MaerW Zeitung
oerant«. Redaktemr «ar! Schütter
Erscheint täglich mit Ausnahme der So.m- undFeiettageviettel» jähtliche'! Bezugspreis ohne vringerlshn und Bestellgeld in Zulda sowie auswärts s.SV Mt.
moitatsbeiiagc: „Fuldaer GeschichtrblStter"
fflt die Anzeigen!
Z.Parzeller in Fulda. wschenb-i-aze: „Illustrierte Zonntagszeitung"
Anzeigen: Vie ei«, fpaltige Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg. Reilamendlepetitzeike 25 pfg., bei Wiederholungen wird entspr.
Rabatt gewährt.
Rotationsdruckund verlagder Fuldaer Al- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.
JV$ 75,
Fulda, Freitag den 2. April 1909.
36. Jahrgang.
Zweites Mtcltt.
X Die serbische Krisis scheint endgiltig erledigt zu sein. Serbien hat alle seine Ansprüche sollen lassen. Damit ist der Friede gesichert.
Am 30. März hatte nach den Plänen des Wiener Generalstabs Oesterreich-Ungarn seinen Truppenaufmarsch an der serbischen Grenze bis <iu: den letzten Mann beendet gehabt. Am 25. März erklärte der russische Minister Iswolsky sich bereit, die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich-Ungarn vorbehaltlos anzuerkennen. Am Nachmittag des 27. März übergab der Wiener englische Gesandte dem Frei- Herrn v. Aehrenthal die englische Note, worin endlich auch den Forderungen Genüge getan war, von deren Erfüllung das Wiener Auswärtige Am:: die friedliche Beilegung des österreichisch-serbischen, Konfliktes abhängig machte. Darauf erfolgte in Belgrad auf Grund jener österreichischen Forderungen der gemeinsame Schritt der Mächte, durch den Serbien veranlaßt wurde, sich dem von Aehrenthal diktierten Spruche Europas zu fügen. Und Serbien fügte sich. Am Mittwoch überreichte in Serbien der serbische Gesandte dem Freiherrn v. Aehrenthal die serbische Ber- Kichtleistung.
ES war ein zähes diplomatisches Ringen, und mehr als einmal sah es aus, als ob Oesterreich sich die Anerkennung feines durch Serbien bedrohten Eigentums auf dem Schlachtfelde werde holen müssen. Im Hintergründe spukte die Kriegsgefahr für ganz Europa.
Das alles ist nun glücklich überwunden. Wir können wieder Friedenszuversicht hegen und Oesterreich-Ungarn hat alles erreicht, was es erreichen wollte. Es erfreut sich fortan des unbestrittenen Besitzes seiner beiden neuen Provinzen, und es hat Serbien in die Schranken zurückgewiesen, aus denen dieses zum Schaden der Nachbarmonarchie herauszutreten sich unterfing. Das ist jedoch nur die materielle Seite des schweren Streites, der Europa sechs Monate lang in Atem sielt. Daneben läuft der sehr bedeutende moralische Erfolg, auf den Oesterlreich-Ungarn und mit ihm der „mitteleuropäische Block", wie man die Verbündeten Reiche Deutschland und Oesterreich-Ungarn getauft hat, Hinweisen kann.
Daß Serbien bezwungen wurde, mag moralisch allerdings weniger ins Gewicht fallen. Aber 'tote es immer Leute gibt, die sich der Teilnahme nicht enthalten können, wenn sie sehen, wie ein Geschöpf der Wildnis vergebens an dem Gitter seines Käfigs rüttelt, so gab es diplomatische Kreise, die eS dem österreichischen Wärter wehren wollten, daß er pflichtgemäß zur Abwehr und Sicherung schritt. Zwei Stäbe hatte Serbien schon bedenklich angenagt: den nach Makedonien und den nach Bosnien hin. Nach beiden Seiten wurde ihm zu gleicher Zeit der Ausgang verlegt. Auf das fürchterlche Gebrüll, das es darauf erhob, kamen von allen Seiten die Leute herbei, um vom österreichischen Nachbar, den allein das Unheil betroffen hätte, zu verlangen, daß er Serbien in Freiheit lasse. Nun war zuerst die gefährliche Auseinandersetzung mit den Beschützern Serbiens zu erledigen. Oesterreich-Ungarn besann zu rüsten, und es rüstete immer weiter, ie mehr sich zeigte, daß die Dazwischentretenden »en Fall zu verwickeln trachteten, weil sie den Oesterreichern einen Erfolg mißgönnten. Aber an die Seite Oesterreichs hatte sich sofort das Deutsche Reich gestellt, und es tat dies mit einer Unzweideutigkeit und Entschlossenheit, daß Angriffslust und Widerstandskraft der anderen nach und nach erlahmten. Der „mitteleuropäische
Block" hat seine überragende Kraft so offenkundig dargetan, daß man wohl für lange Zeit sich hüten wird, wieder mit ihm anzubinden.
