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uldaerW Zeitung

jRÄ wochenbeiiase: „Illustrierte Sonntagrzeitung

36. Jahrgang-

Fulda, Mittwoch den 28. April 1909

JV3 95.

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zu dulden, wo außer dem Auge des Allwissendem und Unbarmherzigen niemand sein Weh beobacht ten konnte.

Er hatte ihre Ehre ritterlich vor diesen Mein- nern verteidigt, er hätte für ihre Unschuld fein Leben gelassen — aber allein mit sich und seinen Gedanken fragte er sich:

„Wa's hat das zu bedeuten?"

Eins nach dem andern itahm er die Beweis­stücke vor, das Armband zuerst.

Sic hatte es beim Verlassen des Zinnner's ganz bestimmt am Arme gchabr. Wie war eS denn, mit Blut und Erde beschmutzt, in die Nähe — nein, an den Ort selbst, wo der Mord began­gen war, gekommen? Er hatte die Vermutung geäußert, es sei vielleicht gestohlen worden; wäre das aber der Fall gewesen, so würde er es zwei­fellos erfahren haben; seine Gemahlin oder ihre Kammerzofe hätten es vermisien müssen und wär- den Lärm geschlagen haben. Angenommen selbst, es sei gestohlen worden — wer konnte es gerade an der Stelle, gerade zu der Zeit verloren oder haben fallen lassen? Wer konnte das Gemach seiner Frau betreten und das Armband fortge­nommen haben, wo sie oder ihre Zofe doch hat­ten anwesend fein müssen?

Er hob es empor, ließ es aber schnell wieder fallen, als ob die Berührung ihm die Fingerspi­tzen versengt hätte. Zehn Jahre seines Lebens hätte er in diesem Augenblick dafür gegeben, hätte er eine Erklärung für das Auftauchen des Kleinods auf der Mordstelle gehabt, selbst wenn diese Erklärung nur ihm glaubhaft erschienen wäre.

Aber er fand keine; et mußte es auf sich be­ruhen lassen.

Er erinnerte sich, wie et selbst darauf bestan­den, daß an dem Abende früh zur Ruhe gegangen werden sollte, und wie seine Gemahlin lächelnd zugestinnnt und als Erste das Gesellschaftszimmer verlassen hatte, während er noch zurückgeblieben

Monakbeilage: „Fuldaer SeschichtsblStter"

Erscheint täglich mit Jfastwtyne der $o.m= «ndFeiertage.viertel- MrlicherVezagrpreis vhne vringerlohn und vestelgeld in Fulda so- wir auswärts X.50 Bit

verantw. Redakteur» «ar! Schütter

„Zeigen Sie Herl" sagte er; dte Stimme war so verändert, so rauh und heiser, daß sie sie kaum wiedererkannten.

61. Kapitel.

Die Beweise.

Herr Sinclair zog langsam einen Heinen Ge­genstand aus der weiten Lasche seines Heber- rocks, wickelte das Papier auf und legte den In­halt Lord Wayne vor die Augen.

„Dies Armband wurde am Tatorte gefun­den," sagte er langsam, „am Morgen nachher Sie können die Blutspuren darauf noch sehen."

Ja, da waren sie — häßliche, schmutzige Fle­cken auf dem matten Golde, die ihn erschaudern ließen, als er hmsah.

Er erinnerte sich, wie sie das Zimmer der- lassen, mit dem funkelnden Armband auf ihrem Arme, und einen Augenblick verbarg er das Ge­sicht in die Hände und stöhnte laut.

Doch nur einen Augenblick; der gräßliche An­blick der Blutflecken auf diesem Kleinod, das er ihr gegeben, hatte ihn so angegriffen; dann aber im nächsten Moment erhob sich ihr schönes Antlitz so stolz, hold und lieblich, in ganzer Glorie vor ihm, er ließ die Hände sinken und sah mit stolzer Verachtung auf.

