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JV3 77.
Fulda, Montag den 5. April 1909.
36. Jahrgang.
a Die Umgestaltung der sozialen Versicherung.
DaS große, für die ganze Welt vorbildliche Werk unferer Arbeiterversicherung ist natürlich Vicht aus einem Gusse entstanden. Schritt für Schritt hat der soziale G^anke Fortschritte gemacht. Auf die Unfallversicherung, die jetzt 30 Jahre hinter sich hat, folgte die Krankenversicherung, dieser wiederum die Invalidenversicherung.
Seit langen Jahren trägt man sich mit dem Gedanken, diese verschiedenen Versicherungen, die jetzt selbständig neben einander bestehen, unter einen Hut zu bringen. Die langjährigen Arbeiten ,die auf diese „Vereinheitlichung" des gesamten Versicherungswesens verwandt worden sind, sollen jetzt zu Ende geführt und zugleich dem Ganzen die Krone aufgesetzt werden mit einer Witwen- tntb Waisenversicherung.
Soeben ist die amtliche Bekanntgabe der Der» fchmel^ungsvorlage unter dem Titel „Reich s- v e r s l che r u n g s o r d nu n g" erfolgt. <Äe wird manchem einen gelinden Schrecken ein-wiagt haben. Unser Bürgerliches Gesetzbuch, das größte Gesetzgebungswerk der Welt, umfaßt die immerhin auch sehr stattliche Menge von 1793 Para- graphen, die vielfach ineinandergreisen.
Eine Verschmelzung bringt die Vorlage trotzdem nicht. Die bestehenden Verficherunas- träger sJnvalidenversicherungsanstalten, Unfall- berufs-Genossenschaften, Krankenkassen) sollen besteben bleiben. Die Regierlmg glaubt, daß eine wirkliche Verschmelzung heute kaum nob durchzuführen wäre. Dagegen wird eine größere An- M äherung der verschiedenen Dersicherungsar- ♦vn angestrebt. Die Verwaltung wird vereinfacht, einheitliche Versichern ngsbe- borden werden geschaffen. Die Instanzen sind: VersichecunaSamt, Obsrvecsicberungsamt und Reichsversicherungsamt. Das Reichsversicherungsamt, das jetzt stark überlastet ist, wird dadurch eine Entbürdung erfahren. Der Vorsitzende der Unterinstanz, der Versicherunasämter. erhört den wohlklingenden Titel „Versicherungsamtmann". Er soll von dec Landeszentralbehörde bestellt, also nicht gewählt werden. Hier wird eine starke Kritik einseben: wenn auch der Amtmann „in der Reael" zum höheren Verwaltungsdienst oder zum Richteramt befähigt sein soll, so sind Aus- nahmen, z. B. Derlorauna pensionierter Offiziere,, doch nicht ausgeschlossen.
Die Hauptsache bei der Vorlage ist die Hin- kerÄiebenenversicherung. Die Aufbringung der MMel dafür soll wie bei der Jnvalidenversiche- rung durch Beiträge der Versicherten, der Arbeitgeber und auf Reichszuschüsse erfolgen. Der Re^Szufchuß wird ohne Rücksicht auf die Zoll- erträae in einem festen Betrage gewährt, der so bemessen ist, daß er im Durchschnitte der Jahre durch die mutmaßlichen Zollerträge gedeckt wer- den wird. Die Beiträge der Arbeitgeber und bet Versicherten werden in der Weise erhoben, daß die bisherigen Beitragsmarken um durchschnittlich eilt Viertel «»höbt werden, nämlich in Lobnkwsse 1 um 2 4, in 2 tttn 4 in 3 um 6 4, ht I um 8 und ht Lahnklasse 5 um 10 Im ganzen betragen ß* also: 16, 24, 30, 36, 4G V8. Die Invalidenrenten bleiben unverändert. Aehnlich wie bei der Reliktenfürsorge der Beamten ftehin bid Hinterbliebenenbrtzüge im bestimmten Verhältnisse zur Invalidenrente des verstorbenen Ernährers, und zwar beträgt die Rente der invaliden Witwe drei Zehntel, die W a i s r n r e n t e beim Vorhandensein einer Waise drei Zwanzigstel der Invalidenrente des verstorbenen Mannes. Dazu tritt der Reichszuschuß mit je 50 JC zu jeder Witwenrente und je 25 <M zu lebet Waisenrente. Die Waisenrente wtrd den Waisen bis zur Vollendung des 15. Le-
bensjahces gezahlt. Man beachte, daß die Wit- wenrente nur invaliden Witwen gezahlt wird. Arbeitsfähige Witwen bekommen somit nichts. Invalide Witwen mußten bisher aus der Armenkasse unterstützt werden. In der 4. Lohnklasse würden bei einem Arbeiter mit einem durchschnittlichen Jahresverdienst von 1000 M nach 39jähriqer Klebung für die Witwe 122,40 dl, für jede Waise 61,20 <M, gezahlt wer- den, vorausgesetzt, daß die Witwe in- v a li L e i st. Armenvecwaltüngen werden arme Witwen wohl kaum mit »veniger abspeisen können. Einen -erheblichen Fortschritt bedeutet diese „Versicherung" somit kaum. Jmmec- htn aber ist's ein Vorteil, denn nun hat die Witwe einen A n s p r u ch auf Rente, während sie früher immer das harte Wort „Armenunterstützung" hören mußte.
