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Botationrdrackuud Verlag der Fuldaer Ak­tiendruckerei kn Fulda Fernsprecher Nr. S.

Fulda, Dienstag, den 4. Mai 1909.

JV5 10). '

36. Jahrgang.

Zweites WtcltL

t* Die Kra»ke«verficher«ng im Ent­wurf einer Reichsverficherungs« ordnung.

(Bergleiche Nr. 97 d. Bl.)

Die gefährlichste Klippe ist unzweifelhaft die Umgestaltung der inneren Organi- fatton der Krankenkassen. Daß anstelle der Ge­neralversammlung ein gewählter Kassenausschuß mit höchstens 50 Mitgliedern tritt, ist unbedenk­lich. Bei der Landkrankenkasse kann durch die Satzung von der Bildung eines Ausschusses abge- jsehär, auch die Wahrnehmung der Geschäfte des Vorstandes, wie schon angedeutet, den Kaffenvor­sitzenden allein übertragen werden. Vorstand und Ausschuß aber werden nach der Vorlage aus Ar» lbeitgebern und Versicherten zu glei che it Lei­ten zusammengesetzt, sodaß die bisherige Zusam- imensetzung der Krankenkassenorgane, wobei zwei Drittel auf die Versicherten entfielen, beseitigt iwerden soll. In der Betriebskrankenkaffe reprä­sentieren der Betriebsunternehmer oder seine Vertreter die Hälfte der Stimmen in Vorstand ^And Ausstoß. Er führt auch den Vorsitz. Bei fben Jnnungskassen bestellt die Innung den Vor- »tzenden sechst, während bei der Landkrankenkaffe Vorsitzender und die weiteren Mitglieder des Vor- standeS durch den zuständigen Kommunal- oder °Zweckverband bestellt werden. Bei Ortsbetrieb -und Jnnungskassen werden Ausschuß und Vor­stand nach dem Verhältniswahlsystem gewählt. Die Vorstandsmitglieder der Ortskrankenkasse wählen aus ihrer Mitte den Vorsitzeirden des Vor­standes. Gewählt ist derjenige, auf welchen die Mehrheit der Stimmen sowohl der Arbeitgeber wie auch der Versicherten im Vorstande fällt. Kommt die Wahl mit dieser Mehrheit nicht zu­stande, so ist eine zweite Sitzung des Vorstandes anzubevaumen. Kommt auch dann keine Wahl zustande, so bestellt das Derstchermrgsamt einen Vertreter. Die Beiträge werden von Arbeit­gebern und Versicherten zu gleichen Teilen ausge­bracht. Die Rechte und Pflichten der Kassenbeam­ten sollen durch eine Dienstordnung geregelt wer­den, die ihnen eine gewifse Unabhängigkeit vom Kaffenvorstande verleiht und ihre Zukunft sichern soll.

Bemerkt werden mutz noch, datz die ärztliche Behandlung nur durch approbierte Aerzte und Zahnärzte erfolgen darf: gestattet sind Hilfs­leistungen anderer Personen, wie Grammen, Heildiener, Heilgehilfen, Krankenwärter, Maf- ffeure und dergl. sowie Zahntechniker, dann wenn Ine Hilfsleistung vom Arzte (Zahnarzte) angeord- Met ist oder wenn sie in dringenden Fällen ge­währt wird, in denen die Zuziehung eines appro- Hierten Arztes (Zahnarztes) nicht angängig ist. Grundsätzlich besaht freie Arztwahl. Es kann aber, wie nach dem geltsrden Gesetze, der Vorstand durch das Statut ermächtigt werden, Kaffenärzte anzustellen oder die beschränkte Arzt­wahl einzuführen. Das Oberversicherungsamt ist -b-'fugt, bei allzu weitgehenden Beschränkungen die Zahl der Aerzte und Apotheker zu vermehren. Streitigkeiten über die Auslegung older die Durchführung der Arztordnung oder die von einer Einigungskommisfion getroffenen Vereinbarun­gen werden von dem Schiedsausschusse beim Ver­sicherungsamt entschieden. Wird ein Arzt durch Entscheidung des Schiedsausschusse oder der Schiedskammer zur Vornahme einer ärztlichen Handlung verpflichtet, so hat er diese binnen einer bestimmten Frist vorzunehmen oder der Kaffe eine

