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JW 101.

Fulda, Mittwoch, den 5. Mai 1909.

36. Jahrgang.

Erstes 'gSfatt

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 4. Mai 1909.

Fortsetzung der Besprechung der fozialdemo- kratischen Interpellation betreffend die von den Arbeitgebern für die Arbeiter ihrer Betriebe errich­teten Pensionstassen.

Abg. Dr. Arendt (Rp.): In einer so ernsten Situation, da ganz Deulschland mit Spannung nach dem Reichstage blickt, beschäftigt sich dieser nun schon zum zweiten Male mit einer Interpellation, die überhaupt keinen praktischen Wert hat. Wir können nicht gesetzgeberisch in die Berhältniffe der Kaffen ein­greifen. Sonst besteht die Gefahr, daß die Unternehmer diese freiwilligen Leistungen ausgeben. Gewiß bestehen bei den Kassen manche Hätten, dir beseitigt werden können. Aber zwangsweise sollte man dabei nicht Vor­gehen. Vielleicht führt man den Beitritlszwang erst für das zweite Jahr der Anstellung ein. Die Sozial- vemokraten scheinen den Arbeitgebern die Wohlsahrts- einrtchtungen verekeln zu wollen. Die Arbeiter mögen erkennen, daß ihr Vorteil im gedeihlichen Zu- sammengehm mit den Arbeitgeber» liegt, nicht im Glauben an den Zukunftsstaat.

, Abg. Brehski (Poles: Der Zweck der Werkkassen 'ist doch nur der, die Arbeiter an den Betrieb »u binden. Diese Kaffen find für die Arbeiter wertlos. Die Rückzahlung der Beiträge müßte be- ' willigt werden.

Abg. BehrenS (Wirtsch. Bg.): So großartig auch bis Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter auf den 'ersten Blick erscheinen, so haften ihnen doch noch große Mängel an. Weshalb sollen nicht, wie bei den Ge- werkfchastskassen, auch bei den Werkkaffen die von den Arbeitern gewünschten gesetzlichen Unterlagen geschaffen -»erden können? Ader auch bei der gesetzlichen Rege­lung wird ein Mißbrauch der Beschränkung der Koa- litionsfreiheit und der Freizügigkeit möglich sein.

Abg Hengsbach (Soz.): Die Arbeiter halten die Werkkaffen in ihrer heutigen Form für eine Wohlfahtts- plage. Die Arbeitgeber kümmern sich den Teufel um die soziale Fürsorge für ihre Angestellten. Daß trotz dieser sogenannten Wohlsahttseinrichtungen ein so starker Wechsel in den Betrieben stattfindet, ist ein Beweis dafür, wie die Arbeiter dott behandelt werden.

Abg. Werner (Rfp.l: Unsere Sozialdemokraten suchen au8 Agitationsrückfichten die Zustände möglichst schlecht zu machen. Die Kaffen find gut, wenn auch kleine Mißstände bestehen.

Abg. Hue (Soz.): Wir haben die Interpellation ringebracht, weil wir es für unsere Pflicht halten, vor Toresschluß des Reichstages die verbündeten Regierun­gen an die seit Jahren notwendige Reform der Werks­pensionskaffen zu erinnern. Es scheint aber, daß die Regierungen nur das Interesse des Unternehmertums wahrnehmen und nicht das der Arbriler. Das beweist u. a. die Bundesratsverordnung bett, das Hütten- wes en, die geradezu eine Verhöhnung des Reichs­tages ist.

Präfident Graf Stolberg ruft Redner wegen dieser Bemerkung zur Ordnung.

Abg. Hue (Soz.): DaS Unternehmerium in Rhein' land und Westfalen handhaben die Bundesratvervrd- nuugen in einer solch chikanösen Weise, daß man sich nicht zu wundern braucht, wenn die Arbeiter immer unzufriedener werden. Der Redner kommt auf die Reichsversicherungsordnung zu sprechen, auf den Block, di« Finanzreform, die Möglichkeit einer Auflösung usw. und wirft dem Staatssekretär vor, daß er über die sozialpolitische Entwicklung falsch unterrichtet sei.

Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: Durch die scharfe Polemik fördern wir die Sache selbst nicht. Ich habe bereits die Möglichkeit eines gesetzlichen Ein- schrettens verneint. DaS Problem ist noch nicht ge­klärt. Mtt der vorliegenden Materie beschäftigt sich bereits das Aufsichtsamt für Privatversichermig. Ich hoffe, daß auf diesem Wege etwas Praktisches erzielt wird.

Mittwoch: Beamtenhaftpstichtgesetz, Zivilprozeß' Novelle, Sicherung der Bauforderung, Biehseucheugesetz-

Preutzischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 4. Mai 1909.

Der KultuSetat

wird bei dem Kapitel „Höheres Unterrichtswesen" wetter beraten.

Abg. Eickhoff (freis. 83p.): Dem Tadel, der gestern gegen den Direttor einer Berliner Lehranstalt aus­gesprochen wurde, weil er während der Osterferien mit seinen Schülern eine Romreise unternommen hat, kann ich mich nicht auschließen. Ich bin im Gegenteil der Ansicht, daß diese Reise für die Schüler äußerst instruktiv war, und man sollte dem Direktor dafür danken, daß er seine Zett opferte. Die Anrechnung der Wartezeit ist durch einen Erlaß vom 19. Fe­bruar geregelt, doch gibt die Ausführung dieses Er- laffeS zu lebhaften Klagen Anlaß. Man sollte hier keine Differenzierung der in Frage kommenden Lehr- Personen machen, sondern jeden alten Oberlehrer ohne Unterschied des Zeugnisgrades berücksichtigen. Die Reformgymnafien haben schon viel Gutes erreicht, und daß sie viel für sich haben, beweist schon der Umstand, daß ihrer in Preußen bereits 166 bestehen.

Geheimrat Köpke: Nach der Gleichstellung der drei Arten von höheren Lehranstalten und nach der damit verbundenen Aenverung der Vorschriften über die Zu­lassung zum akademischen Studium ist der Besuch der Realanstalten sehr in die Höhe gegangen. Eine Verquickung der humanistischen mit den Realgymnasien muß jedoch vermieden werden. Uebttgens stößt die Gründung von Reformgymnasien vielfach bei der Be­völkerung auf Widrrstarid, namentlich in den kleinen Städten.

Geheimrat Tilmann teilt mit, daß nach den Be­stimmungen des Penstonsgesetzes das Probejahr der Schulamtskandidaten für die Dienstzeit ungerechnet werde, nicht aber das Seminarjahr.

Abg. Ströbel (Soz.): Da auch dgs höhere Schul­wesen unter dem Klaffencharakter leidet, so hatten wir an der Forderung der Einheitsschule fest rmd wünschen eine Reform des gesamten Schulwesens, wie auch die Gesellschaft für deutsche Erziehung auf ihrer Versamm­lung in Berlin und der Schttststeller Ludwig Gurlitt gefordert haben. Redner tritt dann in eine ausführ­liche Kritik des höheren Schulwesens ein, bringt einige Beispiele von vermeintlichen Geschichtsfälschungen vor und bemängelt es, daß die Schulen als Abrich­tungsanstalten für Hurrapatriotismus, Byzantinismus usw. mißbraucht werden.

Abg. Gaffel (frs. Vp.): In der Resolution des Herrenhauses über die Pflichtstundenzahl der Ober­lehrer kommt eine beklagenswerte Geringschätzung des Lehrerberufes zum Ausdruck. Die Ausübung des Lehr­amtes vor einer starken Schulklasse erfordert die Ar­beitskraft eines ganzen Mannes. Mit Recht haben verständnisvoll geleitete Gemeinden die Pflichtstunden- zahl namentlich für ältere Lehrer unter das staatlich festgesetzte Maß herabgesetzt. Die Regierung sollte den Unterricht in den fakultativen Fächern gründlicher be­aufsichtigen. Die Ausdehnung des biologischen Unter­richts, auch auf den Gymnasien, begrüßen wir durchaus.

