Einzelbild herunterladen
 

trittst »glich «tt Xnsnatf«« undZeiertasevirrt«!- iShrlichttvezugspreis iane vringerlohn und SrfteSgeidmZul-afv« eie auswärts 1.5011«.

Veralt«. Redakteur: «arl Schütter fürdierlnzetgen:

I Ym^eler in Ktlda.

Monatrlxllage: „Zuldaer GeschichsiblStt«"

Zuldaer

wochenbettage: „Illustrierte Zonntagrzeitung"

In$ifgen: Vie d» spaltigepetitzerieoder deren Raum 15 Pfg. ReNamendrePetitzeile 25 pfg., btt wieder- holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Rotationrdruckmd Verlag der Luldaer Ak- tieudruckerel in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

M 98.

Fulda, Samstag, den 1. Mai 1909.

36. Jahrgang.

Zweites Mlcrtt.

wochen-rlundschau.

[:] Sulba, 30. April 1909.

Ein Zwischenakt ist in die Tragikomödie „R e i ch s f i n a n z r e f o r m" eingeschoben wor­den, der für das ohnehin schlechte Stück verhäng­nisvoll werden kann. Dar erste Akt war gründ- lich durchgefallen: Fürst Bülow stand an den Wassern und schaute weinend den fortschwimmen, oen Steuerfellen nach. Im zweiten Akt besann er sich auf seine glänzende Begabung in der Re­gie. Also: Aus allen deutschen Gauen das gou- vernementale Aufgebot zitieren: Telegramme mit „Rückantwort", langatmige Bersammlungs- resvlutionen und illustre unparlamentarische „Volksvertreter" kraft selbstverliehenen Mandats. Der Apparat funktionierte, so wie der Draht­zieher es wünschte: Gewichtige Pose, tiefernste Miene, tönende Sprache, Steuerbegeisterung, Hurrahl hurrah! hurrah! Steuerbegeists- rung lebt und bebt im Volke"; so haben es die Herren versichert. Und zwar müsse es die Erb- nnfallsteuer sein, erklärte der Liberalis­mus. Und der Chorus der gezwungenen unO freiwilligen Offiziösen stimmte ein in der Presse uni) in Versammlungen, und jubelte wie die ge­bändigten Tiere in der Fabel:

O grundgütige Mutter Natur, Du Spenderin alles Edeln, Wir danken dir, daß du uns allen hier Die Schwänze gegeben zum Wedeln I

Da kommt plötzlich der Zwischenakt: Die Konservativen treten auf. Sie, die man Bsprengt und von der Bühne abgetreten wähnte, ten mit ganzem Heerbann bis an die Zähne oappnet auf. Wider die Verwandlungskünst­ler! lautet ihr Schlachtruf. Wer sind diese? Die Agitatoren der Erbanfallsteuerl Und die Kon­servativen schleppen sie heran, die ehemaligen scharfen G e gn er, die sich jetzt zu Freunden die­ser Steuer umgemausert haben, vornan den Für­sten Bülow und den Freiherrn von Rheinbaben, dann die Herren Arendt, Zaasche, Wiemer und den „dÄhtenden" Müller-Meiningen, Saulus- Laulusse — Helfer des Sozialismus I Denn tat- söchlich ist dieser Steuervorschlag aus sozialdemo- 'rratischem Konzept abgeschrieben, und niemand /egrützt ihn lauter als die Genossen. — Aber oie pnanznot des Reiches, wie soll ihr sonst aöge- folfen werden? Da schnellen die Junker aus Hrem Köcher einen scharfen Pfeil: Die Wert- .uwachssteuer für Grundbesitz und Papiere! der unbeteiligte Zuschauer ruft bravo. Dec sifeil sitzt. Wie die Blockhelden von Arendt bis Meiner sich krümmen und ein ecschröckliches Ge- chcei erheben: Hilf, Blockmeistar, hilf! Ja, ilf! Sag mir nur Freund, wie? Reichs tagsanf- öfung? Einmal ist es gelungen, aber bei der Parole würde es diesmal todsicher schief gehen. yerkules-Bülow steht am Scheidewege! Und nur hn tanzen die Block-Puppen von Normann bis staumann Kriegstänze. Ob zum Sieg des Block- Gedankens oder zu seiner Niederlage? Heute eisit es, der Reichstag solle aufgelöst werden, norgen heißt es, die Reichsfinanzreform solle bis ruf den Herbst verschoben werden, und dann wie- et heißt es, der Reichstag Wolle jetzt baldigst Ferien machen und in dec Hitze des Hochsommers eine wichtigste Aufgabe zu Ende führen.

