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MaerW Zeitung

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oSSStiS*. modi«bw: Illustrierte SsnntagrzettMg"

36. Jahrgang.

Fulda, Dienstag ben 13. April 1909

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[] Ministerschicksale

»«zeigen: Vie ei» spaltig« petitzril« ödes deren Raum 15 Pfg. UellamevdrePetitzeNe 25 Pfg., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Rotationrdruckund Verlag der Lnldaer St- tiendrnckerei in Lulda 8ernsprechrrNr.9.

Wir können nicht beurteilen, ob diese Darstellung der Dinge richtig ist. Während der ganzen Zeit der Holleschen Tätigkeit hat man aber bei den ver- schiedensten Gelegenheiten den Eindruck gehabt, als ob Holle auf „passive Resistenz" an den ihm untergegebenen Stellen stieße. ____________

entehrt täglich mit Ausnahme der Zo.m- yttb Feiertage, viertel­jährlicher Bezugspreis ohne vringerlohn und vesteUgeldinKildaf»- »te<msro6rt$1.50int

verantw. Redalteurr «ad Statte;

△ Die Beschlüsse der Berggesetz­kommission.

Die Berggesetzkommission des Abgeordne­tenhauses hatte kurz vor dem Eintritt in die Osterferien die erste Lesung der Berggesetzno­velle beendet und wird die zweite Lesung sofort nach den Osterferien in Angriff nehmen, dainit das Plenum nach der Etatsberatung die Berg­gesetznovelle beraten kann. Da die zweite Le­sung wesentliche Abänderungen der bisherigen Beschlüsse kaum zeitigen wird, so geben wir hier kurz eine Zusammenstellung der bisherigen Be­schlüsse der Kommission. Sie sind nur teilweise Verbesserungen, teilweise aber auch. Verschlech­terungen der Vorlage im Interesse der Berg­werksbesitzer. Von den über. 60 Anträgen ent­sprach Wohl die Hälfte Wünschen von Bergher­ren, denen die Bestimmungen der Vorlage zu weit gingen. Im allgemeinen kann man aber mit den Beschlüssen zufrieden sein und man wird froh sein müssen, wenn das Herrenhaus die Beschlüsse der Abgeordnetenhaus-Kommission ohne größere Verschlechterungen annehmen wird.

Der Kern der Novelle ist der , Artikel II (Sicherheitsmänner), der infolgedessen auch die meisten Abänderungen erfahren hat, während die übrigen Bestimmungen (Verantwortlichkei der Bergwerksbesitzer und ihrer Beamten, Neu­regelung der Kündigungsfristen der Beanrten) fast unverändert geblieben sind. .

Die Vorlage bestimmt, daß alle Sicher­heitsmänner Mitglieder der Arbeitsaus­schüsse seien und begründet diese Forderung da­mit, daß der Scherheitsmann die Wünsche seiner Belegschaft gut kennt, diese Wünsche Prüft und tm Ausschuß zur Sprache bringt. Die Kom­mission beschloß, die Mitglieder der Arbeiter- ausschüsse indirekt und zwar mindestens drei und höchstens fünf von den Sicherheitsmän­nern wählen zu lassen. Die Belegschaft wählt in geheimer Wahl die Sicherheitsmänner, diese in indirekter Wahl die Mitglieder des Ausschus­ses. Die Arbeiterschaft wird dieses Wahlsystem als eine Verschlecht erung betrachten und

Deutsches Reich.

** Berlin, 12. April 1909. Ein Gesetzent­wurf betreffend die Haftpflicht des Reiches für die Verfehlungen der R e i ch s- beamt en wird zur Zeit nach dem Muster des jüngst vom preußischen Landtage genehmigten Entwurfs betr. die Amtspflichtsvcrletzungen der Preußischen Beamten ausgearbeitet, jedoch soll der Entwurf dem Reichstage in dem gegenwär­tigen Tagungsabschnitte nicht mehr zugehen.

