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I. Parlier In Fulda.

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MonÄrbellage: „Fulda« Geschichtsblätttt"

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Rotatlonrdruckund Verlag der Fuldaer Al- tiendruckerel In Fulda Fernsprecher Rr.y.

Fulda, Samstag den 17. April 1909.

36. Jahrgang.

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JV? 86.

Erstes Matt

[] Mit H»ch»r«ck

krbeiten die Regierungskreise an der Erreichung ihres, jetzt klar hervortretenden Zieles: die nö­tige Anzahl von Stimmen für die Nachlaß- oder für die Erbschaftssteuer von den Konservativen und dem Bunde der Landwirte abzusprengen.

Diese Bewegung, um die sich, allerdings nur ßcheinbar, der Reichskanzler in seiner Zurückge­zogenheit absolut nicht kümmert, ist weitaus­bauend angelegt. Alles was Beine hat, wird zusammengetrommelt. Man veranlaßt in allen Teilen des Reiches Kundgebungen, die in ihrer Gesamtheit den Eindruck einer großen „Be­wegung" zugunsten der Steuerpolitik der Regie' rung machen sollen. Man läßt Aufrufe und Tel eg ramme aus allen Windrichtungen kom­men, läßt in der Krei'sblattpresse nach allen Regeln der Kunst die Reklametrommel für die neuen Steuern rühren.

Ein großes Geschrei macht man immer noch in der regierungsfreundlichen Presse von dem an­geblichen Mittel st and 's tag in Berlin, auf dem Minister a. D. v. Berlepsch eine Lanze für die Reichsfinanzreform brechen mußte. Dem schloß sich der Evangelische Bund an, in­dem er an das protestantische Gewissen appel­lierte und den Popanz der Zentrumsherrschaft in bengalischem Lichte zeigte. Selbst den Grafen Zeppelin hat man an diesen nationalen Wa­gen spannen zu müssen geglaubt ,indem man ihn als Zugstück für eine Agitationsversammlung zu­gunsten der Reichsfinanzreform in Stuttgart be­nutzte.

Nun wollen die B e a m t e 'n v e r ei n i g u n- N e n, vermutlich auf eine Parole von „oben her", svm Sonntag in Berlin eine große Versammlung v^anstalten, in der sie eine Beschleunigung der ssinanzreform und der Entscheidung über die Ge­hältererhöhungen erlangen werden. DaS Organ des Bundes der Landwirte ist mit dieser Absicht durchaus unzufrieden und hält den Beamten vor, was alles der Bund schon für sie getan hat. Nun wollen sie ihm zum Danke die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Kinder und Ehegatten auf­halsen. Die „Deutsche Tageszeitung" wendet sich gegen eine solche politisch-agitatorische Tätigkeit der Beamten und will nicht glauben, daß man da­von an maßgebender Stelle unterrichtet sei.

Der Bund der Landwirte wird doch schließlich wohl daran glauben müssen, daß nur ihm 'allein die Regierung die Ehre antut, alle Pup- Pen tanzen zu lassen, deren Drähte sie irgendwie an die Hände bekommen kann. Den Beweis da- Für wird er bald in Händen haben. Wie schon te­legraphisch berichtet, wird nämlich der Reichskanz- ler Fürst Bülow am 20. d. M., am Tage des Wiederzusammentritts des Reichstages, Abord­nungen aus verschiedenen Teilen des Reiches zur Entgegennahme von Adressen zugunsten der Reichsfinanzreform empfangen. Man erwartet, so verkünden die halbamtlichen Blätter, daß der Reicksaknzler bei dieser Gele­genheit eine bedeutungsvolle Ansprache halten und noch einmal die für die Verbündeten Regierungen leitenden Gesichtspunkte dar legen wird. Ach Gott, wenn's mit dem Reden allein getan wäre, dann batte Fürst Bülow die Finanzreform schon längst PN ter Dach und Fach. Greifbare praktische Vor­schläge wird er auch in dieser „bedeutungsvollen Ansprache" nicht machen; das überläßt er den Ge­treuen vom Block und den Herren i mReichsschatz- amte. Er beschränkt sich auf die „großen Gesichts­punkte". die weder Sachkenntnis noch sonstige gei- ftige Anstrengung erfordern. Indessen, es müßte

