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MaerW Zeitung

Monatsbellage: „gulbatr GeschichtrblStter

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36. JahrqMss

Fulda, Samstag den 17. April 1909.

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ein Teil an der Seele verdorben

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denn zu den Auserwählten?" behüte uns vor allem Phari- unverdienter Borteil besteht

Lnzrige«: Die ein­spaltige Petitzeile oder vieren Raum so psg. Reklamendrepetitzeile 25 psg., bei Wieder­holungen wird entspr.

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Rotationrdruckund Verlag der Luldaer Ak- tiendruckerei in Kulda Kernsprecher Nr. 4.

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verant«. Redatteurr Larl Schütte,

Deutscher Reich.

O Zum Fall Arenbcrg uns noch geschrieben: lieber den

len läßt: mögen viele, recht viele als gläubige Christen und brave Männer oder Frauen ein ge­sundes Alter erreichen! Aber ein Teil von ihnen wird zweifellos durch körperliches Siechtum vor­zeitig aufgerieben werden. Ein anderer Teil wird gewiß unter sckpvereren Schicksalsschlägen zu seufzen haben, als wie sie uns beschieden waren. Und wenn ich zurückdenke an so manche Jüng­linge, die mit mir die Schul- und Kirchenbänke geteilt haben, so läßt sich die Befürchtung nicht ab­

Lumpige 100 von 500 Millionen! Nein, wenn man nicht blauen Dunst vormachen will, wird man den Besitz doch in stärkerer und bes­serer Form heranziehen müssen. Da ist des Pudels Kern! Bier und Branntwein werden mit je 100 Millionen belastet, und der Tabak wird __lewer — um etwa 40 Millionen bluten müs­sen- vielleicht sollen noch Kaffeezoll, Steuer auf alkoholfreie Getränke und die Zündhölzchensteuer die Summe der indirekten Steuern „ergänzen".

In der Tat, eine allerliebste Heranzieh­ung des „Besitzes"! Der Millionär trinkt keinen Schnaps, kein Bier und kein alkoholfreies Getränke, die 20 dH Steuer für seine Zigarren, die 10 Steuer für Kaffee und die 5 M Steuer für Zündhölzchen wird er gern aufbringen, wenn er bedenkt, daß der Zentrumsantrag Herold-Müller (Fulda), welcher der Block­politik zuliebe fiel, ihn mit mindestens 3000 M jährlich an Zuschlag zur Einkommen­oder Vermögenssteuer hsrangezogen hätte! Dre Erbschaftssteuer. ist keine genügende Be­sitzsteuer. Der reiche Lebemann, der das größte Einkommen bei Lebzeiten „klein kriegt", würde bei dieser Block-Finanzreform tatsächlich ganz ungeschoren davonkommen.

Das Zentrum hat mit dem Antrag He­rold-Müller (Fulda) einen gangbaren Weg ge­geigt, den der Block aus Eigeninieresse nicht be­treten wollte. Das Zentrum wird bei der weite­ren Beratung mit aller Kraft versuchen, seine gerechten und gesunden Grundsätze in diese an und für sich verwerfliche, aber durch Blockkom­promiß Wohl unabwendbare Erbschaftssteuer zu bringen: die kleinen Erbteile müssen vollständig steuerfrei bleiben; der Grundbesitz muß Erleich­terungen genießen, denn das einen Wert von 20 000 repräsentierende, verschuldete Bauern­gut kann nicht mit 20 000 in Bar' oder in Papie­ren gleichgestellt werden: dann muß die Person des Erbenden berücksichtigt werden, ob er reich oder arm, ob er ein Krüppel ist n. a. m.; schließ­lich müssen die ganz großen Vermögen stärker Steuer tragen, als dis Regierungsvorlage mit ihrem Höchstsatz von drei Prozent es totS. Der größte. Teil des Nationalvermögens befindet sich in wenigen Händen: 21 000 preußische Zen- siten mit je mehr als 500 000 M Vermögen be­sitzen zusammen 32% Milliarden, während 731000 mit je 6—20 000 M Vermögen nur 7% Milliarden ihr eigen nennen. Man weiß also, wo der Hebel anzusetzen ist.