Wichtig ist die Einführung einer freiwilligen Zusntzverficherung. Der selbständige Handwerker, der Werkmeister, der kleine Landwirt usw. erhalten die Möglichkeit, von der neuen Versicherungs- einrichtung nach eigener Wahl Gebrauch zu maßen und sich eine erhöhte Versorgung aus der Invalidenversicherung zu schaffen. Die Durchfüh- rung ift einfach. Durch Einkleben einer freiwilligen Zusatzmarke im Werte von 1 <M erwirbt der Versicherte eine Zusatzrente, deren Betrag mit den Einzahlungen und den Jahren, die seit der Einzahlung verflossen sind, steigt. Hat er 1 M ein- aezahlt, so erhält er im Alter von 65 Jahren eine Zusatzrente von jährlich 186 M.
Die Krankenversicherung wird auf die land- unb forstwirtschaftlichen Arbeiter, die Dienstboten, die Hausgewerbetreibenden u. a. ausgedehnt.
Den Streitpunkt bei den kommenden parlamentarischen Auseinandersetzungen über diese Vorlage bürste die Neuregelung der Rechte und Pflichten der Arbeiter und A rbeitgeber bei der Verwaltung der Krankenkassen,bil- den. . Wie bei bet Invalidenversicherung werden kunfttg auch bei der Krankenversscherung Arbeitgeber und Versicherte gl ei che Beträge zahlen, während das die Versicherten allein belastende Eintrittsgeld wealällt. Demgemäß soll auch das Stimm recht im Vorstand und Ausschuss der Kassen für Arbeitgeber und Versicherte gleich sein., Diese Bestimmung soll der Herrschaft der Arbeiter in den Krankenkassen ein Ende machen: denn mit dieser Bestimmung ist die dauernde Neberlegenheit der Arbeitgeber in den Kassen garantiert
Die große Streitfrage des Verhältnisses der Krankenkassen z« den Netzten wird in einem besonderen Kapitel der Krankenkassen-Versiche- rtmgsbestimmungen geregelt. Die Kassen sollen Verträge schließen können mit so viel Aerzten, wie sie wollen: der Inhalt dieser Verträge ist in einer Aerzteordnung zusammenzusassen. Den Kassenmitgliedern soll die Auswahl zwischen mindestens zwei Aerzten sreistebem Einiaungskom- mtssione:: zwischen Kasse und Aerzten sind anzu- trebeu. Diese Regelung versucht einen Mittel- weg, ob er cmnabar ist, werden nähere Untersuchungen, insbesondere der Beteiligten, zeigen.
Tie Vorlgae enthält manches Reue und Gute, aber auch Verschlechterungen. EZ werden heiße Kämpfe darum entbrennen.
Deutsches Reich.
I] Eine böse Osterzensur bekommt der Blockreichstag in der «Rorddeuischen Allgemeinen Zei'ung'.
