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3.SÜÄV w«ch«-deri°s-: „rllusttierte Sotmtagsjcttmg"
36. Jahraanq
Fulda, Samslaq den 24. April 1909.
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Zweites Ißlatt
□ Eine Schmarotzerstener.
Rach glaubwürdigen Mitteilungen wird der Bundes rat bei feinen soeben begonnenen Arbeiten in den .Ersatzsteuern" für die abgelehnien Projekte auch die Steuer auf den unverdienten Wertzuwachs der Grundstücke in Erwägung ziehen. Gleichzeitig haben vorgestern die Konservativen beschlossen, diese Steuer zu bean- tragen, mit der weiteren Bestimmung, daß sie auch auf Wertpapiere ausgedehnt werden soll.
Für die Reichssteuer auf den unverdienten Wertzuwachs sprechen sehr viele Momente. Sie ist eine Schmarotzersteuer. Sie trifft Gewinne, die aufKostenderGesamtheit von einzelnen
nicht daran denken, den zum Gegenschlage ausho- lenden Jungiürken auch nur den allergeringsten Widerstand entgegenzufetzen. Es hat sich heraus- gestellt, daß die Stellung der Jungtürken m den europäischen Landest eilen viel fester rst als man angenommen hatte. Die Folge davon war, daß die Jungtürken in musterhafter Ordnung rhre Truppen aus der Provinz, besonders aus den Städten Salonik und Adrianopel, in kurzer Zeit vor den Toren Konstantinopels zusammenziehen konnten. Wahrscheinlich wird also auch weiterhin das Jungtürkentum der Inhaber oder lveuigstens die Hauptstütze der türkischen Regierrmgsgewalt bleiben. Nur werden sich die Jungtürken die Lehren der Militärrevolten zu Herzen nehmen und werden auf die religiösen Grundlagen der • leicht zu Fanatismus neigenden mohammedani
schen Bevölkerung in weitergehendem Maße Mick- sicht zu nehmen haben als bisher. Die Hauptfrage ist augenblicklich, was mit dem Sultan werden wird. Ausgeschlossen ist es nicht, daß die neuen Erschütterungen ihn von feinem Thrönchen schütteln werden und daß er in seinem von ihm nicht geliebten Bruder Reschad einen modernen Idee» zugänglicheren Nachfolger finden wird. Die größte Gefahr, besonders für die große eure» päische Politik, nämlich die einer Intervention der Mächte oder eines Krieges der kleineren Balkanstaaten Bulgarien und Serbien, scheint glücklich vermieden zu sein. Das entspricht besonders den Wünschen des deurschen Reiches, und Oesterreich- Ungarns. Auch zwischen der T ü r k e i u n d B u l- garien ist man bei all dem Wirrwarr zu einer Einigung gekommen; nur die Orientbahafrage steht noch aus. Auch sonst find die größeren Balkanwirren, an denen Oesterreich beteiligt war, ihrer Lösung einen weiteren Schritt näher gekommen, indem England, und nach einigen Tagen ihm folgend Frankreich und Rußland die österreichisch! Anuerion der Provinzen Bosnien und der HerzegÄvina formell und endgültig anerkannt hab«r.
In diesen Tagen machte ein kleiner Balkanstaat von sich rebeit, von dem man sanft — ein gutes Zeichen — nicht viel hört. In R u m ä- nie ft feierte man des Königs Karol 70. Geburtstag. Zu dieser Feier war auch der deutsche Kronprinz in Bukarest anwesend, und es scheint also, daß eine gewisse Unstimmigkeit zwischen den preußischen Hohenzollern und dem Hohenzollern auf dem rumänischen Throne nunmehr geschwunden ist. König Karol hat den rumänischen Thron seit 1866 inne und hat es in dieser Zeit durch eisernen Fleiß und unbeugsamer Energie fertig gebracht, aus einem in militärischer, wirtschaftlicher, finanzieller, sozialer und politischer Bezieh- ung vollständig verlodderten Staatswesen den musterhaftesten der kleinen Balkanstaaten zu schaffen.
wechselnd Putsche und Gegenputsche geben, bis die morsche Herrlichkeit zusammeubricht und das alte Reich dem eiugeleiteteu Zerfetzungsvrozefie erliegt. Was wir zu fürchten haben, ist nur die Rauferei um die Hinterlassenschaft, in die auch unsere Freunde verwickelt werden können und am Ende wir selbst mit ihnen. Darum wünschen wir dem kranken Mann im Osten eine langsame Auflösung.