Dieser Block besteht aus der zerfallenden" habsburgischen Monarchie und dem „eingekreisten" Deutschland. Der Sieg, den er errungen hat, ist um so ehrenvoller, als efln der Tat schwer erkämpft wurde. Dieser Sieg bedeutet aber den Frieden. Nur dadurch, daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn in Treue und Offenheit Hani in Hand gingen, konnte das Aeußerste verhüte wenden. Auch wenn überhaupt kein Bündnis zwischen den beiden Mächten bestände, wäre die Politik, die von Deutschland eingehalten wurde, notwendig und deshalb richtig gewesen. Sie bai: zum Erfolg geführt und hat den Frieden gewahrt.
Ein freundliches Wort gebührt hier auch den Italienern. Italien hat sich in der ganzen Krise korrekt und ehrlich benommen. Mehr als das hat niemand von Italien verlangt. Dadurch, daß es diesmal eine besonnene Politik befolgte, hat es sich von vielen Schlacken befreit, die ihm von früherer Zeit her anhafteten. Es hat durch Ehrlichkeit seine internationale Stellung gefestigt und damit sich selber genützt.
In Frankreich und namentlich in England g r o l l t e s in der Presse. Jst's doch wirklich unerhört, daß Oesterreich-Ungarn und Deutschland zusammen ihren Willen durch gesetzt und wie es in der englischen Presse heißt, den „größten diplomatischen Triumph der letzten Jahrzehnte" errungen haben. Diese Pille verbittert die Genugtuung über die Erhaltung des Friedens. Ein von der Triple-Entente England, Frankreich und Rußland, dem Deutschen Reiche und der Habsburgischen Monarchie diktierter Friede — ja, der wäre willkommen gewesen', abgr ein von den beiden Verbündeten Mächten Oesterreich und Deutschland diktierter Friede wird draußen peinlich empfunden. Erfreulicherweise ist man hierzulande und auch in OesterreichUngarn in der Lage, sich darüber zu trösten.
Deutsches Reich.
)( Das Bankgesetz liegt nunmehr dem Reichstage in der von der Kommission endgültig beschlossenen Form vor. Die Kommission führte soeben die Beratungen darüber zu Ende. Der bekannte Vorstoß der Konservativen zugunsten der Silberwährung, bestehend in einem Anträge, wonach die Einlösung der Banknoten durch die Reichsbank auch in Silber zulässig sein solle, wurde, wie seinerzeit schon in Aussicht gestellt, gegen die Stimmen der Konservativen mtd der Wirtschaftlichen Vereinigung abgelehnt.. Man beschäftigte sich an der Hand von Resolutionen der Konservativen und des Zentrums dann weiter mit der Veröffentlichung der Bilanzen der Banken und über die Schaffung eines Aufsichtsamtes für das gesamte Bankwesen. Es wurden Gesetzentwürfe darüber verlangt. Die Resolutionen wurden schließlich nach längerer Aussprache zurück- gezogen.
* Bon der Steuermogelei der ostelbischen Großgrundbesitzer kommen immer mehr interessante Beispiele an da- Tageslicht. So werden den „Posener Neuest. Nachr." folgende zwei Fälle mitgeteilt:
1. Vor mehreren Jahren erregte ein Fall im Süden unserer Provinz allgemeine- Aufsehen, wo ein als ehr reich bekannter Besitzer zweier Rittergüter — der inzwischen seine Kinder mit Rittergütern begv. mit ganz erheblichem Barvermögen ausgestattet hat — zur Einkommensteuer mit 30 oder 40 Mark
jährlich verlangt worden war. Die Veranlagungs- Kommission hatte also auf Grund der Selbsteinschätzung des betreffenden Herrn ruhig angenommen, daß dieser Gutsbesitzer nur ein jährliches Reineinkommen von 1800 bis 2100 Mark hatte! — 2. Etwa um dieselbe Zeit ist im Norden unserer Provinz der Fall vorgekommen, daß der Gerichtsschreiber eines Amtsgerichts, obwohl er kein Privatvermögen besaß, zu einem höheren Satze der Einkommensteuer veranlagt worden war, als ein sehr gut situierter kinoerloter Gutsbesitzer, dessen Gut mehr als 1000 Morgen groß war und der alljährlich mit seiner Gattin eme größere Vergnügungsreise machte. Als man hierüber an maßgebender Stelle seine Verwunderung au drückte, erhielt man die Antwort: „Ja, nm, en Sie, die Gerichtsschreiber leben wirklich billiger, angenehmer und sorgenfreier als unsere Gutsbesitzer, die sich plagen müssen, um sich über Wasser za halten."