-T- Ein wertvolles Eingeständnis. Die „Krenzzeitung" (Vir. 169 vom 11. April) schreibt zum Kampfe um die Nachlaßsteuer:

Leider haben sich diejenigen Parteien, die anfangs Gegner der Nachlaßsteuer waren, weder in sich, noch untereinander, noch mit den Vertretern der verbündeten Regierungen bisher auf eine bessere Steuer einigen können. Sie ist vorhanden. Da sie aber vom Zentrum vorgeschlagen wurde, glaubte die Block- mehrhett, sie ablehnen zu müssen, obwohl der Bundesrat sich damit hätte abfinden können. Man darf das nicht vergessen, wenn man den Reichstag be- lchuldigt, er habe bisher in der Frage der Besitzsteuer versagt. Nicht der Reichstag trägt die Schuld, sondern die Parteikonstellation, die es taktisch unmöglich

auch von der geringen Zahl der Mitglieder des Ausschusses nicht angenehm berührt sein. Man ist hier den Vergherren entgegenge­kommen, die nicht gern große Arbeiteraus­chüsse sehen und mit ihnen nicht verhan­deln zu können erklärten. Die Aufgabe der Sicherheitsmänner hat die Kommission nicht be- chnitten und nicht erweitert. Sie beschloß, die Gruben auf Verlangen der Sicherheitsmänner öfter befahren zu lassen als die Vorlage vor­sah, auch müssen die Sicherheitsmänner bei Fragen der Sicherheit der Gruben zu den Aus­schußsitzungen herangezogen werden, ferner sol­len Arbeiterausschußsitzungen nicht nur abge­halten werden, wenn die Verwaltung dies für nötig hält, sondern wenn ein Viertel der Mit­glieder des Ausschusses es verlangt.

Was die Bezahlung der Sicherheitsmänner anbelangt, so bestimmt die Vorlage, daß der Mann für die Kontrollfahrten von der Berg­werksverwaltung in Höhe des entgangenen Verdienstes entschädigt wird. Auch hieran ha­ben die Bergherren Anstoß genommen und es wirkt nicht erhebend, wenn eine Werksverwal­tung sich weigert, für dreimonatliche Kontroll- fahrten im Interesse der Sicherheit ihrer Ar­beiter in jeder Steigerabteilung etwa 15 Mk. pro Monat zu tragen. Die Kommission faßte einen nicht aufrecht zu erhaltenden Beschluß, der dahin geht: Der Sicherheitsmann wird für den Tag der Kontrollfahrt von der Seite bezahlt, die die Befahrung verlangt hat. Ein solches Verlangen kann nach der Vorlage stellen: der Staat, die Werksverwaluug, der Arbeiteraus- schuß. Die Verwaltung dürste im allgemeinen ein solches Verlangen nicht hegen, so daß mei­stens die Arbeiter die Sicherheitsmänner be­zahlen werden.

Eine Verbesserung stellt dagegen der Be­schluß dar, daß dem Sicherheitsmann nur unter den gesetzlichen Voraussetzungen g ek ünbig: werden darf. Auf Antrag des Sicherheitsman­nes hat der Bergrevierbeamte die Pflicht, zu untersuchen, ob die Kündigung berechtigt ist und hat nötigenfalls zu vermitteln. Die übrigen Aenderungen sind unwesentlich.

macht, dem Zentrum in irgend einer wichtigen An« gelegenheit die Führung zu überlassen.

Auf dieses kompetente Urteil über die Segnun­gen der Blockpolitik werden wir uns noch öfter berufen können.

