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Zeitun

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Fulda, Samstaa, den 1. Mat 1909.

36. Jahrgang.

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Anzri-rn- we etu« fpMgeprtttzeileodrr deren Raum 15 Pfg. Reüamendrepetitzeile 25 pfg., bet Wieder­holungen wir- entspr.

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»otattonsdruckun- verlag der Fuldaer Al« tiendruckerei i« Fulda Fernsprecher Ur. 9.

Mon-Kbellage: „Fuldaer GeschichttbMer"

die Seide ihrer Gewände elfenbeinfarbig, bro- biert, durchbrochen und mit ägyptischen Initialen gezeichnet. Ohne Zweifel war sie stolz auf ihre Ausstattung, alles ist ungemein sorgfältig geplät- tet, gefaltet und in artige, mit Perlmutter und Elfenbein eingelegten Holzkästchen geborgen. Je­des enthält eine besondere Toilette, das eine Gür- . tel, das andere Kämme, ein drittes Tischtücher und Servietten. Madame Mirit hatte zwölf die­ser Kästchen mit sich ins Grab genommen1 die eine Hälfte gehört zur Ausstattung des Braut- gemaches, sie sind wie die Zwillingsbetten, Sessel, Tische, Gestelle und Fenstergesimse jenes Raumes mit vornehmem Geschmack weiß lackiert.

Das Toilettenkabinett dec Aegypterin ist ein Muster von Eleganz und Komfort. Eine hohe Truhe birgt eine Perücke, die aus hunderten kunstvoll. gekräuselter Haarflechten zusammenge­setzt ist, einen Puder — und Bademantel, und ein Körbchen voll Elsenbeinkämme. Das Tischchen ist reich gehalten; seine Alabasterphiolen, Puderbüch­sen aus Onyx, seine gläsernen und silbernen Par- fümfläschchen und Pinsel mit ziseliertem Griff könnten eine Pariserin neidisch machen. Das Ta­felgerät ist nicht minder lururiös — würden Kha und Mirit von ihrem lange» Schlafe auferstehen, so könnten sie ohne Bedenken die Habituäs des zwanzigsten Jahrhunderts zur Tafel laden.

Bei Monsieur Kha und Madame Mirit.

Skizze von L. Fisch.

(Nachdruck verboten.)

Menschen, zwischen deren und unserem Dasein Jahrtausende liegen, kennen wir gewöhnlich nur nach der Rolle, die sie im öffentlichen Leben ge­spielt haben; von ihrem täglichen Leben mit all seinem häuslichen Kleinkram schweigen die Zeit- bücher.

Ein glücklicher Zufall führte den italienischen Aegyptiologen M. Schiaparelli vor einigen Mo- naten zur Entdeckung eines ägyptischen Grabdenk­mals aus der Pharaonenzeit. Bei seinen Gra-

krschelnt täglich mit Ausnahme der $o.m= nnd Feiertage, vlertel- jsährllchervezugspreir ohne Sringerloh« und Veftellgeid in Fulda so­wie auswärts

Serantw. «edattemr «ar! Schütte,

0 Im Licht der Geschichte.

Alles schon dagewesen! Wie oft schon dage- tvefen, daß Türken gegen Türken, Truppen gegen Truppen auf den Straßen und Plätzen Konstan­tinopels kämpften! Daß Freunde und Gegner staatlicher Reformen einander wutentbrannt nie- vermetzelten! Was sich jetzt am Goldnen Horn Abgespielt hat, ist nur ein neues Kapitel einer schon recht ausgihebigen Entwickelungsgeschichte, ein neues Glied einer recht langen Kette. Bald siegten die Reformer, bald die Reaktionäre; aber die einen wie die andern bedienten sich derselben Mittel; Willkür, Gewalt, List, Bestechung, Mord, Massaker, alles ist erlaubt, wenn es zum Ziele führt. Welche Partei auch die Oberhand behielt, die Türkei ging einem unaufhaltsamen Zerfall entgegen. Seit vier Jahrhunderten ist der Botzen Konstantinopels mit Blut getränkt, rst die Stadt durch Bürgerkriege und Militär- aufstände verwüstet worden.

, Bajezid II. kam nach blutigen Kämpfen mit ,fernem Bruder Schew, der schließlich vergiftet Wurde, 1481 zur Regierung und wurde 1512, nach erbitterter Fehde mit seinen Söhnen, zur Abdankung gezwungen, um 23 Tage später durch Gift hinweggerafft zu werden.

