Einzelbild herunterladen
 

Zuldaer W Zeitung

36. Jahrgang.

Fulda, Montag den 26. April 1909

je 93.

monatidellage: „Kssdatt Geschichtsblätter"

Erscheint täglich mit Aurnahme der So.m* «»dLeiertagr.vi«rtrl- iährNch«vrz«grpr«is ohne vringerlshn «nd vest«Lgeldin8«ldaso- witmuroSrte 1.50 Bit.

Verantw. Redakteur: LarlZchLttei

Anzrigrnr Vie eto» spattige Petitzeile oder deren Bannt ZS pfg. Reklamendiepetitzeile 25 pfg., bei Wieder­holungen wird entspr. Badatt gewährt.

Botationrdruckund Verlag der Kuldaer Ak- üeadruckerei in Zulda Fernsprecher Br. 9.

A.pa^ll?in§ul'da. wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

Erstes Matt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 24. April 1909.

Die erste Beratung des Gesetzentwurfs betreffend Abändernug deS Strafgesetzbuches

wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Müller-Meiningen (ftf. Bp.) erklärt sich mit der Tendenz der Vorlage einverstanden, wünscht aber noch weitere Herabsetzung der Strafen für Dieb- K aus Not und schließt sich bezüglich der Einschrän- deS Wahrheitsbeweises den Ausführungen des Abg. Sngelen an. Redner hält die Bestimmung der Vorlage über den Tatbestand der Erpressung sür eine iBerschlechterung und hat deshalb schwere Bedenken 'gegen dieselbe. Eine klare Fasiung oer einzelnen Be­stimmungen werde Aufgabe der Kommission sein.

Abg. Dr. Faßbender (Z.) bespricht eingehend an der Hand eines umfassenden Materials die Frage der Kinoermißhandlungen. Es handelt sich darum, die Novelle so zu gestalten, daß alle Fälle erfaßt wür­den. Die Abschreckungstheorie könnte hier die besten Erfolg, zelligen. Eine Beunruhigung der Lehrer, daß sie wegen Kindermißhaudlungen vor Gericht gestellt ^werden könnten, selbst wenn sie sich bei ihrem Züchti- gungSrecht in vernünftigen Grenzen halten, ist nicht Notig. Das will die Vorlage nicht, sie will eine ver­nünftige Anwendung des Züchttgunasrrchts in keiner Weise treffen. Redner beantragt schließlich Verweisung der Vorlage an die Justizlommission.

i Abg. Heckscher (ft. Bgg.) erklärt sich gleichfalls mit der Tendenz der Vorlage einverständen, wünscht nur eine Erhöhung der Strafen für Kindermißhandlungen.

Abg. Hormann (ftf. Vp.) schließt sich den Aus­führungen der Vorredner an.

Abg. Dr. Frank-Mannheim (Soz.) verlangt, daß mch in den Schulen den Lehrern verboten sein müsse, ite Schüler zu prügeln. Bezüglich der Bekämpfung >er sogenannten Revolverpresse ist Redner, der auch >ie Bekämpfung derselben wünscht, der Meinung, daß >ie Vorlage nicht den richtigen Weg einschlage.

Staatssekretär Nieberding betont nochmals, daß die Regierung mit der Einschränkung des Wahrheits­beweises nicht auf hochstehende Personen Rücksicht nehmen wolle.

Abg. Kirsch (Z.) warnt davor, auf Grund von Zeitungsberichten über Gerichtsverhandlungen eine Erhöhung von Strafen zu fordern, sowie vor der all­gemeinen Revision des Strafgesetzbuchs einzelne Delikte herauSzugreifen und die Strossen dafür zu erhöhen oder zu vermindern, und sich hierfür zu sehr das Ausland zum Muster nehmen. Im weiteren macht Redner aus die Bedenken aufmerksam, die sich bei den geplanten Aenderungen des Beleidigungsparagraphen, speziell bei der Bestimmung, wonach bei privaten Angelegenheiten die Erhebung des Wahrheitsbeweises von der Zu- ftimmung des Beleidigten abhängig gemacht werden oll, echeben. Hoffentlich gelinge es in der Kommission, eine einwandfreie Lösung zu f&ben.

Abg. Wölzl (ntl.) bedauert, daß die Frage der .Bekämpfung der Prostitution nicht auch im Rahmen der Vorlage ihre Regelung gefunden habe.

Staatssekretär Dr. Rieberding erwidert, daß sich die Regierungen über die Form der Regelung dieser Diatrrie noch nicht schlüssig geworden seien.