nach all diesen Vorbereitungen sonderbar zugehen, wenn es ihm nicht gelänge, die Nötige Anzahl Stimmen für die Erbschaftssteuer auf der Rech­ten zu finden. Sollten die Konservativen sich durch die „bedeutungsvolle Ansprache" noch nicht gleich zum Nachgeben bewegen lassen, so wird man den Evangelischen Bund aus sie hetzen, der der Blockpolitik schon so vorzügliche Dienste geleistet und die Konservativen schon früher eingeschüchtert hat.

DaS Ende vom Lied wird zweifellos eine große Schlappe der konservativen Sache fein. DaS haben die Herrn davon, daß sie sich auf den Blockleim haben locken laffen.

Deutscher Reich.

** Berlin, 16. April 1909. Reichsiagsabg. de Wendel (Lothr.) ist vom Kaiser zum Mit- glied des Staatsrates von Elsaß-Lothringen er­nannt worden. — Englische Blätter melden, daß das deutsche Kronprinzenpaar im Laufe dieses Sommers, wahrscheinlich im Juli, dem König und der Königin von England einen Besuch abstatten würden. — Der deutsch­amerikanische Patentvertrag wurde, wie aus Washington gedrahtet wird, vom Senat an- genommen. — Bekanntlich hat Frankreich die Abhaltung einer internationalen Konferenz an- oeregt, die Über Maßnahmen geoen die Verbrei- tung des Schmutzes in Wort und Bild beraten soll; und Deutschland hat sofort seine Zustimmung zu dem Plane gegeben. Wie nun mitgeteilt wird, soll die Konferenz im Herbst dieses Jahres in Paris stattfinden.

+ Ein neues Kaiser-Interview. Eine außer­halb Englands so gut wie unbekannte englische Fachzeitschrift veröffentlicht in ihrer neuesten Num- wer eine angebliche Unterredung mit dem deut­schen Kaiser, die von einem Teile der Londoner Morgenblatter wiedergegeben wurde. Die Unter­redung soll den handelspolitischen Wett­bewerb zwischen England und Deutschland ge­habt haben. Da die Unterredung in keiner Weise beglaubigt ist, man auch nicht erfährt, wann und wem gegenüber die Aeußerungen des Kaisers ge­fallen sein sollen, liegt die Auffaffung nahe, daß das ganze Interview erfunden ist.

)f Die wirtschaftlichen Interessen selbst zweier verbündeter Länder befinden sich mitunter in einem scharfen Gegensätze. So bilden schon fei+ längerer Zeit Zoll fragen zwischen Deutschland und Oesterreich-Nngarnden Gegenstand von Kon- ferenzen. Zur Erledigung dies'r streitigen Zoll­fragen soll demnächst abermals eine Konferenz von Vertretern beider Staaten ftattfinden. Nach einigen Meldungen sind die Schwierigkeit und Bedeutung der Angelegenheit ziemlich groß, so­daß es zweifelhaft erscheint, ob die Konferenz zu einer Verständigung führen wird. Alsdann würde einem Schiedsgerichte die Frage zur Beilegung vorgehalten werden. Der deutsch - österreichische Handelsvertrag enthält bekanntlich eine Schieds- Häufel, über deren Ausführung andauernd zwischen den beiden Vertragsstaaten verhandelt wird, ohne daß es gelungen war, zu einem Ergebnis zu kommen. Jetzt aber scheinen die Verhandlungen einem formellen Abschlüsse entgegenzugehen, sodaß der Anrufung eines Schiedsgerichtes nichts mehr im Wege steht. Vor allem handelt es sich bei der ganzen Angelegenheit um die Auslegung des österreichischen' Tarises und um österreichische Wünsche in veterinär-polizeilicher Beüehung.