Mustapha I. war blödsinnig, bestieg dennoch 1617 den Thron, wurde im folgenden Jahr ab- Lesetzt, vier Jahre später wieder auf den Thron

Wochenbeilage:„IllustrierteSonntagszeitung

bnngen im „Tal der Königinnen" stieß er auf \ einen tempelähnlichen Bau, der dem Inge­nieur Kha, dem Architeften der großen Bau­ten von Theben, und seiner Frau Mirit, als Totenbehausung diente. Dieses Monument mußte, dank einer unverwüstlichen Konstruktion und einer klaftertiefen, alle Spuren verwischenden Sand­decke, der Habsucht gieriger Antiauitätenhändler entgangen sein, denn es war unangeraftet, jeder Stein, jeder Gegenstand am gleichen Ort wie vor 4000 Jahren. Der Archäologe fand nicht allein zwei gewaltige Sarkophage, von denen jeder in einem Doppelschrein einen kostbar •mumufierten Körper enthielt, sondern eine ganze Masse Hausgeräte, wie man sie nach ägyptischem Brauch den Toten beizugeben pflegte, Möbel, Utensilien, Proviant, Kleinodien, Toilettenschmuck Nippsachen, kurz, ein komplettes „Home" samt seinen Herren, ein seltener, eigenartiger Fund, wie er in dieser Vollständigkeit einzig dasteht, und nun das Museum von Turin ziert.

Was uns, dem rastlosen Geschlecht des zwan­zigsten Jahrhunderts bei Besichtigung dieser Grabkammer am meisten auffällt, ist die friedliche Idee, die sich das alte Aegypten vom Tode machte. Der war für sie nur eine Fortsetzung des irdischen Lebens; deshalb nahmen sie gleich ihren ganzen Hausrat mit ins Grab, Schreine voll feinsten Linnen, die Werkzeuge ihres Berufes, Kleider, Toilette, Mobiliar, was überhaupt die Freude und Annehmlichkeit ihres Lebens aus- machte. Besucht man das ausgehobene und nun in einem Saal des Turiner Museums sorgfältig rekonstruierte Grab, so ist es, als klopfe man an die Türe eines Hauses, das durch vier Jahrtau sende verschlossen war; eine ganz fremde Welt tut sich da auf. Treten wir ein. Da sitzt auf einem vergoldeten Stuhl der Hausherr, Mr. Kha, ein­balsamiert und mit Bändern reich eingeschnürt. Er war jedenfalls ein starker Mann von 178 Zen­timeter Leibeslänge. Zu Füßen steht eine Elfen­beinfigur, die ihn wie eine Photographie lebend darstellt: schlank, muskulös, kühne Augen, starke Stirne, ein sehr gut modellierter Kopf. Er trägt nur ein faltiges Lendenkleid. Seine Frau Mirit hatte sich in einem letzten Anflug von Koketterie ihr mit einer goldenen Maske überzogenes Gesicht mit Blumen und Bändern bedecken lassen. Das schwarze Haar fällt in wallender Fülle aufgelöst über ein blaues, golddurchvirktes Kleid. Sie war klein, schlank, 150 Zentimeter hoch, und mochte nicht mehr als 25 Lenze erlebt haben. Beide, Kha und Mirit, tragen lange Kränze aus Persea- blumen geflochten; Noch jetzt kann man die Stiele, Zweige und Blätter unterscheiden, als ob sie erst seit einigen Wochen verdorrt wären. Eine 15 Zentimeter lange Papyrusrolle meldet, wie die beiden, nachdem sie niiteinandec glücklich gelebt und nur wenige Tage voneinander gestorben, ge­meinsam dieses Grab bezogen, das sie schon zu Lebzeiten für eine glückliche Ewigkeit her gerichtet hätten.

Und dieses zweite Leben sollte so angenehm be­schaffen sein, wie das erste. Man hat ihnen des­halb gewaltige Mundvorräte in geflochtenen Kör­ben, vor allem Brot in verschiedenen Formen, einige mit vergoldeter Kruste, Butter, die jetzt noch zu schmilzen beginnt, wenn man sie dem Feuer nähert, rohes und gesalzenes Fleisch, ge­salzene Fische, Geflügel, Erdfrüchte, viele Knob­lauchkränze, zierliche Körbchen voll eingetcockneter Weinbeeren, Datteln, Backpflaumen, Tamarinde, Kokosnüsse, Henkelgefäße voll Del, Milch und Wein, dazu Gläser, Näpfe, Teller, ein komplettes Bankettservice.

