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z.Mre,er?nzMa. wochenbettase: „Mstrierte Zonntagszeitung"

36. Jahrgang

Fulda, Dienstag, den 4. Mai 1909

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Erstes Matt

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Selbst Fürst B ü l o w hat auf Lie Beschwerde, daß das Zentrum Zugeständnisse seitens der Regre- runa erhalten habe, antworten können: man möge ihm doch nur ein Kälbchen nennen, das das Zen- truin von der Regierungsweide fortgefuhrt habe. Wo hat denn das Zentrum den „unheilvollen Einfluß" gehabt? Etwa bei unseren sozialen Reformgesetzen, bei der Schaffung des großen Werkes des Bürgerlichen Gesetzbuches, etwa bei den Kämpfen um den Zolltarif, wo das Zentrum den „unheilvollen Einfluß" gehabt? Etwa bei unseren sozialen Reformgesetzen, bei der Schaf­fung des großen Werkes Les Bürgerlichen Gesetz­buches etwa bei den Kämpfen um den Zolltarif, wo das Zentrum sich um den Schutz der natio­nalen Arbeit in Landwirtschaft und Industrie das größte Verdienst erworben hat? Es ist doch noch gar nicht lange her, daß von dem Führer der Freikonservativen dem Zentrunl im Reichs­tag feierlich attestiert worden ist, daß es nationale Politik getrieben habe. Und die Kreuzzeitung hat selbst dasselbe gesagt. Was foll jetzt dieser Ausfall? Will die Kreuzzeitung etwa gut Wetter nach der Seite des Blockes machen? Jedenfalls. Man wird sich beim Zentrum diese Kundgebung des Hauptor­ganes der konservativen Partei wohl merken müssen.

Das meinen wir auch. In diesem Augen­blicke, wo Len Konservativen als zuverlässigen Helfer in dw Abwehr der erweiterten Erbschafts­steuer nur Las Zentrum zur Seite steht, ist dieser Ausfall doppelt bemerkenswert. Meinen sie etlva, Fürst Bülow werde sich dadurch begütigen lassen und nicht mit allen Mitteln dahin streben, ihren Widerstand zu brechen, rmd wenn es zu einer Reichstaqsauflösung fommen sollte, ihre Reihen zu dezimieren?

Mancher hat gefragt, warum denn eigentlich Fürst Bülcw sich so unbeoingt und rückhaltlos für die erweiterte Erbschaftssteuer eingesetzt habe, ob­schon er doch wußte, daß die Konservativen gerade gegen diese Steuer den allergrößten Widerwil­len haben, und zwar aus Gründen. Lie noch vor wenigen Jahren vom Fürsten Bülow selbst vertre­ten wurden. Es lohnt sich nicht, über diese Nät- selfrage zu tüfteln. Es genügt, die Tatsache ins Auge zu fassen, daß sich der Reichskanzler einer­seits und die konservat. Parteileitung andererseits auf zwei unversöhnliche Gegensätze der- act'g festgelegt haben, daß keiner von beiden Tei­len ohne die Erschütterung seines Ansehens und seiner Zukunft den Rüchweg finden kann. So hat sich die Sache zugespitzt zu einem wahren Kampf ums Dasein zwischen dem Blockkanzler und dem unabhängigen Konservatismus. Kein Wunder, daß der gesamte Liberalismus — der ge­mäßigte wie der radikale — mit allen Kräften und Listen das weitere Verhetzen und Scharf­machen betreibt; er hofft, die Uebermacht in Reich und Staat für sich zu gewinnen, wenn die konser- vative Partei und die Regierung ihre Kräfte ge­geneinander aufreiben.

Wie die Dinge laufen werden, wenn wirklich Konservative und Regierung gleich hartnäckig auf ihrer Position stehen bleiben, ist noch nicht zu übersehen. Soviel ist einstweilen allein sicher zu sagen, daß Fürst Bülow mit seiner Blockreichs­finanzreform das Reich und das öffentliche Wohl monatlich um Millionen schädigt. Da spricht man immer in tönenden Worten von der vaterländischen Pflicht, das Reick, finanziell stark zu machen; aber wer diese Pflicht durch die Tat nicht anerkennt, das ist Fürst Bülow und sein Blocklibera- lismus, welche die Reichsfinanzreform lieber scheitern lassen, als daß sie von ihrem unfrucht- baren Standpunkt abgehen. Der Block soll nur dazu da sein, um dem Liberalismus auf die Beine zu helfen.

