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M 98.

Fulda, Samstaa, den 1. Mai 1909.

36. Jahrqanq.

Gastes Wt'clLL.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 30. April 1909.

Die Beratung des

Knltusetats

wurde beim Kapitel Medizinalwesen fortgesetzt.

Abg. Geisler (Ztr.) bemängelt die Schwerfälligkeit und Kostspieligkeit der Nahrungsmittelkontrolle.

Abg. Marx (Ztr.) betont die Notwendigkeit der Nahrungsmittelkontrolle sowohl in den Städten wie auf dem Lande. Gerade in den Läden auf dem Lande lasse die Behandlung der Nahrungsmittel viel zu wünschen übrig, abgesehen davon, daß ohnehin oft die in der Stadt unverkäufliche minderwertige Ware aus das Land abgeschoben wird.

Abg. Müller (frs. Bp.) sieht in den Nahrungs- mittelämtern eine Schädigung der privaten Chemiker und spricht sich dafür aus, daß auch die Tierärztlichen Hochschulen das Recht erhalten sollen, den Doktortitel zu verleihen.

Geheimrat Abel erwidert, die letztere Frage sei nicht Sache der Medizinalabteilung. Die Privat­chemiker würden durch die Nahrungsmittelämter nicht geschädigt.

Abg. Dr. Heisig (Ztr.) empfiehlt die Aufstellung eines Berzeichniffes aller Arzneien, die außerhalb der Apotheken seilgehalten werden dürfen, und bemängelt die Höhe der Hebammengedühren, die für manche Familien einfach unerschwinglich seien.

Beim Kapitel „Provinzialschulkollegien" führt

Abg. Dr. v. Campe (nti.) Beschwerde darüber, daß mit der Prüfung der Schülerinnen der Hildes­heimer höberen Mädchenschule und des Lehrerinnen- teminarS in Deutsch, Pädagogik und Geschichte drei katholische Examinatoren betraut seien.

Mn RegierungSkommiffar tritt diesen Ausführungen entgegen. Der paritätische Charakter der Schule recht­fertige, ja fordere die derzeitige Zusammensetzung der Prüfungskommission. Wenn di« Anhänger der Simul­tanschule» zu denen doch auch Abg. ». Campe gehöre, nichts gegen den Unterricht der Schüler durch Lehrer anderer Konfessionen einzuwenden hätten, so könnten sie doch logischerweise nichts gegen die Prüfung der Schüler durch Prüfungskommiflare anderer Konfessionen einwenden.

Abg. Dr. Dittrich (Ztr.) bemerkt, daß er in seiner SOjährigen Praxis in einer aus Katholiken und Prote­stanten gemischten Prüfungskommission oft Gelegenheit gehabt haben würde, sich über die Prüfung katholischer Schüler durch evangelische Prüfungskommissare zu be­schweren. Das sei ihm niemals eingefallen, und es hätten sich auch pädagogische Nachteile nicht gezeigt.

Abg. v. Strombeck (Ztr.) spricht sich in ähnlichem Sinne auS.

Abg. Dr. Bell (Ztr.): Die Ausführungen des Abg. v. Campe begrüßen wir mit besonderer Freude. Decken le sich doch mit unserer Anschauung. Wenn Herr von Lampe konsequent sein will, muß er nicht nur kon- fesfionelle Prüfungskommissionen, sondern auch kon­fessionelle Schulen fordern, wie wir daS tun. Ich glaube im Sinne des Abg. s. Campe zu handeln, wenn ich die Regierung bitte, uns eine Statistik über di« kon- fejstonelle Zusammensetzung aller Prüfungskommissionen in Preußen für das nächste Jahr zu unterbreiten. (Beifall.)

Das Haus setzt entsprechend dem Antrag der Kommission 5000 Mark für ein Absteigequartier des Oberpräsidentrn von Brandenburg im „Fürstenhof" in Berlin ab.

Eine zweite Baurate von 100000 Mark für einen *lnbau an daS Oberpräsidialgebäude in Münster behufs anderweiter Unterbringung des ProvinzialschEollegtums daselbst hat die Kommission gestrichen.

Abg. Eickhoff (freis. Bp.) beantragt die Bewilligung der Forderung.

Die Forderung wird bewilligt.