Neben diesen Mundvorräten liegen verschie­dene Utensilien, die dem Ingenieur bei Ausübung seines Berufes gedient haben mögen: ein Schreib- Werkzeug, d. h. feine Pinsel und Farben, mit denen er die geheimnisvollen Zeichen der ägypti­schen Schrift auf Papyrusrollen auftrug, Meißel und Schere, eine Wasserwage, mehr als ein Du­tzend verschiedener Maßstäbe, endlich Noch der schreckliche „Kurbasch", ein massiver, elastischer Geißelstock, mit dem man einen Menschen wie ein Schlachttier niedersttecken konnte. Unter dem Re- Sment dieses Kurbasch kamen die riesiger. Mas- ti bauten der Aegypter, die Pyramiden, Paläste und Grcchtempel der Pharaone, zustande. Ter unerbittliche Kurbasch hielt die Disziplin unter diesem Volk von Arbeitssklaven, die man als Her­denvieh behandelte, er räumte die Bauplätze von Faulenzern und Schwachen.

Auch seiner Frau Mirit ist ihr häusliches Mi- lieu beigegeben. Man sehe nur ihr Arbeitskörb­chen an: es zeigt noch die reizende Unordnung einer Person, die es eben beiseite gelegt, ohne zu denkest, daß es für eine Ewigkeit gut; weiße und Note Seidenbönder, mit denen sie ihre Kissen säumte, Schere, Spulen und Nadeln liegen durch- einander mit den Könnern und Kennen getrock­neter Weinbeeren und Datteln, an denen sie ar­beitend genascht, dazu ein kleiner Handspiegel mit Elfenbeinkamm.

In Kleidung und Toilette mußte sie nicht we­niger sorgfältig und eitel gewesen sein als die heutigen Frauen. Die Wäsche ist fein wie Batist. I

Allerlei.

— Königin Wilhelmine von Holland, die durch ihr natürliches, liebenswürdiges Wesen sich die begeisterte Liebe der Holländer gewonnen hat, war als Kind ein kleiner Trotzkopf, der den Er­ziehern viel zu schaffen machte. Als Wilhelmina elf Jahre alt war, wollte sie sich nicht mehr der Aussicht einer Gouvernante fügen. Eine nach der andern zwang sie die Erzieherinncn das Feld zu räumen, und der Hof war in Sorge, wie man die energische fletne Königin bekghstsn könne. Eine neue Gouvernante kam, ein bescheidenes junges Mädchen. Einige Tagq vergehen: da muß auch fie auf den kategorischen Befehl der kleinen Königin hin weinend ihre Koffer packen. Während Wilhelmina das freie Bewußtsein aus­kostete, sich wieder einer Tyrannin entledigt zu haben, kommt ein Staatsminister in das Ge­mach. Die kleine Herrscherin erzählte ihm sofort ihren neuen Regierungsakt. „Und aus welchem Grunde haben Eure Majestät die Gouvernante entlassen?" fragt der Minister. „Weil sie die mir schuldige Achtung verletzt hat", antwortet mit ernster Würde die kleine Wilhelmina. „Aber ldas ist ja furchtbar", meinte der Minister ernst­haft, „das muß geahndet werden, die Gouver­nante wird vor Gericht gestellt und schwer be­straft." „Wirklich?" fragte voll Interesse die jugendliche Königin; „und was wird ihr gä* schehen?" „Sie wird geköpft." Wilhelmina seufzt auf und sagt schon erheblich eingeschüchtert: „Q Gott, die Aermste!" „Jawohl, sie wird geköpft und Eure Majestät müssen der Hinrichtung bei­wohnen." — „O nein, nein, dann soll sie lieber nicht fortgehen!" Und außer sich vor Erregung stürzt die kleine Wilhelmina ins Nebenzimmer zur Gouvernante, fleht sie weinend an, zu blei­ben, küßt sie, schluchzt und bittet, bis das junge Mädchen seine Tränen trocknet und seine Koffer wieder auspackt. ... -y.