Die Reichsfinanzkommission arbei­tet mir Hochdruck. Sie will offenbar beweisen, daß die vielfachen Angriffe gegen sie wegen Ver­schleppung der Reformavbeiten zu Unrecht er­folgen. Zunächst hat sie sich mit der Branntwein- steuergesetzgokmng beschäftigt.

Im Plenum beschäftigte sich der Reichstag mit der Strafgesetznovelle. Den Kernpunkt die­ser Novelle bildet wohl die geplante Abänderung der Bestimmungen über die Beleidigungsklage. Die Strafen für Tierquälerei sollen erhöht, eben­so die für Mißhandlung von Kindern und ande­ren wehrlosen Personsn, die für geringfügige Diebstähle und Unterschlagungen, insbesondere soweit sie aus Not begangen sind, sollen ernied­rigt werden. Außerdem soll der Schutz der Ehre durch gewisse Einschränkungen des Wahrheitsbe­weises und dadurch Erhöhung der angedrohten Strafen und der Butze verstärkt werden. Vom Zentrum sprachen zu der Vorlage drei Redner, die Abgg. Engelen, Dr. Faßbender und Kirsch. Der Abg. Faßbender machte, u. a. auch darauf aufmerksam, daß in den Kreisen der Lehrer an­läßlich der verschärften Bestimmungen über die Kindermißhandlung vielfach eine gewisse Beun­ruhigung stattgefunden habe; man befürchte in diesen Kreisen, daß der Lehrer auch bei ganz vernllnfriger Anwendung des ihm zustehendeu Züchtigungsrechtes Gefahr lause, unter Ankwge gestellt zu werden, und in der Tat find gegen­über gewissen extremen Humanitätsdufeleien diese Befürchtungen vielleicht nidjt ganz unge­rechtfertigt. Die diesbezüglichen Bestimmungen werden Wohl in der Kommission Wohl noch eilte einwandsfreiere Fassung erhalten. Ferner be­schäftigte sich der Reichstag mit dem Gesetzent­wurf betr. Abänderungen zum Ger ichtM.tr fas- sungsgesetz, der Zivilprozeßordnung, dem Ge­richtskostengesetz und der Gebührenordnung für Rechrsanwälte.

Auch der preußische Landtag ist in volle Tätigkeit eingetreten. Im preußischen Abge- ordneteinhause hat man zunächst einen Gesetz­entwurf erledigt, der den ausländischen Gesell­schaften den Betrieb preußischer Bergwerke er­schweren soll- Es folgte dann die Beratung des Etats der Änfiedelungskommission, und , es war dabei erfreulich zu sehen, daß die Kampfstimmung gewisser nationalen Parteien in eine sachlichere Tonart eingelenkt hat. Der Hauptgegenstand der Verhandlungen des Abgeordnetenhauses aber war der Kultuserat. Der Abg. Marx wieder­holte dabei die alten Zentrumsforderungen be­züglich Gleichstellung der katholischen religiösen Orden, insbesondere solcher mit charitativer Be­tätigung, mit den entsprechenden protestantischen Vereinigungen. Dia Antwort der Regierung ging dahin, daß eine Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen abgelehnt werden muffe.