'(*) Die Erbschaftssteuer. Die Nachlaß- teuer hat keine Aussicht auf Annahme. Um so nachdrücklicher wird für sie jetzt für eine E r b- chaftssteuer Propaganda gemacht, die auch die Erbanfälle der Ehegatten und Kinder einbezieht. Was für ein Unterschied besteht denn zwischen Nachlaßsteuer und Erbschafts­teuer? Darauf kurz folgende Antwort: Die Zrbschaftssteuer wird von den einzelnen E r b t e i I en, die Nachlaßsteuer dagegen vom ganzenNachlaß erhoben. Letztere ist also gleichsam die letzte Vermögenssteuer des Ner- torbenen, während, die Erbschaftssteuer eine Vermögenszuwachssteuer der einzelnen Erben ist. Das hat praktisch die Bedeutung, daß bei der Erbschaftssteuer die Verhältnisse der Er-, ben leichter berücksichtigt werden können. So macht man insbesondere der Nachlaßsteuer mit Recht den Vorwurf, daß sie keine Rücksicht dar­auf nehme, ob der Nachlaß in wenige oder m viele Teile gehe, mithin eine Ungerechtigkeit enthalte gegenüber kinderreichen Familien. Eine von den einzelnen Erbteilen zu erhebende Erb­schaftssteuer, vorausgesetzt daß sie je nach biC; Höhe des Erbteils steigt, wirkt in dieser 93fr; ziebuug naturgemäß gerechter. Jm_ übrigen gilt von eh er erweiterten Erbschaftssteuer so ziemlich das gleiche, was auch von der Nachlaß, steuer gilt. Bei beiden ist das bewegliche Ka»^ pital viel schwieriger zu erfassen als das unbe», mögliche Vermögen, das vor aller Augen offen daliegt. e .

-j- Die Konservativen werden in den sauren Apfel beißen müssen! Indem die Kon- servativen den Antrag Herold-Müller (Fulda) im Blockinteresse zu Fall gebracht haben, haben sie sich dem Willen des Blockherrschers endgtltig verschrieben. Sie müssen, nachdem die Nach« laß st euer den Zweck erfüllt hat, ihnen di» Zähne auszubrechen, sich nun mit der Erbang fallsteuer abfinden. Da hilft ihnen kein; Flehen und kein Widersetzen mehr. Ihr Wider­stand wird mit jedem Tage matter. Das kon«; servaiive ,Chen nitzer Tageblatt' meint, daß di». Mehrheit der dem Bunde der Landwirte an- gehörigen Abgeordneten wohl bis zum Ende in der Opposition verharren werde, daß aber di» übrigen Mitglieder der konservativen Reichstags- sraktton voraussichtlich mit sich reden lassen würden. Bemerkenswert ist die Polemik der ,SLchs. Pol. Nachrck, des Organs des konserva- tiven Üandesvereins im Königreich Sachsen, gegen die ,Deutsche Tagesztg/, die die sächsischen Kon­servativen wegen ihrer Stellungnahme für Die Erbanfallsteuer scharf angegriffen hatte. Wir lesen da:

„Daß mit maßgebenden Parteiführern der preu­ßischen Konservativen vor Fassung von Beschlüffon bei konservativen Partei Sachsens Fühlung genommen worden ist, versteht sich bei den engen und durchaus freundschaftlichen Beziehungen, die Zwischen sächsische» und preußischen Konservativen bestehen, von selbst." *

Als Zeichen der Zeit darf auch angesehen werden, daß die ,Kreuzztg/ in ihrer letzten Wochenschau zwar sehr eindringliche Worte gegen die Nachlaßsteuer findet, auch den sächsischen Parteigenossen die leise Rüge erteilt, daß es i mehr im Interesse der Partei liege, die Ent-

nominellen Inhaber, aber es besteht kein Zweifel mehr darüber, daß Dr. Holle nicht in sein Amt zu rück kehren wird, da seine Gesundheit ihm voraussichtlich niemals eine Wiederaufnahme der Arbeit in einer so wichtigen Stellung gestattet, Sein Entlassungsgesuch wird nicht angenommen, weil die Absicht besteht, ihn später durch Ministerialdirektor Schwartzkopf zu ersetzen, der wegen seiner konservativen Haltung den Liberalen auss Tiefste verhaßt ist, während Holle seinerzeit als -liberale“ Konzession galt. Eine Neubesetzung des so wichtigen Postens soll erst erfolgen, wenn Bülow mit dem Block die Reichsfinanzreform durch- ett haben wird und auf den Block pfeifen Bis dahin bleibt ein todkranker Kultus­

