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102.

Fulda, DonnersLaa, den 6. Mai 1909.

36. Jahrgang.

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Preußischer Landtag.

Ubgrordnetenhaus.

Sitzung vom 5. Mat 1909.

Di» Ber-tung de» Kultusetat»

wurde beim Kapttel höhere Lehranstalten" fortgesetzt.

Eine Anzahl Abgeordneter brachten Spezial» wünsche vor.

Abg. Eickhoff (freis. Vp.) bringt nochmal» den Essener Fall zur Sprache.

Unterstaatssekretär Werner: Wir sind bereit in der allernächsten Zeit nähere Auskunft zu geben. Ber- allgemeinerungen weisen wir zurück. Wir in der Nnterrichtsverwaltuna kennen „heftete Gymnasiasten" überhaupt nicht. (Beifall.« Es herrscht durchaus Recht und Gerechtigkeit. Besondere Klassen gibt es nicht.

Abg. Dr. Hetz (Zeittr.) wendet sich gegen die gestrige Krttik des Abg. Dr. Maurer an seinen Dar­legungen über den Essener Fall.

Abg. Schmedding (Zerttr.) tritt für eine größere Pflege der körperlichen llebungen der Schüler er«.

Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopff: Wir stimmen diesen Ausführungen durchaus zu. Das Interest« am Turnen hat sich erfreulicher Weise ständig gesteigert. Der Turnunterricht ist bei uns im Vergleich mit dem Auslande keineswegs minderwertig, wir nehmen aber auch vom Auslände gern alleS, was es Gutes hat. Für eine gute Ausgestaltung deS Turnunterrichts ist besonders wichtig bte Gewinnung geeigneter Lehrer. Welche Fortschritte wir darin gemacht haben, beweist schon allein die Tatsache, daß wir 1900 *23 akademisch gebildete Turnlehrer hatten, 1909 aber 275. DaS ist doch eine koloffale Vermehrung. Im Vordergründe steht jetzt die Mnrichtung obligatorischer Eptelkurse. Die Idee eine- obligatorischen Spielnachmittags in der Woche ist gewiß sehr schön, aber sie würde eniweder eine Vermehrung der Pflichtstundenzahl herbeisühren oder aber, eine Verringerung der anderen StundenMhl.

Beim Kapitel „Elementarunterrichtswesen" begründet Abg. Gottschalk-Solingen (natl.) einen An­trag aus Bereinheutlchung der gesetzlichen Regelun g der Schulpflicht unter Berücksichtigung berech­tigter Sonderintereffen

Geheimrat v. Bremen erklärte die eventuelle reitschaft der Regierung, eine derartige Vorlage einzu­bringen.

Abg. v. Brandenstein (kons.) begründet einen An' trag auf erhöhte Heranziehung von weiblichen Lehrkräften für den Elementarunterricht, sowie Vermehrung der Lehrerinnenseminare.

Ein RegierungSkommiffar erklärte, einer weiteren Heranziehung von Lehrerinnen, namentlich auf dem Lande, stehe die Unterrichtsverwaltung durchaus, wohl­wollend gegenüber. Im neuen Etat seien zwei neue evangelische Lehrerinnenseminare und zwei katholische enthalten. Die Zahl der Lehrerinnenseminare in unge­heurem Maße zu vermehren sei unmöglich.

Abg. v. Steffel (k.i bat um Annahme des Anträge? Brandenstein. Die Lehrerinnenseminare sollten aus Gründen der Gesundheit und Sittlichkeit in der Mehr­zahl nach kleinen Städten verlegt werden.

Abg. Hackenberg (ntl.) äußert sich im Sinne der Ausführunqeu des Vorredners.