Die Beamtengehaltsreform ist uuu- mehr sowohl im Reich als auch in Preußen in sehr schnellen Fluß gekommen, sodaß die formelle Erledigung auf beiden Seiten wohl nicht mehr lange auf sich wird warten lassen.

Der Dreibund feiert große Triumphe. Der deutsche Kronprinz ist bei Gelegenheit einer Reise zum König Karl von Rumänien auch in Wien gewesen und dort vom Kaiser Franz Joseph sowohl als auch von der gesamten Bevölkerung sehr warm empfangen worden; so warm, daß der deutsche Kaiser sich entschlossen hat, auf der Rückkehr von Korfu, wo er bis Mitre Mai wei­

len wird, einen Abstecher nach Wien zu machen. Wenn auch der Himmel der internationalen Be- zichungen augenblicklich in herrlichster Bläue er- strahlt, berühren diese neuen Kundgebungen festen Zusammenhaltens der beiden Herrscher­häuser sehr wohltuend, weil sich aus ihnen eine Gewähr für die Fortdauer des Friedens ent­nehmen läßt.

In Oesterreich-Ungarn ist wieder ein­mal eine Krisis akut. Die Ungarn, will sagen die in Ungarn herrschenden Magyaren, können es nicht verschmerzen, daß bei der Verbindung Oesterreich-Ungarn der Hauptton auf Oesterreich liegt. Daher streben sie danach, gegenüber Oesterreich eine größere Selbständigkeit zu ge­winnen, vor allem wollen sie, daß in allen Zwei­gen der ungarischen Staatseinrichtungen bas Ungarische als Hauptsprache eingeführt werden soll, daß insbesondere die österreichische Hecres- sprache aus Ungarn verschwinden soll. Augen­blicklich aber steht eine andere Frage im Vorder- gründe, nämlich die Bankfrage. Die Mehrheits- Parteien in Ungarn wollen eine selbständige ungarische Staatsbank ober wenigstens eine solche, die mit der österreichischen nur im Kartell steht. Damit aber kann sich Oesterreich nicht zu­frieden geben, sowohl im Interesse dec Grotz- machrstellung der Monarchie tote auch im Inter­esse der eigenen Staatsbeamten. Das ungarische Kabinett ist inzwischen wegen der Ablehnung der Staatsbank zurückgetreten. — Das österrei­chische Abgeordnetenhaus ist mit einer bemer­kenswerten Friedensrede des Ministerpräsidenten v. Bienerth eröffnet worden.

In der Türkei sind nun endlich die Würfel gefallen; Abdul Hamid, von allen verlassen und ganz in den Händen der Jungtürken, ist des Thrones verlustig erklärt. An seine Stelle ist Reschad Effendi getreten und hat als Muhammed V. bereits den Eid auf die Verfas­sung geleistet. Ganz ohne Blutvergießen ist es nicht abgegangen, da die Truppen in Konstanti­nopel zum Schluffe doch noch Widerstand leisteten. Im ganzen aber hat sich die Entwickelung der Dinge dank der Disziplin der jungtürkischen Ar­mee mit guter Ordnung und verhältnismäßiger Ruhe abgespielt. Die Kämpfe haben sich zu einem großen Teil in unmittelbarer Nähe der deutschen Botschaft abgespielt und trotzdem haben die Baulichkeiten der deutschen Botschaft so gut wie keinen Schaden genommen. Ueberhaupt haben sich die Jungtürken die erdenklichste Mühe gegeben, die Ausländer in Konstantinopel vor jeglicher Mißhelligkeit zu bewahren, und irt der Tat scheint niemand von den Fremden Anlaß zu Klagen gehabt zu haben. Eine etwas traurige Rolle spielte bei den ganzen Angelegenheiten das Parlament, und wenn es in Zukunft heißen wird, das Parlament leite die Geschicke des tür­kischen Staatswesens, so wird darunter immer nur zu verstehen sein, daß das jungtürkische Ge­heimkomitee, sich stützend auf das Heer, die Ge­schicke leitet. Wie sich der neue Sultan damit abfinden wird, bleibt abzuwarten. Den Mächten kann es im Grunde gleichgültig sein, wer die Macht in den Händen hat; für sie ist die Haupt- fache, Satz überhaupt eine Macht da ist, die dafür sorgt, daß Ordnung und Ruhe im Lande erhalten bleiben, sodaß eine Intervention vermieden wird, die leicht zu einer Gefährdung des europäischen Friedens ausarten könnte.

