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36. Jahrqanq

Fulda, Dienstag den 6. April 1909

J» 78

Hrstes Matt

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Rotationrdruckund Verla- der Knldaer At»

„Kommen Sie, Lady Wayne", sagte ec im gewinnendsten Tone, dec ihm zu Gebote stand. „Sie machen ja noch mehr daraus, als selbst Mist West. Sie wurde nur ein paar Minuten lang etwas flau und angegriffen und blaß. Und es geht Sie ja doch nicht so an, wie Ihre Schwester."

Er hatte sie endlich wieder aufgerüttelt. Sie sah zu ihm auf.

„Sie haben also mit meiner Schwester — mit Mist West gesprochen? Was hat sie gesagt?"

„Sie faßte die Sache sehr ruhig auf, sehr ver­ständig", erwiderte Jack. „Sie ist keine von der Sorte Damen, die gleich in Ohnmacht fallen. Sie machte gar keinen Versuch es abzuleugnen. Sie räumte es ein, räumte es vollständig ein."

„Räumte es ein — sagte, daß er ihr Sohn wäre?" rief sie.

„Güviß."

Und wieder begann sie zu schluchzen.

„O Marian! Marian! meine Schwester, was hast Du getan?"

„Mein Verdacht wurde schon vor Jahren rege", fuhr Jack fort. „Ich fand, daß meine Mutter gemächsich lebte und zwar von Geldern, worüber sie frei und offen sprechen wollte, und ich hatte mir's deshalb in den Kopf gesetzt, es herauszubringen, woher dies Geld kam. Was mich zweitens ärgerte und mir unerklärlich war, war, daß jedermann den großen Unterschied zwi­schen uns beiden bemerkte. Die Leute sagten, er wäre wie ein feiner Mann, und ich gäbe einen famosen Metzger ab. Das alles war nicht ange­nehm für mich, und ich nahm mir vor, heraus­zukriegen, warum mir zwei, die wir als Söhne eines Vaters galten, so verschieden waren".

„Aber vielleicht — vielleicht", murmelte sie, „irren Sie sich."

„Nein, nein, ich irre mich nicht, nicht im ge­ringsten", lachte er zurück, „ich habe mich sehr gut vorgesehen, um all meine Beweise unter Dach und Fach zu haben, ehe ich nur ein Wort davon gegen Miß West erwähnt habe. Der beste Be­weis übrigens, daß ich mich nicht geirrt habe, ift

73] Aus dem Englischen von K. v. Raesseld

„Sie wohnte in Abbotsville, als auch Ihre Schwester dort war, und vermutlich erfuhr Miß West, daß sie eine junge Witwe sei, und bat sie, das Kind zu adoptieren. Sie hat meine Mutter seitdem stets unterhalten, und meine Mutter, das kann ich Ihnen versichern, hat das Geheimnis sehr ,gut bewahrt." _

Sie erwiderte nichts, aber er hörte sie stöh­nen : „O, Marian, Marian! Alle diese Jahre hin­durch habe ich meinen Liebling nicht gekannt!"

Während sie dort kniete, das Haupt in tiefster Erniedrigung gebeugt, kam es wie eine Erleuch­tung über sie, was die Liebe dieser Schwester ge­wesen — halb menschlich, halb göttlich — wie sie zwischen ihr und jeglichem Ungemach und Harm gestanden, wie sie die Last und Bürde des Ge­heimnisses ganz allein für sich getragen, wie sie sie beschützt und beschirmt hatte.

„O, Mariani meine Schwester, was hast Du getan!"

„Sie konnte es Ihnen wahrscheinlich nicht mitteilen", sagte Jack tröstend. „Sie war viel­leicht mit jemanden verheiratet, dessen sie sich schämte, sonst hätte sie es nicht so geheim gehal­ten, oder sich gefürchtet, Werner anzuerkennen. Sie müssen damals sehr jung gewesen sein — natürlich konnte sie es Ihnen doch nicht erzäh­len."

Auch auf diese Trostcede keine Antwort. Er begann sich unbehaglich zu fühlen. Es war ge­rade nicht angenehm, diese stolze Gestalt hier am Boden liegen zu sehen, stumm und starr, unter der Wucht eines Schicksalsschlages, dec grausamer war wie der Tod.