— Ein königliches Hotel. Als Joseph II., Kaiser von Oesterreich, einst Frankreich besuchte, kam der Herzog von L. in Nancy, dessen Ein­ladung der Kaiser mit dem Bemerken ab gelehnt hatte, er sei als einfacher Reisender gewohnt, im Hotel zu wohnen, auf einen sehr originellen Ge­danken, um den König zu zwingen, doch bei ihm Wohnung zu nehmen. Er hatte sämtliche Gast­hofinhaber der Stadt zu beftimmen gewußt, ihre Aushängeschilder zu entfernen, während er selbst ein solch:? in riesigen Dimensionen oberhalb des Tores seines Palastes anbringen ließ, welches das österreichische Wappen und die Worte trug: „Höfel du Roi" (Hotel des Königs). Johann II. konnte einer so geiswollen Einladung nicht widerstehen. Als der Kaiser vor dem Tore ab- stieg, empfing ihn der Herzog in der Tracht eines Gastwirtes und spielte seine Rolle auch mit einer bewundernswerten Natürlichkeit. Die sämt­lichen Mitglieder des Hauses hatten ein Amt, sei es in der Küche, sei es in der Bedienung, und die vornehmsten Damen trugen Hauben und Schür­zen der Mägde. Der Kaiser lachte ob so großer Aufmerksamkeit recht herzlich und blieb einige Tage in diesem merkwürdigsten aller Gasthöfe, in dem er je gewohnt. . -p.

— Sand als Heilmittel. Dem Sande, der bisher in der Medizin nur in der Form von Schwitzbädern Verwendung fand, wird jetzt auch als Allheilmittel von Amerika her das Wort ge­redet. Ein Fräulein Windsor hat der Bevölke­rung von Beck Bay bei Boston dringend den Sand znni inneren Gebrauch als Kräfti- gungs- und Verschönerungsmittel empfohlen. Allerdings kommt nicht der gewöhnliche Sand, sondern jener feine rote Staub in Betracht, den der Misiisippi von seinen Ufern abschwemmt. Miß Windsor selbst ißt seit zwölf Jahren konfe- .uent Sand und erfreut sich seither eines unge­trübten Wohlbefindens. In Boston erfreut sich diese Sandkurpfuscherei eines hohen Ansehens. Es gibt nach der Versicherung der Gläubigen keine Krankheit, die der Sandkur zu widerstehen der- möchte. Nach. dreiwöchigem Gebrauch ist der Patient, was immer sein Leiden gewesen, hecge- stellt, mit der Krankheit find auch alle Altersge- oresten geschwunden und mit der Verjüngung hat der Körper obendrein auch eine Verschönerung erfahren, die zu dem Nützlichen der Kur das An­genehme fügt. Angesichts dieses kräftig um sich greifenden Kurschwindels ist der Miffisippisand bereits der Gegenstand eines schwunghafte,i Han» dels geworden.

berufen, nach ein paar Monaten abermals ab- gesetzt und durfte noch 16 Jahre als Gefangener in seinem Harem leben.

Osman II., der 1618 das Schwert des Pro­pheten um seine Lenden gürtete, stand vier Jahre fpäter der Soldateska gegenüber. Die Janii* scharen stellten an den Scheik ul Islam die Frage: „Erlaubt das Gesetz, diejenigen, die den Padischah zu Neuerungen verführen und das Vermögen der Moslimen vergeuden, zu töten?" Der Scheik, der es fast durchweg mit denen hielt, die er als Sieger mutmaßte, gab die gewünschte Antwort, das Blutbad begann, und Osman selbst wurde ermordet.

Ibrahim II., 1640 auf den Thron gelangt, sollte 1648 vor der Volksversammlung erscheinen, um sich zu rechtfertigen. Der Scheik ul Islam hatte sein Fetwa dahin abgegeben, daß der Groß­herr dazu verpflichtet sei. Der Großherr zerriß das Fetwa und verlangte den Kopf des Scheiks, der seinerseits "das Verfahren des Sultans für eine Verletzung des Scheriarechts und ihn für unfähig erklärte, fernerhin auf dem Thron zu bleiben. An alle Moscheen erging der Befehl, das Gebet für den Großherrn zu unterlassen, Ibrahim wurde mit zwei. Sklavinnen im „Spa­tzenhaus" eingeschlossen und zehn Tage später erdrosselt, nachdem der Scheik ul Islam in einem Fetwa erklärt hatte, die Hinrichtung eines Sul­tans sei nicht dem Scheriarecht zuwider, sobald nachgewiesen toeröen könne, daß er Neuster und Würden der Wissenschaft und des Säbel nicht denen verliehen habe, die sie verdienen, sondern Unfähigen, die sich durch.Bestechung in seine Gunst eingeschlichen hatten. Welcher Sultan von Atters her bis auf die Gegenwart wäre danach nicht des Todes schuldig gewesen?

Auf Ibrahim folgte Muhamed IV. Er wurde Nach 39jähriger Regierung von den Janitscharen abgesetzt, wieder gemäß einem Fetwa des Scheiks, durfte aber noch fünf Jahre länger leben.