Unserem holländischen Nachbarn dagegen widmen wir die lebhafteste Teilnahme und die herzlichsten Glückwünsche. Erstens vom menschlichen Standpunkt, da es ja ein wahrhaft erbaulicher Anblick ist, die ganze Bolkssamilie so innig verschmolzen zu sehen nut der Königsfami- lie und die gespannte Erwartung von Millionen vor der augenblicklich noch leeren Wie^e zu beobachten. Zweitens auch vom politischen Standpunkt. Es gibt freilich, noch manche Holländer, die da glauben, der deutsche Adler Taure auf die niederländische Beute. Es ist nicht so. Wannn sollte das Deutsche Reich lüstern sein auf diesen Bisten, der freilich recht fett, aber doch sehr schwer verdaulich wäre? Wir fahren sa ganz gut bei einem selbständigen Nachbar Holland. Einer fremden Macht würden wir es freilich nicht gönnen: aber für unsere Jntereffen brauchen wir nichts weiter, als daß ein unabhängiges Holland mit uns freundliche Nachbarschaft hält. Das wird am besten gewährleistet, wenn die Krone sich regel- redjf in dem angestammten Königshause weiter vrerbt.
Republiken gibt es nicht blos in der neuen Welt, sonder« wach Europa hat seit bald 40 Jahren in Frankreich ein großes republikanisches Muster vor Augen. Das Muster ist aber keineswegs von großer Lockkraft. Im Gegenteil: es scheint trotz cckler modernen „Kulturfortschritte" sich ringsumher die Ansicht zu behaupten und zu verstärken, daß ein Volk am besten führt, wenn eine angestammte Dynastie an der Spitze steht und mit der berufenen Volksvertretung zusammen das Wohl des Landes stetig pflegt. An Stelle der republikanischen Tyrannen hat man lieber Landesväter und Landesmütter von Gottes Gnaden.
Auch die geimötlichen Beziehungen zwischen der angestammten Herrscherfamilie und der staatsbürgerlichen Familie haben einen großen Wert. Zu den zeitweiligen Machthabern in einer Republik entwickelt sich niemals ein so patriarchalisch-gemütliches Verhältnis, wie es zur Zeit in Holland sich in der schönsten Blüte zeigt.
Die Voraussetzung dafür ist freilich die, daß in den Herrscherhäusern auch ein richtiges Familienleben auf christlicher Grundlage besteht, in welchem die bürgerlichen Familien ihr eigenes häusliches Ideal verkörpert finden. In dieser Beziehung kann man glücklicher Weise den gegenwärtigen Herrscherhäusern ein gutes Zeugnis ausstellen. Ja, es wäre sehr zu wünschen, daß gewisse Kreise von „Bildung und Besitz", in welche die moderne Kinderscheu und sonstige zersetzenden Unfiff2 sich einzuschleichen beginnen, an den hohen Herrschaften sich ein Muster nähmen.
Vom „Jahrhundert des Kindes" haben frei- geistige Phrasendrescher uns viel vorgeredet. Und die Wirklichkeit belehrt uns mit beängstigenden Zahlen, daß immer mehr die feige Selbstsucht Boden gewinnt, die sich der Mühen und Sorgen um den Nachwuchs entsö^agen möchte. Sie machen sich ein Schreckgespenst aus der angeblichen Last, die den Eltern das Kind bereitet, und sehen hinweg über die Hobe und heilige Lust, die aus der aufblühenden Nachkommenschaft den Eltern ersprießt. Freude, die von keiner anderen irdischen Wonne übertroffen werden kann, und ein S e g e n für die Eltern, dec durch nichts anderes erseht werden kann. Dre Kinderstube ist ein wahrer Jungbrunnen für die Alten. Angesichts der Schnsucht, mit der ein ganzes Volk einen kleinen Sprößling erwartet, fei zunächst ein Herzlühes Mitgefühl gewidmet den kinderlosen Ehepaaren, die vergebfich nach der Erfüllung ihres heißesten Wunsches sich sehnen, und dann möge ein warmer Dank emporsteigen von allen jenen häuslichen Herden, an denen kleine Sprötz- linge heranwachsen. Mag die Aufgabe der Eitern manchmal schwer fein, es ist doch eine lohnende Aufgabe, und sie dürfen sich sagen, daß sie von vielen Leuten, auch von hohe» urtd retchen, mit Recht beneidet werden.