Wenn sie doch nur aufstehen, sich ihm gegen­überstellen, zornig werden, kurz, irgend etwas tun wollte! Nur nicht das Knien da mit den gefaltenen Händen! Er dachte, er wolle ihr etwas Mut einsprechen.

ften der Finanzrefocm, die zahlreichen Reso­lutionen in allen möglichen konservativen Der- einen, wo die gouvernementalen Elemente i'ber- wiegen, die Mobilmachung von kurzsichtigen Mit­telstandsagitatoren, die Sammlung und Der- öffentlichung von Unterschriften regierungs­freundlicher Honoratioren und was derartiges jetzt alles unternommen wird, — es sind alles Mittel einer, zielbavußtan „Taktik", und das Ziel ist: die ko nse rv ative P ..rt ei zur An- nähme der Ausdehnung der Erbschafts­steuer auf die Kinder (und die Witwe) zu zwingen.

Man betreibt die Erziehung der Konserva­tiven nach dem alten Rezept mit P e i t s ch e und Zuckerbrot. Auf dec einen Seite hetzt man die konservativen Wähler auf, indem man ihnen einredet, es handele sich um kein Prinzip und keine idealen Güter, — wobei die liberale Block­presse ganz offen ankündgt, daß die konservative Partei bei fortdauerndem Widerstande mit Hilfe der Regierung gesprengt werden soll. Auf der andern Seite stellt man den Konservativen in Aussicht, daß sie für einen Umfall in der Erb­schaftssteuer belohnt werden sollen durch eine Re­gelung der Nr anntweinbe Neuerung im Interesse des ostelbischen Grundbesitzes.

So kommt die konservative Partei in ^ledäng- nis und Gewissensnot. Bei aller Teilnahme kön­nen wir doch nicht umhin, den konservativen Po­litikern zu sagen, daß sie sich selbst in die schwie­rige Lage gebracht haben, — nämlich durch ihren Eintritt in den Block.

Was ihnen jetzt passiert, ist nur die Logik der Tatsachen. Wenn früher (vor Beginn der Block­politik) Steuergesetze von wirtschaftlich-sozialer Bedeutung oder ein neuer Zolltarif gemacht wer­den mußten, fo fanden die konservativen Grund­sätze und die Jnteresien der ländlichen Bevölke­rung Verständnis und weitgehende Unterstützung beim Zentrum. Jetzt aber ist das Zentrum „ausgeschaltet", und zwar unter Mitwirkung der Konservativen. Jetzt sollen und müssen die Kon­servativen, wenn sie nicht als Blockbrecher „natio­nal" geächtet werden wollen, den liberalen Grundsätzen und Interessen Opfer bringen.

Die Konservativen haben zu einem großen Teile bei Eintritt in das Blockgeschätt sich mit der Erwägung beruhigt, daß sie ja nicht unlöslich verheiratet seien, sondern den Rückweg -llzeit antreten könnten. Die bisherige Erfahrung zeigt aber schon, daß der Ausgang mit heiler Haut nicht zu erreichen iff. Eine verhältnis­mäßig günstige Gelegenheit zum Wiedergewinn der Freiheit bot noch der Antrag Herold- Müller. Hätten die Konservativen an ihrem ersten Entschluß festgehalten und für den An­trag Hekold gestimmt, so hätte die große Ausgabe der Finanzreform aus der Zwangsjacke der libe­ralisierenden Blockpolitik befreit werden können, und die Konservativen hätten die Möglichkeit de§ Widerstandes gegen die fatalen Zumulungen der Liberalen und ihrer Regierung sich gewahrt. Sie haben sich aber von dem Reichskanzler und ~errn v. Loebell verleiten lassen, den sogen. Kom­promißantrag anzunehmen, der eine unhaltbare Verschlechterung des Grundgedankens des Antrages Herold darstellte. Weil dieser Kompro- mißbeschluh undurchführbar war, ergab sich der Rückgriff auf die Besteuerung der Witwen und Kinder von selbst, und somit mußten die Konser­vativen in die gegenwärtige Bedrängnis geraten.

Jeder liegt so, tote er sich bettet.

Deutsches Reich.