Z Deutschland und Frankreich.

Im Kaisersaal des Herrenhauses zu B e r l i rt sprach am Mittwoch auf Einladung des „Zentral­komitees für eine deutsch-französische Annähe­rung zwischen Deutschland und Frankreich" der bekannte französische Friedensfreund Senator Baron d' E st o u r n e 11 e 3 vor einem zahlreichen Auditorium, das sich aus Vertretern der Regie­rung, dec Parlamente, der Presse, der Kirchq, von Kunst und Wissenschaft zusaimnensetzte, über das Thema: „Die französisch-deutsche Annäherung als Grundlage des Weltfrie- 'dens".

Der Redner mies in überzeugendar Weise die Schäden und Gefahren des bisherigen geplanten Ver­hältnisses zwischen den beiden großen Nationen nach. Ein Krieg zwischen den beiden Ländern würde keines­wegs geeignet sein, das Problem zu lösen, sondern der ganzen Welt drückende Opfer zum größten Nachteil der Zivilisation auserlegen. Worauf es zunächst an» kommt, meint Herr d'Estournelles, ist das ernste Suchen aller wohlgesinnten Männer hüben und drüben der Vogesen nach einer dauernden, verständigen Aus­söhnung. Wenn es durch ihre Bemühungen ermöglicht werden sollte, die beiden Nationen zu vertrauensvollem und friedlichem Zusammenarbeiten zu bringen, würbe em Kultursieg errungen sein, der seinesgleichen in der Geschichte mcht fände. Dieses Resultat ließe sich zwar nur unter großen Schwierigkeiten und mit viel Takt erreichen, aber unerreichbar wäre es nicht, im Gegen­teil sprächen zahlreiche Anzeichen dafür, daß die Ver­hältnisse im letzten Dezenninm besser geworden seien.

Die Ausführungen des Herrn d'Estournelles müssen sicherlich von jedem Einsichtigen hüben und drüben der Grenze geteilt werden. Der Ge­gensatz zwischen Deutschland und Frankreich ist eine der wesentlichsten Ursachen der zeitweilig auftreteuben Beunruhigung und 'der Sorge vor einem Weltkrieg. Es ist ein verdienstliches Werk, an der Milderung dieser Gegensätze zu arbeiten.

In Deutschland wird der Ersuch, die Be­ziehungen zwischen den beiden Völkern, die im Jahre 1870 die Schwerter gekreuzt haben, freunb- schaftlich zu gestalten, nirgends auf Widerstand stoßen. Man will und wünscht bei unS keinen Krieg; man hat ihn seit mehr als einem Menschenalter, welche Gelegenheit sich auch bot, wie günstig auch die Aussichten schienen, nicht unternommen, weder 1875, wo die Franzo­sen ihn nahe glaubten, noch bei dem Marokko­handel, noch aus einem sonstigen Anlaß. Man hat sich in dem Entschluß, Frieden zu halten, nicht durch Gambettas Aufforderung, immer an di« Revanche zu denken, ohne von ihr zu sprechen, nicht durch den Trauerflor um das Straßburg- Denkmal in Paris, nicht durch Boulanger und den Schnäbele-Fall, nicht durch die Dreyfufiad« und ähnliche Vorgänge beirren lassen. Je län­ger je mehr ist sogar die Ueberzeugung durchge­drungen, daß die Mehrheit dar Franzosen sich nicht mehr nach dem VergeltungÄkriege sehnt, sondern das Verlangen trägt, wie bisher, so auch in Zukunft mit Deutschland in Frieden zu leben. Fürst Bismarck hielt an der wiederholt von ihm ausgesprochenen Ansicht fest: „Wenn die Fran­zosen stärker zu sein glauben als wir, schlagen sie los." Heute glauben sie es, trotz des Bünd­nisses mit Rußland und der „Entente" mit Eng­land, schwerlich, und sie werden es angesichts deS Wachstums der deutschen Bevölkerung und Wehr­kraft auch fernerhin kaum glauben; aber selbst wenn sie es glaubten, ist man in Deutschland nicht mehr dec Meinung, daß sie nach einer Ent­scheidung mit den Waffen begehrten und einen