So wie die Dinge heute, durch den Block, 'lie­gen, besteht die Gefahr, daß aus der Finanz­reform ein Monstrum wird. Um so nachdrück­licher muß darauf hingearbeitet werden, daß dem Ungeheuer die größten Giftzähne ausge- brachen werden. Des Pudels Kern ist nicht die Frage Erbschaftssteuer und Schnapssteuer, sondern Verteilung der Stenern höchstens zur Hälfte auf den Konsum, zur andern Hälfte auf den Besitz, wirkliche Steuern auf den Besitz! Und wenn sich kein anderer Weg fin­det, muß auf den Antrag Herold-Müller (Fulda) zurückgegriffen werden, der tatsächlich den Besitz heranzieht. Wird der Block eine solche Verteilung ablehnen, so wird ihm das Volk bei den nächsten Wahlen eine gründliche Antwort geben.

Ausgangspunkte ihrer asiatischen Eroberungs­züge nehmen wollen, dürste wohl das übrige Europa auch kaum billigen.

Castro, der sich zum „ewigen Juden" ent­wickelt ist nun von allen Seiten abgeschoben wor­den und befindet sich auf dem Wege nach Frank­reich. Selbst Dänemark gab ihm auf seinen west­indischen Inseln keine Unterkunft. So erntet er, was er mit seiner anmaßenden Abenteurerpolitrk gesät hat.

In die Osterruhe fiel ganz plötzlich und un­erwartet die Nachricht von neuen Umwäl­zungen in der Türkei. Die jungtürkische Reformbewegung war im vorigen Jahre ziemlich ohne Gewaltsmaßregeln vor sich gegangen. Die von den Alttürken inszenierte Militärrevolte ar­beitet ganz nach den in Konstantinopel beliebten Mustern. Es ist der Kampf des alten Islam gegen die neuen abendländischen Ideen; der re­ligiöse Fanatismus wird geweckt und die Frage — wie das ja in der Türkei sehr leicht ist — vom politischen auf das religiöse Gebiet hinüberge- spielt. Ursprünglich hielt das Salonikische Jä­gerregiment noch zu den Jungtürken; ihre Wa­chen am Parlament wurden überwältigt, die Offiziere gefesselt. Ebenso wurde mit der Wache an der Hohen Pforte verfahren. Studenten urtb Ulemas stießen zu den Aufständischen und stachel- ten sie weiter auf. Nach mehreren Zusammen­stößen beherrschten die Meuterer das Feld. Schließlich machten die Jäger von Saloniki mit den Meuterern gemeinsame Sache. So scheint das Jungtürkentum vorläufig geschlagen, die ganze Verfassungsreform in Frage gestellt zu fein. Das Ministerium hat seine Entlassung eingereicht und Tewfik-Pascha wurde zum Groß- wesier ernannt. Edhem-Pascha bleibt Kriegsmi- nister und Rifaat-Pascha Minister des Auswär­tigen. Der Präsident der Kammer Hai seinen Abschied eingereicht.

länder" als künftigen Reichstagsabgeordneten ist das Blut von Millionen von Blockfeelen plötzlich in Wallung geraten. Warum denn so emvfind- lich? Fürst Hohenlohe war doch auch russischer Untertan; es hat ihn deshalb niemand für einen

von vorn anfangen könnten, so wurden wir viel braver und tüchtiger werden, als wir jetzt sind."

Dieses Vertrauen ehrt uns beide, aber was mich angeht, so traue ich mir nicht zu, daß ich es bei einem wiederholten Versuche weiter bringen würde. Es kann nicht mehr herausgeholt werden, als darin steckt." t .■

„Sage das nicht, Paul. Wieviel Torheiten und'Fehltritte könnten wir uns ersparen, wieviel versäumte Gelegenheiten könnten wir in einem neuen Lebenslauf ausnützen?»

„Fahr fort, mein schwärmerisches Karlchen, und füge noch hinzu: Wieviel neue Torheiten und Fehltritte könnten wir noch begehen? Wenn wir bisher so mancher gefährlichen Versuchung mit Gottes Hilfe entronnen sind, wer bürgt uns da­für, daß wir nicht bei einer neuen Prüfung erlie­gen würden? Denke mal an Schillers Gedicht vom Taucher. Als der Jüngling sich das erste Mal an den Wasserschlund gestürzt hatte, glückte es ihm, den goldenen Becher zu fassen, der an spitzen Korallen hing: er kam heil mit seinem Preis nach oben. Als er noch einmal hinab- sprang, um noch größere Schätze zu erbeuten, da blieb er unten. Und der Mensch versuche die Gott­heit nicht."