** Berlin, 5. April 1909. Für» und Fürstin Bülow sind in Venedig eingeirofftti. —Das Zentralkomitee für eine Annäherung zwischen

der, daß Miß West nicht den geringsten Versuch machte, es zu leugnen. Sie gestand die Wahrheit direkt ein. obgleich es sicher doch nicht angenehm für sie zu hören war."

„O Marian!" stöhnte sie wieder, „Marian, meine Schwester!"

„Und nicht nur gab Miß West die Wahrheit zu, sondern machte auch einen Handel mit mir. daß ich schweigen solle. Das beweist, wie ernst es ihr mit der Sache war und von welcher Wich­tigkeit sie dieselbe hielt."

„Was war dec Handel?" fragte sie kaum hör­bar.

„Miß West versprach mir jährlich tausend Pfund, wenn ich schwören wollte, ihr Geheimnis zu bewahren, so lange ich lebte. Ich habe ge­schworen und habe die erste' Rate jetzt in der Tasche."

„Marian, meine Marian!" seufzte die schwa­che Stimme wieder.

„Das Geheimnis war ihr also so viel wert, und sie muß es am besten wissen."

„Wollen Sie ein weiteres Tausend von mir haben?" fragte sie leise.

„Nein, Lady Wayne. Der Handel, den ich mit Ihnen zu machen habe, ist nicht um Geld; ich will etwas viel Kostbareres von Ihnen."

„Von mir?" wiederholte sie.

„Ja. Sie haben einen Schatz, den zu besitzen ich mein Leben hingäbe."

„Sind's Juwelen?" rief sie und griff hastig nach der Diamant-Broche an ihrem schneeigen Halse.

„Ein unschätzbares Juwel. Ich habe in Lon- don Ihre Tochter gesehen, Lady Wayne, und halte sie für das allerschönste Geschöpf der Welt. Wol­len Sie sie mir zur Frau geben?"

Sie sprang vom Boden empor; hoch aufge­richtet, stolz stand sie vor ihm. Der Shawl fiel ihr von dem goldenen Haar. Ihre Augen sprüh- ten Feuer.

„Wenn ich ein Mann wäre", sagte sie, „so wurde ich Sie hier zu meinen Füßen niederschla­

gen dafür, daß Sie sich derartiges zu sagen er­frechen !"

„Holla, sachte, Mylady — Lady Wayne, feine Beleidigungen! Wie, mich hier niederschlagen da­für, daß ich Ihnen anbiete, Ihre Tochter zu hei­raten! Es ist Ihnen wohl nicht eingefallen, daß es Ihnen schwer sein dürfte, sie überhaupt zu verheiraten, wenn diese Geschichte bekannt würde? Manche Leute haben merkwürdige Ansichten über solche Sachen, wissen Sie."

Er war vor dem zornigen Leuchten ihrer stok- zen Augen doch etwas zurückgewichen.

„Es ist alles gut und wohl, mich in dieser Art und Weise hier unter vier Augen anzufahren, ich sage Ihnen aber klipp und klar, daß Sie klein beigeben müssen. Jährlich tausend Pfund find ja recht nett, ober es hat keinen Reiz für mich, wenn ich nicht verheiratet bin, , wie ich gern will. Ich brauche jemanden, der mir in der Welt voran- helfen soll, und Lord Wayne könnte das."

• Sie fuhr zurück; es überlief sie kalt. Ihr stolzer, hochsinniger Gemahl, einem Manne wie diesem hier helfen!

„Sie können übrigens tun, was Ihnen ge­fällt, fuhr er fort „Wenn Sie sich weigern, werde ich zu Lord Wayne gehen und Ihre Schwe­ster bloßstellen."

„Er würde Ihnen kein Wort glauben", keuchte sie hervor.

„Das würde sich finden. Ich könnte ihm sol­che Beweise bringen, daß er mir glauben müßte. Auch würde ich mich nicht damit zufrieden geben, es ihm zu erzählen, sondern ich würde es Ihren sämtlichen hochadeligen Nachbarn zu wissen tun; und wenn Sie dann Miß West im Staube sähen, Mylady, so täte es Ihnen sicherlich bitter leid, daß Sie sich nicht mit mir geeinigt haben. Ich habe mir sagen lassen, niemand im Lande wäre so stolz wie Lord Wayne. Sie- können sich also denken, wie er sich darüber freuen würde, wenn es allgemein bekannt würde, der Sohn seiner Schwägerin sei Sekretär bei Lord Romsey. „Ich bin ober nicht fo schlecht, Mylady; es gibt tau-