hindern die Aerzte ungeachtet einer nicht mehr an- fechtbaren Entscheidung oder eines Schiedsspru­ches der SchiÄskammer die ordnungsmäßige ärzt­liche Versorgung der Kassenmitglieder, so kann die Landeszentralbehörde auf Antrag des Ober­versicherungsamtes anordnen, daß die Kranken­kasse während der Dauer dieses Zustandes ihren Mitgliedern statt der freien ärztlichen Behandlung einenBetrag bis zur Hälfte des Krankengeldes gewährt.

Und wenn dann diese Versicherten trotz baren Geldes und guter Worte keine ärztliche Hilfe fin­den, lediglich weil sie (zwangsweise) Mitglieder der von den Aerzten bestreikten Kassen find? Diese Frage findet in dem Entwurf der Versicherungs­ordnung keine Beantwortung. Und doch erheischt sie dringend eine solche. Man braucht nur an Vorgänge aus der allerletzten Zeit zu denken.

Deutsches Reich.

(*) Zahlmeister« und Oberzahlmeistrrn, die nach mindestens dreißigjähriger Dienstzeit und tadelfreier Führung in den Ruhestand versetzt werden, kann jetzt der Titel „Rechnungsrat" ver­liehen werden. Den Truppenteilen ist eine Be­kanntgabe des Kriegsministeriums hierüber be­reits übermittelt worden.

* Köln, 2. Mai 1909. In einer großen Ver­sammlung der Kölner Liberalen besprach Landtagsabg. S ch i f f e r (Berlin) die gegenwär­tige politische Lage und erklärte es für dringeird erforderlich, daß die liberale Partei tiefer i n s Volk hinabsteige und intensiver Fühlung mit dem Mittefftand und den breiten Volksmalsen suche. Weiter sei eine gründliche Verwaltungs­reform anzustreben, damit begabten Leuten, die es aus eigener Kraft zu etwas gebracht haben, die höheren Verwaltungsfächer nicht verschlossen, und Bekleidung solcher Posten nicht wie bisher fast ausschließlich Männern von adeliger Geburt Vorbehalten bleiben. Ue&er die Finanzreform- srage lasse sich heute nichts sagen, niemand wisse, welchen Ausgang diese Frage nehme." — Die Nationalliberalen wittern wohl so etwas von Reichstagsauflösung und machen sich beizeiten auf den Stimmenfang.

Ausland.

** Der russische Kriegsminister Sushom- lirtoto soll einen neuen Verteidigungs­plan für Rußland ausgearbeitet haben, nach dem alte Seftungen in Polen, soweit keine ge­nügende Deckung im Rücken vorhanden ist, g e- räumt und die dort untergebrachten Truppen nach den Militärbezirken Wilna und Kiew über­führt werden fallen. In Petersburg ist man hierüber in nicht geringer Aufregung und be­sonders in konservativen Kreisen erklärt man, daß politische Rücksichten die Zurückziehung der Truppen aus Polen unmöglich nrachen. Gegen den Plan des Kriegsministers soll sich auch das Ministerium des Innern ausgesprochen haben.

* I» Semti von W-aslstnglon kommt die Tarisdurchsicht nicht vom Fl^ck, da die Sena­toren einen Knäuel von einander bekämpfenden Jntereffentengruppen bilden. Taft läßt in den ihm befreundeten Blättern erklären, daß er auf niedrigeren Zöllen bestehe und bebaute, in den nur auf Schutzzoll bedachten Leitern d«S Senats keine Unterstützung zu finden.

volkswirtschaftliches usö Sqtalei.

m. Dem Gesamtverbande der christlichen Ge- werkschaste» Dentschlands istder Reichsverband

Kleines Feuilleton.