♦ Bayern und die Blockkrisis. Die bayerische Zentrums-Parl.-Korr. schreibt: Die Erörterungen über den „Zerfall" des konservativ-liberalen Blocksim Reichstag werden von der Zentrums- presse in Preußen mit wahrhaft klassischer Ruhe behandelt. Das entspricht auch der Stimmung, wie sie in den Ze n t r u m s k r e i s en B a y e r ns herrscht. Ob der Reichskanzler Fürst Bülow geht oder bleibt, ob der konservativ-liberale Block zerbricht oder fortbesteht, für die große, starke, einige und geschlossene Zentrumspartei entstehen daraus n i ch t die gering ft en Rücksicht en. Sie hat nichts weiter zu tun als Politk zu treiben. Was heißt das im jetzigen Augenblick? Sachlich Stellung nehmen zu den einzelnen Steuervorlagen, unbekümmert, wie sich die Blockparteien dazu im ganzen oder in ihren Teilen Verhalten. Der Abg. Dr. Pichler hat das Referat über die Elektrizitätssteuer gehabt, die gerade für Bayern die allerbedenklichsten Seiten hat. Sie ist hin und kehrt nicht wieder. Das war sachlche Arbeit unseres Landsmanns. Der Zentrumsabgeordnete Speck hat wesentlch mitgewirkt zum Zustandekommen einer Branntweinsteuervorlage unter Ausscheidung des Monopols und unter Wahrung des bayerischen Reservatrechts und der garantierten Kontingentsspannung von 20 M. Das war sachliche Arbeit unseres Landsmanns. Block hin, Block her! Sachliche Politik ohne taktische Rück- sicht auf die Blockpolitik, das muß die Rüstung des Zentrums für die nächsten Wahlen sein.
Aus dem Nachbargebiete.
* Aus dem Kreise Hünfeld, 1. April 1909. Eine Folge der leider häufig wiederkehrenden Unfälle durch Schiußwaffen ist eine Be- kanntmachuug des hiesigen Landratsamtes, die Beachtung verdient. In ortsüblicher Weise sollen die Kreiseingesesseueu darauf aufmerksam ge- macht werden, daß nach einer Bekanntmachung des Kurfürstlichen Staatsministeriums vom 1. Juni 1822 das Führen von Waffen — Teschings, Terzerols, Revolver usw. — außerhalb 'es Hauses nur denen gestatte ist, die einen Wasen- bezw. Jagdschein besitzen. Diejenigen, die eme Waffe ohne behördlichen Erlaubnisschein ühren, sollen die Erlaubnis innerhalb einer Woche nachholen. Zuwiderhandlungen sind mit Polizeistrafe und Eiitziehung der Waffe bedroht.
* Alsfeld, 31. März 1909. Ein Iagdstück- ch e n wird aus einem Orte in der Nähe von Alsfeld berichtet. Die Gattin eines Nimrods er- koste sich über dessen Jagdleidenschaft so, daß sie bei der etwas verspäteten Heimkehr des Mannes, nachdem sie ihm zuerst eine gehörige Gardinen- predigt gehalten, schließlich in Heller Wut die Jagdtasche ergriff und in den geheizten Ofen leckte. Bald batauf knallte aber Schuß auf Schuß, und binnen wenigen Augenblicken war der Ofen infolge der Explosion von zwölf Patronen ein Trümmerhaufen: Rauch und Kohlengase, sowie
Pulverdampf erfüllten die Luft, ohne daß die geängstigte Frau ungeschehen machen konnte, sie in ihrer blinden Wut selbst heraufbeschworen tnitte. Mit Seelenruhe schaute der Gemahl diesem Vorhang zu, und als das Doppelgewitter ausgetobt hatte, griff er nochmals zu seiner Jagdmütze und trollte von dannen, seiner verblüfft dastehenden Frau zurufend: „So, nun geh ich grab noch einmal zu meinen Jagdgenossen." — Und wenige Augenblicke später saß er wieder an der kaum verlassenen Tafelrunde beim „Linden-Schorschl", wo er das Stücklein brühwarm zum Besten gab.