Mustapha IL, seit 1695 Sultan, wurde 1703 von den Fanstscharen abgelebt. Der Scheik ul Islam, der es irrig mit dem Sultan hielt, wurde von den Rebellen durch einen andern Mufti er­setzt und nach ihrem Siege gemäß einem Fetwa, mit dem großen Staafsturban geschmückt, ver- kehrt auf einen Esel gesetzt, dem Spott des Pö­bels preisgegeben und dann um einen Kops kür­zer gemacht. Sein verstümmelter Leichnam wurde in die Fluten der Tundscha geworfen. Auch zwei seiner Söhne wurden erwürgt.

Mustaphas^Nachfolger, Achmed HL, wurde 1780 von der Soldateska abgesetzt und blieb noch sechs Jahre am Leben.

Selim III., von 1789 bis 1807, war ein Neue­rer. Insbesondere förderte er die neue Truppe „Nisam-Dschedid". Die Janitscharen erhoben sich wider ihn und befragten das „Orakel des Ge­setzes", den Scheik ul Islam: „Verdient der Padischah, der durch sein Benehmen und seine Verordnungen die religiösen, durch den Koren geheiligten Prinzipien bekämpft, auf dem Throne zu bleiben?" Der Scheik stellte das gewünschte Fetwa aus; Selim beugte sich der Uebermacht, dankte ab, zog sich in sein Gefängnis zurück und wurde später erdrosselt.

Sein Nachfolger war Mustapha IV. Ec wurde abgesetzt und erdrosselt.

Glücklicher erging es feinen Erben, Mah­mud IL, dem es endlich gelang, der Schreckens­herrschaft der Janitscharen ein Ende zu machen. Ec nahm den Kampf mit ihnen auf, verbrannte ihre Kasernen mitsamt den Insassen und ließ am 16. Juni 1326 Tausende und Abertausende in Konstantinopel hinschlachten, ihre Organisa­tion auflösen, selbst den Namen Janitscheri ver­bieten. Aber mit beit Revolutionen war es damit nicht aus in der Türkei, und sie wurde kein mo­derner Staat, auch wenn der grausamen Sitte der Sultane entsagt wurde, die Thronbesteigung mit dem Verwanoteninorde Äinzuleitem

Damit hat es folgende Bewandtnis:s Ur-' fprünglich vererbte sich das Kalifat von Vater auf Sohn. Als die Osmaniden die Herrschaft er­langten, wurde diese Thronfolgebestimmung durch einen furchtbaren Brauch „geimkert", durch den Brudermord. Um sich von Handstreichen vonseiten seines Bruders Aakub sicher zu stel­len, ließ Bajazet der Große drei Stunden nach dem Tode seines Vaters seinen einigen Bruder erdrosseln. Selim I. hatte keine Bruder, dafür ließ er neun Neffen ermorden. Um seinen Erst­geborenen gegen den Ehrgeiz anderer Prinzen sicher zu stellen, ließ Soliman kurz vor seinem Tode feine .beiden jüngeren Söhne und fünf Nef­fen töten. Murad in. ließ fünf Brüder ermorden, und Mahomet in. befahl an demselben Tage die Ermordung seiner neunzehn Brüder, während die zehn Lieblingsfrauen seines Vaters, die in gesegneten Umständen waren, tm Bosporus er* tränkt wurden. Achmed I. beseitigte diesen gräß­lichen Brauch und änderte das Thronfolgegesetz. Heute ist stets der älteste Prinz des herrschenden Hauses Thronfolger, gleichviel welchem Zweige er angehört. , ,

Wir nähern uns der Gegenwart. Abdul Asis regierte von 1861 bis 1876, wu^e abgesetzt und bald im Gefängns ermordet. Andere erzählen, daß er sich mit einer Schere dre Adern geöffnet habe.

Aus Abdul Asis folgte, Murad V.. Er wurde < Nach dreimonatlicher Regierung am 3L August 1876 abgesetzt gemäß einem Fetwa des Scheich ul Islam, das ihn für wahnsinnig erklärte. Murad wurde im Tschiragan erngesperrt, wo erst 1904 fein trauriges Leben endete.

Und seit 1876 war Großßerr und Khalif Ab- dul Hamid H, Er ist es 'nicht mehr.

Den Jungtürken ist der Siegbeschieden Auf wie lange? Die Lehren der Gchchrchte sind nicht dazu angetan, sonderliches Vertrauen in die Zu- kunfl einzuflößen. J

= Ein Jubiläum des Suezkanals.