Beim Titel Universitäten brachte Abg. Frieb- berg (ntl.) die Fälle der Profesioren Mahling, Bern- Hard und Kuhlenbeck zur Sprache. ES frage sich, ob man Anlaß nehmen solle, den preußischen Studierenden den Besuch der Universität Lausanne als nicht

Im Bame WeimnW-

$3] Aus dem Englischen von K. v. Rarsseld

„Mortimer," sprach sie sanft, „willst Du Eve­lyn nicht sagen, was Du meinst? Sie versteht Dich nicht."

„„Aber sicher versteht sie mich, oder warum finde ich sie hier denn so? Es schwebt doch sicher kein anderes Unglück über uns, als wie nur dieses, das ich und mein Weib miteinander teilen können?"

Marian sah ihn an; große Tropfen stiller Angst sammelten sich auf ihrer Stirn; das Herz begann ihr heftig zu klopfen; sie sah deutlich genug, daß sie sich in Mißverständnissen bewegten. Evelyn glaubte, ihr Gemahl wisse, wer Werner ser; er dagegen glaubte, sie habe gehört, daß sie des vorsätzlichen Mordes angeklagt sei.

. "Ich glaube kein Wort davon," begann er „Eve, mein Liebling, denk doch, wie ich Dich immer geliebt habe; mein Glaube an Dich »st unberührt unerschüttert, fest wie nur je zuvor. Und worein die Beweise zwanzigmal so stark; ich schwüre, daß zufällige Umstände sie so verknüpft hätten. Sieh mich an, mein süßes Weib sag mir, daß ich Recht habe. Lächle mich an, hab' keine Furcht!"

Doch ihr stolzer Kopf sank tiefer und tiefer; bas goldene Haar lag in schimmernder, wogen­der Fülle auf dem Boden. Lord Wayne sich angst­voll auf; das so zärtlich geliebte Antlitz hatte sich von ihm abgewandt.

. „Marian," rief er, „nm's Himmelswillen sag wir, was dies bedeutet!"

^Süe legte ihm eine zitternde Hand auf die

„Hab' Geduld, Mortimer, Nur ein par Minu- ten hab' Geduld, cs handelt sich um einen Irrtum. Eve versteht nicht, wessen man sie anklagr."

„Warum kniet sie denn hier?" beharrte er. »Warum sieht sie mich nicht an? Warum hilft

empfehlenswert zu bezeichnen. Es solle dort eine anarchistische Bewegung herrschen.

Samstag: Weiterberatung.

Herrenhaus.

Sitzung vom 30. April 1909.

Der Gesetzentwurf betreffend Erweiterung des Stadtkreises Düffeldorf wurde ohne Debatte nach den Beschlüffen des Abgeordnetenhauses angenommen.

Präsident Frhr. v. Manteuffel verlas darauf eine vom Zentralveroand der Gemeindebeamten etn- gangene Erklärung, in der versichert wird, daß er keine Beziehungen zu dem deutschen Beamtenbund habe.

Es folgte die Fortsetzung der Beratung des Gesetz­entwurfes betreffend Bereitstellung von

Mitteln zur Berbefferung der Dienfteinkommen (Mantelgesetz).

Nach den Kommissionsbefchlüffen sollen die Steuer­zuschläge entgegen dem Beschluß des Abgeordneten­hauses keine provisorische, sondern dauernde Geltung haben. Ferner sollen die Bestimmungen über den Wohnungsgeldzuschuß rückwirkende Kraft vom 1. April 1909 haben (nach Fassung des Abgeordneten­hauses: 1. April 1908). Es lagen Anträge auf Wieder­herstellung der Beschlüsse des Abgeordnetenhauses in diesen beiden Punkten vor.

Graf Mirbach-Sorquitten erklärt sich bezüglich des provisorischen Charakters der Steuerzuschläge für den Beschluß des Abgeordnetenhauses. Redner spricht sich dann scharf gegen die Erbschaftssteuer au?: Der ganze Kampf um die Reichserdschaftssteuer ist weiter nichts als eine Hetze gegen die Konservativen. Das spreche ich aus voller lleberzeugung aus.

Oberbürgermeister Wilms-Posen: Die Wertzuwachs­steuer ist kein Ersatz für die Erbansallsteuer. Uebrigens machen auch die Kommunen auf diese Steuer Anspruch. Wenn die Reichsfinanzreform scheitert, so ist Graf Mirbach mit seinen Freunden daran schuld. (Beifall und Widerspruch.)

