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Maer W Zeitung

wochenbeitage: „Illustrierte Sonntagrzeitllllg"

36. Jahrgang

Fulda, Samstag den 3. April 1909

M 76

Iwertes HZIcrtL

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Bedeutsamer als diese Blockverhandlungen war die Reichstagsverhandlung am Montag, die der äußeren Politik gewidmet war. Be­kanntlich hatte vor einiger Zeit die Budgetkom- mission bei der Beratung deS Marineetats ge­wünscht, daß der Reichskanzler an den Kommis­sionsverhandlungen teilnehmen möchte, um Auf­klärungen über die auswärtige Politik zu geben. Der Reichskanzler hat diesem Wunsche der Kom- Mission nicht entsprochen. Vielleicht mag ihn da- zu die Erwägung mitbestimmt haben, daß cs vorzuziehen sei, diese Erklärungen statt in der halb geheimen Kommission, öffentlich im Reichs­tag abzugeben. Das geschah also in der Man- tagssitzung. Im ganzen fielen die Erklärungen des Reichskanzlers so aus, daß der Abg. Frhr. v. Hertling, der wohl unter den Abgeordneten als erste Autorität auf dem Gebiete der auswär­tigen Politik gelte« kann, zustimmen konnte. Von allen Seiten des Hauses war man auch mit der Haltung Deutschlands in der Orientkrisis einver­ständen, die zu einem so großen Erfolge für das Verbündete Oesterreich geführt hat.

In England wird die Flottenfrage eifrig weiter behandelt. Die konservative Partei unter Führung Balsours hatte ein Tadelsvotum für das Ministerium beantragt, und dieser Antrag kant am Montag zur Beratung. Die Abstimmung fiel zu Gunsten des Ministeriums aus, und wenn das Ministerium den konservativen Forderungen nur ein klein wenig mehr entgegengekommen wäre, so tväre die Abstimmung ganz unterblie­ben. Die Verhandlung gewann dadurch besondere Bedeutung, daß der Staatsekretär des Auswär­tigen, Sir Edward Grey, eine lange Rede über die deutsch-englischen Beziehungen, und sodann über die Flottenbaupcogramnie Deutschlands und Englands hielt. Sir Edward Grey ist diejenige Persönlichkeit im jetzigen englischen Ministerium, die sich allgemeiner Anerkennung auch in eng­lischen konservativen Kreisen erfreuen dürfte. Wenn er spricht, so spricht nicht ein Parteimann, sondern sozusagen die Quintessenz der englischen politischen Klugheit. Herr Grey also meinte, daß Deutschland keinen^Grund haben könne, eine wohlüberlegte Politik der Isolierung Englands zu befolgen. Wenn das von der Bevölkerung beider Länder klar verstanden wäre, so müsse sie erfemten, daß die Möglichkeit des Friedens zwi­schen beiden sehr groß sei. Grey wies sodann auf den Unterschied der Bedeutung hin, den die englische Flotte für England und die deutsche Flotte für Deutschland habe. Man wird ihm nicht sehr Unrecht geben können, wenn er meinte, daß die englische Existenz von der Flotte abhängig sei, die deutsche aber in erster Linie vom Land- heere. Bei seinen Ausführungen über das deut­sche Flottenprogramm übertrieb natürlich auch er em klein wenig, aber im großen Ganzen ist so­wohl auf deutscher Seite wie auf englischer soviel Freuitdlichkeit im Tone gezeigt worden, daß eine Besserung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten auch fernerhin zu erhoffen ist.

Tie Balkankrisis ist nunmehr sozusagen erledigt, Rußland hat endlich aus freien Stücken sich zur Anerkennung der Annexion Bosniens und der Herzegowina seitens Oesterreichs bereit erklärt und England und Frankreich sind dem russischen Beispiel nach kurzeip Zögern gefolgt.