* Naumburg, 31. März 1909. In der letzten Stadtverordneteckfitzung wurde zur Füllung des Stadtsäckels u. a. auch die Einführung einer — Katzen st euer in Anregung gebracht, zu deren Begründung angegeben wurde, daß fast kein Vogelnest mehr zu sehen sei.
* Göttingen, 1. April 1909. Eine wichtige Neuerung auf dem Gebiete der Pflege von Geisteskranken. Das Verwahrungshaus für geisteskranke Verbrecher wird heute dem Betrieb übergeben. 'Das Verwahrungshaus, das isoliert von ben übrigen zur Heil- und Pflegei- anstalt gehörigen Gebäuden errichtet wurde, macht nach außen hin einen bittenartigen Eindruck, ist aber im Innern — nach Art der Gefängnisse — außerordentlich stark befestigt.
* Eisenach, 31. März 1909. Die Schritte, bi«! Oberbürgermeister Schmieder unternommen halte, um die Zuweisung von Kriegsmaterial-Aufträgen an die Fahrzeugfabrik in Eisenach zu erreichen, sind von Erfolg gewesen. Damit wird es der Fabrik möglich gemacht, die zahlreich entlassenen Arbeiter, meist Familienväter, wieder zu beschäftigen.
vermischtes.
* Fast drei Millionen in drei Monaten sollett Besitzer eines Dresdener Hauses verdient haben, das in diesem Zeitraum in den Händen von vier Besitzern war. Der erste verkaufte es für 970 000 Mark, der zweite für 2 Millionen M, der dritte an den jetzigen Besitzer für 3 785 000 <X
* Die Londoner Frauenrechtlerinnen haben wieder einmal vor dem Parlamentsgebäude eine ihrer unwürdigen Skandalszenen aufgeführt. Ein Auszug von dreißig „Susfragettes" marschierte mit fliegender Standarte am Dienstag nach dem Parlament. Die Polizei zerstreute den Auszug, doch gelangten die Demonstrantinnen in einzelnen Gruppen vor das Parlamentsgebäude. Die Frauen stürzten sich auf die dort postierten Polizisten und es entspann sich ein w ü st e s Ha n d- g e m e n g e. Die Susfragettes bearbeiteten die Polizisten mit Regenschirmen, ohrfeigten und kratzten sie und wurden schließlich schreiend zur Polizeiwache geschleppt. Neun Frauen und ein Mann wurden verhaftet. Während des Kampfes prangen Susfragettes in das vor dem Haupt- wrtal haltende Automobil Lord Cromers und übten dem im Torwege harrenden Lord vor der Nase damit davon.
"Die „Schwarze Liste" vor Gericht. Bor bet Zivilkammer des Landgerichts Essen stand eine Klage von elf Bergleuten gegen bett Zachenverband an. Die Kläger sind von bem Zechenverbande auf sechs Monate ausgesperrt und in die im Reichstage und Abgeordnetenhause wiederholt besprochene „Schwarze Liste" eingetragen worden und waren infolgedessen teil- längere, teils kürzere Zeit arbeitslos. Sie verlangen deshalb auf Grund des § 826 des B. G.-B, einen Schadenersatz vor zusammen etwa 7—8000 Mark. Um dem Vertreter des Zechenverbanbes zur Beantwortung der Klagedarstellung Zeit zu affen, wurde Vertagung beschlossen.
Mann über Bord.
Nach der Erzählung eines Kapitäns.