Prvfeflor Schmoller nahm Professor Delbrück in Schutz und gab der Hoffnung Ausdruck, daß wir zu einer guten Erbschaftssteuer kommen werden, wie sie alle Kulturstaaten haben. Eine Reichswertzuwachs- hält er nicht für richtig. Am wenigsten liege sie im Interesse des Grundbesitzes. (Beifall u. Widerspruch.)

v. Wedel-PieStorf begründete einen Antrag auf Annahme des Tarifs für den Wohnungsgeldzu- schuß im Sinne des Abgeordnetenhauses und Ber- iverfung der neuen Servisllaffeneinteilung sowie vor­läufige Beibehaltung der alten Ortsklaffeneinteilung.

Landgerichtsprästdent Hamm begründet einen An­trag auf die rückwirken d e Kraft der Bestimmungen über den Wohnungsgeldzuschuß bis 1. April 1908.

Finanzminister Freiherr v. Rheinbaben: Ich kann nur dringend bitten, dem Antrag Hamm stattzugeben. Der Wohnungsgeldzuschuß bedeutet für eine Anzahl Beamten die einzige Ausbesserung. Wollen wir die Agitation unter den Beamten unterbinden, sv dürfen wir den Beamten keinen gerechtfertigten Grund zu Be­schwerden geben, und ich glaube, es würde ein solcher gerechtfertigter Grund vorliegen, wenn trotz der Ver­heißung der Thronrede, trotz der Erklärung der Staats­regierung den Beamten der Wohnungsgeldzuschuß nicht mit rückwirkender Kraft vom 1. April 1908 ge­währt werden soll.

Nachdem noch andere Redner im selben Sinn ge­sprochen wird der Antrag v. Wedel angenommen, dagegen der Antrag Hamm abgelehnt. Es bleibt somit bei den Kommiffionsbeschlüffen. Die rück­wirkende Krast für den Wohnungsgeld­zuschuß reicht also nur bis zum 1. April 1909 zurück.

Oberbürgermeister SchustheruS begründet einen Antrag, wonach die zur Deckung der Besoldungs­erhöhung festgesetzten Steuerzuschläge entsprechend den Bestimmungen des Abgeordnetenhauses als vorüber­gehende Maßnahme angesehen werden sollen.

Der Antrag wurde mit großer Mehrheit ange­nommen.

In der Gesamtabstimmung wurde das Gesetz mit großer Mehrheit angenommen.

Es folgt die Beratung der zurückgestellten Para­graphen des

Lehrerbesoldungsgesetzes über di« Mietsentschädigung und die rückwirkende Krast. Nach längerer Debatte werden in der Abstim­

mung die zurückgestellten Paragraphen in Konsequenz der zum Mantelgesetz gefaßten Beschlüfle angenommen, d. h. es wird für die Mietsentschädigung der Lehrer die rückwirkende Straft gestrichen. Dann wird in der Gesamtabstimmung das Lehrerbesoldungsgesetz gegen wenige Stimmen angenommen.

Das Gesetz über die Umzugskosten der evan­gelischen Geistlichen der ältern Provinzen wird der Finanzkommission überwiesen. .

Das Gesetz über das Höferecht in der Provinz Hannover wird angenommen.

Die nächste Sitzung wird ungefähr am 21. Mai stattfinden.

[ Die Wertzuwachssteuer in der KommMon

Die Finanzkommission des Reichs­tages beriet a-m Freitag vormittag und nach­mittag in längeren Sitzungen, ohne zur Abstim­mung zu kommen.

Die Beratung trug wieder denselben Charak­ter wie am Donnerswg. Die Redner der ein­zelnen Parteien griffen sich gegenseitig mit spitz­findigen Polemik an, wobei die Regierung auch nicht ganz ungeschoren wegkam. Der fieisinnige Sprecher Dr. Müller-Meiningen gefiel sich in besonders kräftigen Ausfällen gegen die Konservativen, machte auch einige Vorstöße gegen das Zentrum und erklärte mit wichtiger Miene: „Die Bevölkerung erwartet, daß die Regierung die konstitutionellen Konsequenzen zieht." Es fei einerlei, ob der Antrag Dietrich angenommen werde oder nicht; jedenfalls muß die Erbanfall- steuer möglichst bald kommen.