Auf dem Balkan ist der Friede ge­sichert. Die Wendung zum Bessern vollzog sich in drei Etappen: Erstens erklärte sich Ruß- land bereit, die Angliederung Bosniens und der Herzegowina auf Grund des türkisch-österreichi­schen Abkommens anzuerkennen, und zwar durch Notenwechsel, ohne auf den Zusammentritt einer

Konferenz zu warten. Zweitens galt es die Auf­gabe zu lösen, die S e c b i e n zum Verzrcht auf die Hoffnungen zu bewegen, die sie auf die Ver­zögerung der bedingungslosen Anerkennung der Angliederung gesetzt hatten. England hatte die Geschäftsführung übernommen bet der Abfaßung bet Formel" durch deren Anerkennung Serbien wieder in daS normale Verhältnis zu seinem herausgeforderten Nachbarn treten sollte. Auch nach der Schwenkung dec russischen Polittk machte die „Formel" noch erhebliche Schwierigkeiten. England und dessen Freunde wollten den Serben möglichst viel Schonung angedeihen lassen. Oester- reich aber bestand mit Röcht darauf, daß volle Klarheit und Sicherheit geschafft werde, indem Serbien rückhaltlos auf seine Ansprüche auch für die Zukunft verzichte und die Friedlichkeit durch Abrüstung betätige. Eine Weile schien es, als ob die Friedensformel zum neuen Stern des An­stoßes werden oder wenigstens zur Verschleppung der Krisis führen könnte. Als jedoch Oesterreich fest blieb und ankündigte, daß es zu Anfang der neuen Woche selbst in Belgrad die entscheidende Frage stellen werde, wenn die Mächte bis dahin nicht zum Ziele gelangt seien, da wurde am Samstag die Vereinbarung über dre Formel ge­mäß der österreichischen Forderungen erzielt. Die dritte Etappe des Friedenstqeges bildet die Entlassung der serbischen Reservisten bis zur Zurückführung der Regimenter auf den normalen Stand. Das ist der Anfang der Abrüstung, — ein tatsächlicher Beweis des Einlenkens von ent- scheidender Bedeutung. Die Mächte haben nun­mehr den vereinbarten Schritt in Belgrad unter­nommen, und den Serben zu verstehen gegeben, daß sie auf irgend welche Unterstützung seitens der Mächte nicht zu rechnen hätten. Die groß- serbische Agitation ist denn auch gewaltig abge- flaut, und es scheint, daß Serbien schon mit der Abrüstung ernst macht und sich in sein Schicksal ergeben wird. Der serbische Kronprinz hat in­folge von Gerüchten, daß er seinen Diener tödlich verletzt habe, abgedankt, und diesem seinem Wun­sche hat weder die öffentliche Meinung, noch die Regierung, noch dec König selbst widersproä^n. Der Kronprinz stand seiner moralischen Bedeu­tung nach ebenso tief wie nach seiner wissenschaft­lichen Ausbildung und seiner geistigen Befähi­gung. Heute zweifelt aber niemand daran, daß er allein es war, der die langwierige gefährliche Beunruhigung der Welt verursacht hat. Herr Iswolski, der Leiter der rusiischen auswärtigen Politik, hätte sich nicht so lange als Ränkeschmied betätigen können, wenn ihm nicht in dem un­reifen serbischen Kronprinzen ein brauchbares, in der Unruhestiftung überaus befähigtes Werkzeug zur Verfügung gestanden hätte.

In der Türkei hat wieder einmal eine kleine Truppcnrevolte stattgefunden, da die ara- rischen Truppen im Sultanspalast nicht dulden wollten, daß ihnen türkische Rekrnten zugeteilt würden. Tie Revolte wurde im Keime und ohne Blutvergießen erstickt.

In Persien glimmt der Kampf nm die Verfassung ohne Unterbrechung weiter. Fast täglich finden verlustreiche Zusauunenstöße zwi- schen^den Anhängern der Verfassung und denen des Schahs, statt. ES ist aber nicht möglich, ein klares Bild über die Aussichten der beiden Par­teien zu gewinnen.

den. Obwohl das sofort -offiziös abgeleugne- wurde, entsprach die Meldung doch den Tatsachen, wie denn überhaupt die heutige Lage in Grie­chenland höchst verworren und bebentlid s Eben ist die Meldung gekommen, das Robi­net Theodokis habe seine Entlassung genommen Kurz vorher (kitte der Finanzminister aus dem Kabinet ausscheiden müssen. Wie das gekommen ist, darüber kann man in den Blättern verschis bene» lesen. Sicher ist aber wohl, daß, mag auch ein zufälliger Anlaß zum Rücktritt vorliegen, dir eigentlichen Ursachen viel tiefer gehen.