Abg. Seyda (Pole) spricht sich gegen d,e Bestim­mung über die Beleidigung und auch gegen die Er­höhung des Strafmaßes in diesem Punkte aus.

Abg. Kölle (wirtsch. Bgg.) fordert bei besonders schweren Kindermißhandlungen den Verlust der bürger­lichen Ehrenrechte, ist aber im allgemeinen mit der Vorlage einverstanden, hätte nur gern auch eine Reform des 8 193 (Wahrnehmung berechtigter Interessen) ge- sehen.

Damit schließt die Diskussion. Die Vorlage wird <m die Justizkommission verwiesen.

Montag: Zweite Beratung deS Gerichtsverfassungs- i grsetzes. ____________________________________________________

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 24. April 1909.

|wt Beratung stand zunächst der Gesetzentwurf send benBergbaubetrieb ausländischer

juristischer Personen und den Geschäftsbetrieb außerpreußtscher Gewerkschaften.

Handelsminister Delbrück: Nach dem geltenden Recht bedürfen ausländisch, juristische Personen zum Erwerb von Grundstücken der staatlichen Ge­nehmigung. Die gleiche Bestimmung besteht bezüglich des Erwerbs von Bergwerkseigentum nicht. Deshalb ist es etwünscht, daß dies« Bestimmungen auch auf diHenigen ausländischen Personen, die Bergwerkseigen­tum erwerben, ausgedehnt werde.

Abg. v. Kessel (tonf.) erklärte, daß feine Freunde mit der Tendenz des Entwurfes einverstanden feien.

Abg. Dr. Hager (Zentr.) hat Bedenken, da das Gesetz unter Umständen Repressalien von Seiten des Auslandes und Unzuträglichketten mit den außerpreußi- schen Bundesstaaten herbeiführen könne.

Abg. LusrnSky (natl.) ftimmt der Vorlage im wesentlichen zu und schließt sich bezüglich einzelner Schwierigkeiten den Ausführungen des Vorredners an.

Nachdem Abg. Dr. v. Woyna ifteikons.) sich gleich­falls mit den Tendenzen des Entwurfs einverstanden erllärt hat, wird die Vorlage an eine Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen.

Es folgte die Fortsetzung der ersten Beratung des Antrags v. Böhlendorf-Kölpin (kons.) betr.

Abänderung der KreiSordnnng

für die Proomzen Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien und Sachsen, in Verbindung mit dem Antrag Aronsoh« (fteis. Bp.) betr.

Abänderung deS Kreistagswahlrechts und Sßitrag Dr. Porfch (Zentr.) betr denselben Gegen stand.

Abg. Gytzling (fteis. Vp.) begründet den Antrag Aronsohn, der die Regierung ersucht, baldmöglichst einen Gesetzentwurf vorzulegen, der eine Abänderung der KreiSordnung Herbeiführt, insbesondere dahin, daß das Wahlrecht zum Kreistage entsprechend der ver­mehrten Bedeutung der Stadt- und Landgemeinden sowie von Industrie und Gewerben abgeändert wird.

Abg. Dr. Hager (Ztr.) begründet den Antrag Dr. Porsch, der die baldmögllchste Vorlegung eines Gesetzentwurfs verlangt, der unter möglichster Wahrung der bestehenden Grundlagen eine Abänderung der Pro- vinziab- und Kreisordnung herbeiführt, dahin, daß den verschiedenen Bevölkerungsklaffen (Stadt und Land, Industrie und Grundbesitz) eine angemessene Vertretung besser als bisher gesichert werde. Redner führt aus, eS sei vor allem bedauerlich, daß die Provinzialland­tage sehr stark mit Landräten durchsetzt seien. Weiter sei eine Erweiterung des Wahlrechts für die Wahl- klassen des größeren ländlichen Grundbesitzes in Er­wägung zu ziehen. Bezüglich der Forderungen des Antrags Böhlendorf sei seine Partei der Ansicht, daß dies nicht durch königliche Verordnung, sondern durch Gesetz zu geschehen habe.

Abg. Lusenskh (natl.) wünscht, daß bei der Kom­missionsberatung das vom deutschen Handelstage ge­sammelte Material einer eingehenden Berücksichtigung unterzogen werde.

Abg. Dr. v. Wohna (frt): Es ist verfehlt, wenn man den Kreistagen den Vorwurf der Klassenherrschaft machen wollte. An dem Grundsätze, daß die Leistungs­fähigkeit und das Maß des Interesses der Insassen für ihre Vertretung maßgebend sei, muß sestgehalten werden.

