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Maer W Zeitung

Monakb-Ilage: „Zuldaer GeschichtrbMer

36. Jahrqansi.

Fulda, Samstaa den 10. April 1909

M 81

Veranttv. Redakteur! Lart Schütter

Erscheint täglich mit Ausnahme btt So.m= und Feiertage, viertel- ;Shrliche»ve;ugsprtir ohne vringerlohn und VesteLgelb in Zulba ss- »ie auswärts 1.5» Mt

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3. parzeller in Zulda. „Illustriette Sonntagrzevung"

Hwertes ’Sälatt.

Wochen-Kundjchau.

f:s Fulda, 9. April 1909.

Wir feiern in diesem Jahre auf politischem Gebiete relativ ruhige Ostern. Aufregende Kämpfe sind gegenwärtig nicht auszufechten. Die große Sache der Gegenwart liegt auf anderem Gebiete; heute handelt es sich darum, das Reich aus seinem Finanzelend herauszubringen. Das verursacht weniger große Kämpfe als vielmehr ein stilles Ringen um den größten Einfluß. Ein Ringen freilich, das für die zunächst beteiligten Politiker die Ruhe des Osterfestes gründlich ver­scheucht. Die Blockleute schmeicheln sich selbst nicht, daß sie etwas „geleistet" hätten. Sogar von na- tionalliberaler Seite wurde dem Vorsitzenden der Finanzkommission, dem nationalliberalen Abg. Dr. Paasche vorgeworfen, daß er für eine frucht­bringende Arbeit seiner Kommission nicht mit ge­nügendem Eifer gesorgt hätte. In der Tat ist ge- legenlich der Reichskanzlerdebatte im Reichstage von den verschiedensten Seiten bedauert und be­klagt worden, daß die Aufgabe der Reichsfinanz- resorm trotz der langen Zeit fo wenig gefördert worden sei. Natürlich sucht dabei wieder ein je­der die Schuld von sich auf andere abzuschieben. Die Linke sagt, die Rechte habe die Schuld, die Rechte sagt, die Linke babe die Schuld, und beide sagen, die Regierung habe die Schuld, weil sic ihre Pläne zu spät den Parteien mitgeteilt und die Wünsche der Parteien nicht genügend berück­sichtigt htbe. Andere wiederum sagen, der Reichs­kanzler habe die Schuld, was Wunder also, wenn jetzt auch behauptet wird, der gute Herr Paasche habe die Schuld! Also keiner will's gewesen sein. Das Hinderlichste für eine glückliche Lösung der Reichsfinanzfragen ist aber jedenfalls das Hin­einspielen parteipolitischer Gesichtspunkte in die wichtigen Arleiten. Die Ereignisse haben ja genügend bewiesen, wie sehr diese Gesichtspunkte maßgebend gewesen sind, und die konservative Presse fängt schon an, zu bedauern, daß man da­mals den Antrag Herold, den nationalliberalen Wünschen nachgebend,.abgelehnt habe, einen An­trag, der sowohl für die Konservativen sehr an­nehmbar, als auch für die Regierungen disku­tabel gewiesen sei. Das ist so etwas wie ein Ka­tzenjammer nach der fixen Idee, als ob das große Werk nur vom nationalen Block geschaffen wer­den müßte. Was man sich dabei denkt, wenn man immer wieder das Zentrum wegen seiner unna­tionalen Gesinnung völlig ausschalten will, ist nicht klar zu ersehen; vermutlich ist das eine überkommene Zwangsvorstellung. Während die Parlamente in die Osterferien gegangen sind, geht draußen im Londe der Kampf um das große 'Werk weiter, aber weniger um das Werk selbst als um einen Teil desselben, nämlich um die Erbschaftssteuer, die bei diesen Kämpfen zum Angelpunkte der Reichsfinanzreform gemacht wird. In der Tat haben sich die Gemüter io sehr auf diese Frage zugespitzt, daß eine Weiter­führung der Finanzreform nur möglich ist, wenn zunächst diese Frage erledigt wird.