minister. „ ,

Das Kapitel Dr. Holle ist sehr interessant. Die Liberalen hatten mit Hilfe des Blocks den verdienten Kultusminister Dr. Studt zu Fall ge­macht. Sie verlangten im Block eine Kon­zession, und da Bülow ihnen nichts geben wollte und konnte, was wirklich liberal gewesen wäre, so gab er ihnen einen des Liberalismus wenigstens verdächtigen — sein Vater war liberaler Parteiführer in Dortmund — Kultus- Minister. Das war wenigstens etwas. , Der Mann kam ganz frisch in die Arbeit hinein, konnte deshalb eine längere „Schonzeit“ bean- sprachen. Diese Schonzeit mußte auch dem Fürsten Bülow zu Gute kommen. Man hat schon früher der Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, daß man in Herrn Holle einen Herrn mit diesem so überaus wichtigen Amte betraute, der dafür auch nicht die allergeringste Vorbil- düng besaß, der höchstens mit dem Stolze des neugebackenen Referendars sagen konnte: -Ein preußischer Jurist kann alles." Das Blatt des Evangelischen Bundes, das für Holles Schick- al stark interessiert ist, stellt jetzt Genaueres über einen Entwickelungsgang zusammen:

„Er war Spezialkommissar gewesen, batte bann als vortragender Rat im Landwirtschaftsministerium das Ressort ber Generalkommissionen innegehabt, wurde Landeshauptmann in Westfalen und fta.ib zuletzt als Unterstaatssekretär im Verkehrsministerium an der Spitze der allgemeinen Bauabteilung. Für sein neues Amt gingen ihm so gut wie alle Eigenschaften, deren Besitz man hätte voraussetzen dürfen, ab. Er stand ben geistlichen, den Unterrichts- wie den Medrzinal- angetegenheiten in gleicher Weise fern, und besaß auch nicht einmal eigentliche Verwaltungspraxis. Gerade der offen! ote Mangel an spezieller Qualifikation für das Kulm r nisterium war anscheinend seme Em­pfehlung! I > der Tat, dieses Blatt war so unbeschrre- ben wie möglich!“

L. ahrs heinlich wäre doch alles gut gegangen wenn Dr. Holle sich seinen Geheimräten in die Arme ge oorfen und nach deren Pfeife getanzt hätte, Er wäre dann zwar kein „liberaler“ Kultusminister" geworden, aber er hätte sich halten können. Holle aber war aus einem an­deren Holze geschnitzt. Dieser westfälische Starr- köpf war zwar nichts weniger als „liberal“, aber er war selbständig, und das führte zu einer Entwickelung, die die Zustände hinter den Ku­lissen der preußischen Ministerien wunderbar be­leuchtet. Das schon genannte Blatt des Evan- gelischen Bundes weiß darüber folgendes auszu- plaudern:

„Der neue Minister entschied selbständig, sah aber bald, daß hierzu mehr erforderlich war, als der Besitz

□ Ministerschicksale. 1 seinen UMvnfitAsjahren'in°seine dienstliche Laufbahn

Da- preußische Kultusministerium ist mitgenommen

noch immer „verwaist“. Zwar hat es noch einen xinbrachte, war auf die zwar selbständige, aber nicht ■ ~ ~ - - ' “ ' " , x -t«1 immer sachgemäße Stellungnahme des Chefs der Be­

hörde, der mit vollem Recht kein Geheimraisregimeni wollte, zurückzuführen. Die Pausen zwischen den Nackenschlägen wurden durch kleine Nadelstiche aus­gefüllt, allerlei Bloßstellungen, denen der Minister in­folge seiner fehlenden Sachkenntnis bald bei Verhand­lungen, die er führte, bald bei der Erfüllung repräsen­tativer Pflichten ausgesetzt war. Holle empfand seine Lage, wußte, was ihm fehlte, und ging mit der größten Energie daran, sich in das ungeheure, seiner Verwal­tung unterstellte Gebiet einzuarbeiten. Er arbeitete, arbeitete, arbeitete! Und unterlag! Wie es um den Minister stand, war schließlich kaum mehr totzu­schweigen .... Es folgte ber Zusammenbruch. Ein schwerer nervöser Eollaps,verbunden mit nahezu völligem Verlust des Gedächtnisse»! An eine Rückkehr Holles aus seinem Urlaub ins Amt ist nie zu denken gewesen."

Zm Samte des Geheimnisses.

77] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

Inzwischen hatte sich ber Polizist, dem aabe- fohlen worden, den Boden am Tatorte genau zu duiMuchen, mit größtem Eifer dieser Beschäf­tigung hingegeben. Er hatte erwartet, einen Re- toolber ober ein ähnliches Mordwerkzeug zn fin­den, doch nichts der Art belohnte feinen For- schungseifer. Kein Wisch Papier, kein halb, zer­rissenes Kuvert, kein Taschen-Messer nichts, gar nichts.

Der Mann war enttäuscht; se'n Vorgesetzter würde jedenfalls nicht angenehm berührt sein, wenn er nichts aufzuweisen hatte, wogegen, wenn er das Glück hatte, eine Entdeckung zu machen, —' und sei sie vielleicht auch nur gering — rhm eine Gratifikation, vielleicht sogar Beförderung in Aussicht stand.

, Geduldig, Zoll vor Zoll untersuchte er den Boden; er fand nichts als Blutflecken.

Da, gerade, als er sein Suchen in Verzweif­lung aufgeben wollte, ward sein Blick durch etwas Schimmerndes auf der anderen Seite des Tör- chens gefesselt; er eilte hin, bog das Gras aus­einander und sah ein Armband am Boden lie­gen. Mit einem Ausruf der Ueberraschung hob er es auf.

Wirklich — ein wunderschönes Armband, aus mattem, reinem Gold, mit kostbaren Smaragden besetzt; das prächtigste Schmuckstücks das ihm je vor Augen gekommen. Das Schloß war offen, als ob es jemandem unbemerkt entfallen sei.

Er betrachtete es genau. Unter dem Schloß ! war eine Feder; er berührte sie, und ein Minia­tur-Porträt ward sichtbar. Es war ausgesucht ^xhon und vorzüglich getroffen; er erkannte das iioub sofort — es stellte Lord Wayne dar.

-Aas bedeutet das?" sagte er sich. „Das ist merkwürdig, sehr merkwürdig."

J Er eilte mit seinem Fund zu seinem Vorge­setzten, der große Augen machte, als er sah, was es war.

„Die Sache gefällt mir gar nicht", murmelte auch Elliot. „Da steckt mehr dahinter, als man zuerst glauben sollte. Ich will nach London tele­graphieren."

Und am selben Morgen noch erbat er sich einen der tüchtigsten Geheimpolizisten.

51. Kapitell

Kenninghall im Schatten.

Schlechte Neuigkeiten verbreiten sich rascher als gute. Vor zehn Uhr morgens wußte bereits die ganze Nachbarschaft, daß ein schrecklicher Mord auf Kenninghall vorgekommen, ein Mann in un­mittelbarster Nähe des Schlosses erschossen wor­den sei.

Natürlich war das ganze Fest verdorben. Ge- wiß, die meisten Leute haben Unterhaltung, Amüsement und Vergnügen lieber als den Ernst des Lebens, aber wenige sind herzlos genug, am frischen Grabe eines Mitmenschen zu tanzen und sich zu vergnügen. Man dachte an dem Tage auf Kenninghall sehr wenig an Vergnügen. Wagen auf Wagen fuhr am stattlichen Schloßportal vor, mit Damen, die die Nachricht unterwegs dernom- mn, und die, als sie die Bestätigung am Tatorte selbst hörten, mit Bedauern und Schaudern er­klärten, sie könnten nicht daran denken, sich Lady Wahne heute aufzudrängen, die gewiß schrecklich angegriffen sei.

Diejenigen, welche" die Kunde noch vor Auf­bruch hörten, kamen überhaupt nicht. Die Worte Mord und Tod sind nicht gerade angenehm zu Horen.

Das Entsetzen und der Schrecken stiegen noch, als bekannt wurde, daß ber tot gefundene junge Mann ein Bruder von Herrn Jefferies sei, dem Günstling Lord Romsey's.

Somit packten die bestellten und bereits er­

schienenen Musiker schweigend ihre Instrumente wieder ein und zogen von bannen. Die Flaggen und Fahnen wehten zwar noch lustig zwischen ben grünen Bäumen, doch die prächtigen Dekoratio­nen, auf die so viel Zeit und Geld verwandt wor- den, waren alle nutzlos, die schönen Blumen- Arrangements fielen dem Verwelken anheim; aller Gemüter beherrschte nur ein Gedanke — die schreckliche, unter den Lindenbäumen verübte Tat.