Die hessische WahkrechtHvsrkage.
<P Darmstadt, 22. April 1909.
Mit der vor einigen Tagen dem Landtag zu- gegangenen Wahlrechrsvorlage wird der hessische Landtag zum viertcnmale mit dieser gesetzgeberischen Materie beschäftigt, nachdem die früheren Versuche einer Verständigung an dem Widerstand der Ersten Kammer gescheitert find.
Man hegt im Lande allgemein die Hoffnung, daß diesmal endlich die Reform zustande kommen wird. Allerdings bedarf es hierzu eines Nachgebens von beiden Seiten; mit einem eigensinnigen Festhalten an «erfüllbaren Forderungen seitens der Standes Herren ist ebensowenig gedient als mit jenem geräuschvollen Widerstand, den Freisinn und Sozialdemokratie gegen jede Verständigung mit der Ersten Kammer vcrbe»
Erscheint täglich mtt Ausnahme der §o.m- «ndZelertageViertel- jährlicher Yrzugspreir ohne vringerlohn «ud Bestellgeld lnMdaso- Wie aurwärts l.50 M.
Oerantw. Redakteur: «t! Stätte:
reiten. Zentrum, Bauernbündler und Rational- liberale find von dem redlichen Willen beseelt, endlich auf dem Wege einer Verständigung mit der Eisten Kammer dem hessischen Volke das sett Jahrzehnten erstrebte direkte Wahlrecht zu erreichen.
Hierzu sollen bekanntlich die zum Schlüsse des vorigen Landtags zwischen den beiden Gesetzge- bungsausfchüssen vereinbarten GlässingschenKo m- promißvorschlüge die Unterlage bilden. Die Regierung hat in dem ersten Teil ihrer Vorlage jenen Vorschlägen Rechnung getragen, indem sie hinsichtlich der Art. 67 uird 75 der Derfafsungs- utkunde Abänderungen vorschlägt, die sich auf das Zustandekommen des Budgets und der Gesetze beziehen. Es bleibt der ernstlichen Prüfung der in der Wahlrechtsfrage verbündeten drei bürgerlichen Parteien Vorbehalten, ob und toietoeit diese Vorschläge die Grundlage für eine Verftättdigung i in Wahrheit abgeben werden.
Der zweite Teil des Gesetzes handelt do., der Einführung des direkten Wahlrechts und einer Vermehru ng der Wahlkreise. Im Einklang mit der in den letzten Jahrzehnten zu Tage getretenen Zunahme der städtischen Bevölkerung sollen die Städte Mainz, Darmstadt, Offenbach, Worms und Gießen je einen Abgeordneten mehr erhalten, aber auch die Zahl bet ländlichen Mandate soll um drei vermehrt werden. Die Sonderprivilegien, die die kleinen Städte Bingen, Alsfeld und Friedberg haben, die je einen Abgeordneten für sich wählen, werden aufrecht erhalten.
Das direkte Wahlrecht ist an eine Reihe von Voraussetzungen geknüpst. Der Wähler muß zur Zeit der Wahl das 25. Lebensjahr zurückgelegt haben, wenigstens drei Jahre int Großheczogtum wohnen und wenigstens drei Jahre die hessische Staatsangehörigkeit besitzen, auch feit einem Jahre zu einer direkten Staats- ober Gemeindesteuer herangezogen fein.
