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Maer W Zeitung

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Msnat-bellage: „Ktldaer Geschichtsblätter

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z.paÄ?rnMda. wochenbettage: „Msttiette Zonntagszeitting"

36. Jahrgang -

Fulda, Mittwoch den 28. April 1909

ja 95.

Zweites Matt

Kleines Feuilleton

und daß den

Anzrigen: Vie ein­spaltige petitzeile -der deren Raum 15 Pfg. Reklamen diepetttzeile 25 pfg., bei wieder- Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

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Verantto. Redattemr

LarlSchStter

Er wartete aber nur die günstige Stunde ab, um sich vom jungtürkischen Joche zu befreien. Sie schien ihm jüngst gekommen zu jein. Die ^ung- türken hatten Fehler auf Fehler gehäuft, sie ub- ien eine Politik der Rachsucht und der Willkür, sie schufen Tausende von Mißvergnügten. Als die Dinge so weit gediehen waren, warf Abdur Hamid mit großer Geschicklichkeit den religiösen Zündstoff in die gärenden Massen. Er schuf die Mohammedanische Vereinigung und stellte zwr- chen ihr und der komiteefeindlichen Liberalen Inton eine enge Interessengemeinschaft her; dann gab er das Signal zum Losfchlagen. Der Streich ist mißglückt.

Die Vorgänge der letzten Wochen sind im gro­ßen Ganzen Nichts anderes gewesen, als ein Kampf zweier oder, wenn man die liberale Union mitzählt, dreier Parteien um die Macht rm Staate. Die im ersten Augenblick überwäl- igten Jun gtürken sind von neuem an die Obersläche gekommen. Von ihnen hängt jetzt wieder das Schicksal bes Staates ab. Als sie zum erstenmale zur Macht gelangten, glichen sie ich mit dem „blutigen Tyrannen" wie sie ihn vorher stets genannt hatten, freundschaftlich aus und manche von ihnen verschmähten es auch nicht, ihm die Hand zu küssen. Es war Nützlichkeils. Politik, die sie trieben. Denn wenn ihnen auch das Scheriarecht und die sonstigen religiösen Gepflogenheiten durchaus gleichgültig waren — s» viel wußten sie doch, daß sie dem Kalifen Ehr- erbietung entgegenzubringen hatirn, selbst wenn sie kein Vertrauen zu ihm hätten. Diesmal ha» den sie ein anderes Verfahren eingeschlagen. Offenbar lagen in der jungtürkischen Partei zwei Richtungen im Streit. Die jüngeren, radikale­ren Elemente wollten „ganze Arbeit" tun und „reine Bahn" schaffen, also vor allem Abdul Ha­mid beseitigen; die älteren Elemente, die mehr Fühlung mit der jungtürkischen Geistesverfas- ung haben, hielten es für zweckmäßiger, sich mit den sachlichen Garantien gegen eine Reaktion zu begnügen und den gewaltsamen Personenwechsel wegen seinen bedenklichen Nachwirkungen aus das In- und Ausland zu vermeiden. Wenn wir als Unparteiische zum Gutachten gezwungen gewesen wären, so würden wir die letztere Taktik für die klügere gehalten haben. Je rücksichtsloser die Jungtürken ihre augenblickliche Uebermacht aus­nützen, desto schneller und kräftiger werden die unvermeidlichen G e g e n st ö ß e vom A11 - türkentum erfolgen. Vor allem muß der Eindruck der Ereignisse in den asiatischen Staats- teilen in Betracht gezogen werden. Dort lassen sich die modernen Ideen der „Aufgeklärten" von Salonik nicht mit einem schlage und auch nicht mit Gewalt durchführen. Den führerlosen Putsch von Konstantinopel zu ersticken, war ein Kinder­spiel im Vergleich zu der Aufgabe, welche die Zu­kunft schon sehr bald den Machthabern stellen kann: eine Empörung der asiatischen Truppen und Beamten zu unterdrücken.