Das osnziöfe Blatt beklagt in sichein Wochenrückblick den schleppenden, sachlich durch, aus unbefriedigenden Gang der Arbeiten der Reichstagskommission für die Finauzreiorm, ver.
urteilt die „hemmende Wühlarbeit" der Jnteres- femen, speziell des deuischen Tabakvereins, und schließt angesichts der Tatsache, daß bisher „kaum em positives Resultat" erreicht wurde, mit folgender Strafpredigt an die Blockbxüderschaft:
„Damit ist eine überaus schwierige Situation geschaffen. Wenn in der bisherigen Weise weitergear- beitet würde, würde die Kommission nicht nur bis ®ni>e Juli, sondern bis in Winters Anfang zu- fammenbletben müssen. Die verbündeten Regierungen werden an dem vom Reichskanzler in seiner Rede vom 31. März ausgesprochenen Verlangen, daß der Reichstag noch in dieser Session die Finanzreform erledigt, unter allen Umständen feilhalten. Hierbei befinden sich sie in voller Uebeiemflimroung nut den Wünschen des weitaus größten Teils des deutschen Volks. Dieses besteht nicht, wie man manchmal nach den überlauten Aeußerungen der Fachpresse in den letzten Monaten hätte annehmen können, ausschließlich aus Interessenten. Es leibet auch nicht an einer tief» grünbigen Abneigung gegen die Erbschastsbesteuerung. Vielmehr haben die zahlreichen, starken (Y) und spontanen (?) Kundgebungen, wie sie überall in konservativen trab liberalen Vereinen wahrend ber letzten Wochen in immer steigendem Umfange stattgesunden habe», gezeigt, daß das deutsche Volk in feiner ganz überwiegenden Mehrzahl von der Notwendigkeit durchdrungen ist, die Finanzreiorm noch in diesem Sommer ohne irgendwelche Rücksicht ans Partetgegensätze zu einem gedeihlichen Abschluß zu führen. Es ist bereit, hierzu große Opfer zu bringen, und verlangt von seinen Abgeordneten ganze und ernste Arbest. Es ist berechnet worden, daß jeder Tag Verzögerung dos Volk Ist» Millionen Mk. dauernde Belastung kostet. Das Siegenbleiben der Reform über den Sommer hinaus roütoe eine Verzögerung mindestens um em volles Jahr bedeuten, dem deutschen Volke eine weitere Schuldenlast von mindestens 500 Millionen und eine jährliche ZinSausgabe von über 20 Millionen Mark au! bürd en."
Woher denn auf eir mal solche Töne! Wenn alle Wett auS der Haut fahren wollte über die hundsmiserable Wirlschatt in ver Reichsfinanz, kommisiion, dann blteb die,Nordd. Alig. Ztg/ stillvergnügt und sah frohgemut m die Zukunft. Und jetzt auf einmal diele Unzufriedenheit? Die Regierung hätte die Sache praktischer ange- jaßt, wenn sie ihre alte Praxis, dem bö’en Zentrum alle Schuld in die Schuhe zu schieben, jortgesetzt hätte. So stößt sie ja ihre eigenen Freunde vor den Kopfl
** Berlin, 4. April 1909. Der Kaiser wird bei Gelegenheit der diesjährigen Kaiser- Manöver in der württembergilchen Stadt Mergentheim fein Hauptquartier ausschlagen. — Der ReichShaushaltsetat ist vom Bundesrat sehr schnell, bereits am Samstag, in der vom Reichstage beschlossenen Form angenommen worden, sodaß die geschäftlichen Angelegenheiten des Reiches beim Wechsel des Etatsjahres keiner Störung ausaesetzt werden. — Der Reichstags- abgeordnete, Karl Schrader, der Führer der reisinnigen Bereinigung und Vorsitzende des Protestanten-Bereins feiert heute seinen 75. Geburtstag. — Der ,Staatsanzeiger' veröffentlicht die für die Bedingungen für die Bewerbung um Arbeiten und Lieferungen in der Staatsbauverwaltung.
* Reichskanzler Fürst v. Bülow hat Sonntag früh die Erholungsreise nach Oberitalien angetreten.