In der auswärtigen Politik ist, seitdem dw Balkankrisis so gut wie gelöst ist, die eng­lische Flottenpanik das Bedenklichste, über das zu berichten ist. Sie geht ungeschwächt fort und erregt nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, ja auch in manchen englischen Kreisen ernstliche Bedenken. Es scheint wirklich so zu sein, wie der „Eclair" festftellt: Tie alte britische Kaltblütigkeit gehört der Vergangenheit an, und die öffenlsihe Meinung erhitzt sich in einem Grade, daß die wegen ihrer Erregbarkeit

verspotteten Lateiner darüber erröten würden. Wenn man die Parlamentsverhandlungen, die Artikel der konservativen Zeitungen lese, und die Unterhandlungen der völlig fassungslosen Leute anhöre, so gewinne man den Eindruck, daß die deutsche Flotte schon in der Mündung der Themfe liege. Daneben geht dann eine wachsende Lau­heit für das russisch-englische Bündnis her, zumal sich jetzt bei der Balkankrisis gezeigt hat, wie wenig Rußland imstande ist, die Erwartungen zu erfüllen, die England auf das Einvernehmen mit Rußland gestellt hatte. Dazu kommt, daß die Wünsche Englands und Rußlands bezüglich Per­siens sehr auseinandergehen. Die Rusten un­terstützen mehr oder minder offenkundig den per­sischen Schah und drohen täglich mit einer offe­nen Intervention zur Herstellung der Ordnung. England aber kann sich diesen russischen Wünschen nicht anschließen, erstens, weil dadurch der rus­sische Einfluß in Persien allzu groß werden würde, zweitens, weil England prinzipiell mit konsti­tutionellen Bestrebungen sympatisiert.

In Frankreich wirkt der Pcsttstreik bedenk­lich nach. In einer großen Versammlung am. letzten Sonntag hat sich die Verbrüderung der sozialdemokratischen Arbeiter mit den unteren Postbeamten vollzogen, und wenn auch zunächst noch weite Kreise der unteren Postbeamten sich zurückhalten, so wissen sie doch, daß sie bei even­tuellen weiteren Kämpfen mit den Behörden und der Regierung die ganze Sozialdemokratie auf ihrer Seite haben.

Die österreichische Politik versucht nunmehr mit allen erdenklichen Mitteln alle jene, die mit den österreichischen Erfolgen unzufrie­den sind, zu versöhnen. Besonders zuvorkom­mend ist die Sprache des offiziellen Oesterreich gegen Rußland, sodaß wohl angenommen werden kann, daß auf die Dauer ein rustisch-österreichi- sches Einvernehmen in den Balkanfragen nicht außerhalb der Möglichkeit liegt. Das türkisch- österreichische Protokoll hat in der türkischen Kammer die Zustimmung der Mehrheit erhalten. Die Annahme des Protokolls durch die Volksver­tretungen Oesterreichs und. Ungarns steht zwar noch aus, es unterließt aber keinem Zweifel, daß sie mit großer Mehrheit erfolgen wird.

A Die innerpolitische Lage in Frankreich

läßt zur Zeit mal wieder alles zu wünschen übrig.

Wer die Nachrichten der lebten Jahre verfolgt bat, die von französischiK Meutereien in die deutsche Presse gelangt sind, dem ist ohne wei­teres klar, daß Frankreich von den Kulturstaaten der unglücklichste ist. Zu den sehr bedenklichen Erscheinungen der höckstt mangelhaften Fortpflan­zung kommen alle möglichen Einzelerscheinungen hinzu, die noch greller als jene die Bedenklich­keit des Zustandes des französischen Volkes be­leuchten. Vor allem ist zu beklagen — und das ist wohl der tiesste Grund für den Niedergang Frankreichs—daß jeglicher Autoritätssinn aus der großen Maße des französischen Volkes, besonders natürlich der städtischen Volkskreise, ge- schwunden ist. Die ewig wechselnden Regie­rungen — und was für Regierungen waren das zum Teil! man denke an einen Herrn Combes, den der Berliner Schriftsteller Maxim. Harden einen der Kutte entlaufenen Gecken nannte, — sind natürlich auch insofern von höchst bedenklicher Wirkung, als sie die Staatsauiorität in Mißkre­dit bringen.

Kaum ist der Pariser Poststreik beendet, so wird schon wieder einmal über Disziplinlosigkeit in der Marine gemeldet. In Toulon ist von bisher unbekannten Misserätern vor kurzem der Versuch gemacht worden, die Maschine des Tauch­

bootes C i r c e zu zerstören, indem in die wichtig, sten Räderwerke Eisenstücke hineingeworfen wur­den. Die Untersuchung habe ergeben, daß das Schiff beim ersten Hauptmanöver verloren gewe­sen wäre.