Da man sich im allgemeinen darüber einig war, dtza die Wertzuwachssteuer eine schätzens­werte Steuer ist, beschränkte sich die Aussprache mehr auf das taktische Gebiet. Die Wirt­schaftliche Vereinigung, das kleine be­scheidene Grüppchen aller möglichenParteisplitter, fühlte sich besonders wichtig. Ihr Antrag soll durch die merkwürdige Parteikomstellation auf einmal in den Mittelpunkt dec ganzen Frage gerückt werden; wohl aus diesem Grunde und wahrscheinlich auch nach intensiver „Bearbeitung" durch die Regierung hatten die Herren ihren An­trag abgeändert. Der Antrag geht jetzt da­hin: „Ohne Verzug eine Gesetzesvorlage auszu­arbeiten, die eine Besteuerung des Wertzuwachses von Immobilien vorsieht, und in Erwägung dar­über einzutreten, wie zum Ausgleiche dec den Grundbesitz bolastenden Wertzuwachssteuer eine entsprechende Besteuerung des Zuwachses an be­weglichem Kapitalvermögen erfolgen könne." Daraus spiegeln sich die Zweifel der Regierung an der Durchführbarkeit einer Wertzuwachssteuer auf Wertpapiere wieder. Dex Vertnetec der Wirtschaftlichen Vereinigung, Abg. Raab hielt dazu eine längere Rede, die schon deshalb des Interesses nicht entbehrt, weil aus ihr wohl die Regierung spricht:

Ohne die Erbschaftssteuer geh« es nicht, und des­halb wolle der Antrag die Wertzuwachsfteuer nicht zu einem Ersatz der Erbschaftssteuer machen, sondern sie ganz unabhängig baoon einführen. Die Wertzuwachs- steuer fei in ihrem Ertrage einstweilen nicht sicher ab- zufchätzen. DaS Hege im wesentlichen an der Ver­schiedenheit ihrer Erträge in den verschiedenen Höhe­punkten der Konjunktur. Bei aufsteigender Konjunktur werde die Steuer viel bringen, bei niedergehender Konjunktur wenig oder gar nichts. Gegenwättig ge­rade würden unter Umstanden Jahre ins Land gehen, bis die Steuer einen ersprießlichen Betrag bringen werd«. Das Reich aber könne nicht auf Geld warten, es muffe sogleich erheblich verstärkte Einnahmen für di« Reichskaffe haben. Nach dem Antrag Dietrich Ikons.) soll der Wertzuwachs nicht besteuert werden, sofern jemand ein Grundstück 25 Jahre im Besitz habe. Die Folge davon werde sein, daß di« Grundbesitzer und die Bauspekulanten die Terrain möglichst lange liegen lassen würden. Das werde sozial von unange­nehmer Wirkung fein.

Die Regierung hat offenbar die Absicht, die Krise durch Konzentrierung des Interesses auf den Antrag der Wirtschaftlichen Vereinigung zu lösen. Schatzsekretär Dr. Sydow erklärte da­her die ablehnende Haltwtg der Regierung zu allen anderen Anträgen; insbesondere lehne sie die vom Freisinn verlangte Vermögenssteuer ab. Er steht allerdings auch dem Verlangen der Wirtschaftlichen Vereinigung nach Erwägungien über die Wectzuwachssteuer auf beweglichen Be­sitz ablehnend gegenüber, aber die Fassung, die die Herren ihrem Anträge gegeben haben, braucht ihm ja keine Sorge t zu machen.

Der sozialdemokratische Abg. S ü d e k u m er­klärte, daß seine Partei den konservativen Antrag ablehne. Auf Grund Lieser Erklärungen des so­zialdemokratischen Redners nimmt man in parla­mentarischen Kreisen an, daß die sozialdemokra­tischen Mitglieder der Kommission sich bei der Entscheidung der Stimmenabgabe enthalten wür­den und daß infolgedessen der konservative Antrag doch zur Annahme gelangen könnte.

Auch das Zentrum griff mit einer länge­ren Rede Dr. Spahns in die Debatte ein. Dr. Spahn stellte zunächst fest, daß der von frei­sinniger Seite behauptete Widerspruch in djer Haltung des bayerischen Zentrums und deS Reichstagszentrums gegenüber der Wectzuwachs­steuer nicht vorhanden sei; das Zentrum in Bayern habe die Vorteile des Ertrages der Wert» zuwachssteuer zwischen Staat und Gemeinde er­strebt. Er nagelt dann fest, wenn man eine Lie­genschaftssteuer wolle, dann müsse man auch den Wertzuwachs bei Wertpapieren treffen, das allein sei gerecht. Wenn man der Jmmobilien-Wert- zuwachssteuer eine große Reihe übler Nebenwir­kungen nachsage, nun, dieselben üblen Nebenwir­kungen beständen bei jeder indirekten Steuer. Die Wertzuwachssteuer könne bei vernünftiger Ausstattung annehmbare Erträge liefern. Je» denfalls müsse man, ehe man zur Erbansallsteuer greife, jede andere Steuerart in Betracht ziehen.