Fünfzig Jahre sind verflossen, feit in Port Said der erste Spatenstich zu dem gigantischen Werke getan wurde, dem in seiner Bedeutung für den Weltverkehr keine andere künstliche Ver­kehrsstraße an die Seite gestellt lverden kann.

Der Gedanke einer Wasserstraße zwischen dem Mittelländischen und dem Roten Meere war kei­neswegs erst im Jahrhundert der Technik gefaßt worden. Schon die alten Aegypter harten den unschätzbaren Wert der Verbindung beider Meere erkannt, und bereits im 14. Jahrhundert vor Christi Geburt hatten die beiden großen Könige Sethos I. und Ramses II. einen Kanal vom Nil durch den Timsahsee zum Roten Meere erbaut. Nach und nach versandete aber das für damalige Verhältnisse sicherlich ebenfalls gigantische Werk, und dieses Geschick war auch wegen des sandwü- ftenartigen Charakters des Isthmus von Suez allen späteren Sanallbauten an dieser Grenz* scheide zweier Meeresgebiete und zweier Kultur- Welten , beschieden. So der Kanal, den König Necho im 7. vorchristlichen Jahrhundert begann, und den der Perssrkönig Darius zu Ende führte. Die, Ptolemäer verbefserten diesen Wasserweg: aber er war zur Zeit Kleopatras abermals ver­sandet, und Kaiser Trojanus stellte ihn von neuem her. Noch einmal, etwa 600 Jahre nach dem Beginne unserer Zeitrechnung, wurde der Kanal ausgehoben,und Amr, der Feldherr des Kalifen Omar,, der das Werk unternommen hatte, benutzte die Wasserstraße zu Getreidetrans- wrten. Schon im Jahre 767 war der Kanal vieder unbrauchbar, und es dauerte genau 1102 Jahre, ehe sich nun wohl für unabsehbare Zeiten die Fluten des Roten und des Mittelländischen /Meeres wieder bereinigten.

Allerdings hatte es auch in der mehr als ein Jahrtausend langen Zwischenzeit nicht an Ver­suchen gefehlt, einen Wasserweg nach Ostindien zu schaffen. Als die Venetianer den Orienthan- bjel beherrschten und unermeßliche Schätze ans Indien nach Europa brachten, wurde der Plan von neuem, allerdings resultatlos, aufgenommen, zumal nach der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien um das Kap der guten Hoffnung durch Vasco da Gama, der die Venetianer zugunsten der Portugiesen in ihrem Handel schwer schädigte und den ersten Grundstein zur späteren Vorherr­schaft der Westmächte, der Portugiesen, der Hol- läsbet und schließlich der Engländer auf dem Ge­biete der Seeherrschaft und des Welthandels legte. Auch der berühmte Philosoph Leibniz inter­essierte sich für das Projekt; einige Türken Herr­scher trugen sich mit gleichartigen Plänen, und schließlich ließ Napoleon Bonaparte im Jahre 1798 durch den Ingenieur Lepdre Sorarbeiren wachen, die aber zu keinem Ergebnis führten, weil Lepbre zu der falschen Annahme kam, daß der Spiegel des Roten Meeres 9,90 Meter höher als der des Mittelmeeres liege. Als 1811 dieser Irrtum durch englische Offiziere nachgewiesen wurde, unternahm der Oester reicher Negrelli genaue Untersuchungen, auf Grund deren er 1856 feinen Plan einer Konferenz in Paris vorlegte. Das Projekt Negrellis wurde angenommen: der seistige Vater des Suezkanals starb aber schon 1858 vor Beginn der Arbeiten, und sein Ruhm ist zugunsten von Ferdinand von L e s s e p s schon heute völlig verblaßt. Lesieps brachte durch Kans alle Pläne an sich, gründete eine Aktiengesellschaft und fteßfe in zehn Jahren das riesenhafte Werk unter großen Opfern an Menschenleben her. Die Baukosten betrugen etwa 380 Millionen Mark.

Arn 18. März 1869 traten die Wasser des Mlttelrneeres tn bte Bittersten und am 19. No- bember 1869 erfolgte die Eröffnung des Suezkanals im Beisein vieler Fürstlichketten und geladener Europäer, darunter des Kaisers Na- Poleon und des späteren Kaisers Friedrich. Die Festlichkeiten, die glanzvollsten, die die Neuheit je gesehen, kosteten «dem Khedive von Aegypten 16 Millionen Mark.