— Zu der Rechtfertigung des Abg. Paasche (natll.) gegen den Vorwurf, er verfchleppe die Verhandlungen über die Finanz- ref orm in der Konnnission, schreibt die „Köln. Ztg.":

.Der Hauptgrund für die Verschleppung scheint darin zu liegen, daß das Reformwerk mit zuviel parteipolitischen Nebenabsichten bepackt ist, daß die Parteien sich zuviel abhandeln wollen, was nicht zur Sache gehört, und daß jede Partei sich so teuer wie möglich zu verkaufen gedenkt. Bei diesem Markten und Feilschen um Nebendinge muß sich der Abschluß des Handelsgeschäfts verzögern. Das ist es, was die zuichauende Oeffentlichkeit heraus­fühlt und was sie verstimmt und sie zu starken Worten verleitet. Wird das Reformschiff erst einmal von diesem parteipolitischem Ballast befreit, dann wird es sicher viel rascher vorwärts gesteuert werden. Zeigte ferner die Kommission den Interessenten etwas mehr steifen Nacken, dann würde die wilde Begehrlichkeit auch nicht so üppig ins Kraut schießen."

Sehr interessant! Also ein „Handelsgeschäft" ist die Finanzreform. Wo sind denn die Händler zu finden, welche „markten und feilschen"? Beim Zentrum sicher nicht, das hat redlich mitgear­beitet, obwohl man es nicht einmal gerufen hatte, aber man hat seine Vorschläge, obwohl sie als gut und brauchbar befunden wurden, deshalb ab­gelehnt, weil sie vom Zentrum kommen. „Jede Partei" hat „sich fo teuer wie möglich zu ber- kaufen" gesucht, sagt die Kölnische — damit kann sie nur die Blockparteien gemeint haben. Das Zentrum war ja bei dem „Handelsgeschäfte" nicht dabei. Uns kann es sehr recht sein, wenn die „K. Z." die Blockparteien in ihrer „nationalen" Arbeit so großartig cinschätzt, sie muß es ja wis­sen. Wenn nun die „Interessenten" auch neben­bei ihren Hieb mitbekommen, so finden wir das wenig gerecht; nach unserer Meinung hat der­jenige, aus dessen Haut Riemen geschnitten wer­den sollen, nicht gerade die Pflicht, sich willenlos als Opferlamm zur Verfügung zu stellen, sondern er kann beanspruchen, erstens zu wissen, wie weit und wo man ihn schinden will und zweitens zu fragen, weshalb, drittens sich zu vergewissern, ob es denn nicht anders geht. Die „K. Ztg." hätte wohl besser getan, diese schöne Erklärung der Verschleppung im Interesse des Blocks dem Papierkorbe statt der Oeffentlichkeit zu über­geben. — Aus der Erklärung des Abg. Paasche verdient noch folgende Schlußbemerkung nachgetragen zu werden:

„Die Schuldigen sitzen „in den Regierungs- kreis en". Mögen sie endlich trügerische Hoffnungen ausgeben und vor allem im Reichsschatzamt das heiß« Werben um die Gunst des Zentrums und die Spekulation aus wechselnde Majoritäten fallen laffen, dann kann noch eine Verständigung im Block erzielt werden. Geschieht das nicht, so schwindet den überarbeiteten Mitgliedern der Kommission der letzte Rest von Arbeitsfreudigkeit."

DaS ist immer der Blockweisheit "letzter Schluß: Das Zentrum darf nicht dabei fein. Lieber mag das Reich auf das allerschwerste ge­schädigt werden, als daß durch das Zentrum und mit diesem etwas für sein Wohl geschehe. Das ist heute die „nationale" Politik. Mit Recht sagt die „Köln. Vztg.": Tie Aeußerung des Abgeord­neten Paasche zeigt, bis zu welchem Grade die Zentrumsscheu, richtiger: der bornierte und fanatische Zentrums haß geht, fier hat man es schon mit einer wahren Manie zu tun. Was das Zentrum anlangt, so kann es ja als Partei eine solche, Situation leicht ertragen. Nie ist in einer hochwichtigen Frage einer großen Partei so alle Verantwortlichkeit aboe- nommen worden, tote sie in der Reichsfinanz­reform dem Zentrum durch die Blockmehrhe'.t ab- genommen worden ist. Einstweilen werden die der Finanzkomnnssion angehörigen Mitglieder des Zentrums, die mit soviel Sachkunde und Ar-

3m Sonne i>es Geheimnisses.