Abg. Dr. Hetz (Ztr.): Ich habe im Prinzip nichts gegen den Antrag v. Brandenstein einzuwenben. Die unerfreulichen Ergebniffe der Prüfungen bei den Fon- dlldungsschulen werden oft auf den Unterrichts­betrieb der Volksschule zurückgesührt, der an- geblich nicht auf der Höhe der Zeit stehe. Das muß ich bestreiten. Die Fortbildungsschüler wollen eben nicht mehr lernen, sie legen aus d,e Zigarre mehr Wert alS auf alles andere. Die Bolksschüler, die die Oberstufe nicht erreichen, haben das fast immer den viele» Schulversäumniften zu verdanlen, die sie hinter sich haben. Am Unterricht liegt eS nicht. Uebrigens müßte der BollSschulunterricht über das 14. Lebens« fahr hinausgedehnt werden. Was an den Volksschulen zu verbessern war, ist durch dm Ministerialerlaß vom »origen Jahre verbessert worden. Das beste M,tte! zur Hebung des Wissens erblickt Redner in der Ein­führung deS allgemeinen obltgarorischm Fortbildungs« unte-rrtchts. Unsere Volksschule steht auf der Höhe der Zeit; man muß eben auch bedenken, daß gerade in den letzten Jahren große neue Anforderungen an die Schul« gestellt werden. Im weiteren pole­misiert der Redner gegen den Abg. Hoffmann. Warum schicken die Sozialdemokraten immer Herrn Hoffmann zur Erörterung von Kirchen- und Schul-

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 5. Mai 1909.

Am Bundesratsttsch Staatssekretär Nieberding. Auf der Tagesordnung stand zunächst die erste Lesung über die

Haftung des Reiche» für bte Beamten.

Staatssekretär Nieberding: Der Entwurf ent­spricht der vom Reichstag vor zwei Jahrerr angenom- menen Resolution. Das Reich ,oll in Zukunft für alle Schädigungen haften, die aus einer ordnungswidrigen Handlung eines seiner Beamten hervorgeben. Die ver­bündeten Regierungen hoffen, daß dieses Gesetz die Zu­stimmung deS Reichstag» finden wird.

Abg. Bruntzermann (Rp.): Meine politischen Freunde sind mit de» Vorschriften des Enlivurfs im allgemeinen «inverstaiide» und bereit, bei der Kommisstonsberatung mitzuwirleu.

Abg. Juitck (ntl.) bedauert, daß die Vorlage nicht auch die Haftung für die Staatsbeamten vorsehe und daß di« Haftung des Reichs für Beamte im aus­wärtigen Dienst zu sehr eingeschränkt sei.

Abg. Dr. Spahn (Z.) gibt seiner Genngtuung über Hie Einbringung der Vorlage Ausdruck. Es sei zu Hlüfeu, ob «8 richtig fei. die Haftpflicht zu beschränken auf die Schadenansprüche, die aus der Verletzung einer einem Dritten gegenüber obliegenden Amtspflicht er» wachsen sei und bte Postbeamten in das Gesetz ein» lubCAubeii-

Nach weiterer unerheblicher Debatte geht die Vor­lage an die Justizkommisston.

Dritte Beratung der

givUprozetznovelle.

i Abg. Schmidt-Warburg (Ztr.) beantragt eine Er- rveiterung des Armeurechts dahin, daß im Falle der Gewährung des Armenrechts der Armenpartei zur Wahrnehmung ihre Rechte ein Rechtsanwalt beigeord- tict werden muß, wenn es sich um einen Streitgegen­stand von mehr atS 300 Mark handelt und die Gegen­partei durch einen anderen vertreten ist.

Etaatssekretär Nieberding bittet den Antrag abzu- . lehnen, da das Gericht schon heute, wenn eS von der ^-Stellung eines Berietdigers als notwendig überzeugt wäre, in der Lage fei, den Verteidiger zu stellen. Gegen Jein« Ueberzeugung könne mau das Gericht nicht zu liefet Stellung zwingen.