— Ueberrascheude Auslegung. Im Gasthofe eines schlesischen Gebirgsdorfes hing eine Tafel ans, auf der sämtliche Trunkenbolde, an die Ge­tränke nicht verabfolgt werden dürfen, mit Na­men aufgeführt waren. Der Laudrat des Kreises kehrte eines Tages dort ein, um sich zu überzeu­ge«, ob die Verordnung auch befolgt werde. Nach längerem Aufenthalt in der Wirtsstube verspürte er Durst und bestellte ein Glas Bier, erhielt aber von dem Wirt zur Antwort: „Daraus wirb frei­lich nischt! 's turt raer leid, Herr Landrat, aber idf darf Ihnen kein Bier nich einschenken." „War­um denn?" „Weil Sie halt auch auf der Seifer­liste stehen!" erwidert der Wirt, indem er auf »die an der Wand hängende Tafel zeigt:

Amtliche Bekanntmachung.

Den nachstehend Benannten dürfen Getränke ^«icht verabsolgr werden:

Schneid«: Joseph Ruppig, Böttcher Karl Süffel, Schnriedegesell Emil Pichler, Fräulein Paula Timpel, . Knecht Fridolin GluckÄ.

Der königliche Landrat.

- — Der sprechende Bogel. Wir lesen in der Deutschen Wochenzeitung für die Niederlande: Amsterdam hat von feiner, früher großen ßirmeS «och einen herzlich unbedeutenden Jahrmarkt übrig behalten. Aus verschiedenen Plätzen werden Buden errichter, in denen man die unentbehr­lichen „posfertjes" genießt, ein Holzpferd besteigt ustv. Neber einer winzigen Bude prangt die Aufschrift: „Der sprechende Bogel, ein Mnikumll" Der Besitzer, ein Rheinländer, lockt <«nt unglaublichem Stimmaufwand zahlreiche Be­scher an, die ihre 5 Cents gerne opfern, in der

Meinung, einen außergewöhnlichen Papagei, eine Elster oder einen Raben vorzufinden. Sehr erstaunt sind sie beim Anblick eines kleinen Vo­gelbauers, der einen Kanarienvogel beher­bergt. Der Rheinländer, ein ungemein pfiffiger Junge, weiß die enttäuschten Gesichter durch einen riesigen Wortschwall, halb rheinisch Platt, lmlb Holländisch, bald aufzuheitern und schließlich fragt er den still dasitzenden Bogel: „Na, feg mol, wat willst de lieber han, 'ne Zi­gaar of 'ne Piep?" — „Piepi" sagt der Piepmatz, unter homerischem Gelächter des Pub­likums, und triumphierend blickt der rheinische Vogel-Sprachlehrer umher. Er hat die Bude im­mer voll, denn die Hereingefallenen sorgen stets für neue Opfer.

— Wie lange dürfe« Ehemänner abends bummeln? Mit dieser sehr wichtigen Frage, über welche Ehrefrauen nur zu häufig ihre ganz eigenen Ansichten haben, hatte sich der Richter John Peter Erutschsield in Riechmond, Birgi- nien zu befassen. Frau Katharine Shelpin hatle ihren Satten der abendlichen Bummelei besthul­digt und bat Richter gebeten, ihn anzuweisen, sich spätestens nm 10 Uhr in seinem neuen Heim stellen. Feierlich die Stirne runzelnd, überlegte der Richter einige Minuten und fällte dann, der Klägerin unverwandt ins Ange schauend, zu ihrrm großen Entsetzen folgende Entscheidung: „Wir verheirateten Männer haben, soviel ich weiß, nidjt gar viel Freiheit. Sie haben aber deswegen noch kein Recht, Ihren Mann die ganze Zeit über im Hanse zu behalten. Sie müssen ihm etivas Erholung gönnen. Ich stimme allerdings mit Ihnen darm überein, daß er nicht die ganze Nacht ausbleiben soll. Sie müssen ihn aber seine Zigarre in Frieden rauchen oder Politik befpre- chen lassen, wenn er es wünscht. Sie dürfen da- her nach Sonnenuntergang nicht die Glocke läu­ten, die ihn nach Hanse ruft Das Abendglöcklein darf für ihn weder harte noch an irgend einem Abend geläutet werden, und keine Frau hat das Recht znderlangen, daß ihr Mann borJLO% Uhr |

deutscher Kellner-Lokalvereine beige- treten. Letzterer hielt am 18.'April in Dort­mund seinen Verbandstag ab.