In bem behaglichen Rauchzimmer eines der eleganten Schnelldampfer, welche der Norddeutsche vloyb m Bremen nach allen Weltgegenden aus- Kickt, saßen wir eines Abends bei einer Punsch- wle zusammen und machten uns die Zeit so kurz wie nur möglich. — Es war auf der Fahrt von Buenos-Aires nach Bremen und ein jeder freute sich, in wenigen Tagen die alle Heimat wieder zu sehen. — Draußen wehte eine steife, eisige November-Brise, welche die Passagiere bis aus einen kleinen seefesten Rest die Leiden der Seekrankheit am Ende der Reife noch einmal tüchtig durchkosten lieh. Wir fünf aber, alle schon vielgereiste Leute, hielten die Ohren steif und tranken noch steiferen Grog dazu. Jeder von uns hatte einige Erzählungen zum Besten gegeben; soeben wurde die Pointe einer Mikosch-Anekdote mit homerischem Gelächter begrüßt, als die Tür sich auftat und unser prächtiger alter Kapitän lereintrat. „Hurrah. Kapitän, wo geiht? Ste- tvarb, noch ein Glas für Herrn Kapitän."
Kapitän 3E„ ein ausgezeichneter Seemann, noch einer von bet guten alten Schule, nahm in unserer Mitte Platz, wischte sich mit seinem rotfeibenen Taschentuche das Schneewasser von der Uniform und zündete sich mit einem höflichen „bie Herren erlauben doch" eine kurze Pfeife an. „Steife Brise daS. Mich wundert man bloß, daß Sie Hörens nicht seekrank sind. Ja, Sie ksin- Be« wohl lacken, hier ist's gemütlich: aber draußen auf der Brücke — wir können man mit Mühe tutf unfern Füßen stehen. Dscha, Dscha, is nix zu spaßen meine Herren, wir hätten beinahe eben einen Mann verloren: eine Welle kam über Bord etnb das Schiff holte über, — er hat sich man eben an die Reelinge festgehalten, sonst —"
„Ist denn ein Mann verloren, wenn er über Bord psht, Herr Kapitän!"
„Hier auf ben großen Dampfern, ja, wenn Dir auch gleich stoppen, da» Schiss bleibt boch
zehn Minuten in Fahrt und bis wir das Boot runter haben und wieder auf der Stelle find, da ist et schon weg. Ich bin auch mal Über Bord gewesen."
„Was, das müssen Sie erzählen, Kapitän."
„Dscha, daS iz schon lange her. Das iz nun wohl schon an die 25 Jahre, da war ich noch Vollmatrose aus einem dar wätjenschsn Schiffen „Christine", hieß das Schiff, segelte gut. Wir kamen mit Zucker von Portoriko. hatten bis dahin ganz schöne Reise gemacht, da kamen wir in eine von diesen Windstillen zwischen ben Wendekreisen Schon acht Tage hatten wir so gelegen, am neunten kam so 'ne Hand voll Wind, daß wir so einen anderthalb Knoten machen konnten. Na, die Beit wurde dann nmh besten Kräften ausgenutzt das Schiff überholt, gestrichen usw. Ich mußte 'dann auch mit dran an das Streichen. Eines schönen Nachmittags saß ich hinten am Heck und malte all, waS ich malen konnte, ich wurde so müde in meiner Schlinge dicht über dem Wasser zu sitzen mehr großer Farbentopf wollte auch gar nicht leer werden. Da fiel mein Blick auf die offenftelwnh» Luke der Probiatkammer mit ihrem Reichtums an Schinken, Wursten, Kognak- und Weinflaschen Donnerwetter, denk' ich, toie kommst du da rein? ^ch pinselte denn da auch so 'nen bischen nach der Luke zu hm, mache meinen Farbentopf fest und verschwinde im Proviantzimmer.
Ich habe da noch gar nicht lange gesessen und man erst wn ganz klein End Wurst verputzt da höre ich mit einem Male oben schreien- Mann über Bord!" Ich will schon aui meiner Luke rauS, da hör ich noch zur reckten Zeit, daß ich der Mann über Bord selbst bin. 9 ’ oer
Der Alte hat da mal herunter gesehen wie weit ich bin und da ist denn noch mein Farben- topf, aber ich bin er nicht mehr. Na, die Christine", bie wird ja auch beigedrcht, Boote ausge- setzt. Jungen ht den Mast, aber kein Matrose in Sicht.
Da» Boot kommt zurück und meldet: »Nichts gefunden!" Ich höre, wie die oben sich noch un-
I terhalten, wie das nur gekommen sei. Dscha, sagt i der Alte, der ist aus der Schlinge gefallen, hat sich gewiß den Kopf auf das Ruder geschlagen, und da ist er gleich weg gewesen. Schade b’rum, war ein ganz fixer Beugel, dumme Streiche im Kopfe, aber ich mochte ihn wohl leiden. Na, denn wollen wir man Schicht machen, liebe Leute. — Ach, Herr Kapitän, bat smeckt uns hüte doch nicht.