Abg. Dr. Maurer intl): Der Abg. Heß hat von dem Fall am Gymnasium in Essen gesprochen. Indes handelt es sich im Grunde nur höchstens um ein Fäll- d)en. Die Begründung des Dr. Heß war doch etwas dürftig. Durch einen Artikel in einer .Essener Zeitung' ist die Sache ausreichend geklärt. Ich will dem Abg. Heß das Blatt geben. (Zuruf: Vorlesen!> Nein, ich habe das Blatt auf den Tisch des Hauses gelegt; wir haben hier besseres zu tu«, als Zeitung zu lesen. Der Redner beklagt, daß unser ganzes Berechligungswesen das Aufkommen jedes sels-made-man erschwere und teilweise unmöglich mache. Eine große Reihe Berufe sind Anwärtern ohne die vorgeschriebe-.ie Schulberech­tigung überhaupt nicht zugänglich. Das Berechti­gungswesen mit seinen Abstufungen sührt auch zum Kastengeist. Der Mann mit dem Abtturienten- zeugnis fühlt sich hinuneihoch erhaben über beit, der nur das „Einjährige" hat. Unsere Schulen find leider Berechtigungsschulen geworden (Sehr richtig!), die Schüler besuchen sie nicht, um sich zu entwickeln und zu bilden, sondern um eine Berechtigung zu erlangen. Das führt dann zu öder Etreberei. In der Oder­sekunda müßte eine Altersgrenze emgeführt werden, damit nicht unfähige und unfleißige Schüler das Abl- turium sich ersitze« können. Räumen wir mit dem Berechtigungswesen aus, so entziehen wir dem über­

großen Zudrang zu ben höheren Schule« den Bodeu. Der Bildungsgang unserer höheren Lehrer muß refor­miert werden. Wenn die Katholiken sich über Be­nachteiligung auf dem Gebiete des höheren Schul­wesens beklagen, so find sie gänzlich im Unrecht, die Zahl der Kacholtten, die stch zum höheren Schuldienst melden, ist in den letzten Jahren von 33 Prozent auf 45 gestiegen, von all dieseu Katholiken studieren 86 Prozent Deutsch und Geschichte, also gerade die -ethischen Fächer, in denen es doch darauf ankommt, daß die Sache aus vollem Herzen dargestellt werde.

Hierauf wird Schluß der Besprechung beantragt. Persönlich bemerkt

Abg. Dr. Heß (Z): Ich habe bezüglich des Falles Effen nichts konstatiert, sondern lediglich die Anfrage an die Regierung gerichtet, wie es mit den Gerüchten über die Zustände am königlichen Gymnaffum in Essen steht. In dem Sinne hat mich auch die Regierung verstanden.

Abg. Freiherr v. Eynatte« (Ztr.): Wir bedauern, dmch Schluß der Besprechung verhindert zu sein, auf die sehr eigentümlichen Ausführungen des Dr. Maurer einzugehen und die gebührende Antwort zu geben.

Der Titel wftd bewilligt.

Präfident v. Kröcher schlägt Vertagung vor.

Abg. Glatzel (nll.) bittet, die Sitzung noch einige Augenblicke fortzujetzen, da die zum nächsten Punkt gemeldeten Redner sich ganz kurz fassen wollten.

Präsident v. Kröcher: Ach nein, mtt dem Kurz- faffen, dem Frieden traue ich nicht. !Große Heiterkeit.) Mittwoch: Wetterberatung.

♦♦♦ Was nun?

Man schreibt uns aus Berlin: Was soll nun werden? So wird man allerorten im Lande jetzt fragen. Auch im Reichstag stellt man diese Frage, und niemand weiß eine Antwort. Ein Gerücht überstürzt das andere, aber alle widersprechen sich, und Klarheit ist nicht zu gewinnen.