Osfiziös sucht man dem unangenehmen Vor- fall eine harmlose Aufklärung zu geben und lätzr darum folgende „Richtigstellung" los: „Die Mel­dung beruht auf der Tatsache, daß durch einen Zufall ein Bolzen in das Maschinenwerk gefallen war ohne jedoch eine Beschädigung zu verursa­chen." Wer's glaubt! — Ein anderer Fall von Widersetzlichkeit wird wieder aus Toulon gemel­det, der sich an Bord des Unterseebootes E i - z o'g n e zugetragen hat. Drei Mann der Be- fabüng weigerten sich, an den Tauchversuchen in dem Boote teilzunehmen, da der Kommandant Marineleutnant Coquelin angeblich tollkühne Ex­perimente vornehme. Die Cigogne hat erst in der vergangenen Woche einen Zusammenstoß mit dem Unterseeboot Fortune gehabt, und war vor einiger Zeit auf den Grund geraten. So er­klärt es sikb allenfalls, daß die Leute ihre Wider- see.ltchkeit mit der Erklärung begründeten, sie hätten zu ihrem Kommandanten kein Vertrauen. Auch das ist mit all seinen Einzelheiten bezeich­nend. , , . ,

Auch der P 0 st strerk hat feine Nachweaen. Ter Sekretär des allgemernen Vereins der Post- und Telegraphenangestellten erklärte einem Mit­arbeiter des Parsier Journals, daß er den Mini­ster d-r ösfenrlichen Arbeiten Barthou demnächst au seine behufs Beilegung des letzten Ausstandes gegebenen Versprechen erinnern werde. So sei S i m van noch immer Unterstaatssekretär. Falls die Regierung ihre Zusagen nicht erfül- I e n werde, würde der A u s st a n d von Neuem bea innen.

Inzwischen greift der soziale Kampf m den mittleren Klassen weiter um sich. Sogar die V 0 l k s sch u l l e h r e r nehmen in einigen Bc- zirken gegen die Regierung Stellung. Ter Ver­band der Volksschullehrer des Departements Maine ei Loire war aufgefordert worden, die Arbcitsborse von Angers zu räumen, in der er feine Vorstandssitzungen abzuhalten pflegte. Tas Syndikat weigerte sich, dem Befehle nachzukom- men, und, deshalb wurden drei seiner VorstandZ- mitglieder vor den Disziplinarrat geladen. In- folgedessen hat nun die nationale Föderation der Syndikate aller französischen Lehrer und Lehre­rinnen einen Aufruf erlassen, in dem es heißt, daß,"wcnn den drei vorgeladenen Lehrern das geringste Leid geschehe, sich unverzüglich ein ge- nxdHger Sturm innerhalb der gesamten Lehrer­schaft und auch der Arbeiterorganisationen enc- fsfleht werde

Tas allgemeine Streikfieber ergreift auch schon — die schulpflichtige Jugend, denn die Schülerinnen der Volksschule von Osnv im Departement Seine et Ooise veranstalteten einen Streik, der sich erklärtermaßen gegen eine Klas­senlehrerin richtete. Die Eltern unterstützceu Die­sen Schurstreik neuer Ordnung und hatten nichts dagegen einzuwenden, daß ihre Sprößlinge die Klasie während des ganzen Winters schwänzten. Jetzt hat der Ausstand mit einem glänzenden Siege der Streikenden geendet, denn die Lehre­rin ist mit der üblichen kleinen Pension zur Ruhe gesetzt tvorden, und nach den Osterferien fomnu eine neue Lehrerin.

Tie Zukunft ist für Frankreich recht düster. Mit einer Revolution, die schon in einigen Blättern an die Wand gemalt wird, braucht man freilich noch nicht zu rechnen. Aber die sozialen Kämpfe werden erheblich aetährlicher werüen. Lebhafte Befürchtungen herrschen in Frankreich bezüglich des 1. Mai; man glaubt, daß Patand .und die übrigen Syndikarsfübrer an diesem Tage

einen 24stündigen Generalstreik proklamieren werden. Man hat im ganzen Lande das unan­genehme Vorgefühl unliebsamer Ileberraschungen.