Griechenland steht seit nahezu hundert Jah­ren im Banne der sogenannten großhelleni­sch e n I d e e, d. h. man glaubt dort felsenfest a» die Wiederherstellung des großen byzantinische«! Reiches, das im Mittelalter den ganzen Osteri und Süden Europas beherrschte. Diesem Phan­tom jagen die .Hellenen",unermüdlich nach uni vernachlässigen darüber die dringenden sozialem und kulturellen Aufgaben. Von einer Bondz skruppelloser Berufspolitiker und einer macht- und habgierigen Palastcläque ausgebeutet unt ausgesogen, eilt Griechenland mit Riesenschritte» völliger Verarmung und Desorganisation, entga gen. Der Finauzminister wollte durch eine gv iechte Steuerrkwrm eine bessere Verteilung del drückenden Steuerlasten herbeiführen. Es trat das erste Mal, daß ein griechischer Finanzministel den Versuch unternahm, die Reichen einigermaße» zu den Staatslasten hera^uziehsn. Fast all« griechischen Steuern sind indirekte Steuern, di» die große Masse unverhältnismäßig schwer tref­fen, während das Kapital unbesteuert ist. Diz herrschenden Klassen, die die Politik machen, haben sich auf diese Weise Steuerfreiheit zu sichern ge­wußt. Als Gunaris wegen seiner Steuerreform­pläne entlassen wurde, war das das Signal zu einer starken, von dec Oppositionspartei lebhaft geschürten Agitation gegen das Parlament und bas Königshaus. Geschürt wurde diese Be­wegung durch die verfassungsfeindlichen Machen­schaften politischer Vereinigungen von Hofwüv, denlrägern und Offizieren, die auf einen Staats­streich, auf die Einschränkung der Dolksrechte zu­gunsten der königlichen Gewalten hinarbeiteten, Auch in anderen Bevölkerungsklassen macht« sich zu gleicher Zeit eine Bewegung kund, so vor allem unter den Gewerbetreibenden und Kauf­leuten. Die Zünfte und der Verein der Kauf­leute traten zu Beratungen zusammen, und bet Erfolg war. daß eine allgemeine Steuer-Verwei­gerung für den Fall angedroht war,, daß di« Kammer keine Besserung der wirtschaftlichen Zu­stände bewirke. Zu alledem kommt die kretisch« Frage, die noch immer unentschieden ist, dann di» neue Aera in der Türkei und die ganze Meng« dec Balkanfragen, die Aufregung und Besorgnil erzeugen. Man ruft nach Neuerungen, Refor­men, Umwandlung des Bestehenden, Revolution und jeder wälzt die Verantwortung von sich auf den Nachbar ab.

Die Hofwürdenträger, die, wie wir gesehen haben, auf einen Staatsstreich hinarbeiten, klagen die Politiker an, daß sie das Volk verführen und das Land zu Grunde richten. Die Politiker be­schweren sich über den Hof, daß er die Parteien zu seinen Sklaven gemacht und daher den heuti­gen unhaltbaren Zustand geschaffen habe. Man wirft dem Hofe vor, daß er alle höhere Gewalt in seinen Händen bereinigt Ijabe, daß dort Sipp­schaften vorhanden seien, die alle guten Posten mit ihren Leuten besetzen. Der verstorbene Hof­schatzmeister Thon, der als armer Mann in den Hofdienst trat, habe feiner Familie Millionen hin­terlassen. Das Blatt „Patris" brachte Enthül-

Monakbellage: „glübatt Geschichtsbliitter"

A Griechenlauv am BoraberrS Ver Revolution?

Jüngst mürbe gemeldet, in Athen sei eine Ver­

schwörung nc.3' n den König Georg entdeckt wor-

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Wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 2. April 1909.