81] AuS dem Englischen von Ä. v. RarSfeld

Er konnte doch kein Geld nötig haben — das war unmöglich. Sie batte ihm auf sein Verlan­gen das ganze erste jährliche Einkommen im vor- aus gegeben. Es war also kaum wahrscheinlich, daß er hergekommen war, um eine Aussprache mit ihr herbeizuführen; oder konnte es sein, daß er ihr schlechte Nachrichten hatte bringen, ihr viel­leicht hatte mitteilen wollen, daß schließlich noch andere dem Geheimnis auf der Spur seien? •

Es wurde Marian West förmlich schlecht vor Angst, als ihr dieser Gedanke kam.

Aber angenommen, es wäre so —„wie wurde das das Geheimnis seines Todes erklären? Wer hatte ihn erschossen? Wer hatte ein Interesse an seinem Tode? . .

„Für mich," dachte Marian, „könnten einige denken, fei sein Tod eine Erleichterung. Ich glaube ick bin die einzige die dabei gewinnt. Ich gewinne tausend Pfund jährlich und die Siche- rung eines gefährlichen Geheimnisses, so würde bie Welt folgern, wenn unsere Geschichte bekannt wäre; doch Gott weiß, ich bin unschuldig an fei­nem Tode. Und hätte ich feinen Tod bloß wollen brauchen ich hätte es nicht getan."

Hier wurde ihre Grübelei unterbrochen; das Mädchen meldete Dr. Roberts, und ihr auf dem Fuße folgte hastig und erhitzt der Arzt felbft

„Bedauere außerordentlich, von Mylady's Krankheit zu hören. Miß West. Kenninghall sieht heute ordentlich ganz bewölkt aus. Ist diese Ge­richte von einem Morde in der Linden-Allee tat­sächlich wahr?"

„Leider," erwiderte Marian, „und die unver- umtet durch Dienstboten überbrachte Nachricht hat «reine Schwester derartig aufgeregt, daß sie seit chner halben Stunde bereits in dieser todesähnli- wcn Ohnmacht liegt. Nichts was ich tun konnte, Mu sie wieder zu sich gebracht."

„So, so," äußerte der Doktor. Bei sich dachte er: „Merkwürdig, daß eine vornehme Dame sich den Tod eines fremden Menschen fo zu Herzen nimmt."

Er schritt auf das Bett zu und heftete, die Hand auf den Puls, einen langen, ernsten Blick auf das marmorblasse Gesicht.

„Das ist etwas Ernstlicheres, wie eine bloße Ohnmacht," sagte er dann, „es ist der Anfang von so was wie Gebirn-Entzün-ung. Ihre Schwester muß eine äußerst heftige Gemütserschütterung er- litten haben, Miß West."

„Ich kann es mir nicht erklären," entgegnete sie gedankenvoll. „Ach sieh, sie bewegt sich."

Ein plötzliches Rot schien in die marmorblas- scn Wangen zu schießen; ihre Augen öffneten sich, aber ein wilder, feitriger Glanz lag darin. Sie erhob die Hände zu den Augen, betrachtete sie und stieß einen leisen Klageruf aus, dann ergriff sie die seidene Steppdecke und rieb die Hände, als ob sie einen Flecken davon entfernen wolle.

„Sie ist nicht bei Sinnen," murmelte Dr. Ro­berts. „Ich fürchte, sie wird ernstlich erkranken. Wallen sehen, toa3 ein starkes Sedativ tut."

Gerade trat Lord Wayne ins Zimmer. Voll Erstaunen blickte er von seiner Gemahlin auf den Arzt.

„Was gibt's?" fragte er.

„O, Mortimer!" rief Miß West, „Evelyn fft so krank. Dieser schreckliche Vorfall hat sie furcht­bar aufgeregt."

Der Rus schien Lady Wayne's Aufmerksamkeit zu erregen.

„Mortimer", murmelte sie; „Mortimer, im Laubwalde; Mortimer, unter den Lindenbäu­men; Mortimer, mein Mann."