Abg. Heine und Abg. Dziembowski-Pomian (Pole) sprechen sich für, Abg. Dove (ftf. Vgg.) und Abg. Ablatz gegen den Antrag auS. i

Abg. GrSber (Ztr.): Der Berteidiger soll nur ge­stellt werden, wenn auch die Gegenpartei einen Ver­teidiger bet Stur wer kein roormei Herz in der Brust hat, kann sich auf den formalen Standpunkt stellen >md unseren Antrag ablehnen. Heule ist die Stellung eines Verteidigers gmiz in das Ermessen des Gerichts gestellt. k>er Richter hat gar keme Direttive. Mr dürfen diese Gelegenheit, das Armenrecht zu erweitern, nicht vorüber­gehen lassen; vor dem formalen Recht steht die innere Gerechtigkeit, und darum bitte ich um Annahme des Antrages. tLebh. Beifall.)

Abg. Heinz« (natl.): Warum hat der Abg. Gröber nicht an das warme Herz des Amtsrichters appelliert'i Wir hatten den Antrag für überflüssig.

Abg. Tröger (frf. Bp.) erklärt, daß seine Partei im Gegensatz zum Abg. Ablaß für den Antrag stimmen werde.

Abg. Gröber (Ztr.): Wenn wir hier Gesetze machen, dann will ich solche Bestimmungen treffen, die einen Appell an das Herz des Amtsrichters überflüssig machen. (Beifall.»

Auf dem Wege des Hammelsprung» wird der An­trag mit 106 gegen 97 Stimmen abgelehnt

Bei Artikel in wird auf Antrag Sturz (südd. Vp.) der Paufchalsatz sür Zwangsvollstreckungen, der nach den Beschlüssen zweiter Lesung 1 Mark für jede einzelne Zwangsvollstreckung beträgt, auf 2 Mark er­höht Im übrige« wird die Vorlage unverändert — auch in der Gesamtabstimmung angenommen.

Der Gesetzentwurf bett. Sicherung der Bau» sorderuugen rottb in dritter Lesung en bloc und bfboütbi angenommen.

Donnerstag: Antrag Speck (Ztr.) bett. Umsatzsteuer für Großmühlen.

fragen vor? Dazu nimmt man doch möglichst einen Mann, der in der Lage ist, dieses wichtige und große Gebiet zu übersehen! Warum nehmen die Sozial­demokalen nicht einen gebilbeten und geistvollen Mann wie Herrn Heimann? Vermutlich, wett der nicht eine so .ul; Agitation dienliche Reo« halten würde. (Sehr richttg!) Prof. Ratorp, auf den sich Herr Hoffmann berufen hat, hat den deutschen Lehrern auf ihrer Ver­sammlung Dinge erzählt, bte er selbst nicht sür reali- sierbar hält So macht man die Lehrer nur unzu- fneben. Auch auf Herrn Tews hat sich Herr Hoff- mann berufen. Der aber ist ein entschiedener Gegner der christlichen Boltsschule und der Kirche: verlangt er doch u. a. bte Behandlung des Darwinismus, Mo- nismus und Buddhismus im Religionsunterricht. Das wichtigste ist und bleibt immer, daß der christlich« Geist der Volksschule erhalten bleibt Darauf beruht auch die Erziehung des Volkes zum Patriotismus, wie ihn ein jeder Preuße und Deutsche haben muß. (Beifall.) Ministerialdirektor Schwartzkopff: Die Unterrichts- verwaltung wird die hier gegebenen Anregungen zur Ausführung bringen, wenn sie geeignet sind, bte Schule •u fördern. Die Frage, ob Mittelschullehrer zur Uni­versität sollen, ist nicht so leicht zu enischetden. Die Hochschullehrer hallen die Kurse an den Universitäten für besser. Vielleicht könnte man noch ein Semester .„setzen. Die Lehrpläne für die Mittelschulen werden demnächst Sachverständigen zur Begutachtung vorgelegt werden. Die Verhandlungen über die Ausgestaltung eines Gesetzentwurfs über bie Mittelschullehretbesot- bung finb noch nicht zum Abschluß gelangt.

Donnerstag: Kultusetat.

ä Der Block vor dem Blocksberg.