«rschefat täglich mit Ausnahme der $o.m< und §rtertage.viertrl- jShrlicherVtzngrpreir ohne Vringerloh» und VeftelgeldinZnldaso. »ie auswärts 1-50 Rlt.

perantw- Sedakteurr

«ar» Schütter

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 3. Mai 1909.

Die Beratung des Kultus-Etat wird fortgesetzt. m

Bet den Titeln „Zuschuß zur Universität Berlin, Greifswald, Breslau und Marburg" werden ver­schiedene Spezialwünsche vorgebracht.

Beim Kapitel „Universität Münster" wünscht Abg. v. Bescher (kons.) die Erhebung der Universt-

Zwischenhinein kommt es auch vor, daß einer der liberalen Blockleute, während seine Kollegen in Berlin den Kanzler umwedeln, sich eine pro­grammwidrige Extratour leistet und dem Kanz­ler die Töpfe zerschlägt. Einer der ganz „Ent- schiedenen" unter den Freisinnigen, der Abg. Dr. Heinz P o t t h o f f, ist nach Kassel gegangen und hat dort in einer vom Wahlverein der Liberalen veranstalteten öffentlichen Versammlung unter großem Beifall den Kanzler aufs schärfste ange-' griffen, aber auch seine eigenen Fraktionsgenossen nicht geschont. Nach dem ausführlichen Berichte der Kasseler „Allgemeinen Zeitung", Nr. 116, sagte Dr. Potthoff u. a.:

„Der einzige Verantwortliche für die ge­samte deutsche Politik sei der Reichskanzler. Aber er habe sich noch niemals ernsthaft als Beauftragter des Reiches gefühlt. Er regiere mit jeder Mehrbeitz auch mit der Minderheit. Er fühle sich als Diener des Monarchen. Das habe er erst kürzlich wieder mit erschreckender Deutlichkest in die Oesfenllichkeit hinaus­posaunt. Aber auch der Monarch fühle sich nicht ge­rade als Vertreter des Volkes. Denn er schreibe ja über jedes Gesetz: Wir von Gottes Gnaden. Man dürfe es den Abgeordneten nicht Übelnehmen, wenn st« dem Reichskanzler sagen: Du regierst tm Namen eines Mannes. So laß auch den dafür sorgen, daß Geld da ist. Es gebe nur noch etwas, was über di« Haltung deS Reichskanzlers gehe, das sei, daß sich der Reichstag so etwas gefallen laste. Wenn der Reichs­tag in seiner Mehrheit nur ein wenig Bewußtsein von sich selbst hätte, dann müßten die Vorgänge der letzten Monate hinreichen, dem Reichskanzler den ganzen Steuerbettel vor die F ü ß e zu werfen. (Sehr richtig!) Der Reichskanzler verdiene jetzt die Grabschrist, die ihm ein Zentrumsblatt mit gewisser Schärfe an den Kopf geworfen habe: Dieser war der größte Schuldenmacher seiner Zeit. (Sehr richtig!) Es gebe keinen zweiten Reichs­kanzler, der in Jahrzehnten wirtschaftlicher Blüte ein großes Gemeinwesen in unverantwortlicher Weise in eine Schuldenwirtschaft hinein­geführt habe, wie es Fürst Bülow getan habe. Vor allen Singen hätten die Liberalen die Gelegenheit be­nutzen muffen, um mit den neuen Volkslasten auch neu« Volksrechte einzutauschen. Die Frage hätte zu einer Machtprobe zwischen Kron« und Volk werden müssen.*;

Der letzte Vorwurf ist entschieden nicht berech­tigt. Sind denn die Freisinnigen nicht auf dem besten Wege, eine Machtprobe zwischen Krone und Volk oder, besser gesagt: Konservativen und Freisinn zu machen? Im übrigen ist die Charak­terisierung des Fürsten Bülow sehr interessant. |

Wie die Konservativen haben auch die Frei­sinnige Volkspartei und die Freisinnige Vereinigung Kundgebungen erlaffen, die sich wie Wahlaus­rufe lesen. Dies« Kundgebungen der Parteworstände an die Wähler kennzeichnen den Ernst der Lage. Man rechnet offenbar in weiten politischen Kreisdn damit, daß eine Reichstagsauflösung doch noch kommt.