Und während sie dies murmelte, fuhr sie eifrig fort, ihre Hände mit der Decke abzureiben.

„Mortimer," murmelte sie wieder, „bring mir heißes Wasser — brennend, kochend heiß — um sie rein zu waschen. Dieser rote Flecken will nicht "weg. O, nimm ihn weg!"

Und mit einem lauten Ausschrei schleuderte sie ihre Hände, so weit sie konnte, von sich

„Eve," sagte Lord Wayne sanft und zärtlich, „Du hast Dich überangestrengt, Liebling. Du hall Dich ganz krank gemacht. Du hast ja nichts an Deinen Händen."

Doch die fieberhaft brennenden Augen, die ihn ansahen, trugen nicht die schwächste Svnr des Erkennens in ihren schönen, unruhigen Tiefen.

„Alles in der Welt," murmelte sie wieder, ..Fann sie nicht rein waschen, nicht alles Wasser in der See und im Meere kann es abwaschen. Rot und Warrn — o, mein Gort!"

Lord Waynes Gesicht ward leichenblaß, als er dies vernahm.

„Weffche Gedanken hat sie sich nur in den Kopf gesetzt?" sagte er.

„Das Mädchen erzählte uns brühwarm und ganz unvermutet die unheimliche Neuigkeit," er- widerte Marian, „und dieser Gedanke scheint sie fortwährend zu verfolgen."

„Ich werde Lady Wayne ein starkes Sedativ geben." bemerkte der Doktor, „was hoffentlich ihre Nerven wieder beruhigen und der drohenden Gehirnentzündung Vorbeugen wird."

„Marian, um‘3 Himmels willen, ht* irgend etwas," schrie Lord Wayne. „Ich kann dies nicht ansehen."

Denn seine Gemahlin hatte die Decke schon wieder ergriffen und rieb sich die weißen Hände sc heftig tote möglich damit.

„Rot und warm — o, tote gräßlich," murmelte sie, „und alles Wasser aller Meere kann's nicht abwaschen."

Marian ging zu ihr und faltete mit sanfter Gewalt die zuckenden, weißen Hände, sobald sie aber wieder losließ, kehrten sie zu ihrer einför­migen Beschäftigung zurück, und Lord Wayne, un­fähig, den Anblick zu ertragen, verließ jäh das Zimmer.

beitseifer bisher tätig gewesen sind, es sich mev ken müssen, daß auch der Vorsitzende ihrer Kom­mission trotz aller seiner Hilfslosigkeit keine dringendere Sorge hat, als das Zentrum vm jeder Mitarbeit fernzuhalten. Wer Knute es den Zentrumsmitgliedern der Kommission verdenken, wenn sie, selbstredend unbeschadet ihrer späteren Beteiligung an den Plenarverhandlungen uni Abstimmungen, rund heraus 'erklärten, unter sol- eben Umständen weiter nicht mithin zu wollen?

— Eine sensationelle Enthüllung. Gegen die Behauptung des .Bergknappen', daß jenes anonyme Flugblatt, in dem bei der Knapp- schastswahl im Jahre 1904 die Behauptung aus­gestellt wurde, der christliche Gewerkschaftsführer Brust sei mit 30000 Mk. bestochen worden, von dem Verbandsangestellten Götte heraus­gegeben worden sei, und zwar mit Wissen der sozialdemokratischen Abgg. Sachse und Hue, er­läßt der Verbandsvorstand des sozialdemokatischen Bergarbeiterverbandes eine Erklärung, daß jene Behauptung unwahr sei. Der Abg. Sachse er­klärt weiter, daß als er seierzeit von dem Flug- blatte in einer Versammlung durch den ausge­schlossenen Verbandsbeamten Spaniol Kenntnis erkalten, sofort durch Zirkular angeordnet habe, daß die Verbreitung des Flugblattes durch Ver« bandssunktionäre unterbleiben müsse. Der Ver­fasser sei übrigens nicht Götte, sondern Spaniol selbst gewesen. DaS übrige werde das vom ,Berg- knappen' geforderte gerichtliche Verfahren ergeben, das sofort eingeleitet werden solle. — In dieser Erklärung wird also bereits zugegeben, daß tat­sächlich das Flugblatt von einem Beamten deS sozialdemokratischen VerbandeS verfaßt worden ist, und weiter, daß der Abg. Sachse davon Kenntnis hatte. Weitere Aufklärung wird wohl die gerichtliche Verhandlung bringen.