Deutsches Reich.

Die „Liebesgabe" beim Branntwein wird viel bekämpft, aber von den wenigsten Leuten wird verstanden, um was es sich da handelt.

Um den Branniweinkonsum einzuschränken und die Brannlweinproduktion zu reg. In, hat man jeder Brennerei, ein gewisses „Konüngenl" iUgemessen; sie zahlt sür jedes Hektoliter 50 Mk. Steuern, wenn sie aber mehr brennt, als das Kontingent vorsieht, muß sie 70 M. bezahlen, also gleichsam eine Strafsteuer von 20 Mark extra. Diese Spannung von 20 M. dient dem Schutze der süddeutschen Brenner, die die Kar­toffeln nicht so billig haben können, wie die Ostelbier. Wenn man diese Spannung besei­tigt, dann sind die süddeutschen Brenner alle verloren und die ostelbischen beherrschen den Markt.

Aus dieser Spannung macht nun die Linke mit viel Geschrei eine „Liebesgabe", welche be­teiligt werden müsse. Mit bitterem Hohne Ichreibt aber die ,Kreuzzeitunch:

„Bei Besprechungen im engsten Kreise wird von den Freisinnigen selbst zugegeben, daß di« tälschlich als „Liebesgabe" bezeichnete Konirngenls. ipannung gar keine Liebesgabe sei, sondern eine not­wendige, von dem Gewerbe selbst aiygebrachte und nur vom Reiche verwaltete Produklions- und Preis­regulierung, ein Schutz gerade sür die kleineren und minieren Brennereien, namentlich in Süd-, Weft- nnd Mitteldeutschland. Ebenso wird von den Frei, sinnigen im Privatgespräch zugegeben, daß es not­wendig und zulässig lei, diese steuer gegen sie nut e ner anderen Mehrheit zu wachen. Daß ihnen bu8 togar ganz recht sei, scheuen sie sich nicht einmal einzugestehen. Ihren Wählern gegenüber können sie dann ihren Einipruch aufrecht erhalten und so ihre einmal eingenommene Stellung wahren. Oeffent« lich aber beichimpsen sie dann Vie Konservativen wegen der „Liebesgabe" und nevrnen das Interesse der groben gewerblichen Brennereien einseitig in Schuh "

Bisher hat die freisinnige Presse sich zu der Beschuldigung, daß der Freisinn im Reichstage doppeltes Spiel treibe, nicht geäußert. Sollte ne die Vorhaltungen der .Kreuzztg/ als berechtigt anerkennen? Wir kennen freisinnige Brenner, die es als felbstverstäudlich ansehen, daß man diese Spannung betbehält, wenn sie auch in ihrer Pari et gegenüber der gehässigen Agitation schweigen.

— Tie Frage der Gctreideeiüfuhrschcine und ihre ungünstige Beeinflussung der Einnahmen ans den Getreidezöllen hat zu Erwägungen der zuständigen Ressorts der Reichsregierung Anlaß gegeben. Tas System der Einführungsscheinc be- ruht bekanntlich darauf, daß bei der Aus f u h r b?n Getreide aus dem Zolliulande Bescheiniguw gen erteilt werden, die dem Einfuhrzoll der aus» gefühlten Getreidemenge entsprechen. Diese Be­scheinigungen können bann innerhalb sechs Mo­naten zur zollfreien Einfuhr sowohl von Getreide irgend welcher Art als auch gewisser anderer Waren wie Petroleum und Kaffee verwendet wer­den. Durch die verschiedene Höhe unserer Ge­treidezölle von beispielsweise 5 M pro Doppel» zencner für Haser und 1,30 für Futtergerste ist es unrncglich, bei der annähernden Gleichwertig­keit dieser beiden Getreidearten für den Wirt- schastsbctrieb der Landwirtschaft deutschen Hafer

AnpoMljche Zeltlaufe.

(::) Berlin, 8. April 1909.

(Nachdruck verboten.)

Die schönsten NeujahrZwünsche schicke ich allen Lesern zum Osterfeste!

