, und daß ihr Sohn als Eduard VII. die britische Krone trüge, war er aufs höchste erstaunt. „Also Königin Viktoria ist tot", meinte er kopfschüttelnd, „ich kann es kaum glauben." Ein Automobil rasselte vorüber, vor dem der Einsiedler entsetzt zur Seite sprang. Mit verwundertem Blick starrte er dem Wagen nach, der ohne Pferde auf der Straße lief. Er kannte den Namen Theodor Roosevelt nicht einmal vom Hörensagen, der Burenkrieg war für ihn eine Reuig- feit
— Gegenbeweis. Junggeselle: „Eheleute, die schon lange verheiratet sind, können sich doch eigentlich nichts mehr zu sagen haben!" — Ehemann: Na _ da sollen Sie nur einmal meine Frau hören, wenn ich vom Wirtshaus spät heimkomm!"
— Indiskret. Strohwittwer: »Sie sind eine schöne Auspasierin; haben meiner Frau geschrieben, daß ich jede Nacht spät nach Hause komme!* Wirt- schasterin: »Ist mir gar nicht eingefallen! Ich habe ihr nur geschrieben, daß ich Ihnen morgens immer einen Hering holen muß!"
Aus dem Nachbargebiete.
* GerSfeld, 6. Mai 1909. Durch das Anwachsen bet Ausgaben für Verzinsung und Tilgung der Kreisschulden, für Verwaltungskosten, Wegebau, außerordentliche Armenpflege usw. ist die Erhöhung der Kr eiSsteuer von 50 pCt. auf 58 pCt. erforderlich geworden.
• Münnerstadt (Rhön), 6. Mai 1909. Nach- dem die Arbeiten für die hiesige Wasserversorgungsanlage bis Ende dieser Woche nahezu fertiggestellt sein werden, soll im Saufe der nächsten Woche bereits ihre Inbetriebsetzung bezw. mit den nötigen PrüfungSoersuchen begonnen werden.
* Melsungen, 6. Mai 1909. In der im Jahre 1904 von der Pen sions kaffe der Arbeiter der preußisch- desstichen Eisenbahn-Gemeinschaft im Stadtwald bei Melsungen errichteten Heilstätte für Lungenkranke sind im Jahre 1908 insgesamt 762 Patienten verpflegt worden.
* Wiesbaden, 6. Mai 1909. Ein hier verstorbener Rentner, früherer Kaufmann, hat seinen Freunde» eine große Ueberraschung bereitet, indem er diesen in seinem Testamente ansehnliche Legate auS- setzte. Ein Arzt und ein Bankbeamter, der ihn bet der Verwaltung seines großen Vermögens unterstützte, sollen je 150000 Pik., die Tochter eine» Restaurateurs, bei dem er viel verkehrte, eine Witwe und seine Haushälterin je 50000 Mk. erhalten. Obwohl die Söhne des Verstorbenen die Absicht geäußert haben, diese Vermächtnifle anfedjten zu wollen, soll doch kaum ein Zweifel bestehen, daß sie zur Auszahlung gelangen, da nach Lage der Sache der Testator so, wie geschehen, verfügen konnte. — In einem hiesigen größeren Hotel stürzte sich gestern abend kurz vor 10 Uhr die hier zur Kur weilende Frau von Witow au8 Wilmersdorf bei Berlin aus dem Fenster und verstarb alsbald an den erlittenen Verletzungen. — Die hiesigen Schuhmachergehilfen find in den Ausstand getreten, da die Meister ihre Forderung auf 10 bis 15 prozentige Lohnerhöhung der seitherigen Tarifsätze ablehnten.
vermischtes.
* Gras Zeppelin plant die erste Dauerfahrt mit seinem neuen Luftkreuzer »Zeppelin II", der in der ersten Hälfte dieses Monats fertiggestellt wird, nach Berlin zu unternehmen. Das Luftschiff soll dann von Berlin nach Köln gebracht werden.
* Karl Aschinger, einer der populärsten Männer Berlins, ist gestorben. Er kam vor etwa 20 Jahren mit feinem Bruder August Aschinger aus Nürnberg nach Berlin und gründete mit ihm die berühmt gewordenen Bierquellen, die dem eiligen Großstädter Gelegenheit gaben, sich im Vorbeigehen zu einem für damalige Verhältnisse außerordentlich niedrigen Preise schnell zu restaurieren. .
* Der verschleppte Zahlungsbefehl. Der Amts» richter P- in einer kleinen posenschen Stadt hattet einen Zahlungsbefehl, auf 200 Mark lautend, der an ihn gerichtet war, nicht zur Ausführung gebracht,' sondern mit nach Hanse genommen, wo ihn ein beauftragter Richter nach vier Wochen unerledigt fand. P. behauptete, den Zahlungsbefehl an sich genommen zu haben,- um die Schuld zu begleichen; er wurde; aber wegen Amtsvergehens zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt.
* Duldung der Operation Dienstsache? Kürzlich ist eine kriegsgerichtliche Entscheidung ergangen, die gegen einen Soldaten deshalb eine Freiheitsstrafe wegen Gehorsamsverweigerung verhängte, weil er nicht auf Befehl eines Militärarztes eine O p e r a t i o n an sich vollziehen lassen wollte. Diese Entscheidung wird auch von jurifti- scher Seite mit guten Gründen bekämpft. So wendet sich gegen sie in der Deutschen Juristenzei- tung Professor Dr. Mayer-Straßburg, bet durchaus bestreitet, daß die Duldung der Operation Dienstsache sei, und zum Schluß ausführt: „Unser Staatswesen ist dadurch ausgezeichnet, daß es dem Bürger eine „staatsfreie Sphäre" «inräumt; jeder Uebergriff ist ein Rückfall in den Polizei- float, der aus den intimsten Interessen des Bürgers Staatsinteressen gemacht hat. Die herrschenden Kulturnormen verbieten, staatliche Machtmittel zu gebrauchen, um eine Operation zu erzwingen, sie fordern, daß der Staat jeden nach seiner Fasson zugrunde gehen lasse."
Literarischer.
Bismarck in Wahrheit und Dichtung. Roman von Renatus von Strandfest. Magdeburg Magdeburger Verlags-Anstalt. Preis: geheftet 5 Mark; gebunden 6 Mark.
Der nun seit 10 Jahren Heimgegangene eiserne Reichskanzler gehört der Geschichte an. In allen bisher erschienenen Schriften über Bismarck ist hauptsächlich seine rein politische und diplomatische Tätigkeit behandelt. Der Verfasser des vorliegenden Buches gibt uns em Bild des Fürsten in Romanform, läßt ihn als Gatten und Vater auf treten, rückt uns den äußerlich schroffen und rauhen Charakter menschlich näher. Indem er aber Dichtung und Wahrheit miteinander verwebt, schafft er eine neue Romangattung. Wird diese in weiten Kreisen Anklang finden? Das ist eine Frage, die ich nicht von vornherein bejahen möchte. Denn die heutige Welt will die großen Männer kennen lernen, wie sie waren, mit ihren Licht» und Schattenseiten, nicht in Vermummung. Das von dem Schriftsteller zugetragene künstliche Element paßt bei den Großen nicht zu ihrem lebendigen Eigenartigen und Urperchnlichen. In dem Buche klmgt zudem bisweilen ein Unterton von persönlicher Politik durch, der in einem Roman nur störend wirkt. Str.