„Haben Sie nichts, als dies?" fragte er ver­ächtlich. „Es ist wahr, Mylady trug es an dem Abende; i ch selbst habe es ihr am Arme befestigt Damit ist aber durchaus nicht erwiesen, daß sie es dort verloren hat. Ein Sieb kann es fortgenom­men haben. Jede andere Erklärung ist wahr- scheinkicher, wie Ihre abgeschmackte Geschichte. Haben Sie keinen anderen Beweis, frage ich?"

Langsam entrollte Herr Sinclair ein weiteres Paketchen; das perlgraue Seidenkleid kam zum Vorschein.

„Dieser Beweis," sagte er mit starker «Beto­nung „genügt, um halb England zu überzeugen. Am Abende de» Mordes trug Lady Wayne dieses Kleid."

Ministerialdirektor Schwartzkopff: Ich würde die verschiedenen Beschwerden, die der Borredner hier vorgebracht hat, selbstverständlich ausführlich erörtern, wenn sie auf andere Art hier vorgebracht worden wärm. (Beifall rechts, Widerspruch bei dm Sozialde- mokratm.) Es widerstrebt mir aber, wenn Fragm von solcher Bedeutung, wie die der Bildung unseres Volkes, hier in einer Tonart behandelt werden (Stürm. Bei­fall rechts und in der Mitte, stürm. Widerspruch der Sozialdemokraten) — in einer Tonart, die darauf verzichtet, diese Fragen wirklich objektiv sachlich zu erörtern (lebh. Zustimmung), sondern sich darauf beschränkt, diese wichtigm Angelegenheiten in einer an der Oberfläche hastenden agitatorischen Art zu behandeln. (Stürm. Beifall bei den Mehrheiten, Lärm bei dm Sozialdemokraten.)

Mittwoch: Stadterweiterung von Düsseldorf, Kultusetat.

Deutsches Reich.

** Berlin, 27. April 1909. Ein außer« ordentlicher Berufs gen offen schäft Stag ist auf den 26. Mai nach Berlin einberufen wor­den. Er hat die Aufgabe, den neuen Entwurf einerReichsversicheruugs-Ordnung durch« zuberaten.

Das Herrenhaus, das am Dienstag nach längerer Vertagung wieder zusammengetreten ist, hat sich sogleich an die zweite Beratung der B e- amtenaufbesserung begeben, zu der die Kommission in mannigfacher Beziehung nicht un­erheblich von den Beschlüssen des Abgeordneten­hauses abweichende Anträge gestellt hat. Es ist zu begrüßen, daß sich die zweite Beratung im Her­renhaus glatt vollzieht und es somit zu hoffen ist, daß unsere Geistlichen, Beamten und Lehrer nun e n d l i ch b a l d e i n m a l in den Genuß der Auf« besserung gelangen, die ihnen von der Regierung jetzt schon vor zwei Jahren in Aussicht gestellt worden ist. Die Wichtigkeit der Materie hatte zur Folge gehabt, daß sowohl das Haus als auch die Tribünen eine stattliche Besetzung aufwiesen. Unter den Mitgliedern des Hauses sah man auch den früheren Staatssekretär des Reichsamtes des Innern Grafen Posadowsky, der, Ivie es seine Ge­wohnheit ist, unablässig in Schriftstücken studierte. Das Haus nahm zuerst die Aufbesserung der Geistlichen vor. Daraus begann die Beratung über die Beamtenaufbesserung. Sie wurde eingeleitel mit einer donnernden Philippika des preußischen Finanzministers Frhrn. v. Rhein üaben ge­gen die Beamtenversammlung, die jüngst in Ber­lin stattgefundcn hat. Die Worte des Ministers wurden von zahlreichen Beamten, die sich auf der Tribüne eingefunden hatten, stellenweise mit höh­nischem Gelächter ausgenommen. Die Debatte setzte bei der Besoldungsvorlage nur an einigen Punkten ein. Das Abgeordnetenhaus hat be­kanntlich beschlossen, daß die Richter und R e- gierungsräte gleichgestellt werden und da­her sollen nach feinem Beschluß nur die Regie­rungsräte in gehobener Stellung Zulagen erhal­ten. Diesen Beschluß hat die Kommission des 'Herrenhauses umgestoßen. Oberbürgermeister Dr. Lenze aus Magdeburg drang aber unter Mitwir­kung der anwesenden Minister mit seiner Forde­rung, den Beschluß des Abgeordnetenhauses wie- öerherzustellen, durch. Eilten anderen strittigen Punkt bildete die Frage, ob die Berliner Pro­fessoren in Gehalt und Honorar den Professoren des Landes gegenüber bevorzugt sein sollten. Schließlich einigte man sich durch Beschluß deS Hauses dahin, daß die Berliner Professoren nur hinsichtlich des Honorars mit den übrigen Pro­fessoren gleichgestellt werden sollen, während ihre