Neujahrswünsche? Freilich, denn Ostern trägt einen ausgeprägten Neujahrscharakter. In den meisten Staaten beginnt mit Ostern ein neues Verwaltuirgs- und Finanzjahr. Wir er­öffnen und schließen ferner zu OsternHws Schul­jahr. Im Zusammenhang mit der Schulentlas­sung steht der Beginn des ersten Lehr- oder Be­rufsjahres. Was der Frühlingstermin für die Landwirtschaft bedeutet, weiß jeder. Um Weih­nachten oder Silvester haben wir uns .gefreut über den Stillstand in der Tagesverkürzung, den Beginn der Sonnenumkehr; aber damals war 'das Wiedererwachen der Natur ein Gegenstand der Hoffnung; jetzt ist es ein Gegenstand des Schauens. Wir fchcn tatsächlich die neue Pe­riode des Keimens, Blühens und Fruchterzeu- geas eröffnet Der Winterschlaf ist jetzt wirk­lich zu Ende; es ist Tag geworden in der Na­tur. Für die Kinder, die am Sosintag nach Ostern zum erftenmale zur heil. Kommunion gehen, beginnt ein neuer Abschnitt für das in­nere Leben, vielfach auch für das äußere. Dem katholischen Christen wird durch die österliche Pflicht ans' Herz gelegt, im Gewissen aufzuräu­men und reinzumachen, um ein neues sittlich reiiaicses Jahr zu beginnen.

Daher ist es jetzt wohl am Platze, sich selbst und den Mitmenschen viel Glück und Segen 9u wünschen zu den bedeutilngsvollen Uebergängen, die zu Ostern stattfinden. Ein glückseliges neues Jahr sei beschieden der wiederaufblühenden Na­tur, der reifenden Jugend, den zu frischer Kraft- er.tfaltung berufenen Erwachsenen und dem auf die ewigen Ostern bedachten Alter!

In der Festepistel heißt es, man solle den al­ten Sauerteig ausfegen und neuen, besseren Mauerteig ansetzen. Das Sprichwort „Alles neu ।

macht der Mai" möchte ich etwas abändern, da der Erneuerungstermin in der Tat schon vor dem Mai eintritt. Sagen wir lieber: Alles er­neut die Osterzeit! Oder:

Neues Leben locken

Empor die Osterglocken.

Die Osterfeuer bilden ein schönes Sym­bol. Die Flammen verzehren, was beseitigx wer- den soll, und aus dem läuternden Bußgericht steigen Licht, Wärme und Kraft empor." Das Licht der besferen Erkenntnis, das uns den rech­ten Weg zeigt für die körperlichen und die geisti­gen Füße, — die Wärme dar Liebe, die uns schlitzt vor Erstarrung und Verzagtheit, — der frisch und frei auflodernde Willensentschluß, der uns stark macht zum Ringen und Schaffen in dem neuen Abschnitt des äußeren und inneren Lebens. Flanmie empor!

Äuferstehen heißt die Losung. Ten Kern des Geheimnisses bildet die Auferstehung von den Toten, die an dem ersten Osterfest der Erlöser vollzog imö die an dem letzten großen Osiertag uns allen beschieden sein wird. Aber man darf den Begriff des Auferstehens auch in weiterem Sinne fassen. Auwrstehen aus dem Schlaf des Irrtums und der Trägheit, auferftehen von dem Fall, in den uns Fehltritte verstrickt haben! „Stehe auf und wandle, deine Sünden sind dir vergeben!"

Es irrt der Mensch, solange er strebt, und sogar der Gerechte fällt siebenmal an einem Tage. Fallen ist menschlich und unter den Prü­fungen dieses Lebens niederzubrechen, ist nur bei ganz heldenhaften Naturen ausgeschlosien Wir müssen der angestammten Schwäche Tribut zahlen. Aber das Fallen wird erst Verhängnis- voll, wenn der Mensch liegen bleibt.

Kinder fallen bekanntlich in einem fort Wenn sie noch ganz klein und unbeholfen sind so bleiben sie laut schreiend liegen, bis die Mich ter kommt, um sie von neuem auf die unbeholfe­nen Füßchen zu stellen. Aber wenn das Kind nur em wenig Erfahrung gesammelt hat, fo ver­

sucht es sofort nach dem Falle, sich selbst wieder aufzurichten. Wenn es gelungen ist, so werden Schmerz und Aerger bald vergessen, und der Marsch beginnt aufs neue. Ein gesunder Knirps kommt auf diese Weise auch vorwärts, langsam und in Absätzen, aber doch zum Ziele.