Deutschland und Frankreich au deren Spitze der Präsident de« Herrenhauses, Frhr. v. Manteuffel steht, beginnt jetzt in Tätigkeit zu t„ten. Auf Einladung des Komitee- wird Baron d'EstöurnelleS de Constant, früherer bevollmäch mächtiater Minister Frankreichs auf der Konferenz im Haag, am 28. April im preußuchen Abge- ordnetenhause einen Borlrag halten über: »Die französisch-deutsche Annäherung alS Grundlage des Weltfriedens". — Eine Deputation der Stadt Paderborn hat sich nach Berlin begeben, und ihrem Ehrenbürger Exzellenz Dr. Kirch­hoff, Ministerialdirektor a. D., den kunstvoll ausgestatteten Ehrenbürgerbrief überreicht. — Die Artillerieprüfungskommisfron tn Berlin beging ihre Hundertjahrfeier. Der Kaiser richtete aus Anlaß dieses Ereignisses in eurer Kabinettsorder einen Glückwunsch an dieKommlssion und verlieh eine Reihe von Ordensauszeichnungen.

♦* Die Reise des Kaiserpaares nach Vene- big und Korfu soll endgültig am dritten Osterseiertag beginnen. Der Aufenthalt auf der griechischen Insel währt aber nur zwei Wochen. Die „Hohenzollern" ist bereit« vor Venedig em« getroffen. Wie weiter aus Rom gemeldet wird, wird der Kaiser in Venedig mit dem italienischen König zuiammentreffen.

-+• Ministerstürzer an der Arbeit? In gewöhnlich gut unterrichteten Streifen wird nach dem berliner Tageblatt' behauptet, daß der Nachfolger des Herrn Holle nunmehr geiunden sei. Der Handelsminister Delbrück soll zum Kultusminister ernannt werden, und der Unterstaatssekretär im Reichsanst des Innern, Wermuth, soll an Herrn Delbrücks Stelle treten. Herr Delbrück hat vor längerer Zeit be­kanntlich das Gerücht, er werde die Holle'sche Erbschaft amteten, dementiert. Aber dieses De­menti ist vielleicht nur e>n „provisorisches" ge- wefen. Die Meldung erinnert recht auffällig an die vor einigen Tagen bekannt gewordenen Ent­hüllungen über die ministerstürzenden Bergbaugewaltigen. Auf der Sitzung der Bergbauunternehmer am Dreikönigsfeste in Berlin im Palasthotel wurde mehrfach Handelsmmister Delbrück scharf angegriffen. Vielleicht haben die Herren mittlerweile schon mit Erfolg geatbeite' ?

* Zur Lage auf Samoa wird amtlich gemel­det: Die vom Chef des Kreuzergeschwaders ge­meinsam mit dem Gouverneur eingeleiteten Maß­nahmen haben nach einem aus Apia eingetroffe­nen Telegramm zu dem Erfolg geführt, daß die Rädelsführer der Samoaner ohne Anwen­dung von Gewaltmaßregeln gefangen genom­men worden sind. Da« Geschwader wird nunmehr eine Rundfahrt um die Insel machen, von der man die Sicherung des wiederhergestellten Frie­dens erwartet.

A Aus Deutsch-Südwestafrika liegen zwei bedenkliche Nachrichten vor. Nach der einen soll auch in diesem Jahre im Ovambolande, dem Norden der Kolonie, eine Mißernte be- vorstehen, obgleich die Bevölkerung die letzte Hungersnot noch nicht überwunden hat. — Weiter aeftotten sich die Ansiedler ein kleines Revo - lutiönchen: Die Bezirksversammlung der An- siedler in Windhuk hat die Beteiligung an der Selbstverwaltung abgelehnt, weil verschiedene ihrer Wünsche nicht erfüllt worden sind.

* Eltville, 4. April J909. Heute vormittag fand hier der Parteitag der n a s s a u i- scheu Ze utr um sp a r tei statt, zu dem die Vertrauensmänner aus dem ganzen Regierungs-

ä Block und Reichsfiuanzreform.