„Du kannst einen ganz mißmutig machen. Rich­tig ist es ja, daß das irdische Leben einem Wasser- schlund gleicht, in dem man große Guter finden, aber auch ertrinken kann. Wir haben frethd) keine erhebliche Beute gemacht, aber wir sind doch auch noch nicht ertrunken . .

. .-Siehst Du, Karl deshalb können wir lins be- neiden lassen."

„Auch von der hoffnungsvollen Jugend, die heute so kühn ins Leben tritt?" .

„^awohl, auch vor ihnen haben wir Graubärte trotz aller Dürftigkeit unseres Lebenslaufes viel voraus. — Was wird nach 30, 40, 50 Jahren ge­worden sein aus dieser lieblichen Schar von un­schuldigen Knaben uiid Mädchen, die heute wie Engel aussehen? Hoffen wir das allerbeste, was sich nach der Erfohruna als wahrscheinlich binstel-

weisen, daß wird. Viele auserwählt."

„Gehören

Russen gehalten. Man hat ihn sich sogar alt! Reichskanzler gefallen taffen, ohne Gewissensbe-. schwerden zu empfinden. Aber freilich — Chlod­wig v. Hohenlohe war fein Zentrumsmann, da­machen auch liberale Blätter Ausnahmen. Merk­würdig, daß die liberalen Beschützer des inter­nationalen Großkapitals immer so nervös wer­den, wenn vom internationalen Hochadel die Rede ist. Wenn man beispielsweise sieht, mir welchen Kapitalien das Ausland an den wichtigsten deut­schen Industrien beteiligt ist und wie, umgekehrt, deutsches Kapital ohne Scheu vor nationalen Grenzen in der ganzen Welt seine Rolle spielr, so muten die Angriffe auf die Kandidatur des „Ausländers" Arenberg geradezu kindisch an. Was für Fehler der Herzog in den Augen der Liberalen hat, weiß man ganz genau: er ist, den Traditionen feiner Familie entsprechend, ein treuer Katholik und ein ebenso fester Zen­trumsmann. Wäre er liberal, würde man ihn in der liberalen Presse, wenn er Reichstags­kandidat wäre, über den grünen Klee preisen, das wäre eine ganz andere Sache. Nun wird ihm ferner zum Vorwurf gemacht, daß ec reich, sehr reich sei. Die Tatsache ist richtig, es wird sogar behauptet, er sei der reichste deutsche Fürst. Aber welchen Gebrauch er von seinem Reichtum macht, darüber sagt man nichts. Die­jenigen, die mit der herzoglichen Familie in nähere Beziehungen kamen, wissen darüber zu reden, namentlich im Herzogtum Arenberg-Mep- pen, dessen größte Wohltäterin gerade die her­zogliche Familie ist. Da wird kein Pächter be­drückt, da hat der Herzog stets offene Hand, wenn es Not und Elend zu lindern gilt, da wendet sich alles seil langen Jahrzehnten vertrauensvoll an „den Herzog", und es bedarf nur der Empfehlung eines Vertrauensmannes, um keine Absage zu erhalten. Wer ist dortselbst mit der Kultur der Oedländereien zuerst systematisch vorgegangen, wer hat dort Hunderttausende über Himdertlau- sende ausgegeben, um der armen Bevölkerung Arbeit und Verdienst zu schaffen, ohne in naher Zeit Erträge zu erzielen? Der Herzog von Arenberg. Das tat nicht der volkÄedrückende Magnat, sondern der hochherzige Edelmann, der den Geist Sei Christentums in die Tat umsetzt, das ist nicht der Volksfeind, sondexg,. der echte Volksfreund, und deshalb wird die ZenktMM»- partei allen Anfeindungen zum Trotz, ohne die Liberalen und Hetzer um ihrer Zustimmung zu befragen, den Herzog von Arenberg ebenso ver­trauensvoll in den Reichstag senden, wie sie sei­nen leider zu früh verstorbenen hochsinnigen Vet­ter, den „kleinen Prinzen" dorthin entsandte —' ihr zur Ehre und dem Vaterlande zum Nutzen.