Endlich enthält der dritte Teil bec Regierungsvorlage eine neue W a h l k r ei se in te i- I u n g. Es befremdet, daß die Regierung, dabei für die Provinz Starkenburg, die vor einigen Jahren in dec gescheiterten Vorlage von den Parteien angenommene bezw. vereinbarte Einteilung der Wahlkreise buchstäblich in ihre nunmehrige Vorlage auf genommen hat, während sie für die Provinzen Rheinhessen und Oberhessen eine völlig veränderte Einteilung auf Grundlage der Amtsgerichksbezirke vorschlägt. Diese letzten Einteilung, bei der insbesondere das Zentrum recht schlecht abschneidet, wird schon um deswillen auf Widerstand im Landtag stoßen, da sie willkürlich die seitherigen Bezirke auseinander reißt und Gemeinden zu einander wirft, die weder wirtschaftlich noch geographisch das Geringste miteinander zu tun haben. Dabei hat aber die Regierung wohl in Voraussicht der gerade der Wahlkreiseinteilung e.ttgege»stehenden Schwierigkeiten den Gesetzentwurf so konstruiert, daß derselbe auch ohne die neue Wcchl- kreiseinteilung Annahme finden kann und die Neueinteilung der Wahlkreise einer späteren gesonderten Beratung und Beschlußfassung unterzogen wird.
Es bleibt abzuwarten, welche Ausnahme die Vorlage im Allgemeinen demnächst im Schoße des Gesetzgebungsausschuffes der zweiten Kammer findet. Bis jetzt schweigen sich die meisten bürgerlichen Organe in Hessen noch aus; die sozialdemokratische Presse, die ja bekanntlich mit ihrem Urteil immer einige Pferdelängen voraus ist, verdammt die neue Vorlage bereits in Grund und
wochen-Nundschau.
s4 Fulda, 23 April 1909.
Der Reichstag hat seine Arbeit am Dienstag wieder ausgenommen, ohne sich zunächst noch mit der Reichsfinanzreform zu beschäftigen. Dafür stand die Reichsfinanzreform beim Empfang der süddeutfchen Deputationen durch den Fürsten Bülow im Vordergrund des Interesses. Die Deputation trug ziemlich offen de.» Stempel der „bestellten Arbeit". Die Herren hatten gar keinen Auftrag, im Namen eines großen Teiles des deutschen Volkes zu sprechen, aber sie gaben dem Reichskanzler die erwünschte Gelegenheit, dem Reichstag gleichsam an der Schwelle seiner Arbeiten nochmals den Standpunkt der Verbün- beten Regierungen darzulegen. Fürst Bülow hat die Nachl'aßsteuec bedingungslos preisgegeben und sich für eine Erbcmfallsteuer ausgesprochen, wie sie schon seit längerer Zeit in der "Presse diskutiert wurde. Run, hoffen wir, daß der Block endlich das große Werk vollbringt.. Bisher Hal er sich mit dem Muudspitzen begnügt. Jetzt ist die Zeit gekommen, da gepfiffen werden muh. Die Kämpfe um die Nachlaßsteuer find zlvac für Bülow günstig verlaufen, aber die Nachlaßfteuer allein ist es ja doch nicht, deren Lösung den Streit beendet. Für die „durchgefollenen" indirekten Steuerprvjekte muß Ersatz geschaffen werden. Was da werden wird, weiß niemand.
Der Hard en Prozeß hat ein weiteres Stadium seiner Entwickelung hinter fich. Das letzte ffeilich ist es noch immer nicht. Harde.» ist, nachdem das erstemal eine hohe Gefängnisstrafe über ihn verhängt worden war, nunmehr ziemlich glimpflich davon abgekommen. 600 Mark Geldstrafe ist recht wenig, und wenn die ungeheueren Kufen nicht dazu kämen, dann könnte Harden wohl von „Sieg" reden. Er wird jetzt Revision einlegen, und "dann wird das Reichsgericht dieses Urteil, das auf Grund eines recht unhaltbaren Verfahrens gefällt wurde, wiederum aufheben. Das Reichsgericht hat e^dem eine Rechtsanschauung vertreten, auf "die hin Harden verurteilt worden ist. Inzwischen aber hat diese maßgebende Rechtsquelle des Reiches seine Ansicht gerade über die in diesem Falle streitige Rechtsfrage geändert. Das Berliner Gericht hat Harden am Dienstag auf Grund der alten Anschauung des Reichsgerichts verurteilt. Das Urteil trägt also, um mit dem Vertreter Moltkes zu reden, die „Wurzeln der Richtigkeit in sich" und wird vom Reichsgericht sich» aufgehoben werden müssen.
Die sranzösische Flotte hat eine böse Woche hinter fich. Es sind durch die Untersu- chungskommisswn skandalöse Zustände ans Tageslicht gekommen; gesprungene Geschütze find noch nicht ersetzt, passende Munition nicht überall vorhanden. Hierüber wird es noch zu sehr erregten Debatten kommen.