In der Strafpredigt, die die „Nordd. Allg. Ztg." an den Reichstag richtete, fehl t e et was. Es fehlte eine Erörterung der G r u n b e, die diese heillos zerfahrene Lage, diese unhermliche Bummelei in der^ Finanzkommission hervorgeru- fen haben. .

Man sollte meinen, wenn ernstlich an der bat- Ligen Erledigung der Finanzreform gelegen wäre, der müßte zu allererst diese Frage aurwer- fen. Daß das nicht geschieht, hat allerdings fernen guten Grund. Um die Duelle der Hindernisse zu erkennen, empfiehlt es sich, diejenigen Arbeiten des Reichstages, die einen normalen Verlauf neh­men, den Arbeiten, die nicht von der Stelle kom­men wollen, einmal gegenüberzustellen.

Der Reichstag hat endgültig verabschte- L e t den Teil der Novelle zur Gewerbeordnung, der sich auf den Schutz von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern beließt, das Weingesetz, bie Novelle zum Doppelbesteuerungsgesetz, das Gesetz über die Preisfeststellung beim Markthan­del mit Schlachtvieh, das Dampfersubventionsge- fetz, das Gesetz bett, von Einwirkung von Armen- Unterstützungen auf öffentliche Rechte, die Novelle zum Wechselstempelsteuergesetz und das Automo­bilgesetz. In den Kommissionen find fertiggestellt die Entwürfe über die Sicherung der Bauforde­rungen, des Gesetzes gegen den unlauteren Wett­bewerb, des Arbeitskammergesetzes und die No­vellen zur Zivilprozeßordnung und zum Dieh- jeuchengesetz.

N i ch t zur Erledigung können nur zwei Kom- nifftonen kommen, die Reichsfi rtanzkom- tniffion und die verstärkte Geschäftsord­nungskommission, welche die Abänderung der Geschäftsordnung des Reichstages und die Verfassungsanträge vorberaten sollen. Welches Moment unterscheidet die Arbeiten der ersten Kategorie von denen der zweitgenannten Art? Die zur Erledigung gelangten Vorlagen — sei es im Plenum, sei es in den Kommissionen — sind nicht vom Blockgedanken ange- steckt worden, bei ihrer Beratung sind allein die sachlichen Erwägungen maßgebend gewesen, und das Zentrum hat hier ohne Rücksicht auf die Blockpolitik Mitarbeiten dürfen. In der Rrichsfinanzkommission dagegen wird das Zen­trum mit allen Mitteln von der positiven Mit­arbeit auszuschalten versucht, und in der GeschäftsordnungÄkommrssion geraten ebenfalls die Verhandlungen auf ein totes Gleise,weil Herr Müller-Meiningen unter allen Umständen Blockanträge und Blockbeschlüsse herbeiführen will.

'Haß in beiden Angelegenheiten allein die Blockpolitik die Schuld an den kläglichen Resultaten der Kommissionsverhaadlungcn hat, liegt danach auf der Hand, und ebenso ist der Schluß gerechtfertigt, daß die Blockpolitik sich, im­mer deutlicher als eine Politik erweist, die nicht das Wohl des Vaterlandes, sondern des- sen Schädigung bewirkt, die nicht „national", sondern „a n t i n a t i o n a l" genannt werden muß. Das wird natürlich die Leute, welche sich als die allein wahren Interessen des deutschen Volkes nennen, nicht abhalten, auch fürderhin die Blockpolitik nicht nur zu betreiben, sondern sie auch als höchste nationale Errungenschaft und größtes Verdienst des patriotischen Kanzlers Fürsten Bülow zu preisen.

Schwer gekränkt sind über die Strafpredigt der „Nordd. Allg. Ztg." namentlich die Freisin­nigen. Keine Ursache! Diese Strafpredigt, eben­so die vielen Versammlungen im Lande zu Gun-