Abg. Graf Clatton b'Haussonville (kons.) schließt sich dem Antrag auf Kommst fionsderatung an.

Nach kurzen Bemerkungen der Abgg. Thum (ftf. Bp.) und Dr. Beumer (natl.) schließt die Diskussion.

Die drei Artträge werden an die Gemeindekom­mission verwiesen.

Nach kurzer Debatte wurde dann ein erweiterter Antrag des Abg. Grafen Prafchma (Ztr.) betr. Ge­währung von Notstandstarif en für Streu- und Futterstroh angenommen.

Em« Reihe von Petitionen wurde nach den Beschlüffen der Kommission debattelos erledigt.

Eine Petttion des Handwerksmeistervereins in Groß-Ottersleben um Einführung der geheimen Stimmabgabe bei Landtags- und Kam« munalwahlen wird entsprechend dem Antrag Aron- fohn (fts. Vp.) nach Befürwortung durch den Abg. Hager (Ztr.) der Regierung zur Berückstchttoung über­wiesen.

Montag: «ultusetat.

+ Ein Ultimatum an die Regierung, nennt die „Nationalztg." die Erklärung der kon­servativen Partei, daß sie die Erbanfallstener ebenso wie die Nachlaßsteuer endgültig ablehne und den Besitz durch eine Reichswertzuwachssteuer zu den Mehrlasten des Reiches Heranzuziehen ge­denke.

Es hat in der Tat den Anschein, daß dre Kon­servativen in der Frage der Nachlaß- und Erbau- fallsteuer ihr letztes Wort gesprochen haben. Die ganze liberale und gouvernementale Presse ist darob in größte Entrüstung geraten. Wir fragen uns verwundert, warum? Bisher galt es doch als Grundsatz konstitutionellen Regimes, daß die Volksvertretung bezw. die einzelnen Parteien nach bestem Wissen und Gewissen zu den Vorlagen der Regierung Stellung zu nehmen haben, sie auf Grund ihrer reiflichen Prüfung mit Rücksicht auf die Notwendigkeiten des Staates einerseits, die Interessen des Volkes andererseits annehmen, abändern, eventuell auch ablehnen. Daß die Freunde einer bestimmten Vorlage ärgerlich sind, wenn eine Partei, deren Zustimmung sie erhofft haben, diese Erwartung zu Schanden macht, ist ja begreiflich; aber sie müssen doch so viel nüchter­nes Urteil und so viel Rechtlichkeitssinn bewahren, daß sie die verfassungsmäßigen Rechte auch der Gegner anerkennen. Die Liberalen hätten um­so mehr Grund dazu, als sie selbst doch zuerst für sich dieses Recht in Anspruch genommen haben, als sie das Branntweinmonopol oblehnfin, und sie würden es sich vermutlich entschieden verbitten, wenn man ihnen deswegen einen Vorwurf machen wollte.

Die liberale Presse denunziert das Vorgehen der Konservativen weiterhin auch als eine per­sönliche Feindseligkeit gegenüber dem Für­sten Bülow. Wenn das der Fall ist, so trägt aber allein Fürst Bülow selbst die Schuld daran. Er als konstitutioneller Minister, als den er sich so gerne rühmt, weiß doch auch, daß die Par­teien das Recht selbständiger Stellungnahme zu den Vorlagen der Regierung haben. Er muß also auch mit einer eventuellen Ablehnung rech­nen ,und wenn er für eine bestimmte Vorlage sich in einer Art einsetzr, daß deren Ablehnung als persönliche Unfreundlichkeit ihm gegenüber erscheint, so hat er vernünftiger Weise die Folgen davon selber zu tragen. Es berührt wirklich recht sonderbar, dieselben Leute, die immer als Hort und der Volksrechte sich rühmen, in der Situation zu sehe», daß sie als höchstes Recht und erste Pflicht der Parteien erklären, so zu tanzen, wie der leitende Staatsmann pfeift.

Zu Vorwürfen gegen die Konservativen wäre vernünftiger Weise nur dann Anlaß, wenn ihr Verhalten bie, Heranziehung des Besitzes bei der Finanzreform unmöglich machte. Dies ist aber absolut nicht der Fall. Dem Gedanken der Reichswertzuwachssteuec kann man unseres Erachtens in allen politischen Lagern zustimmen. Wir sind gewiß, daß jedweder Mann im Volke, wen man auch fragen möge, es für gerechter fin­den wird, daß die Summen, die jemand unver­dient in die Tasche steckt, besteuert werden, als das Erbe, das der Familienvater seinen Kindern hinterläßt, nachdem er es mit saurem Schweiße er­worben.