11. Der Zentralverband christlicher Textil­arbeiter Deutschlands, Sitz Düsseldorf, berichtet über die finanzielle Bilanz des Verbandes für das Jahr 1908. Die gute Finanzlage des Ver­bandes zeigt, daß er seinen vorübergehenden Mit­gliederrückgang, der durch die wirtschaftliche Krise und durch die aus verschiedenen Gründen notwendig gewordene Beitragserhöhung einge­treten ist, sehr leicht fragen kann. Die Leistungs­fähigkeit ist weiter gewachsen, und die Leistungen steigen tatsächlich auch absolut und relativ, eben­so ist das Verbandsvermögen im allgemeinen so­wohl wie pw Mitglied erheblich angewachsen. Einschließlich eines Vermögensbestandes von 376 025,53 am 1. Januar 1908 betrug die Jahreseinnahme insgesamt 933 749,93 <M, die Bruttoausgabe belief sich auf 455 484,19 JL, fo daß ein Gesamtvermögen von 478 265,79 M Ende 1908 verblieb. Die beschlossene und bereits zum Teil durchgeführte Reorganisation, die dem Geiste 'der Zeit entspricht, wird ihre günstige Wirkung in absehbarer Zeit zeigen.

Aus Kircfre und Schule.

PA. Klein-Steinheim, 3. Mai 1909. Das Empfangskomitee der 600-Jahrfeier der Hl. - Kreuzwallfahrt gibt bekannt, daß die Empfangsmitglieder weiße Abzeichen tragen. Auch befindet sich im „Gasthaus zum Engel" ein Auskunftsbüro, wo jedermann unentgeltlich Aus­kunft über die Speisen in den einzelnen Wirt­schaften, Wohnungen usw. erhalten kann. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß für biefe Feier ein höchst künstlerisches Gedenk blatt zur 600- Jahrfeier der Hl. Kreuzwallfahrt angefertigt worden ist. Entworfen wurde dasselbe von I. Busch und ausgeführt von der Lithogr. Kunstan­stalt I. Spielmann, beide in Groß-Steinheim. Auch l>aben die hiesigen katholischen Frauen und Jungfrauen ein rotes Meßornat, mit dem hand­gestickten Bilde unseres hl. Kreuzes gestiftet, das wohl am kommenden Kreuzfeste zum erstenmale benützt wird.

nem Zustande des Nachts einen Gymnasiasten beim Begegnen aus der Straße anrempelte und durch einen Messerstich schwer verletzte.

* Weimar, 30. April 1909. Zu dem Zwei­kampf auf Pistolen, wobei, wie bereits berich­tet, der Referendar Kuhn von seinem Gegner, dem Feuerversicherungsinspektor Stier erschossen wurde, verlautet, daß die beiden Gegner, während sie in einem hiesigen Restaurant miteinander Karten spielten, in einen Streit gerieten, bet die unmittelbare Veranlassung zum Zweikampfe gab. Beim Spiel sagte Kuhn zu Stier in scherz­haftem Ton, er mogle wohl. Sofort erhob sich Stier vom Stuhl, ging aus dem Zimmer und ließ Kuhn ersuchen, zu einer Erklärung hinaus- zukommen. Kuhn verweigerte dies, worauf Stier in das Zimmer zurückkehrte und dem noch am Tische sitzenden Kuhn eine wuchtige Ohr­feige versetzte. Die Folge war eine Pistolen­forderung mit schweren Bedingungen.