Aus dem Umwandlungsprozetz, der im vori­gen Sommer für die Türkei eingeleitet worden, kann leicht ein Auflösungsprozeß werden. Es fehlt dem buntscheckigen Staatswesen die ein­wandfreie Autorität, die das Ganze zusam­menhält. Tas jungtürkische Komitee ist eine Nebenregierung, deren Berechtigung nur so weit anerkannt wird, als die dienstwilligen Bajonette der beiden Armeekorps von Salonik und Adria- nopel reichen. Die Konstitution, die nach Mei- nung der Jungtürken das staatserhaltende Zau­berwort bilden soll, muß nach den neueren Vor­gängen an Aniehen viel verloren haben. Vor allem hat das P a r I a m e n t, das mit so rie­sigen Hallo als sichere Gewähr der Glückseligkeit angekllndigt wurde, eine geradezu jämmer­liche Rolle gespielt. Als ein Haufen Stambu-

veutsches Reich.

0 Rüstet zur Maifeier! so ruft alltäglich die sozialdemokratische Presse ihren Lesern zu. Alle Anstrengungen der sozialdemokratischen Füh­rer, den „Festtag der Arbeit" zu einer imposan­ten Demonstration zu gestalten, werden aber, wie auch in den letzten Jahren, wohl nur ein klägliches Resultat erzielen können. Die Maifeier als Machtprobe der sozialdemokratischen Arbeiter­schaft hat Fiasko gemacht. Das bekundet am besten der Widerwille, den die freien Gewerk­schaften gegen die Maifeier hegen. Auch der „Vorwärts" muß allmählich einsehen, daß die Forderung der allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai einfach undurchführbar ist, und scheint selber damit zu rechnen, daß heuer die Maifeier ins Wasser fallen wird. Das wird allerdings um so trauriger sein, als gerade die diesjährige Maifeier besonders imppsant werden müßte zur Erinnerung daran, daß die Maifeier in diesem Jahre ihr 20 jähriges Jubiläum feiert. Damit die Idee der Maifeier wenigstens in späterer Zeit zum Siege gelange, regt der „Vorwärts" die Gründung eines Fonds zur Unter­stützung der wegen der Arbeitsruhe Gemaß­regelten an.

Es sei notwendig, durch eine besondere Steuer einen besonderen Kampffonds zu schaffen, der groß genug sei, nm, wenn cs fein müsse, auch einen ernst­haften Kampf um die Maifeier zu fuhren. Wenn jedes Mitglied der Drei-MMonen-Partei zu diesem Fonds nach seiner Kraft beisteuere, so könnten Summen auf­gebracht werden, die zwar nicht ausreichten, mit einem Schlage die allgemeine Arbeitsruhe zu erzwingen, wohl aber genügten, um nicht von vornherein vor jedem Kampf ängstlich zurückzuschrecken.

Die'e Aufforderung einer neuen Besteuerung der sozialdemokratischen Arbeiter zugunsten der Parteikasft paßt recht seltsam zu dem mörder- ltchen Geschrei der sozialdemokratischen Presse gegen die Reichsfinanzresorm. Wenn die Sozial­demokratie wirklich die Interessen der Arbeiter­schaft wahren will, so darf man eigentlich zu allererst verlangen, daß sie sie nicht mit Partei­steuern zur Ermöglichung sinn- und zweck.

Bauernbutter ab, sie war zwar tuberkelbazillen- arm, aber im übrigen stärker verunreinigt, wie die Molkereibutter, weil bei Herstellung der letz­teren eine vollkommenere Technik zur Beseitigung von Verunreinigungen Platz greift. Bei der But­ter schützt übrigens, wie es sich ergab, nicht der höhere Preis davor, ein tuberkelbazillenhaltiges Präparat zu erhalten. Von den untersuchten 150 Margarineproben wurden keine tuberkelbazillen- haltig gefunden, weil jedenfalls die Milch vor der Verwendung in den Fabriken gehörig sterilisiert wird. Was die Sahne anbelangt, so gelang es in 6 Prozent der Proben bei Meerschweinchen Tuberkulose zu erzeugen, von den untresuchten Ouarkproben wiesen 4 Prozent Bazillen auf. Aus diesen Unterfudjungen ergibt sich, daß die Be­stimmung in den meisten Milchregulativen der Städte, welche den Verkauf der von kranken Tie­ren stammenden Milch unter Strafandrohung verbietet, leider blos auf dem Papier steht, und daß häufige Untersuchungen der Milch und Aus­merzung der tuberkulösen Milchtiere eine unbe­dingte Forderung der Hygiene sein muß. ,r.