beiät Wiesbaden in stattlicher Zahl herbetgee^ waren. Den Verhandlungen des Parteitages wohn' ten die Abgg. Erbprinz Alois v. Löwenstein, Obe*' landeSgerichtsrat Marx-Düfleldorf, Oberlandesge­richtsrat Wellftein-Frankfurt, Verwaltungsgerichts- direktor Linz-Wiesbaden und Rechtsanwalt Dr. Dahlem-Odrrlahnstein bei. Der Stand der Partei organisation im Regierungsbezirk Wiesbaden ergab ein befriedigendes Bild. Aus den Verhandlung«, der VertrauenSmänner-Konserenz, die einen vertraulichen Charakter trugen, seien folgende Beschlüsse hervorgehoben: Zum Parteisekretär wurde Arbeitersekretär Gotthardt-Frankfurt gewählt. In einer Resolution wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß die nassauische ZentrumSpreffe mehr als seither zu den Blättern im Sinne des § 6 des Vereins« gesetzes (zur Veröffentlichung der Versammlung»» detanntmachungen) hinzugenommen wird. Der nächstjährige Parteitag wird im 3. nassauischen Reichstagswahlkreis abgehalten werde». Am Nach« mittag fand in der Tonhalle eine allgemeine Zentrumsversammlung statt, die von über 2000 Teilnehmern besucht war. Der Vorsitz führte Abg. Cahensly. Der erste Redner, Fürst AloiS v. Löwenstein, beim Erscheinen beim Rednerpust lebhaft begrüßt, besprach die auswärtige sowie die innere Reichspolitit und gab ein treffliches Bild von der Haltung deS Blocks und dessen Vaters, deS Biockkanzlers. .Das Zentrum steh« Gewehr bei Fuß in voller Kriegsbereitschaft. Um aber int gegebenen Moment ins feindliche Gebiet einrücken und losschlagen zu können, müsse die Zentrumspartei aus ein schlagfertiges Heer rechnen können. Darum solle die ZentrumSwähler» schäft treu zur Partei stehen. — Htrr Abg. Marx behändeste zuerst die P a r i t S t s f r a g e n und zeigte an zahlreichen Beispielen, daß der katholische Volks« teil immer noch vielfach zurückgesetzt sei. DaS Zen« trum erstrebe Gleichberechtigung aller Konfessionen, nicht mehr und nicht weniger. Sodann besprach! der Redner die Tätigkeit des Zentrums im preußi­schen Landtage. In seinem Schlußworte besprach der Abg. Dahlem die Lage der Rheingauer Winzer. Im Anschluß daran wurde eine Reso­lution angenommen worin der Zentrumssraktio« für ihre Stellungnahme zu der Weinsteuer Dank ausgesprochen und sie gebeten wird, bie Weinsteuer, m welcher Form sie auch austreten sollte, abzu»' lehnen.

§ Bochum, b.April 1909. Ein märkischer Parteitag der Zentrumspartei für die Wahlkreise Hamm, Dortmund, Bochum, Hagen und Iserlohn hat am Sonntag in Bochum ge» tagt. Abg. Graf Spee beschästigte sich erneut mit der Haltung des Reichskanzlers gegenüber dem Kaiser im Sinne der Rede, die Graf Praschma neulich in Düren gehalten hat. Er führte u. a. au«:

Im November vorigen Jahres find in der Block­ära im Reichstage Reden gehalten worden, wie di, Welt sie vielleicht in der Zeit deS in den letzten Züge« liegenden französischen Königtums gehört haben mag. Bei all diesen Reden schwieg Bülow, mtb durch sein Schweigen hat er das Empfinden be» deutsche« Volkes auf daS tiefste verletzt. Es hatte sich gegen ihn eine Mißstimmung g.bildet, die fick in fast allen Par­teien verbi eitere. Seit dieser Zeit datiert die Block» ktisis. Die Mißstimmung gegen den Kanzler kam zu« Ausdruck in der Erklärung deS konservativen Abg. v. Normann an den nationalliberalen Abg. Baffer» mann, daß die Konservativen di, Reichsfinanzresor» nicht als eine Blockaufgabe anfehen, daß bie einzelnen Steuergesetze auch mit wechselnden Mehrheiten zur Verabschiedung gelangen könnten. Bülow suchte den insolgdessen wankenden Block zu stützen. Daraus, daß er von ihm im Jmpeifektum sprach, dab er meinte, der dem Block zugrunde liegend, Gedanke war ein je» sunder, wollen wir keine Schlüffe ziehen. Das Be» merkenswerteste war, daß der Kanzler sich in feiner Reichstagsrede vor den Kaiser stellte, daß er jetzt" wieder versuchte, bie im November gerufenen Geister

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