Ihre Durchlaucht von Chisledon fuhr als eine der ersten vor. Mrs. Isabel Wayne empfing sie und entschuldigte in phrasenreichen Wortschwall die Herrin von Kenninghall, sie liege krank in ihrem Zimmer, es sei ihr nicht möglich, aufzu- stehen.

„Ich hab's gehört," sagte die Herzogin, „eine schreckliche Geschichte. Es wundert mich nicht, daß Lady Wayne angegriffen ist, obgleich — unter uns gesagt — ich nicht geglaubt hatte, daß sie so sensitiv sei. Ein Ort, wo dergleichen vorkommt, könnte mir nie mehr gefallen."

„Es ist äußerst fatal," sagte Isabel. „Natür­lich findet das unglückliche Opfer ja unsere all­gemeinste Teilnahme, aber ich kann doch Nicht umhin, immer auch daran zu denksen, welcher Verdruß es für Lord Wayne sein muß, der so mit Leib und Seele sich für das Fest und sein Ge­lingen interessiert hatte." -

„Aeußerst verdrießlich für ihn," stimmte die Herzogin zu. „Habe ich vorhin recht verstanden, hütet Lady Wayne wirklich das Zimmer?"

„Ganz niedergeschmettert und unfähig, aufzu- stehen," war die prompte Erwiderung.

„Ach je!" und die Herzogin rückte ihren Stuhl näher zu Jsabell „Finden Sie es nicht sonder­bar, daß sie sich die Sache so tief zu Herzen nimmt? Die unglückliche Person war ihr doch jedenfalls vollständig fremd?"

Das sollte ich ebenfalls meinen. Aber ande­rerseits — Sie wissen, Durchlaucht. Lady Wayne

ist wirklich schwierig zu Verstehen — ich kennte nie so recht mit ihr auskommen."

„Wenn etwas Derartiges auf Belvoir vor- käme, so würde es mir leid tun", sagte bi» Herzogin, „aber das Zimmer würde ich deshalb ganz entfchieden nicht hüten."

„Ich ebenfalls nicht. Aber Lady WayNe tut nun einmal, was sonst niemanden einfallen würde."

„Ich weiß nicht, warum ich das Gefühl hast:," fuhr Ihre Durchlaucht fort, „aber ich habe so eine Ahnung, Mrs. Wayne, daß wir hierüber noch mehr hören werden. Sie werden mich doch wissen lassen, wenn etwas vorfällt?"

„Ich werde nicht verfehlen," erwiderte Isa­bel, und die beiden trennten sich mit bem unaüs- gesprochenen, aber darum nicht weniger glühen­den Wunsche, daß die Ahnung in Erfüllung gehen möge.

Die Herzogin von Chisledon hatte ihrer, schönen Nebenbuhlerin es nie vergeben, daß sie sie vom Throne gestoßen; sie hatte alle diese Julre hei mit ruhiger Bosheit darauf gewartet Laß sich etwas ereignen solle, um sie zu rächen und dies schien ihr nun endlich von ferne heraus- zudämnu'N.

„Krank sein, das Zimmer zu hüten, weil e-n fremder Mensch vor ihrem Tor erschossen wird 1 Unmöglich Ich werde mehr hierüber böten, ober ich müßte mich sehr irren."

Inzwischen hatte Lord Wayne mit der um­sichtigen, an alles denkenden Güte, die ihn aus- zeichneten nach Dvwnham hinübergeschickt, Lord Romsey in aller Kürze den Vorfall mitgeteilt und ihn gebeten, die Kunde Werner so schonend wie möglich beizubringen.

„Das Beste wäre," schrieb er, „ihn gleich mit hierherzubringen, da er vielleicht, etwas Licht in diese Geschichte bringen kann, die mir die ge­heimnisvollste zu sein scheint, die mir je vorge­kommen," , , , v

'(Fortsetzung folgt.)