— Ein Brief ,bcr 279 Jahre unterwegs ist. In Marseille liegt, noch geschlossen und mit dem königlichen Wappen gesiegelt, ein Brief, der vor 279 Jahren abgesandt wurde und noch immer sei­nen Bestimmungsort nicht erreicht hat. Lud­wig XIII. hat dieses ehrwürdige Schriftstück „an den sehr hohen, ausgezeichneten, mächtigen, groß, herzigen und unbesieglichen großen Kaiser der Muselmänner, den Sultan Udurath, der über- reich ist an Ehre und Tugend, unseren liebsten und vollkommenen Freund," abgesandt. Der Brief loar der Handelskammer von Marseille zur Be­förderung anvertraut, die über die zuverlässigsten und schnellsten Kuriere zwischen Frankreich und ier Levante verfügte. Ein Hindernis, vielleicht die Pest, die in jenen Jahren die Stadt heim, uchte, hatte den Postdienst indessen gestört, und o kam es, daß der Brief unbefordert tm Hause der Handelskammer liegen blieb. Man vermutet, . daß Ludwig XIII. den Sultan um die Erlaubnis,

Duvchschnitsprozentsatz der tuberkelbazillenhalti- gen Butterproben betrug 12 Prozent, d. h. man läuft beim Einkauf der Butter Gefahr, in etwa 12 Prozent der Fälle ein tuberkelbazillenhaltiges Erzeugnis zu kaufen. Am besten fchnitt die

— Der Tuberkelbazillengehalt der Milch Molkereiprodukte. Wenn man anerkennt, die vom Rinde stammende Tuberkelbazillen Menschen gefährlich werden können, dann gewinnt vuch die Frage, wie oft der Konsument beim An­kauf von Milch und Milchpraparaten Gefahr läuft, ein tuberkelbazillenhaltiges Nahrungsmit- el zu erwerben, ein großes Int er ehe. llnter- uchungen über den Tuberkelbazillengehatt der Rarktmilch haben ergeben, daß die gewöhnliche Landelsmilch verhältnismäßig oft bazillenyaltig gefunden wird. Neue systematische Untersuchun- gen find von Prof. Eber in Leipzig angefteüt Morden die vor den früheren Untersuchungen das voraus haben, daß sie sich auf eine sehr große Anzahl in der ganzen Stadt zerstreuter Milchge­schäfte erstreckten. Die Untersuchung geschah in fcer Weise, daß Meerschweinchen mit Milch resp. Molkereiprodukten geimpft und 6—8 Wochen nmf) der Impfung getötet wurden. Siebzig Milchhändler wurden ausgewählt und deren Milch kn drei Perioden, zuerst Februar und März, dann Nprft, Mai und Juni, endlich Idovember und De- fember untersucht. Das Ergebnis der Milchkon- rolle läßt sich dahin zusammenfaffen, daß in der ersten Untersuchungsperiode 8,6 Prozent, in der zweiten 12,9 Prozent und in der dritten 10 Pro­zent tuberkelbazillenhaltige Milch gefunden wur­de. Die Ergebnisse bei den Engros- und Detail­lieferanten waren ziemlich übereinstimmend. Die Prüfung der Butter erstreckte sich auf 150 Proben, -avon waren je 50 Proben Molkereibutter erster Sorte, zweiter Sorte und Bauernbutter. Der

Ier Soldaten sich zusammenrottete, floh die größre Hülste der Volksvertreter und der Rest beschloß, was die Empörer diktierten. Als die Komitee­truppen anrückten und die Uebermacht zu haben schienen, trat in San Stefano, im jungtürkischen Waffenbereich, alsbald ein Rumpfparlament zu­sammen, das nach dem Diktat der neuen Macht­haber das strikte Gegenteil beschloß. Wie soll ein solches Marionettentheater imponierend und begeisternd wirken? Das Alttürken tum stellt noch eine bedeutende moralische und mate­rielle Kraft dar. Es fehlt ihm zurzeit nur an tüchtigen Führern. Die Befeitigung des bis- herigen Sultans mit seiner vielbefleckten Ver­gangenheit ist für das Alttürkentum kein Scha­den fondern eine Erleichterung feiner Organi» fation. Tut sich in Stambul ein geeigneter Fuh- rer der überlieferungstreuen Mohammedaner auf, so kann es zu einer allgemeinen Reaktion kommen ,wenn auch noch nicht heute und morgen. Wird aber über kurz oder lang die alte Fahne in dieser ober jener Provinz erhoben, fo gibt es Bürgerkrieg, Abfall und Spaltung des Reiches. Dabei fällt ins Gewicht, baß auch in ber euro­päischen Türkei separatistische Bestrebungen schon im Gange sinb. , ..