Prof. Dr. LSning-Halle: Das Richterbefoldungs- gesetz ist im Vorjahre einstimmig angenommen worden. Deshalb sollte man jetzt an der langersehnten und endlich erreichten Gleichstellung von Richtern und Regierungsräten nicht zu Ungunsten der Richter rütteln.

Nach weiterer Debatte wird der Antrag Lentze mit großer Mehrheit angenommen.

Prof. Dr. Hillebrand-Breslau begründet einen An­trag, den Professoren aller Landesuniversitäten die für ihre Vorlesungen eingehenden Honorare bis zu 3000 Mk. ganz, von 3000 bis 4000 Mk. zu 75 Prozent und von dem darüber hinausgehenden Betrage die Hälfte zu gewähren, also die Ausnahmestellung Berlins zu beseitigen.

Prof. Küster-Marburg beantragte Gleichstellung aller Professoren im Gehcllt.

Nach längerer Debatte wurde der Antrag Küster abgelehnt und der Antrag Hillebrand mit großer Mehrheit angenommen.

Darauf wurde das Gesetz nach den Kommissions­beschlüssen angenommen.

Mittwoch: Lehrerbesoldungsgesetz.

Im Banne Ses Geheimnisses.

60] AuS dem Englischen von K. v. Raesfeld.

„Alles Lügel" schrie Lord Wayne wieder und 'griff sich wild an die Brust, als ob er ersticke.

„Es ist die Wahrheit. Nein, nein, Mylord, Beruhigen Sie sich. Selbst wenn Sie mich töten sollten tn Ihrem Zorne, so könnten Sie es doch nicht verhindern, daß die Sache ösfent'nch be­kannt würde. Hören Sie also lieber zu und sehen Sie zu, ob und was sich tun läßt.

Er sank hülflos, kraftlos in den Stuhl zuruck, während die sanfte, ruhige Stimme fortfuhr:

„Lady Wayne und dieser junge Mann trafen sich dort also; wie lange die Unterredung dauerte, kann ich nicht sagen. Es ist möglich, daß er belet- btgcnb, unverschämt gewesen ist. Es rst moglrch, baß er sie herausgefordert, gereizt hat, bis sie, wie Frauen nun einmal sind, alles vergaß, nur Nicht Rache. Er mag auf das Haupt der Schwe­ster die Mylady liebt und verehrt, die unerhörte- sten Schmähungen und Beschimpfungen gehäuft ^aben. Doch sei dem wie ihm wolle, mag die Her­ausforderung gewesen sein, wie sie will,— das eine steht fest, Mylord — ich wollte, ich könnte es ungesagt lassen — sie hat ihn dort getötet 1"

Im nächsten Augenblicke saß ihm Lord Way­nes Hand an der Kehle. Ein leiser Schrei, ein Keuchen, ein Ringen, — Herr Sinclair fiel zu Boden.

Sergeant Elliot sprang entsetzt dazwischen. „Soll denn noch ein Mord begangen werden, Lord Wayne!" rief er, und bei diesem Worte fiel der unglückliche Edelmann wie gelähmt zu­rück.