Deutsches Keich.

** Berlin, 25. April 1909. Eine Novelle zu den deut scheu Urheberrechts.Gesetzen, die den Schutz literarischer bezw. musikalischer Werke gegen kinematographische,phonographische rc. Darstellungen bezweckt, wird im Reichs-Juftizamte ausgearbeitet werden. Es dürste dabei auch die Frage der Ausdehnung der Schutzfrist des Urheber­

schutzes von 30 auf 50 Jahre von neuem erörtert werden. — Dem Reichstage ist jetzt der Entwurf eines Gesetzes betr. die zollwidrige Verwen- düng von Gerste zugegangen. Nach dem Ent­wurf ist es verboten, Gerste, die bei der Einfuhr in das deutsche Zollgebiet zu einem niedrigeren als den für Malzgerste bestehenden Zollsatz ver­zollt worden ist, als Braugerste zu verwenden.

** Das Kaiserpaar machte am Samstag vom Schloß Achilleion aus eine Fahrt in Pinaffen zur Insel Pontikonisi, der durch das bekannte Bild Böcklins als „Toten-Jnsel" bekannten Nachbarinsel Korfus.

* Die Konferenz der einzelstaatlichen Finanz­minister mit dem Reichsschatzsekretär über den Ersatz für die ausfallende GaS-, Elektrizitäts­und Jnseratensteuer hat noch zu keinem defini­tiven Ergebnis geführt, doch ist es laut,Franks. Zeitung/ wahrscheinlich, daß man sich auf eine Erhöhung des Kaffeezolles einigt. Wenn dieser 35 Millionen Mark mehr einbringen soll als bisher, so wird man die Steuerschraube recht kräftig andrehen müssen, denn der Kaffeever­brauch ist unter der Konkurrenz des Tees und namentlich des Kakaos erheblich zurückgegangen.

** Die Finanzkommission des Reichstages beschloß am Samstag nach sehr erregter Geschäfts­ordnungsdebatte, die Beratung über den Gesetz­entwurf betr. den Zwischenhandel des Reiches mit Branntwein zu unterbrechen und in der nächsten Sitzung zunächst über den konservativen Antrag betr. Zuführung einer Reichswert­zuwachssteuer zu beraten.

)( Beamtenmaßregelungen. Vor einigen Tagen ist gegen den Vorsitzenden des Verbände- der mittleren Reichs-, Post- und Telegraphen« beamten, Oberpostassistenten Z o l li ts ch -Berlin, das förmliche Disziplinarverfahren mit dem An­trag auf Dienstentlaffung eingeleitet worden. Z. wurde vom Amt suspendiert, sein Gehalt wurde bis zur Entscheidung der DiSziplinarkammer um die Hälfte vermindert. Als Grund für dieses Vorgehen wirt) seine politische Haltung an­gegeben, die gegen den § 10 des Reichsbeamten­gesetzes verstoße. Der Vorsitzende deS Verbandes hat nämlich die Verpflichtung der Zensur über die ,Deutsche Postztg/, das Verbandsorgan. Weil er« die Zensur nicht streng genug ausgeübt hat, ist Zollitsch bereits einmal mit einem vollen Monatsgehalt bestraft worden. — Nach der ,Bresl. Ztg/ soll auch gegen den Telegraphen­sekretär Britz in Berlin aus ähnlichen Gründen ein Disziplinarverfahren eingeleitrt sein, ebenso gegen verschiedene Redner in der letzten Berliner allgemeinen Beamtenoersammlung.

* Adel und Bürgertum im Heere. Mit dem Adelsprivileg der Garde (und gewisser de- vorzugter Regimenter) soll nun anscheinend doch gebrochen werden. Wie berichtet wird, geht bie. Strömung im Militärkabinett dahin, daß adlige Offiziere aus der Linie überhaupt nicht mehr in die Garde versetzt werden sollen. Wohl aber ist an die höheren Dienststellen in der Provinz die Weisung ergangen, mit den monatlichen Gesuchslisten regel­mäßig gut qualifizierte bürgerliche Offiziere für die Versetzung in die Garderegimenter vorzuschlagen.