Abg. Müller (Fulda) sprach fein Befremden darüber aus, daß der Antrag von der Regierung so kalt behandelt werde.

Der Gedanke fei praktffch, komme zur rechten Zeit und werde viel Geld bringen, mehr als die Erbanfall«^ steuer. Der Srtrag der neuen Steuer werde über di« Erwartung der Antragsteller selbst hinausgehen. In fünf Jahren, bei einer neuen Finanzreform, würde di« Steuer bereits in vielen Gemeinden eingeführt und darum diese Steuerquelle für das Reich nicht mehr benutzbar jein. Es fei falsch, daß nur in großen Städten der Wertzuwachs sich geltend mache. Redner führte eine ganze Reihe von Beispielen an. Der Ge­danke der Steuer sei äußerst glücklich, er treffe nicht den Grundbesitz, sondern den, der den Gewinn in barem Gelbe oder Hypotheken auf dem Tische liegen bade. Wolle man die heutigen hochgeschraubten Grund« stückspreise bei der Feststellung des Wertes zugrunde legen, bann würde die Steuer fieilich nicht viel ein« bringen, man muffe weiter zurückgreifen. Die Städte sollen an der Sache interessiert werden durch einen An­teil an dem Ertrag. Bezüglich der Besteuerung der Wertpapiere sah Redner nicht so rosig, wie die Antrag­steller. Freilich gebe es andere Wege, das Ziel zu er­reichen, und es seien BantterS, die solche Wege gezeigt hätten. Man möge also an die Prüfung der Vor­schläge Herangehen. Er begreife das Zurückhalten der Regierung nicht» sie sollte sich di« Quellen rechtzeittg sichern.

Staatssekretär Sydow antwortete, er stehe gar nicht der Steuer ablehnend gegenüber, aber er seh» nicht darin einen Ersatz für die Erbansallsteuer Er bleibe dabei, daß es sich um schwankende Ein­nahmen handele, die nicht mehr als etwa 200 Mil« Honen Mark betragen würden. Präsident Haven« ftein wiederholte im wesentlichen seine Ausführungen vom Tag« vorher.

sie mir nicht, sich von dieser unerhört schmählichen Anklage zu reinigen?"

Miß West nahm von einem Tischchen in der Nähe ein Blättchen Papier und hielt es ihm hin.

„Dies hat meine Schwester so erschreckt," sagte sie. „Ich fand sie dabei fassungslos und in Tränen. "

Lord Wayne überflog die warnenden Zeilen, die dec gutherzige Elliot in seiner Angst geschrie­ben, eine Ahnung über den Absender flog ihm durch den Sinn, aber er sagte nichts.

„Und das hat Dich so erschreckr, mein Lieb­ling?" fragte er zärtlich. „Der dumme, tölpel­hafte Mensch, eine solche Anklage gegen Dich zu erheben — gegen Dich, die süßeste, beste aller Frauen; wäre es nicht so fürchterlich, es wäre zu abgeschmackt. Gerade wegen dieser Sache komme ich her, mit Dir zu sprechen. Es handelt sich um keinen Irrtum, Marian."

Evelyn schlang die Arme sanft um den Nacken ihres Gatten, sie legte ihren Kopf an seine Brust; etwas tote Vertrauen schien ihr wieder­gekehrt.

„Willst Du mir sagen, was das bedeutet, Mor- timer? Ich verstehe es nicht, warum sollte ich Kenninghall verlassen?"

In seinem ganzen Leben vielleicht hatte Lord Wayne nichts so schwierig gefunden, tote die Be­antwortung dieser Frage. Er kannte die zarte und zugleich stolze Natur seiner Frau und hätte ihr lieber jede andere Mitteilung gemacht, wie diese fürchterliche Anklage.