Wenn das Zentrum schadenfroh wäre, so könnte es an den Zuständen, wie sie , fetzt unter der glorreichen Block-Aera und der nicht minder glorreichen Patronage des Fürsten Bülow im Reichstage herrschen, seine Helle Freude haben.

Eine so ungewöhnliche Verwor­renheit und Zerfahrenheit haben wir in unserer inneren Entwickelung doch noch nie­mals gehabt. Der Reichskanzler steckt mit seinem Block in der Sackgasse und kann nicht vorwärts und kann nicht rückwärts. Alle Welt fragt, was nun geschehen soll, aber niemand weiß eine Ant­wort. Die blockbegeisterte „Köln. Ztg." klagt: Ter Block schläft den Schlaf des Gerechten. Kom- promißverhandlungen zwischen den Parteien oder den Parteien und der Regierung werden nicht ge­führt. Die Regierung lauert auf die Initiative der Parteien, utid die Parteien scheinen zu den­ken, daß es Sache der Reichsregierung ist, die Verhandlungen über den toten Punkt zu brin­gen. Wer weiß, wie. das alles noch enden mag!

Ja, wenn man doch nur schon ernstlich den Anfang gemacht hätte. Was bis jetzt an dem großen Werke der Finanzreform geschaffen wor­den ist, sind ja doch nur Nebensachen, Kleinig- leiten. Wie weit noch alles im Rückstände ist, kann man u. a. daraus ersehen, daß jetzt, wo die Reform doch schon längst fertig sein sollte, daß jetzt noch immer neue Vorschläge bekannt gegeben werden. Die „Köln. Ztg." veröffentlicht mehrere ihr zugegangene Vorschläge, so eine wahlweise Erbschafts- und Vermögenssteuer, fer­ner eine Gesindesteuer unter Ausschluß aller Personen, die in landwirtschaftlichen oder gewerblichen Betrieben beschäftigt find, selbst wenn fie kleinere häusliche Arbeiten verrichten müßten. Bei Annahme eines Durchschnittser­trages von 15 bis 20 Mark pro Kopf würde diese Gesindesteuer einen Ertrag von 25 Millionen bringen. Weiter wird eine Steuer von 10 Psg. pro Woche und Kopf für alle Arbeiter, Dienst­boten und Angestellte die versicherungspflichtig sind, vorgeschlagen. Diese Steuer würde 50 Mil­lionen einbringen. Von anderer Seite ist wieder eine Besteuerung der Einlagen von Banken und Sparkassen, der Grammophonplat­ten, der Ansichtskarten, des Spielens in öffentlichen Lokalen nfto. empfohlen worden. Den Vogel hat aber ein Herr abgeschoffen, der in einer

Eingabe bittet, die über 200 Pfund wiegenden Personen mit einer Steuer zu belegen.

Um den Blockfrieden nicht weiter zu stören, möchte man in Blockkreisen angesichts der abso­luten Unfähigkeit jetzt zu einem Ziele kommen, die Schwierigkeiten hinausschieben. Die „Tägl. Rundschau" teilt darüber mit:

„Wie aus verläßlicher Quelle verlautet, wird jetztj ernsthaft der Plan erwogen, anstelle der Erbschafts« befteuerung 100 Millionen Mark Matrikularbei« träge während eines Provisoriums von drei Jahren zu erheben. Während dieser Zett sollen alsdann anderweitige Steueroorschläge, die lediglich bett. Besitz in feinen verschiedenen Arten gleichmäßig treffen,! ausgearbeitet werden. Für bas Königreich Preußen würde sich zwischenzeitlich die Aufbringung einer für bas Reich benötigten Summe von etwa 60 Millionen bnelter Steuern am einfachsten durch Zuschläge zur Vermögenssteuer bewirken lasten. Den anderen Bundesstaaten bleibt bie Art ber Aufbringung von etwa 40 Millionen Mark direkter Reichssteuern Über­lassen. Man nimmt an, baß es innerhalb drei Jahren gelingen werde, bte Besitzsteuerfrage aus geordnet« Grundlagen zu stellen und dabei auch dem steuer« technischen Grundsatz« zum Rechte zu verhelfen, daß mit dem Wachstum ber Bevölkerung und des Rational« Wohlstandes von selbst steigende Steuererträge für ba8; Reich erzielt werden. Es gilt als selbstverständlich, daß bet diesen BestimmungSplänen bie erweiterte Erbschafts« befteuerung nicht ausgeschaltet wird; es handelt sich zunächst nur darum, eine Verständigung unter den Blockparteien herzustellen."