Bald war oben alles wieder still, das Schiff lag wieder vor'n Wind und segelte langsam der Stelle zu, wo man mein Fehlen zuerst bemerkt hatte. Ich steckte jetzt schnell in jeden Stiefel eine Flasche .Kognak, klettere zu meiner Farbenpütze und steckte die beiden Flaschen in die Farben. Dann lasse ich mich an meiner Leine, bie ich an einem Ende losknote, langsam bis über den Was- serspiegel gleiten, lasse die Schlinge los, schwimme ein paar Züge neben dem Schiffe her und fange dann an, ganz mörderisch zu schreien. Sofort läuft alles wieder nach oben rein in die Boote und in zehn Minuten hatten sie mich glücklich rausgeholt. Ich tat denn auch ganz ab, konnte erst gar ni$ mehr sagen, bis mir der Alte ein paar Glas von seinem heften, Genever eingegossen hatte. Wie ich denn wieder zu mir kam, ging ja denn auch da? Fragen an.
Ich erzählte dem Alten frisch weg, die Schlinge sei losgegangen und ich herabgestürzt. Ich hätte gefdjrieen, aber niemand habe mich gehört, da die Leute alle vorne gelvcfen feien. Dann habe ich gefeben, wie das Schiff beigedreht habe, das Boot ausgesetzt sei, wäre aber schon zu schwach gewesen, um noch zu rufen. Dann sei die „Christine" wieder gerade auf mich zugesegelt und ich habe neue Hoffnungen bekommen. Wie das Schiff mir ganz nahe war, hätte ich wieder geschrieen und da bin ich Junge, Junge, sagte der Alte, kannst Du schwinunen, zwei und eine halbe Stunde im Was- fer, komm, nimm noch en Schluck. Das müssen wir ins Journal einkagen, wortgetreu, und ich mußte meinen Namen dabei setzen. Als es dun- kel getoorben war, holte ich meinen Farbtops und brachte die zwei Flaschen Kognac in Sicherheit.
In der nächsten Zeit wurde ich denn auch al- etwas schivach behandelt und ich durfte nur leichtere Arbeit tun. Ja, meine Herren, jetzt muß ich aber wieder auf die Brücke."
— Amerikanische Kinderräuber. Die Kinder sind in Amerika Gegenstände allseitigen „Verzugs": sie werden in unglaublichster Weise bet- hätschelt. Um so furchtbarer sst jetzt bie Erregung, die sich über die zunehmenden Entführungen und anschließenden Erpressungen kundgibt. In Sharon (Ohii) wurde der zehnjährige William Whik von zwei Männern unter dem Vorwande, daß sie ihn zum Vater bringen sollten, aus der Schule geholt. Das Kind folgte ihnen willig und war von dem Augenblick an verschwunden. Jetzt traten die Finanzagenten der Entführer in Aktion, die sich mit dem geängstigten Vater auf Grund der von diesem für bie Wiederherbeischaffung des Kindes ausgesetzten hohen Belohnung in Verbindung setzten. Die Bemühungen der Polizei, den Verbrechern auf die Spur zu kommen, blieben eben so ergebnislos wie die Stteifzüge der aufgebotenen Kavalleriepatrouillen, die die Gegend nach allen Richtungen hin ab{ud>ten. Nach langen Verhandlungen zwischen dem Dator und den Agenten der Entführer, erklärte sich endlich eine die Vermitt- lerrolle spielende Frau bereit, ben Knaben gegen Zahlung einer Summe von 40 000 M und Zu- juberung völliger Straflosigkeit für alle an bem Raub Beteiligten wieder ins Elternhaus zurück- zubnngen. Das geschah auch, nachdem der Da- ter das volle Lösegeld erlegt hatte. — Der für bie m Amerika grassierende EutsührungSmanie kennzeichnende Fall hat in der öffentlichen Meinung so tiefgehende Erregung wachgerufen, daß im Senat von Pennsylvanien bereits ein Gesetz ein- gebrodjt wurde, das für die des Verbrechens bet Entführung Ueberführten die Todesstrafe und für ihre Helfershelfer lebenslängliche ZuchthauS- ftrafe festsetzt. -a.