,Hch vergebe Ihnen," sagte Herr Sinclair, sich mühsam wieder auf die Seine helfend. „Was Sie. zu hören haben, könnte jeden wahnsinnig Eien. Aber, so sicher tote Sie und ich hier

n und leben — sie hat ihn erschlagen! Ich Ihnen Beweise zeigen! "

Er breitete es auseinander urtd hielt es so, daß die hellen Sonnenstrahlen auf die dunkel- roten Flecken fielen; Aermel, Taille, die ganze Vorderseite des Kleides war davon bedeckt.

Lord Waynes Augen funkelten zornig, als er hinsah und die Worte hörte.

„Ihnen, die Sie sie nicht kennen, scheint das stark und überzeugend. Ich, der ich sie kenne, durch und durch kenne, lache darüber."

Die tapfere, ritterliche Natur dieses Mannes zeigte sich setzt. Seine treue Liebe, sein uner­schütterlicher Glaube, seine auftichtige männliche Verehrung und Hochschätzung erhoben sich in die- ser Stunde zu ihren Gunsten, wie nie zuvor.

Dann zog der Geheimpolizist das Bruchstück des von Jack geschriebenen Konzepts zu seinem Briefe hervor: ......Lady Wayne, wenn Sie

nicht kommen, werden Sie es bereuen, so lange tote . . ."

Mit zitternden Fingern hielt Lord Wayne den Fetzen fest. Seine Angen nahmen einen sanften, zärtlichen Ausdruck an, als sie auf dem teuren Namen ruhten.

„Selbst wenn sie eilt Geheimnis haben sollte," sagte er nach einer Pause langsam, „so ist es sicherlich kein schuldbares. Ebenso gut konnten Sie meinen Glauben an den Allmächtigen und seine Barmherzigkeit zu erschüttern suchen, tote an die Treue, die Wahrheit und Reinheit der edlen Frau, die ich mit Stolz die meine nenne. Wollen Sie mir den größten Gefallen tun, den sie mir unter diesen Umständen augenblicklich er- weisen können, — mich eine halbe Stunde allein lassen? Ich werde dann fragen, was Sie sich zu tun entschieden haben. Ich möchte allein sein, über alles das, was Sie mir gesagt haben, nach- denken Ich bin überrascht, verwirrt — ich möchte meine Gedanken etwas klären lassen."

Sie zogen sich schweigend in die anstoßende Bibliothek zurück.

Lord Wayne hatte allein fein wollen. Nm über alles das, was er gehört, nachdenken zu können — um die erste Qualen und Aengsten im Stillen

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 27. April 1909.

Aus der Tagesordnung steht die Fortsetzung der

GerichtSverfaffungsnovelle.

Zunächst erörtert man die Bestimmungen über den Eid und die Eidesformel. Auf Antrag des Zentrums wurde «ine Einschränkung dahin beschlossen, daß der Zeuge nur beeiden soll, er habe nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen. ■ Der Zusatz „und nichts hinzugesetzt habe" wurde ge­strichen, um die Möglichkeit eines fahrlässigen Falsch- rides zu beseitigen.

Mn freisinniger Antrag, di« Weglassung der reli­giösen Beteuerungssormel bei der Eldessormel zu ge­statten, wurde nach unwesentlicher Debatte abgelehnt; Vie Kommissionsbeschlüffe wurden auftecht erhalten.

Zu § 866, der von der Zwangsvollstreckung handelt, beantragt Abg. Schultze (Rp.i, diese Hypothek nur für eine den Betrag von 300 Mark übersteigende Forderung zuzulassen.

Der Antrag wurde angenommen, ebenso der Rest der Zivilprozeßordnung nach den Beschlüssen der Kommission.

Weiter wurden ohne wesentliche Debatte erledigt das Gerichtskostengesetz und die Gebühren- »rdnung für Rechtsanwälte.

Mne längere Debatte rief ein Antrag Frey- d erg (Ztr.) hervor, der sich gegen eine für die Ueber- gangszeit gedachte Bestimmung richtet. Der Antrag verlangt, daß innerhalb eines Jahres nach dem In­krafttreten des Gesetzes bei dem notwendigen Einziehen von Richterstellen die Mitglieder des Landgerichts an dte am Sitz des Landgerichts befindlichen Amtsrichter­stellen verseht werden können.