Dec Eintritt des Reichstages in die Osterferien erfolgt in diesem Jahre unter recht eigenartigen Verhältnissen. Die größte und drin­gendste Aufgabe, vor dec der Reichstag bisher gestanden bat von der geradezu des Reiches Wohlfahrt in der Zukunft abhängt, die Reichs- finanzreform, ist vorläufig noch unerledigt, und die Aussicht für eine befriedigende Losung dieser Schwierigkeiten ist recht gering. Auch die große Blockbebatte am Dienstag tm Re-Hs» tag hat keine Klärung gebracht. Nationallibe- rate. Freisinnige und Konservative wünschen auch weiterhin das Fortbestehen des Blockes und die Durchführung der Reichsfinauzreform durch den Block. Aber die Konservativen sprachen sich doch etwas freier aus, und meinten, wenn es mit dem Block stellenweise nicht ginge, so müsse dann eben eine andere Mehrheit eintreten. Das heißt also ungefähr: in Fällen der Not, nämlich wenn die linken Parteien nicht wollen, so möchten die Kon­servativen sich des Zentrums zur Bildung einer Mebrheii in ihrem Sinne bedienen. Als der nationalliberale Abg. Baffermann bezweifelte, daß das Zentrum sich werde als Lückenbüßer ge­brauchen lassen, ertönten aus dem Zentrum leb- Haffe Zurufe: Sehr richtig! Auch der Reichs­kanzler ergriff in dieser Debatte das Wort. Es fiel auf, daß er die Idee des Blocks in den Lord ergründ zu schieben sucht, um die Blößen der gegenwärtigki! Verkörperung dieser Idee zu verdecken. DerVater des Kindes hat also selbst schon das Gefühl, daß fein Sprößling in seiner ■realen Leiblichkeit und Tätigkeit nicht sehr lieb­lich und hoffungsvoll aussieht. Wenn man die Wirklichkeit beim besten Willen nicht loben kann, so stimmt man ein Loblied an auf das Phantasie­gebilde, das man gern an deren Stelle haben möchte. Die „Idee", verschiedene Parteien auf einer mittleren Linie zum Wohl des Ganzen zu- fammenarbeHen zu lassen, ist sehr einfach und sehr alt. Auf die Idee der „Paarmig" kann sich also Fürst Bülow kein Patent geben lassen. Auf feine Rechnung kommt nur der Versuch der Ver­wirklichung dieses Gedankens, der im Anfang 1907 begonnen hat. In seinem Silvesterbrief hatte er noch einen gesunden Gedanken der Sammlung aller gutwilligen Kräfte. Der Ver­such ist nicht glänzend ausgefallen. Ai« Krisen und die Flickarbeit sind chronisch geworden. Ein Rückblick auf 1906 zeigt am deutlichsten, tote we­nig die nationalen Geschäfte durch die gepriesene „Idee" des Fürsten Bülow gefördert worden sind. Die d a IN a l i a e Reichsfinanzreform, die doch auch in ihrem Umfange von etwa 200 Millionen ein tüchtiges Stück Arbeit darstellte, wurde viel glatter und flotter, ohne große Krisen und lange Verschleppungen, zum Abschluß gebracht, als die jetzige. Damals herrschte das freie Spiel der Kräfte, jetzt die Blockkünstelei. Die bisherige Probe spricht zugunsten des alten, natürlichen Verfahrens. In Hinsicht der weiteren Entwick­lung der Finanzfrage bestätigte die Rede des Reichskanzlers, was man bisher schon über den Feldzngsplan wußte. Die Konservativen sollen zur Annahme der sogen. „Witwen- und Waisen­steuer" in Form der Erbanfallsabgabe gelungen werden, und dafür sollen die Liberalen in Sachen der Branntweinsteuer nachgeben, womöglich bis zur Annahme des Monopols.

Unpolitische Zeitlause.

C:) Berlin, 1. April 1909.

(Nachdruck verboten.)