Auch m Spanien sind Durchstechereien bei der Marine zutage getreten, obwohl hier der Nachweis, daß die Admiralität daran beteiligt fei, noch keineswegs erbracht ist.
In der Turkei hat die von ben reaktionären Kräften, von der mohammedanischen Geistlichkeit und, wie es scheint, vom Sultan herbeigeführte Meuterei der Konstantinopeler Soldateska gründlich Fiasko gemacht. Bei dec unter den Meuterern nach Entfernung der jungtürkifcheu Offiziere sofort eintretenden Disziplinlosigkeit konnte man
gemacht werden. Sie wird nicht als ungerecht em- Pfunden werden können, und sie wird vor allem nicht drucken, denn sie ist ja nur eure, toenn auch vGleicht nicht besonders angenehme Beglerter- fcheinung sehr erheblicher Gewinne, also einer er freuenden Erscheinung für &enj5teuer3aljier. Die Gewinne, die ohne irgend welches Verdienst und ohne irgend eine Mitarbeit des Grundbesitzers aus dec fortschreitenden Entwickelung des Ortes oder der ganzen Gegend gezogen werden, gehen bei uns alljährlich in die Milliarden. Die Steuer ist also so ausdehnungsfähig tote feine andere; man wird aus ihr schließlich bei gehöriger Heran- ziefiung sehr bedeutende Summen erhalten können und das wird Nicht einmal auf Widerspruch der Volksgesamtheit stoßen: denn je stärker diese (Steuer uncreAogcn toirb, befto beffee ift wie breite Masse, für das Volk als solches. Diese unverdienten Gewinne am Wertzuwachs von Grund und Boden fallen ja doch allen denen zur Saft, die dort wohnen, ihre Werkstätten und Faociken l)a- ben wüsten; sie sind es, die die also gewonnenen Kapitalien verzinsen müssen. Eine kräftige Wertzuwachssteuer übt auf den Spekutationsbrang eine sehr gesunde Hemmung aus. Der ärgste Terrain- schwindel wird mit sehr geringem oder ohne Kapital nemacht. Setzt nun aber eine derarnge Schieb- ung schon größere Kapitalien für Steuern voraus, dann werden wenigstens die verwegensten Elemente aus diesem, „dank" ihrer Mitwirkung nicht in bestem Rufe stehenden Geschäfte verdrängt. So wirkt eine solche Steuer auch an der Gesundung der sozialen Verhältnisse; Technisch stehen ihr keine erheblichen Schwierigkeiten gegenüber und ungerecht kann sie auch niemand nennen.
Die andere Schale der Wage, in der die Gründe für und wider diese Steuer abgewogen werden, ist freilich nicht leer. Zunächst ist hervorzuheben, daß in der so kurzen Zeit, die jetzt noch zur Verfügung steht, eine gesunde Form für die Steuer kaum gefunden werden kann. Sehr viele Gemeinden haben sich ja schon dieser Steuer bemächtigt und sie zu einem tvesentlichen Faktor ihres Haushalts gemacht. Wie sollen diese Gemeinen abgefunden werden? Das ist nicht sehr einfach. Außerdem wird sich die Frage ergeben, wie ein Ausgleich zwischen den, verschiedenen Bundesstaaten zu schaffen s ein würde. Wirtschaftlich besonders rege Geg enden würden damit zu dm Reichslasten unendlich viel mehr beitragen als andere, in denen aber die bestehenden Verhältnisse eine vielleicht größere Wohlhabenheit zeitigen, als sie die wirtschaftlich aufftrebenben Gegenden ihren Bewohnern bieten tonnen.
ner diplomatisch einzuwirken, Zwietracht und Unenifchloffenheit in das Lager der Mocksthaber zu tragen. Der Vormarsch dec Jungtürken bis in die Vorstädte von Konstantinopel ging mit affenartiger Geschwindigkeit vor sich; die Hauptstadt mit ihrem gesamten Inhalt schien wie eine reife Frucht zum Zulangen, auf dem Präsentierbrett vor ihnen zu liegen. Aber dann stockte die Sache: Europa wartete vergebens , einen Tag nach dem anderen auf den Schlußbericht. Wenn die türkischen Bürger nicht durchgehends mit orientalischer Gelassenheit gesegnet teuren, so würden lle nervös werden bei dieser andauernden Unsicherheit über das Schicksal ihres Herrschers, ihrer Krone, ihrer Regierung, ihrer Armee und ihrer ganzen Staatsordnung.