Ein Regierungsvertreter erwidert, daß der Regie­rung von den oben geschilderten Verhältnissen am Kgl. Gymnasium zu Esten nichts bekannt sei. Es sei em Fachreferent zur Untersuchung der Angelegenheit nach Esten gesandt worden. Sollten sich die Fälle wirklich so verhalten, wie der Abg Dr. Heß sie hier schilderte, so steht die Regierung nicht an, sie als eine Ungeschick­lichkeit und Taktlosigkeit allerschlimmster Art zu be­zeichnen und auf Remedur zu wirken. .

Abg. Hintzmann (notL) erklärt sich mit den Vor. rednern dahin einverstanden, daß auch er es nicht billigen könne, wenn man das Griechische zugunsten des Englischen von den humanistischen Gymnasien ver­bannen wolle. Mtt der Stenographie muffe man warten, bis man zu einem Einheitssystem gekommen fei. Im weiteren wünscht Redner, daß die körperlichen Uebungen einen breiteren Raum einnähmen als bisher, und meint, bei der Bekämpfung der Gefahren des AlkoholiSmuS und der sexuellen Ausschweifungen sei Vorsicht am Platze.

Dienstag: Fottsetzung.

erfüllen.

Abg. Schmedding (Ztr.): Wenn man die großen Summen übersieht, die sonst und anderswo ausgegeben werden, muß einem die stiefmütterliche Berücksichtigung Münsters und besonders der Universität bei der zahl­reichen Einwohnerschaft und der großen Steuerleistung der Provinz Westfalen auffallen. Es fehll uns an unserer Universität sowohl die medizinische wie die evangelisch-theologische Fakultät. Mir scheint, der Widerstand gegen den vollen Ausbau der Universitär liegt weniger in der Wilhelmstraße als bei einem ge­wissen Herrn im Kastanienwälvchen. Wir halten aber daran fest, daß die medizinische Fakultät in Münster kommen muß ebenso wie die Reichsfinanzreform kommen muß. (Heiterkeit.)

Geh. Rat Dulheuer aus dem Finanzmlmsterrum: Lir können es nicht für eine unbedingte Notwendig­keit hatten, zumal in den augenblicklichen knappen Zetten wettere Einrichtungen zu schaffen, die geeignet find, das gebildete Proletariat z« vermehren.

Geh. Rat Drupper aus dem Kultusministerium erklärt, daß die Ausgestaltung der Universität Münster ernstlich geprüft werde ohne Rücksicht auf di« Finanzlage.

Beim Kapitel höhere Lehranstalten" meint

Abg. Siebert (kons.>, solange die EtnigungS- bestrebungen unter den verschiedenen Stenographie^ sq st em en noch nicht zum Abschluß gelangt seien, fei es nicht angebracht, zu der Frage der Einführung der Stenographie in den höheren Lehranstalten Stellung zu nehmen. Desgleichen sehen wir die Einführung der Büraerkunde in den Lehrplan als verfrüht an. In der Gründung der Reformgymnasien soll man nicht ,n rasch zu Werke gehen. Im weiteren tadett Redner, daß eine obere Klaffe einer höheren Berliner Lehranstalt zu Ostern einen Ausflug nach Rom unternommen habe. Dies rufe bet denen, die zu Hause bleiben müßten, ein bitteres Gefühl tm Herzen hervor, und dann seien die Ferien zur Erholung der Schüler da, diese Reise sei aber eine Kette von Strapazen ge­wesen.

Abg. Dr. Hetz (Ztr.) wünscht, daß den Beamten gleich bei ihrer Anstellung Mitteilung darüber gemacht 'werde,wie ihr PensionSdienftalter datiert werde. Besonders vermissen die Beamten eine Bestimmung darüber, wie es mit der Anrechnung solcher Dienstiahre gehatten werden soll, die nicht im staatlichen Dienste zugebracht wurden. Mit der Verfügung, nach welcher der englische Unterricht anstelle deS ftanzöstfchen auf der Oberstufe der Gymnasien treten kann, wird den humanistischen Gymnasien ein schlechter Dienst erwiesen. Weiter fragt der Redner an, wie es mit der Regelung der Mittel» und Rekwratsschulen gehalten werden soll, und beklagt sich über di« unterschiedliche Behandlung der Schüler am Kgl. Gymnasium zu Essen, wo in jeder Klaffe zwei Abteüungen beständen, in der die Schüler nach der sozialen Stellung ihrer Eltern von­einander getrennt wurden. _________________

Deutsches Reich.