* Wiesbaden, 1. Mai 1909. Die Ausstel­lung für Handwerk, Gewerbe, Kunst und Gar­tenbau in Wiesbaden 1909 ist heute mittag nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden der Handwerkskammer, Schneider, durch den Ehren­vorsitzenden, Regierunc^präfidenten Dr. Meister, eröffnet worden. Anwesend waren die Prin­zessin Elisabeth zu Schaumburg-Lippe, Oberbür­germeister Dr. v. Jbell und der zurzeit versam­melte Kvmmunallandtag des Regierungsbezirks Wiesbaden. Das ganze Werk legt für das hei­mische Handwevk und Gewerbe, den Nassauer Garten-, Obst- und Gemüse-Bau und die deutsche Kunst der Gegenwart und Vergangenheit daS glänzendste Zeugnis ihrer hohen Kunstfertigkeit, gewissenhaften Fleißes und ehrlichen Strebens nach Vervollkomnung ab.

* Limburg, 3. Mai 1909. Am Sonntag wurde hier auf Anregung von Landrat Büchting ein Sängerbund für den Kreis Limburg ge­gründet. Von 30 Gesangvereinen des Kreises waren Vertreter von 21 Vereinen anwesend. G e- sangwett st reite wird der Bund nicht der- anftalten, dagegen Bundesfeste zur Pflege des Volks- und volkstümlichen Liedes einrichten. Als erster Vorsitzender wurde Laudrat Büchting ge­wählt.

Aus dem Nachbargebiete.

1 Frankfurt a. M., 3. Mai 1909. Die Stadt­bibliothek hat eine äußerst wertvolle Er­werbung gemacht. Sie besteht in 38 bisher un­bekannten Briefen Wilhelms von Hum­boldt. 36 sind an Schiller und 2 an Goethe gerichtet. Die Briefe, die sich jahrzehntelang im Privatbesitz befanden, stammen' aus den Jahren 1796 bis 1803 und sind von größter literarischer Bedeutung. Ihre Erwerbung wurde der Stadt­bibi liothek durch eine Zuweduug des Herrn Kon­rad Binding ermöglicht.

* Westerburg, 30. April 1909. Der 25 Jahre alte Arbeiter Ernst Keßler aus Stahlhofen wurde in dem Basaltsteinbruche bei Gershasen von nie- derstürzenden Gesteinsmassen getötet.

* Erfurt, 3. Mai 1909. Im Restaurant zur Karthause in Erfurt hatten im September v. I. mehrere Gäste genau beobachtet, wie der Büffetier Gustav Müller in Mösern stehen gebliebenes Bier mit frischem Bier vermischte und dies Gemisch verkaufte. Das Schöffengericht ver­urteilte gestern den Büffetier wegen Vergehens gegen das Gesetz betreffend den Verkehr mit Nah­rungsmitteln zu 100 Mk. Geldstrafe oder im Nichtbestreibungsfalle zu 20 Tagen Gefängnis. — Ter Arbeiter Emil Jadke von hier wurde vom hiesigen Schöffengericht zn einem Jahre Gefängnis verurteilt, weil er in angetrunke- abends nach Hause kommt. Nun aber geht heim." =y.

— Die Breite der Straßen beträgt in den neuen Stadtteilen Berlins ohne die Vorgärten der Häuser 19 Meter; diese vergrößert sich in einzelnen Straßenzügen biszu 68 Meter. Diese breiten Straßen zerfallen der Länge nach in meh­rere Fuß- und Fahrwege und haben, wie z. B. die Straße Unter den Linden, auch Reitweg. Im ältesten Berlin gibt es aber noch heute Straßen, die nicht mehr als 4—6 Meter Breite messen.

— Die Völker als Kaffeetrinker. Wer trinkt den meisten Kaffee? Der Türke, fo wird man zunächst vermuten. Das ist jedoch, wie ein fran- zkfischer Statistiker angibt, falsch; der Tü»ke trinkt im Gegenteil nur wenig Kaffee. Am »leisten Kaffee verzehren die Deutschen, die Schweizer, bte Nordamerikaner, die Belgier, Nor- weger, Dänen, Schweden und Niederländer; in diesen Ländern kommen nämlich jährlich über drei Kilogramm ans den Kopf der Bevölkerung. Einen Verbrauch, der zwischen ein und drei Kilo jährlich auf den Kopf beträgt, haben Frankreich, das englische Südafrika und Oesterreich-Ungarn aufzuweisen. In Spanien, Italien, Griechen­land, England und der Türkei bleibt dagegen der Durchschnittsverbrauch im Jahre hinter einem Kilo zurück.