Natürlich fühlen wir Erwachsene uns hoch erhaben über fo einen kindlichen Stolperer. Doch wenn wir lins selbst einmal bei unbefangenem Licht besehen — was sind wir denn anderes als ganz armselige, unbeholfene Kinder, die auf der Erde herumkraxeln unter den erhabenen Augen des allmächtigen Vaters. Nichts sind wir im Verhältnis zu der unendlichen Vollkommenheit, deren Wohlgefallen wir verdienen sollen. Wehe uns, wenn der Allerhöchste nicht ein liebevoller, ^nachsichtiger, erbarmender und helfender Vater wäre. Er gibt uns nicht verloren, wenn wir irren und straucheln und fallen fondern er ruft ,ms in unteren Niederlagen zu: „Stehe auf und Uxmdlel Wenn du guten Willens bist, so will ich dir die Hand reichen, daß du wieder aufer­ftehen kannst von deinem Falle und aus deiner Trübsal!"

Aufstehen und immer wieder aufstehen: das ist das unerläßliche Hilfsmittel für die schlvache Menfchheit, um vorwärts zu kommen. Nicht ver­zagen, wenn auch auf den ersten, zweiten, dritten ufw Versuch immer wieder ein Fehlschlag folgen sollte! So lange Lckoen im Körper und em guter Gedanke in der Seele ist, läßt sich noch ein Auferstehungstag erreichen.

Wenn die Natur sich aus den Banden des Winters zu neuem Frühling emporringen will, so geht das auch nicht glatt auf den ersten An­lauf vor sich. Ta gibt es immer wieder einen fSroft einen Schneefall, einen rauhen Sturm fo daß t* aussieht, als ob die Herrschaft des grimmen Winters sich gar nicht brechen lasten wolle. Die Natur läßt sich aber in ihrem zähen Auferstehungsringen nicht beirren; die Trieb­kraft von unten setzt immer von frischem au, und schließlich siegt sie, unterstützt von der Gnaden­

sonne, die immer kräftiger herniederstrahlt. Nicht nachlassen! Es muß doch einmal Frühling wer­den, und auf die Blüte wird schließlich die Frucht und die Ernte folgen.

Auch uns Menschenkindern ist der Erfolg un­seres Ringens sicher, wenn wir nur zähe durch­halten. Der Erfolg in unseren weltlichen und in unseren sittlich-re.ligiösen Bestrebungen. Ja, wirft vielleicht ein schwergeprüfter Menfch ein, in den weltlichen Arbeiten und Mühen sieht man dock, fo oft die traurige Erfolglosigkeit trotz aller Anspannung der Kräfte. Es ist freilich wahr, daß die Vorfehung nicht allen das gibt, was sie in ihrer irdischen Berufstätigkeit erstreben. Aber ebenso wahr und sicher ist, daß die pflichttreue Ausdauer dann doch belohnt wird — durch an­dere wertvolle Gaben. Wer in Verzagtheit ober Trägheit die Hände in den Schoß legt, der hat nicht bloß auf die äußeren Erfolge verzichtet, sondern auch auf den inneren Trost, der in dem Bewußtsein besteht: „Ich habe das meinige nach bestem Wisen und Können getan; ich brauche mir keine Vorwürfe zu machen, wenn es nach einer höheren Fügung anders acht, wie ich ge­dacht habe." Tiefe Gewissensruhe ist ein wah res Labsal in der unvermeidlichen irdischen Trüb­sal. Wer das Seinige treu getan hat, ist nicht vor äußerem Unglück gesichert, wohl aber vor innerer Verzweiflung. Er hat doch immer eine selige Sterbestunde und einen vorteilhaften Aus­gleich im Jenseits in Aussicht. Aber in den meisten Fällen findet das zähe Aus- und Turch- halten auch schon seinen faßbaren Lohn im Dies­seits. Wer ausharret, wird in der Regel auch auf Erden schon gekrönt.

Also immer weiter arbeiten, immer wieder ausstehen und vorwärts ftrebem, mögen auch Fehlschläge und Fehltritte fid> einfteUcn. Diese Un Verzagtheit und steche Auferste hu ugs- fraft möchte ich allen Lesern und auch mir selbst erbitten zu Anfang diefes weltlichen und g<nt- lichen Osterneujahres.