O Fürst Bülow

sind zu seinem gestrigen 60. Geburtstage zahl­reiche Glückwünsche zugegangen. Aus Korfu traf, wie die ,Nordd. Allg. Zig.' mitteilt, ein Telegramm ein, in dem der Kaiser den Fürsten in warmen Ausdrücken beglückwünscht und ihn seines vollsten Vertrauens versichert. AIS Ge­burtstagsgeschenk ließ der Kaiser dem Reichs­kanzler sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift — eine Reproduktion des Laszldschen Gemäldes — zugehen.

Die »Nordd. Allg. Ztg/ feiert den Fürsten Bülow als Schüler der BiSmarckischen Politik und Fortsetzer der BiSmarckischen Tra­dition. Schlauerweise wird in dem Artikel auS- zuführen unterlassen, wie mit den bewährten Traditionen des großen Kanzlers das Verhalten

ö Zur politischen Lage.

Daß durch die Kommissionsbeschlüsse vom 1. Mai die innere Situation eine wesentliche Ver­schärfung erfahren hat, wird allgemein zugegeben. Es dreht sich jetzt um die Frage: wollen die Ko n s e r v a t i v en ihren politischen Grundsätzen treu bleiben oder wollen sie sich als Kriegsgefan­gene durch das kaudinische Joch ins Lager des Liberalismus führen lassen, um, wie die „Kreuz- zeitg." mit galligem Humor meint, „dem demokra­tischen Schlapphute Reverenz zu erweisen"?

Vorläufig halten die Konservativen sich steif. Der konservative Partei Vorstand hat in einer besonderen Sitzung der konservativen Reichstagsfraktion das Vertrauen und den Dank für ihre Haltung ausgesprochen und die von ihr beschlossene Ablehnung der Erbanfallsteuer gebil­ligt. Weiter hat der Parteivorstand eine E r- k l ä r u n g erlassen, in der er nochmals die Opferwilligkeit der Partei betont, die Anhänger -er Partei ausforderte, sich nicht irre machen zu lassen und den Vorwurf zurückweist, daß sie „Bu­ckows Kopf" wollten. Zum Schluß heißt es: ' ES ist eine ernste Stunde für unsere Partei. Bleiben wir unerschütterlich fest bei dem als richtig Erkannten. Halten wir treu unb geschlossen unsere Reihen zusammen im Kampfe mit den gegnerischen Interessen. Dann hoffen wir bestimmt, die Partei wird geachtet, einig und stark bleiben und zugleich den Erfolg auf ihre Fahnen schreiben können, an der Erreichung des großen nationalen Werkes be­stimmend mitgearbeüet zu haben.

Auffallend ist, daß das konservative Haupt­organ, die „Kreuzzeitung", gerade jetzt die Zeit für gekommen erachtet zu einem Ausfall gegen das Zentrum. Wir lesen in dem Blatt:

Vergeblich scheinen die Erfahrungen einer jahr­zehntelangen Zentrumsherrschaft zu mahnen. Was Fürst Bismarck nicht erreichte, daS scheint auch dem Fürsten Bülow nicht beschieden zu sein. Der Liberalismus war es, der einzig und allein im Jahre 1879 die Vorherrschaft des Zentrums begründete, weil er trotz der wirtschaftlichen Misere starr und unentwegt am Prinzip des Freihandels sesthiett und jener Partei den Einfluß auf die Gesetzgebung sicherte. Und der Liberalismus, der „unentwegte" wenigstens, scheint nichts gelernt zu haben. Wieder ist er auf dem besten Wege, dem Zentrum den Weg zn ebnen, ihm zum zweiten Male zu einem für unser Vaterland unheilvollen Einflüsse zu verhelfen.

Man ist es ja gewohnt, so schreibt man uns dazu aus Berlin, daß von liberalen Phrasendre­schern und Bierbankpolitikern das Zentrum im­mer wieder antinationaler Haltung und unheil­voller Beeinflussung der Gesetzgebung und Verwaltung bezichtigt wird. Solche haltlosen und gehässigen Phrasen haben sonst in einem so ern­sten Organ, wie es die Kreuzzeitung. ist, keinen Eingang gefunden. „Unheilvollen Eiafluß auf die Politik" soll das Zentrum gehabt haben,!

tät Münster zur vollen Universität. . _

Zett die Finanzlage Preußens mißlich sei, so gebe es doch auch Zwecke, die so gerecht und naturnotroenbig feien, daß Geld dafür vorhanden sein müffe. Es hat in Münster schon einmal eine Universität bestanden; zu ihrem Unterhalte waren von münsterischen Fürst­bischöfen Stiftungen gemacht worden, andere große Stiftungen tarnen späterhin dazu. Dieser ganze münsterische Stuüiensonds ging dann, als die Univer­sität durch die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts hinweggefegt wurde, an die Universität Bonn über. Daraus ergibt sich für den preußischen Staat die mora­lische Verpflichtung, die Universität Münster auszuge» stallen, zumal dazu auch ein schreiendes Bedürfnis vor­liegt. Ich bitte die Regierung, diesem Wunsche Folge zu geben; sie wird damit einen Akt der Gerechtigkeit

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> Sonne SeS Geheimnisses.