" Eine neue Blockidee hat die „Magdeburger Ztg." bereits jetzt, da noch der alte Block besteht. Sie meint:

„Ein Block von Baffermann dis Bebel, wie er dem feurigen, aber oft recht unbesonnenen national» sozialen Pfarrer Naumann vorschwebt, ist für jeden besonnenen Politiker ein Unding; ein Block von. Zedlitz bis Müller-Meiningen undWieme» ist möglich und würde selbst einen Parteimann rote Naumann ertragen und zu sich herüberziehen können."

In Magdeburg scheint man von Adam Riese wenig gelernt zu haben. Der Grundgedanke eines jeden parlamentarischen Blockes ist die Schaffung einer festen, zuverlässigen Mehrheit. Wie wäre es mit einer solchen nach dem Vorschläge der „M. Ztg." bestellt? Es ständen nach den heutigen Ziffern der Reichstagsfraktionen dafür zur Ver­fügung: Reichspartei 25, Nationalliberale 54, Freis. Vereinigung 15, Freis. Volkspartei 28, eventuell Demokraten 7, Wilde höchstens 4, von den 21 Mitgliedern her Antisemiten und Wirt- schaftlichen Vereinigung höchstens 12. Dabei ist noch Voraussetzung, daß die Mitglieder der Reichspartei bis einschließlich der Demokraten

zeit haben möchte, um das Versäumte recht aus­giebig nachjuholen und das Verfehlte recht gründ­lich gutzumachen. Ich möchte noch recht viel leisten!"

„Ich auch, lieber Freund, doch dazu wird es am besten sein, wenn wir uns mit beiden Füßen auf den Boden der gegebenen Tatsachen stellen. Alt sind wir und älter werden wir alle Tage: aber das Herz ist noch warm und die Hände sind noch beweglich. Das Vergangene können wir nicht zu- rückseuszen; nur die Gegenwart können wir nu­tzen, um für die Zukunft Schätze zu sammeln. Wer gibt, was er hat, und tut, was er Fann, der darf auf ein gnädiges Gericht hoffen. Also wollen wir hübsch alle Kräfte zufammennehmen, die wir aus dem Sturm und Drang der Jahrzehnte gerettet haben! Dann heißt es schließlich: Ende gut, alles gut!"

„Na, wenn man Dich so reden hört, so möchte man schließlich statt der Jugendlieder Lobgesänge auf das Alter anstimmen."

„Stimme sie an, lieber Karl, rufe es recht laut in die Welt hinaus, daß es ein großes Glück und ein reicher Segen ist, wenn man in leidlicher Verfassung über die sogenannte Höhe des Lebens hinweggekommen ist. Tausende von Gefahren lie­gen hinter uns, welche die Jugend noch zu über­winden hat. Sie weiß glücklicher Weife nicht, wi« schwierig das Leben ist, in das sie mit vollen Se­geln hineinfährt. Und wenn die Hoffnungsseligen durch Erfahrung wissend geworden sind, möge ihnen barm noch die Zeit und Kraft bleiben, um die Erkenntnis richtig auszunutzen."

„Nun, dann wollen wir der vorwärtsstürmen» den Jugend von ganzem Herzen den Wunsch mit­geben : Möget ihr im Alter noch den Weg wie­derfinden zu der Stätte, wo ihr heute zum Be­ginn des Lebenskampfes euch gestärkt habt! — Lebe wohl: Ich gehe noch zum Friedhof; mein Junae. erwartet mich am Weißen Sonntag."

lÖÄc Mchenbettae-! „Illustrierte Somtagszettung«

s Des Pudels Kern.

Der „geschickte Menschenfänger" Bülow ist in bet Taktik Meister. Er hat das Unglaubliche fer­tig gebracht, durch raffinierte Kulissenschiebere:, durch Aufgebot der amtlichen und freiwilligen Gouvernementalen in allen Lagern, und nicht zu­letzt durch das an die Wand malen des „schwar­zen Mannes" die Truppen der Konservativen und des Landbundes 3u spalten, ihre Stoßkraft lahm zu legen und die Erbschaftssteuer, besser Witwen- und Waisensteuer genannt, aus der Versenkung zu erheben. Er hat es weiter fertig gebracht, daß aller Augen bloß auf b i e f e Steuer gerichtet sind, als ob sie das Wesentlichste der Finanzreform fei. Nur zwei Kampfrufe tönen über das Schlachtfeld: hie Nachlaßsteuer, hie Schnapssteuer I