Unpolitische ZeitlSnse. •

(u) Berlin, 29. April 1909.

(Nachdruck verboten.)

„Ich bezahle meine Steuern, und da kann ch auch das und das verlangen." So kann man läufig die Leute reden hören, wenn ihnen einer ins Hühnerauge gekommen ist. Das Steuer- »ahlen gibt ihnen Selbstbewutztsein und Mut — rämentlich gegenüber den Behörden. Gerade bei -en kleinen Steuerzahlern ist die Ansicht verbrei­tet: „Die Beamten leben ja von unserem Gelde."

Der Steuerzettel macht stolz. Aber macht er auch froh? Zahlen die deutschen Bürger und Bürgerinnen ihre Steuern mit Freuden? Das -abe ich bisher nicht bemerkt. Aber neuerdings liefen Redner in Deutschland umher, die unter hoher obrigkeitlicher Unterstützung die Steuer- iuft in Aufschwung zu bringen suchen. Da werden bann „große" Versammlungen veranstaltet, die in wohlklingenden Resolutionen versichern, daß das deutsche Volk eine unbegreifliche Sehnsucht nach einer weiteren Steuerlast von wenigstens einer halben Milliarde habe. Und diese „großen" Ver­sammlungen (— groß sind sie immer, wenn auch b«: Saal nur halb voll getrommelt werden konnte —) drücken dann gleich ihre nationale Entrüstung ans über diejenigen Volksvertreter, die erst noch die Steuervorschläge der Regierung unter die kritische Lupe nehmen, statt sie sogleich mit Hurra zu genehmigen. An solche Vorspiege­lung von Steuersucht glaube ich nicht recht. Auch unter den bravsten Bürgern herrscht in dieser Hinsicht eine gemäßigte Gesinnung. Meuerzah- lne ist eine Tugend, aber man mutz sie nicht zum eigenen Schaden übertreiben! Bezahle, was du mußt, aber behalte, was du kannst! Es sind ja noch andere da, die auf dem Altar des Vater­landes etwas opfern können. Für die Besteue­rung der anderen kann man rückhaltlos agitieren. Wer für die eigne Belastung mit patriotischer Selbstverleugnung demonstriert, hat meistens den Hintergedanken: Hoffentlich brauche ich die Suppe nicht so heiß zu essen, wie sie hier gekocht wird!

Mit jedem Geldbeutel ist ein starker Selbster­haltungstrieb verbunden. Das liegt in der Menschlichem Natur und. ist auch weiter nicht

schlimm, solange nur die Bürger bereit sind, ihre Pflicht zu erfüllen. Sie sollen sich ehrlich ein- schätzen und redlich bezahlen, was ihnen aufer- legl wird. Ob sie 'dabei Hurra rufen, ist neben­sächlich. Und wenn neue Steuern gemacht wer­den müssen, was von Zeit zu Zeit ebenso notwen­dig wird tote die Beschaffung von neuem Zeug für aufwachsende Kinder, so können wir diese Lasten­vermehrung in aller Ruhe beraten und bedächtig abmessen. Wozu denn das Automobiltempo? Wenn der Sleuertoagen zu begeistert drauf los fährt, kamt er leicht an einen wirtschaftlichen Baum stoßen ober in einen sozialen Graben ge­raten.