Es'ist nicht ausgeschlossen, daß die Blockparteien sich auf diesen Vorschlag einigen I werden. In der „Tägl. Rundsch." wird auch damit! gerechnet, daß das Zentrum ihm beitreten werde. Wir wissen nicht, wie das Zentrum sich dazu stellen würde, möchten es aber sehr bezwei-^ fein, daß die Fraktion einer Maßnahme zustim- ‘ men wird, die sachlich nichts anderes als eine Hinausschiebung der Reform bedeuten würde und die lediglich zu dem Zwecke erfolgen soll, um den Block am Leben zu erhalten. So viel Selbstverleugnung sollte man ihr eigentlich nicht zumuten. Wir sehen keinen Anlaß, die als dringend notwendig erkannte Reform noch länger Hinauszuschie«; den. i

Tie wichtigste Frage aber scheint uns die, was die Einzel st aaten dazu sagen würden. Sie haben stets und zwar mit Recht betont, daß eine endgültige Regelung der Reichsfinauzen notwendig sei. Weiter ist zu erinnern an den heftigen Widerstand, den sie seinerzeit dem Be- sitzsteuerantrag des Zentrums, mit dem der oben erwähnte Vorschlag eine fatale Aehnlichkeit be­sitzt, entgegengesetzt haben. Es ist doch wohl nicht anzunchmen, daß sie die vom Block offerierte Neuauflage des Zentrumsantrages wesentlich anders beurteilen könnten. Soweit wir über die Stimmung bei den Regierungen der Einzelstaa­ten unterrichtet sind, besteht dort — heute wenig­stens — nicht die geringste Neigung, in eine Er­höhung der Matrikulacheiträge, wenn auch nut für drei Jahre, einzuwilligen. Wir möchten des­halb vorläufig auch noch beKveifeln, daß der Vor­schlag der „Tägl. Rundschau" praktische Gestalt annehmen wird. Immerhin aber ist er als be­deutsames Symptom dafür anzusehen, daß in Blockkreisen die Neigung immer mehr zunimmt, der Schwierigkeiten der Reichsfinanzreform durch ihre Vertagung auf bessere Zeiten Herr zu werden.

Bülow und bie Reichs finattzrefor».

Die „gteue Ges.-Korr.", die sich erst neulich, am Geburtstage des Reichskanzlers, durch einen ülxrschwänglichen JubelhymnuS auf den Fürsten Bülow verdient gemacht hat, veröffentlicht ein offenbar direkt aus der Wühelmstraße geschöpfte- SttmmungSbild, in dem e8u.it heißt: >

„Der Reichskanzler wird unter keinen Um­ständen eine Reichsfinanzreform akzep»

3« Mm -es Mimißes.

97] Au- dem Englischen von K. v. Raesfeld-

„£) nein, nein, tausendmal nein", rief Lady Wayne, „lieber hätte es die ganze Welt erfahren können, alS daß Sie Ihren Sohn hätten verlieren sollen."

Marian legte den Kopf ihrer Schwester wie­der sanft in die Kissen und küßte ihr bleiches, kummervolles Antlitz. Dann schritt sie auf Kate SefferieS zu und legte ihre ruhige, kühle Hand auf die brennenden, zitternden Hände der Un­glücklichen.