(*) Heber die staatliche Pensions-Bersichenrng der Privatangestellten wird nach der .Rational'- zig/ demnächst eine zweite Denlschrist der Reichsregierung erscheinen. Das Beirilts-Alter oll auf 16—60 Jahre festgesetzt werden. Von der Beschränkung der Versicherung auf Angestellte mtt nicht mehr aiS 5000 Mark wird abgesehen.
es sollen vielmehr auS versicherungstechnischen Gründen sämtliche Angestellte der Versicherung unterworfen werden. Ebenso soll die Hinterbliebenen - Pension sämtlichen, nicht nur den bedürftigen und erwerbsbeschränkten Witwen, zustehen. Der Beitrag soll 8'/, des EinkommenS betragm.
)( Die christlichen Gewerkschaften veranstalten, wie wir mitteilen können, in diesem Jahre wiederum einen Kongreß. Es sind dasür die Tage vom 18. bis 21. Juli in Aussicht genommen. Die Tagung findet in K ö! n statt,
* Erster Preußischer Richtertag. Unter starker Beteiligung von Richtern und Staatsanwälten aus ganz Preußen trat am Samstag im Abgeordnetenhause der 1. Preußische Richtertag zusammen zum Zwecke der Gründung eines Preußischen RichterveretnS.
** Düren, 4. April 1909. Bei der gestrigen Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Düren- Jülich, die durch den Tod deS Abg. Hompesch nölig geworden war, erhielt Fürst zu Salm- Reifserscheidt (Zentr.) 14-00 Stimmen. Die Gegenkandidaten erhielten etwa 2500 Stimmen.
* Cochem, 3. April 1909. Bei der Reichs- tagsersatzwahl im Wahlkreise Adenau-Eochem« Zell bei welcher der Zentrumskandidat Pauly gegen einige hundert Stimmen gewählt worden ist, haben, wie jetzt bekannt wird, an einzelne« Orten die liberalen Wähler direkt für bett sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt. Liberale Flugblätter forderten zur Wahl bei Sozialdemokraten auf mit dem Hinweis, oaß eS sich um eine Demonstration handele und „bal nationale Bewußtsein dadurch nicht getroffen werde." So erhielt der ,Kobl. Dolksztg/ zufolge in dem überwiegend protestantisch-liberalen Traben- Trarbach ver Zentrumskandidat nur 49, der Sozialdemokrat dagegen 334 Stimmen — fast ausschließlich von liberalen Wählern. Und das sind dann die Leute, die dem Zentrum ^Mangel an nationalem Bewußtsein vorwersen!
** Das neue Wahlgesetz in Sachsen-Weimar.
Das, wie gemeldet, soeben vom tveimarischen Landtage verabschiedete neue Landtagswahlgesetz stellt sich wie folgt dar: Die zehn privilegierten Wahlen dec Großgrundbesitzer und bet „Tausendtalermänner" bleiben bestehen, 5 neue Abgeordnete aus den B e r u f s st ä n d e n (je ein Vertreter der Universität Jena, der Handels-, der Handwerker-, der Landwictschafts- und der Arbeiterkammer) kommen hinzu, so daß der Landtag i;t Zukunft aus 38 Abgeordneten besteht. Dai W a h l a l t e r wird von 21 auf 25 Jahre hinaufgesetzt und die Amtspeciode der Abgeordneten von 3 auf 6 Jahre erhöht.
Das Gesetz enthält als wichtigste Neuerung dieBeseitigungderindirekten Wa h l, die bisher bei der Wahl der 23 Abgeordneten der nicht privilegierten Wähler in Anwendung gekommen ist. Das indirekte Wahlverfahren in Sachsen-Weimar, das sich in vielen Stücken mit )en in Preußen geltenden Bestimmungen für die Wahlen zum Abgeardnetenhause deckt, hat sich, wie vom Regierungstische aus bei der Begründung dec neuen Wahlrechtsvorlage selbst zugegeben worden ist, als durchaus unzweckmäßig erwiesen. Nicht nur, daß ein großer Teil der Bevölkerung infolge des Vorrechtes des GeldsackeS ich um die Wahl überhaupt nicht bekümmerte, andern es ist sogar vor gekommen, daß die Wahl» männer gar nicht die Persönlichkeit zum Abgeordneten gewählt haben, die sie auf Grund der Stimmenabgabe der Urwähler wählen foHten. Durch
Zm Sonne Ses AheiMiB.