— Die älteste Glocke vou Paris. Wenigen ist es bekannt, daß die Kirche Notre-Dame in Paris eine Glocke besitzt, die schon ihr Geläut er Ringen ließ, als die Jungfrau von Orleans im August 1429 bi« von den Engländern eingenommene Stadt belagerte. Wenn sie nun auch im Laufe der Zest eine Veränderung erfahren hat, da sie 1686 umgegoffen wurde, fo ist ihr Metall doch noch dasselbe wie vor sechs Jahrhunderten.

— Eine chinesische Aerztin ist jetzt in Berlin zu sehen. Sie trägt, wie die „B. N. N." mittei- len, weste Männerchosen und eine Jacke aus blauer Seide, die ihr fast bis zu den Knöcheln geht. Mn metallener SOld auf dem Rücken und auf der Brust kündet ihren Beruf an.

vermischtes.

* Seltene« Jnbilim«. Das Dorf Landhausen >m Kreise Iserlohn konnte in diesen Tagen ein seltenes Jubiläum begehen. Das Dorf besitzt eine Feuerspritze, die vor 50 Jahren angeschafft worden, aber nie aus der Remise herausgekommen ist, weil es seit einem halben Jahrhundert im Dorfe nicht gebrannt hat.

"Sou Esel In einem Prager Kafieehause erschoß sich ein zwanzigjähriger Student, weil sich eine Chansonette zu einem anderen Gaste an den Tisch gesetzt hatte.

** Die rasenden Lokomotiven. Ern furcht­bares Verbrechen wurde jüngst auf der Station Shmerinka der russischen Südwestbahn begangen, das, ein entsetzliches Unglück zur FKge hatte. Einigen Buben war es gelungen, in den fest verschlossenen Schuppen her Lokomotiven einzu­dringen, von denen fünf unter Dampf standen. Bei diesen fünf öffneten sie den Regulator, sodaß sich die Lokomotiven in Bewegung setzten. Nun begann ein entsetzliches Schauspiel. Drei Ma­schinen gingen mit immer rasenderer Geschwin­digkeit hintereinander nach Odessa zu, während die beiden anderen Maschinen in nördlicher Rich­tung davonsausten. Ein Unglück erschien unab- wendbar, zumal mehrere Züge entgegenfommen mußten. Auf dem einen Gleise bemerkte ein Weichensteller die herankommenden Ungeheuer, und da er nichts Gutes ahnte, so lenkte er sie rechtzeitig auf ein rotes Geleise, wo sie auf den Prellbock aufrannten. Eine Minute fpäter sauste bfcr Schnellzug vorbei. Schlimmer eH Unheil richteten dagegen die beiden anderen Lokomo­tiven an. Sie konnten nicht mehr rechtzeitig an- gehalten werden, und so mußte man zusehm, wie der Personenzug, dsm fiej etitgpgenrasten, immer näher herankam. Der Zusammenstoß war von furchtbarer Wirkung, unb nur einem Zufall war cs zu danken, daß niemand ums Leben kam. Die ersten. Wagen dieses Zuges wa­ren nämlich Güterwagen, in denen sich niemand befand. Außerdem wurde der Zug nicht von der Lokomotive gezogen, sondern geschoben. Die drei Lokomotiven rannten mit so ungeheuerer Wucht auf den Zug, daß sie sich zunächst hoch aufbäum- ten und bann krachend in Trümmer gingen. Das­selbe Schicksal ereilte die Güterwagen. Durch den furchtbaren Zusammeirprall wurden aber die Reisenden zum Teil lebenAgefähillich verletzt. Viele Personen wurden vor Schreck wahnsinnig. Im ganzen zählt man 130 schwer und 70 leicht Verletzte. Von den Tätern hat man keine Spur.

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