„Rate, Sie werden das, was Sie jetzt sagen, einstens bereuen. Sie sind außer fich vor Kum­mer; Ihr Schmerz hat Sie aller bernünftigen Ueberlegung beraubt. Warum hätte meine SHvester Ihrem Sohne Uebles tun sollen?"

„Um ihr Geheimnis zu bewahren, um zu ver­hindern, daß er fie verraten sollte. Ich habe im­mer gehört, daß den feinen, vornehmen Völkern ein Menschenleben nur wenig gilt."

„Aber", unterbrach Lord Wayne, der jetzt zum ersten Male sprach, „Sie sind ganz im Irrtum, Frau Jefferies: jemandem, der solchen Kummer hat, wie Sie, muß man allerdings alles nach­sehen. Meine Gattin, Lady Wayne, hat kein Geheimnis, als das ihrer Schwester. Sie spre­chen also doch von Miß West. Sie ist, glaube ich, die Mutter des jungen Mannes, der bisher immer als Ihr Sohn gegolten hat."

Tie drei Frauen sahen einander an, dann verbarg Lady Wayne, leise stöhnend, das Gesicht in -en Händen.

„Marian", flüsterte fie kaum hörbar, „es ist gekommen, es ist da!"

Kate Jefferies lachte bitter und schneidend auf.

„Sie haben Sie betrogen, Mylord; Sie sind reich, adelig und vornehm, aber sie haben Sie betrogen. Die Dame d-, die Sie Ihre Gattin {nennen — diese grausame, falsche, schöne Frau,

die meinen Sohn erschlagen — das ist die Mut­ter Werner's. Sie können mir glauben, ich habe kein Interesse daran, Sie zu hintergehen."

Die Lord Wayne in diesem Augenblick sahen, vergaßen nie wieder seinen Gesichts-Ausdruck, das starre Entsetzen, das ihn jählings wie ein Frostschauer überlief — ein hoher, stattlicher Baum vom Blitz getroffen und in einem Augen- blick versengt und vernichtet.

„Unmöglich!" sagte er endlich mit zstternden Lippen. „Sie rasen — Sie totffen nicht, was Sie sagen."

„Ich spreche die Wahrheit. Lady Wahne, die meinen Sohn erschlagen hat, ist Werners Mut­ter."

Lord Wayne sah von einem zum andern. Seine Gattin, die schöne, einzige, unvergleichliche Frau, auf die er so stolz war, wandte fich weit von ihm, krümmte sich dort auf ihrem Lager, das Gesicht in den Händen verborgen. Kate Jeffe­ries stand da wie ein Geist der Anklage und Roche; Marian, mit dem Licht des Heldenmuts und der Selbstaufopferung auf ihrem Antlitz, trat vor.

„Mortimer", sagte sie, „Du mußt die Worte dieser Frau nicht beachten; ich sage Dir, der Kummer hat sie von Verstand gebracht. Ich he- kenne mich Dir schuldig, Werner ist mein Sohn."

Selbst als fie diese Unwahrheit sprach, von der sie hoffte, sie würde ihre Schwester retten, überzog Marians freundliches Gesicht feie Röte tiefster Scham.

„Tadele mich", fuhr sie fort; „sonst nieman­den; tadele mich, daß ich Dir mein Geheimnis vorenthalten habe: tadele mich wegen des Todes dieses jungen Mannes, — nur schon« meine Schwester — schone Evelyn."

„Was soll ich glauben?" rief Lord Wayne verzweifelt. „Es fcheint mir, daß ich in ein Netz von Verrat und Trug verwickelt binl O, mein Gott, mein Gottl"

„Glaube mir", sagte Marian rasch, „Du wirst es Dein ganzes Leben lang bereuen, wenn Du

anderen Worten wie den meinigen Glauben schenkst."

Klar und ernst klang dann Kate Jefferies' Stimme durch das Gemach.