Wir sind der festen Ueberzeugung, daß Fürst Burow die Konservativen in die Kniee zwingen, und daß der Freisinn den Schnaps schlucken wird. Die Konservativen haben beit Tag der Absage vom Block verpaßt, als sie auf die Lockung des Blockherrn den fachlichen Antrag Herold-Müller (Fulda) Preisgaben; und dem Freisinn ist der Block „der Gedanke bei Tag und bei Nacht": der Block wird und muß die Finanzreform machen. Aber mit dem konservativen und dem liberalen Umfall bei der Nachlaß- bezw. der Branntwein- steueir ist esnicht getan! Die 100 Millionen der kommenden Erbschaftssteuer machen den Kohl nicht fett. 500 Millionen verlangt die Regie­rung: Sollen 400 Millionen durch indirekte Steuern aufgebracht werden?! Man lärmt in den liberalen Zeitungen mit soviel Lungenkraft von Heranziehung des Besitzes — ist diese Begeisterung der Herren mit der Erbschafts­steuer erschöpft? Das wäre doch blutiger Hohn!

faertum. Unser _ .

darin, daß wir jetzt, nach all' den Wirrungen und Irrungen der durchlebten Jahrzehnte, doch noch öte Erkenntnis haben von dem, was not tut. Es

- Wochen-Rundjchau.

[:] Fulda, 16 April 1909.

In die Stille der Oster zeit hat die Steuer- Politik immer noch ihre Wellen geworfen. Es ist von der Regierung und von den Bwcklwsra- len eine umfangreiche Bewegung zugunsten der Nachlaßsteuer in die Wege geleitet. Namentlich gilt es, die nötige Anzahl Stimmen vom Bund der Landwirte abzusprengen. Hierzu bediente sich die Regierung als Sturmblocks der Mittelstands» bewegung, die plötzlich von den Liberalen sehr ge- hätschelt wird, nacktem der Liberalismus durch die Gewerbefreiheit, den „freien Wettbewerb", die Börsenpolitik, die einseitige Förderung des Groß- kipita'is und die Begünstigung der Warenhäuser den Mittelstand so weit heruntergebracht hat, als irgend möglich ist. Wie zu erwarten war, hat der Mittelstandstag Partei für die Regierungsvor- schlüge genommen; dabei muß man aber berück­sichtigen, daß dieser Mittelstandstag nur den städ- tischen und gewerblichen Mittelstand vertrat, der bäuerliche und kleinstädtische Mittelstand dagegen fast gar nicht vertreten war. Das An telegraphie­ren aus dem Reiche an den Fürsten Bülow hat noch nicht nachgelassen, aber daraus darf man noch keineswegs schließen, daß die Stimmung für dre Regierungsvorschläge günstiger geworden ist. Aus Seiten der Konservativen scheint frerlich die Neigung zum Umfall größer zu werden, aber gerade die konservative Presse bemüht sich seit einigen Tagen, neue Steuervorschläge zu machen. Dabei werden immer und immer wieder längst bekannte Ladenhüter hervorgebracht.

Die meisten leitenden Staatsmänner des Rei­ches rmd der Monarchie verweilen noch in den Osterferien, und auch das Kaiserpa a r hat nut iem Prinzen Oskar am Dienstag die Mfttelmeet- reife angetreten. Eine Zusammenkunft des Für­sten Bülow mit dem Leiter der italienischen ans- toärtigen Politik, Tittoni, die in den Ostertagen in Venedig stattfand, hatte nach dem offiziösen Kommentar zwar nur einen rein persönlichen Charakter, gab aber sicherlich auch Anlaß zur Be­sprechung der gegenwärtigen politischen Lage. Keineswegs ist ausgeschlossen, daß dabei die Stel­lungnahme des Dreibundes zu der ganzen Flot- «.'enfrage erörtert wurde.

Gerade diese Frage beschäftigt jetzt Eng- l a n d in höchstem Maße. Da Oesterreich-Ungarn sich entschlossen hat, vier Dreadnougths bauen zu lassen, so ist man in England der törichten An­sicht, es handele sich hier um ein gemeinsames Vorgehen des Dreibundes.