P5J Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld'

Ein leiser Schrei von Lady Wayne's blassen, zitternden Lippen. Marian West erhob frei den Blick zu Lord Wayne's zürnenden Mienen. Selbst- Verleugnung und Heldenmut sprachen aus jedem Zuge ihres Gesichtes.

„Still, still, Evelyn," sagte sie: Dein Mann hat das Recht, mich zu tadeln: tritt nicht daMi- (dien; laß ihn zu mir sprechen, wie er will."

„Es ist jetzt kein Gchaimnis mehr," sagte Lord Wayne, „wenigstens für mich nicht. Ich ver­stehe jetzt die ganze Geschichte. Jener unglückliche Mensch hatte die Sache herausbekommen und ver­suchte nun natürlich, möglichst viel herauszuschla­gen. Wahrscheinlich glückte es ihm bei D i r nicht, Marian; er entschloß sich demnach, es bei Deiner Schwester zu versuchen. Evelyn wird Dich nie verraten, das weiß ich; aber es ist so, wie ich seht gesagt; — Du kannst mir nicht ins Gesicht sehen und ableugnen, daß sie nur darum mit die­sem Menschen verhandelt hat." __

Es erhob sich kaum ein Kampf in Marians edler Seele, als sie diese ungerechten Anschuldi­gungen vernahm. Sie hatte die Liebe ihres Le­vens, das Ziel ihres Lebens, bereits der gelieb­ten Sdpvester geopfert und gewidmet; es verschlug ihr wenig, wenn sie nun auch noch, wie sie be- rrtts früher getan, ihren guten Namen zum Opfer brachte.

®’e Ich Lord, Wayne mit einem Blick an, wuröcvoll und frei, daß nur jemand, der wie er so voreingenommen und verblendet, es nicht be­merken konnte.

„Ich leugne es nicht, Mortimer," sagte sie ernst. „xW gestehe, es war wegen dieses so un­seligen Geheimnisses, daß Evelyn, meine Schwe­ster, draußen mtt Jack Jefferies zusammengetrof- xen ist und verhandelt bat."

65. Kapitel.

Der letzte Versuch

Lord Wayne war über die Maßen entrüstet. Er war so zornig, daß er nicht einmal bemerkte, daß seine Gattin schwer und bewußtlos in seinen Armen ruhte, und daß das schöne Gesicht, das er noch mit den Lippen berührte, blaß und kalt wie der Tod war, — er war zu zornig, um zu bemer­ken daß das vergötterte Weib in Ohnmacht gefal­len' als die Last ihres Schmerzes und ihrer Oual unerträglich geworden.

„Du hättest mir vertrauen sollen, Marian", sagte er finster. „Selbstverständlich habe ich keine Rechte, weder verwandtschaftliche, noch sonstige, über Dich; aber es war Unrecht von Dir, mir dies Geheimnis zu verbergen."

Er verstand die ruhige Würde ihres Wesens nicht, als sie jetzt erwiderte:

„Ja, ich habe Unrecht getan, Mortimer, nie- mattd fühlt das bitterer, wie gerade ich. Sich', Evelyn ist ohnmächtig geworden. Leg sie auf ihr Lager. Sie ist nicht stark genug für solche Auf- trifte, wie diese."

Sie wollte ihm behülflich sein, doch er wandte sich mit seiner Last von ihr ab, als ob er die lie­bende, schwesterliche Berührung nicht mehr dul­den wolle. Er legte Evelyn nieder und strich das goldene Haar aus dem blassen, kalten Gesicht zu­rück.

„Ich will Dir keine Vorwürfe machen, Marian; aber sie glaubte so durchaus, so ganz und gar an Dich, daß der Verlust dieses Glaubens für sie un­gefähr gleichbedeutend gewesen sein muß mit dem Verlust ihres Lebens."