72] Aus dem Englischen von R. v. Raesfeld.
„Solche Neuigkeiten aber jedenfalls auch nicht," gab Jack zurück. „Ich habe Sie ersucht. Lady Wayne, hierhin zu Font men, weil ich dachte. Sie wurden vielleicht laut schreien, wenn Sie hör- ten, was ich zu sagen habe: da? würde Aufsehen erregt haben, und das wollen Sie vielleicht vermeiden." ‘
„Es kann mich doch nicht betreffen," erwiderte sie mit einem unbehaglichen Gefühl der Verwunderung, was e) wohl sein könnte.
Jack senkte den Kopf. Er besaß sogar die Höflichkeit, feinen Zigarrenstummel wegzuwecfen, jetzt, wo die Unterhaltung ernsthaft geworden war.
„Erschrecken Sie nur nicht", sagte ec mit mehr Ueberlegung, als man ihm hätte zutrauen sollen. „Solche Sachen kommen massenhaft genug vor; nur Tarnen wie Sie wissen nichts davon. Wenden Sie sich nicht von mir weg, Mylady, als ob alle meine Worte Gift wären. Sie werden finden, daß ich wirklich tote ein guter Freund gegen Sie und die Ihrigen handele."
„Ich wünsche," sagte sie stolz, „Sie kamen zur Sache und tagten mir, warum Sie hier find."
„Das kann mit wenigen Worten geschehen." gab er zurück. „Es geschieht nur Ihretwegen, wenn ich sage „kommen Sie näher und hören Sie zu. Ich glaube. Sie wollten nicht mal die Bäume und Vögel daß hören lass«, was ich zu sagen habe."
.. Sie vergaß ihren Stotz und beugte das gol- ^tgschtmmernde Haupt, um ihren Todesstretch zu erwarten.
^,,eie sind viele Jahre jünger tote Ihre Schwe-
- begann er zögernd, „und es läßt sich an- nebmen, daß Sie von den Geheinmissen ihres früheren Lehens nichts wissen."
„Sie hat keine," war die ruhige Antwort.
MW.
Und wieder lachte Jack Jefferies, — dieses widerwärtige Lachen, wofür sie ihn hätte zu Boden schlagen können.
„Tut mir leid, eine so gute Meinung zerstöret: zu müssen," sagte er; „aber die Binde muß Ihnen von den Augen genommen werden. Ich habe es für leichter gehalten, Ihnen die Mitteilung zu machen, Lady Wayne; aber wenn ich Jhx Gesicht sehe, so kalt und stolz im Mondschein — so — wirklich — so fürchte ich mich einiger- maßen."
Und der Mann, dec beides war, Feigling und Spton, — schrack zurück vor dem klaren Blick dieser fest auf ihn gehefteten stolzen, dunkelblauen Augen.
„Fahren Sie fort," sagte sie kurz.
Aber fein Gesicht war blasser wie das ibcrae geworden. Es war nicht so leicht, in diez schöbe stolze Antlitz zu sehen und ihr zu sagen, wie außerordentlich niederträchtig, hinterlistig und gemein er sich benommen.
-Vor langen Jahren," begann er endlich letfe, »so lange her schon, daß Sie sich dessen jedenfalls nicht mehr erinnern werden, war Ihre Schwefi« in einem Orte namens Abbotsville — Sie haben den Namen vielleicht nie gehört?"
Sie stand still, — regungslos, obwohl jeder Blutstropfen aus ihrem Gesichte wich, ihr Herz fast zu schlagen aufhörte. Ihre weiheu Lippen öffneten sich, aber kein Ton drang hervor, die juweleageschmüctten Hände umklammerten' bie eifernen Gitterstangen des Lares zur Stütze aber kein Wort, kein Laut entfuhr ihr.
„Sie wird Ihnen wahrscheinlich nie etwas davon gesagt Haden," fuhr Jack fort, „aber es ist Tatsache, sie war in Abbotsville, tote lange, weiß ich nicht, und bekam dort einen Sohn."
„Was?" schrie eine schreckliche Stimme, die niemand als die Lady Wayne's wiebexerkannt hätte; „sagen Sie das noch einmal!"