Der es am ersten wissen müßte, der Kanzler, weiß es attgenscheinlich selber nicht. Er vertraut auf sein altes Glück und er hofft einen glücklichen Zufall, der die Schwierigteiten aus dem Wege räumen soll. An eine Reichstagsauflösung denkt beute wohl kein Mensch ernstlich, wenn über­haupt einmal der Gedanke an den maßgebenden Stellen diskutiert worden sein sollte. Weshalb nicht, sagt uns Dr. Arendt im ,Tag', dec die Reichstaas­auslösung als die denkbar beste Lösung bezeichnet, wenn — es keine Sozialdemokraten gäbe. Er stellt die Wahl von 100 Sozialdemokraten und die Wiederkehr des Zentrums in der alten Stärke in Aussicht, sodaß Zentrum und Sozialdemokratie die ausgesprochene Mehrheit im Reichstage haben würden. Wenn eine teilweise Auflösung möglich wäre, sodaß Zentrum und Sozialdemokraten nicht davon berührt würden, dann würde diese geschehen, meinte jüngst Herr Arendt gesprächsweise." Das geht nun aber „leider" nicht. Was ist denn weiter geeignet, eine Lösung herbeizuführen? Die ,Rhein.-Westf. Ztg/ schreibt:

„Wenn man nüchtern die Tatsachen und Möglich­keiten überschaut, kommt man zu dem Schluffe, daß das Heil der Regierung allein in einer Verständigung mit den Konservativen zu suche« wäre. Hat das diplomatische Geschick des Fürsten Bütow schon die letzten Mittel angewandt? Ja? Dann stehen nur zwei Türen offen: Die Reichstagsauslösung, der noch­malige Appell an den Reichstag, der jedoch kaum eine günstigere Mehrheit bringen würde — oder der Rück­tritt. „Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit!" Ader wir können uns nicht veihehten, der Rücktritt wäre einer Retchstagsauflöiung unbedingt vorMziehen. Ein folgender Kanzler müßte das schwierige Werk, so gut es eben geht, in den Hafen bringen.*

• Wir sind sicher, daß Fürst Bülow dieser Aeuße- rung völlig fern sicht. Er denkt an nichts weniger als daran, aus der durch seine Schuld heillos verfahrenen Situation die Konsequenzen zu ziehen.

Es wird versichert, daß die einzelstaatltchen Regierungen nach wie vor aus der Forderung be­stehen, die Finanzreform müsse noch vor Pfingsten

oder doch wenigstens sofort nach Pfingsten zur Er­ledigung gelangen. Aber wie soll das möglich sein? Daß die Konservativen in der Frage der Erbanfallsteuer noch zurück könnten, wird allgemein als ausgeschlossen erachtet. Nationalliberale und Freisinnige aber hatten an der Forderung fest, baß das Geschäft nur im ganzen gemacht werden könne, und daß die Erbanfallsteuer den Mittel« puntt des Reformwerkes bilden müsse. Unwider­sprochen bleibt auch die Behauptung, von frei­sinniger Sette, daß Fürst Bülow erklärt habe, et werde keine Finanzreform aus der Hand des Zentrums annehmen. Unter diesen Um­ständen erscheint am glaubhaftesten die Meinung, daß die Reform bis zum Herbst vertagt werden solle, wobei dann die leise Hoffnung mit­spricht, bis dahin werde der Block sich wieder zu­sammengefunden haben.