Marian, die Geduldige, erwiderte nichts. Sie dankte Gott in ihrem Herzen und hoffte mit glühender Inbrunst, es möge ihr vergönnt sein, alle Folgen der Torheit ihrer Schwester auf sich zu nehmen, so lange sie leibte, denn Lord Wayne selbst hatte keinerlei Verdacht auf seine Gattin, das sah sie sehr deutlich. Auch er glaubte voll­

ständig an den Irrtum der klugen Polizisten, glaubte, daß Werner ihr Sohn sei.

O, wenn dieser Irrtum nur von Dauer ivar, und Evelyn den Rest ihres Lebens frei von Kum- mer, Schmach und Tadel verbringen konnte! „So freudig wollte ich's tragen", sagte sie sich, „wenn Gott in seiner Barmherzigkeit nur Eve- lyn davor behüten wollte!"

Es war eine Szene, des Pinsels eines Künst­lers würdig; die schöne, ohnmächtig und wie tot daliegende Frau, die darüber gebeugte Gestalt ihrer Schwester, so voll Liebe, Güte, Aufopferung und Heldenmut; und neben der Ohnmächtigen der stattliche, stolze Gemahl, der am liebsten mit seinen zornigen Blicken die Schwester, die er ihrer Liebe nicht länger wert hielt, sogar aus der Nähe der Bewußtlosen verbannt hätte.

Als Marian sie berühren,die weißen Lippen mit innigem Kuß wieder ins Leben zurückrufen wollte, winkte er ihr halb ungeduldig ab.

„Marian", sagte er ernst, „in Anbetracht, daß ich der Mann Deiner Schwester bin, daß Du un­ter meinem Dache geweilt hast, wie eine der Mei­nigen, daß, die Ehre meines Namens und meines Geschlechtes gewissermaßen auch Dir anvertraut gewesen sind — habe ich ein Recht, Dich zu er­suchen, mir mitzuteilen, was Wahres an dieser Geschichte ist."

Sie beugte ihr Haupt mit einer Demut und Würde, die ihn wider seinen Willen rührten.

„Du hast alles Recht", erwiderte sie leise, „mich alles zu fragen, was Du willst."

„Also sag' mir, ist diese Geschichte wahr? Bist Du die Mutter dieses jungen Mannes, der wie ein Fluch hierher und unter uns gekommen?"

„Ich kann Dir darauf nicht antworten", ver- setzte sie.

Vielleicht faßte er die tiefe Röte, die ihr Ge- ficht überzog, als ein Zeichen von Schuld auf; er blickte sie noch düsterer an.

„Mortimer", sagte sie demütig, „Du bist voll­kommen berechtigt, mich zu fragen, alles und

jedes; aber ich muß Dich inständig um Entschul­digung dafür bitten, daß ich Dir nicht antworten kann. Ich, glaube mir, ich täte es, wenn ich's könnte."

„Das ist Antwort genug. O, Marian, Ma- rian! Lieber hätte ich Dich tot gesehen, als dies erlebt! O Marian, Du mußt mein Weib und meine Kinder verlassen! Ich könnte Dich nicht wieder mit ihnen zusammen sehen! Du mußt das Hans und die Heimat verlassen, wo Du ge­ehrt worden bist, wie nie eine Frau zuvor!"

„Du hast Recht", sagte sie sanft; „ich werde gehen, Mortimer."

„Ich will nicht in Deine Geheimziissss eindrin­gen", fuhr er fort; „aber, Marian, um Deinet­willen möchte ich wissen, wie es sich verhält. Hast Du Dich unglücklich verheiratet? Hast Du unter Deinem Stande geheiratet? Bist Du betrogen, schlecht behandelt, oder bedroht worden? Ver­traue mir wenigstens insoweit."

Doch obwohl seine gütigen teilnehmenden Worte sie rührten und ihr Sie Tränen in die Augen brachten, hatte sie doch keine Antwort für ihn.

„Du willst mir also nicht einmal so weit ver­trauen, Marian?"

„Ich kann nicht", erwiderte sie; „Du bist mtt nächst Evelyn teurer, denn irgend jemand sonst in der ganzen Welt, aber selbst Dir gegenüber kann ich kein Wort über das Geheimnis verlaut­baren."

„Mir ist", sagte er langsam, „als ob einet der glänzendsten Sterne vom Himmel gefallen wäre. Ich kann's nicht glauben. Ich hätte die ganze Schöpfung eher für falsch gehalten, als wie Dich."

Leise flüstette es da vom Lager her:

„Marian, Mutter und Schwester, komm zu mir."

^Fortsetzung folgt.)