Den rechten Mittelweg soll man enthalten zwischen Steuerscheu und Steuersucht. Es ist nicht richttg, wenn man von „unerträgli­chen Lasten", „unerschwinglichen Abgaben", „Hun­gerzöllen" u. dgl. redet, um sich und andern das Leben zu verekeln. In den meisten andern Län­dern haben die Leute ebenso viel zu bezahlen, in vielen sogar noch mehr, als bei uns. Die Haupt­sache ist nicht die Höhe der Steuer, sondern die Höhe des V e r di e n st e s. Wenn Handel und Wandel leidlich geht und der fleißige Bürger stchnende Arbeit findet, dann kann er bet ver­nünftiger Wirtschaft auch seine Abgaben aufbrin­gen. Dem einen fällt freilich eine mäßige Ab­gabe oft viel schwerer auf die Schultern, tote dem Nachbarn eine große Abgabe. Die Gerechtigkeit tn der Verteilung wird freilich angestrebt, aber sie ist nicht vollkommen zu erreichen, namentlich nicht bei den indirekten Abgaben von Verbrauchs­gegenständen usw. Wer unter diesen irdischen Unvollkommenheiten zu leiden hat, mutz sich durch eine sparsame Wirtschaft zu helfen suchen. Das wird ihm besser bekommen, als wenn ec sich zu den Schwärmern und Hetzern gesellt, die da glau­ben, sie könnten die ganze Steuer last auf die an­deren schieben.

Sparsame Wirtschaft — das ist kein beliebtes Wort. Aber die bittere Medizin ist oft die beste. Es gibt eine Macht, die uns noch viel schwe­rere Steuern auferlegt, als, Reich, Staat und Gemeinde zusammen. Und diese geldsaugerische Macht sitzt mit uns an unserem häuslichen Herde. Sie regiert uns mit zwei Zügeln, die recht nied­lich aussehen, aber einen sehr scharfen Zug aus­üben. Der eine Zügel ist dieE i t e 11 e i t, die

prunken und protzen unb alle Moden mitmachen will; der andere ist die Genußsucht, die fort und fort zu kostspieligem Zeitvertreib drängt. Diese Triebe lassen unseren Geldbeutel Tag für Tag zur Ader. Wer ihnen verfallen ist, der macht sich selbst immer neue Steuecgeseye und zwingt sich viel höhere Ausgaben ab, als wie der strammste Steuerexekutor sie erpressen könnte. Die Luxusausgaben bilden die schlimmste Last des modernen Menschen. Wenn er nur die Kunst erlernt, den überflüssigen Aufwand etwas einzuschränken, so kann er, wenn ihn nicht gerade das Unglück verfolgt, das Notwendige auf­bringen. Und diese Selbstbeschränkung werden wir wohl allzumal lernen müssen; denn es stei­gern sich die Preise für den notwendigen Lebens­bedarf, und auch die Steuern gehen unaufhaltsam in die Höhe.

Wer nun mit Fleiß und Sparsamkeit sich so durchschlägt, baß er allen Anforderungen gerecht werben kann, der darf auch etwas von dem Steuecstolz haben, von dem wir oben sprachen. Bezahle redlich deine Abgaben, dann bist du nicht ein Schmarotzer, sondern eine wirksame Stütze im Staatswesen. Was du beiwägst für die öffent­lichen Einrichtungen, ist freilich nur ein Tropfen in den großen Bedarfseimer; doch aus Tropfen sehr sich öer kräftige Strom unb das gewaltige Meer zusammen. Die Frucht deiner Arbeit kommt dem Gemeinwesen zugute. Wenn du zahlst, so wirst du ein Helfer und Mitträger der Ordnung, Kultur und Wohlfahrt im Reich, Staat und Ge­meinde. Der bürgerlichen Würde mit all' ihren Rechten darfst du front und froh dir bewußt werden, wenn du die entsprechende'n Zffichten er- füllst, wie z. B. beim Steuerzahlen. Das ist ein erbaulicher, erhebender Akt.