Der ,stiert. Lokalanz.' veröffentlichte gestern einen vielbemerkten Artikel, worin die Verbündeten Re« Sterungen aufgefordert werden, dem Reichstage zur ösung der Riesenaufgabe doch etwas mehr Zeit zu laffen. Die Regierung sollte sich mit Ge­duld wappnen; allzu stürmisches Drängen werde die Parteien immer heftiger gegeneinander treiben. Hätten die bisherigen Versuche, sie zu gemeinschaft« ltcher Arbeit zusammeazubringen, keinen Erfolg ge­habt, so würden andere Wege doch zum Ziel« führen. Zwei Möglichkeiten werden dann erörtert:

„Sollte es wirklich nicht angehen, die eine ober andere Steuervorlage mit einer nicht lediglich aus Blockparteien zusammengesetzten Mehrheit durch­zubringen, wenn um diesen Preis das Reformwerk al8 Ganzes zum Siege geführt und die Annäherungspolitik der beiden letzten Jahre auch für die Zukunft gesichert werden kann? Oder sollte man im äußersten Fall« sich wenigstens nicht soweit verständigen können, das! oorläufig gewisse Grundlinien als allgemeinel Rahmen für dre Steuerreform festgelegt werden, d effen Ausfüllung im einzelnen während des Sommers im Einvernehmen mit allen maßgebenden Faktoren be> trieben werden könnte?"

Dem Reiche müßten natürlich für die Zwischen­zeit die nötigen Betri«dsmittel zur Verfügung gestellt werden, vielleicht in der Weise, daß zunächst derjenige Teil derSteuervorlagen, denen eine Mchrheit im Reichstage gesichert erscheint, verabschiedet und in Kraft gesetzt wird. Die Mahnung richtet sich dann besonders an di« Freisinnigen, von denen erwartet wird, daß sie chr« „theoretische Bereitschaft" zur Annahme der direkten Steuern in die Tat umsetzen. Gar nicht schlecht gedacht: Die Freisinnigen bewilligen jetzt die in­direkten Steuern, und im übrigen ist der Weisheit Schluß: Vertagen! Im nächsten Jahre gibt e8 dann — noch lange keine Steuer auf den Besitz! Es heißt, daß dieser Artikel ausnahmsweise einmal nicht offiziös inspiriert worden sei, den Gedanken­gängen des Fürsten Bülow könnte er aber sicherlich wohl entsprechen.

So ist die Lage heillos verworren. Was werden wird, weiß heute tatsächlich niemand, wir" in Berlin ebensowenig als Sie draußen im Lande. Vielleicht wird die Rückkehr des Kaisers, der in etwa zehn Tagen hier wieder erwartet wird, nach der einen oder anderen Richtung hin Klarheit schaffen, aber als gewiß kann man auch das nicht bezeichnen.

Deutsches Reich.

** Berlin, 4. Mai 1909. Auf die neuen, insgesamt 800 Millionen Mark betragenden Anleihen des Deutschen Reiches und Preußens sind insgesamt etwa 1500 Millionen Mark gezeichnet worden. — Das deutsche Zentral» Komitee zur Bekämpfung der Tuberkulose wird am 22. Mai im Reichstage seine diesjäh­rige General-Versammlung abhalten. Man wird

Iw Sumte des Geheimnisses.

96] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld, j „Mortimer", sagte Marian, „wir sind wirk- lich wie Bruder und Schwester gewesen. Du hast für mich gesorgt, und ich habe Dich geliebt. Du hast mich heute für immer aus Deinem Hause Bewiesen; sieh', ich, die nie zuvor vor Sterblichen gekniet, fniee jetzt hier vor Dir und bitte Dich, Litte und beschwöre Dich, laß mich fünf Minuten, Hehn Minuten allein mit Evelyn, ehe ich gehe. Du wirst mir doch nicht sagen, daß ich, die ihr während ihres ganzen Lebens Mutter und Schwe» 5ter gewesen, — jetzt nicht mehr ihr Vertrauen verdiene. Nein, die Beleidigung wirst Du mir snicht zufügen, das weiß ich."

! Nein, er konnte es nicht; er wollte wider- ftehen, wollte sagen, daß Frauen mit Schuld und Deheimnissen in ihrer Vergangenheit keine Ge- aneinschaft mit ehrenhaften Frauen haben sollten; doch als er sie anblickte, erstorben ihm die grau­samen Worte auf den Lippen.