Schließlich wurde Artikel 8 in der Form des An- [ttageä Freyberg angenommen und der Rest des Gesetz­entwurfes ohne Debatte erledigt.

Mittwoch: Sicherung der Bauforderungen, Differenzierung der Gerste, Haftung des Reichs für die Beamten.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 27. April 1909.

Erster Gegenstand war die zweite Beratung des Gesetzentwurfes betreffend die Erweiterung des Stadtkreises Düsseldorf und die Organisation der Amtsgerichte in Düsseldorf, Gerresheim, Neuß und Ratingen. Nach kurzer Debatte wurde der Gesetzent­wurf unverändert nach den Kommiffionsbeschlüssen angenommen.

Darauf wurde die zweite Beratung des

KuttuSetat»

fortgesetzt.

Abg. Hoff (fteif. Vg.): Wir unterstützen den Wunsch des Abg. Mckhoff nach Errichtung eines selbständigenUnterrichtsministeriums. Auch ich bebaute, vaß Herr Dr. Holle nicht in der Lage ist, den Etat hier zu vertreten. Die Lehrerschaft bringt dem Kultus­minister Dr. Holle tiefgehendste Teilnahme entgegen. Er hat eS verstanden in der kurzen Zeit feiner Tätig- keit, sich das Vertrauen der Lehrerschaft zu erwerben. Herr Dr. Holle war nicht unnahbar, im Gegenlell, er suchte Fühwnq mtt der Lehrerschaft zu bekommen. Dte Ortsschulinspettion ist überflüssig, wenn ein hauptamt­licher Kreisschulinspettor vorhanden ist. Man sollte auch die Universität den Lehrern öffnen. Bezüglich der Einführung neuer Lehrbücher bitte ich, den Gemeinden und Schulaufsichtsbehörden einen gewiffen Spielraum zu laffen. Wir können es nicht billigen, wenn m die Schuldeputation gewählten Sozialdemokraten die Be- ^^Ministnia^direttor Schwarzkopff: Die Nichtbe­stätigung von Sozialdemokraten beruht auf einer Ent- scheivung deS Ministers. Die Schuldeputationen haben Anteil an der staatlichen Schulau,stcht und infolgedessen ist eS nicht angängig, Sozialdemokraten zur Teilnahme an der staatlichen Schulaufsicht zu berufen. Den Fur- sorgezöglingen soll durch die Fürsorgeerziehung nicht etwa ein Makel für's Leben angehängt werden, im

Gegenteü, diese Erziehung soll sie davor bewahren, daß später ihr Leben mtt Makel belastet wird. Stehl man aber auf diesem Standpunv, so kann man nichts gegen die Heranbildung von Fürsorgezöglingen auch für den Lehrerberuf etnwenden, wie es geschehen ist. Bon der endlich erreichten Aufbefferung der Lehrer- gehälter erhoffen wir eine ausreichende Vermehrung deS Lehrernachwuchses.

Abg. Hoffmann (Soz.): Die Erziehung der Jugend ist daS Mchtigste für die Nation und wenn dte Regte, rung uns einen wirklichen Kulturetat vorlegen würde, so würden wir zu jedem Zugeständnis bereit sein. Auf diesem Standpunkte sollte jeder vernünstigeMensch stehen. (Heiter­keit.) Ich weiß nicht, was sie lachen. Was wollen Sie mit Ihrem Lachen sagen ? (Gr. Hetterkeit.) WennSie sich nicht mit dazu rechnen, brauchen Sie doch nicht zu lachen! (Große Heiterkeit.) Früher dachte die bürgerliche Linke auch so. Wir brauchen ein Reichsschulgesetz. Man sagt, es gehe nicht, daß jeder Arbeiterlümmel und jeder Bauernbengel die Universität bettehe, wie wir das wollten. Ach nein, das wollen wir nicht, wir wollen nicht jeden Arbeiterlümmel und Bauernbengel zur Universität....