Trotz aller Augenblickserfolge ber Jungrurken wirb Europa sich auf anbauernbe Beunruhigung durch die türkische Gärung gefaßt halten müssen.

bat daß die Schiffe von Marseille in den türfi- schc'n Häfen für die Provence, in ber eine furcht- bare Hungersnot herrschte, die norwendigsten Le­bensmittel aufnehmen dürften. Es Ivar jedenfalls ein dringendes Schreiben, bas nun schon 279 Jahre unterwegs ist.

— Phantastische Schlachtberichte. Man kann nicht ohne Bewegung von ber Zahl der Opfer lesen, welche Schlachten, wie die von Leipzig, um Metz und auf den öden Gefilden ber Mandschurei gefordert haben. Aber in unserer nüchternen Zeit gibt man positive Zahlen an, und es bedarf erst einer gewissen, verstandesmäßigen Ueberlegung, um sich klar zu machen, welche Unsumme von Leid und Vernichtung bahintersteckt. In früherer Zeit nahm die Sage die Stelle der nüchternen Stati­stik ein. Von dem gewaltigen Ringen zwischen den Hunnen und den Scharen des Aetiüs auf den katalarinifchen Gefilden wirb erzählt, daß ein Bach durch das rinnende Blut anschwoll, wie nach Regengüssen. Als der Alemannenherzog Butilin von Narses geschlagen wird, erzählt der damalige Chronist: „Das Gefilde Capuas war blutgetränkt und der Fluß so voll Leichen, daß et über die Ufer trat " Aus ber grauen Merowingerzeit wird über die Schlacht bei Zülpich berichtet, die sich die Brüder Theuderich und Theudebert lieferten. Da heißt es „baß die Erschlagenen nicht Raum fan­den niederzusinken, sondern eingehängt zwischen den Lebenden aufrecht stehen blieben." Und als die Kreuzfahrer am 15. Juli 1099 Jerusalem stürmten da läßt die Erzählung im Tempel Salo­mos das Blut der Erschlagenen bis an die Knie der Pferde steigen."

— Das Gewicht der Erde. Kuriose Wag- schalen so wirb mancher denken, müßten das fein, in denen man die Erde wiegen wollte. Nun, in eine Wagschale kann man natürlich die Erde nich:: leaen aber wiegen kann man sie doch und hat es sogar' schon ziemlich oft getan. Die Differenzen zwischen den einzelnen Resultaten sind, weil man immer genauer verfuhr, zuletzt sehr gering ge-

ä Thronwechsel in der Türkei.

Gestern war ein kritischer Tag. Die Dinge tm Orient haben eine Wendung genommen, bte sich der Sultan, als die Massen vor den ^ilbiz- Kiosk zogen und Abdul Hamid, dem Schützer des Scheriagesetzes, zujubelten, kaum träumen ließ. Er ist gestürzt und statt seiner ist „Beherrscher aller Gläubigen" der älteste Prinz, des osmam- scheu Stammes, Abdul Hamids jüngerer Jt e • schab Esfendi. Gestern nachmittag meldete lins ein Telegramm aus Konstantinopel:

Ein Salut von 101 Schuß kün­digte um 2i/2 Uhr den Thronwech- sei an.

Damit hat die Frage ber letzten Tage eine Antwort gefunden. Die Entscheidung über bas Schicksal des Sultans ist gefallen. Er hat auf- gehört Sultan ä u fein. Was weiter nut ihm geschieht, weih man zur Stunde allerbinegs Noch nicht. Ist er nur vom Throne entfernt? Wird er unter Meuchelmördern sterben, wie so viele feiner Vorgänger? Ober wirb er, wie es schon einmal angekündigt wurde, irrsinnig er­klärt werden? Nach dem Koran darf es nämlich nicht zwei Kalifen auf einmal geben, ein irrsin­niger Kalif jedoch gilt als nicht vorhanden. Auch K hat nach Recht und Ueberlieferung so em mwechsel vor dem Tode des Kalifen seine Schwierigkeiten. Es fragt sich allerdings, ob bte jetzigen Machthaber mit den Anschauungen ber Muharnmebaner und ihren religiösen Empfinbun- gen rechnen werden. Freiwillige Abbankung ist danach nicht zulässig. Eine eigentliche Absetzung ebensowenig. Doch kann der Scheick ul_ Islam das Haupt ber muhammedanischen Geistlichkeit ein Fetwa (Gutachten) dahin abgeben, daß ber Sultan ber Regierung unwürdig sei, unb bann wirb er nach ber Erfahrung ber Geschichte auf die eine ober andere Weife unschädlich gemacht. Jedenfalls sieht so ein Fetsva einem Todesurteil sehr ähnlich. Gewöhnlich findet sich ein Meuchel­mörder, ber dafür sorgt, baß nicht lange zwei Sultane neben einander existieren.