Er hätte nicht fagen können, wie es war — .aber sie sah in diesem Augenblick eher wie eine .Heldin aus, denn wie ein schuldbeladenes Weib, dessen Geheimnis gerade ans Licht gekommen.

„Wenn Evelyn es wünscht", sagte er zögernd, '„will ich gehen. Ich will Dir zehn Minuten geben — nicht mehr."

Und Lord Wayne ließ die beiden Schwestern allein zusammen, mit nicht geringerem Schmerze, als ob er gerade Marian habe sterben und ins Grab senken sehen.

Mein gelassen, war es diesmal Marian, die neben ihrer Schwester niederkniete.

„Evelyn — Evelyns" murmelte sie wild und Fieberhaft erregt, „wolle Du mich doch verstehen. zO, mcinSiebling, mein Teuerstes, sieh mich nicht so an, zittere nicht so; versuche dem zu folgen, was ich Dir jetzt sagen will. Ich habe Dich be­trogen, Eve; ich sagte Dir, Dein Sohn wäre tot. As geschah Deinetwegen, nur Deinetwegen, Lieb­

ste, nicht meinetwegen; es sollte Dir, in der Blute Deines jungen Lebens, rücht alle fernere Aus­sicht auf Gluck abgefchnitten fein; es füllte Deine unglückliche Heirat vor aller Welt verbergen; Du solltest leben, schön, geliebt, angesehen, ver­ehrt. Ich hatte keinen anderen Grund, Liebling, glaub' mir das! Aber der Knabe ist nicht gestor­ben, Evelyn, er lebt, und Dein Knabe lebt, wie Du ihn gesehen und siehst, schön, genial, liebens­würdig, vielversprechend. Eve, mein Liebling, kannst Du mir vergeben? Nur für Dich hab ich s getan 1"

„Ich vergebe Dir ja", flüsterte die süße leise Stimme. „Du bist immer so gut und klug ge- wesen: aber ich wußte nicht, daß er, Werner, mein Sohn sei."

„Du hast mir nie Dein Geheimnis erzählt, meine Evelyn, und ich habe auch nie darnach ge­fragt, seitdem ich versprochen, daß es ein Geheim­nis bleiben sollte, aber laß es sein wie es will, — ich wußte, Evelyn, daß keine Hoffnung oder Aussicht für Dich, je im Leben wieder glücklich zu werden, vorhanden fei, wenn alles bekannt wurde. Damit Du Deine verlorene Stellung toieber erhalten fälltest, Liebling, nahm ich die Sorge für Werner auf mich. Ach brachte ihn unter, wo ich wußte, daß er gut versorgt und das Geheimnis seiner Herkunft treulich gÄvahrt werden würde. Von weitem habe ich über ihn gewacht und alles getan, was ich für ihn tun konnte, immer Deinetwegen, und jetzt, mein Lieb­ling, ist Dein Geheimnis noch immer sicher; in­folgedessen, was ich Dir jetzt gesagt habe, glaubt jeder, ich sei Werner's Mutter, und Du bist ge­sichert.'' .

Doch Evelyn sah sie mit leerem, träumerischem Blick an.

„Du rannst die Last nrcht tragen, Marian Bin ich so gewöhnlich oder so niedrig, Marian daß Tu glaubst, ich würde Dich für mich leiden lassen?" r _

„Aber, Eve. Du mußt. £>, Liebling, sei doch vernünftig; wenn die Wahrheit herauskommt —

mün Gott, ich mag nicht daran denken — Du, ein geehrtes, gelir-tts Weib, eine Mutter, d'e ihre Kinder jetzt segnen und verehren, eine große Dame, zu der alles emporblickt und der alles huldigt — alles wirst Tu verlieren I Dein Mann wird Dir mißtrauen, Deine Kinder verlieren nicht nur ihre Liebe und ihren Glauben an Dich, so adern auch die Achtung der Welt. Denke an Elfte, Raymond und Harryl O, meine Schwester, weil ich allein in ter Welt bin, weil ich stark bin und nichts zu verlieren habe, laß uns doch das Geheimnis ferner bewahren, laß uns Werner als menten Sohn gelten lassen und nicht als den Deinen. Willst Du mir diese Bitte gewähren?"