Hier in der Türkei die gespannte Furcht vor einem grausigen Verhängnis, dort in Holland die gespannte Hoffnung auf eine glückliche Bescherung. Hier harrt man vor dem königlichen Schaffst des Henkers, dort vor der königlichen Wiege des Storches.
Die Güter sind ungleich verteilt auf der Erde. In der Türkei hat man einen wahren Ueberfluß an erbberechtigten Prinzen, es wurden neulich 17 aufgezählt. Anwärter auf den Thron find dort alfo in der reichsten Auswahl vorhanden, aber der Thron selber ist kein verkackender Aufenthaltsort. Bei dem scharten Parteitreibm im Land«, bei der Zersetzung des Heeres und den herkömmlichen Ränken am Hofe gehört zur Besteigung des Khalisenthrones ungefähr fo viel Verwegenheit, als zur Siesta auf Dynamitkissen. In Holland steht gerade umgekehrt der Thron recht fest und behaglich in der Treue des bteberen Volkes, aber das geliebte Königsgeschlecht steht auf zwei Augen: ein wahrer Heißhunger nach einem Anerben ist im Lande ausgebrochen.
Was die Tücken in dieser kritischen Zeit tun und lassen werde», kann uns ziemlich kalt lassen. Der schlaue Fuchs, der jetzt um den Rest fernes unfruchtbare» Lebens ringt, verdient kein Mitgefühl, und was das türkisch« Staatswesen anbe- langt, so wird es aller Wahrscheinlichkeit «ach schr gleichgMg sein, ob der Sultan Abdul Hamid oder Reschad oder sonstwie heißt. Es wird ab
Unpolitisch« Seitläufe.
(=> 8e«Un, 22. Ap-il 1909.
(Nachdruck verböte«.)
Europa ist nicht groß; in wenigen Tagen kann man mit dem Schnellzug von Amsterdam nach Konstantinopel fahren. Aber welche Gegensätze trifft man auf einer solchen „Spritzfahrt" vom behagliche« Lande der Mynheers bis zu dem türkifchen Gährbotiich!
In der nordwestlichen Ecke von Europa, m Holland, wartet das ganze Volkheit Wochen in gespannter Hoffnung auf etwas Kleines. Das Land steht unter dem Zeichen des Storches. _ Ein paarmal hat der sonst so menschenfreundliche Vogel mit ber holländischen. Bürgerschaft ein grausames Spiel der Enttäuschung getrieben. Jetzt, so denkt man, soll er alles gut machen. Einen Thronerben braucht das Volk so bilternotwendig, einen kleinen Thronerben t Es kann auch eine Thronerbin fein. Nur ein neues Reis am alten Stammbaum Oranien-Nafsau, damit ein angestammter Träger der niederländischen Krone vorhanden ist. Mit einer Anmasse von niedlichen und kostbaren Geschenken hat das Volk den Thronerben schon vor fein« Geburt überschüttet. Wie wird man das Kind hegen und pflegen und ehren und lieben und verherrlichen, toemt es erst das Licht der Welt ’erblitö bat! Millionen von Herzen hängen an dem kleinen Sprößling, der die Unabhängigkeit des Landes, die Wohlfahrt des Volkes und die Ehre des Staates verkörpern soll.
In der entgegengesetzten Ecke in Europa, in dem südöstlichen Zipfel, ist dagegen ein Würfelspiel um den Thron und den Kops des ölten Herrschers im Gange. Die Jungtürken haben mit ihren Truppen Konstantinopel umzingelt und beraten nun darüber, ob sie den Sultan Abdul Hamid noch einmal begnadigen ober ob sie ihn abfefeen oder ob sie ihm neben der Krone auch noch das Leben nehmen sollen. Und der alte Sünder, dessen Dasein auf dem Spiele steht, fitzt mit wunderbar zähen Nerven in seinem bedrohten Valast, schlau unterhandelnd nach allen Seite« hin, um sich hier oder dort noch einige Freunde tzmd Helfer zu sichern, auf diesen und jenen Geg-
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