Der Beschluß des Rumpfparlaments, bas als „Nationalversammlung" bas gewaltsame Ende ber Herrschaft des Sultans aussprach, hat keine rechtliche Gültigkeit, aber bekanntlich hat der Unterliegende immer Unrecht, wer die Macht Hai, hat auch bas Recht. Mehr Hoffnung für den Sultan begründete die Versicherung des Ober­befehlshabers der mazedonischen Armee, Mahmud Schefket Paschas, baß die Armee nichts Feind­seliges gegen den Sultan im Schilde führe. Wie später ergänzend mitgeteilt wurde, heißt es aber in der betreffenden Depesche Schefket Paschas wei­ter, für Zwischenfälle bei dein Eingreifen der Mazedonier werbe bie Verantwortung auf bie Schulbigen fallen. Die Ereignisse vom Samstag schreibt bie öffentliche Meinung aber ben Um­trieben des Sultans zu. Da hatte man also einen Vorwanb, ihn als Schulbigen zu belrachten und tzur Verantwortung zu ziehen.

Der Sultan hat das Spiel verloren. Der Mann, der über dreißig Jahre hindurch nut allen Mitteln eines ungewöhnlich scharfen Geistes um seinen Thron und sein Leben gerungen hat, dessen ganze Energie auf bie Festigung feiner persönlichen Macht gerichtet war, hat Weichen müssen. Daß er ber eigentliche Urheber bes Put- sches vorn 13. April gewesen ist, scheint sicher zu fein. Er hat nach der siegreichen Julirevolution der Jungtürken die Wandlung vom starr auto­kratischen zum konstitutionellen Herrscher mit einer Schnelligkeit vollzogen, die auffallen mußte.

loser Demonstrationen belegt. — Jntereffarr ist eine Mitteilung aus Itzehoe, roonad dort Aufsichtsrat und Vorstand des Konsum Vereins, also sozialdemokratische Arbeitgeber, be schloffen haben, daS Personal am 1. Mai nich feiern zu laffen. Wenn das am grünen Holzt geschieht! Begreiflich, daß das schleswig-holsteinisch Sozialistenblatt ganz aus dem Häuschen geratet ist und dem Personal des Konsumvereins den Ra! gibt, einfach zu feiern. Also Aufforderung zm Rebellion innerhalb der Partei!

+ Der Gesetzentwurf gegen die zollwidrige Berwendung von Gerste bedeutet einen Erfolg der Bestrebungen des ZentrumS-Abg. Speck, det eit Jahren int Deutschen Reichstage und im layerischen Landtage auf die Schädigungen hin« gewiesen hat, welche die Verwendung von als Futtergerste eingesührter Gerste zu Brauzwecken ür die Reichskasse und im Laufe der Zeit auch ür den bayerischen Handel im Gefolge gehabt jat. Der frühere Schatzsekretär Freiherr v. Stengel hat einmal behauptet, daß die Zollverwaltung den vom Abg. Speck gerügten Machinationen stlflos gegenüberstehe. Daß dies nicht der Fall ist, wird das nun hoffentlich bald zur Einführung gelangende Gesetz beweisen. In der Begründung des Entwurfes wird ausgeführt, daß sehr häufig Futtergerste als Malzgerste nicht Verwendung ge« sunden habe. Die gegenteiligen Behauptungen seien übertrieben. Es ist richtig, daß präzise Fest«^ stellungen, wieviel eingeführte Futtergerste als Malzgerste verwendet worden ist, nicht möglich sind. Daß tatsächlich aber außerordentlich groß« Mengen von aus Serbien eingeführter Futtergerste später in die Mälzereien und Brauereien gcroaa« vert find, wird jeder auf dem Gebiete deS Ge« treidehandels Erfahrene zugeben. Wie groß die Masse der zollwidrig verwandten Gerste und bei? Ausfall in der Reichskaffe ist, dafür läßt sich leicht folgende Mindestschätzung anführen. Wäh« rend die Gesamteinfuhr der Gerste wie auch der Bedarf an Braugerste in den letzten Jahren ziem« lich konstant geblieben ist, hat die Zahl der unter der Deklaration Braugerste eingesührten Doppel­zentner Gerste um zirka eine Million abgenommen und entsprechend die Einfuhr von Futtergerste zugenommen. Da der Steuerausfall bei jedem fälschlich als Futtergerste deklarierten Doppelzent« ner Gerste 2 Mark 70 Pfg. beträgt, so beziffert sich der Gesamtaussall durch die zollwidrige Äer« wendung von Gerste auf mindestens 2,7 Millio­nen Mark.