66. Kapitel.

„Das ist seine Mutter."

Lady Wayne antwortete nicht; sie sah über­rascht auf, als sie ihren Gemahl in Begleitung einer fremden Frau eintreten und sorgfältig die Tür hinter sich schließen sah. Es ist hier viel­leicht nicht überflüssig, zu erwähnen, daß sie selbst Kate Jefferies niemals gesehen hattck. Werner hatte allerdings von ihr als seiner Mutter ge­sprochen; Jack hatte dasselbe getan; sie hatte aber nie irgend welches besondere Interesse für die Frau empfunden, von der sie nur gehört, daß sie Mutter von zwei fo gänzlich verschiedenen Söhnen war. Etwas in dem tragischen Aussehen dieser Frau fiel ihr fofort auf — das blaffe, starre Gesicht, die dunklen, tiefe Ringe unter den Augen, die zusammengepreßten Lippen, der nagende Kummer, das unaussprechliche Weh in ihren Zügen — ein Gesicht, wie es unter den Weibern zu finden gewefen fein mußte, die ihren Crstge- borenen beklagten.

Marian sah ebenfalls auf, chr Gesicht ward jählings leichenblaß, ein Schrei des äußersten Schreckens und der Ueberrafchung entfuhr ihr.

Wie gern, wie gern hätte sie die Hand dieser kummervollen, gebeugten Mutter ergriffen und ihr alles angeboten, was sie auf Erden ihr eigen

nannte, nur um sie davon abzuhalten, die Worte zu sagen, die ihr auf den Lippen zitterten.

Doch Kate Jefferies blickte weder nach rechts, noch nach links, in ihrem ganzen Wesen lag eine solche Majestät und Erhabenheit des Schmerzes, daß niemand ihr in den Weg getreten wäre, einer­lei, was sie getan hätte.

Sie schritt geradeswegs auf Lady Wayne zu.

„Was habe ich Ihnen getan", fragte sie, „daß Sie mir so grausam vergelten? Ich habe Ihr Kind großgezogen, und Sie haben mein Haus einsam, wüst und verlassen gemacht. Ich habe für Ihre Ehre und Ihre Sicherheit gearbeitet; Sie haben meinen Sohn erschlagen, mich des Einzigen und Liebsten beraubt — Gott weiß es, — was ich auf Erden hatte. Warum haben Sie mit das getan?"

Lord Wayne horchte hoch auf in Erstaunen und Entsetzen; seine Gattin aber sah klaren Auges in das von Kummer und Qual entstellte Gesicht vor ihr.

„Sie sind ganz und gar im Irrtum", erwi­derte sie. „Ich erkläre vor Gott und dem Him­mel, daß ich Ihrem Sohn niemals ein Uables getan, niemals ihm in Gedanken, Worten und Werken ein Unrecht getan habe."

„Doch, doch!" rief die unglückliche Mutter. „Sie haben ihn unter vier Augen erschlagen, weil er Ihr Geheimnis entdeckt hatte. Sie haben ihn erschlagen, damit Sie Ihren angesehenen Namen und Ihre hohe Stellung behalten können, auf daß die Menschen Sie ehren, wo Sie doch keine Ehre und Achtung verdienen. Darum haben Sie meinen einzigen Sohn erschlagen!"

Die beiden Schwestern sahen sich hoffnungslos und verzweifelt an.

- Mein Herz sagt mir, daß ich die Wahrheit spreche", fuhr die arme Mutter fort. „Wer hätte ihn erschlagen sollen? Wer hatte irgend ein In­teresse an seinem Tode, als wie Sie? Sein Tod sicherte Ihr Geheimnis, und deshalb haben Sie ihn zu Tode gebracht."

(Fortsetzung folgt.)