In Frankreich droht der Streik im Nor­den des Landes zu einem Gesamtausstand sich auszudehnen. Die weitere Oeffenilichkeit Frank- reichs gibt sich jedoch weniger mit diesen Arbei­terfragen als mit den Lücken in der französischen Marine ab. Bekanntlich ist vor kurzem eine Marineuntvrsuchungskommission _ eingesetzt wor­den, die im großen und ganzen die Klagen über die Verhältnisse in der Marine bestätigt findet. Man will jetzt mit allem Ernste daran gehen, die Mißstände abzustellen; aber dazu bedarf es vor allem einer längeren Zeit und auch einer recht großen Menge von Monneten.

In Persien ist die Lage noch keineswegs geklärt. Der Schah verspricht zwar stets die Verfassung wieder zu gewähren, aber bis jetzt hat er sich noch nicht dazu verstehen können, fern Versprechen zu erfüllen. Die Grausamkeiten, öte auf beiden Seiten verübt werden, sind zwar kei­neswegs dazu angetan, die europäischen Gemüter zu beruhigen. Aber daß Rußland und England diese inneren Streitigkeiten des Landes zum

ist uns noch die Möglichkeit geblieben, den Rest des Lebens so zu benutzen, daß es ein seliges Ende gibt. Die Möglichkeit ist noch da, und das ist viel, sehr viel. Wir hätten in den langen Jahren viel mehr verlieren können; wir hätten versinken und verderben können in all' den Stür­men und Strudeln. Darum wollen wir froh und dankbar sein, wenn von uns das Berschen gilt, auch in seinem zweiten Teil:

„In den Ozean schifft mit tauseno Masten der Jüngling.

Sttll auf gerettetem Boot kehrt in den Hasen der Greis."

Das gerettete Boot — das ist von ungeheurem Werte. Wohl dem, der schließlich noch einen Not- fabn hat! Mit dem soll er geradenwegs den Ha­fen zu erreichen suchen, und nicht erst noch auf neue Abenteuer sinnen. Die Jugend kommt nicht wieder und es ist gut für uns, daß sie nicht toie- derkommt damit unser Uebermut nicht noch schlimmer abläuft, als wie es geschehen ist. Ich danke dem Himmel für gnädige Strafe."

„Aber, Paul, ich werde doch den Wunsch nicht las, daß ick noch die volle Lebenskraft und Lebens­

Unpolitische Zeitkäufe.

sn) Berlin, 15. April 1909.

(Nachdruck verboten.)

Zwei alte Freunde gingen zusammen nach Hause als die ergreifende Feier der Erstkommu­nion zu Ende war. Lange Zeit sprachen sie gar nichts. Dann wandte sich der kleine rundliche Mann zu seinem hageren Begleiter und rief:

Ö Paul, wie ich die Shnber beneide!

Paul knöpfte sich den Rock zu, weil der Früh, fingswind ihm gar zu rauh um den Leib pfiff, und hustete. Nach einer Weile sagte er beöachtig:

„Ich glaube, Karl, beneiden ist nicht das rich. kige Wort."

„Ach, du alter Griesgram, du hast immer was zu mäkeln. Wie glücklich sind doch diese Kinder, die mit reinem Herzen und mit sorgenfreiem Her­zen den schönsten Segens- und Ehrentag ihrer Jugend begehen! Freust du dich nicht mit ihnen? Denkst du nicht zurück an die Seligkeit, die wir «inst an diesem Tage gekostet haben?"

„Gewiß, Karl! Ich fühle mit und ich denke zurück. Aber ich denke nicht bloß zurück an den herrlichen Tag, als wir in den vollen Sonnen­strahlen der Gnade und der Hoffnung wanderten, sondern auch an die wolkigen, dunkeln, stürmi­schen, kalten Tage, die nachher gekommen sind und überwunden werden mußten. Wir wollen dankbar sein, ober nicht neidisch."

„Ich verstehe Dich nicht, lieber Paul. Hast Du denn nicht heute den Wunsch, Du möchtest auch wieder jung sein und in den Reihen dieses hoff­nungsvollen Nachwuchses den Gang ins Leben von neuem antreten?''

„Nein, mit dem Wunsche gebe ich mich nicht ob. Denn erstens ist er unerfüllbar, und zweitens würde bei einer solchen Wiederholung nicht viel heranskommen.

„Wie kann man nur so trocken sein! Ich bin feit überzeugt, »Jaul, wenn wir beide noch einmal