„Meine liebste Eve, es ist alles ein höchst dum­mer, unbegreiflicher Irrtum; einige wenige Worte von Dir werden die ganze Sache in Orb- nung bringen. Du kannst alles aufklären und auf ein Nichts zurückführen, das weiß ich. Diese Mitteilung ist von jemandem geschrieben, der Dir wohl will, augenscheinlich aber selbst an den Un­sinn glaubt."

Sie erhob ihre schonen Augen zu ihm.

„Willst Du mir sagen, Mortimer, worin der Unsinn besteht?"

Er schwieg einige. Augenblicke ganz still, augenscheinlich hätte er in diesem Momente lieber einer Schar Todfeinde ins Augs gesehen wie seiner Gattin.

„Gewiß, gewiß, Herz, ich will es Dir sagen." Er wischte sich den Schweiß von der Stirne. „Du erinnerst Dich dgs fatalen Unglllcksfalhes, der hier vorgekommen, nicht wahr? Wie gerade vor dem Feste jener unglückliche Jack Jefferies tot aufgefunden wurde — ermordet, wie es heißt — nicht wahr?"

„Ja, ich weiß das," flüfterte sie, „aber Mor­timer, was hat das mit mit zu tun? Es tat mir sehr leid, aber —"

„Hör' zu, Eve. Unser Polizei-Inspektor, Elliot, ließ aus London einen Geheimpolizisten kommen — Mordtaten müsse bestraft werden — und dieser Mann, der in der bestimmten Absicht kam, den Verbrecher zu entdecken, ist seitdem im­mer hier auf Kenninghall gewesen."

„Und das hast Du mir nie gesagt?" warf sie ein.

„Weshalb, mein Liebling? Warum Dich be­lästigen? Man sagte mir, die Tatsache der ver­haßten Anwesenheit dieses Menschen werde besser nicht erwähnt, deshalb sagte ich nichts darüber. Es ist mir im Traum nicht eingefallen, Dich mit einer solchen unangenehmen Mitteilung zu behelligen."

„ES wäre vielleicht bester gewesen," murmel­ten die blassen Lippen kaum hörbar. Lord Wayne fuhr fort:

„Dieser Geheimpolizist, der als der schlaueste seiner Art gerühmt wird, hat sich schließlich als ein fürchterlicher Tölpel und Stümper entpuppt, denn sein Verdacht — o, Evelyn, mein Weib, verzeih mir, daß ich solches sagen muß, hasse mich deswegen nicht — fern Verdacht ist auf Dich gefallen!"

Ihre Arme lösten sich von seinem Nacken — ihr schönes Gesicht wurde starr und schrecklich in

seinem Entsetzen. Sie erhob sich langsam und stand aufrecht vor ihm, unnennbares Entsetzen in jedem Zuge.

„M ich haben sie im Verdacht?" keuchte sie hervor, „mich? Und warum? sag' mir warum, Mortimer?"

Doch es war nicht so leicht zu sagen. Zum ersten Male fiel es ihm wieder ein, wie furchtbar diese Beweise waren.

„Du mußt tapfer und stark sein, mein Lieb­ling," begann er zögernd. „Ich bin überzeugt, Tu kannst alles aufklären, was sich jetzt noch merkwürdig und unklar anläßt. Also Du fingst mich, warum man Dich im Verdacht hat. Zunächst — erinnerst Du Dich des goldenen Armbandes mit Smaragden, das ich Dir an demselben Abend gab?"

Ein plötzlicher Schrei entfloh ihren blasten Lippen, und der Schrei sagte ihm, daß sie, seit jener Stunde bis jetzt nicht wieder an das Kleinod gedacht hatte.

„Man fand es an derselben Stelle, wo der Mord begangen worden, von feuchter Erde be­schmutzt und mit Blut befleckt," setzte er langsam hinzu.

Keine Antwort, nur ein leises, herzzerreißen- des Stöhnen, das sich wie unwillkürlich ihren Lippen entrang.

„Ich weiß. Tu kannst erklären, tote das Klei­nod dorthin gekommen ist," fuhr er eifrig fort , ES braucht nur ein paar Worte von Dir, Eve, um alles klipp und klar zu machen."

Doch die Stimme, die ihm antwortete, war ganz und gar nicht die, die er an Evelyn, an seinem Weibe kannte, e@ war ein schrecklicher Klang voll Dual und Weh.

„Sag mir, was sonst noch? Welche Beweise sonst noch? Welcher Grund zum Verdacht? Laß mich nicht warten, Mortimer, die Aufregung bringt mich um!"

(Fortsetzung folgt)