Die Zunahme der Flottenkosten in Deutschland und England macht nun selbst den „Patentnationalen" ernste Sorgen. In der „Kreuzztg." mahnt eine Stimme zur Sparsamkeit und stellt dabei fest:

„Die Ausgaben für unsere Seemacht stiegen in den letzten Jahren um rund je 60 Millionen Mark; sie haben sich seit 20 Jahren verachtsacht. 1889 betrug der Etat 51 Millionen, heute ist er auf 400,32 ange« wachsen. Wir werden 1911 bis 1912 die halbe Mil­liarde überschritten haben und, wenn das Flottengesetz programmäßig ausgesührt wird, 1917 voraussichtlich nahezu die volle erreichen. Allerdings kann bte voll« Milliarde schon früher gefordert werden müßen, wenn sich eine erhebliche Steigerung der Größenverhaltmffe als notwendig ergibt. Daß die Linienschiffe und Panzerkreuzer noch weiter wachsen werden, ist nament­lich nach Einführung der verbefferten Torpedowaffe — englische Hardcastletorpedo mit einer Schußweite von 7000 Aards — als ziemlich sicher anzunehmen. Di« bisherigen 28- und 30,5-Zenlimetergeschütze genügen dann nicht mehr. England und die Bereinigten Staaten beabsichtigen zum 34,3-Kaliber überzugehen, worben. Die Wägernethoben kommen durchweg auf dieselbe Methode hinaus, nämlich auf einen Vergleich zwischen der Anziehungskraft, bie ein Körper von bekanntem Gewicht auSübi, mit ber Erde. Weiß man, wie groß bie Anziehungskraft einer kleinen Kugel von bestimmtem Gewicht ist, fo kann man daraus berechnen, wie groß bas Ge­wicht des großen Erdballs fein muß, um die uns bekannte Anziehung auszuüben. Freilich ist bas leichter gesagt als getan. Einer ber ersten, der sich die schwierige Aufgabe stellte, war ber Eng­länder Baily. Nach mehreren tausend Versuchen fand er, daß die Erde 568/ie0 mal so schwer sei als eine gleich große Kugel von reinem Wasser. Danach hätte sie 6040 Millionen Tonnen ä 20 Zentner wiegen müssen. Auf dem Potsdamer Observatorium prüfte man bie Rechnung nach und kam zu fast demselben Ergebnis, 559/J00. Danach würde die Erde rund 6050 Millionen wie­gen, wozu freilich noch bas Gewicht ber Lufthülle mit 5500 Billionen Tonnen kommt. Die Meere allein wiegen ettva l*/u Millionen. Das merk­würdigste an diesen Zahlen ist folgendes: Da die uns bekannten Stoffe auf ber Erbe durchschnitt­lich kaum 2y2 bis 2%mal schwerer als gleichgroße Waffermengen sinb, so muß man annehmen, daß die Dichtigkeit bes Stosses nach dem Erbinnern hier beträchtlich zunimmt. Möglicherweise besteht ber Erbkern aus Metallen. Wer Lust har, kan'n sich ausmalen, baß unten alles aus Golb ober Platin fei. Die Wahrheit aber werben wir schwer­lich je erfahren.

— Der Klapperstorch hat bei der Königin von Holland seinen Besuch noch immer nicht gemacht. Man glaubt aber, daß es nicht mehr lange dauern wird. Die Soldaten der holländischen Armee er» hielten am Montag den Befehl, beim Ausgehen die Paradezeichen, Pompon und Quaste, mit sich zu nehmen, um diese gleich anstecken zu können, falls die Kunde von der Geburt des Königskindes sie unterwegs erreichen sollte. v.