)( Gegen ausländische Redakteure an deutschen Zeitungen soll, wie es heißt, etwas geschehen. Einstweilen sei eine Unter­suchung darüber veranstaltet worden, wie groß die Zahl der Ausländer sei, die in deutschen Redaktionen Einfluß erlangt hätten. — Von der „beteiligten" Preffe, über deren Charakter man

88] Aus dem Englischen von K. v. Ra esse lb»

„Heute morgen noch. Sehen Sie, Elliot, es 'ist ein großer Unterschied zwischen uns, Sie leben Hier auf der Scholle, Ihre Zeit gehört Ihnen; ich habe noch einen sehr wichtigen und eiligen Fall in Schottland zu erledigen, und jede Stunde 'rst mir kostbar. Ich habe das Geheimnis ergrün­det, wozu weiteren Aufschub? Ich verliere mög- richerweise jegliche Fährte in der schottischen As- färe, wenn ich noch länger hier bleibe; überdies, wie gesagt, der Fall hier kann ja garmcht em- ffacher sein. Es ist ganz klar, daß diese Miß West raten Sohn gehabt, und daß ihre Schwester, Lady Wayne ihr Geheimnis kennt; ob nun dieser er­mordete, junge Mann auf Grund seiner Mitwis­

senschaft sich Mylady gegenüber etwas herausge­nommen hat, kann ich nutzt sagen — glaube aber wohl, daß die Sache sich so verhält. Das werden wir übrigens ja sehen, ich hcche bisher sehr selten meine Vermutungen als irrig befunden."

Und Herr Sinclair richtete sich stolz aus und »wirbelte mit großem Selbstbewußtsein seinen ^Schnurrbart.

Langsam schlenderten sie dann die Linden- f Allee hinunter auf das Schloß zu. Die Vögel pfiffen und zwitscherten in dem saftigen ftischen 'Grün der gewaltigen Baume, die dies Mal im Mchten Morgenwinde säuselten und rauschten. Die Schönheit und Anmut des Morgens schienen Mr. Sinclair zu erfreuen und erheitern; er pfiff hergnügt vor sich hin; Sergeant Elliot dagegen wurde von Minute zu Minute gedrückter und tßtedergeschlagener.

Zusammen betraten sie die Halle.

# „Es ist nicht nötig, mein Inkognito noch län­ger aufrecht zu halten", bemerkte Sinclair; „der iigentliche Zweck meinet Anwesenheit hier wird öchstwahrscheinlich bis heute mittag doch bekannt !tn."

Der Diener führte sie in Lord Wayne's Ar­beitszimmer, woselbst Herr Sinclair nervös von Stuhl zu Stuhl tänzelte. Sergeant Elliot saß mit gerunzelter Stirn und in tiefen Gedanken, augenscheinlich kämpfte er mit einem Entschlüsse.

„Ich kann nicht", dachte er; „mag es hun­dertmal unmännlich, unberufsmäßig sein — aber ich kann sie nicht mit kaltem Blute verfolgen und aufipüren und dann ruhig dabeistehen, wie ihr die Schlinge gelegt wird. Jeder weiß doch sonst, wenn das Netz sich dicht und dichter um ihn zu- sammenzieht, warum sie nicht?"

Er verließ unter einem Vorwande das Ar­beitszimmer, riß in einem Winkel der Eintritts- Halle ein Blättchen aus seinem Notizbuche und schrieb hasttg mit Blei in verstellten Zügen dar­auf:

„Mylady, ein Freund sendet Ihnen diese Warnung. Verlassen Sie Kenninghall sofort; um Mittag ist es zu spät."

Er steckte das Blättchen in ein Kuvert, das er sehr sorgfältig verschloß, dann begab er sich in die Nähe der Küche, wo ihm alsbald ein Dienst­mädchen in den Weg lief.

„Ich habe den Türhüter gespielt", sagte ec zu rhr, „es scheint, daß die Herren Diener heute sämtlich abwesend find. Hier, dies hat ein Frem- der für Lady Wayne gebracht. Es sollte ihr sofort übergeben werden; besorgen Sie es gleich. Sie sagen am besten kein Wort davon, daß ich es an­genommen habe, sonst reiten Sie noch einen der Diener in die Tinte."

Das Mädchen, das ihm auf's Wort glaubte, begab sich sofort zu Lady Wayne. Die Herrin von Kenninghall saß in ihrem Zimmer und schlürfte ihre Morgen-Chokolade.

Mylady öffnete die Mitteilung, und zorniges Erstaunen malte fich in ihren schönen Zügen, als sie den Inhalt las.

„Wer hat dies gebracht?" fragte sie scharf.