Präsident v. Kröcher: Herr Hoffmann, ich möchte Sie doch bitten, die Arbeiter nicht zu beleidigen.

Abg. Hoffmann (fortfahrend): Ich freue mich, daß der Herr Präsident Verwahrung einlegt gegen diese Ausdrücke, die ich in der konservativen Presse gefunden habe. Also: Jeder Arbeitersohn und Bauern­sohn muß die Möglichkeit haben, zur Universität zu fonu cn, wenn er dazu die nötige Begabung hat. Dann brauchen wir auch auf den Universitäten keine Wunderkinder mehr, die mit Kinematographengeschwin- digkeit in Straßburg den Doktor machen. Wir ver­langen Beseitigung deS Religionsunterrichts aus der Schule (Zuruf: Ahal) Es gab ja auch bei uns eine Zett, wo wir dem nicht mehr allzu fern waren, die Zeit der Falkschen Erlasse. Da wollte man die Forderung durchführen, die Kinder nicht ohne Ein­willigung der Eltern in den Religionsunterricht zu schicken. Diese Forderung beruht auf dem Allgemeinen Landrecht. (Heiterkeit.) Als ich demgemäß handelte, ist mir einmal vom Kammergericht Freisprechung ,u- erkannt worden, in einem späteren Falle dagegen wurde ich verurteilt. Ich habe mich aber damals zu helfen gewußt und meine Kinder dadurch vom Religions­unterricht befreit, daß ich sie in eine Realschule schickte. Daraus folgt also: ein Kind, welches 20 Mark zahlen kann, braucht keine Religion zu haben. Redner sührt dann einzelne Fälle an, in denen Zwangsmaßregeln i gegen diffidentische Eltern ergriffen worden sind. So sei in Bochum eine aus der Kirche ausgetretene Mutter dahin gemaßregelt worden, daß man ihr das Recht der Erziehung der Kinder genommen habe. Redner be­anstandet bann, daß den Kindern die ganze Bibel in die Hand gegeben werde, und macht auf einige Stellen aufmerksam, bis lebhafte Schlußrufe bei den Konser­vativen, insbesondere seitens des Abg. v. Pappenheim ertönen.

Abg. Hoffmann: Ja, Herr v. Pappenheim, es rst und bleibt unerhört, daß Sie Bücher mit solchem In­halt den Kindern in die Hand geben. (Zorniger Widerspruch des Abg. v. Pappenheim.)

Präsident v. Kröcher: Herr Redner, ich rufe Sie hiermit zur Ordnung.

Slbg. Hoffmann wendet sich gegen die Konfesstons- schule. Wir wollen die ko nfesfionslofeoSchule; die Bildung für diese Wett ist die Hauptsache. (Stür­mische Heiterkeit.^ Ach, lachen Sie doch nicht über Ihre Zustände! (Heiterkeit.) Die Schule mutz daher bis kleinste eine weltliche fein und jedweder reli­giöse Geist daraus verbannt werden. Der Erlaß der Firma Holle, der den Sozialdemokraten die Mitglied­schaft im Schulvorstand unmöglich macht, ist ein ver­fassungswidriges, krasses Ausnahmegesetz Der Redner polemisiert wider den Stolberger Kreisschulinspettor Matthes, dem Juds seine Nichlbestätigung zu verdanken habe und der „wie ein Alb auf die Lehrerschaft des Streifes laste". Der Redner streift ferner die Dis­ziplinierung eines Lehrers wegen einer Kriegervereins­rede — eine Disziplinierung, die vielleicht wegen des Byzantinismus des ersten Teiles der Rede zu recht­fertigen gewesen wäre — und die Zurückstellung eines anderen Lehrers, weil er „Bravo!" zu dieser Rede ge­rufen habe. „Bravo!" dürfe man allerdings nur zu Kriegerveremsreden Eulenburg'scher ober Pappenheim- scher Prägung rufen. lHeiterkeit. Zuruf des Abg. v. Pappenheim.) Ach, Herr v. Pappenheim, ich kann noch so laut sprechen. Sie bleiben ja boch politisch taub. (Heiterkeit.)