„Ich wiedeohole, daß Ihre Schwester, Miß Marian West, an diesem Orte, namens AbbttS-
ville, einen Sohn bekam, und daß sie diese Tatsache vor aller Welt als tiefes Geheimnis verbarg, daß es auch für alle Welt ein tiefes Geheimnis ist, ausgenommen für sie und für mich."
Er sah das stolze Haupt langsam sinken, sah die hohe Gestalt sich neigen, bis sie kniete und das Gesicht auf die Eisenstange des Törchens legte. Er hörte, wie Stöhnen auf Stöhnen von den weißen Lippen kam. Laute so voll von unaus- sprechlicher Qual, Angst und Weh, daß, so hart wie er war, sein Herz doch gerührt wurde.
„Es liegt gar fein Grund vor, daß Sie sich so verzweifelt grämen," sagte er tröstend, „ich werde es niemals sagen, darauf können Sie sich verlassen"
Aber sie beugte ihr goldenes Haupt nur noch tiefer.
„O Gott, mein Gott", hörte er sie sagen, „Du hast mich verlassen I"
Sie meinte nicht; keine Träne stand in den Augen, die sie zu ihm erhob.
„Sagen Sie mir," fragte sie, „wie haben Sie dies erfahren?"
„St! Still!" flüsterte Jack. „War rnir'S doch, als hätte ich ein Geräusch gehört. Es war aber wohl nur der Wind in den Bäumen. Ich will Jhrwn sagen, wie ich es «fahren habe, Lady Wayne, wenn Sie zuhören und nicht so kläglich stöhnen wollen."
Ec beugte sich wieder wie tröstend zu ihr hinunter, doch sie verbarg chr Gesicht nur umsomehr, um es feinen Blicken zu entziehen.
47. Kapitel.
Endlich erkannt.
„Sie können mir glauben, Lady Wayne, daß kein Grund zur Furcht vorhanden ist. Es gibt kein menschliches Wesen auf der ganzen weiten Welt, das es weiß, oder je wissen wird, wenn Sie nur versprechen, mir das zu geben, was ich verlange. Ich habe die Sache mit meinen eigenen LecstandSkräften berauSaefrieat —, dadurch daß
ich meinen Scharfsinn angestrengt habe. Seit Jahren wußte ich schon etwas davon, doch nicht alles. Sie hat die Tatsache seiner Existenz fe^t nett zu verbergen gewußt." !
Da erhob sich das verstörte Gesicht mit den wilden Augen wieder zu ihm. Eine heisere Stimme flüsterte:
„Was lagen Sie da? — Seine Existenz? — Mein Gott — wollen Sie damit sagen, daß et lebt?"
„Natürlich tut er das. Wenn er nicht am Leben wäre, wie sollte ich denn überhaupt etwas von :hm wissen?"
„Er lebt!" wiederholte sie, und trotz seines Erstaunens über ihr merkwürdiges Benehmen und Fragen hielt er sich mtt dem Gedanken auf, ob dies nicht ber Todes seufz« einer Sterbenden gewesen.
„Er lebt — jawohl," flüsterte et wieder, „und sie hat alles so nett eingefädelt, daß er bei Ihnen allen wie zu Haufe ist. Glauben Sie mtt, Lady Waone, ich spreche die heilige Wahrhett. Der junge Mann, den Sie als Wecn« Jefferies fen- nen, ist in Wirklichkeit niemand anders, als der Sohn Ihr« Schwerter, Marian West."
Wieder ein Klagelaut — diesmal fa^ schwach, daß et wirklich fürchtete, sie würde ohnmächtig.
»Ihre Schwester hat alles sehr All und ruhig zu harten v«standen," fuhr er wieder beschwichtigend fort
Sie erhob den Kopf plötzlich und sah ihn mit wrldcn, brennenden Augen an.
„Und w« sind Sie?" rief sie, „daß Sie dies wissen? Wer find Sie?"
Er dämpfte seine Stimme zu noch vertrauli- cherem Geflüster.
„Ec tft mein Milchbruder: er Hat immer als Sohn mein« Mutter gegolten, Kate Jefferies, wissen Sie."
„Ich habe nie von Kate Jefferies gehört — nur als von seiner Mutt« — wer ist es?"
Ctodipiiupo foJaM