Heute hat die Verwaltung der Nobelstiftung beschloßen, den großen Friedenspreis dem König Peter von Serbien zu verleihen. Auf berUrfunbe soll das Motto prangen: „Ta­pfer ist dar Wgltbezwingey, tapfrer, wer sich selbst bezwang." Wenn besagter König Peter in den voraussichtlichen unfreiwilligen Ruhestand tritt, so wird ihm dieser Zuschuß zu der zweifel­haften Pension gewiß sehr erwünscht sein. Für seinen hoffnungsvollen Sprößling, den resignier­ten Kronprinzen Georg, plant man eine ange- mesiene Versorgung als Generaldirektor einer Erziehungsanstalt für verwahrloste Knaben. Doch ist es noch zweifelhaft, ob er diesen Posten an- nimmt, oder nicht lieber einem ehrenvollen Ruf nach England folgt, wo ihn die Flottenfere als Agitator für den Bau von unzähligen Dcead- nougths (sprich: Fürchtenichts) henimreisen laf- ¥fen wollen. Die einzige Schwierigkeit des letzten 'Unternehmens besteht nur darin, daß der Prinz nicht den geeigneten Kammerdiener für die eng- Ache Tournöe finden kann. Tas Komitee besteht nämlich darauf, daß der Kammerdiener ein wasch­echter Deutscher sein und der Prinz ihm die ge- wohnten Fußtritte am Schluffe jedes Vorttags auf offener Bühne ganz realistisch zuteil werden lassen soll. Nun will sich aber fein Deutscher für diese dankbare Rolle anwerben lassen. Das ist sehr zu bedauern: denn tm Grunde genommen haben wir Deutsche allen Anlaß, die englischen Floltenkomödianfen zu unterstützen. Sie sorgen dafür, daß cs nach der Wiederherstellung des Friedens in der Welt nicht gar zu langweilig wird, und toenn die Engländer mit furchtgeschwol­lenem Herzen Dutzende von „Fürchtenichts" bauen, so ist das eine komische, aber recht tiefe Verbeugung vor Deutschland,

Auch Herr Iswolsky, der bisherige Mini­ster de sAuswärtigen in Rußland, hat sich um den Frieden, verdient gemacht, allerdings etwas un- willkürlich, da ihn der Kronrat zum gründlichen

Einkeuken zwang. Bei der plötzlichen Schwen­kung ist er ins Stolpern geraten und muß nun auch eine Zivilversorgung haben. Wie unter dem heutigen Datum auS Petersburg telegraphiert wird, will er sich als berufsmäßiger Schachspieler Brot und Ruhm verdienen. Das ist bekanntlich kein schlechtes Gewerbe, wenn einer ein Schach­brett im Gehirn hat. Herr Iswolsky will aber den Schachhelden Laskeck, Tat».esch, Rubinstein keinen unlauteren Wettbewerb bereiten, sondern vielmehr die Weltmeisterschaft in der Nied er- la je cmstreben, d. h. er will auf sein eigenes Matt spielen und mit seinen Gegnern wetten, daß sie auch bei den größten Dummheiten ihn be­siegen müffen, weil er immer noch größere Dumm- beiten gu machen versteht. Wir wünschen Herrn Iswolsky für diese neue Laufbahn ebenso viel Glück, wie er bisher gehabt hat, und raten wir ihm nur, sich vor einer Reise nach Belgrad zu hüten.

Zugleich müssen wir mit aller Entschiedenheit Einspruch erheben gegen die böswillige Behaup­tung, daß Herr Iswolsky eine Einladung nach Berlin erhalten habe, um hier seine gewaltigen diplomatischen Fähigkeiten in den Dienst des Blocks 31t stellen. Das ist ein schlechter April- scherz, den hämische Btockgegner (wahrscheinlich schwarze!) 'm Schweiße ihres Angesichts ausge- heckt haben. Der Block ist doch, — man mag sa­gen, was man will — ein menschliches Gebilde und verdient nrenschliche Behandlung: darum wllie mau nicht so gvausant sein, ihm den Be­darf nach einem rusiischen Totengräber nachzusa- gen. Ter Block hat wohl mal Hustenanfälle, die ja überhaupt in dieser Jahreszeit an der Tages­ordnung sind; es war schon eine große Roheit, als ein Reichstagsabgeordneter angesichts eines solchen Hustenswßes sagte: Er röchelt noch! War- ter nur, ihr hämischen Erbschleicher: der Block wird lange röcheln, er wird euch hoffentlich noch nächstes Jabr mit seinem Dauerröcheln in den April schicken. Paßt auf, ihr Blockgegner, ehe ihr den Block beerbt, wird euch der Block eine Erb- schaftssteuer für Witwen und Waisen bescheren, daß euch die Augen überaehen. Aber abaelehen

davon, solltet ihr Respekt haben vor dem Röcheln des Blocks, da es ein „nationales" Röcheln ist. Darum wird die Blockdiplomatie, die allerdings ein schweres Stück Arbeit ist, nur von „nationa­len" Kräften betrieben. Also müssen die Block- Herren auf die Hilfe des bewährten Herrn Is­wolsky bei unserer innerpolitischen Schachspiele­rei zu ihrem Bedauern verzichten. Wir sind sel­ber Mannes genug, um unsere häusliche Verwir­rung auf der Höhe der Zeit zu halten.