Nun darf man sich freilich auf die Pflichter­füllung nicht zu viel einbilden. Wer fünf Mark Steuern bezahlt, soll nicht Ansprüche für 50 ober gar 500 M erheben. Unb wer viel bezahlt, der soll immer bedenken, daß Reich, Staat und Ge- meinbe auch viel, sehr viel für ihn leisten, indem sie den Frieden, die Ordnung, die Verkehrsnuttel und all' die sonstigen Vorbedingungen für ein ge­deihliches wirtschaftliches Leben schaffen oder sichern. Die höchste und verdrießlichste Steuer zahlt der Jüngling, der als Soldat dem Gemein- Wohle dient. Was du da an Steuern gibst, das

hast Du von der Mitwelt eingenommen. Die öffentlichen Abgaben bilden nur die Rückgabe eines kleinen Teiles von dem Prqfit, den Du aus der Gesamtheit ziehst. Also laß Dein Selbst­bewußtsein nicht in Uebermut und Anmaßung ausarten.

Natürlich mutz in allen Magen nach Fort­schritt und Vervollkommnung gestrebt werden. Auch in der Wirtschafts- und Steuerpolitik. Des­halb brauW Du Dich aber nicht gleich zu den unzufiiedenen Umstürzlern auf der einen Seite oder zu den liebedienerischen Hurrapatrioten auf der anderen Seite zu schlagen. Es ist eine unge­heuer schwierige Aufgabe, das Steuerjoch so zu ge­stalten, datz es nirgends drückt und scheuert.. Die Berufenen Vertreter, welche die verzwickten Steuergesetze zu prüfen und zu verbessern haben, sind wirklich nicht zu beneiden. Es ist eine saure Arbeit, die viel Kopfzerbrechen erfordert, und es ist keine lohnende Arbeit, denn mag die «oache so oder so ausfallen, es gibt immer Tadel und Aerger. Darum soll man nicht auf oberflächliche Reden hin den Volksvertretern das mühselige Konzept korrigieren wollen durch schwungvolle Re­solutionen. Die allgemeinen Gesichtspunkte, die in Betracht kommen müssen, sind, ja doch längst bekannt. Einen wertvollen Beitrag liefern nur diejenigen, die aus eigener Erfahrung her­aus klarstellen, wie diese ober jede Einzelheit in dem wirtschaftlich-sozialen Betriebe wirken würde. Die sachkundige Vertretung berechtigter Inter- essen darf nicht verhindert werden, wenn auch der Herr Reichskanzler neulich über den „Tabakver­ein" so hart geurteilt hat. Ueberfiüfftg aber ist die phrasenhafte Bekundlmg von Ergebenhert für die Regierung, die jetzt lo sehr ins Kraut schießt. Dadurch wird nicht das Wohl des Vaterlandes ge­fördert. Die Welt wird sich wahrlich nicht zu dem Glauben verleiten lassen, daß in Deutschland ein wahrer Heißhunger nach neuen Steuern herrsche, und das Volk kein größeres Vergnügen kenne, als immer mehr Geld auf direktem oder indirek­tem Wege abzuladen. Wir wollen leisten, was notwendig ist, aber nicht mehr. Und toenn totr unfern Teil an den öffentlichen Lasten redlich mittragen, so wollen wir uns auch als vollberech­tigte, freie Staatsbürger fühlen und fuhren — ohne Uebermut, aber auch ohne :

Treu beim Zahlen, eifrig bei den Wahlen!