s. Die Bekämpfung der Schundliteratur bildete den Hauptpunkt der Verhandlungen deS Verbandes der Männervereine zur Bekäm­pfung der öffentlichen Unsittlichkeit, ber am Donnerstag in Köln seine dritte General­versammlung abhielt. Reichsiagsabg. Roeren wies auf die Schwierigkeiten hin, die eine gesetz­liche Beschränkung dec Gewerbefreiheit für da- Buchkändlergewerbe mit sich bringe. Diese Be­schränkung würde nämlich die Person, nicht aber die Sache treffen. In der Diskussion wurden von einem Juristen diese Bedenken auch geteilt. Andere Redner dagegen verlangten, daß in die Gewerbeordnung ein Paragraph ausgenommen werde, ber für die Ausübung deS Buchhändler- gewerbeS gewisse sittliche Kautelen verlange, die es zur Unmöglichkeit machen, daß Leute, die wegen sittlicher Vergehen vorbestraft feien, als Buchhändler mit Schund- und Schmutzliteratur geradezu gemeingefährlich wirkten wo sich so große Reichtümer verschafften. Die Debatte endete schließlich damit, daß die Frage der Be­schränkung der Buchhandelgewerbefrekheit bett, einzelnen Vereinen zur Weiterverarbeitung über, wiesen wurde. Abends hielt in einer stark W suchten Versammlung ber bekannte Züricher Prüf. Dr. Förster einen Vortrag über „alte und neue Anschauungen über die Beziehungen der Geschlechter".

△ Der Gesamtvorstand des Bereins preußischer Forstbeamten erläßt gegen die Be­merkung des soz. Abg. Borgmann im Abgeord- netenhause vom 12. März: „Der ganze Förster­stand bittet darum, mit aller Energie dafür ein- zutreten, daß die Jagden verpachtet und die

54. Kapitel.

Kunstkritiker Sinclair.

Lord Wayne saß in seinem Arbeits-Kabinett, allein, und er hatte vielleicht nie so niederge­schlagen und sorgenvoll ausgesehcn, wie jetzt.

Vierundzwanzig Stunden waren seit diesem unseligen Fund am Parktörchen verflossen, und der letzte der enttäuschten Gäste hatte Kenning- Hall schon längst verlassen. Werner Jefferies war mit der ihres Sohnes beraubten Mutter noch nicht zurückgekehrt.

Lady Wayne befand sich bedeutend besser; das Fieber und Delirium, das sie bedroht, war den kräftigen Beruhigungsmitteln gewichen, und My­lady war nur zu dankbar, ihr von gräßlichen Fie- berttäunten erfülltes Zimmer verlassen und in andere, freundlichere Gemächer gehen zu können.

Allen fiel die mit ihr vorgegangene Verände­rung auf; sie sah zehn Jahre älter aus; das strah­lende Aussehen war aus dem schönen Gesichte ver­schwunden, man hätte sogar glauben können, das goldbraune Haar habe nicht mehr den früheren Glanz.

Marian West dagegen hatte heute ihr Zimmer nicht verlassen; der Mut und die Kraft, die ihr all diese Jahre hindurch nicht gemangelt, schienen sie jetzt zu verlassen. Marian hütete das Bett und toar nicht imstande, aufzustehen. Resigniert sagte fie sich:

„Vielleicht islls besser so." Hätte sie doch kaum Evelyn entgegentreten und dabei ruhig und ge­faßt bleiben können.

Es toar ein düsterer, trüber, langweiliger Tag auf Kenninghall. (5[fie, die so innig mit Werner getrauert, ging trostlos im Garten und Bark um­her; und Lord St. Gilbert, der die Gesellschaft seines Freundes vermißte, ging hinüber, um sie zu trösten.. Für diese beiden toar die Unbehag­lichkeit vielleicht toeniger empfindlich.

(Fortsetzung folgt.)