„Ein fremder Mann, Mylady, und es sollte Ihnen direkt gegeben werden."

„Wissen Sie nicht, wer es war?" fragte sie ungeduldig.

„Nein, Mylady, es ist nichts dabei bestellt worden, als nur, daß es Ihnen gleich gegeben werden sollte."

„Es ist gut." Das Mädchen verschwand schleu­nigst.

„Verlassen Sie Kenninghall — am Mittag ist es zu spät — welcher Unsinn, welche Unverschämt­heit l Wer untersteht sich, mir so etwas zu schrei- den? Was habe ich zu fürchten?"

Dann, als sie ruhiger zu überlegen begann und die erste zornige Regung vorüber war, sehnte sie sich nach Marian, um mit ihr über diese merk­würdige Warnung zu sprechen, — Marian, die ihr Trost und Rat in jeder Unannehmlichkeit ge­wesen. Sie klingelte und fragte, wo Miß West sei, und erfuhr, ihre Schwester habe ihr Zimmer noch nicht verlassen.

„Bitten Sie Miß West zu mir, ehe sie nach unten geht", sagte sie. „Ich habe etwas Dringen­des mit ihr zu besprechen." —

Inzwischen war Lord Wayne gemeldet worden, er werde in seinem Arbeits-Kabinett zu sprechen gewünscht. Während des Frühstücks an diesem Morgen war er etwas beruhigter und glücklicher gewesen. Er hatte darauf bestanden, daß seine Gattin heute in ihren Gemächern bliebe, und Elsie hatte so fröhlich und munter mit ihm ge­plaudert, daß seine gedrückte Stimmung sich fast unmerklich aufgeheitert harte.

„Wir befinden uns augenblicklich in einer Art Sonnenfinsternis, Papa", sagte sie, „aber die Sonne, weißt Du, scheint nach der Finsternis ja Heller, so wird's auch bei uns gehen. Wir können dem armen Mann das Leben nicht wiedergeben, aber wir können die arme Mutter ja reich machen und vor allen Sorgen schützen. Mama wird auch bäld ganz wieder besser, und wir werden dann diese düsteren, ungemüllichen Tage bald verges­sen, nicht wahr?"

„So Gott will, gewiß", verfitzte Lord Wayne, ..ich erinnere mich aber nicht, Kenninghall ie au-

vor unter einer sogenannten Sonnenfinsternis ge­sehen zu haben. Sonnenschein ist mir doch lie­ber, Elsie."

„Mir auch, aber was einmal nicht zu ändern ist, muß man mit gutem Mut ertragen", lachte sie silberhell zurück.

Die Tür öffnete sich, und der Diener meldete Lord Wayne, Mr. Sinclair warte in seinem Ar­beitszimmer auf ihn. Mylord runzelte bei die­sem Namen ungeduldig die Stirn.

„Ich bin in zwei Minuten da", sagte er.

Als der Diener das Zimmer verlassen, wandte er sich wieder an seine Tochter.

„Ach, Elsie, mein Liebling, Du glaubst nicht, wie schnlichst ich wünsche, diese unglückliche Ge- schichte wäre erst vorüber und zu Ende. Kenning­hall wird für mich nie wieder das sein, was es früher war, jetzt, wo dieser rote Fleck eines Mor­des auf der Schwelle liegt."

Sie schlang zärtlich die Arme um seinen Nacken und erhob das süße Gesicht zu ihm.

„Es wird bald alles vorüber sein, Papa, und wie werden wir uns alsdann des Hellen Sonnen­scheines wieder freuen 1"

„Warte hier ein Weilchen auf mich, Elsie", sagte Lord Wayne sich erhebend, „Du kannst mir nachher bei der Sichtung einiger Papiere behülf- lich. sein."

Er verlieh das Gemach mit einem Lächeln auf den Lippen. Als er seine Tochter wiedersah, waren seine Lippen wie versteinert, und aller Frohsinn in seinen Zügen wie erstorben.

Die beiden Männer erhoben sich achtungsvoll von ihren Sitzen, als er hereintrat; das erste, was er bemerke, war der sonderbare gezwungene Ausdruck tn Sergeant Elliot's Gesicht.

„Guten Morgen", sagte er freundlich. „Es ift hoffentlich nichts Unangenehmes, was meine Gegenwart erfordert?"

„Wir haben einen Schlüssel zu dem Geheim­nisse", sagte Herr Sinclair mit Nachdruck, „einen Schlüssel bezüglich der Person, die den Mord be- aanaen."