„Glauben Sie mir, Mylord; ich habe keinen Zweck dabei. Sie zu täuschen. Wenn fie meinen Sohn nicht umgebracht hätten, hätte ich mich lie­ber in tausend Stücke reiften lassen, als daß ich fie verraten hätte. Als ich Lady Wayne zum ersten Male sah, war fie sehr krank, war am Rande des Grabes. Dr. Rurke in Abbotsville — dort wohnte ich damals — stand neben dem Krankenlager, und Miß West übergab mir das kleine Kind zur Pflege."

Marian wollte sprechen, doch Lord Wahne sagte gebietend:

„Fahren Sie fort, lassen Sie mich alles hö­ren."

„Ich nahm den unmündigen Kleinen, und mein Herz erwärmte sich gegen ihn. Dann sah ich auf seine Mutter. Ach, sie sah noch so jung, so zart und schwach aus, lag dort und starb dort, wie ich damals glaubte, itnb ich nahm den Klei­nen mit zu ihr und legte ihn ihr ein paar Augen­blicke in die Arme, aber fie wußte ganz und gar nichts davon. Sie stöhnte immer nur, ihr Kind wäre tot und ihr Mann wäre tot, und sie selbst müßte auch sterben; und ich sagte zu ihrer Schwe- ster noch: „Wie jung sie noch ist, die arme Frau, und schon soviel Unglück und Elend rnitzu- machen!" Dann nahm ich das Kind mit nach Hause, und es ist mir immer seitdem wie mein eigen gewesen, Mylord, und zum Dank dafür haben sie mir nun meinen eigenen Sohn ums Leben gebracht."

„Mortimer", flüsterte Marian, „sie rast, sie weiß nicht, was fie sagt. Ums Himmelswillen, schicke sie irgendwie auf freundliche Art und Weise fort; sie wird Dein argloses Gemüt ver­giften, und dann wird Evelyn sterben. Schick' fie fort, gib ihr Geld — gib ihr alles, was sie braucht, aber halte sie um's Himmelswillen nicht länger hier. Dann schilt mich, tadele mich, ber-

fluche und verdamme mich, wenn Du willst — wenn sie fort ist.

Aber flat und scharf ertönte wieder Kate'» Stimme.

„Ich habe die Wahrheit gesprochen. Wenn nur der geringste Broetfet auf meinen Worten ruht, so schicken Sie nach Abbotsville und lassen Dr. Rurke kommen. Er ist, was die Welt einen Gentleman nennt; niemand wird sein Wort be­zweifeln. Lasten Sie ihn kommen."

„Mortimer", flüsterte Marian wieder, „schicke fie fort. Ich habe den ersten Anspruch an Dich — glaube mir, um des Himmels willen glaube mir."

Ihre Stimme wurde heiser und fast unver­ständlich. Sie stand vor ihm, die gefalteten Hände bittend und beschwörend zu ihm erhoben, ihre stattliche Gestalt gebeugt, ihr Antlitz so vol­ler Qual der Erwartung, daß er nicht wußte, was er sagen sollte.

„Ich muß die Wahrheit wissen, Marian", sagte er endlich entschlossen. „Gott weiß, gern möchte ich Dir glauben — gern möchte ich glau­ben, daß diese arme unglückliche Mutter in ihrem Kummer den Verstand verloren hat. Aber, Ma­rian, es ist so viel Vernunft in ihrer Unver­nunft — es schmeckt etwas darin nach Wahrheit. Kein Mensch würde sich unterstehen, hierher zu kommen und mit eine derartige Geschichte zu er­zählen, wenn sie nicht irgendwie begründet wäre; und sollte selbst die sogenannte Begründung sich hinterher als ein Irrtum erweisen. Laßt mich wenigstens jetzt die Wahrheit erfahren."

„Schicken Sie zu Dr. Rurke", sagte Kate Jef­feries wiader ernst.

„Nein, ich will zu einer gehen, die mir viel­leicht ein Geheimnis verborgen, aber die mich nie, das will ich beschwören, betrogen hat, zu einer, die mich liebt und mir vertraut. Evelyn, mein Weib, ich komme zu Dir."

(Fortsetzung folgt)