Herrenhaus.

Sitzung vom 27. April 1909.

Das HauS nahm das Psarrbesoldungsgesetz für evangelische Geistliche ohne Debatte unverän­dert an. — Der Gesetzentwurf bett, das Dienstein­kommen der katholischen Pfarrer wurde aus An­trag des Fürstbischofs Kopp en bloc angenommen.

Er folgt die Beratung der

Besoldungsordnung.

Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben: Ehe wir in die Beratung der Vorlage eintreten, bitte ich um die Erlaubnis, namens der Staatsregierung eine kurze Erklärung abgeben zu dürfen. Am Sonntag vor acht Tagen hat in Berlin, von einem interessterenden Zettungsunternehmen veranlaßt, eine große B erf a m Ta­lung von Beamten stattgesunden, die sich mit der Besoldungsordnung und dem Verhalten der Regierung und des Abgeordnetenhauses und Herrenhauses gegen­über der Besoldungsvorlage beschäftigt hat. Ich glaube, wir werben alle darüber übereinstimmen, daß den Beamten das Recht nicht beschräutt werden foll, ihre Interessen zu vertreten, und daß wir auch ein sreies Wort der Kritik gern gestatten wollen, aber die Form, wie dort an der Vorlage der Staatsregierung und an dem Verhalten des Abgeordnetenhauses und Herrenhauses Kritik geübt worden ist, muß als durch­aus ungehörig unb unznlässtg bezeichnet werden. (Sehr richtig! unb lebhaftes Bravo l) Die Beamten haben sich versündigt gegen den guten Geist bes Beamtentums. Das ist aber nicht der Aus­druck bes Gros der Beamtenschaft. Wir werden nicht dulden, daß die Disziplin der Beamtenschaft durch einige Beamten untergraben wird und damit eines der Fundamente des Staates erschüttert wird.

liebet dieBerhandlungen bet Kommission berichtet Dr. Schmieding, der gleichfalls auf den Berliner Beamtentag ausführlich eingeht. Der Ton auf- dieser Versammlung war bet deutschen Beamten­schaft unwürdig. Gegen Beschlüsse, wie sie auf dem Beamtentag gefaßt wurden, die nahezu einer Verge­waltigung des Landtages gleichkommen, muß protestiert werden. — Die Kommission hat zwei Resolutionen angenommen. Die eine will mit Einführung der neuen Besoldungsordnung es an allen Höheren Unterrichts- anstallen angestellten Lehrpersonen zur Pflicht machen, ohne besondere Vergütung so viele Unterrichtsstunden zu erteilen, wie es die betreffende Anstatt erfordert, und die sogenannten bezahlten Ueberstunben abschaffen. In ber zweiten stimmt bas Herrenhaus bem vom 316« geordnelenhaufe angeroanblen System ber Gleich- stellung ber akademisch gebildeten höheren Beamten im Enbzehatt aus grundsätzlichen Bedenken nicht zu.

Oberbürgermeister Dr. Lentze-Magdeburg bean­tragt, die Zulagen für Regierungstäle nur zu geben, wenn diese gehobene Stellen ausfüllen. Die Herrenhaus- kommisston Hal diese Beschränkung gestrichen.

Finanzminisiet Freiherr v. Rheinbaben spricht sich für den Antrag aus.

Dr. v. Dziembowski begründet einen Vermitte­lungsantrag, die Zulagen dem dienstältesten Drittel bet Regierungsräte zu gewähren. Das System ber ge­hobenen Stellen müsse nach Möglichkeit vermieden werden.

JustizMinister Beseler befürwortet den Antrag ßcn

Minister des Innern v. Moltke rechtfertigt das System der gehobenen Stellung. Es bestehe bereits und stelle ein Entgegenkommen gegen die bevorstehende Reform der inneren Verwaltung dar.