Dagegen läßt sich nichts sagen, und da ich in dieser Zeit des Friedens auch gern den Versöhn- liehen spielen möchte, so erlaube ich mir den Vor­schlag zur Güte, ein für allemal den 1. April jedes Jahres als den deutschen Blockfeiectag zu begehen. Offenbar ein sehr passender Termin. Man könne ja auch an den 1. Mai denken: aber der ist schon doppelt besetzt. Einesteil begeht dann die Sozialdemokratie ihren schwindsüchtigen „Weltfeiertag", andererseits gilt der 1. Mai von alters her als Ausflugstag der Hexen nach dem Blocksberge im Harze. ES gibt da einen störenden Gleichklang in den Namen. Obwohl jedermann weiß, daß der besagte Blocksberg int Harz viel breiter und fester dasteht, als das blasse Blockge­bilde im Reichstag zu Berlin, und obwohl die Langsamkeit, mit der unser Berliner Block ar­beitet, nicht das mindeste von Hexerei an sich hat. so könnten doch unliebsame Verwechselungen Vor­kommen. Also empfiehlt es sich, das neudeutsche Tlvcksfest nicht am 1. Mai, sondern am 1. April zu feiern. An diesem altehrwürdigen Tage wird die Nation auch am besten den Blockspaß bet- stehen. Da werden sich alle einhellig freuen; so­wohl diejenigen, die in den Block geschickt sind, als auch diejenigen, die behaglich draußen stehen und sich das Zappeln und Zerren, das Hängen und Würgen in unverantwortlicher Teilnahme ansehen. Ist nicht gerade der 1. April der rich­tige Tag. um das Mückenfett zu entdecken, womit der Block seine rissige Haut einreiben kann, und die Gr illenmilch der frommen Denkart, die den Blockbrüdern not tut, und den Duka­ten s a nt e n, welcher die Rejchskasse wieder voll machen könnte l

Im Reichstage wurde neulich unterschieden zwischen der geraden und der krummen Politik. Wenn ich die Sache recht verstanden habe, so soll die krumme Staatskunst von hinten herum dem Gegner zu schaden suchen und sich an der Schadenfreude ergötzen. Das Ideal der krum­men Politik scheint mir darin zu bestehen, daß man andere vorschiebt, um den gewünschten Strauß auszufechten, und selber im gesicherten Hinterhalt bleibt. Von dieser krummen Klugheit haben wir ja soeben reichliche Proben genosiew Rußland hätte es ganz gern gesehen, wenn Ser­bien borgegangen wäre, um Oesterreich zur Ader zu lassen, und England hätte es ganz gern ge­sehen, wenn Rußland und Frankreich vorgegangen wären, um einen allgemeinen Aderlaß auf dem ganzen Festlande herbeizuführen. Aber England wollte selbst den profifterenden Zuschauer spielen, und Rußland erklärte schließlich seine Finger für zu schwach zum Herausholen der Kastanien. Da die Schadenfreude nicht ohne eigenes Risiko zu er­reichen war, mußte matt die Trauben für sauer erklären. Ob in der inneren Staatskünstelei nicht auch manchmal krumme Wege gegangen und an- gebliche gute Freunde als Kanonenfutter vorge­schoben werden, wollen wir an diesem leichtsinni­gen Tage nicht tiefer erörtern. Mer ich glaube, es gibt doch noch neben der geraden und bet krummen Politik eine dritte Sorte. Nennen mir sie die Z i ck z a ck p o l i t i k, die sich in überra­schenden Wendungen von rechts nach links und von links nach rechts bewegt, manchmal auch rück­wärts statt vorwärts, und in diesem teuren Hin und Her viel Kraft und viel Zeit verbraucht, ohne rechtschaffen vorwärts zu kommen. Ein geschafti- ges Regen und doch kein Segen! Viel Krampf unb Kampf und Gestampf, und das Ergebnis löst sich in Dampf. Viel Geschrei und keine Wolle. Viel Geklapper und kein Mehl.

Wen's juckt, der kratze sich. Ist es auch eine krumme Politik der Schadenfreude, wenn man am 1. April sich krumm lacht über die Dummheiten dieser Welt? Schließlich ist ja die ganze Mensch- beit nur eine Sammlung von Aprilgecken, die sich aeaenfeitia zum besten halten.